Handling the Undead (2024)

AUCH ZOMBIES SIND FAMILIE

5/10


Handling the Undead© 2024 TrustNordisk


LAND / JAHR: SCHWEDEN, NORWEGEN, GRIECHENLAND 2024

REGIE: THEA HVISTENDAHL

DREHBUCH: THEA HVISTENDAHL & JOHN AJVIDE LINDQVIST, NACH DESSEN ROMAN

CAST: RENATE REINSVE, ANDERS DANIELSEN LIE, BJØRN SUNDQUIST, BENTE BØRSUM, BAHARS PARS, OLGA DAMANI, KIAN HANSEN, JAN HRYNKIEWICZ, INESA DAUKSTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Nicht genug, dass durch irgendein metaphysisches Ereignis Norwegens Bevölkerung aus anderen Epochen plötzlich in der Gegenwart aufschlagen – so gesehen in der wirklich sehenswerten Miniserie Beforeigners, die schon 2 Staffeln zählt. Jetzt bringt ein anderes, nicht näher erläutertes und deshalb auch höchst dubioses Ereignis den Stromkreislauf des Landes zum Versiegen, währenddessen die kosmische Energie dafür verwendet wird, all die kürzlich Verstorbenen von ihrer letzten Ruhestätte zu vertreiben. Wer, wenn nicht John Ayvide Lindqvist, der für die Vorlage von Filmen wie So finster die Nacht oder Border sein Copyright hochhält, kann sich dieses Szenario ausgedacht haben. Eines, das auf den ersten Blick so wirkt, als hätten wir es mit einer schnöden Untotengeschichte zu tun. Bei Lindqvist gibt es da meist dieses Mehr an gesellschaftspolitischer Komplexität, er verortet seine fantastischen Komponenten stets in einem äußerst realen, gegenwärtigen und greifbaren Umfeld. Bei Lindquvist kann das Paranormale einen jeden treffen, weil diese Faktoren längst in unserem Alltagsleben inhärent sind.

Bei Handling the Undead sind die Toten immer noch jene, die zu den Familien der Trauernden gehören. Ihre Verwesung ist noch nicht so weit fortgeschritten, um sie als Monster zu deklarieren. Ihr Verstand verharrt zwar in einer somnambulen Stasis, doch das letzte bisschen Erinnerung und Persönlichkeit mag da noch an die Oberfläche gelangen wollen, um zumindest noch das ehemalige Zuhause zu erkennen, in welches die Schatten ihres früheren Selbst wie selbstverständlich reinschneien. Auf den ersten Blick freut das natürlich jene, die sich längst von ihren Liebsten verabschiedet haben. Hier nochmal mit einem zwar wortkargen, aber physischen Dacapo getröstet zu werden, mag die Tatsache einer völlig anderen Wesensart eines Zombies zumindest temporär verdrängen – alsbald schon liegen die Defizite zur früheren Person klar auf dem Tisch. Was also tun mit den lieben Verwandten, wenn sie durch ausgeprägt lethargisches Verhalten den Alltag erschweren und sich auch dazu hinreissen lassen, das tun zu müssen, was Untote eben tun: Gewalt anwenden.

Auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival mit Handling the Undead debütiert, hat Regisseurin Thea Hvistendahl das vielfach bemühte Zombie-Thema nochmal so weit variiert, dass diese Idee passgenau in die Feiertagsthematik rund um Allerseelen passt. Im Gegensatz zum Tag der Toten in Lateinamerika als kunterbuntes Freudenfest (siehe Pixars Coco – Lebendiger als das Leben) ist dieser Film die depressive Bebilderung eines Jenseitsbesuches, der überhaupt nichts mehr Feierliches, Erhabenes oder Bereicherndes hat. Was da die Lebenden heimsucht, sind leere Hüllen, die als Ersatz der Vermissten nicht lange vorhalten. Genauso wie ihre Zombies hat Hvistendahl allerdings nur wenig Interesse daran, aus ihrem narrativen Minimalismus auszubrechen. Sie wagt oder will es nicht, auf gemeingesellschaftlicher Ebene die heimgesuchte Stadt Oslo im Ausnahmezustand darzustellen, um aus dem paranormalen Phänomen die Diskrepanz zwischen Leben und Tod auszuloten. Sie begnügt sich damit, die Toten atmen zu lassen. Das ist reichlich wenig für eine Anomalie, die eine Menge hergeben könnte, würde Handling the Undead den Fokus nicht nur sehr streng auf drei Einzelschicksale setzen, die untereinander nicht in Berührung kommen, um in fast schon semidokumentarischer Nüchternheit die Grundproblematik fremder Vertrauter zu variieren.

Das Potenzial also ungenutzt, schlurft der Film blutleer, bitterernst und grau seine abendfüllende Spielfilmlänge ab und hätte dabei aber als griffiger Kurzfilm wohl viel eher funktioniert. Wie in Slow Motion spult Hvistendahl ihre Szenen ab, lange Einstellungen wechseln mit überlangen Szenen, der ganze Film ist wie eine ausgedehnte Schweigeminute für Verstorbene, bei der man tunlichst vermeidet, Emotionen zu zeigen. In diese Tristesse kann man sich aber durchaus fallen lassen. Lebt man im Moment selbst nach diesem Modus der Verlangsamung und der Schwermut eines harten Lebens, könnte man von Handling the Undead aufgefangen und verstanden werden. Im Grunde ist die Idee schließlich reizvoll genug, um über Verlust, Trost und die Hürden des Abschieds nachzudenken.

Handling the Undead (2024)

Kryptic (2024)

FINDE DICH SELBST

5,5/10


Kryptic© 2024 XYZ Films

LAND / JAHR: KANADA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: KOURTNEY ROY

DREHBUCH: PAUL BROMLEY

CAST: CHLOE PIRRIE, JEFF GLADSTONE, PAM KEARNS, JASON DELINE, ALI RUSU-TAHIR, JENNA HILL, JANE STANTON, JENNIFER COPPING U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Vorsicht, es könnte eklig werden! Kryptic, das Regiedebüt der Kanadierin Kourtney Roy, steckt toxische Männer in übergroße Vaginas, und nicht nur die: Auch die auf dem Selbstfindungstrip befindliche Kay (Chloe Pirrie, u a. in der SerieHanna zu sehen) dürfte – man weiß es nicht so genau – mit einem pelzigen Ungetüm, einem sogenannten Sooka, nicht nur Geschlechtsverkehr gehabt haben, sondern auch eine auf diversen geistigen Metaebenen liegende Verbindung eingegangen sein. Es ist, als hätte Kay nicht nur die Identität einer dem Bigfoot ähnlichen Kreatur angenommen, sondern auch die Identität jener, auf deren Spuren sie wandelt. Dabei handelt es sich um die bereits längere Zeit verschollene Kryptozoologin Barb Valentine (ebenfalls Chloe Pirrie), die auf der Suche nach dem Kryptid spurlos verschwand.

Dabei hat die junge und sozial recht inkompetente, weil schüchterne Kay nur an einer geführten Wanderung auf den Kryptic Peak teilnehmen wollen, mit nicht viel mehr dahinter, als in die Natur hinauszugehen. Der Guide jedoch bringt mit seiner Erzählung dessen, was sich damals ereignet hat, die junge Frau auf die Idee, sich auf eigene Faust umzusehen. Dabei entdeckt sie Spuren von Valentine – und schließlich auch das Monster. Danach ist – wie bei David Lynch – von einem Moment auf den anderen alles anders. Der Samen fließt (frage nicht!), Kay weiß nicht mehr, wer sie zu sein scheint, und stiefelt nun mit falschem Namen durch British Columbia, wobei sie auf eine schräge Rezeptionistin, kauzige Eremiten und Augenzeugen trifft, die mit dem Sooka schon zu tun hatten. Manche von ihnen verschwinden nach der ersten Begegnung spurlos. Manche outen sich damit, ebenfalls von einer obskuren Macht beseelt zu sein.

Was immer auch in dieser Waldgegend abgeht, es entwickelt sich zu einem obskuren Mindfuck, dem es gelingt, fast so geschickt wie Lynch selbst Zeit und Raum zu einer Möbiusschleife zusammenzuzwirbeln. Es wäre ein durchaus beeindruckend konzipiertes Werk geworden, hätte sich Kourtney Roy nicht zusätzlich bemüßigt gefühlt, das Trauma sexueller Gewalt und den Ekel vor dem Koitus mitsamt den dabei entstehenden Körperflüssigkeiten zu verarbeiten. Der Schleim zieht sich wie eine Schneckenspur durch einen Film, der viel zu bedeutungsschwer ein sonst verspieltes Mystery-Abenteuer vermantscht.  

Schließlich ist die narrative Zeitebene tatsächlich das gelungen Kernstück eines prinzipiell geheimnisvollen, metaphysischen Gespinstes – wie Kourtney Roy den Bogen spannt zu einem Story-Twist, der verblüfft, ist entweder dramaturgischer Zufall oder wirklich präzise durchdacht. Angesichts mangelnder Stilsicherheit und einer derben Üppigkeit, mit welcher die sexuell aufgeladene, peripher besiedelte Waldwildnis sein Publikum verwirrt, vermute ich gar ersteres. Der Knopf bezüglich besagter, ineinander verflochtener Ereignisse und Identitäten wird nicht aufgehen. Und auch wenn: Die Legende des Sooka traut sich zu zaghaft ans Genre des Monsterhorrors heran, der angedeutete radikale Feminismus und der Schrecken der Fleischeslust wirken so befremdend wie die plötzliche Begegnung mit einem Exhibitionisten. Warum nur hätte Roy nicht dem Pfad durch den Wald weiter folgen können, warum ufert ihr Film aus in kaum zweckdienliche Brutalität – es ist, als würde sich die Filmemacherin eine schreckliche Erfahrung von der Leber inszenieren, als würde sie auskotzen, was ihr selbst widerfahren sein mag. Währenddessen schillert die Möbiusschleife wie ein vergessenes Element im Hintergrund herum, um dann doch noch aufgegriffen zu werden. Der Knoten im Hirn löst sich langsam, am Ende mag manches klarer sein, aber längst nicht alles.

Kryptic (2024)

Sew Torn (2024)

NUR NICHT DEN FADEN VERLIEREN

7/10


Sew Torn© 2024 The Playmaker

LAND / JAHR: USA, SCHWEIZ 2024

REGIE: FREDDY MCDONALD

DREHBUCH: FREDDY & FRED MCDONALD

CAST: EVE CONNOLLY, CALUM WORTHY, JOHN LYNCH, K. CALLAN, RON COOK, THOMAS DOUGLAS, CAROLINE GOODALL, WERNER BIERMEIER, VERONIKA HERREN-WENGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Dass Zwirnfäden so reißfest sein können, ist erstaunlich. Ich dachte stets, dieses hauchdünne Nähzubehör hält keinen größeren Einflüssen stand, doch eigentlich tut es das, und zwar in jedem Kleidungsstück. In Sew Torn (übersetzt: zerrissene Naht) spielt der handwerklich genutzte Nähfaden eine große Rolle, fast noch mehr als der Spinnenfaden bei Spiderman Peter Parker, wenn er sich wieder mal an senkrechte Hauswände heftet. Um den Zweck der Fäden zu nutzen, muss man erstens räumlich gut denken können und zweitens mit geschlossenen Augen den Zwirn ins Nadelöhr bringen – das wiederum in Sekundenschnelle. Man muss auch das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung verstehen, das Prinzip einer Kugelbahn oder des Dominoeffekts. Wäre dem nicht so, wäre Schicksalsschneiderin Barbara (Eve Connolly, u. a. The Other Lamb) wohl sehr schnell über ihr eigenes, komplex geflochtenes Netz gestolpert, das letztlich Dinge in Bewegung bringt, die wie in Kevin – Allein zu Haus unliebsamen Aggressoren das Handwerk legen soll. Eine Art „McGyver“ wäre an Barbara verloren gegangen – hätte sie ihn nicht rechtzeitig entdeckt, nachdem ein einziger kleiner, scheinbar nichtiger Umstand das restliche Leben infrage stellen wird. Dieser Umstand ist ein kleiner, weißer Knopf, der Barbara beim Anprobieren des Hochzeitskleides einer sichtlich längst entnervten Kundin aus der Hand fällt. Vor einem Lüftungsgitter am Boden macht er Halt – die Frage ist: Fällt er durch den Spalt oder bleibt er auf dem Gitter liegen? Barbara fordert das Schicksal heraus – und lässt den Knopf in die Finsternis kullern. Da sie nochmals zurück in ihre Schneiderei fahren muss, um einen neuen Knopf zu holen, wird sie auf der Landstraße zur Zeugin eines kriminell motivierten Unfalls. Auf dem Asphalt der Fahrbahn liegt ein Koffer voller Geld, am Straßenrand zwei schwer verletzte, männliche Individuen, unweit von ihnen entfernt zwei Pistolen. Was soll Barbara also tun? Den Geldkoffer an sich nehmen, um neu anzufangen? Einfach weiterfahren? Oder die Polizei rufen?

An diesem Punkt spaltet sich Sew Torn auf. Ein dramaturgisches Spiel, das durchaus auch an Tom Tykwers experimentellem Thriller Lola rennt erinnert. Dort muss Franka Potente immer und immer wieder und ohne dabei zwingend in einer Zeitschleife gefangen sein zu müssen einen missglückten Raubüberfall durchexerzieren und dabei unterschiedliche Entscheidungen treffen. Der Qual der Wahl muss sich in Freddy McDonalds Film- und Regiedebüt auch Barbara aussetzen und behält die Übersicht über drei Möglichkeiten. Sew Torn näht sich dabei sein Insert zu den jeweiligen Episoden formvollendet selbst – um immer vom selben Punkt weg neu durchzustarten. McDonald setzt dabei auf den Nähkoffer seiner Heldin, die alles enthält, was auch Mary Poppins braucht, um aussichtslose Situationen meistern zu können – oder auch nicht. Sew Torn erhält durch diese kreative Komponente – nämlich: sich die Skills einer Näherin märchengleich zunutze zu machen – ein Alleinstellungsmerkmal und verhält sich auch sonst so, als wäre der Film selbst das Schneidern eines komplizierten Kleidungsstücks, während der Teufel hinter einem her ist. Die Nähmaschine rattert, die Spule entrollt den Zwirn, der geradezu ein Eigenleben entwickelt und es so scheint, als müsste Mission Impossible-Agent Tom Cruise als nächstes einen Weg durch ein Wirrwarr an Fäden finden, ohne auch nur an einen einzigen anzustreifen. Dergleichen Spannung erreicht Sew Torn auffallend früh – und McDonald kann sie halten. Neben vielen originellen und verblüffenden Einfällen, die Barbara zu einem Improvisationstalent hochstilisieren, ist die stets auf dem Gaspedal befindliche Inszenierung auch angesichts einer Erstlingsarbeit eine beeindruckende Leistung. Die Ursache für die handwerkliche Raffinesse des Werkes liegt wohl auch daran, dass McDonald, völlig eins mit dem Rhythmus seines Films, auch für den Schnitt verantwortlich war. Eine Aufgabenverteilung, die sich bezahlt macht.

Sew Torn ist schließlich der Glücksfall eines leidenschaftlichen Handwerks, das über ein anderes unterschätztes Handwerk erzählt, dass sich zweckentfremden lässt, um das Schicksal neu zu schneidern. Die Schwerpunkte sind richtig gesetzt, Eve Connolly als Barbara vielleicht in so kurzer Zeit manchmal zu einfallsreich, doch das ist in dieser Realität des Films eine Prämisse, die man annehmen muss, sonst funktioniert das ganze Konstrukt nicht. Lässt sich damit gut zurechtkommen, sitzt die Naht perfekt. Im Übrigen: von Freddy McDonald, da bin ich mir sicher, wird man noch einiges hören.

Sew Torn (2024)

Else (2024)

MATERIE IM WANDEL

7,5/10


Else© 2024 WTFilms


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2024

REGIE: THIBAULT EMIN

DREHBUCH: THIBAULT EMIN, ALICE BUTARD & EMMA SANDONA

CAST: MATTHIEU SAMPEUR, ÉDITH PROUST, LIKA MINAMOTO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN 


Filme wie dieser sind der Grund, warum ich Events wie das Slash Filmfestival oder das deutsche Fantasy Filmfest (an welchem ich selbst noch nie war, dessen Programm sich aber mit dem Wiener Pendant überschneidet) so liebe. Um es mit den Worten des oft zitierten Forrest Gump zu sagen: Mehr noch als anderswo hat man es hier mit einer gut gefüllten Schachtel unterschiedlichster Pralinen zu tun, deren Geschmack sich erst offenbart, wenn man reingebissen hat. Denn im Genre des Phantastischen muss man den Schritt ins Unbekannte wagen. Jenseits dieser Schwelle gibt es Welten, die es real nicht gibt, die unserer Welt zukünftig ähneln könnten und in einen narrativen Kontext bringen, was wir uns in unserem präfrontalen Kortex alles ausdenken. Dabei gelingt es immer wieder, scheinbar festgefahrene Themenkreise wie das Ende der Welt, Vampire oder Zombie-Pandemien aus ihrem klischeebehafteten Dämmerschlaf zu holen. Neue Vibes braucht diese Art Kunst schließlich immer wieder.

Hier, im Filmcasino in Wien, können Pioniere, Debütanten und völlig autarke kreative Köpfe ihre Erstlingswerke präsentieren oder – ungeachtet des Zaumzeuges eines durch Marketingzwecke eingeschränkten Studios – Nischiges und höchst Sonderbares, Groteskes und Fürchterliches auf das interessierte Fanpublikum loslassen. Eines dieser Highlights auf der Reise in unmögliche und inspirierende Welten ist Else, ein Endzeitdrama der so gut wie gar nicht herkömmlichen Art, wobei sehr wohl erwähnt werden muss, dass der Umstand eines unkontrollierbaren Virus zumindest etwas ist, was der Film vielleicht mit anderen dieser Art gemeinsam haben könnte. Diese Seuche oder was immer das ist scheint zumindest höchst ansteckend, und aus diesem Grund lässt ein Lockdown ein junges Liebespaar in ihren vier Wänden verweilen – genauer gesagt sucht die quirlige Cassandra ihre Partybekanntschaft Anx auf, ein eher introvertierter Einzelgänger, der sich in der Wohnung seiner an Krebs verstorbenen Mutter verbarrikadiert hat. Beide biegen die Tage mehr recht als schlecht hin, doch dass sich bei dieser Katastrophe die Gefahr im Draußen bannen lässt, ist eine Illusion. Und das ist das Ungewöhnliche und regelrecht Absurde und kaum Vorstellbare in Else: irgendetwas auf diesem unserem Planeten bringt Materie dazu, miteinander zu verschmelzen. Dazu zählt der menschliche Körper, und je länger dieser mit den Gegenständen um ihn herum in Berührung verharrt, umso mehr gehen diese in den atmenden Organismus über. Der Mensch wird zur Wand, zum Lacken oder zum Tisch. Alles, was greifbar ist, greift ineinander, in mehreren Phasen – diesem Dilemma lässt sich nur entgehen, wenn man stets die Position wechselt. Eine Challenge, die keiner auf Dauer bestehen kann. Und so kommt, wie es kommen muss: Leblose Materie wird zum lebenden Organismus und umgekehrt. Wie Filmemacher und Virtuose Thibault Emin dieses Szenario auf die Leinwand bringt, ist ein immersives, eigenwilliges, doch letztlich atemberaubendes Erlebnis.

Kein anderer Film hat im Rahmen des Festivals meine Neugier so geweckt wie dieser – wie lässt sich ein solcher metamorpher Wahnsinn ohne Millionenbudget und großem Studio im Rücken umsetzen? Zu welchen Mitteln greift Regisseur Emin? Letztes Jahr hatte eine ähnlich gelagerte Endzeitvision seine Premiere – und zwar Animalia. Hier war es nicht tote Materie, sondern die Tierwelt, die ihre Gene mit jenen der Menschen vermischt hat. Herausgekommen sind diverse Hybride, formschön, elegant und mit hohem computertechnischem Aufwand umgesetzt. Effekte, die Wētā oder ILM wohl nicht besser hinbekommen hätten. In Else sind ganz andere Innovationen am Start. Vor allem Bodypainting und Make-up sind eine Sache, die andere findet ihre Umsetzung sehr wohl auch in animierten Bildern. Beides gemeinsam macht die Katastrophe immens greifbar. Doch das ist nicht alles: Während vor der ersten Phase der Verschmelzung die Welt noch in Farbe erscheint, ändert sich dies in Phase Zwei und Drei, Emin filmt nun in Schwarzweiß und lässt dadurch die Begrifflichkeit einer Welt, wie wir sie kennen, noch mehr verschwinden und verschwimmen. Bei Betrachtung der ersten halben Stunde des Films lässt sich niemals ausmalen, was letztlich folgen oder welches Ausmaß dieser Paradigmenwechsel erreichen wird. Den Wandel der Materie in dieses irgendetwas – eben Else – in einen einzigen, großen Organismus aus allem, was sich greifen lässt, beschreibt das surreal-abstrakte Drama wie eine Symphonie – das Bemerkenswerteste ist das dabei Zurückdrängen des kognitiven Bewusstseins, um instinktivem Empfinden Platz zu machen. Letztlich könnte die Wandlung einen Planeten neu gebären, der dem aus Stanislaw Lems Solaris gleicht. Einem komplexen himmelskörpergroßen, kollektiven Bewusstsein.

Diese Was wäre wenn-Idee auch wirklich umgesetzt zu haben, und zwar so, dass sie nicht lächerlich oder bemüht wirkt, sondern aus einem souveränen Selbstbewusstsein und einer Vision heraus entstanden ist, dafür gebührt Thibault Emin größer Respekt. Mit diesem Debüt hat der Franzose etwas Verblüffendes geschaffen, andererseits aber auch etwas, worauf man sich einlassen muss. Ein inspirierendes Werk, neuartig und pioniergeistig.

Else (2024)

Timestalker (2024)

VOM TOPF, DER NICHT ZUM DECKEL PASST

6/10


Timestalker© 2024 HanWay Films


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: ALICE LOWE

CAST: ALICE LOWE, ANEURIN BARNARD, NICK FROST, JACOB ANDERSON, KATE DICKIE, TANYA REYNOLDS, MIKE WOZNIAK U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Die Conclusio von gefühlt jeder Romantikschnulze lautet vermutlich so: Liebe überdauert alle Zeiten. Damit sind die guten und die schlechten zu zählen, sofern man das Vermählungsgelübde abgelegt hat. Damit sind vielleicht gar politische Wirren oder natürliche Katastrophen gemeint oder der Moment, wenn das Vertrauen wird auf die Probe gestellt wird. Geographische Distanz ist auch so ein Faktor, den man wacker bestreiten will. Im Film Timestalker überdauert die Liebe sogar diverse Lebenszeiten. Sprich: Ist die Tatsache einer Reinkarnation eine bewiesene, lässt sich somit auch der Lebensmensch über den Tod bringen, über den Stix schippern und in der neuen Existenzblase erneut ausfindig machen. Doch was, wenn dieser Lebensmensch gar nicht will? Wenn es gar nicht Liebe ist, sondern Obsession, die nur von einer Seite ausgeht und nicht erwidert wird? Stalken und Begehren über Raum und Zeit hinweg – was für absurde Ausmaße das Ganze annehmen kann, schildert die Comedian Alice Lowe in ihrer zweiten, zwischen Herz und blutigem Schmerz angesiedelten Regiearbeit. Die Britin selbst kennt man wohl am ehesten noch aus Ben Wheatleys Sightseers – einer urbritischen, schwarzhumorigen Version der Natural Born Killers, nur ohne Medienrummel. Slash-Festivalgeher ordnen ihr vielleicht noch den Schwangerschafts-Slasher Prevenge zu, der 2016 ebendort Premiere feierte.

Lowe setzt sich selbst als Mittelpunkt ihres Schaffens prominent in Szene, es ist ein Film für sie, mit ihr und von ihr. Timestalker lässt die Künstlerin in diverse Epochen eintauchen, vom 17. Jahrhundert der Häresie aufwärts bis in die nahe Zukunft, in der Unruhen das gesellschaftliche Leben bestimmen. Eine Frau namens Agnes liebäugelt dabei immer und jeweils in einer der Zeit angepassten Kluft mit dem ihr fremden Alex, der aber, so will es das Schicksal, immer wieder kurz davorsteht, sein Leben zu verlieren, würde Agnes nicht beharrlich intervenieren und statt seiner die Patschen strecken. Es wäre alles halb so wild, muss die von dieser besagten Liebe auf den ersten Blick gemarterte Lebenskünstlerin nicht alles wieder von neuem beginnen. Und wieder trifft sie auf Alex, mal als Prediger, mal als Bandit, mal als Rockstar. Für Agnes ist es Bestimmung, für den jungen Mann allerdings nicht. Eine Qual ist das, und es gibt keine Möglichkeit, die Balance zwischen dieser Figurenkonstellation auszugleichen oder aber die Paarbindung zu stärken. Erschwerend kommt hinzu, dass Nick Frost als herrlich provokanter Ungustl eine ähnliche Obsession für Agnes hegt, diese aber in toxischen Männlichkeitsfantasien auslebt, mit der das Objekt der Begierde nichts anfangen kann – ganz im Gegenteil. Und noch etwas: Im Hintergrund flammen lesbische Sehnsüchte auf, auch diese bleiben unerwidert. Lowe öffnet damit eine Kiste der im wahrsten Sinne des Wortes halbherzigen Beziehungen, der hoffnungslosen Bewunderungen, deren Energie ins Leere läuft.

Lowe reichert dabei ihre episodenhafte Anti-Romanze mit einigen blutigen Szenen an, die zum guten Ton schwarzhumorig-makabrer Light-Grotesken aus Britannien zählen, denn nicht nur einmal verliert Agnes den Kopf wahrlich nicht nur aus Liebe. Hinter dem, den sie so heiß begehrt, steckt einer, der so aussieht wie Sam Riley, tatsächlich aber als Aneurin Barnard bekannt ist und bereits schon bei Nolans Dunkirk mitgewirkt hat. Das Ensemble ist also in einem vergnüglichen Einklang vorzufinden, die Episoden selbst strahlen eine gewisse bühnenhafte Kauzigkeit aus, was vielleicht auch daran liegt, dass Lowe nicht auf Zug inszeniert. Gemächlich erscheint ihre immergleiche Grunddynamik der einzelnen Geschichten, ganz im Sinne der Idee dahinter fühlt sich vieles so an, als wäre es redundant. Kein Wunder, wenn die Figur der Agnes immer wieder gegen ihren Willen diesen einen Mann will, der im Grunde nichts für sie übrighat. Dieses Dilemma des Anhimmelns setzt Lowe in den Kontext gesellschaftlicher Marotten und Absonderlichkeiten der jeweiligen Zeitalter (schon wieder die Achtziger!), doch stets bleibt der Spaß in seiner Andeutung verhaftet, ohne in diesem Schicksalsspiel wirklich herumzurühren. Als ganz nett könnte man Timestalker bezeichnen – doch ist das nicht das Verheerendste, was einem Film wiederfahren kann, wenn man ihm diese Eigenschaft verleiht?

Nein, Timestalker ist bei weitem kein Reinfall. Doch als großen Wurf würde ich diese Reinkarnations-Komödie, die manchmal an Time Bandits erinnert und die ewige Schnulze der deterministischen großen Liebe in liebevoller Gehässigkeit hinterfragt, auch nicht bezeichnen. Der Twist am Ende macht immerhin vieles wieder wett, was vielleicht zu lange gedauert hat.

Timestalker (2024)

The Primevals (2023)

GUT GEBRÜLLT, YETI!

6/10


Primevals© 2023 Full Moon Entertainment


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: DAVID ALLEN

DREHBUCH: DAVID ALLEN, RANDALL WILLIAM COOK

CAST: RICHARD JOSEPH PAUL, JULIET MILLS, LEON RUSSOM, TAI THAI, WALKER BRANDT, ROBERT CORNTHWAITE U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Ich wusste es! Kraxlerkönig Reinhold Messer hat recht gehabt: Den Yeti oder Schneemenschen gibt es wirklich. Zwar nicht in eisbäriger Pracht, jedoch als Ungetüm von einem anthropomorphen Megagorilla, bisweilen aber wesentlich kleiner als der derzeit im Kino wütende CGI-King Kong. Dieser Yeti hier, der wirkt tatsächlich so, als wäre er weniger formatfüllend als er aussieht. Das liegt daran, dass im Stop-Motion-Verfahren bewegte Miniaturen in ein ebenfalls miniatürliches Diorama gesetzt werden. Die Live-Acts werden dann reinkopiert – oder umgekehrt: Der Yeti ist Projektion, die Abenteuerclique aus dem Retro-Streifen The Primevals tummeln sich im Pappmaché-Himalaya und lassen sich von Styroporschnee berieseln, während sie erhabenen Blickes zu einer kryptozoologischen Einzigartigkeit aufsehen, die hier um ihr Leben plärrt. Wer nun glaubt, ich habe hier einen Klassiker aus den frühen Jahren der Harryhausen-Animationskultur abgestaubt, der irrt: The Primevals hat erst letztes Jahr das Licht der Welt erblickt und nicht schon 60 Jahre zuvor. Das meiste davon wurde bereits 1994 umgesetzt, innerhalb der letzten dreißig Jahre starb Regisseur und Stop-Motion Virtuose David Allan und das unfertige Filmchen lag brach – bis sich dessen Protegé Chris Endicott des Projektes erbarmte und dieses fertigstellte. Siehe da: Dieses Abenteuer ist die Handarbeitsversion eines Indiana Jones-Abenteuers mit allerlei devoten Verbeugungen vor den Welten, die Jules Verne Ende des vorletzten Jahrhunderts erschuf. Wir wissen: Die französische SciFi-Ikone nahm bereits den Mondflug vorweg und tauchte 70.000 Meilen unter dem Meer dahin. Die Sache mit der Hohlwelt war auch seine Idee, doch was er vermutlich noch nicht hatte, war die Entdeckung eines Tals zwischen den höchsten Gipfeln der Erde, welches frappant an Shangri La erinnert und eine Tierwelt beherbergt, welche Charles Darwin mitsamt seiner Evolutionstheorie unter die Achsel geklemmt im Grab rotieren lassen würde.

Bevor es aber so weit kommt, wird erstmal dieser Yeti vor einem Fachpublikum präsentiert und ein junger, ehrgeiziger Wissenschaftler für eine Expedition gewonnen, die an den Fundort dieser Megafauna führen soll. Ziel ist es, einen zweiten, allerdings lebendigen Affen dieser Art gefangen zu nehmen, um ihn schließlich zu erforschen. Es wäre kein waschechtes Abenteuer, würde alles glatt gehen. Während das fünfköpfige Team – unser fescher Held, eine Uni-Dozentin, eine Yeti-Forscherin, ein Haudegen Marke John Wayne und ein nach Rache dürstender junger Tibeter, dessen Bruder beim Kampf mit der Bestie ums Leben kam – den Fels erklimmt, entdecken sie eine Höhle, die sie geradewegs in ein Paradies schickt, das nur so tut als ob und ein Geheimnis beherbergt, das nicht nur die Evolutionstheorie, sondern auch das gesamte Verständnis des Universums – ach herrje! – auf den Kopf stellen würde!

Beim Sichten dieser völlig aus der Zeit gefallenen Liebhaberei staunt man genauso wie all jene Protagonistinnen und Protagonisten, die sich einer Schauspieltechnik bedienen, die ungefähr so alt sein muss wie das Geheimnis hinter dem Berg. Denkwürdige Momente sind das allesamt keine. Von vor Pathos triefenden Textzeilen und simplen Dialogen kann man sich in diesem Film aber nicht verstecken. Worauf man sich einlässt, ist ein bieder-klassisches Abenteuer aus einem konservativen Damals, das es aber stets vermeidet, vorgestrige Werte auch noch mit in die Gegenwart zu retten. The Primevals liefert die Essenz kaminfeuertauglicher fantastischer Geschichten, die noch im Röhrenfernseher laufen, während man nebenher eine Tasse Kaffee mit Rum schlürft, weil Rondo Montana, so der verwegene Kerl der Truppe, dies womöglich auch so handhabt. Erstaunen, Geistesgegenwart und Heldentum feiern eine biedere, freiwillig unfreiwillig komische Wiederauferstehung vor Matte Painting-Kulissen, die manchmal verblüffend gut mit den real besuchten Locations verschmelzen. Das Creature Design ist herzallerliebst, wie ein Puppentrickfilm mutet das Ganze an, wobei Stop-Motion-Gott Phil Tippet (Mad God) wohl noch einige Luft nach oben sähe, was die Geschmeidigkeit der Bewegungen angeht. Dazu die paar Menschleins, die in einer besseren Welt leben, als alles noch in Ordnung war und auch seine Ordnung hatte.

Beschauliche Science-Fiction ist das geworden, vielleicht in ein paar Jahrzehnten genauso Kult wie Metaluna IV antwortet nicht. Doch während es zur Zeit der alten Filme wohl kaum einer besser wusste oder es besser konnte, mag man zum Ende des 20. Jahrhunderts bis in die 20er Jahre des neuen Jahrtausends hinein nichts dazugelernt haben. Somit bleibt The Primevals ein konserviertes, obskures Kleinod in einer Welt der Schnelllebigkeit, der KI und der aalglatten Perfektion. Eine Art reaktionäres Relikt, das ganz bewusst in der Nostalgie verharrt.

The Primevals (2023)

She Loved Blossoms More (2024)

DR. WHO IM DROGENRAUSCH

5/10


She Loved Blossoms More© 2024 Yellow Veil Pictures


LAND / JAHR: GRIECHENLAND, FRANKREICH 2024

REGIE: YANNIS VESLEMES

DREHBUCH: YANNIS VESLEMES, DIMITRIS EMMANOUILIDIS

CAST: PANOS PAPADOPOULOS, JULIO GIORGOS KATSIS, ARIS BALIS, SANDRA ABUELGHANAM SARAFANOVA, ALEXIA KALTSIKI, DOMINIQUE PINON U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Dieser Film ist vieles, aber nichts wirklich konkret. Und ja, es ist keine Übertreibung, zu behaupten, She Loved Blossoms More des Griechen Yannis Veslemes, der sein Werk per Videobotschaft genauso wenig enthusiastisch gehostet hat wie seine Protagonisten letztlich die Sache in dieser Geschichte angehen werden, ist wohl eines der unzugänglichsten, aber auch unzulänglichsten Kuriositäten, die ich, auf Slash-Schiene fahrend, bisher sehen konnte. Da hatte selbst der verrückte The Belgian Wave noch einen roten Faden, während man sich in einem Tagtraumzustand wie diesen, der mit anderen Dimensionen kokettiert, einfach nur verlieren kann. Das ist aber nicht im positiven Sinn gemeint. Verlieren kann man – oder sollte man sich gar in einem Film als inhärenter Teil der Geschichte ohne aktive Funktion. Bei She Loved Blossoms More verliert man sich, als stünde man des Nächtens auf einem unberuhigten Verkehrsknotenpunkt in einem sogar noch alphabetisch fremden Land und müsste seinen Weg nachhause finden. Das Einzige, was als Fixpunkt herhalten kann, ist das weitläufige, düstere, holzwurmstichige Herrenhaus der Familie, bewohnt von drei Brüdern, die ihr Dasein irgendwo in naher, tropisch feuchter Zukunft am Rande von Athen mehr oder weniger bekifft und zugedröhnt bestreiten – verfilzt, antriebslos, gekleidet in verwaschenen Bademänteln und zwischendurch mal die tote Mutter betrauernd, die vor dem Haus begraben liegt. Im Wintergarten steht ein Schrank aus dem Jugendstil, eine Art „Tardis“, innen ausgepolstert und dazu da, Portale in andere Dimensionen zu öffnen. Genaugenommen soll keine Zeitreise, sondern ein Trip ins Jenseits unternommen werden, um das Projekt des abgängigen Vaters (Dominique Pinon, Delicatessen, Alien – Die Wiedergeburt) zu Ende zu führen und die allerliebste Mama zurückzubringen. Dabei testen sie die innovative Gerätschaft zuerst mal mit Schweinen und Hühnern – beides misslingt auf seine Art und hinterlässt einerseits grässliche, andererseits verblüffende Mutationen.

Und so geht es weiter, unter dampfenden Nächten und matthellen Tagen, immer im und ums Haus herum, später gibt’s Damenbesuch – die promiskuitive Griechin wird dann schließlich ebenfalls in den Schrank gesteckt – und ab da an wird es richtig konfus und so, als hätte Yannis Veslemes rein intuitiv und assoziativ inszeniert, denn was seinem Film schließlich fehlt, ist eine Richtung, ein Rhythmus, eine Stringenz in all dem Hokuspokus. Kaum glaubt man, es gehe etwas weiter, kehrt der bizarre Müßiggang wieder zu seinen Anfängen zurück, es ist wie Rutschbahn und Leiter, und andauernd erwischt es die Rutschbahn, die man auf grünem Schleim hinuntergleitet. Dieser Schleim zieht sich dann auch durch den Film, womöglich ist es Dimensionsschleim, keiner weiß es so genau, nicht mal der Regisseur und schon gar nicht seine Darsteller. Als würde Fear and Loathing in Las Vegas eben nicht in Las Vegas spielen und nur auf der Stelle treten, ein halbes Huhn am Schoß und den Kopf der Freundin, pittoresk gespalten, im oberen Schlafgemach. Surreales und Wundersames sind Veslemes Spezialität, sein Rätselspuk wäre ja vielleicht ganz reizvoll, hätte er wohl mehr darauf verzichtet, die Stadien unterschiedlicher Wahrnehmungszustände alle gleich aussehen oder die Brüder nicht andauernd dumm aus der Wäsche gucken zu lassen. Ein bisschen enerviert das Ganze, wenngleich die Bildsprache, die an Jean-Pierre Jeunets Frühwerke erinnert, und so manche verrückte Idee für sich durchaus ihre Berechtigung haben, ja geradezu verblüffen, hätte man sich erzählerisch am Riemen gerissen als nur das in Stichworten niedergeschriebene Protokoll eines Brainstormings als Film umgesetzt. Kann man machen, alles ist möglich, gerade im Phantastischen. Ob es funktioniert, steht auf einem anderen Blatt. Oder findet sich in einer anderen Dimension.

She Loved Blossoms More (2024)

Feinfühlige Vampirin sucht lebensmüdes Opfer (2023)

BLUTJUNG DURCH DIE NACHT

8/10


Humanist Vampire Seeking© 2023 H264

ORIGINALTITEL: HUMANIST VAMPIRE SEEKING CONSENTING SUICIDAL PERSON

LAND / JAHR: KANADA 2023

REGIE: ARIANE LOUIS-SEIZE

DREHBUCH: ARIANE LOUIS-SEIZE, CHRISTINE DOYON

CAST: SARA MONTPETIT, FÉLIX-ANTOINE BÉNARD, STEVE LAPLANTE, SOPHIE CADIEUX, NOÉMIE O’FARRELL, MARIE BRASSARD, ARNAUD VACHON, PATRICK HIVON U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Von wegen seelenlose Böslinge: Vampire sind von dämonischen Mächten verfluchte Gestalten, die sehr wohl zu allerlei Empfindungen fähig sind. Das einzige Problem: Sie können eben nicht anders, und müssen, um selbst zu überleben, anderen wehtun. Wie Raubtiere, nur menschlich. Doch wie menschlich können Bram Stokers Blutsauger denn überhaupt noch sein? Wie sehr erinnern sie sich noch an ihren Urzustand als sterbliches Individuum, sofern sie nicht ohnehin schon als Vampir auf die Welt gekommen sind? Lässt sich ein Gewissen ausprägen wie jenes, welches die kleine Sasha verspürt? Gerade mal zu ihrem 68. Geburtstag gibt’s ein ganz besonderes Geschenk: einen menschlichen Partyclown, den die ganze Sippschaft als Highlight des Tages gemeinsam ausschlürfen darf. Auch Sasha soll langsam von Blutkonserven auf Selbstfang umerzogen und vorbereitet werden – doch das untote Mädchen weigert sich. Die feinfühlige Vampirin, von welcher schon im Titel die Rede ist, bringt es nicht übers Herz, unschuldige Sterbliche zu ermorden, auch wenn es dabei ums eigene Überleben geht. Mit dem Latein am Ende, wird Sasha an ihre ältere Cousine übergeben, die ihr zeigen soll, wo und wie geerntet wird. Als alles danach aussieht, als würde das Mädchen sich lieber selbst als andere tilgen, macht sie die Bekanntschaft mit dem depressiven Paul, der nichts lieber tun würde als seinem eigenen Leben ein Ende zu bereiten. Noch dazu, wenn es anderen zum Vorteil gereicht.

Man kann sich vorstellen, welchen Pakt die beiden jungen Gestalten eingehen werden. Wenn einer gibt, kann der andere nehmen. Doch so einfach scheint nicht mal das zu sein. Denn zwischen Sasha und Paul entwickelt sich sowas wie Zuneigung und Respekt vor den Prinzipien des jeweils anderen. Und nicht nur das: Es könnte sogar sein, als entspänne sich obendrein eine kleine Romanze, wenn die Vampirin ihr Opfer zu sich nachhause einlädt, um der Lieblingsschallplatte zu lauschen. Eine Szene, die zu den unvergesslichsten des Films zählt – lakonisch und liebevoll.

Wer sich noch an Jim Jarmuschs Only Lovers Left Alive mit Tilda Swinton und Tom Hiddleston erinnern kann, sieht in Feinfühlige Vampirin sucht lebensmüdes Opfer eine gewisse Verwandtschaft. Das liegt vorallem an Sara Montpetit, die als so blasses wie zartes Geschöpf der Nacht, die den Look von Wednesday Addams und Sheila Vand als Vampirin aus A Girl Walks Home Alone at Night trägt und mit minimaler Mimik eine ganze Bandbreite an Emotionen präsentiert. Mit ihr hat Ariane Louis-Seize in ihrem Langfilmdebüt dem Genre des Vampirfilms erfrischend unkitschige Vibes hinzugefügt. La Boum für Nachtgestalten, mit Anlehnung an den Kosmos von Anne Rice, die mit der Thematik humanistischer Zähnefletscher Louis-Seize vielleicht sogar inspiriert hat. Und auch wenn die Idee nicht unbedingt neu ist – die Balance zwischen Komödie und atmosphärischem Vampirfilm zu finden, ohne seine Figuren jemals auch nur ansatzweise der Lächerlichkeit preiszugeben, zeugt von einem empathischen Inszenierungsstil und viel Liebe für all die schrägen und todessehnsüchtigen Charaktere. Félix-Antoine Bénad als Möchtegern-Selbstmörder Paul ist ebenfalls eine Entdeckung, er wäre in Harold and Maude wohl eine treffsichere Wahl für ersteren gewesen. Doch statt der alten Dame ist es diesmal ein mysteriöses Mädchen – beide zusammen sind wohl eines der erquicklichsten Paare des Filmjahres. Und wenn beide dann versuchen, das Beste aus ihrer misslichen Lage zu machen, ohne ihre Ideale zu verraten, strotzt der Film nur so vor Cleverness.

Das ganze Twilight-Franchise ist im Gegensatz zu dieser samtschwarzen, urbanen Mär einer Zuneigung lediglich die Behauptung einer empfundenen Romanze. Diese zarten Bande, die hier geschlossen werden, sind dem feingeistigen Understatement eines Vampir-Daseins würdig. Inklusive nadelspitzer Eckzähne. Denn ohne die geht es nicht. Oder doch?

Feinfühlige Vampirin sucht lebensmüdes Opfer (2023)

Suitable Flesh (2024)

BODYSWITCH IM CTHULHUVERSE

7/10


SuitableFlesh© 2023 Shudder


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JOE LYNCH

DREHBUCH: DENNIS PAOLI, NACH DER KURZGESCHICHTE VON H. P. LOVECRAFT

CAST: HEATHER GRAHAM, JUDAH LEWIS, BRUCE DAVISON, JOHNATHON SCHAECH, BARBARA CRAMPTON, CHRIS MCKENNA, J. D. EVERMORE, ANN MAHONEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Obwohl der Begriff im Film nicht namentlich erwähnt wird, muss man dennoch die Frage stellen: Wer oder was ist Cthulhu? Kenner des Gesamtwerks von H. P. Lovecraft wissen: dieser Mann hat einen Mythos herbeifantasiert, welcher sich durch viele, um nicht zu sagen fast alle seine Werke zieht. Dieses uralte Geheimnis birgt die Tatsache, dass dieser unserer Planet Äonen noch vor dem Auftauchen des Menschen durch die sogenannten großen Alten besiedelt wurde. Diese haben sich dann mehr oder weniger von der Bildfläche verabschiedet, manche davon haben sich in die Tiefe der Meere zurückgezogen, manche tarnen sich und leben unter uns, was gerne zu paranoiden Visionen führen kann. Seit den Bergen des Wahnsinns hat sich Cthulhu und alles, was dazugehört, zu einem Verschwörungsmythos hochstilisiert, der das Genre des Kosmischen Horrors durchdringt und unter anderem auch in der Kurzgeschichte Das Ding an der Schwelle zu finden ist. Dass sich Lovecraft durchaus verfilmen lässt, hat zuletzt eine der Episoden aus Guillermo del Toros Cabinet of Curiosities bewiesen: Pickman’s Model mit Ben Barnes. Horror wie ein Schlag in die Magengrube. Keine Erlösung, stattdessen nur der Wahnsinn.

Die Farbe aus dem All ist auch so ein Lovecraft-Vehikel. Nicolas Cage verfällt da samt Familie einem violetten Leuchten – Dinge, Körper und ganze Landschaften verändern sich. Kann man ansehen, wenn man auf Body Horror-Rambazamba steht. Das Ding an der Schwelle hat sich Joe Lynch zu Herzen genommen und daraus den mit Heather Graham prominent besetzten Suitable Flesh inszeniert: einem Bodyswitch-Schocker, der es faustdick hinter den Ohren hat. Der sich anfangs jedoch so anfühlt, als hätten wir es hier mit Dutzendware aus der Mindfuck-Billigschiene zu tun, für welchen Heather Graham vielleicht angesichts mangelnder Angebote dann doch eingewilligt hat, nur, um wieder mal vor der Kamera zu stehen. Allerdings ist es nicht so, als ob Graham hier nur ihre Zeit absitzt und brav die Regieanweisungen Lynchs befolgt. Es scheint etwas an dem Film zu sein, wofür die mit Paul Thomas Andersons Boogie Nights bekannt gewordene Schauspielerin so etwas wie Herzblut investiert. Sie gibt die Psychiaterin Elizabeth Derby, Expertin auf dem Gebiet außerkörperlicher Erfahrungen, die eines Tages mit einem Fall konfrontiert wird, der sie an ihre Grenzen bringt. Ein junger Mann taucht auf und behauptet, von einem Bewusstsein temporär gesteuert zu werden. So wie es aussieht, könnte der eigene Vater dahinterstecken. Derby geht der Sache nach, stößt auf das schmucke Anwesen von Vater und Sohn, allerdings auch auf mittelalterliche Schwarten, in denen der Cthulhu-Mythos schlummert. Dumm nur, dass zu ebendieser Stunde ihr Patient gar nicht mehr Herr seiner Sinne ist, als er aufschlägt und seine Psychologin zu einem sexuellen Ex temporae verführt. Mit nachhaltigen Folgen.

Natürlich klingt Suitable Flesh nach ordentlichem B-Movie. Nach Sex und Ekel, Bodyhorror, Körpertausch und nackten Brüsten. Nach Monsterkino und Kellerhorror. In Joe Lynchs aufgekratzter, allerdings auch düsterer Horrorkomödie hält sich permanent eine undurchdringliche, kryptische Metaebene, die ganz dem verqueren Gedankengut von Lovecraft entspricht. Das Wie und Weshalb wird ohnehin niemals erklärt, manche Szenen enthalten Andeutungen für Insider. Details, die seltsam anmuten, die näher erforscht werden wollen, verschwinden auf Nebenspuren der Handlung, bis sie nicht mehr zu erkennen sind. In lustvoller Gier nach Blut und multiplen Identitäten schraubt sich der hyperaktive Streifen in lächerlich absurde Höhen, die so lächerlich nicht sind, weil sie in Lovecraft’scher Konsequenz den maximalen Fall zelebrieren. Immer noch haben wir das billige B-Movie als Fassade, dahinter ein Freaky Friday mit alten Mächten, deren wahre Gestalt ein Geheimnis bleibt. Den rotierenden, sich selbst einholenden Wahnsinn verewigt Lynch formschön mit trudelnder Kamera, die keinen Halt mehr findet.

Suitable Flesh (2024)

The Crow (2024)

RÄCHER IM REGEN

5/10


thecrow© 2024 LEONINE


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: RUPERT SANDERS

DREHBUCH: ZACH BAYLIN, WILL SCHNEIDER, NACH DER GRAPHIC NOVEL VON JAMES O’BARR

CAST: BILL SKARSGÅRD, FKA TWIGS, DANNY HUSTON, ISABELLA WEI, JOSETTE SIMON, SAMI BOUAJILA, LAURA BIRN, JORDAN BOLGER, KAREL DOBRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Eric Draven würde das Wetter, wie es sich gerade über Mitteleuropa hartnäckig hält, wohl liebgewinnen. Es regnet wie aus Kübeln, so richtig hell wird es auch nicht mehr. Es ist trist, stürmisch, gerne hört man dazu Nick Cave, Leonard Cohen und The Cure. Oder überzeugt sich davon, wie die Comicfigur der Krähe in einem Remake abermals die schwarzen Schwingen ausbreitet, um seine blutige Rache über all jene zu bringen, die ihm seine Liebste genommen haben. Es war das Jahr 1994, als sich Hauptdarsteller Brandon Lee beim Dreh des Films eine Kugel einfing – und daran starb. Eines der tragischsten Momente der Filmgeschichte ließ Alex Proyas‘ Verfilmung der Graphic Novel von James O’Barr zum Kultwerk der todessehnsüchtigen Gothic-Szene avancieren. Satte dreißig Jahre später, so meint Hollywood, sei es an der Zeit, die Alleinstellung der Neunziger-Fantasy aufzuheben und die ganze Geschichte mit den technischen Mitteln, die heutzutage zur Verfügung stehen, als State of the Art-Interpretation neu zu erzählen. Das kann man natürlich machen, wenn Hollywood sich das traut. Am besten mit Bill Skarsgård, der ja schon bewiesen hat, dass er als der womöglich bessere Pennywise Tim Curry die Show stehlen könnte. Warum also nicht auch Brandon Lee? Sein Vermächtnis bleibt ohnehin unangetastet, denn sieht man sich Skarsgårds Draven an, hat der wohl nichts mehr gemein mit dem zirkushaften Robert-Smith-Lookalike an der Grenze zum traurigen Clown in Schwarz und Weiß. Diese Krähe hier ist bunter. Diese Buntheit aber macht Rupert Saunders Blutoper aber willenlos generisch. Als würde dieser Film nicht genau wissen, wohin mit seinem Stil, falls er welchen hätte.

Der neue Plot ist etwas anders als der aus den Neunzigern, dafür aber stehen Eric Draven und Shelly nach wie vor als unglückliches Liebespaar ohne Zukunft im Mittelpunkt – beide Ex-Junkies, die aus einer Entzugsklinik ausbüchsen, nachdem finstere Schlipsträger der jungen Frau nachjagen, um sie vermutlich das Zeitliche segnen zu lassen. Was alsbald auch passiert. Shelly wandert in die Hölle, was ein bisschen an die altgriechische Sage um Orpheus und Eurydike erinnert. Ihr Platz dort im Hades ermöglicht dem ewig lebenden Bösewicht Vincent Roeg (Danny Huston) aber ewiges Leben – eine Methode, die dieser schon seit Jahrhunderten pflegt, nämlich junges Blut vorschnell über die Klinge springen zu lassen, um den eigenen Jungbrunnen zu bewässern. Auch Eric wird sterben, landet aber aufgrund dieser tragischen Umstände in einer Zwischenwelt voller Krähen. Von dort muss er wieder zurück in die Welt der Lebenden, wenn er Shelly retten will. Das Ziel: Alle um die Ecke bringen, die mit ihrem Tod zu tun haben.

Liebe, Trauer, Herzschmerz und brachiale Gewalt. Damit The Crow auch wirklich überzeugen kann, müsste eine Liebesgeschichte her, dessen Paar auch fühlt, was es vorgibt, zu empfinden. Bill Skarsgård mag als Pennywise alle Stückchen spielen – für eine vom Schicksal und der Dunkelheit gebeutelte unruhige Seele aus der Zwischenwelt, auf welche nur noch die ewige Verdammnis wartet, fehlt es an Welt- und Herzschmerz. Die Sehnsucht nach Shelly bleibt ein Lippenbekenntnis, der Hass allerdings ebenso. Skarsgård tut, was die Rolle ihm aufträgt, bleibt aber überraschend empfindungsarm. Dafür kann er seine physischen Wunden ganz gut fühlen, vor allem sein Erstaunen darüber, blitzschnell wieder zu genesen. Ein bisschen dürftig ist das schon. Ein bisschen dürftig agiert auch Sängerin FKA Twigs in ihrem Spielfilmdebüt – auch sie schmachtet und leidet nach Drehbuch. Es ist, als würden beide sich verschworen haben, Brandon Lees Status nicht streitig machen zu wollen. Als würden sie bewusst Abstand halten vor der Möglichkeit, durch ihr Spiel den Kult zu schmälern.

Nichts davon wird passieren – Rupert Saunders‘ unschlüssige Interpretation findet keine eigene Note, die Szenen des Films bleiben professionelle Routine, der explizite Showdown in der Oper bietet schwarzroten Blutzoll en masse und lässt Fans des John Wick-Franchise in Sachen Gewaltdarstellung neidvoll erblassen. Die Blutleere, die man beim Killer-Gemetzel mit Keanu Reeves wohl beanstanden würde, erfüllt sich zumindest hier. Das Ganze bietet wohl die aufreibendste Szene des Films, bleibt aber austauschbar und es ist mehr oder weniger egal, ob die Krähe nun Rache übt oder John Wick.

The Crow (2024)