Kajillionaire

MEINE RABENELTERN, IHRE TOCHTER UND ICH

8,5/10


kajillionaire© 2020 Universal Pictures International GmbH Germany

LAND: USA 2020

DREHBUCH & REGIE: MIRANDA JULY

CAST: EVAN RACHEL WOOD, DEBRA WINGER, RICHARD JENKINS, GINA RODRIGUEZ, MARK IVANIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Miranda July ist eine Allroundkünstlerin. Filmemachen ist da nur ein Teilbereich ihrer Tätigkeit. Zugegeben, bislang hatte ich noch kein einziges ihrer Werke gesichtet, obwohl ich natürlich wusste, dass die US-Multimediakünstlerin, die sich in ihren Filmen auch bislang immer selbst besetzt, ziemlich abgehobene, verschrobene Tagträumereien entworfen hat. Wäre längst einen Blick wert gewesen, wie ich finde. Nun – Kaijillionaire, ihre neueste und auch erstmals recht prominent besetzte Arbeit gilt hier endlich mal als Einstand – und ist, ohne zu übertreiben, eine Entdeckung. Und zwar deshalb, weil July so sehr gegen Konventionen und Schablonen inszeniert und kreiert, wie es normalerweise nur das asiatische Kino zuwege bringt.

Für ihre Außenseiterballade hat sie mit Evan Rachel Wood (u. a. Dreizehn, Westworld) wohl einen Volltreffer gelandet. Interessant und gleichsam verblüffend auch, nach langer Zeit und erst nach mehreren Blicken Debra Winger hinter der Fassade einer streunenden Tagediebin hinter wallender grauer Mähne zu entdecken. Gemeinsam mit Richard Jenkins sind die drei eine sagen wir mal obdachlose Familie, die sich in einem leerstehenden Büroraum neben einer Seifenfabrik eingenistet hat und dort so lange bleiben darf, solange sie den dort austretenden Schaum wegputzt. Eine irre Idee zum einen, surreale Bilder zum anderen, wenn die weißrosa Wolken den reizlosen Raum wie durch ein entrücktes Wunder scheinbar aufrüschen. Die Familie also, die wohnt hier, und schlägt sich tagtäglich mit Diebstählen herum – auf der Post, im Supermarkt, eigentlich überall. Tochter Old Dolio, benannt nach einem Obdachlosen, macht da mit, weil sie nichts anderes kennt. Sie kennt aber auch keine Kindheit, keine Zärtlichkeiten, keine liebevollen Worte und keine Identität. Old Dolio, die ist das Werkzeug ihrer Eltern, soziophob, gehemmt und depressiv. Ihren Eltern ist das egal, sie setzen auf Profit, das Töchterchen ist eben mit dabei. Bis bei einer Betrugsnummer am Flughafen die aufgeweckte Melanie, die ihnen zufällig über den Weg läuft, alles ändert. Zumindest fast alles für Old Dolio.

Ich habe selten einen Film über Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe gesehen, der gleichzeitig so sensibel, humorvoll und bezaubernd sein kann. Julys seltsame Figuren kaspern durch ein wirtschaftsorientiertes Amerika aus Industrie, Geld und Shoppingvergnügen und übersehen das Wesentliche. Eine liebevolle Kindheit ist in Zeiten wie diesen aus Ich-AG, Bequemlichkeit und Lebenstraum um jeden Preis nichts Selbstverständliches mehr – und war es auch nie. Wie sehr man als Elternschaft allerdings versagen kann, das hebt July geradezu auf ein neues Level. Die Konsequenz: eine zomboid vor sich hin trottende Evan Rachel Wood, mit Haarvorhang und Grunge-Klamotten. Ihr Weg zur eigenen Identität und zu einem Ja für Zärtlichkeit wird zur erfrischend anderen, urbanen Therapie zwischen sensorischer Integration und Erwachsenwerden. Wood flößt dabei ihrer psychologisch tiefgründigen Figur soviel Wahrhaftigkeit ein, als würde man die Schauspielerin erst neu entdecken. Diese Kunst der Tarnung eines Stars funktioniert ganz ohne Maske, die Performance ist dabei preisverdächtig, auch dank all den anderen recht hingebungsvollen Charakteren, die entweder nicht aus ihrer Haut können oder jemand anderen dazu motivieren, sich selbst zu motivieren. Vielleicht mit einem Tanz. Oder im Zeitraffer-Recap des eigenen Aufwachsens.

Die psychosozialen Parameter einer Familie scheuen sich nicht davor, in Kaijillionaire genau beobachtet zu werden – und die Motivation zur Veränderung wächst in dem, der sie am dringendsten nötig hat. Dieses Conclusio lässt sich in dieser konsistenten und enorm erfreulichen Filmkunst gerne entdecken.

Kajillionaire

Archive

ICH BAU‘ MIR MEINE FRAU ZURÜCK

4/10


archive© 2020 capelight pictures


LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, USA 2020

REGIE: GAVIN ROTHERY

CAST: THEO JAMES, STACY MARTIN, RHONA MITRA, TOBY JONES, PETER FERDINANDO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Okay, der Titel zu diesem Artikel klingt ja fast so, als hätten wir es hier mit einer Variation des Mythos von Doktor Frankenstein zu tun. Jein, dem ist nicht ganz so. Hier werden keine Leichen exhumiert und Körperteile aus der Anatomie entwendet. Hier baut sich ein Wissenschaftler tatsächlich seine Frau zurück. Wie das geht?

Wir schreiben das Jahr 2038. Der Tod ist für den Menschen nicht mehr das Ende aller Dinge. Es ist nun also möglich, sein Gedächtnis für eine geraume Zeit archivieren zu lassen – daher auch der Titel des Films. Irgendwann aber schließt sich auch dieses Zeitfenster und das Jenseits ruft. Bis dahin aber kann man als Verstorbener noch Dinge regeln, für die zu Lebzeiten keine Zeit mehr war. Abschiede fallen vielleicht leichter, der Übergang ins Ungewisse ist wie das Verklingen eines Orchesters. Robotiker George Almore (Theo James) hat allerdings das gewisse Know-How – zumindest denkt er das – um das noch vorhandene Bewusstsein seiner verstorbenen Frau in einen Androiden zu speisen. Und für die Ewigkeit zu konservieren.

Die Story vom High-Tech-Pygmalion erinnert ein bisschen an den Science-Fictioner Transcendence mit Johnny Depp, der, ebenfalls bereits Anfang des Films verblichen, seinen Geist in eine Maschine speist. Die Idee ist ganz originell variiert. Auch das Set-Design des Films von Gavin Rothery besticht durch klassische, bunkerähnliche Gangschluchten wie jene filmbekannter Raumschiffe und eine formschöne Setzkasten-Roboterfrau. Das Makeup kann sich sehen lassen. Die anderen Blechkameraden, die hier durch die Anlage watscheln, sind in Sachen Mimik etwas eingeschränkter, aber auch sie haben Gefühle. In diese tragische Liebesgeschichte zwischen Kabeln und Transformator fingern allerdings relativ zusammenhanglose halbgare Storylines aus dem dystopischen Umfeld mit hinein, die hochtrabend sein wollen, aber die mit onhaltlicher Relevanz eher geizen als den Plot voranzutreiben. Und dann – ja, dann weiß Rotherys Script nicht weiter. Was macht er? Er lässt sich von Filmemachern inspirieren, die das Geheimniss rund um punktgenau gesetzte Storytwists wirklich beherrschen – und knallt auch hier, bei seiner melancholischen Robotermär, die das Zeug hätte zum philosophischen Diskurs über Persönlichkeit und Künstlichkeit, eine zu sehr gewollte Kehrtwende ans Ende, die den ganzen vorangegangenen, betulich errichteten Storykomplex zum Einsturz bringt. Ein Film also nicht zur Gänze für den Elektroschrott, denn auch hier ließen sich noch einige Elemente recyceln. Es ließe sich vielleicht auch nochmal darüber nachdenken, wie die ganze Geschichte denn noch hätte enden können. Denn so wenig plausibel, wie sich Archive schließlich präsentiert, muss Science-Fiction mit Köpfchen wirklich nicht sein.

Archive

The Climb

ICH HEIRATE MEINEN BUDDY

7/10


theclimb© 2020 Prokino

LAND: USA 2019

BUCH & REGIE: MICHAEL ANGELO COVINO

CAST: MICHAEL ANGELO COVINO, KYLE MARVIN, GAYLE RANKIN, TALIA BALSAM, GEORGE WENDT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Wie viele echte Freunde hat man wirklich? Oder sind das doch nur Bekannte, Gelegenheitsbegleitungen oder nur gute Nachbarn? Kennt man sich zufällig nur über Dritte? Eine Freundschaft, die ist dann als solche zu bezeichnen, wenn sie vieles aushalten kann. Auch die schlimmsten Gemeinheiten. Eine Freundschaft, die ist fast nichts zufälliges mehr, sondern trägt eine gewisse Bestimmung in sich. Diese Bestimmung hält dann fürs Leben, auch wenn die Beziehung längst keine gesunde mehr ist oder über weite Strecken in einer winterschlafähnlichen Inaktivität vor sich hin dämmert. Peter Cornelius hat sie als unbequeme Freunde bezeichnet, mit denen man alles (nur nicht die Freundin) teilen, die einem alles sagen und denen man alles verzeihen kann. Quantität ist hierbei nicht Qualität und umgekehrt. Hat man solche Freunde, braucht man keine Feinde mehr. Denn kein Feind traut sich an so ein Buddy-Team heran.

Mike und Kyle sind solche Freunde. Und eines schönen sportbegeisterten Tages, als beide irgendwo in den französischen Bergen vor sich hin radeln, gesteht der eine dem anderen, mit seiner Verlobten im Bett gewesen zu sein. Kennt man aus vielen anderen romantischen Filmen. Aber das war’s dann schon mit der Gemeinsamkeit zum zweisamkeitstauglichen Mainstreamkino. In The Climb ist diese völlig deplatzierte Beichte Grundstein für das Psychogramm einer Beziehung zwischen zwei Männern, die ohneeinander nicht können, obwohl sie das vielleicht wollen würden. Dieses Dilemma zieht sich dann auch über mehrere Stationen ihres Lebens. Mike spannt also Kyle die Gattin aus, Jahre später stirbt diese an einer nicht näher definierten Krankheit, dann lädt Mikes Familie den seit Kindheitstagen bekannten Kyle an Weihnachten zur Party ein und so weiter und so fort. Kyle verschwindet einfach nicht aus Mikes Leben. Ja, wie schon gesagt: es ist wie vorherbestimmt.

Michael Angelo Covino, der diesen Film auch geschrieben, inszeniert, produziert und sich selbst als Mike besetzt hat, und Kyle Marvin, der mehr oder weniger ebenfalls sich selbst spielt – die beiden sind im wahren Leben tatsächlich Freunde, ungefähr so wie Matt Damon und Ben Affleck. Beide haben das Drehbuch verfasst, beide schenken sich in den versponnenen Dialogszenen und skurrilen Begebenheiten eigentlich nichts – außer ihre Bereitschaft, dem anderen in sein Leben zu pfuschen. Unwillkommen ist das Ganze nicht. Während alles andere im Leben der beiden anscheinend vergänglich ist, bleibt eines konstant: diese verdammte Freundschaftsdynamik.

The Climb ist Independentkino mit Etikette und Understatement. Entrückte Gesangs- und Akrobatikeinlagen dienen als Intermezzi zwischen den Anekdoten aus dem Buddy-Leben, die wiederum sehr unaufgeregt und fast beiläufig inszeniert sind und die ihre Qualität aus der Kunst des Weglassens nähren. Covinos menschelnde Miniaturen sind wie lose Seiten eines filmischen Tagebuchs, die Offensichtliches nicht mehrfach erklären müssen. Man sieht, die beiden Mannsbilder haben so ihren Spaß dabei, sich selbst und das Mysterium männlicher, heterosexueller Zweisamkeit wohlwollend aufs Korn zu nehmen. Wenn alle Stricke reißen, so scheint es, heirate ich eben meinen Buddy – könnte man meinen. Ach ja, und der eigene Sohnemann wird dann auch noch zur Konstanten.

The Climb

The Midnight Sky

DIE ERDE ALS ERINNERUNG

6,5/10


midnightsky© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE CLOONEY

CAST: GEORGE CLOONEY, FELICITY JONES, CAOILINN SPRINGALL, DAVID OYELOWO, KYLE CHANDLER, TIFFANY BOONE, DEMIAN BICHIR U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Seit seiner Gesellschaftssatire Suburbicon hat man lange, wirklich lange nichts mehr von George Clooney gehört. Viel eher als sein neuestes Werk verbreitete sich im Vorfeld die Hiobsbotschaft ob seiner Gesundheit, da er für seinen Streifen The Midnight Sky einfach zu viele Kilos auf einmal verlor. Wäre diese Gewichtsreduktion denn notwendig gewesen? Nicht zwingend. Im Film selbst spielt er einen an Krebs erkrankten Wissenschaftler, der als womöglich letzter Mensch auf Gottes Erden irgendwo am Polarkreis sein letztes bisschen Dasein fristet, bevor selbst diese Regionen von einer nicht näher genannten Umweltkatastrophe heimgesucht werden wird. Still und heimlich hat sich hier die Welt von seiner Geißel namens Mensch befreit, entweder sind all diese Milliarden dahingerafft oder unterirdisch irgendwo untergebracht worden. Mehr Szenario gibt es nicht. Die Katastrophe ist eine Variable, wir dürfen uns aussuchen, was wir diesmal falsch gemacht haben. Clooney ist also dieser alte Mann, der, mit Stoppelglatze und Rauschebart, in einem Observatorium ganz alleine dem Ende entgegensieht – stoisch und seiner regelmäßigen Dialyse unterworfen. Keine Lust also irgendwo hinzugehen. Bis er dank seiner durchaus hochgerüsteten technischen Möglichkeiten von einer Weltraumexpedition erfährt, die als letzte aller Weltraumexpeditionen im Jahr 2049 vom neu entdeckten Jupitermond K-23 zur Erde zurückkehrt. Ziel der Mission war es wohl, herauszufinden, ob dieser Mond erdähnliche Verhältnisse aufweist – und wenn ja, gleich eine Kolonie dort zu lassen. Mit diesen neuen Erkenntnissen will die Mission Aether also heimkehren. Clooney allerdings will das verhindern, da die Crew hier nur ihren Tod finden würde. Als ob der Stress nicht schon reichen würde, entdeckt der Mann einen blinden Passagier – ein kleines Mädchen, das er nun an der Backe hat.

Für The Midnight Sky, nach dem Roman Good Morning, Midnight von Lily Brooks-Dalton, hat Clooney nicht nur abgenommen, sondern auch noch Produktion, Regie und klarerweise die Hauptrolle übernommen. Sein Film ist kein Blockbuster und kein Eventkino, sondern etwas sehr stilles, leises, wie eine karge, melancholische Ballade, die in eine ratlose, ungewisse Zukunft blinzelt. Die Weltraumszenen rund um ein sehr formschönes, elegantes NASA-Raumboot erinnern an Gravity oder Interstellar, die narrative Ebene rund um Wissenschaftler Auguste Lofthouse (eben Clooney) an den ebenfalls auf Netflix veröffentlichten Science-Fiction-Endzeitfilm Io. Auch dort ist die Erde längst unbewohnbar, nur ein paar Luftblasen erlauben noch freies Atmen, und auch dort hat Margaret Qualley vor, bis zum Ende auszuharren, käme nicht Anthony Mackie und würde sie zur letztmöglichen Evakuierung bewegen wollen. Auch in Io ist die Katastrophe keine näher genannte. Da wie dort geht es darum, dem Planeten Erde Lebewohl zu sagen. Resignative Erschöpfung macht sich breit, das Überleben der Menschheit verblasst hinter Gaias Abgesang. Clooney verleiht diesem stellvertretenden Individuum, der das ganze Unglück wahrnimmt, eine Bitternis sondergleichen. Die Raumcrew um Felicity Jones ist im Gegensatz dazu mal nicht eine ganze Partie psychologisch versagender Psychopathen im Wandel, sondern pragmatische Experten, was das ganze Szenario durchaus glaubhaft macht. Beide Komponenten mögen manchmal nicht so richtig ineinandergreifen. Das Wechselspiel zwischen den Episoden auf der Erde und im Weltraum findet keinen Rhythmus. Manche Astro-Action wirkt deplaziert. Was aber wirkt, das ist die zwar zu erahnende, aber poetische, runde kleine, später sehr persönliche Abenteuergeschichte zu dem großen Thema eines Umbruchs, die nicht viel erklären, sondern viel öfters nur empfinden will. Das ist fast schon besinnliches Weihnachtskino.

The Midnight Sky

Sound of Metal

WIE ES KLINGT WENN NICHTS MEHR KLINGT

6,5/10


sound-of-metal© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2019

REGIE: DARIUS MARDER

CAST: RIZ AHMED, OLIVIA COOKE, PAUL RACI, MATHIEU AMALRIC, LAUREN RIDLOFF U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Eben noch voll ins Schlagzeug gedroschen, dann plötzlich ein Summen, ein Sausen – und dann nichts mehr. Oder fast nichts mehr. Brummelnde Töne, wie die Stereoanlage oder Stimmen aus der Nachbarwohnung, wenn sich die Partei nicht mehr einkriegt. Musiker Riz Ahmed (bekannt aus Four Lions, Star Wars – Rogue One oder Venom) hat als Ex-Junkie Ruben sein Leben in den Griff bekommen, auch dank Musikerin Lou, die mit ihm gemeinsam in einem Wohnmobil durch die Provinz tingelt und als Duo Blackgammon umjubelte Gigs hinlegt. Zugegeben, die Musik ist gewöhnungsbedürftig, aber die Fangemeinde hartnäckig. Das ändert sich eben, als Ruben plötzlich nichts mehr hören kann. Er probiert, den richtigen Einsatz für seine Arbeit durch Vibrationen zu erkennen. Das kann auf die Dauer aber nicht gutgehen, da aus ärztlicher Sicht jeder noch so laute Ton vermieden werden soll. Lou begleitet Ruben in ein Selbsthilfecamp, um mit der neuen Behinderung, die laut Gruppenleiter Joe eben keine Behinderung sein muss, klarzukommen. Da ihm hier, auf dieser Range und in dieser Einschicht, auch der Kontakt zu seiner Geliebten genommen wird, entschließt sich der Künstler, alles aufs Spiel zu setzen und sein Gehör wiederzuerlangen. Koste es was es wolle.

Regisseur und Drehbuchautor Darius Marder (u. a. mitgeschrieben am Skript zu The Place Beyond the Pines) entwirft die sehr persönliche, sehr subjektive Chronik einer irreversiblen Erkrankung, vermengt dies nur peripher mit einer Liebesgeschichte und setzt eigentlich alles auf Hauptdarsteller Riz Ahmed, der für diese Art von Rolle wohl sehr viel Vorbereitungszeit investiert haben muss. Es einfach so draufzuhaben, darzustellen, wie es ist, nichts mehr zu hören, das musste die gehörlose Schauspielerin Marlee Matlin seinerzeit für Gottes vergessene Kinder nicht groß üben. Ahmed hingegen dürfte der Zustand ziemlich erschreckt haben – ähnlich von der Rolle legt er auch seine Figur an, die am Ende eines erst in Ansätzen gelebten Traums steht. Allein mit dem Sound steht und fällt aber dieser Plan. Ich als Grafiker – oder überhaupt als Filmfan – könnte mir zum Beispiel genauso wenig vorstellen, das Augenlicht zu verlieren. Egal also, welcher menschliche Sinn es auch sein mag. Einer davon weniger, und das Weltbild gerät ins Wanken. Ahmed schafft es, diesen chaotischen Zustand des inneren Umbruchs erkennbar werden zu lassen. Olivia Cooke als Sängerin und Geliebte ebenso – ihre Unsicherheit in Bezug auf ihre eigenen Prioritäten im Leben zeigt sie mit unruhigen, mitleidigen Blicken – mitsamt aus der Mimik lesbare Gedanken, die ihre eigene Karriere genauso wichtig nehmen wie das Schicksal des Partners.

Besonders innovativ ist auch die Klangwelt von Sound of Metal, vom dumpfen Dröhnen, von undeutlichem Gemurmel bis zu Krächzen und Scharren bekommt der Zuseher zu hören, was Ruben hört – oder eben nicht hört. Dadurch erhält das Drama auch eine starke, akustische Metaebene der Geschichte. Durchsetzt wird das Ganze von einem ausgewogenen Score und eingängigen Musiknummern. Unterm Strich: ein konventioneller, aber tontechnisch innovativer Streifen, ein sehnsüchtiges Farewell an das Wunder des Hörens und gleichsam auch eine spannende Neuentdeckung der Stille.

Sound of Metal

Ma Rainey´s Black Bottom

WEIT MEHR ALS NUR MUSIK

8/10


blackbottom© 2020 David Lee/NETFLIX

LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE C. WOLFE

CAST: VIOLA DAVIS, CHADWICK BOSEMAN, COLMAN DOMINGO, GLYNN TURMAN, MICHAEL POTTS, TAYLOUR PAIGE, JEREMY SHAMOS U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Gut möglich, dass der erschreckend früh verstorbene Chadwick Boseman zu ähnlichen Ehren kommen könnte wie seinerzeit Heath Ledger für seinen Joker. So eine posthume Auszeichnung könnte sein Schaffen gebührend veredeln, und es wäre ja nicht nur eine Anerkennung aus rein respektvollen Gründen. Es wäre auch absolut verdient. Denn Chadwick Boseman, der als Black Panther natürlich schon eine gute Figur gemacht hat, konnte in seiner allerletzten Rolle als Trompetenspieler Levee dann doch noch alle Register seines Könnens ziehen – und eine Performance hinlegen, bei der man, während sie so dynamisch und expressiv abgeht, zweimal hinsehen muss, um den Schauspieler dahinter wiederzuerkennen, obwohl 20er-Jahre-Haircut und Schnauzer eigentlich nicht wirklich viel in die Irre leiten sollten. Nein, es ist ganz einfach sein Spiel, sein knorriges, impulsives, verletzliches Auftreten, dieser naive Idealismus. Eigenschaften, die Bosemans Rolle erfüllen muss und die ihn so anders erscheinen lassen. Der gerade mal 43 Jahre alt gewordene Künstler ist hier nicht allein auf der Bühne – mit donnernden Schritten stakst eine charismatische Erscheinung in dieses kleine Aufnahmestudio, mit schillerndem Kleid, geölter Haut, bis unter den Haaransatz geschminkt – aufgedonnert wie eine stattliche Diva, die keinen Snickers-Riegel abbekommen hat: Viola Davis. Sie verkörpert die authentische Figur der Ma Rainey, die tatsächlich als Mutter des Blues gilt und scheinbar den sentimentalen, aber gleichzeitig aufmüpfigen Rhythmus dieser Musikrichtung in glamourösem Ausmaß interpretiert hat.

Beide zusammen – Boseman und Davis – sind ein Gespann, dass sich nicht ausstehen kann, weil sie beide für einen Ist-Zustand der schwarzen Bevölkerung stehen, allerdings jeweils auf unterschiedlichen Sprossen der Leiter. Bosemans Levee ist – wie schon gesagt – Trompeter im Ensemble der Ma Rainey, die im Süden längst große Erfolge feiert und nun, weiter im Norden, von ihrem Manager dazu genötigt wird, eine Platte aufzunehmen. Die Musiker treffen natürlich vorher ein, sammeln sich im Keller, um sich einzugrooven. Trompeter Levee zeigt allen sofort, dass er was ganz anderes vorhat. Eigene Kompositionen, eigene Interpretationen. Er will sein eigenes Ding drehen. Die anderen Musiker belächeln ihn, lauschen aber seiner Erzählung einer schrecklichen Vergangenheit, währenddessen, von funkelnden Allüren umgeben, die Diva heranrauscht und ihren Neffen, der stottert, mit auf die Platte bringen will. Das ist Nährboden für Zwistigkeiten, elende Wartezeiten, Missverständnissen und Kränkungen, Ego-Trips und Geldgier. In diesen kleinen, engen Räumen nimmt sich Levee, was er bekommt – während Ma Rainey mehr einfordert als möglich scheint.

Ma Rainey´s Black Bottom stammt aus der Feder des Bühnenautors August Wilson, der auch schon die Vorlage für das großartige Familiendrama Fences lieferte. In ihrem Grundton sind beide Filme ähnlich, in beiden Filmen ist die Zukunft einer aufstrebenden Generation Schwarzer trotz immensem Potenzial eine verlorene. In George C. Wolfes Verfilmung des Musik-Kammerspiels ertönt der Blues dazu, das melodische Sprachrohr einer klagenden und gleichsam sich aufraffenden Gesellschaft im Nachteil. Niemand sonst, kein Weißer, kann den Blues so interpretieren. Das weiß Ma Rainey, das weiß Levee, das weiß Wilson und C. Wolfe. In diesem selbstbewussten Kosmos aus Schweiß, Tränen und Blut – und zwischendurch auch kleine rührende Erfolge – entsteht nach anfänglichen, einleitenden Dialogen des ersten Aktes ein dichtes Kräftemessen zwischen Gegenwart und Zukunft. Denzel Washington, der auch in Fences brillierte, wusste, worauf er sich einließ, als er diesen Film hier produzierte. Könnte gut sein, dass er diesmal auf die Liste der Academy kommt, als Beitrag für den besten Film.

Ma Rainey´s Black Bottom

Uncle Frank

… AND WHAT I AM NEEDS NO EXCUSES

7/10


unclefrank© 2020 Amazon Studios

LAND: USA

DREHBUCH & REGIE: ALAN BALL

CAST: PAUL BETTANY, SOPHIA LILLIS, PETER MACDISSI, JUDY GREER, STEVE ZAHN, MARGO MARTINDALE, STEPHEN ROOT U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Erst diesen Herbst lud „Sheldon“ Jim Parsons alle seine Freunde zu einer Geburtstagsparty. Je später der Abend, desto mehr wurde das Ganze zur Gruppentherapie einer ganzen Schar Homosexueller (und einem Heterosexuellen), die sich ihrer schwierigen sozialen Lage mehr als bewusst wurden. The Boys in the Band ist übrigens ein ausgesprochen sehenswerter und berührender Film. Nicht weniger berührt Paul Bettany, der bei Jim Parsons nicht geladen war, der allerdings wunderbar diese Gruppe ergänzt hätte. Paul Bettany, bekannt als Vision aus den Marvel-Filmen und als Dryden Vos aus Solo – A Star Wars Story, gibt in diesem auf amazon prime veröffentlichten Drama eben jenen titelgebenden Uncle Frank, der sich Anfang der Siebzigerjahre mehr oder weniger von seiner Familie distanziert hat, da keiner wissen soll, dass auch er mehr auf Männer als auf Frauen steht. Der Vater, ein forscher Patriarch, dürfte schon so was geahnt haben, da er sich Frank gegenüber distanziert verhält. Als dieser stirbt, entschließt sich Frank, im Rahmen des Begräbnisses und inmitten seiner Familie sein Coming Out einzuplanen. An seiner Seite: Nichte Sophia Lillis (u. a. Es, Hänsel und Gretel), die in Frank so etwas wie ihren Seelenverwandten sieht und das ganze sensible Drama auch aus ihrer Sicht schildert.

Paul Bettany war nie besser. Wirklich nicht. Als New Yorker Literaturprofessor mit stilsicherem Oberlippenbart und gewinnendem Lächeln, der sich in urbanen Gefilden auch nicht davor scheut, sich zu seiner Beziehung mit einem Mann zu bekennen, mit der übermächtigen Figur seines Vaters allerdings zu kämpfen hat, entwickelt der Schauspieler ein nuanciertes Arrangement an Gefühlen, zeigt sich verletzlich und erschüttert. Tatsächlich lässt sich die Gefühlswelt von Uncle Frank lesen wie in einem offenen Buch, lässt sich die vernichtende Ablehnung der Vaterfigur nachspüren wie ein Amboss auf den eigenen Schultern. Gegen diese Ablehnung, gegen diese Mauer der Verachtung kämpft sich Bettany tränenreich und seine Scheu überwindend vor Richtung Akzeptanz, Toleranz und vielleicht auch Wohlwollen. Dazu braucht es Mut, gerade angesichts des fehlenden elterlichen Vertrauens ins eigene Kind. Alan Ball hat hier mit sehr viel Sorgfalt dieses emotionale Coming Out umschrieben und auch inszeniert, dank des gewinnenden und engagierten Casts ist das eine schöne, menschliche und nur in wenigen Momenten auch sentimentale Geschichte geworden, die letzten Endes manches dann vielleicht zu glatt zeichnet. Man könnte auch Zuversicht dazu sagen, und was wäre da dann verkehrt daran?

Uncle Frank

Ein ganz gewöhnlicher Held

EINMAL GANDHI ZUM MITNEHMEN

7/10


ganzgewoehnlicherheld© 2019 Koch Films


LAND: USA 2018

BUCH & REGIE: EMILIO ESTEVEZ

CAST: EMILIO ESTEVEZ, ALEC BALDWIN, JEFFREY WRIGHT, CHRISTIAN SLATER, TAYLOR SCHILLING, JENA MALONE, MICHAEL K. WILLIAMS, GABRIELLE UNION U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Die Zeit des karitativen Bewusstseins hat längst wieder Einzug gehalten bei denen, die es sich leisten können, anderen zumindest kurzfristig die Existenznot zu nehmen. Kick-off dieses Bewusstseins: der 11. November, Martinstag. Besagter Martin hat ja bekanntlich seinen Mantel geteilt, um einem armen Schlucker vor dem Erfrieren zu bewahren. Nun, so lange das Geben und Teilen nicht den Vorschriften widerspricht, ist ja alles schön und gut. Sobald aber Zeichen gesetzt werden, die Verordnungen zuwiderlaufen, haben Menschenrechte das Nachsehen. So gesehen in vorliegendem Film von Emilio Estevez, der auch schon lange Zeit nichts mehr von sich hören ließ. Sein letzter Film war glaube ich jener über den Jakobsweg, in der Hauptrolle sein eigener Altvorderer Martin Sheen. Jetzt hockt der ehemalige Breakfast-Clubber zwischen den vollbeschlichteten Buchregalen einer städtischen Bibliothek, gemeinsam mit einer ganzen Schar Obdachloser, die vor einer Forstnacht Zuflucht suchen. Das ist der Stoff, aus dem besinnliche Filme über Nächstenliebe gemacht sind. Ich könnte mir ganz gut Jimmy Stewart in dem ganzen Szenario vorstellen. Aber Estevez in seiner Rolle als einer, der, selbst mal ohne Dach über dem Kopf, nun die Nöte der zusammengewürfelten Gruppe wohl am besten versteht, weiß die Begrifflichkeit der Menschenwürde nicht zu einem pathetischem Gloria zu überhöhen.

Worum es also geht: Estevez gibt den Bibliothekar Stuart, der in winterlichen Zeiten wie diesen wärmesuchenden Obdachlosen zu den Geschäftszeiten Tür und Tor öffnet. Das ändert sich bald, als es nämlich noch kälter wird und so gut wie alle karitativen Einrichtungen bereits zum Bersten voll sind. Wohin also mit den Bedürftigen? Natürlich hierbleiben, egal ob die Pforten schließen. Das ist gegen das Gesetz, und sogleich rückt die Polizei und auch die lokale Politik an, um diese Aktion zu unterbinden. Denn wie eine Aktion scheint das Ganze zu sein. Völlig gewaltfrei entschließen sich Stuart und die anderen zu einem Sit-in, zu einem gewaltfreien Protest, auch wenn diese verrückte, aber zutiefst menschliche Idee manchen den Job kosten wird.

Ein ganz gewöhnlicher Held, im Original nur schlicht und einfach The Public, hat zwar anfangs so seine Schwierigkeiten, all die angefangenen Erzählstränge effizient miteinander zu verknüpfen, doch sobald allesamt an einem Ort versammelt sind, kann die simple und demonstrative Mär eigentlich losgehen. Das dauert zwar, aber bis dahin erfreut man sich selten gesehener Gesichter wie jenes von Christian Slater, der allerdings einen recht schablonenhaften Kotzbrocken von Möchtegern-Bürgermeister gibt. Alec Baldwin als Chef-Verhandler bei Geiselnahmen sucht seinen ebenfalls obdachlosen Sohn und Jeffrey Wright gibt sich vorerst ganz zugeknöpft, bevor er langsam auftaut. Kein Wunder bei so einem herzerwärmenden Film wie diesen. Da geht’s um astreinen Altruismus, da würde der Heilige Martin wohlwollend nicken. Wäre hier nicht der Song I can see clearly now von Jimmy Cliff im Rahmen einer wirklich beeindruckenden und berührenden Schlussszene zu hören, könnte man auch gut und gerne das Weihnachtslied von König Wenzel dazu summen. Doch ein Weihnachtsfilm ist Ein ganz gewöhnlicher Held nicht. Eher ein zeitloses Statement für ein Miteinander, für das man sich erst mal durchringen muss. Doch dann, dann sieht man klarer.

Ein ganz gewöhnlicher Held

Lucy in the Sky

DIE WELT IST NICHT GENUG

5/10

 

lucyinthesky© 2019 Walt Disney Company

 

LAND: USA 2019

REGIE: NOAH HAWLEY

CAST: NATALIE PORTMAN, JON HAMM, ZAZIE BEETZ, ELLEN BURSTYN, DAN STEVENS U. A. 

 

Ehrgeiz und Obsession dürften Natalie Portman nicht fremd sein. Den Oscar für Black Swan hat sie ja nicht einfach nur so gewonnen, sondern weil sie genau das – Obsession, Leistungsdrang und Wahnsinn – sehr nachvollziehbar darstellen konnte. Im Astronautendrama Lucy in the Sky kann sie die Karten für ihre Figur einer gnadenlosen Ich-AG neu mischen und mit neuen Aspekten versehen – zum Beispiel mit dem Aspekt der begrenzten Kapazität des menschlichen Geistes, der es nicht auf die Reihe bringt, die furchteinflößende und gleichzeitig faszinierende Größe des Alls zu begreifen. Lucy Cola zählt zu jenen Kandidaten, die zwar rein physisch und kognitiv gesehen die Erfordernisse eines Astronautenjobs bis zur Perfektion hin erfüllen, die aber mit dem, was sie gesehen haben, nicht mehr klarkommen. Was wird eine solche neue Wahrnehmung wohl bewirken? Nun, die Kleinheit und Nichtigkeit des Menschseins wird deutlicher, das große Ganze greifbarer, unsere scheinbare Verlorenheit in dem ewigen Schwarz führt zu Beklemmung. Es ist ein Wegsehen von einer Wahrheit, die das Denken sprengt. Da braucht es einen in sich ruhenden, rationalen Geist. Kein Sinnieren und Philosophieren. Bereits an der orbitalen Schwelle Richtung Unendlichkeit stehend, gibt es für eine labile Seele keinen Platz mehr.

Lucy hat das selbst nicht kommen sehen, so scheint es zumindest. Wieder zurück vom Einsatz auf der Raumstation, erscheint alles andere nicht mehr wichtig, es ist wie eine Sucht nach einer starken Droge, fast schon der Blick in eine alternative Realität, die um so vieles schöner ist als das Dasein in den eigenen vier Wänden. So werden diese auch zum Gestaltungsapparat für Regisseur Noah Howley und Kamerafrau Polly Morgan. Ihr Film, einer der laut IndieWire wohl am meisten erwarteten Produktionen 2019, variiert stetig das Bildformat – von 16:9 auf 4:3, dann wieder haben wir ein Superpanorama, das sich wie ein horizontales Band vom linken zum rechten Bildschirmrand zieht. Ganz klar, was damit bezweckt werden will. Jenseits des Weltalls, zurück auf den Boden des Alltags, gilt nur noch das althergebrachte Fernsehformat von früher, es unterstützt Natalie Portmans Wahrnehmung von der quälenden Enge ihres Daseins. Portman macht das ganz gut, sie findet keine Ruhe mehr, das Zuhause ist ein Platz der Abwesenheit, ihr Ehemann fast nur noch Staffage, dafür aber die Chance auf einen Seitensprung mit einem als Frauenheld verschrienen Nasa-Kollegen (Jon Hamm) zumindest so etwas wie ein Kick in eine andere Richtung, denn so, wie sie bislang zu leben gewohnt war, kann es nicht bleiben. Am Liebsten wieder zurück ins All, zur nächsten Mission. Dumm nur, dass ihr Liebhaber bereits auf eine ganz andere Kollegin schielt.

Inspirieren ließ sich der Film von wahren Begebenheiten. Interessant, was man davon alles ableiten kann. Zum Beispiel die Überlegung, ob der Mensch mal überhaupt und prinzipiell dafür geschaffen ist, als solcher Terra den Rücken zu kehren. Ähnliche Ansätze hatte auch Claire Denis odysseeisches Drama High Life. Andererseits handelt Lucy in the Sky auch von Ablehnung und Kränkung, vom Gefühl, nicht verstanden zu werden, ähnlich wie Michael Douglas als D-Fense in Falling Down. Von beiden Filmen finden sich für mich in Howleys Werk Assoziationen, der Fall Lucy Cole ist also komplexer, als vermutet. Weniger komplex ist das dramaturgische Konzept. Meines Erachtens nach ist Lucy in the Sky längst nicht so lahm und schon gar nicht so unnahbar geworden wie manche Kritiker meinen. Dafür aber relativ zäh und vor allem in der ersten Halbzeit mit erzählerischem Vakuum angereichert. Das hätte straffer gehen können, da hat das Ganze schwermütige Längen, die sich alles andere als schwerelos anfühlen und etwas den Kopf brummen lassen: Vielleicht auch wegen des ständigen Formatwechsels, der zwar gut gemeint ist, der aber nur schwer eine einheitliche Bildsprache oder gar einen einheitlichen Stil zulässt. Experimentell ist das schon, doch ein bisschen zu knieweich und von einer inneren Unruhe erfüllt. Womöglich geht es Heimkehrern aus dem Orbit ähnlich. Allerdings: angesichts dieser filmischen Spirale abwärts ist der Weltraum nichts, wohin der Mensch streben sollte.

Lucy in the Sky

Mosul

WOFÜR ES SICH ZU KÄMPFEN LOHNT

6,5/10


mosul© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: MATTHEW MICHAEL CARNAHAN

CAST: SUHAIL DABBACH, ADAM BESSA, WALEED ELGADI, THAER AL-SHAYEI, BEN AFFAN, HAYAT KAMILLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Ungefähr zweieinhalbtausend Kilometer Luftlinie liegen zwischen Wien und Mosul, der zweitgrößten Stadt im Irak. Nur zweieinhalbtausend Kilometer, mit dem Auto eine Fahrt von 36 Stunden. Das ist gar nicht mal so weit, das geht sich an einem Wochenende gerade mal noch aus, wenn man nonstop durchfährt. Was ich damit sagen will: lediglich so weit müsste man reisen, um in die Hölle auf Erden zu gelangen. Mosul ist mittlerweile keine Reise mehr wert, es sei denn, man hat vor, in absehbarer Zeit das Zeitliche zu segnen. Mosul ist wie das Ende des Humanismus, ist wie die pure Anarchie, ist Mord und Brand zwischen Ruinen und vor verbarrikadierten Straßen. Mittendrin: der auf dem Rückzug befindliche IS, neben Boko Haram wohl das größte Übel dieser Welt. Auch noch mittendrin: ein Haufen verrückter Hunde, quasi eine Suicide Squad in Echt, nämlich das Nineveh SWAT Team, eine zusammengewürfelte Miliz aus Polizisten, Ex-Soldaten und sonstigen wehrfähigen Männern, die wie wütende Rächer durch den Wahnsinn pflügen.

Dabei basiert dieser Kriegsfilm auf wahren Begebenheiten, um genau zu sein auf einem Zeitungsartikel, veröffentlicht im New Yorker. Ist also nichts Erfundenes, nicht vorrangig ein Actionkino für Liebhaber des pfeifenden Projektils, obwohl diese Klientel getrost hier fündig werden kann. Mosul ist ein Drama, kein zart erklingendes wohlgemerkt, sondern ein finsteres Roadmovie über Schicksale in Zugzwang, die ihre Pflichterfüllung im Kampf gegen das Böse sehen. Die bis an die Zähne bewaffnet, verbittert, traumatisiert, aber dennoch stolz und mit sich selbst im Reinen, zwar kein Pferd, aber immerhin den Panzerwagen besteigen, um ins Land der Gesetzlosen zu breschen. Erinnert irgendwie ans Mittelalter? Das tut es – und wenn wir uns nun Bomben und Granaten wegdenken und statt Gewehren scharfe Schwerter und Bögen einsetzen, ist es alles, was wir brauchen, um die von uns fälschlich romantisierten Zeiten wieder aufleben zu lassen, in der man für Familie, Ehre und Vaterland in den Kampf auf freiem Feld gezogen war.

Das freie Feld ist einem Häuser- und Straßenkampf gewichen, bei dem an scheinbar jeder Ecke Scharfschützen sitzen. In einem solchen umkämpften Viertel findet das Nineveh SWAT Team einen in die Bredouille geratenen Polizisten, der allerdings sagenhaft gut mit dem Schießeisen umgehen kann. Kurzerhand wird er rekrutiert und zieht mit, hat aber Probleme damit, Teil der Gruppe zu werden. Währenddessen verfolgen die „Inglourious Basterds“, wenn man so will, ein unbekanntes Ziel. Klar ist nur, sie rücken in ein Gebiet vor, dass noch in festen Händen der Islamisten weilt.

Mosul ist dreckig, staubig und brutal. Eine archaische, explizite Momentaufnahme aus einem Erdteil ohne Zukunft (gedreht wurde natürlich nicht vorort, sondern in Marokko). Was den Film ertragen lässt, sind die Werte, die die „Guten“ durch die Widrigkeiten schleppen. Zwischendurch lässt Matthew Michael Carnahan eine gewisse Liebe zum Detail erkennen, räumt Verschnaufpausen ein und lässt Gruppenführer Jasem aus einem inneren Zwang heraus herumliegenden Müll einsammeln, als würde er den Wiederaufbau seines eigenen Landes vorwegnehmen. Dann geht die Odyssee durchs Heilige Land wieder weiter, streng einem Codex folgend, und freilich nicht ohne Verluste. Als klar wird, worum es eigentlich geht, hat die menschliche Tragödie das kernige Kriegsgetümmel einige eingestürzte Häuserzeilen weit abgehängt.

Mosul