Killers of the Flower Moon (2023)

DER NEID DES WEISSEN MANNES

8,5/10


killersoftheflowermoon© 2023 Apple Original Films


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: MARTIN SCORSESE

DREHBUCH: ERIC ROTH, MARTIN SCORSESE

CAST: LEONARDO DICAPRIO, ROBERT DE NIRO, LILY GLADSTONE, SCOTT SHEPHERD, JESSE PLEMONS, TANTOO CARDINAL, BRENDAN FRASER, JOHN LITHGOW, BARRY CORBIN, WILLIAM BELLEAU, LOUIS CANCELMI, JASON ISBELL, STURGILL SIMPSON U. A.

LÄNGE: 3 STD 26 MIN


Blättert man das Schwarzbuch der Menschheit durch, könnte man darin auf ein Kapitel stoßen, welches die unsagbare Gier des weißen Mannes im zwanzigsten Jahrhundert wohl nicht besser illustrieren könnte als anhand der Morde am indigenen Volk der Osage, die das Glück hatten, in ihrem zugewiesenen Reservat auf Öl zu stoßen. Die Folge: Reich werden mit Klasse. Wir würden also, wären wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort, keine traditionellen Siedlungen und Dörfer mehr vorfinden, sondern mondäne, dem kolonialen Zeitgeist entsprechend gekleidete und herausgeputzte Familien, die im urbanen, europäisch orientierten Umfeld und dessen Gesellschaft längst das Sagen haben, anschaffen können und sich gar von weißen Leuten bedienen lassen. Die Osage, die hatten den Spieß so richtig umgedreht. Ein Status Quo, der den Weißen sauer aufstieß, denn die verstehen sich seit jeher als die Herren und Damen der Schöpfung. Als das Mustervolk der ganzen Welt, als die eigentlichen Bestimmer, denn überall sonst hat sich diese eine Ordnung längst etabliert – warum dann nicht hier, in Oklahoma, weit weg von Washington, wo einer wie William Hale einen verborgenen Krieg führt gegen die indigene Elite, sich öffentlich aber als Gönner, Wohltäter und bester Freund der durchs schwarze Gold reich gewordenen Nicht-Weißen präsentiert. Dieser Hale, in charismatischer Routine dargeboten von Robert de Niro als eitler Viehbaron, der keinen Widerspruch duldet, wird zur ekelhaften Verkörperung von Gier, Neid und Niedertracht. Seine beiden Neffen dürfen sich die Finger schmutzig machen, um die systematische Aneignung der missgönnten Ressourcen durch den selbsternannten King auch auszuführen. Raub, Mord und Intrige stehen auf der Agenda. Der gerade aus dem Krieg zurückgekehrte Ernest Burkhart, nicht wirklich ein Geistesriese, steht von Anbeginn an unter dem Einfluss des manipulativen Onkels. Entziehen kann er sich ihm nicht, aus Angst, aus Bequemlichkeit, oder einfach aus der Lust am Gewinn. Natürlich kommt der weißen Sippschaft eine Heirat mit der wohlhabenden Osage Molly wie gerufen – durch dieses Bündnis sollen die Anteile an den Bodenschätzen in Hales Hände geraten. Nachhelfen muss schließlich trotzdem werden – und nach und nach stirbt Mollys ganze Familie unter ihren Fingern weg. Sie selbst, an Diabetes erkrankt, sieht alsbald auch ihr eigenes Leben in Gefahr. Doch nichts und niemand scheint gegen diese ethnische Säuberung aufbegehren zu können.

Mit Sicherheit wird Killers of the Flower Moon kein Gigant am Box Office. Kein Film, für den das Publikum die Türen der Kinos einrennt. Das war schon damals, Anfang der Achtziger Jahre mit Michael Ciminos Spätwestern Heaven’s Gate so. Der Film geriet zum Totalflop und hatte den Untergang von United Artists zur Folge. Warum wohl? Zumindest damals waren dunkle Kapitel aus der amerikanischen Geschichte wie zum Beispiel der ebendort thematisierte Johnson County War nicht gerade das, wofür man zur Zerstreuung ins Kino ging. War Ciminos Klassiker seiner Zeit voraus? Könnte sein. Oppenheimer bewies, dass heikle Themen und kritische Betrachtungen auf die eigene Vergangenheit längst auf mehr Interesse stossen. So ein verheerendes Schicksal wie Michael Cimino wird Scorsese aber nicht erleiden – der Mann zählt zur Elite der amerikanischen Filmschaffenden, und das aus gutem Grund, denn Scorsese, der kann so einiges und kann dieses Level auch über Jahrzehnte hinweg halten. Was mit Hexenkessel oder Taxi Driver begann, könnte nun, mit Killers of the Flower Moon, zu einem neuen Meilenstein gelangen. Das epische Thrillerdrama auf Tatsachen ist mindestens so gut wie das Mafiaepos GoodFellas, ist auf den Punkt genau inszeniert und trotz seiner enormen Laufzeit so atemlos erzählt, dass man als Zuseher gut und gerne die Zeit verliert.

Dabei ist gar nicht mal die schauspielerische Leistung in diesem Film primär verantwortlich dafür, dass Killers of the Flower Moon einen derartigen Eindruck hinterlässt. Fast ließe sich Leonardo DiCaprios Overacting, welches sich vor allem in seinen übertrieben der Schwerkraft unterlegenen Mundwinkeln manifestiert, wenn dessen Lage als Filmcharakter Ernest immer wieder mal prekär wird, als Manko betrachten. Doch nur auf den ersten Blick. Klar ist: die feine Klinge des Schauspiels beherrscht das ewige Babyface nicht wirklich. Und dennoch schafft Scorsese für diesen Ernest Burkhart eine hinter den plakativen Regungen befindliche Gefühlswelt zu errichten, die das schlichte Gemüt des zwischen Verantwortung, Reue, Gier und Furcht changierenden, willensschwachen Diener des Bösen erschreckend gut einfängt. Neben ihm gibt Lily Gladstone als immer mehr dahinsiechende Molly dem finsteren Drama eine fast schon biblische Leidensfigur, die in Hitchcock-Manier so manchen Verdacht hegt.

Wie Scorsese das bis in die kleinsten Nebenrollen erlesen besetzte Opus Magnum in Zaum hält, ohne ins Theatralische oder Pathetische abzurücken, ist genau seine Spezialität. Gerade diese konzentrierte Art und Weise, diese durchgetaktete Chronik der Ereignisse, die niemals nur Fakten liefert, sondern mit emotionaler Wucht dem schwelenden Grauen aus dem Hinterhalt begegnet, lässt diese uramerikanische Parabel auf kaltschnäuzigen Rassenhass so gut funktionieren.  Unterlegt mit einem hypnotischen Score des im August letzten Jahres verstorbenen Robbie Robertson, der Folklore-Klänge mit Blues-Rhythmen verbindet, lässt Killers of the Flower Moon niemanden kalt. Scorseses Film ist eine elektrisierende Tragödie – zynisch, bitter und die Boshaftigkeit unserer Gattung bis auf die Knochen sezierend.

Killers of the Flower Moon (2023)

Reptile (2023)

DIE DIABOLIK LEERER HÄUSER

6,5/10


REPTILE© 2023 Netflix


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GRANT SINGER

DREHBUCH: GRANT SINGER, BENJAMIN BREWER, BENICIO DEL TORO

CAST: BENICIO DEL TORO, JUSTIN TIMBERLAKE, ALICIA SILVERSTONE, ERIC BOGOSIAN, DOMENICK LOMBARDOZZI, FRANCES FISHER, MICHAEL PITT, ATO ESSANDOH, CATHERINE DYER, MATILDA LUTZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Wenn Benicio del Toro seinen Gedanken nachhängt, und die Kamera filmt ihn dabei, erzeugt das nicht wirklich ein gutes Feeling. Vielleicht, weil bei diesem Kaliber von Schauspieler der Eindruck entsteht, dass irgendetwas im Busch ist. Etwas, dass uns del Toro nicht sagen will. Etwas Abgründiges, vielleicht auch etwas kaum auf Dauer unterdrückbar Aggressives. Del Toros Rollen sind doppelbödig und undurchschaubar. Seine Handlungen unberechenbar, Vertrauen ein Schein, der trügt. Wenn der Mexikaner in Sicario von der völlig durch den Wind befindlichen Emily Blunt die Garantie ihrer Verschwiegenheit einfordert, läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Mit del Toro will sich niemand anlegen. Scheint es nun, dass er auf der Seite des Gesetzes steht oder eben auch nicht. Die Grauzone schwappt auf beiden Seiten ans Ufer, und auch in Reptile, einem akkuraten Kriminalfilm, der ins Detail geht, gilt das Symbol der falschen Schlange, die Adam und Eva hinters Licht führt, nicht umsonst als Motto eines Thrillers, der sich in den Händen des Erzählers windet wie ein Aal und fast weniger wie ein Reptil, denn dieses zieht keine Schleimspur hinter sich her und kann dem festen Griff nicht entkommen, den Grant Singer über weite Strecken seines ersten Spielfilms letztlich ausübt. Singer hält die Zügel straff und konzentriert sich weniger auf Superstar Justin Timberlake, von dem wir wissen, dass er ganz gut schauspielern kann, sondern eben auf diesen maskenhaften unheimlichen Ermittler, den del Toro so scheinbar gelassen darzustellen scheint. Doch es ist eine Ruhe vor einem Sturm, der langsam aufzieht, im Tempo einer Geschichte aus Beobachten und Einschätzen, Vermuten und Bedrohen.

Denn schließlich ist Detektive Nichols, so Del Toros Rolle, verheiratet mit Alicia Silverstone, die lange nach ihrem Clueless-Durchbruch für Geschichten wie diese unerwartet geeignet scheint. Die Drohung, die Nichols als Meister des Understatements eben formuliert, lässt potenzielle Nebenbuhler schwer schlucken. Spätestens da weiß man ganz genau, woran man bei dieser melancholischen Humphrey Bogart-Variation eigentlich ist. Dieser Ermittler, bereits in Verruf geraten durch einen interdisziplinären Fall von Polizeikorruption, schleicht nun unter scharfsinniger Kombinationsgabe in einer zum Verkauf stehenden Immobilie herum, die ein mit mehreren Messerstichen malträtiertes Opfer beherbergt. Der Lebensgefährte, ebenfalls Makler, kann’s nicht gewesen sein, denn der hat ein Alibi. Nachbarn berichten von einem hinkenden Mann mit Hoodie, der sich Zutritt zum Anwesen verschafft haben soll. Ein Rätselraten hebt an, befragt werden alle, die mit Summer Elswick (Matilda Lutz) kurz vor ihrem Ableben noch zu tun hatten. Ausgewertet wird das Mobiltelefon, was Nichols in seinen Ermittlungen tatsächlich weiterbringt. Und da ist noch dieser schräge Typ mit den fettigen Haaren, der unserem Hardboiled-Detective immer wieder in die Quere kommt. Was er zu erzählen hat, kann man glauben oder auch nicht, sehr vertrauenswürdig wirkt Michael Pitt ganz bewusst nicht – so wie alle in diesem Film, der verstohlene Freude daran hat, die vermeintlich Guten oder zumindest die, die sich darum bemühen, Licht in stromlose, leerstehende Immobilien zu bringen, in denen es spuken könnte, straucheln zu lassen.

Da bleibt nur das grübelnde Antlitz Benicio del Toros, hinter Windschutzscheiben, Sonnenbrillen oder in leeren Räumen. Der Teufel steckt dann meist in den Zwischenräumen einer verschachtelten und komplexen Detektivgeschichte, die von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett hätte kommen können. Immer dann, wenn Nichols gerne vernachlässigbare Korrelationen ins Bewusstsein dröhnen, und diese ihn an obskure Orte führen, könnte man Jack Nicholsons Figur des Jack Gittes aus Chinatown an del Toros Stelle sehen, nur ohne aufgeschlitzten Nasenflügel, denn den würde Nichols wohl selbst verursachen.

Reptile wäre bis zum Ende ein piekfeines Krimipuzzle geworden, wäre das Ende vielleicht ein solches, aus dem man selbst seine Schlüsse ziehen könnte. Dass Plots wie diese auserzählt werden müssen, ist längst kein geschriebenes Gesetz und auch kein guter Ton, denn gerade das Mysteriöse in Singers Misstrauensreigen hält so lange stand, bis sich die Katze aus dem verschnürten Sack kratzt und die feine Klinge einem profanen Showdown weicht.

Reptile (2023)

Anatomie eines Falls (2023)

DIE WAHRHEIT IN DER WAHRNEHMUNG

7/10


anatomieeinesfalls© 2023 Plaion Pictures


LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE: JUSTINE TRIET

DREHBUCH: JUSTINE TRIET, ARTHUR HARARI

CAST: SANDRA HÜLLER, SWANN ARLAUD, MILO MACHADO GRANER, ANTOINE REINARTZ, SAMUEL THEIS, JEHNNY BETH, SAADIA BENTAÏEB, CAMILLE RUTHERFORD, SOPHIE FILLIÈRES, ANNA ROTGER U. A.

LÄNGE: 2 STD 31 MIN


Manche sagen, Sandra Hüller sei die Königin von Cannes gewesen. Ungekrönt zwar, aber dennoch. In zwei Filmen war sie heuer vertreten, einer davon hat die Goldene Palme kassiert. Die Rede ist von Anatomie eines Falls – ein Titel, der in der deutschen Übersetzung herrlich zweideutig daherkommt. Entweder ist es besagter Sturz des Ehemanns aus dem Fenster (oder vom Balkon), oder es ist der Fall an sich, dessen Zutragen niemand beobachtet hat und für ewig ein Geheimnis bleiben wird – oder doch nicht? Ob Königin oder nicht – die deutsche Schauspielerin, die 2006 mit dem Exorzismus-Drama Requiem reüssierte und genauso wie Peter Simonischek mit Toni Erdmann international Aufmerksamkeit erlangte, gibt sich unprätentiös, authentisch und spart sich den ganzen Glamour. Wenn sie spielt, dann haben ihre Rolle etwas unverwechselbar Natürliches, weit weg von verkrampftem Method Acting oder sonstigen Spielereien. Sowas nennt man Naturtalent, und das sieht man. Genau diese schauspielerische Handschlagsqualität dürfte auch Justine Triet bewundert haben. Anatomie eines Falls ist nicht ihre erste Zusammenarbeit mit Hüller – in Sibyl – Therapie zwecklos gab diese eine entnervte Regisseurin, und zwar mit Hingabe. Nun aber liegt der Fokus ganz auf ihr – und dem phänomenalen Milo Machado Graner, ihrem weitaus jüngeren Schauspielpartner, der Filmsohn Daniel verkörpert, welcher mit vier Jahren aufgrund eines Unfalls fast das Augenlicht verlor.

Schauplatz des Kriminaldramas – ich würde den Film mal als solchen grob verorten – ist die ganze breite Bühne für einen Whodunit-Krimi, wie ihn Agatha Christie oder Patricia Highsmith wohl schreiben würden: Ein Chalet irgendwo in den tiefverschneiten französischen Alpen nahe Grenoble. Bewohnt wird dieses seit nicht allzu langer Zeit von Schriftstellerin Sandra Voyter, ihrem Ehemann Samuel und besagtem Spross, dem sehtechnisch eingeschränkten Daniel, dessen bester Freund wohl Hund Snoop scheint, der mehr mitbekommt als Hundebesitzern vielleicht lieb sein könnte. Eines Tages lädt Sandra eine Studentin zum Interview, doch dieses muss frühzeitig abgebrochen werden, da Samuel in provokanter Rücksichtslosigkeit alle Anwesenden mit lautstarker Musik zwangsbeschallt. Kurze Zeit später verlässt auch Daniel für eine Runde mit dem Hund das Haus, um bei seiner Rückkehr seinen Vater tot vor dem Haus liegend vorzufinden. Ein Sturz entweder aus dem Dachgeschoß oder aus dem zweiten Stock, allerdings könnte das Schädel-Hirn-Trauma auch durch einen Schlag auf den Kopf verursacht worden sein. Sandra gerät unter Mordverdacht, hat aber einen alten Bekannten an ihrer Seite, der als Anwalt den Fall sogleich übernimmt. Was sich in den nächsten Wochen und Monaten entspinnt, ist ein lupenreiner Indizienprozess, der zwar auch den Hergang des Unglücks aus verschiedenen Perspektiven rekonstruiert, viel eher aber in den sozialpsychologischen Gesamtzustand eines familiären Biotops eintaucht, um daraus Schlüsse für die Wahrheit zu ziehen.

Genau hier verkündet Justine Triet ordentlich Einspruch. Für sie ist Wahrheit nichts, was anhand eines Justizprozesses ans Tageslicht kommt. Dort geht es um die Kraft der Überzeugung, die bessere Show, das Ehestmögliche, doch niemals um den tatsächlichen Fakt. Viel zu viele Blickwinkel treffen aufeinander, subjektive Wahrnehmungen und damit einhergehende Interpretationen, für dessen Tatsache man sich, wie es im Film auch heisst, entscheiden muss. Anatomie eines Falls mutet zwar an wie ein Gerichtssaaldrama à la Zeugin der Anklage, ist es aber nur sekundär. Triet arbeitet nicht mit plakativen Wendungen, die fürs Eventkino eines Knives Out-Vehikels vermutlich hilfreich wären. Ihr Film ist kein oberflächliches Entertainment, sondern ein aus brillanten, straffen, von unnötigen blumigen Worthülsen befreiten Gesprächsprotokollen errichtete Rekapitulation eines tatsächlichen Zustandes zwischen Frau, Mann, Kind und Hund. Wie sehr trugen Streit, Misstrauen und Geheimnisse zum Geschehen eines Unglücks bei, das alles sein könnte: Mord, Totschlag, Unfall oder Selbstmord. Lässt sich aus diesem Unglück die Verantwortung eines kurz vor der Dysfunktion stehenden Zusammenlebens festmachen? Dabei geht es Triet weder darum, mit ihrem Cannes-Sieger dem Kino mit wuchtiger oder vielleicht gar verstörender Inszenierung gerecht zu werden. Ihr Film wird von Worten getragen, von Missverständnissen und Auslegungen. Minutenlang, wenn nicht länger, wird Sandra Hüller einvernommen. Und wir hängen an ihren Lippen, auch an den Lippen des jungen Daniel und an denen des Staatsanwalts. Schon längst geht es uns nicht mehr um den Fall an sich, sondern um die Wahrheit einer Beziehung, die es letztlich einfach niemals geben kann, da stets ein dritter oder vierter fehlt, um sie objektiv einzuordnen. Und selbst da fehlt diesem die nötige Biografie dieser Dreisamkeit, und hätte er sie, wäre er längst wieder Teil dieses Karussells aus Glauben und Interpretation, eigener Weltsicht und fehlender Weitsicht.

Der einzige Wermutstropfen: Anatomie eines Falls hält emotional auf Distanz, ist weder packend noch aufwühlend. Dafür aber pragmatisch und akkurat komponiert. In höchster Konzentration, die niemals ermüdet, folgt man einem ganz speziellen, lebendigen Hörfilm, in der sowohl die Diskrepanz unterschiedlicher Sprachen eine weit wichtigere Rolle spielt als das Visuelle. Es ist das Gefühl, es ist die Art, wie etwas gesagt wird, um sich daraus ein Bild machen zu können. Das vorgegebene ist dabei nicht wichtig.

Anatomie eines Falls (2023)

DogMan (2023)

MIT HUNDEN EWIG LEBEN

7/10


Dogman_Besson© 2023 capelight pictures


LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: LUC BESSON

CAST: CALEB LANDRY JONES, JOJO T. GIBBS, GRACE PALMA, CLEMENS SCHICK, CHRISTOPHER DENHAM, LINCOLN POWELL, ALEXANDER SETTINERI, MICHAEL GARZA, JOHN CHARLES AGUILAR, MARISA BERENSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Aus den streitbaren jungen Models, rekrutiert aus prekären Verhältnissen, die allesamt entweder eine Ausbildung zur reuelosen Superkillerin oder ein Bad im Drogencocktail genossen haben, ist nun jemand ganz anderer geworden. Eine Art Joker, ein Arthur Fleck jenseits des DC-Universums, in welchem es kein Gotham und keinen Batman gibt, aber Gestalten, die in den Filmen von Luc Besson liebend gerne vorkommen. Betrachtet man sie genauer, so sind diese Subjekte bis fast zur Parodie überzeichnete Schurken und Missetäter, die an den Fuchs und den Kater aus Collodis Pinocchio erinnern. Auch sie hätten ihren Platz in einem Comic-Universum, in einem von Besson eigens errichteten, in dem auch Nikita, Lucy, Anna und Angel-a ihren Frauen stehen. Dieser Arthur Fleck, misshandelt, verstoßen, gequält und alleingelassen, könnte zum Ober-Antagonisten einer ganzen Welt werden. Die Schminke im Gesicht hat er schon, doch so einsam wie Joaquin Phoenix in seiner nachhaltig wirkenden Oscar-Rolle ist Douglas Munrow allerdings nicht. Vielleicht hält ihn gerade dieser Umstand davon ab, sich der Wandlung zum Bösewicht hinzugeben und das Volk zur Revolution anzustacheln. Munrow umgeben treuherzige, hechelnde Vierbeiner aller Rassen – ob groß, ob klein, ob zottelig oder mit Kurzhaar: Als DogMan trägt dieser Lebenskünstler seinen Namen zu Recht. Als Kind von seinem gewalttätigen Vater (Clemens Schick mit Brutalo-Schnauzer) in einen Käfig voller ausgehungerter Kampfhunde gesperrt, wird dieser noch zu allem Überfluss von seinem Erzeuger in den Rollstuhl geschossen, als sich die Lage dramatisch zuspitzt.

Mit Stützhilfen an den Beinen und einer unbändigen Liebe zu den Tieren, die ihm in seiner Zeit der Entbehrung zur Seite standen, schleppt sich Munrow durch ein enttäuschendes Leben, bevölkert mit Menschen, die ihm die kalte Schulter zeigen. Dennoch gibt’s wenige Ausnahmen, so zum Beispiel die Schauspielerin Salma, für die der noch junge Douglas romantische Gefühle hegt. Sie schenkt ihm auch den nötigen Willen, nicht unterzugehen in einer Welt, die nichts für Krüppel übrighat. Einzig der beste Freund des Menschen, dessen einziger Schwachpunkt das blinde Vertrauen zu eben jenen darstellt, wird in großer Vielzahl zur Privatarmee einer Dragqueen, die das Glück hat, einmal die Woche in einem Varieté Klassiker von Edith Piaf oder Marlene Dietrich zu schmettern – alles sehr professionell und unter Gänsehautgarantie. Bis es so weit kommt, und der DogMan Kontakt mit einer Unterwelt macht, die, wie schon erwähnt, in grotesker Überzeichnung donnernden Schrittes den Respekt der Schwachen erzwingt. Ob Munrow letztlich wirklich zu dieser Art Mensch zählt, die sich unterwerfen lässt?

Besson macht die Probe aufs Exempel – oder besser gesagt: die Probe auf eine ins Irreale abdriftende Fabel, die längst schon als Großstadtmärchen zwischen Oliver Twist und Matteo Garrones leicht zu verwechselnder Macht- und Gewaltstudie Dogman durchgehen kann. Der italienische Thriller aus dem Jahr 2018 handelt von einem, der den Mächtigen dienen muss, um zu überleben. Doch dann kommt die Wende, wenn David gegen Goliath zu siegen versteht. Bessons Hunde-Oper (bei der man heilfroh ist, dass die Tiere alle weder sprechen noch wir deren Gedanken hören) frönt dabei weniger einem harten Realismus wie Garrone, sondern einer fast traditionellen Erzählweise aus Rückblenden, eingängigen musikalischen Ohrwürmern und tröstend naiven Verhaltensstudien jaulender Vierbeiner, die die Sprache der Menschen verstehen und wie auf magische Weise mental mit ihrem Meister verbunden sind. Dass sich Hunde so nicht verhalten – schon gar nicht, bevor sie zuschnappen – erscheint selbst mir als Nicht-Hundebesitzer relativ klar. Dass Besson gerne manche, fahrlässig anmutende Unwahrscheinlichkeiten toleriert, um das Psychogramm seiner leidensfähigen Märtyrerfigur auch zu Ende zu bringen, muss man geradezu akzeptieren.

Denn im Mittelpunkt steht einer, dessen Paraderolle längst überfällig war: Caleb Landry Jones. Die sanfte Stimme. Augen, die schon viel Schlimmes sehen mussten. Ein gezeichneter Körper, die Leidenschaft für Shakespeare und die Möglichkeit, wie Arthur Fleck jemand anderer zu sein. Ein gewisser ihm innewohnender Frieden, vor allem mit sich selbst, fasziniert auch das Publikum. Seine gottergebene Akzeptanz eines traurigen Lebens macht ihn zu Bessons bisher größtem Bajazzo, nämlich ohne Wut im Bauch – einer, der zwar niemals im Selbstmitleid versinkt, der am Ende aber das deftige Pathos sucht, um seine Bestimmung zu besiegeln.

DogMan (2023)

Das Rätsel (2019)

DER URHEBER ALS MELKKUH

7/10


dasraetsel© 2023 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2019

REGIE: RÉGIS ROINSARD

DREHBUCH: ROMAIN COMPINGT, DANIEL PRESLEY, RÉGIS ROINSARD

CAST: LAMBERT WILSON, ALEX LAWTHER, OLGA KURYLENKO, RICCARDO SCAMARCIO, SIDSE BABETT KNUDSEN, EDUARDO NORIEGA, ANNA MARIA STURM, FRÉDÉRIC CHAU, MARIA LEITE, MANOLIS MAVROMATAKIS, SARA GIRAUDEAU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN 


Was ist das beste Beispiel für einen Millionenbestseller, um den sich der ganze Erdball einen sprichwörtlichen „Haxen“ ausreißt, um vielleicht an einen Leak zu kommen? Natürlich Harry Potter. So eine Exklusiv-Challenge hat sogar Eingang in den Film Der Teufel trägt Prada gefunden. Was für Sicherheitsvorkehrungen bezüglich der Übersetzung in – so mutmaße ich – fast alle Sprachen der Welt (bis vielleicht auf den Buschmann-Dialekt) es da gegeben haben muss. Vielleicht sogar solche, die jenen im vorliegenden Film Das Rätsel vielleicht nahekommen. Oder waren da vermutlich unterschriebene Verträge mit zahlreichen Klauseln alleine schon genug, um illegale Previews zu unterbinden?

In diesem Literatur- oder Belletristik-Thriller reicht kein Papierkram, um die Angst des Verlegers zu stillen. Dieser, dargestellt von einem mit eiskaltem Pragmatismus ausgestatteten Lambert Wilson, sperrt seine Übersetzer aus Ländern mit dem prognostizierten größten Umsatz an Buchverkäufen in den Keller seines Anwesens. Er will den dritten Band der Trilogie Daedalus weltweit und zeitgleich auf den Markt werfen, daher müssen neun Übersetzerinnen und Übersetzer in penibel abgestimmten Arbeitsschritten bis zu einem Stichtag ihre Sprachversionen fertigstellen. Insgesamt soll diese Schaffensphase zwei Monate dauern – jede (elektronische) Verbindung mit der Außenwelt wird unterbunden, damit auch keiner der Anwesenden in Versuchung kommt, auch nur irgendeine Zeile aus dem Bunker zu schmuggeln. Verleger Eric Angstrom muss hier bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben. Oder aber die Gier nach Umsatz ist ihm längst zu Kopf gestiegen. Trotz dieser extremen Vorsichtsmaßnahmen wird der Albtraum Realität: Ein anonymer Erpresser veröffentlicht die ersten zehn Seiten im Internet und droht mit den nächsten hundert Seiten, würden nicht beachtliche Geldbeträge den Besitzer wechseln. Angstrom stellt sein Ensemble zur Rede, will die Wahrheit gar erzwingen. Der Fall ist knifflig, und mutet an wie ein perfekt einstudierter Zaubertrick. Denn es scheint unmöglich, das so etwas hat passieren können.

Genauso unmöglich wie sämtliche Mordfälle aus der Feder Agatha Christies. Nur hier wird das Verbrechen nicht an einer Person, sondern an einem urheberrechtlich geschützten Werk begangen. Und an den Rechten, die Angstroms Verlag womöglich erlangt hat – oder auch nicht. Der Autor selbst nämlich hält sich bedeckt. Niemand kennt seine Identität, er arbeitet mit einem Pseudonym, was die verzwickte Situation noch erschwert. Das Publikum kann also im Laufe des recht eleganten Whodunit-Krimis Überlegungen anstellen und den Profiler geben, wenn die neun grundverschiedenen Charaktere ihren knapp gefassten Steckbrief an den Laptop heften. Das ist routiniertes Kino, aber insofern etwas anderes, da es keinen Mordfall und folglich auch keinen Mörder gibt. Régis Roinsard, der im Sommer letzten Jahres mit dem bittersüßen Psychodrama Warten auf Bojangles Virgine Efira zu Höchstleistungen antrieb, legt nun seine bereits vier Jahre alte Urheber-Moritat nach, dessen verspätete Erscheinung wohl kaum nur der Pandemie geschuldet sein kann, sonst wäre der andere Film genauso ein Nachzügler. Doch vielleicht ist der Grund dafür einfach nur jener, Prioritäten gesetzt zu haben. 

Vom Film selbst mag man sich anfangs vielleicht etwas gelangweilt fühlen, da die Figuren, welche sich selbst als sehr interessant empfinden, viel zu kalkuliert erscheinen. Ihre charakterlichen Besonderheiten mögen etwas aufgesetzt wirken, und auch der dem Leak nachfolgende Psychokrieg will prickelnder und mitreißender sein, als er letztlich ist. Was aber nicht heißen soll, dass Das Rätsel eine vergebliche Investition von 105 Minuten sein muss. Eigentlich ganz im Gegenteil, und all die Defizite räumt Roinsard letztlich vom Tisch.

Im letzten Drittel fügt dieser unerwartet geschickt so einige Story-Twists ein, die er schon am Anfang anteasert, von denen man aber nicht allzu viel erhofft. Sein Film ist dann kein Mysterykrimi von der Stange mehr, sondern eine Konfrontation des Urhebers mit seinem Nutznießer. Der Verlag wird zur parasitären Institution, zum blutsaugenden Zeck, der das geistige Eigentum an sich reißen möchte. Der Urheber wird zum Verfechter eben jenes abstrakten, unantastbaren Guts, das im Zeitalter der KI kurz davorsteht, aufgeweicht und hinterfragt zu werden, bis die Idee des Einzelnen dem Kapitalismus mit Haut und Haaren zum Opfer fällt. Dafür findet Das Rätsel am Ende nicht nur geistreiche Worte, sondern auch spannende Bilder, die die Frage, wie sich Erfolg definieren soll, auf eine zwar plakative, aber treffende und auch unmissverständliche Weise beantwortet.

Das Rätsel (2019)

In der Nacht des 12. (2022)

ERMITTELN À LA MÖBIUS

7/10


indernachtdes12© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2022

REGIE: DOMINIK MOLL

BUCH: DOMINIK MOLL, GILLES MARCHAND

CAST: BASTIEN BOUILLON, BOULI LANNERS, THÉO CHOLBI, JOHANN DIONNET, PAULINE SERIEYS, LULA COTTON-FRAPIER, JULIEN FRISON, CHARLINE PAUL, MATTHIEU ROZÉ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Die Zeiten sind anscheinend vorbei, in welchen sich Drehbuchautoren im Schreiben ihrer Krimi-Plots stets nach der Lauflänge ihrer Serien-Episoden richten mussten. Zugegeben: viele davon haben angesichts ihrer Plausibilität gleich vorweg die Flinte ins Korn geworfen. Andere, die vielleicht mehr Zeit für ihren Fall hatten, strapazierten das Sitzfleisch so mancher Zuschauer. Der Zufall wurde ausgereizt, das Glück des Ermittlers hielt sein Publikum oftmals für dumm. Im True Crime, dem Subgenre des Thrillers, lassen sich Fälle auf wesentliche Wendepunkte reduzieren oder Zeitsprünge wagen, welche die ganze Spannung aber auseinanderreißen können. So gesehen zuletzt in Boston Strangler, einem Versuch, den berüchtigten Mordfall aus den 60ern als Fakten-Entertainment zu verkaufen. Doch man muss als Filmemacher weder das eine noch das andere tun. Man kann Fiktives mit Dokumentarischem kombinieren und das Verhalten der Kriminologen in den Mittelpunkt stellen, die zunehmend daran verzweifeln, nichts zu Ende bringen zu können.

Dominik Moll, der seit jeher mit dem Mysteriösen liebäugelt und mich mit dem an David Lynch-Werke erinnernden Lemming so richtig beeindruckt hat, konnte letztes Jahr mit In der Nacht des 12. beeindruckende Besucherzahlen schreiben sowie den französischen Filmpreis César fast so oft einheimsen wie die beiden Daniels mit ihrer Multiversum-Oper. Molls Anti-Krimi, wie ich ihn bezeichnen würde, hat sein interessiertes Publikum nicht für dumm verkauft. Hat Erwartungshaltungen unterwandert und sich davor gescheut, sich allen anzubiedern. Wie er das geschafft hat? Er hat sein Werk nicht einem filmischen Zeitfenster angepasst, sondern dieses einfach ignoriert. Ist der Fall nicht gelöst, endet das Ganze ungelöst. Wie bei Eduard Zimmermann und seinem (längst nicht mehr von ihm gehosteten) Dauerbrenner Aktenzeichen XY. Das Mysteriöse, Ungeklärte blieb das Geheimnis eines Erfolges. Niemand will in Wahrheit wirklich wissen, wer‘s war, außer bei Agatha Christie vielleicht. Doch jeder will wissen, wer es hätte sein können. Filme wie diese sind ein Rätsel, welches seine Aufgaben stellt und den Zuseher selbst ermitteln lässt. Ein interaktives Mitarbeiten setzt ein. Und das macht Spaß. Auch wenn ein Fall wie dieser wirklich nicht dazu einlädt, beschwingt ans Recherchieren zu gehen.

Was In der Nacht des 12. In Grenoble geschieht, ist schließlich so grausam wie gespenstisch. Eine junge Frau namens Clara, gerade mal 21 Jahre alt, wird auf dem Nachhauseweg überfallen, mit Benzin übergossen und angezündet. Sie erliegt ihren Verbrennungen – tags darauf findet man die teils verkohlten Überreste in der Wiese nahe eines Sportplatzes. Polizeibeamter Yohan und sein älterer Kollege Marceau beginnen zu ermitteln. Das Ganze fängt natürlich damit an, den geschockten Eltern vom Ableben ihrer Tochter zu erzählen – harter Tobak. Als nächstes muss Claras Vertraute Nanie, die als letzte das Opfer lebend gesehen hat, einige Fragen beantworten, auch sie am Boden zerstört. Und so geht es weiter. Es stellt sich heraus, dass die junge, durchaus promiskuitive und gar nicht an feste Liaisonen interessierte Frau so manche Beziehungen hinter sich gehabt hat – mit den unterschiedlichsten Typen, die letztendlich alle, auf gewisse Weise, verdächtig sein könnten. Außer jene, die ein Alibi haben. Aber auch da heißt es zu hinterfragen.

Man folgt den beiden Ermittlern, die selbst so ihre privaten Probleme haben, kreuz und quer durch die Provinz. Dabei nimmt sich Moll genug Zeit für all seine Figuren, um in wenigen Minuten von jedem hier einen plausiblen Steckbrief zu zeichnen. Der eine: gewalttätig, der andere: opportunistisch. Der dritte wiederum: trotzt dem System. Welches Verhaltensmuster also ist die beste Voraussetzung dafür, einen Mord zu begehen? Vor allem einen auf diese Art? In der Nacht des 12. wird immer mysteriöser. Puzzleteile passen nicht ganz zusammen, andere versprechen, die richtige Spur zu ergänzen. Und dann bringt man sich als Publikum selbst ins Spiel. Überlegt, rätselt. Und dennoch quält es einen nicht, am Ende nichts zu wissen. Es muss nicht alles gesagt, nicht alles auserzählt sein. Dominik Moll hält nicht viel von bewährten Mustern des Genres. Er will das Thema neu andenken – und findet die Lösung, in dem er einfach loslässt.

In der Nacht des 12. (2022)

The Stranger

DER AUSTRALISCHE FREUND

6/10


thestranger© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: THOMAS M. WRIGHT

CAST: JOEL EDGERTON, SEAN HARRIS, EWEN LESLIE, KAMERON HOOD, JADA ALBERTS, STEVE MOUZAKIS, MIKE FOENANDER, FLETCHER HUMPHRYS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Was heuer auf den Filmfestspielen so präsentiert wurde, lässt sich oftmals und gar nicht mal so sehr verspätet auf Netflix finden. Da spart man sich das mühsame Kartenkaufen, vor allem bei Filmen, die sowieso nie das Licht der großen Leinwand erblicken würden und sonst sang und klanglos in den lichtlosen Archiven der Kinogeschichte verschwinden würden. Dabei hätte man vielleicht Lust auf einen neuen Film mit Joel Edgerton, einem charismatischen und stets opaken Darsteller, dessen wahre Gesinnung erst immer gegen Ende seiner Filme zum Vorschein kommt. Edgerton ist ein Kaliber, und auch wenn The Stranger die Finsternis der Filmarchive vielleicht ganz guttun würde – ihm beim Ermitteln zuzusehen, inmitten eines Australiens, das sich ausnahmsweise mal von einer Seite zeigt, die wir nicht aus Bildbänden und Reisemagazinen kennen, hat schon was für sich. Noch dazu, wenn er sich mit einem nicht weniger mysteriösen Charakter herumschlagen muss, der, auf eindringliche Weise von Sean Harris verkörpert, die ganzen dunklen Schatten einer australischen Jetztzeit mit sich herumträgt, ohne es zu wissen. Wie ein Wirt einen Virus birgt, dabei aber selbst nicht erkrankt und nur den ganzen Mist an die anderen abgibt, freilich, ohne vorsätzlich gehandelt zu haben.

Das Fremdenverkehrsamt hat für The Stranger sicherlich keinen Cent locker gemacht. Man könnte meinen, irgendwo sonst auf den gemäßigten Graden dieser Welt unterwegs zu sein. Australien wird hier austauschbar, protzt nicht mit Stränden, Wäldern und artenreichen Wüsten, sondern mit Staub, Einöde und urbaner Verbauung. Ein Bus fährt anfangs durch die kontinentale Nacht, mittendrin eben Sean Harris als einer mit stechendem Blick. Man nennt ihn Henry, und dieser Henry reist von Queensland in den Westen, um Vergangenes hinter sich zu lassen. Paul (Joel Edgerton) ist ebenfalls Fahrgast, und am Ende der Reise angekommen, tun sie sich zusammen. Der eine braucht ein Auto, der andere einen Job. Eine Hand wäscht die andere, beide arbeiten für Australiens Unterwelt, die für zahlungskräftige Kunden falsche Papiere ausstellt, und bald wird aus Teamgeist sowas wie Freundschaft. Was Henry aber nicht weiß: Paul ist als Ermittler undercover unterwegs, um den seltsamen Freund genauer unter die Lupe zu nehmen, gilt der doch als Hauptverdächtiger in einem Fall von Kindesentführung und vermutlich Mord. Keine leichte Sache, das Ganze, denn Henry ist verschwiegen wie ein Grab und gibt keinerlei Hinweise darauf, mit dieser grauenhaften Sache überhaupt etwas zu tun zu haben.

Engagement im Investigieren ist eine Sache. Verbissenheit eine andere. Und so nimmt diese ungesunde Beziehung zwischen den beiden verkappten Männern unangenehme Ausmaße an, die The Stranger auch unangenehm für den Zuschauer werden lassen. In fröstelnder Nüchternheit und traumartiger Herumspinnerei entwickelt Thomas M. Wright eine auf den wahren Fall des 2003 verschwundenen Daniel Morcombe beruhenden Mystery-Thriller, bei welchem lange Zeit völlig unklar zu sein scheint, wessen Identität plausibel genug erscheint, um sie als wahr aufzufassen. Welche Vergangenheit gehört wohl wem? Manchmal scheint es, als würden Sean Harris und Edgerton die Rollen tauschen. Als hätte letzterer das ganze schon mal erlebt, und als wäre Harris nur ein Hirngespinst? The Stranger spielt mit dem Fremdartigen und Dunklen wie David Lynch, hat mitunter auch den Hang zum spukhaften Horror, der sich in Visionen manifestiert. Unwohlsein ist also Wrights oberste Devise in einem Werk, das genauso gut von David Michôd sein könnte, der mit dem postapokalyptischen Streifen The Rover zumindest noch die astralische Wüste als pittoreske Kulisse hochfuhr, wenn schon der Plot genauso finster war. Harris und Edgerton faszinieren – begegnen möchte man aber keinem von beiden, zu unberechenbar wäre die soziale Interaktion. Die beiden scheinen festzustecken in einem Katz- und Mausspiel auf engstem Raum, das Erwin Schrödinger wohl gerne in seiner Kiste veranstaltet hätte. Denn auch bei The Stranger ist das Licht, das auf den Film fällt, so schwach, dass es den Zustand der beiden Protagonisten nicht offenbaren kann. In dieser Atmosphäre ist der Thriller durchaus gelungen. Andererseits bleibt dieser ein sperriges, seltsames Ding. Und im Keller des Unterbewusstseins, da rumort es.

The Stranger

The Good Nurse

TOD VOM TROPF

7,5/10


thegoodnurse© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TOBIAS LINDHOLM

CAST: JESSICA CHASTAIN, EDDIE REDMAYNE, NOAH EMMERICH, NNAMDI ASOMUGHA, KIM DICKENS, MALIK YOBA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Bis heute weiß niemand, warum er das getan hat: Charles Cullen, der gefährlichste Serienmörder New Jerseys, so sagt man. Derzeit sitzt dieser mehrere Haftstrafen ab und wird wohl erst so gegen 2400 vielleicht auf Bewährung freikommen, vorausgesetzt, er würde da noch leben. Am Ende von Tobias Lindholms Verfilmung der Tatsachen erfahren wir, dass Cullen 29 Morde zugegeben hat, die Dunkelziffer aber womöglich bei 400 (!) liegen muss. Wenn man random mordet wie dieser Mann, dann haben die Opfer keinerlei Bedeutung. Beim Töten legt Cullen nicht mal selbst Hand an, eine gute Vorbereitung scheint alles. Und sonst? Sonst ist der zuvorkommende und hilfsbereite Pfleger nicht nur ein hervorragender Arbeitskollege im Nachtdienst von Schwester Amy Loughran (Jessica Chastain), sondern mittlerweile auch ein guter Freund geworden. Einer, der Amy dabei unterstützt, die letzten Monate ihrer Arbeit so hinzubiegen, dass sie nicht unbedingt einem Herzinfarkt erliegt, denn Krankenstand kann sich die Mutter zweier Kinder mangels Versicherung keinen leisten. Und so ist Amy überglücklich, Charlie an ihrer Seite zu haben – bis sich seltsame Todesfälle einstellen, die nicht hätten sein sollen. Charlie betrachtet diese Umstände pragmatisch, ein Profi eben, wie es scheint. Bald aber klopft die örtliche Polizei an und beginnt zu ermitteln. In den Weg stellt sich allerdings die Interessensvertretung des Krankenhauses. Dieses will schließlich nicht seinen guten Ruf verlieren. Amy aber riskiert ihren Job, als sie beginnt, selbst der Sache auf den Grund zu gehen.

Krankenhäuser von innen sehen: etwas, dass es aus meiner Sicht zu vermeiden gilt. Niemand ist dort freiwillig stationiert. Dort zu arbeiten: kein Ding für mich. Umso bewundernswerter finde ich Menschen, die instande sind, sich diesem sozialen, psychischen wie physischen Druck auszusetzen. Und dann noch so etwas: Morde auf der Intensivstation. Der Däne Tobias Lindholm (A War, Drehbuch für Der Rausch) wirft mit The Good Nurse, basierend auf dem Sachbuch von Charles Graeber, einen nüchternen, ins Kunstlicht der Spitalsflure getauchten Blick auf die Mechanismen der Spitalslobby und den unbegreiflichen Umstand einer über mehrere Bundesstaaten überschwappenden Vertuschungswelle. Erschreckend ist dabei natürlich auch Charles Cullen als Täter ohne Motiv, aber fast so erschreckend ist ebenso das Schweigen der Krankenanstalten, die in ihrem Drang, sich selbst reinzuwaschen, einem Mörder Tür und Tor in jedes Haus gewährten. The Good Nurse ist weniger Emergency Room oder Greys Anatomy – diese abenteuerliche Romantisierung einer Challenge aus Hektik und kurioser Unfälle bleibt hier gottseidank aus. Lindholm richtet seinen Fokus auf die Dynamik zwischen Chastain und Eddie Redmayne, die zwischen Misstrauen und Vertrauen eine elektrisierende Ambivalenz erzeugen. Redmayne aber macht aus einem düsteren, fast schon klinischen Kriminaldrama, das sich vom Feelgood-Movie mit großen Schritten wegbewegt, eine schauspielerische Sternstunde seines Schaffens. Hier helfen ihm keine unverwechselbaren, persönlichen Merkmale wie Stephen Hawking oder Einar Wegener in The Danish Girl welche hatten. Hier probiert sich der Zoologe aus dem Potterverse an einer Figur, die wenig Anknüpfungspunkte aufweist und zu wenig beredt wirkt, um notwendigenEcken und Kanten zu entdecken, damit sie greifbar wird. Redmayne gelingt es aber trotzdem, hier anzusetzen. In langen, wortlosen Blicken oder aggressiver Panik modelliert der Oscarpreisträger das authentische Psychogramm eines stillen Totmachers, der gerade durch sein rätselhaftes und verstocktes Verhalten die Graubereiche eines gestörten Menschen gerade so auslotet, um ihn nicht als etwas plakativ Böses über den Kamm zu scheren.

Durch Redmaynes Performance und Chastains souveränem Spiel erweckt The Good Nurse die nötige Faszination für einen Film, der in pietätvoller Sachlichkeit und in einem ausgewogenen Mix aus Unruhe und Resignation mit einem Skandal wie diesen das Gesundheitssystem hinterfragt.

The Good Nurse

Decision to Leave

DAS HERZ, EINE MÖRDERGRUBE

7,5/10


decisiontoleave© 2022 Bac Films


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2022

REGIE: PARK CHAN-WOOK

BUCH: PARK CHAN-WOOK, JEONG SEO-KYEONG

CAST: PARK HAE-IL, TANG WEI, LEE JUNG-HYUN, GO KYUNG-PYO, PARK YONG-WOO, JUNG YI-SEO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Die Rache-Trilogie des südkoreanischen Regie-Visionärs Park Chan-Wook möchte ich allen Filmfreundinnen und Freunden ans Herz legen – wenn diese sowieso nicht schon als selbstverständliches Must-See auf der Watchlist stehen oder gestanden haben. Lady Vengeance, Sympathy for Mr. Vengeance und natürlich Oldboy: Großes Kino ohne Mainstream-Kompromisse, selbstbewusst bis in den letzten Spot und nicht darauf angewiesen, um jeden Preis gefallen zu müssen. Park Chan-Wooks Filme halten eben dadurch, dass sie ihrem Konzept so sehr treu bleiben, Ablehnung jedweder Art sehr gut aus. Man muss manch verstörenden Stilbruch, manch Gewalteruption oder groteskes Intermezzo nicht unbedingt verstehen, man wird aber nicht umhinkommen, die virtuose Regieführung des Meisters zu bemerken. Seine Filme sind gehaltvoll und komplex, das ist nichts für zwischendurch. Und manchmal auch ein Schlag in die Magengrube. Wer aber dennoch mit Park Chan-Wook vertraut werden und das koreanische Kino abseits kommerzieller Berechenbarkeit erfahren will, sollte mit Decision to Leave beginnen, seinem neuesten Werk, das eben bei den Filmfestspielen der Viennale läuft. Hier lässt sich ein moderater Einstieg in die vertrackte Gedankenwelt eines Künstlers finden, der mit mächtigen menschlichen Gefühlswelten hart ins Gericht geht, ist es nun Rache oder Liebe.

Die Liebe hält bei Decision to Leave auf Umwegen Einzug, dabei fällt das heikle Wort so gut wie kaum, und auch das leidenschaftliche Empfinden einer Zuneigung findet nur im Ermitteln eines Mordfalls seine Legitimität. Denn Detektiv Hae-joon muss Song Seo, die Witwe eines beim Klettern verunglückten älteren Koreaners einvernehmen, die ob des Verlustes ihres Ehemannes nicht so wirklich Tränen vergießt, gerne mal im Verhörraum die edelsten Sushis des Viertels verdrückt und Hae-joon sowieso schöne Augen macht. Unter Mordverdacht steht die Dame nicht wirklich, doch ihre Rolle in diesem mysteriösen Fall bleibt lange im Dunkeln. Während dieser Zeit des Investigierens kommen sich die beiden näher, auf romantische Weise, doch kommt es nie zu Intimitäten. Als der Fall geklärt scheint, endet diese Art der Zweisamkeit abrupt. Doch nicht für lange.

Der Plot klingt jetzt nicht nach einem umwerfend komplexen Filmdrama. Eine Kriminalromanze eben. Oder doch mehr? Natürlich. Es wäre nicht Park Chan-Wook, würde er das Konzept des Film Noir nicht auf eine Weise wiederbeleben und in erweiterter Form neu interpretieren. Ich denke da an die frühen Dashiell Hammett– oder Raymond Chandler-Krimis mit Humphrey Bogart und Lauren Bacall. Ausgetüftelte Werke, die mit voller Konzentration gesichtet werden sollten, denn wenn auch nur einer der vielen ins Spiel gebrachten Namen nicht im Gedächtnis bleiben, stürzt das ganze filigrane Krimi-Konstrukt in sich zusammen. Aufpassen und mitdenken muss man auch bei Decision to Leave. Und hier gestaltet sich die Erarbeitung des Films noch schwieriger, denn asiatische Gesichter scheinen uns ohnehin ähnlicher als die unsrigen, und bei koreanischen Namen klingt der eine wie der andere. Hat man diese Hürde überwunden und all die Namen und Personen erscheinen vertraut, eröffnet sich ein neues Fenster mit Ausblick auf ein sehnsuchtsvolles Kriminaldrama, auf Landschaften und Meeresküsten Südkoreas, wo die Brandung tost oder der Schnee leise zwischen den Föhren fällt. Park Chan-Wooks Film widmet sich stark wie selten zuvor seinem Land und seinen Leuten, blickt in die Ferne und in eine stets offene Mördergrube namens Herz. Dort folgt eine radikale Entscheidung der anderen, und wir wissen, dass Chan-Wooks Filme keine Kompromisse eingehen. Auch hier nicht – auch in Decision to Leave ist die letzte Konsequenz eine radikale und entsteht aus dem verrückten Entschluss, sich lebenslang an die große Liebe zu binden. Die letzte Entscheidung wird zu einem künstlerischen Akt, einer Art Manifest. Bis dahin weiß das manchmal gar urkomische, locker dahinerzählte und dann wieder getragene Filmpuzzle all seine vielen Details so zu ordnen, dass sich am Ende ein schillerndes, großes Ganzes ergibt. Einen eingefleischten, satten Film Noir, der die volle Aufmerksamkeit verdient.

Decision to Leave

Was geschah mit Bus 670?

PAKT MIT DEM TEUFEL

7,5/10


bus670© 2020 Bodega Films


LAND / JAHR: MEXIKO, SPANIEN 2020

BUCH / REGIE: FERNANDA VALADEZ

CAST: MERCEDES HERNÁNDEZ, JUAN JESÚS VARELA, DAVID ILLESCAS, ANA LAURA RODRIGUEZ, ARMANDO GARCÍA, LAURA ELENA IBARRA, XICOTÉNCATL ULLOA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Das Kino Lateinamerikas ist immer wieder bemerkenswert. Neben den verrückten Ideen und Konzepten aus Südkorea findet sich auch von Chile bis Mexiko allerhand Ungewöhnliches, wie zum Beispiel die Festivalfilme Tragic Jungle, Nobody Knows I’m Here oder der Sozialthriller 7 Gefangene (alle drei im Sortiment von Netflix). Ebenfalls nachhaltig in Erinnerung ob seiner ungewöhnlichen Erzählweise und der Konvertierung eines zutiefst tragischen Themas in eine fast schon poetisch anmutende Ballade bleibt das Kriminaldrama Was geschah mit Bus 607?. Das Filmplakat dazu mag irritieren, vielleicht gar etwas ganz anderes versprechen als es letztendlich der Fall ist: Zu sehen ist vom Rückspiegel eines Autos und so unscharf wie das Found Footage Foto einer paranormalen Beobachtung der Teufel, der sich über seine Opfer hermacht, im Hintergrund lodert das Feuer. Ist der Film von Fernanda Valadez also ein okkulter Horrorfilm? Okkult vielleicht nicht, aber Horror würde ich nicht ganz ausschließen. Denn was mag Horror eigentlich bedeuten? Kann der Horror nicht auch in der inhumanen Anarchie eines Krieges zu finden sein? Oder in der Gesetzlosigkeit mancher Weltgegenden, wo Banden das Sagen haben und jeder noch so brave Bürger, der sich so unauffällig wie nur möglich verhält, um jeden Tag seines Lebens bangen muss? So zu leben ist Horror genug, und es ist weder eine Erfindung noch braucht man hierfür ein dystopisches Szenario vom Stapel zu lassen wie in The Road oder Mad Max. Diese Gegenden gibt’s wirklich, und die liegen nah an der US-amerikanischen Grenze, im Norden Mexikos. Gesetzloses Niemandsland, regiert von schwer bewaffneten Banden und unmöglich zu verwalten. Durch diese Todeszone müssen aber all jene, die ihren Mut aufgebracht haben, um über die Grenze in die USA zu gelangen, um eben dort der Willkür finsterer Kartelle zu entgehen, die mit Drogen und Menschenhandel Geld scheffeln.

Wie der deutsche Titel bereits verrät (im Original nennt sich Valadez‘ Streifen Sin señas particulares, was so viel bedeutet wie „keine besonderen Anzeichen“), wird Bus 670 auf der Fahrt an die Grenze sehr bald vermisst. In diesem Bus saß Jesús, gemeinsam mit seinem Freund Rigo – beide gerade mal Teenager im ersten Drittel, das ganze Leben noch vor sich. Zu Beginn des Films verabschiedet sich ersterer von seiner Mutter, die Hoffnung auf ein besseres Leben stirbt zuletzt. Und da fällt sie auch schon in Agonie, die Zuversicht, doch Mutter Magdalena sucht weiter, man findet lediglich die Leiche des Freundes Rigo, von Jesús fehlt jede Spur. Auf ihrer gefährlichen Suche trifft die verzweifelte Frau auf andere Schicksale – auf einen abgeschobenen jungen Mann, der jahrelang schon in den USA gelebt hat. Und eine Mutter, die den bestätigten Tod ihres Sohnes nach Jahren ohne Lebenszeichen nicht wahrhaben will.

Was geschah mit Bus 670? ist ein metaphysisches, zwischen Wachen und Träumen, Erinnerungen und gerade Erlebtem wechselndes Stück Endzeitkino in einer längst nicht zu Ende gehenden Welt. Es ist bevölkert mit Geistern und verdammten Seelen, Klageliedern und ausweglosen Schicksalen. Mercedes Hernández als beharrlich nachforschende Mutter ist selbst wie ein Geist; wie ein verletzbares, barfüßiges Kind in einer Wildnis, bevölkert von Dämonen. Valadez findet mit ihrer Kamerafrau Claudia Becerril Bulos erstaunlich unorthodoxe Bilder – einerseits ruhend, fast statisch, sich in den Erinnerungen wiederholend. Ein bisschen wie Sergio Leone. Und dann der virtuose Kniff, die überlieferte Tragödie der Busfahrt als eine im Bokeh-Stil gefilmte, dem Übernatürlichen zugeordnete Mär zu illustrieren, die den Beelzebub wüten lässt. Unschärfen werden hier zum Schleier des Selbstschutzes, der die Gräuel nicht von dieser Welt sein lassen will.

Der am Sundance Festival 2020 erstmals gezeigte Film mag nicht die erste Wahl für unterhaltsame Stunden sein – doch sollte er auf der Watchlist ganz oben stehen, wenn es heißt, mit neuen Sichtweisen und innovativen Ideen das Kino – und vor allem das Weltkino – aus seiner Routine zu holen. Mit einem in sich stimmigen Twist sorgt Was geschah mit Bus 670? am Ende noch für ein Durcheinander an Empfindungen, wechselnd zwischen Verblüffung und untröstlicher Melancholie.

Was geschah mit Bus 670?