The Instigators (2024)

GEMEINSAM WACHSEN DURCH DIE KRISE

5/10


theinstigators© 2024 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DOUG LIMAN

DREHBUCH: CASEY AFFLECK, CHUCK MCLEAN

CAST: MATT DAMON, CASEY AFFLECK, HONG CHAU, MICHAEL STUHLBARG, VING RHAMES, PAUL WALTER HAUSER, RON PERLMAN, ALFRED MOLINA, TOBY JONES, RICHIE MORIARTY U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Nimmt man Matt Damon seine psychischen Probleme ab? Ganz zu Beginn des Films quält sich der souveräne Akteur durch eine Therapiesitzung mit Hong Chau, die eine Engelsgeduld aufbringen muss, weil sie ihrem Patienten alles aus der Nase zieht. Vieles ist im Argen bei Damons Figur, von welcher man nicht viel mehr erfährt außer dass Alimente gezahlt werden müssen, sonst rückt das Besuchsrecht für den Filius in weite Ferne. Die Bereitschaft, sich mit Suizid aus der Affäre zu ziehen, macht klar, dass wir es mit einer Person zu tun haben, die bereit ist, alles aufs Spiel zu setzen, um an das nötige Geld zu kommen. Auf der anderen Seite rückt Casey Affleck ins Bild – beide standen bereits für Gus van Sants surreal-experimentellem Survivaldrama Gerry vor der Kamera. Der stets auf eine coole Art lethargische Schauspieler mit der Scheiß-drauf-Attitüde und der raunenden Stimme wird genauso wie sein Buddy Damon für einen Heist-Coup engagiert: Es geht um die Millionen des korrupten Bürgermeisters Miccelli (unerwartet blass: Ron Perlman), die während einer Wahlfeier – denn alle Welt geht davon aus, dass es sich der windschiefe Politiker wieder mal gerichtet haben wird – den Besitzer wechseln sollen. Natürlich geht das Vorhaben schief und alle Welt hängt an den Fersen der beiden ungleichen Leidensgenossen, die notgedrungen ins Teamwork übergehen müssen, um heil aus der Sache herauszukommen – und um vielleicht doch ganz nebenbei ein bisschen was abzustauben. Zu viel Konkurrenz verdirbt dann doch recht schnell den Brei, und am liebsten wäre man wieder auf der Couch von Hong Chau, was die beiden dann auf eine Idee bringt.

Wenn ein Coup auf groteske Weise schiefgeht, vermutet man dahinter gerne Joel und Ethan Coen, die eine diebische Freude daran haben, ihre ambivalenten Protagonisten dem selbst verschuldeten Untergang zu weihen. Pechvögel lukrieren schließlich die meisten schadenfrohen Lacher, zumindest ein Wertebewusstsein, das nicht dem Mammon frönt, wünscht man ihnen an den Hals. Bei Damon und Affleck ist das genauso. Beide haben Besseres verdient, die Butterseite eines soliden Lebens zumindest. Ihre Sympathiewerte und nachvollziehbaren schlechten Entscheidungen, die man wohl auch selbst so getroffen hätte, erschweren es dem Zuschauer nicht gerade, mit The Instigators (auf deutsch: Die Anstifter) warm zu werden. Was sie also anstiften, ist eine ganze Kettenreaktion an Schwierigkeiten, Actionszenen und situationskomischen Einfällen, die alles in allem aber angesichts der Tatsache, hier einen Actionprofi am Schaltpult zu wissen, viel zu hastig durchgekaut werden, um nachhaltig in Erinnerung zu bleiben.

Selbst ein paar Tage nach Sichtung dieses auf Apple TV+ veröffentlichten, bis in die Nebenrollen erstaunlich namhaft besetzten Star-Vehikels tue ich mir schon etwas schwer, mich an all das zu erinnern, was in The Instigators so passiert ist – und das liegt nicht an meiner altersbedingten zunehmenden Vergesslichkeit (hoffe ich). Das liegt wohl eher an einem relativ generischen Drehbuch, dass den Spaßfaktor gescheiterter krimineller Handlungen strapaziert, ohne dabei mit frischen Ideen frischen Wind durchs Genre zu jagen. Als etwas abgestanden mag der Film bezeichnet werden: abgestanden und – was Auftragsarbeiten, denen wenig Herzblut anhaftet, so eigen ist – auf lieblose Weise inszeniert, dabei aber so hyperaktiv erzählt, nur um die Austauschbarkeit des Projekts mit übertriebenem Elan zu übertünchen.

In Erinnerung bleibt nicht mal Matt Damon, dafür aber Casey Affleck, der als dauerlamentierender Ex-Knacki auf staubtrockene Weise den Dialog sucht. Sein Sarkasmus mag man auf der Habenseite verbuchen. Sonst aber überzeugt diese filmische Routine nur bedingt.

The Instigators (2024)

A Killer Romance (2023)

SO SEXY IST DER AUFTRAGSMORD

6/10


akillerromance© 2024 Leonine


ORIGINALTITEL: HIT MAN

LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: RICHARD LINKLATER

DREHBUCH: RICHARD LINKLATER, GLEN POWELL

CAST: GLEN POWELL, ADRIA ARJONA, AUSTIN AMELIO, RETTA, SANJAY RAO, MOLLY BERNARD, MIKE MARKOFF, RITCHIE MONTGOMERY U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Es gibt ihn, den neuen Everybody’s Darling, den potenziellen „Sexiest man alive“ – aus der Nische der Nebenrollen bequemt sich Glen Powell gemächlichen Schrittes oder so, wie einer geht, nachdem er gerade die hauseigene Rinderherde über eine gefährliche Furt getrieben hat, ins zentrale Rampenlicht nicht unintelligenter Hollywoodfilme. Powell ist niemand fürs schnelle Geld und auch nicht für oberflächliches Kawumm gedacht. Ryan Gosling könnte sein größter Konkurrent werden, und Brad Pitt ist längst schon eine andere Generation. Nachdem er im Fliegerass-Revival Top Gun: Maverick allen zeigen konnte, wie sich Draufgängertum mit Ritterlichkeit vereinbaren lässt, darf Powell heuer gleich in zwei Filmen die Welt davon überzeugen, dass die wahre Attraktivität nebst reflektiertem Stolz in der Bereitschaft liegt, für innere Geistesreisen bereit zu sein. In Twisters durchlebt die Figur des selbstverliebten YouTube-Gecks Tyler Owens eine Wandlung hin zum gewissenhaften Soziophilen mir Handschlagqualität. Richard Linklater, mit welchem Powell schon seit deren Zusammenarbeit in Fast Food Nation eine gewisse Freundschaft verbindet, schenkt dem smarten Amerikaner nun eine seiner größten Rollen bisher, ohne diese auch nur ernsthaft von irgendwelchen Co-Akteuren –  und nicht mal von Adria Arjona – in der Wucht seiner Show-Performance einschränken zu lassen.

Basierend auf einem kuriosen kriminalistischen Zeitungsartikel von Skip Hollandsworth aus dem Texas Monthly, entwickelt Linklater gemeinsam mit Powell die adaptierte Krimikomödienversion einer trickbetrügerischen Laufbahn, die allerdings auf der Seite des Gesetzes ihre mit Erfolg gekrönten Kilometer zurücklegt. Die Rede ist von Gary Johnson, einem Philosophieprofessor und wirklich klugen Kopf, der nebenberuflich die strafverfolgende Exekutive zumindest aus technischer Hinsicht unterstützt, wenn diese ihre Falle stellen, um Mördern, die nicht selbst Hand anlegen wollen, das Handwerk zu legen. Denn wie es das Kino gerne schon jahrzehntelang kolportiert, gibt es Auftragskiller im tatsächlichen Leben gar nicht wirklich – was viele, die andere dafür bezahlen wollen, um jemanden sterben zu sehen, gar nicht wissen. So kommt dank glücklicher Umstände besagter Feschak ins Spiel. Und der mausert sich zur Rampensau, wenn es darum geht, anderen vorzuspielen, er wäre ein eiskalter Engel. Lange läuft das Spiel wie am Schnürchen – bis Madison, gespielt von Adria Arjona (u. a. Morbius, Andor) in sein Leben tritt. Die attraktive Dame will schließlich ihren Ehemann beseitigen, doch Johnson schafft es, ihr dieses Unterfangen auszureden – zu ihrem eigenen Schutz. Das hat zur Folge, dass dieser sich sehr schnell zwischen zwei Fronten befindet, und die im Titel versprochene Killer Romance (im Original heisst das ganze schlichtweg Hit Man) bricht sich ebenfalls Bahn, mit Turteln, Knutschen und heißen Nächten.

Wie bei Krimikomödien so üblich, ist der MacGuffin der ganzen Unterhaltung natürlich das wie ein Damoklesschwert über dem Liebesglück kreisende Geheimnis, nicht der zu sein, wofür Glen Powell sich ausgibt. Diese Lust, andere Leben zu leben, sich in andere Charaktere einzufühlen und vielleicht auf diese Weise eingeschlagene Wege zurückzugehen, um neu anzufangen, wird für Linklater zur zentralen Frage, zum lebensphilosophischen Kernproblem. Dem ambitionierten Zugang zu dieser Kriminalkomödie, welche die Leichtfüßigkeit von Linklaters Inszenierungsstil trägt, sei natürlich gedankt. Ein mit Wortwitz ausgearbeitetes Drehbuch garantiert sommerliche US-Unterhaltung mit sympathischen Figuren, gänzlich frei von Zynismus und desillusionierendem Tadel, welcher die amerikanische Gesellschaft in Finsternis taucht. Linklater ist so jemand natürlich nicht. A Killer Romance ist vergnüglich genug, um vorsätzliche Morde als charmante Notwendigkeiten zu verkaufen.

Bei Linklater ist vieles Dialog und Reflektion, dazwischen eine souverän konstruierte, verblüffende True Story um Gauner, Gelehrte und smarte Konventionen. Denn so sehr der beschwingte Spaß auch alles richtig macht, so sehr hebt er ab wie ein heliumgefüllter Ballon, der in die feuchtwarme Luft des amerikanischen Südens steigt. A Killer Romance hat keine Ecken, keine Kanten, will nicht wirklich ambivalent sein und redet sich aus allem raus. Vielleicht ist das der Grund, warum dieser Film als diplomatische Komödie nicht wirklich von Belang scheint. Man mag sich unterhalten, doch man mag auch emotional wenig gefordert sein. Linklater lässt es plätschern, das Publikum relaxt derweil am Ufer des glatt dahinströmenden Erzählflusses.

A Killer Romance (2023)

Ich – Einfach unverbesserlich 4 (2024)

GIRL, YOU KNOW IT’S GRU

6,5/10


© 2024 Illumination / Universal Pictures


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2024

REGIE: CHRIS RENAUD

DREHBUCH: MIKE WHITE, KEN DAURIO

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): STEVE CARELL, KRISTEN WIIG, WILL FERRELL, JOEY KING, STEVE COOGAN, DANA GAIER, MIRANDA COSGROVE, CHRIS RENAUD, SOFIA VERGARA, STEPHEN COLBERT U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Diese Figur erkennt man aufgrund seiner Physiognomie allein schon aufgrund ihres Schattens, den sie wirft: Gru, Ex-Superschurke mit osteuropäischem Akzent – stelzige Beine, breiter Oberkörper und zum Wendehals nicht geeignet, da ihm dieser sichtlich fehlt. Zwischen Kinn und Brust wickelt sich ein Schal, das Haupt selbst glänzt durch Abwesenheit einer Haarpracht. Der grimmige erste Eindruck von jemanden, dem man naturgemäß keinen Gebrauchtwagen abkauft, täuscht. Der Mann hat sich über vier Teile hinweg (eigentlich fünf, wenn man das Minion-Sequel hinzuzählt) daran abgearbeitet, ein besserer Mensch zu werden. Unverbesserlich war gestern, mittlerweile ist Gru verantwortungsbewusster Teil einer sechsköpfigen Familie, deren Mädels niemals älter werden und schon mehr in ihren jungen Jahren erleben mussten, als James Bond in seiner ganzen Laufbahn auf seine Habenseite brachte. Finsterlinge en masse haben in diesem Universum immer den Kürzeren gezogen, durch den Wink des gutmeinenden Schicksals und einer von Moral durchdrungenen Welt, in welcher der Anstand über dem Wahnsinn diverser verrückter Professoren regiert, die apokalyptische Gerätschaften aus dem Boden stampfen, um alles in Schutt und Asche zu legen.

Einer dieser Unholde ist Grus Jugendfeind Maxime Le Mal, der im Rahmen eines Klassentreffens an der Schurkenschule Lycée Pas Bon damit prahlt, als Mensch-Kakerlake die Weltherrschaft zu erlangen. Gru, der nun für die Anti-Verbrecher-Liga, kurz AVL, seinen Beitrag leistet, kann den Fiesling zwar dingfest machen, doch dieser lässt kurzerhand das Gefängnis hinter sich, um Rache zu üben an seinem Erzfeind, indem er ihm den jüngsten Spross der Familie, Gru Jr., entwenden will. Um dieser Bedrohung zu entgehen, landet die ganze Familie mit neuen Identitäten im langweilig schönen Städtchen Mayflower – wo längst ganz andere Individuen danach trachten, perfide Dinge zu drehen.

In diesem Zickzackkurs zwischen Minion-Upgrade, welches die Fantastic Four parodiert, familiärer Troubles und dem Erstarken eines psychopathischen Kakerlaken-Dompteurs im schleimfreien David Cronenberg-Bodymix tänzelt das nicht sonderlich originelle neue Abenteuer im freudvollen Pharrell-Williams-Hüpfschritt durch eine zerfranste Geschichte, die für einen Film wie diesen unerwartet viele Schauplätze hat und bisweilen so wirkt, als wäre man über das Regiekonzept für eine Serienstaffel gestolpert. Den Minions geht dabei ordentlich die Luft aus. Sie kalauern zwar in quietschendem Schabernack-Modus situationskomisch durch die wie immer supergrell überzeichnete Agentenfilm-Parodie, hecheln aber einem formidabel ausgeschlafenen Gru zeitweise nur noch hinterher. Da mögen die Superminions diesmal ihre Spaß-Munition ins Nichts verschossen haben, während die unverbesserliche Spitznase die meisten Lacher auf ihrer Seite hat. Der Umstand ist ebenfalls situationskomischer Natur, die groteske Gestalt des Anti-Helden eignet sich einfach perfekt dazu, diesen wie einst Inspektor Clouseau oder Johnny English effektvoll in diverse Fettnäpfchen treten zu lassen. Es macht Spaß, Gru dabei zuzusehen, wie er beharrlich versucht, seinem frechen Baby-Bengel näherzukommen. Es ist die Chronik einer Vater-Sohn-Beziehung, der Chris Renaud am meisten Aufmerksamkeit schenkt – und als Sidestory, die sich folglich mit dem eigentlichen roten Faden vermengt, viel Herzlichkeit beweist.

Ich – Einfach Unverbesserlich 4 erfüllt die Erwartungen, die Kenner wohl haben werden – vom Kind bis zum kindlichen Erwachsenen, der dem turbulenten, liebevoll charakterisierten Action-Klamauk schon von der ersten Stunde an einiges abgewinnen konnte. Die Minions sind diesmal hauptsächlich nur Beiwerk, aber das sollen sie ja auch sein, schließlich haben sie ihre eigenen Filme, und zu viel der gackernden Albernheiten mögen einen sonst so bekömmlich erscheinen wie eine magenfüllende Mahlzeit im Süßwarenladen. Am Ende gibt’s gar ein Wiedersehen mit alten Bekannten, und fast hat man den Eindruck, mit dem vierten Teile wird es das wohl gewesen sein. Und wenn: Als würdiger Abschluss lässt sich der dritte Aufguss durchaus verbuchen, ohne allzu sehr bei sich selbst geklaut zu haben.

Ich – Einfach unverbesserlich 4 (2024)

Sasquatch Sunset (2024)

BIGFOOT OHNE HENDERSONS

5,5/10


sasquatchsunset© 2024 Protagonist Pictures

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DAVID & NATHAN ZELLNER

DREHBUCH: NATHAN ZELLNER

CAST: RILEY KEOUGH, JESSE EISENBERG, NATHAN ZELLNER, CHRISTOPHE ZAJAC-DENEK

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Allen ernüchternden Ausreden zum Trotz und auch obwohl es keine eindeutigen Beweise dafür gibt, da ja schließlich sein kann, dass der Kerl auf dem verwaschenen Video aus den späteren Sechzigerjahren einfach nur ein Mensch in einem Kostüm war, bin ich, einfach aus Liebe zum Thema, fest davon überzeugt: Bigfoots oder Sasquatchs gibt es wirklich. Denn wer kann schon behaupten, all diese ausgedehnten Wälder Nordamerikas wirklich gründlich erforscht zu haben? In diese botanische Tiefsee bettet sich eine primitive, dürftig intelligente Spezies, die rein zur Selbsterhaltung den Dreh insofern raushat, nicht entdeckt zu werden. Wie diese Wesen wohl die Welt sehen? Ob sie wissen, dass sich eine andere Spezies, eben Homo sapiens, die Erde längst untertan gemacht hat? Oder ist unsere Existenzblase aus ihren Augen ebenso eine mythenumrankte Möglichkeit, eine Legende, der man nicht unbedingt auf den Zahn fühlen muss, weil es eben sein kann, dass sich danach vieles vielleicht auch zum Schlechten ändert?

David und Florian Zellner, bislang eingefleischten Westernfans vielleicht bekannt dank ihres feministischen Westerns Smoking Gun mit Mia Wasikowska und Robert Pattinson, haben mit Sasquatch Sunset den Spies umgedreht und eine namenlose pelzige Primatenfamilie ins nordkalifornische Humboldt County geschickt, um die Welt aus ihren Augen für uns Fortschrittsmenschen erfassbar zu machen. Man darf davon ausgehen, dass diese Sasquatchs wohl nicht einer alphabetischen Sprache mächtig sind. Sie grunzen und brummen, alles Übrige drückt sich durch Gestik und Mimik aus. Es sind vier Individuen, ein älteres Männchen, ein jüngeres Männchen, ein Weibchen und ein noch nicht ganz ausgewachsenes, kindliches Exemplar. Wie die Verwandtschaftsverhältnisse wohl zueinander sind, wird wohl nie ganz klar. Das älteste Männchen und somit auch deren Anführer ist stets drauf und dran, mit dem Weibchen zu kopulieren, doch dieses hat nur Augen für den Jüngeren. Der Alte ist aber immerhin so weit in seinem Denken fortgeschritten, dass er andauernd versucht, Dinge zu zählen, ob Beeren an einem Strauch oder die Sterne am nächtlichen Himmel. So ziehen diese vier durch die Wälder, man möchte meinen, wir wären in einem Land vor unserer Zeit, wie Jean-Jacques Annaud dies mit Am Anfang war das Feuer bereits ebenfalls ohne Worte verfilmt hat. Die Natur ist ihre Welt, instinktive Bedürfnisse und Triebe dominieren das Dasein. Und dann passiert das: Der Alte lehnt sich zu weit aus dem Fenster des Abenteuers, berauscht sich mit Pilzen und Beeren und landet auf dem Speiseplan eines Pumas. Drei bleiben über, und auch sie müssen mit den Tücken der Natur klarkommen. Und nicht nur das: Es scheint, als gäbe es da noch eine andere Spezies, die seltsame Spuren hinterlässt, mit denen die Sasquatchs wenig anfangen können.

Zellners Film ist eine Hommage und eine Huldigung auf jene, die nicht die geringste Lust verspüren, sich zu offenbaren. Als kultisch verehrte Bigfoots geben sich Riley Keough und Jesse Eisenberg im Ganzkörper-Fursuit und mit mühsam applizierten Gesichtsmasken die Ehre, bei genauer Betrachtung unterscheidet sich die Qualität des Make-Ups wohl kaum von jener, die bereits damals in den Sechzigern für den Planet der Affen zum Einsatz gekommen war. Aus Budgetgründen wurde wohl von Motion und Facial-Capture abgesehen. Doch Sasquatch Sunset hat gar nicht den Anspruch, technisch State-of-the-Art sein zu müssen. Die analogen Kostüme haben ihren Reiz, die offensichtliche Künstlichkeit der Visagen verleihen diesem in freier Natur gedrehten Drama etwas Kunstbewusstes, nämlich den leisen Status eines aktionistischen filmischen Denkmals, das als Installation in einem Museum of Modern Art gut und gerne im Endlosloop laufen könnte.

Es ist dies die Zeitspanne eines Jahres, die gezeigt wird, inhaltlich viel zu entdecken gibt es dabei nicht, daher lässt sich Sasquatch Sunset auch nur szenenweise betrachten, ohne das große Ganze unbedingt im Auge behalten zu müssen. Eigenwillig ist das ganze Experiment aber trotzdem. Für einen richtigen Spielfilm ist es gar zu wenig, als Kurzfilm hätte Zellners Blickwinkelspiel genauso funktioniert. Romantisiert und weichgezeichnet wird, um auch jüngere Semester für dieses Machwerk zu interessieren, allerdings gar nichts. Sex und Tod und die Ausscheidungen des Körpers schmeicheln dem Ideal eines kryptozoologischen Wunders gar nicht. Will man diese Wesen denn so sehen, in all ihren Unzulänglichkeiten? Oder doch lieber Mister Link aus den Aardman Studios? Wie wäre es mit Bigfoot und die Hendersons? Diesen sind wir längst gewohnt. Da erscheinen die Individuen aus Zellners Machwerk geradezu sperrig und ungefällig.

Der nette Gag am Ende des Films, der munter so weiterlaufen könnte bis zum Tag ihrer endgültigen evidenten Entdeckung, ist zwar ein netter Schlusspunkt, doch die nagende Überlegung, man hätte den ereignislosen Alltag weniger lang breitgetreten und stattdessen mehr das Drama zwischen Legende und Entdeckung in den Fokus genommen, vereint sich mit dem unbefriedigenden Gefühl, etwas verpasst zu haben. Sasquatch Sunset ist wie ein verwackeltes Found Footage-Video: Wieder fehlt das gewisse Etwas, das alles hätte beweisen können.

Sasquatch Sunset (2024)

Alles steht Kopf 2 (2024)

DAS HÄLT MAN JA IM KOPF NICHT AUS

8/10


INSIDE OUT 2© 2023 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: INSIDE OUT 2

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: KELSEY MANN

DREHBUCH: MEG LAFAUVE, DAVE HOLSTEIN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): AMY POEHLER, PHYLLIS SMITH, TONY HALE, LEWIS BLACK, LIZA LAPIRA, MAYA HAWKE, AYO EDEBIRI, ADÈLE EXARCHOPOULOS, PAUL WALTER HAUSER, KENSINGTON TALLMAN, DIANE LANE, KYLE MCLACHLAN U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): NANA SPIER, PHILINE PETERS-ARNOLDS, OLAF SCHUBERT, HNS-JOACHIM HEIST, TANYA KAHANA, DERYA FLECHTNER, OLIVIA BÜSCHKEN, JESSICA WALTHER-GABORY, BASTIAN PASTEWKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Wie bringt man so etwas Abstraktes wie die Vielfalt der eigenen Emotionen in die Gussform einer Coming of Age-Story, die hauptsächlich nur zeigt, was in einem Menschen vorgeht, insbesondere eines jungen Menschen, der mit all diesen Gefühlen erstmal auf Kennenlernkurs gehen und sich dann selbst als Person und Charakter definieren muss? Hinzu kommen Werte, Überzeugungen und Glaubenssätze, dunkle Geheimnisse, verdrängte Erinnerungen. Alles, was das Gehirn als ein Wunderding chemischer Prozesse und als Antwort auf die Außenwelt, die einen formt, produziert? Am besten verlässt man sich da auf Pixar. Denn Pixar bringt interagierende Emotionen als Bilderbuch auf Schiene, gibt Freude, Kummer, Ekel, Angst und Wut eine knuffige Gestalt, mit der sich das Publikum leicht identifizieren kann, weil sie liebenswert erscheinen, auch wenn sie etwas verkörpern, dass uns gut und gerne verstimmt. Pixar hat sich darin bewährt, Abstraktes greifbar zu machen und ein komplexes System in seinem Workflow so weit zu simplifizieren, dass es selbst die Jüngeren (aber nicht die ganz Jungen) verstehen. Was da abgeht, verstehen nicht mal wir Erwachsenen, umso hilfreicher sind Filme wie Alles steht Kopf, die uns auf spielerische Weise verdeutlichen, womit wir tagtäglich zu ringen haben.

Ein junger Mensch taucht in seine Gefühle ein wie ein Pionier, der eine Landmasse neu entdeckt. Die eingangs erwähnten Emotionen sind allesamt noch da, sie sind nach wie vor chaotisch, finden aber einen gewissen Rhythmus in ihrem Tun. Bis eben die Pubertät im Alarmstufe Rot-Modus alle aus dem geordneten Schlaf holt. Die Stunde des Erwachsenwerdens hat geschlagen, die nun dreizehnjährige Riley erfährt zum ersten Mal in ihrem Leben, wie es ist, zu sich selbst zu stehen und ihr Tun zu hinterfragen. Sie beginnt, an die Zukunft zu denken und Prioritäten zu setzen, sie setzt sich dem sozialen Biotop eines Eishockey-Camps aus und biedert sich einer bewundernswerten Clique an, während ihre beiden langjährigen Freundinnen, die noch dazu nächstes Jahr an eine andere Schule wechseln, sehen müssen, wo sie bleiben. In Rileys Kopf entern nun ganz andere, neue Emotionen die Schaltzentrale – vor allem der Zweifel gibt den Ton an, begleitet von Neid, Gleichmut und Peinlichkeit. Grandios: als fünfte Emotion im Schlepptau gibt sich die Nostalgie als schicke alte Oma ein Stelldichein. Was dann passiert, ist fast schon mit einem Putsch der Gefühle zu bezeichnen, die Klassiker werden verdrängt und landen im Hinterstübchen, der Zweifel beginnt, ohne es zu wollen, Rileys Persönlichkeit zu ändern und zu verleugnen.

Was Zweifel mit einem machen, stellen Drehbuchautorin Meg LaFauve (dier schon am ersten Teil mitgeschrieben hat) und Kelsey Mann auf eine Weise dar, die klüger nicht sein könnte. Pixar übertrumpft mit seinem Sequel noch bei weitem das Original, die surreale Hirnlandschaft eines Mädchens wird abermals zu einer abenteuerlichen Terra incognita mit bekannten Ecken, aber auch neuen „Naturkatastrophen“ wie dem Sarkasmusgraben oder den zeppelingroßen Ballons, die die mögliche berufliche Zukunft Rileys darstellen. Ideen wie diese sind Gold wert, mit viel Bedacht bringt Alles steht Kopf 2 diese irreale und doch so reale Welt zum Beben und Leben, alles hat seinen Platz, seine Funktion, seinen Sinn.

Natürlich folgt Kelsey Manns Film der fast schon generischen Problemwelt eines Mädchens, all das kennen wir aus Schulfilmen von John Hughes und vielen ähnliche Serien wie Wunderbare Jahre. Das alles ist nicht neu, fast schon psychosoziales Lehrbeispiel – doch durch diesen Dreh, mit dem das Innere sichtbar wird – diese Welt aus Gedanken, zuckenden Synapsen und schwer kontrollierbaren Emotionen – gerät Alles steht Kopf 2 so packend wie ein Psychothriller, so fordernd wie eine Therapiesitzung und ist tatsächlich auch imstande, Gänsehaut zu erzeugen. Klarerweise müssen die Verantwortlichen auch darauf achten, den sehr jungen Part ihrer Zielgruppe nicht aus den Augen zu verlieren – manch infantile Momente wirken daher wie im falschen Film, den Kleinen dürfte es aber gefallen. Von mir aus, in Kauf genommen, schließlich ist alles andere auf den Punkt inszeniert und animiert, mit Alles steht Kopf 2 hat das Team von Pixar schließlich wieder jenen Tiefgang erreicht, den es zuletzt mit Soul hatte. Darin, das Formlose sichtbar werden zu lassen und neue Welten zu erforschen, liegt die Stärke dieses Studios. Beim nächsten Mal, ich ahne es schon, könnte die Liebe ins Spiel kommen. Das Beste wäre aber, Riley ihr ganzes Leben lang zu begleiten. Denn jede Phase davon wäre ein Film wie dieser wert.

Alles steht Kopf 2 (2024)

The Palace (2023)

ES LEBE DIE SKALPELLGESELLSCHAFT

4,5/10


thepalace© 2023 Weltkino Filmverleih


LAND / JAHR: ITALIEN, SCHWEIZ, POLEN, FRANKREICH 2023

REGIE: ROMAN POLANSKI

DREHBUCH: EWA PIASKOWSKA, ROMAN POLANSKI, JERZY SKOLOMOWSKI

CAST: OLIVER MASUCCI, MICKEY ROURKE, JOHN CLEESE, JOAQUIM DE ALMEIDA, FANNY ARDANT, MILAN PESCHEL, LUCA BARBARESCHI, IRINA KASTRINIDIS, DANNY EXNAR, SYDNE ROME, ALEXANDER PETROW, BRONWYN JAMES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Von wegen reich und schön. Roman Polanski hat fast alles dafür getan, um seinen winterlichen Perchtenlauf missglückter Schönheits-OPs zu perfektionieren. Doch leider hat er Harald Glööckler vergessen. Er hätte in diesen Reigen der Monstrositäten gut hineingepasst, stattdessen aber lässt der Regie-Veteran den ehemaligen Sexiest Man Alive, nämlich Mickey Rourke, über den großen Teich fliegen, nur um ihm mitzuteilen, er hätte vergessen, seine Suite zu reservieren. Diese traurige Mitteilung muss ihm einer wie Oliver Masucci machen. Dieser Herr übrigens darf sich am Silvesterabend des Jahres 1999 als Hotelmanager Hansueli Kopf den Bedürfnissen seiner zahlungsfreudigen Gäste annehmen, die von überallher hineinschneien. Alle sind sie hier versammelt, die Janine Schillers dieser Welt, die aufgrund einer dismorphen Eigenwahrnehmung immer noch von sich behaupten, schöner zu sein als je zuvor. Hat man sich mal mit Erschrecken von diversen derben Konterfeis abgewandt, tanzt der urinblonde Mickey Rourke mit Trump-Teint und ebensolcher Frisur durch die noblen Räumlichkeiten des Palace, während anderswo Fanny Ardant unter groteskem Make Up den Duftwolken einer Notdurft erliegt, die ihr kleiner Vierbeiner auf den schneeweißen Bettlaken hinterlassen hat.

Anekdoten wie diese und noch viel mehr geben sich in Polanskis Groteske um schnöselige Begehrlichkeiten die goldene Türklinke in die Hand. Sogar ein Pinguin hat seinen Auftritt – ein Geschenk des milliardenschweren Tattergreises Arthur William Dallas III (John Cleese) an seine um Generationen jüngere Gemahlin. Auch Milan Peschel taucht auf, und der Portugiese Joaquin de Almeida (Warrior Nun), der die meisten der entsetzlichen Visagen auf dieser Party zu verantworten hat. Polanski gestaltet die abendfüllende „Extended Version“ einer Hotellerie-Soap wie Ein Schloss am Wörthersee, nur ohne Roy Black, Peter Alexander und Telly Savalas. Im Grunde aber ist The Palace das gleiche. Grotesker als bereits zu Anfang wird es niemals werden, die einzelnen kleinen Episoden, die, ineinander verflochten, zumindest den Anspruch haben, sich selbst auszuerzählen, verlieren den Drang, entsprechend zu eskalieren. Mit der Furcht vor dem Millennium-Bug weiß Polanski diesmal nicht viel anzufangen, der Jahreswechsel behält seine chaotische Routine, und wirklich brandaktuell bleibt nur die im Fernsehen ausgestrahlte Machtübergabe von Boris Jelzin an den guten alten Putin, der mittlerweile schon ein Vierteljahrhundert regiert. Ein Seitenhieb auf eine verkappte Diktatur? Natürlich ist es das. Doch auch nicht mehr. Seitenhiebe lassen sich an einem Abend wie diesen gut verteilen, doch das Problem an der Wurzel packen ist lieber eine Herausforderung für einen wie Ruben Östlund, der in Triangle of Sadness eine ähnlich arrogante Entourage vorführt, auffliegen lässt und entlarvt. Polanski tut das nicht. Er lässt sein neureiches Völkchen in ihrem Glauben, das Richtige zu tun. Er nimmt ihnen nicht die Gewissheit, so schön und begehrlich zu sein wie nie zuvor. So reich und souverän und wohlgebildet. Womöglich hat sich Polanski dieser Klientel immer verbunden gefühlt, womöglich sieht er sich selbst als einen der Gäste in diesem Parkour aus Herzinfarkten, Geldkoffern und einer Überdosis Kaviar. The Palace schreckt auch nicht davor zurück, in grellen Bildern den farbenfrohen Irrsinn in klinischer Genauigkeit zu betrachten. Manchmal möchte es einen ekeln, manchmal kann man gar nicht wegsehen, wenn so entstellte Gesichter alles Erdenkliche bekommen, was sie verlangen.

Wes Anderson hat in seiner Hotelkomödie The Grand Budapest Hotel ganz andere, viel kauzigere und eremitischere Geschichten erzählt. Sein Werk birgt die Virtuosität eines Thomas Mann’schen Zauberbergs, während The Palace als klamottige Momentaufnahme in marktschreierischer Optik allerlei Kurioses betrachtet, ohne näher darauf einzugehen. Was uns Polanski sagen will? Nichts, außer Guten Rutsch.

The Palace (2023)

Yannick (2023)

KUNSTGENUSS ALS GEISEL-WORKSHOP

6,5/10


Yannick© 2023 MUBI


LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: QUENTIN DUPIEUX

CAST: RAPHAËL QUENARD, PIO MARMAÏ, BLANCHE GARDIN, SÉBASTIEN CHASSAGNE, FÉLIX BOSSUET U. A.

LÄNGE: 1 STD 7 MIN


Es kann der Frömmste nicht in Frieden den Theaterabend genießen, wenn’s dem Nörgler aus der zehnten Reihe nicht gefällt. Was also tun, wenn sich so mancher Soziopath, der sich unters Publikum gemischt hat, dazu erdreistet, allen anderen im Saal die eigene Auffassung von gutem Geschmack aufzuzwingen? Oder, anders – und etwas kulturphilosophischer formuliert: Befindet sich das zahlende Publikum eines Bühnenabends denn eigentlich in Geiselhaft des Stücks und seiner darstellenden Künstler? Sieht sich dieses vielleicht nicht doch dazu gezwungen, einen ganzen Abend, der schlimmstenfalls nicht mal gefällt, einfach abzusitzen, denn sonst verlöre es ja den Wert dessen, was gegen Bezahlung aufgewogen wurde? Es braucht schon ein gewisses autorevolutionäres Durchsetzungsvermögen, dem eigenen inneren Schweinehund, der andauernd der Meinung ist, dass nichts umsonst sein darf, Paroli zu bieten und während der Vorstellung das Auditorium um die eigene Wenigkeit zu erleichtern. Richtig radikal wird’s dann, wenn das nicht heimlich passiert. Und zu absurdem Theater wird’s dann, wenn Surrealist Quentin Dupieux, die dem großen Salvador Dali verwandte Seele, einen völlig verpeilten Klugscheißer namens Yannick aus seinem Sitz erheben lässt, um allen durch die Parade zu fahren. Denn an diesem gerade mal etwas über eine Stunde laufenden Abend gibt man in einem kleinen Pariser Stadttheater den klassisch-frivol-witzigen Content einer Boulevardkomödie, die sich natürlich um Liebeleien, Liebschaften und Beziehungen dreht. Es ist ein verbales Hickhack, vollgepackt mit leidlich treffsicherem Humor, doch im Wesentlichen Routine. Diese an der Laune Yannicks nagende Langeweile findet sein Ventil darin, den Fortgang eines womöglich lauen Bühnenevents gründlich zu stören. Und da steht er nun, mitten am Parkett und schwadroniert über seine Sicht der Dinge, über seine Meinung, die plötzlich die gewichtigste der ganzen Welt ist, während ihn das Schauspieltrio nur verdutzt anblickt. Als es dann zumindest gelingt, den Störenfried aus dem Saal zu treiben, ist das erst der Anfang. Yannick wird zurückkehren, doch diesmal bewaffnet.

Als Abschlussfilm der letztjährigen Viennale ist Dupieux‘ geradezu harmlose Fingerübung der ideale Digestiv nach allerlei anspruchsvollen Happen. Nicht hochprozentig, die Verdauung anregend, doch im Vergleich zu anderen Filmen, die Dupieux im Alleingang vom Stapel lässt, so einlullend wie ein flauschiges Kissen. Yannick macht keinerlei Anstalten, die erschaffene Realität seiner Geschichte zu stören, wie einst in seinem surrealen Polizeifilm Die Wache. Ernüchternd konstant bleibt die boulevardeske Geiselkomödie dramaturgischen Konventionen treu, und einzig die bizarre Situation, die allerlei Fragen zu Kunst- und Kulturakzeptanz aufwirft, nähert sich eher zaghaft der wilden Experimentierfreudigkeit des Franzosen, der bereits killende Autoreifen und Lederjacken auf die Menschheit losgelassen hat. Yannick ist da trotz Herumfuchtelns mit einer Waffe keine Nemesis, allerdings aber eine im Kosmos des Theaters mächtige Instanz, die die Freiheit der Kunst der eigenen Gefälligkeit opfert. Übertragen lässt sich dieses Spiel mit Zensur, Gehorsam und willkürlichem Regelterror auch auf eine gesellschaftspolitische Ebene. Die Freiheit der Kunst kann nur mittragen, wer ganz gut damit leben kann, dass diese auch nicht gefällt. Sie deshalb abzuschaffen oder gar umzuändern, wird zur Diktatur des Volkes. Doch was heisst des Volkes: Des einzelnen, denn nur ein einzelner, nämlich Yannick, hat einen Abend lang die Macht, alles zu verändern. Da ist es egal, wie intellektuell, dumm oder sonst wie er auch sein mag. Es ist die Überschätzung der eigenen Wichtigkeit.

Am Wortwitz, der Liebe zum Absurden Theater eines Eugene Ionesco und an den straff gesetzten Dialogen lässt Quentin Dupieux nichts zu wünschen übrig. Seine Freude daran, Chaos zu stiften und aus der überschwappenden Anarchie auf viel zu selten hinterfragte Theaterdogmen erwächst ein ganz eigenes Bühnenexperiment, dem man mit einer ähnlich verstört-belustigten Vorsicht folgt, als wäre man selbst einer der Zuschauer, und wüsste nicht, ob, das, was da abgeht, nicht Teil des Stückes selbst ist. Mit diesen Dimensionen legt sich Dupieux aber nicht an. Vielleicht hat er das schon zu oft getan, um nochmal darauf zurückzugreifen. Viel lieber ist ihm diesmal die Extremsituation eines verheerenden Ex temporae, hervorgerufen durch den Ungehorsam eines Einzelnen.

Ist es also unerhört, die eigene Meinung zu sagen? Ganz richtig – vor allem dann, wenn sie keiner hören will. Yannick dient dabei als kurze, knappe, fix auf einer Metaebene befindliche Aufforderung, die wahre Not der eigenen Befindlichkeit zu reflektieren. Wo gelingt das besser als dort, wo subjektive Wahrnehmung alles ist.

Yannick (2023)

Argylle (2024)

COME ON, LET´S TWIST AGAIN!

6,5/10


Argylle© 2024 Apple TV+


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE: MATTHEW VAUGHN

DREHBUCH: JASON FUCHS

CAST: BRYCE DALLAS HOWARD, SAM ROCKWELL, HENRY CAVILL, BRYAN CRANSTON, CATHERINE O’HARA, SAMUEL L. JACKSON, JOHN CENA, ARIANA DEBOSE, DUA LIPA, SOFIA BOUTELLA, RICHARD E. GRANT, TOMIWA EDUN, STANLEY MORGAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Bryce Dallas Howard hat längst bei mir einen Stein im Brett. Das liegt wohl weniger daran, dass die Tochter des Regie-Veteranen Ron Howard in den letzten Jurassic World-Filmen allerhand Abenteuer überstehen hat müssen. Das liegt für mich als Star Wars-Fan der ersten Stunde wohl daran, dass die Dame verantwortlich zeichnet für die eine oder andere Episode des Mandalorian und sie somit ihre Liebe für das epische Franchise bewies. Weit weg von Science-Fiction und Dinosauriern, aber immer noch im Bereich unmöglicher Fiktion, darf Howard in Matthew Vaughns neuem Film, der hierzulande in Österreich nicht mal in den Kinos lief, zu einer Art Joanne K. Rowling des Spionageromans werden – zu einer freundlichen, etwas biederen, aber ideenreichen Autorin namens Elly Conway, die gerne Lesungen gibt und einen Roman nach dem anderen zum Bestseller werden lässt. Argylle nennt sich ihr Superagent, im monochrom-futuristischen Zweiteiler und mit einem Bürstenhaarschnitt, der an die Frisuren der Achtziger gemahnt. In diese dankbare Rolle schlüpft Henry Cavill, diesmal glattrasiert und mit Sinn für Humor und Selbstironie. Ihm zur Seite steht einer wie John Cena im Hawaiihemd – beide erleben ein Abenteuer, das tatsächlichen Ereignissen frappant ähnelt. Was zur Folge hat, dass eine Geheimorganisation namens Division, angeführt von „Walter White“ Bryan Cranston, hinter ihr her ist. Oder besser gesagt, hinter Agent Aidan Wilde, gespielt von Sam Rockwell, der zu wissen glaubt, warum Conways Geschichten so authentisch klingen. Seine Aufgabe ist es nun, die Autorin, die nicht weiß, wie ihr geschieht, vor den Zugriffen der sinistren Bande zu schützen.

Man weiß, wie Agentenfilme ablaufen. Alle Klischees, Versatzstücke und Stereotypen sind seit James Bond, der Dr. No gejagt hat, hinreichend bekannt. Und parodiert wurde das Ganze auch schon. Ob Mike Myers grenzdebile Austin Powers-Reihe, Rowan Atkinson als Johnny English oder Jean Dujardin Als Agent 0SS 117 – im Grunde wäre alles schon gesagt, alles durch den Kakao gezogen und alle Plot-Holes bereits verlacht: Matthew Vaughn legt zwar nicht unbedingt eins drauf, und erfindet das Rad auch nicht neu, parodiert aber in erster Linie jenes Must Have des Genres, das als Plot-Twist die Handlungen in neue Richtungen lenkt. Statt Vaughn selbst hat Jason Fuchs das Drehbuch verfasst, dieses wiederum beruht auf einem Roman, dessen Pseudonym tatsächlich Elly Conway lautet – der Verdacht, Taylor Swift hätte das ganze geschrieben, löste sich aber bald in Luft auf. Mit diesem Stoff, so Vaughn, könnte man den Agentenfilm in neue Dimensionen befördern. In Wahrheit aber ist Argylle vor allem eins: ein Twist-Gewitter ohne Rücksicht auf Verluste oder gar inhaltlicher Notwendigkeiten, die zu diesen Wendungen führen. Das macht aber nichts, in Filmen wie Argylle muss nicht alles hinterfragt werden, denn zum Glück nimmt weder das ganze Start-Ensemble des Films als auch Matthew Vaughn auch nur im Entferntesten die Sache ernst. Ob es Apple dabei genauso geht, in Anbetracht des mageren Einspielergebnisses an den Kinokassen? Dies mag der Grund dafür sein, dass der Konzern den Film in manchen Ländern gleich direkt streamen lassen wird. Ob es Fortsetzungen geben wird? Auch das ist fraglich.

Dem Unterhaltungswert der turbulenten Actionkomödie, die im Universum von den Kingsmen angesiedelt ist und im Minutentakt die Karten neu mischt, tut das eigentlich keinen Abbruch. Argylle ist pures, knallbuntes Zickzack-Entertainment ohne Tiefgang, dafür aber rasant, kurzweilig und so heillos übertrieben, dass es manchmal richtig weh tut. Als PR-Vehikel für den unlängst ausgegrabenen Beatles Song Now and Then könnte die eigentliche Legitimität des Films beinhalten – und zugegeben, die Einarbeitung in den Score gelingt. Katzenliebhaber kommen ebenfalls auf ihre Kosten, denn Elly Conways Stubentiger, halb animiert, halb Live-Act, ist stets mit dabei. Der Rucksack mit dem Bullauge, in dem das Haustier herumgetragen wird, hat das Zeug zum Kult-Accessoire.

Argylle (2024)

The Kill Room (2023)

KUNST KOMMT VON KILLEN

5,5/10


thekillroom© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: NICOL PAONE

DREHBUCH: JONATHAN JACOBSON

CAST: UMA THURMAN, JOE MANGANIELLO, SAMUEL L. JACKSON, MAYA HAWKE, DEBI MAZAR, DREE HEMINGWAY, JENNIFER KIM, LARRY PINE, MIKE DOYLE, MATTHEW MAHER, MARIANNE RENDÓN U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Ganz ehrlich. Filme, die sich mit Kunst als soziologisches Phänomen, dem Kunstverständnis und dem Kunstmarkt beschäftigen, schmecken mir. Filme, die Kunstkennern und solchen, die es gerne sein möchten, die Hosen runterziehen, unterhalten mich prächtig. Es sind Filme, die es zustande bringen, Begriffe von Kunst, Können und den Wert von Dingen, der von gesellschaftlichen Faktoren abhängig ist, zu hinterfragen und dem neureichen Establishment, dass sich gerne in den Mittelpunkt drängt, ohne einen driftigen Grund dafür zu haben, einen Spiegel vorhält. Jene, die sich darin sehen, erkennen wie der Kaiser ohne Kleider viel zu spät, dass hinter all diesem Scharwenzeln nichts steht außer leere Luft, die teuer verkauft werden kann, wenn es das Prestige verlangt.

Bestes Beispiel sind NFTs. Da frage ich mich natürlich, ob das Ganze nicht als Realsatire konzipiert gewesen war – als Vorführvehikel für sinnlos reiche Nimmersatte, die alles besitzen wollen, was Wert hat. Auch wenn es nur kopierte Pixel sind. Marcel Duchamp – ein Künstler, den ich gerne zitiere und der das Kunstverständnis so richtig persifliert hat – erklärte diverse Alltagsgegenstände in Form von Ready-mades zu Kunstwerken. Warum auch nicht. Es kommt immer drauf an, wer daran glaubt. Oder anders gefragt: Wer ist der größere Tor? Der Tor oder der der ihm folgt?

Solcherlei Widersprüchlichkeiten aufzubrezeln, macht einen Heidenspaß. Yasmina Reza hat mit ihrem Theaterstück Kunst die kritische Betrachtung auf diese erst so richtig salonfähig gemacht. The Burnt Orange Heresy mit Donald Sutherland als fintenlegenden Künstler, der die Gesellschaft manipuliert, ist ein unter dem Radar laufender, aber phänomenaler Geheimtipp zu diesem Thema. Ruben Östlund mit seinem Cannes-Sieger The Square ging sogar noch weiter und bezog in seiner Abhandlung über Kunst und Schickimicki noch den Sozialfaktor mit ein. In Die Kunst des toten Mannes quälen sich Kunstkenner, Kunstkritiker und Galeristen mit dem Verbotenen, wobei The Kill Room gerade zu letzterem gewisse Analogien aufweist. Hier kommt Kunst nicht von Können, sondern von Killen – denn Joe Manganiello, sonst eher bekannt dafür, in Magic Mike die Hüllen fallenzulassen, ist in dieser wortreichen Thrillerkomödie einer namens Reggie Pitt, der fürs Syndikat andere über die Klinge springen lässt. Das wissen natürlich die Wenigsten, doch am ehesten weiß das der jüdische Bäcker Gordon Davis, selbstredend verkörpert vom Vielfilmer Samuel L. Jackson, den man immer wieder gerne sieht, egal, welche noch so verschwindende Rolle diese coole Socke gerade vor den Latz geknallt bekommt. Dieser Gordon Davis also, der verdient sich sein Geld nicht in erster Linie mit Backwaren, sondern mit gut bezahlten Kills, die er vermittelt. Was macht man mit so viel Geld, wenn man wie Walter White aus Breaking Bad gerade mal keinen Car wash-Tempel am Radar hat? Man wählt den Kunstmarkt, denn dort können Bilder ja astronomisch viel kosten, ohne das irgendwer die Sache hinterfragen würde.

Gesagt getan – und Patrice Capullo (Uma Thurman), ein bislang eher erfolgloses Mauerblümchen in der Branche, trumpft ganz plötzlich mit den Bildern eines gewissen Bagman auf, die sich über Nacht für Unsummen verkaufen. Das macht die gesamte Kunst-Entourage natürlich hellhörig. Und so bestimmt der Preis den Wert von Kunst, und nicht die Kunst an sich. Dieser Bagman aber, das ist Reggie Pitt, der seine Mordwerkzeuge – billige Plastiksäckchen – als Ready-mades der Haute Volée unter die Nase reibt.

Der Versuch, den schwarzen Witz eines Quentin Tarantino anhand einer makabren Anekdote im Stile der Pulp Fiction-Episoden aufleben zu lassen, noch dazu mit zwei Stars aus eben diesem Film – da fehlt es an Verve und Feinschliff in den Dialogen. The Kill Room genügt sich bis zu einem gewissen Grad selbst, bleibt aber recht beschaulich, was seinen Handlungsradius betrifft. und kommt auch über ein gewisses Maß an Ehrgeiz nicht hinaus. Regisseurin und Komikerin Nicol Paone verknüpft Geldwäsche-Gaunereien mit eingangs erwähnter Kunstsatire, hat aber viel zu viel Faible für genau diese Art von Gesellschaft, die sie geflissentlich und etwas zahnlos an der Nase herumführen will. Es scheint, als würde in dieser Welt des Kill Room ohnehin jeder ahnen, dass hinter all dem nichts steckt, und dass Kunstwerke als Faksimile, ja Platzhalter für ganze Bündel an Geldscheinen fungieren, die man natürlich schlecht an die Wand hängen kann. Diesen Kapitalismus nutzen Jackson, Manganiello und Thurman für ein verzwickt-halbwitziges Täuschungsmanöver, das am Ende des Films dessen Titel natürlich auch noch miteinbezieht.

Uma Thurman sieht man an, dass sie schon länger nicht mehr vor der Kamera gestanden hat. Ihr Comeback ist jedenfalls übertrieben gekünstelt, gegen die knautschige Routine von Jackson hat sie keine Chance, dafür aber bei Manganiello, der als Figur des psychopathischen Langeweilers, der tatsächlich gar nicht mal so schlechte Kunst macht (obwohl er keine Ahnung davon hat), Schwierigkeiten dabei hat, seinen darzustellenden Charakter auch zu empfinden. Letzten Endes wünscht man sich Vincent „John Travolta“ Vega her, der wohl einen Narren daran gefressen hätte, selbst Künstler zu sein. Und Killer gleichermaßen.

The Kill Room (2023)

Dream Scenario (2023)

ÜBER NACHT ZUM STAR

7/10


dreamscenraio© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

CAST: NICOLAS CAGE, JULIANNE NICHOLSON, JESSICA CLEMENT, MICHAEL CERA, STAR SLADE, PAULA BOUDREAU, KALEB HORN, LILY BIRD, TIM MEADOWS, LIZ ADJEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In der längst zum popkulturellen Erbe zählenden Fantasy-Serie Buffy – Im Bann der Dämonen gibt es eine Episode, da träumen Sarah Michelle Gellar und ihre Clique jeweils eigene, schicksalsspezifische Träume, die eines gemeinsam haben: Einen Mann, der Käse serviert. Niemals wird aufgeklärt werden, wer das gewesen sein mag, und ungefähr ähnlich wird es wohl der breiten Masse in Kristoffer Borglis reflektierender Satire Dream Scenario ergehen, die, sie wissen nicht warum, plötzlich von einem Mann mit Bart, Glatze und langweiligem Casual Outfit träumen, der, egal wie geartet der jeweilige Traum auch sein mag, in diesen mehr oder weniger zufällig vorbeikommt und nichts tut außer das: einfach die Szenerie ergänzen, vielleicht mit ein paar Worten auf den Lippen, Laub kehrend oder an fremdartigen Pilzen schnuppernd. Kaum jemand – bis auf jene, die Paul Matthews, seines Zeichens Biologieprofessor an der Uni, persönlich kennen – würden jemals herausfinden, was es mit diesem fremden Mann auf sich hat. Und niemand würde sich als Teil einer großen Gemeinschaft ansehen, die dasselbe träumen, gäbe es nicht das Wunder der weltumspannenden Medien, die aus diesem Mysterium schnell einen Hype kreieren. Paul Matthews, Vater zweier Kinder und glücklich verheiratet, wird im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht berühmt. Diese Berühmtheit beginnt im Kleinen. Erst tauschen sich nur ein paar der Leute aus, die Teil dieses Phänomens sind, dann sind es plötzlich mehrere und dann ganz viele und dann, ja dann riechen jene den Braten, die das große Geld scheffeln wollen, sind es nun Zuschauerquoten, Likes oder Produkte, die Paul Matthews dank seiner Bekanntheit gegen gutes Geld bewerben könnte. Er wird zum größten Influencer aller Zeiten, weil er als Pionier eine Bühne betritt, die noch keiner für sich und seine Zwecke erschlossen hat. Mit dem Unterschied: Matthews will das gar nicht, Er tut nichts und wird trotzdem zum Star. Doch wie lange? Und wie sehr kann er beeinflussen, dass der Spuk vorbeigeht? Gar nicht, denn letzten Endes kommt es anders, und schlimmer, als man glauben will.

In Woody Allens zum Schenkelklopfen humoristischem Episodenfilm To Rome with Love widerfährt in einer der kuriosen Geschichten Roberto Benigni ein ähnliches Schicksal: Zuvor noch ein Niemand, der die Anonymität der Großstadt genießt, wird er eines Tages zum wohl begehrtesten Menschen auf Gottes Erden. Warum, weiß keiner. Das genaue Gegenteil bietet die französische Psycho-Dystopie Vincent Must Die. Hier passiert ähnliches, von einem Moment auf den anderen, und besagter Normalbürger muss um sein Leben rennen, egal wo er auftaucht. Hype und Shitstorm, Hofierung und Verbannung: Dream Szenario bringt beides zusammen und beobachtet dabei genau die Eigendynamik, die dabei entsteht, wenn die breite Masse die Macht hat, Personen des öffentlichen Lebens zu dem werden zu lassen, was ihren Befindlichkeiten entspricht, ohne Rücksicht auf Verluste oder kollaterale Schäden, die das Pushen und Schmähen mit sich bringen.

Soziale Anomalien waren für Kristofer Borgli schon Stoff genug für sein bizarres Drama Sick of Myself, welches die Gier nach Aufmerksamkeit zum Thema hatte. In dieser nicht minder klugen Tragikomödie wie Dream Scenario fügt sich eine mit schwachem Selbstwert ausgestattete junge Frau körperliche Schäden zu, um diese als sonderbare Krankheit zu verkaufen und in den Medien bekannt zu werden. Während hier der Drang zum Ruhm pathologische Züge annimmt, ist in Dream Scenario der Ruhm ein ungewollter Zustand, der sich nicht mal kanalisieren lässt, weil von der Masse bestimmt wird, wie er aussehen soll. In dieser Ohnmacht rudert Nicolas Cage haltsuchend mit den Armen, seine Performance ist wohlüberlegt und fern seiner üblichen Manierismen. Er gefällt sich in diesem seinem Stereotyp zuwiderlaufenden Normalo, dabei packt ihn, dem Verlauf der Geschichte entsprechend, auf skurrile Weise die Verzweiflung eines Menschen, der den Meinungen der anderen ausgesetzt ist wie ein Zebra den Raubtieren fern seiner Herde.

Zwischen gespenstischen Traumsequenzen und einer mysteriösen Wirklichkeit, in der das Unerklärliche zum Spiegel der Gesellschaft wird, hebt Dream Scenario am Ende gar an zu einer Science-Fiction-Vision – eine Richtung, die der Film gar nicht nötig gehabt hätte. Die Welt der Träume ist schon Nährboden genug, um Reales mit dem Irrealen einen Ringkampf austragen zu lassen, der klar macht, wie die Welt von der Schwemme an falschen Wahrheiten manipuliert wird. Leidtragender ist nur ein Einzelner, verursacht durch viele, die sich, ihren Impulsen folgend, davor hüten, ihren Opportunismus zu hinterfragen.

Dream Scenario (2023)