Exhuma (2024)

HEITE GROB MA TOTE AUS

5,5/10


Exhuma© 2024 Splendid Film


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2024

REGIE / DREHBUCH: JANG JAE-HYUN

CAST: KIM GO-EUN, CHOI MIN-SIK, LEE DO-HYUN, YOO HAE-JIN, JEON JIN-KI U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass kein einziger koreanischer Film jemals kürzer sein darf als zwei abendfüllende Stunden. Am liebsten sind Filme wie diese noch länger, am liebsten hängen sie noch eine halbe Stunde dran. Das bedeutet Sitzfleisch – und einen wachen Geist. Denn die Koreaner, die geben sich nicht damit ab, nur einen singulären Erzählstrang abzuarbeiten – mit anderen Worten: banales, simples Kino, das von Alpha bis Omega schön stringent seine Geschichte erzählt. Geradlinig darf sie sein, jedoch niemals nur eine Dimension besitzen. Da gibt es Meta-Ebenen und Stile, die sich gegenseitig übertrumpfen. Da gibt es Wendungen, Twists und kuriose Begebenheiten, kurzum: womöglich bleibt alles da, wo es drehbuchtechnisch sein soll. Andernorts hätte man schon das Publikum unterfordert und den Rotstift angesetzt, Passagen gestrichen und all die knackige Originalität eingekürzt. Eine Methode, wie es in der US-Filmbranche, zum Leidwesen eines unterschätzten und gähnend gelangweilten Publikums, immer wieder geschieht. Das stets geforderte koreanische Publikum indes ist schon von Kindesbeinen an mit Filmen großgeworden, die stets für Überraschung sorgen und keinen Publikumsparametern folgen wollen. Koreanisches Kino bleibt stets erfrischend. Bleibt immer anders. Und kann sich eben auch Filme wie Exhuma erlauben, die viel zu lange geraten, weil sie viel zu viel erzählen wollen.

Wenn man glaubt, bereits am Ende angelangt zu sein, ist schließlich erst eine Stunde verstrichen, was bedeutet, dass der vollgestopfte Schamanen-Thriller nicht mal noch Halbzeit erreicht hat. Dabei ist die Story schon erzählt, der Geist entfesselt, der Fluch getilgt. Nichts da – Regisseur Jang Jae-hyun weckt die Totenruhe nicht nur einmal, stört die metaphysische Ordnung im magischen Wäldchen auf ein neues. Bringt Unfrieden und will vom Bösen durchsetzte Grabstätten umbetten. Exhuma erzählt eine Menge, lässt beschwören, bekämpfen und besessen sein. Die zweieinhalb Stunden hängen sich rein.

Dabei ist es faszinierend, dabei zuzusehen, wie so ein schamanistisches Ritual abläuft, wenn tote Schweine aufgebahrt und eine bunt gewandete Spiritistin die Messer schwingt. Schließlich geht es darum, böse Mächte abzulenken, damit der schmuck verzierte Sarg des Ur-Patriarchen einer wohlhabenden koreanischen Familie, die längst in die Vereinigten Staaten ausgewandert ist, ausgehoben werden kann. Denn deren Opa, der spukt schließlich herum und belegt den jüngsten Spross seiner Dynastie mit Flüchen, quält die Lebendigen mit Alpträumen und stänkert so richtig auf paranormaler Existenzebene durch die Gegend. Feng-Shui-Meister Kim ist bei dieser Aktion alles andere als wohl bei der Sache, die beiden Schamanen Lee und Oh können den alten, erfahrenen Experten aber davon überzeugen, diesen Auftrag durchzuführen. Dass dabei noch ganz andere Mächte zurück ins Diesseits beordert werden, damit hätte wohl niemand gerechnet. Die Welt der Götter wird gestört, noch viel Älteres betritt die Bühne der Gegenwart, dessen Existenz bis in die Zeit der japanisch-koreanischen Kriege zurückreicht.

Das Ensemble der Spezialisten steht bald mit dem Rücken zur Wand, es geistert und spukt, das Phantastische ist Jang Jae-Hyun aber näher als der schreckgespenstische Horror. Hätte Neil Gaiman ein Austauschjahr in Südkorea verbracht und dort so manche seiner magischen Anderswelt-Geschichten geschrieben, er hätte Exhuma entwickeln können. Und obwohl hier kaum Leerlauf herrscht in diesem Abenteuer, es immer was zu tun gibt und niemand wirklich zum Durchatmen kommt – Exhuma ist ein anstrengendes, wie bereits erwähnt überlanges und unruhiges Werk, welches knapp vor Filmmitte seinen bisher so geschmeidigen Erzählfluss verliert. Was dann folgt, ist eine fast schon neu erzählte, ganz andere Geschichte, die mit der vorangegangenen nur noch wenig zu tun hat. Zwei Schamanen-Stories im Doppelpack? Nach einer Laufzeit von einer Stunde und fünf Minuten lässt sich der Rest des Films gut vertagen.

Exhuma (2024)

Cuckoo (2024)

ALPTRAUM IM ALPENRAUM

4/10


cuckoo© 2024 Neon


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: TILMAN SINGER

CAST: HUNTER SCHAFER, DAN STEVENS, JESSICA HENWICK, MARTON CSÓKÁS, JAN BLUTHARDT, MILA LIEU, PROSCHAT MADANI, ÀSTRID BERGÈS-FRISBEY, GRETA FERNÁNDEZ, KONRAD SINGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der Tourismusverband des Bundeslandes Bayern hat seinen Beitrag für die Alpen-Mystery Cuckoo lediglich aus seiner Portokassa bestritten, entsprechend nichtssagend und austauschbar rückt hier die süddeutsche Landschaft ins Bild, die genauso gut irgendwo hätte sein können, nur nicht eben hier. Im Nirgendwo steht dort die seit den frühen Achtzigern im Dämmerschlaf befindliche Hotelanlage Alpschatten, dessen Namen das Albtraumhafte nicht abzusprechen ist und eigentlich längst aus Mangel an begeisterten Gästen längst hätte zusperren müssen. Alles sieht so danach aus, als wären wir am Rande der Kleinstadt Twin Peaks gelandet. Hotelmanager König (Dan Stevens, u. a. Ich bin dein Mensch) weiß darüber sicher mehr, doch er behält die meiste Zeit alles für sich. Zumindest kann Teenie Gretchen (Hunter Schafer) im wenig einladenden Sommer als Assistenz an der Rezeption ihre Zeit totschlagen, während die Eltern – Papa und Stiefmutter – für König eine neue Anlage errichten sollen. So weit so seltsam, wenn man bedenkt, welch schaumgebremstes Verhalten mancher Gast hier an den Tag legt. Gekotzt wird nicht später, sondern gleich. Und nach 22 Uhr sollte sowieso niemand mehr draußen unterwegs sein. Verstörende Geräusche dringen aus dem Wald, und als Gretchen, alle Warnungen in den Wind schlagend, des Nächtens den Drahtesel bemüht, heftet sich eine schauerliche Gestalt an ihre Fersen, mit rotglühenden Augen hinter Sonnenbrillen und einem Outfit, als käme sie vom Set der Lindenstraße.

Natürlich war das keine Einbildung, obwohl Gretchen niemand glaubt. Als Halbschwester Alma ganz plötzlich epileptische Anfälle erleidet und ein verdeckter Ermittler namens Henry auftaucht, der dieser bebrillten Horror-Dame auf der Spur scheint, kommt Cuckoo endlich, nach zähem Start, ins Rollen. Nur, um dann festzustellen, dass all die losen Elemente, die augenscheinlich keinerlei Sinn ergeben, nur schwer aufeinander einzuspielen sind. Der deutsche Regisseur Tilman Singer (Luz) bringt sie alle nicht mehr unter einen Hut.

Mystery-Horror mit verschwörungstheoretischem Unterbau, der im Genre der Science-Fiction andockt, hat in jüngster Zeit unter der Aufsicht von zum Beispiel Jordan Peele durchaus einige Sternstunden erlebt. Man muss dabei aber wissen, wie man das zugrundeliegende Konstrukt eines organisierten Schreckens, welches dann natürlich auch und meistens gegen Ende Schrödingers Katze aus dem Sack lassen muss, auf Schiene bringt, ohne das Interesse seines Publikums zu verlieren. Hält man die losen Indizien zu lange voneinander entfernt, ohne sie verknüpfen zu wollen, wird das nichts mehr. So gesehen bei Cuckoo. Irgendwann erschöpfen sich die vagen Vermutungen, die keinen Sinn ergeben. Wenn dann sämtliche Geheimniskrämerei lüftender Erkenntnis weicht, ist die Spannung versiegt, die Neugier gewichen. Der herbeigezimmerte Aha-Moment eine krude Angelegenheit, die immer noch nicht viel erklären will. Die Unordnung erzählerischer Prioritäten erweckt den Eindruck, Singer würde seiner fantastischen Wahrheit relativ ratlos gegenüberstehen. Wohin mit dem gelüfteten Schrecken? Und was ist eigentlich die Ursache, der Ursprung des Ganzen?

So ratlos wie die dünne Story bleibe auch ich zurück. Zumindest Hunter Schafer (Euphoria) als widerborstiges Mädel, das ihrer Familie gerne entkommen möchte und gar nicht hier sein will, manche Szene dreimal erlebt (Warum?) und das gutturale Kreischen grotesker Damen schon nicht mehr hören kann, spielt ordentlich auf, reißt das bisschen Energie im Film an sich, während Dan Stevens nur noch um die Ecke ballern kann. Die vielfach gepriesene Originalität von Cuckoo suche ich vergebens, was bleibt ist die übertriebene Künstlichkeit einer konfusen Mystery, die auf Akkuratesse keinen Wert legt.

Cuckoo (2024)

Nightmare – Mörderische Träume (1984)

WENN TEENAGER TRÄUMEN

7,5/10


nightmareonelmstreet© 1984 New Line Cinema


ORIGINALTITEL: A NIGHTMARE ON ELM STREET

LAND / JAHR: USA 1984

REGIE / DREHBUCH: WES CRAVEN

CAST: ROBERT ENGLUND, HEATHER LANGENKAMP, JOHN SAXON, RONEE BLAKLEY, AMANDA WYSS, JOHNNY DEPP, NICK CORRI, CHARLES FLEISCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN 


Der Traum im Traum im Traum – wie Christopher Nolan sein Publikum mit dem mentalen Ebenen-Thriller Inception durch die Dimensionen gewirbelt hat, brachte weit weniger durchdacht, aber immerhin schon spielerisch und lustvoll genug, Wes Craven anno 1984 aufs Tapet, und zwar mit einem blutjungen Mittlerweile-Klassiker aus dem Slasher-Genre, der sich die abgrundtiefe Bösartigkeit des Antagonisten aus John Carpenters Halloween zu eigen machte und dabei aber noch eine Metaebene weiter ging. Es ist die der unendlichen Weiten der Träume, vorzugsweise des bösen, finsteren, panikmachenden Albtraums, in welchem eine hämisch grinsende Schreckensgestalt Jagd auf jene macht, die ruhig und friedlich in ihren Betten liegen. Den fürs Leben unverzichtbaren Schlaf dafür zu missbrauchen, um ihn mit malträtierenden Vibes zu tränken, ist schon eine fiese Klasse für sich. Denn ohne Schlaf kommt der Mensch nicht aus, Insomnie macht ihn kaputt, genauso wie der Mangel an Nahrung. Schuld an dieser Abnormität ist ein finsterer Geselle ohne Skrupel, ein längst in den ewigen Jagdgründen befindlicher böser Bube an sich – nicht Mike Myers, sondern Fred Krüger, auch gerne Freddy genannt und von ahnungslosen Kindern in einem 1-2-3-Reim besungen.

Dieser ehemalige Kindermörder, von Grund auf und völlig grundlos das Böse personifizierend, ist leicht erkennbar an seinem rotgrün gestreiften Pullover, der verbrannten Haut und seinem zerbeulten Fedora. Markant eben auch die vier Messerklingen, die, an der rechten Hand montiert, den einen oder anderen Teenagerleib aufzuschlitzen gedenken. Wes Craven interessiert kein bisschen, wie es dazu kommen hat können, dass ein Mensch wie Fred Krüger es geschafft hat, sein irdisches Dasein in die Dimension der Träume zu schaffen. Doch genau dieser Umstand ist es, – nämlich Fragen nicht zu beantworten und Ursachen nicht zu ergründen – die einen Horrorfilm wirklich schrecklich machen. Weil niemand weiß, warum, wieso, weshalb. Letztlich bleibt die Hoffnung auf eine dem Unterhaltungskino inhärenten Gerechtigkeit, die letztlich das Gute gewinnen lässt, weil alles danach strebt, Anomalien wie diese auszumerzen.

Wes Craven hat keine Skrupel, der Ordnung nicht zu folgen. Sein Teenie-Slasher ist den moralischen Parametern erhaben, er ist die Antithese zum pädagogisch wertvollen Genrefilm und schickt die Nachsitzer aus dem Breakfast Club in die Vorhölle der Bettruhe. Niemand darf mehr schlafen, und wenn doch, muss eine wie Nancy Thompson gewappnet sein. Träume sind hier nicht nur Schäume, sondern Geisterbahn-Parcours, die, wie bei Träumen so üblich, gesteuert werden könnten, hätte man das Know-How dazu. So wie Jamie Lee Curtis gegen Mike Myers kämpft bald Heather Langenkamp (sowohl auch im Original als auch in diversen Fortsetzungen) gegen ihre Nemesis, gegen den hässlichen Schlitzer, der sich allerlei anmaßt.

Und dann sind da die Dimensionen, die Wach- und Traumzeiten, die Craven durcheinanderbringt, bis man wirklich nicht mehr feststellen kann, was nun wirklich ist. Auf die Spitze getrieben wird dies mit einem vom Meister höchstselbst abgelehnten Ende, welches dank Cravens Produzent aber dennoch in die Endfassung kam. Eine weise Entscheidung? Jedenfalls eine, die noch mehr irritiert. Interpretationen darüber gibt’s viele. Und schließlich ist der Umstand, über einen Film länger nachzudenken als üblich, geradezu eine Auszeichnung.

Mittlerweile vierzig Jahre alt, hat Nightmare – Mörderische Träume immer noch seine perfiden Momente, die sogar spätere Klassiker wie Kevin – Allein zu Haus vorwegnehmen – oder eben Nolans Inception. Verknüpft mit der reuelösen Bösartigkeit des zu bekämpfenden und unverbesserlichen Monsters und einigen ikonischen Szenen wie jene mit Heather Langenkamp in der Badewanne bietet dieser augenzwinkernd-originelle Horror immer noch schreckliche Unterhaltung vom Feinsten. Manches ist charmant angestaubt wie bei Ghostbusters, manches wirklich verblüffend zeitlos. Der Blutzoll ist enorm, die Lust am Einschlafen geringer als sonst.

Nightmare – Mörderische Träume (1984)

Blink Twice (2024)

MÜSSIGGANG AUF ZIRZES INSEL

6/10


blinktwice© 2024 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ZOË KRAVITZ

DREHBUCH: ZOË KRAVITZ, E. T. FEIGENBAUM

CAST: NAOMI ACKIE, CHANNING TATUM, CHRISTIAN SLATER, SIMON REX, ADRIA ARJONA, KYLE MCLACHLAN, HALEY JOEL OSMENT, ALIA SHAWKAT, GEENA DAVIS, LEVON HAWKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Bist du in Gefahr – zweimal blinzeln! Wenn Kyle MacLachlan als windiger Psychotherapeut seinem Gegenüber Naomi Ackie diesen ironisch konnotierten Tipp sponsert, weiß er vermutlich schon, wovon er spricht – oder doch nicht? So sehr sich auch alles nach einem real gewordenen Märchen für Erwachsene und solche, die sich erst selbst finden müssen, anfühlt, so sehr kann man damit auch rechnen, das auf makellos gute Zeiten womöglich das große Unglück folgt. Ein ungeschriebenes Gesetz des Schicksals? Oder nur ein Glaubenssatz ohne Hand und Fuß? Zu schön um wahr zu sein scheint es anfangs, als die etwas aus dem Rhythmus des Lebens gefallene Kellnerin Frida auf der Party des Milliardärs und Lebemanns Slater King (ein diabolischer Channing Tatum) dessen Aufmerksamkeit erlangt. Sofort angetan von Fridas Reizen, widmet er den gesamten Abend allein ihr, um sie dann spontan zu sich auf seine paradiesische Privatinsel einzuladen, samt Mitbewohnerin Jess, und ehe sich beide versehen, sitzen sie im luxuriösen Privatflieger Richtung Tropen, um das Leben von ihrer leichten, traumhaften, hedonistischen Seite zu betrachten, wo Müßiggang niemals aller Laster Anfang sein kann und sich Drogen, Alkohol und feine Küche das Zepter der Dekadenz reichen, nur unterbrochen durch Planschen im Pool, Flanieren und einfach Spaß haben. Nun, so ein Leben wird auf die Dauer dann doch langweilig, nicht aber für Frida und all die anderen jungen Frauen, die, gemeinsam mit einer Handvoll ebenfalls dauerurlaubender Männer, die als Kings Entourage fungieren, jeden Tag von neuem genießen, als gäb‘s kein Morgen. Oder einfach keine Zeit mehr. Als hätte man vergessen, dass da draußen, jenseits des Meeres, noch eine Welt existiert, die man Alltag nennt.

Das alles klingt nach einer Insel der Seligen, nach dem Elysium eines irdischen Paradieses. Odysseus kann davon ein Liedchen singen, oder zumindest hat Homer seinen Aufenthalt bei Nymphe Zirze ausführlich beschrieben. Auch er verfiel dem Reiz des Elysiums und vorallem der schönen mythischen Gestalt, die den Helden von Troja alles vergessen ließ, was sonst noch so auf seiner Agenda gestanden hätte. Regiedebütantin Zoë Kravitz, die wir bislang nur als Schauspielerin kennen, stellt die Sage auf den Kopf und entwirft ein Szenario, in welchem nichts so ist, wie es zu sein scheint. Und das düstere Grauen, das kauert still und leise hinter makellosen Südsee-Fassaden und weißen Laken, die alles zudecken und nur minimale Spuren hinterlassen, die Naomi Ackie langsam, aber doch, irritieren.

Blink Twice will ein sarkastischer Psychothriller sein, der die Macht und Ohnmacht beider Geschlechter hart konturiert. Die Verteilung ist klar, und widmet sich dem stereotypen Rollenbild, bevor Kravitz gerne die Richtungen und auch die Fronten wechselt. Und auch wenn sie im Eifer ihrer Ambitionen einen schauspielerisch ziemlich ausgeschlafenen Cast auf erfrischende Weise die Orientierung verlieren lässt, kommt einem das Konzept des Films seltsam vertraut vor. Nicht dass Blink Twice lediglich den etwas ähnlich gelagerten, aber dystopischeren Suspense-Thriller Don’t Worry Darling variiert. Und nicht, dass Blink Twice vielleicht auch aus gesellschaftskritischer Sicht einiges mit Jordan Peeles Get Out oder mit dem schillernd besetzten Mädels-Drill Paradise Hills gemeinsam hat. Letztlich haben alle einen Nenner, der davon handelt, dunkle Machenschaften aufzudecken und einer Illusion zu entkommen. Von daher überrascht Blink Twice mitnichten, unterhält aber dennoch, weil klar ist, worauf die Sache hinauslaufen wird.

Kravitz widmet sich dabei nicht nur auf hemdsärmelige Weise der potenziellen Wehrhaftigkeit von Frauen, sondern macht auch chauvinistisch-männlichen Schreckensgestalten den Garaus. Der Geschlechterkrieg ist entbrannt, Vergebung gibt es keine. Entsprechend derb und mit unverhohlener Lust an aggressiv aufgeladener, gewalttätiger Genugtuung, wirft Kravitz die feine Klinge eines anfänglichen Krimirätsels ins tropische Buschwerk, um zu den schartigen Waffen zu greifen. Sie outet sich dabei auch unverblümt, worauf es ihr im Eigentlichen ankommt: Rache, die ausgelebt werden darf, stellvertretend für alle, die diese niemals ausüben können. Dabei ist dieser gallige Rundumschlag zwar befreiend, aber simpel. Zu simpel für all die Arbeit, die sich Kravitz zuvor gemacht hat.

Blink Twice (2024)

They See You (2024)

STEGREIFBÜHNE DER VERDAMMTEN

4,5/10


theyseeyou© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE WATCHERS

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: ISHANA SHYAMALAN

CAST: DAKOTA FANNING, OLWEN FOUÉRÉ, GEORGINA CAMPBELL, OLIVER FINNEGAN, ALISTAIR BRAMMER, JOHN LYNCH, SIOBHAN HEWLETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ein eifriger Filmemacher ist er, dieser M. Night Shyamalan – alle zwei Jahre gibt’s einen neuen Film, der letzte war sogar erst 2023 zu sehen: Knock at the Cabin, was allein schon vom Titel ein bisschen an The Cabin in the Woods erinnert und mit diesem zumindest auch inhaltlich das Setting einer einsamen Hütte im Wald gemeinsam hat. Ein Jahr später gleich der nächste – und noch im Kino zu sehen: der Serienkiller-Thriller Trap: No Way Out mit Josh Hartnett. Ist einer wie Shyamalan mal so berühmt, verwundert es oft nicht, dass der Nachwuchs gefeierter Künstlerinnen und Künstler, um nicht unter der Dominanz ihrer Eltern zu verschwinden, ebenfalls nach dem Erfolg eifern, was sich schließlich leichter bewerkstelligen lässt als bei Otto Normalverbraucher, der nicht schon aufgrund seiner Verwandtschaft den Fuß in der Tür weiß und mit Vitamin B auf die große Leinwand gelangt. Der Anfang ist gemacht – der Rest wäre dann wohl wirklich eine Frage des Könnens. Ob Shyamalans Töchterchen Ishana ihre eigene künstlerische Identität gefunden hat, mag angesichts ihres Regiedebüts They See You (im Original: The Watchers) dahingestellt sein. Sie tut schließlich genau das, was ihr Vater tut. Gruselige Mystery mit Story-Twist(s) in Szene setzen, das Ganze natürlich auch selbst verfasst, um ihrem Vorbild in nichts nachzustehen.

Zum Schaffen seltsamer Welten gehört allerdings auch die Handhabung einer eigenen Handschrift. Ishana Shyamalan hat sie nicht. Der Einfluss ihres Vaters ist augenscheinlich, das Setting natürlich ein Vertrautes, verirrt sich doch Dakota Fanning im zwielichtigen Dickicht, aus dem es kein Entkommen gibt. Und Wälder, die sind nicht erst seit The Blair Witch Project spooky genug, um gleich für eine ganze Latte an Filmen herhalten zu können. Was dann noch ans Set gehört, ist eine Zuflucht – ein Haus, ein Tunnel, ein Bunker, was auch immer. Da, sobald sich die Nacht senkt, Fannings Figur im düsteren Tann nicht mehr allein zu sein scheint, läuft sie um ihr Leben – und landet per Zufall in den Armen einer höchst seltsamen Community, die schon jahrelang hier festsitzt und allnächtlich showgeilen Monstren das Fernsehprogramm gestaltetn. Eine Seite des bunkerähnlichen Gebäudes, in dem sich alle einfinden, ist schließlich verspiegeltes Glas – und so präsentieren sie sich, aufgereiht wie beim Da Capo-Applaus in einem Theater, einer unbekannten Macht, die tagsüber in Lächern im Waldboden haust.

Ishana Shyamalan quält sich durch einen verworrenen Pulk an unausgegorenen Mystery-Elementen und Motiven aus folkloristischen Legenden. Dabei misslingt es, das mit allerlei Bedrohlichkeiten aufgebauschte Geheimnis hinter diesem Spuk nicht mit der tatsächlichen Wahrheit, die natürlich ans Licht kommen muss (weil Papa das auch immer tut), zu vereinbaren. Eine biedere Harmlosigkeit erobert das Szenario, die Geschicklichkeit mit den Twists, die, sollten sie gelingen, auf unerwartbare Weise hereinbrechen sollten, erlangt man schließlich nicht mit einem Fingerschnippen. Letztlich enttäuscht der zumindest atmosphärische Versuch eines archaischen Schreckens aufgrund einer gewissen Ratlosigkeit, wie ein Plot wie dieser auf geniale Weise zu Ende gebracht werden könnte. Shyamalan Senior, zumindest Produzent, hat da auch keine knackfrischen Ideen in petto, die benötigt er schließlich selbst, denn aus dem Ärmel schütteln lassen sich narrative Pointen schließlich niemals. Da viel Bekanntes in They See You lediglich variiert wird, ist das Ergebnis dieser Kalkulation kein überraschendes.

They See You (2024)

Alien: Romulus (2024)

IN DER KOMFORTZONE DES MONSTERS

7/10


ALIEN: ROMULUS© 2024 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: FEDE ALVAREZ

DREHBUCH: RODO SAYAGUES, FEDE ALVAREZ

CAST: CAILEE SPAENY, DAVID JONSSON, ISABELA MERCED, ARCHIE RENAUX, SPIKE FEARN, AILEEN WU, DANIEL BETTS U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Aus dem Filmuniversum rund um den Terminator lässt sich nicht viel mehr lukrieren als jenen Content, den wir bereits aus James Camerons beiden Teilen kennen. In jener Welt, in welcher der Xenomorph sein Unwesen treibt, sieht das ganz anders aus. Das mag wohl daran liegen, dass selbst in Ridley Scotts Original nicht nur ein Monster die Besatzung eines Raumfrachters dezimiert, sondern gewisse Metaebenen wie jene eines dystopischen Konzerntotalitarismus als ungreifbare Zweitbedrohung für Unwohlsein sorgen. Exekutiert hat diesen evolutionären Kapitalismus ein Android namens Ash, der anfangs so schien, als würde er für das Gemeinwohl der Besatzung handeln, letztlich aber dafür verantwortlich war, dass alles so weit kam, wie es kommen musste, um jenen Horrorthriller in den Annalen des SciFi-Genres zu verankern, der dank des Scheiterns von Jodorowsky’s Dune sein Potenzial zu nutzen wusste. Der Schweizer H. R. Giger hatte dazu gleich ein künstlerisch hochwertiges Wesen geschaffen, daraus und in diesem Stil hunderte Spielarten einer gattungsgleichen Biologie in den Weltraum geschossen – immer auf Augenhöhe mit einer künstlichen Intelligenz, die stets eine Affinität für diesen gewissenlosen Organismus entwickelt, die voll und ganz dem darwin’schen Credo Survival of the Fittest folgt. Wer als größter Egoist im Universum keinerlei Skrupel hat, auf Kosten anderer Arten an die Spitze der Nahrungskette zu gelangen, hat gewonnen. Roboter helfen dabei. Konzerne wie Weyland-Yutami genauso. Das alles und noch viel mehr spielt in Alien eine große Rolle – und jene, die aufgrund dieser Tatsache ins Gras beißen müssen, sind nur der schnöde Beweis dafür, dass es funktioniert. Immer und immer wieder.

All diese Komponenten erneut zusammenzubringen, dafür hat Fede Alvarez (Don’t breathe, Evil Dead) einen Spagat gewagt, der auf verblüffende und wenig aufdringliche Weise so gut wie alles, was bisher im Dunstkreis der Aliens entstanden war, unter einen Hut bringt – oder anders formuliert: in eine verlassene Raumstation packt, wo Furchtbares passiert. Eine schönere Spielwiese im SciFi-Horrorgenre gibt es kaum. Wenn man aber vermutet, dass Alvarez gar Ridley Scotts beide Prequels einfach so ignoriert, um das Monster auf seine Essenz zurückzuwerfen, hat nicht verstanden, dass sich der perfekte Killer niemals mit sich selbst begnügt. Das wäre zu wenig. Die Symbiose mit Geburt, Fortschritt und Untergang der Menschheit wird dieses als Testimonial für Weltenumspannendes zu sehendes Ungetüm stets eingehen – das macht es so interessant, so faszinierend, ohne dass es dabei das rätselhaft Mythologische verliert, was ihm anhaftet.

Dass Alvarez dem Original in vielerlei Hinsicht huldigt, ohne es zu kopieren, ist offensichtlich. Ganz zu Beginn, in der Epilog-Szene des Films, könnten Puristen des Franchise feuchte Augen bekommen. Nahtlos knüpft Alien: Romulus am Ursprung an, ohne ihn zu verwässern. Sound, Setting, die Komposition aus Licht, Schatten und mit alarmierenden Countdowns einhergehende, blinkende Farb- und Lichtspiele – stilsicher schenkt Alvarez dem Alien seine Convenience-Zone und verlässt sie nur am Ende, um ganz andere Erzählfäden aufzugreifen, die man längst lose herumhängen gesehen hat. Diese Fäden zieht Alvarez straff – und schickt diesmal keine desillusionierte Arbeiterklasse oder abgestumpfte Soldaten ins Rennen, sondern Mittzwanziger-Kolonisten, deren Zukunft noch bevorstehen könnte, sofern sich die Parameter ändern lassen. Eine verlassene Raumstation im Orbit soll all das noch in petto haben, was fünf Freunde und ein Android benötigen würden, um das triste Leben auf ihrem Arbeiterplaneten hinter sich zu lassen. Nichts ahnend, dass dieser schmucke Kreisel, der alsbald mit den Ringen des Planeten kollidieren wird, darüber hinaus eine Forschungsstation für sonderbare Lebensformen gewesen sein mag, werden Caley Spaeney (Priscilla), Isabela Merced und Co alsbald mit den uns bekannten und beliebten Facehuggern konfrontiert, die nur der Anfang einer Metamorphose darstellen, die letztlich das Alien freisetzt.

Der Plot ist schnell umrissen, die Komplexität desselbigen entsteht aber durch eine Vielzahl grimmiger Hürden, die diese simple Struktur zu einem Survivalthriller aufmotzen, der allerlei technisch-physikalischen Herausforderungen unterliegt. Das Alien mag der Auslöser sein, doch ist es längst nicht alles. David Jonsson als ambivalenter Android legt eine exzellente Performance hin, die Ian Holm ebenbürtig scheint – sein Handeln beeinflusst vieles in diesem Film. Das Xenomorph selbst mag fast schon selbst mit dem technischen Wahnsinn dieser Raumstation zu hadern – frei nach dem Motto: Mitgehangen, mitgefangen. Womit Fede Alvarez aber überfordert zu sein scheint, ist die Wahrnehmung von Zeit – womit manche Logiklöcher entstehen, die man nicht näher hinterfragen sollte, will man sich die Laune an dieser bereichernden Episode nicht nehmen. Uncanny Valley-Effekte, die aufgrund dessen, ein altbekanntes Gesicht zurückholen zu wollen, in gruseliger Deutlichkeit etwas befremden – auch darüber lässt sich hinwegsehen. Der Brückenschlag zur Vorgeschichte eines Phänomens gelingt jedoch vorzüglich. Und so unterfüttert und festigt Alvarez mit künstlerischem Mehrwert und albtraumartig-fantastischen Bildern, die einen Zeichner wie Alfred Kubin mit Lovecraft’scher Leidenschaft ins Weltall katapultiert, in vielleicht gar nicht beabsichtigter Intensität das ganze Universum, in welchem noch so einiges zu holen ist.

Alien: Romulus (2024)

Sasquatch Sunset (2024)

BIGFOOT OHNE HENDERSONS

5,5/10


sasquatchsunset© 2024 Protagonist Pictures

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DAVID & NATHAN ZELLNER

DREHBUCH: NATHAN ZELLNER

CAST: RILEY KEOUGH, JESSE EISENBERG, NATHAN ZELLNER, CHRISTOPHE ZAJAC-DENEK

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Allen ernüchternden Ausreden zum Trotz und auch obwohl es keine eindeutigen Beweise dafür gibt, da ja schließlich sein kann, dass der Kerl auf dem verwaschenen Video aus den späteren Sechzigerjahren einfach nur ein Mensch in einem Kostüm war, bin ich, einfach aus Liebe zum Thema, fest davon überzeugt: Bigfoots oder Sasquatchs gibt es wirklich. Denn wer kann schon behaupten, all diese ausgedehnten Wälder Nordamerikas wirklich gründlich erforscht zu haben? In diese botanische Tiefsee bettet sich eine primitive, dürftig intelligente Spezies, die rein zur Selbsterhaltung den Dreh insofern raushat, nicht entdeckt zu werden. Wie diese Wesen wohl die Welt sehen? Ob sie wissen, dass sich eine andere Spezies, eben Homo sapiens, die Erde längst untertan gemacht hat? Oder ist unsere Existenzblase aus ihren Augen ebenso eine mythenumrankte Möglichkeit, eine Legende, der man nicht unbedingt auf den Zahn fühlen muss, weil es eben sein kann, dass sich danach vieles vielleicht auch zum Schlechten ändert?

David und Florian Zellner, bislang eingefleischten Westernfans vielleicht bekannt dank ihres feministischen Westerns Smoking Gun mit Mia Wasikowska und Robert Pattinson, haben mit Sasquatch Sunset den Spies umgedreht und eine namenlose pelzige Primatenfamilie ins nordkalifornische Humboldt County geschickt, um die Welt aus ihren Augen für uns Fortschrittsmenschen erfassbar zu machen. Man darf davon ausgehen, dass diese Sasquatchs wohl nicht einer alphabetischen Sprache mächtig sind. Sie grunzen und brummen, alles Übrige drückt sich durch Gestik und Mimik aus. Es sind vier Individuen, ein älteres Männchen, ein jüngeres Männchen, ein Weibchen und ein noch nicht ganz ausgewachsenes, kindliches Exemplar. Wie die Verwandtschaftsverhältnisse wohl zueinander sind, wird wohl nie ganz klar. Das älteste Männchen und somit auch deren Anführer ist stets drauf und dran, mit dem Weibchen zu kopulieren, doch dieses hat nur Augen für den Jüngeren. Der Alte ist aber immerhin so weit in seinem Denken fortgeschritten, dass er andauernd versucht, Dinge zu zählen, ob Beeren an einem Strauch oder die Sterne am nächtlichen Himmel. So ziehen diese vier durch die Wälder, man möchte meinen, wir wären in einem Land vor unserer Zeit, wie Jean-Jacques Annaud dies mit Am Anfang war das Feuer bereits ebenfalls ohne Worte verfilmt hat. Die Natur ist ihre Welt, instinktive Bedürfnisse und Triebe dominieren das Dasein. Und dann passiert das: Der Alte lehnt sich zu weit aus dem Fenster des Abenteuers, berauscht sich mit Pilzen und Beeren und landet auf dem Speiseplan eines Pumas. Drei bleiben über, und auch sie müssen mit den Tücken der Natur klarkommen. Und nicht nur das: Es scheint, als gäbe es da noch eine andere Spezies, die seltsame Spuren hinterlässt, mit denen die Sasquatchs wenig anfangen können.

Zellners Film ist eine Hommage und eine Huldigung auf jene, die nicht die geringste Lust verspüren, sich zu offenbaren. Als kultisch verehrte Bigfoots geben sich Riley Keough und Jesse Eisenberg im Ganzkörper-Fursuit und mit mühsam applizierten Gesichtsmasken die Ehre, bei genauer Betrachtung unterscheidet sich die Qualität des Make-Ups wohl kaum von jener, die bereits damals in den Sechzigern für den Planet der Affen zum Einsatz gekommen war. Aus Budgetgründen wurde wohl von Motion und Facial-Capture abgesehen. Doch Sasquatch Sunset hat gar nicht den Anspruch, technisch State-of-the-Art sein zu müssen. Die analogen Kostüme haben ihren Reiz, die offensichtliche Künstlichkeit der Visagen verleihen diesem in freier Natur gedrehten Drama etwas Kunstbewusstes, nämlich den leisen Status eines aktionistischen filmischen Denkmals, das als Installation in einem Museum of Modern Art gut und gerne im Endlosloop laufen könnte.

Es ist dies die Zeitspanne eines Jahres, die gezeigt wird, inhaltlich viel zu entdecken gibt es dabei nicht, daher lässt sich Sasquatch Sunset auch nur szenenweise betrachten, ohne das große Ganze unbedingt im Auge behalten zu müssen. Eigenwillig ist das ganze Experiment aber trotzdem. Für einen richtigen Spielfilm ist es gar zu wenig, als Kurzfilm hätte Zellners Blickwinkelspiel genauso funktioniert. Romantisiert und weichgezeichnet wird, um auch jüngere Semester für dieses Machwerk zu interessieren, allerdings gar nichts. Sex und Tod und die Ausscheidungen des Körpers schmeicheln dem Ideal eines kryptozoologischen Wunders gar nicht. Will man diese Wesen denn so sehen, in all ihren Unzulänglichkeiten? Oder doch lieber Mister Link aus den Aardman Studios? Wie wäre es mit Bigfoot und die Hendersons? Diesen sind wir längst gewohnt. Da erscheinen die Individuen aus Zellners Machwerk geradezu sperrig und ungefällig.

Der nette Gag am Ende des Films, der munter so weiterlaufen könnte bis zum Tag ihrer endgültigen evidenten Entdeckung, ist zwar ein netter Schlusspunkt, doch die nagende Überlegung, man hätte den ereignislosen Alltag weniger lang breitgetreten und stattdessen mehr das Drama zwischen Legende und Entdeckung in den Fokus genommen, vereint sich mit dem unbefriedigenden Gefühl, etwas verpasst zu haben. Sasquatch Sunset ist wie ein verwackeltes Found Footage-Video: Wieder fehlt das gewisse Etwas, das alles hätte beweisen können.

Sasquatch Sunset (2024)

Godzilla Minus One (2023)

DAS TRAUMA ALS BIOMASSIGE URFORM

6,5/10


godzillaminusone© 2023 Toho Company Ltd/Courtesy Everett Collection


LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE / DREHBUCH: TAKASHI YAMAZAKI

CAST: RYŪNOSUKE KAMIKI, MINAMI HAMABE, YUKI YAMADA, MUNETAKA AOKI, HIDETAKA YOSHIOKA, SAKURA ANDŌ, KURANOSUKE SASAKI, MIO TANAKA U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Dieser Film bringt die wohl legendärste Monsterechse der Popkultur wieder dorthin zurück, wo sie urtümlich aus den Fluten trat – das ist nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich zu verstehen. Godzilla an seinen Ursprung zurückbringen, dorthin, wo Tomoyuki Tanaka diesen Giganten erstmals ins Leben rief, um ihn als Allegorie auf ein Desaster verstanden zu wissen, das als lokale Apokalypse Hiroshima und Nagasaki in den Abgrund riss. Diese Echse ist niemand Gutes. Sie ist der unbezwingbare, kataklystische Horror, die menschengemachte Naturkatastrophe, die nur eines im Sinn hat, sofern sie etwas im Sinn haben kann: Zerstören! So schiebt sich der dickliche Knautsch-Drache, den man ja, würde man ihn aus einiger Entfernung betrachten, direkt als niedlich einstufen würde, stampfend über den Meeresboden, bis der Wasserspiegel um dessen Hüften sinkt und sinkt und letztlich nur noch seine Knöcheln umspielt, sofern er welche hätte. Dann aber, dann ist es zu spät, um das japanische Volk noch zu evakuieren. Godzilla pflügt weiter, pflügt sich durch Häuserschluchten, die ihm links und rechts nicht passen, macht kaputt, was kaputtgemacht werden kann. Und die entindividualisierte Masse  hilfloser Menschlein rennt völlig sinnlos um sein Leben.

Ja, ungefähr so lässt sich ein Aggressor beschreiben, der dem Drang, ein Land verheeren zu müssen, nicht widerstehen kann. Dieses Grauen, dass sich am Ende des Zweiten Weltkriegs die Vereinigten Staaten als Akt der Schande an die Fahnen heften konnten, als es mit einem unfassbaren Gewaltakt den Weltkrieg beendete, lässt sich zur Traumaverarbeitung besser manifestieren – und zwar in eine Kreatur. Das hilft, schon rein aus psychologischer Sicht, mit dem Trauma klarzukommen, wenn man den Wahnsinn bündelt. Deswegen gibt es Godzilla. Und obwohl Godzilla im Kampf gegen andere Titanen die Menschheit vertritt und vor allem auch im aktuellen Monster-Franchise ein als auf die natürliche Balance ausgerichteter Ordnungshüter über den Planeten wummert – in Godzilla Minus One lässt sich diese Agenda nirgendwo ableiten. Das Monster ist schlichtweg wütend.

Vor dieser Katastrophe agiert ein japanisches Schauspiel-Ensemble aus Überlebenden der Schlacht um Tokyo sowie ein Kamikaze-Pilot, dem Kamikaze nicht wirklich im Sinn steht und der unter Vorgabe eines technischen Gebrechens auf der Insel Odo notlandet. Wie es das Unglück des Zufalls so will, quert Godzilla den kleinen Stützpunkt ohne Rücksicht auf Verluste – Pilot Kōichi Shikishima überlebt. In seiner Heimatstadt Tokio angekommen, muss er feststellen, dass der Krieg seine Familie dahingerafft hat. Den leeren Platz um ihn herum füllt bald die junge Noriko, die ihrerseits ein Findelkind mitbringt. Als Patchwork-Familie und mit der Unterstützung der desillusionierten Nachbarin versuchen diese paar bescheidenen Bürger einen Neuanfang – bis Godzilla alles wieder zunichtemacht. Experten sind gefragt – und eben auch Piloten wie Koichi, der sich von der Schmach der Feigheit vor dem Feind endlich reinwaschen will.

Das Erstaunliche an Godzilla Minus One ist technischer Natur. Mit „lediglich“ 10 bis 15 Millionen US-Dollar Produktionskosten läuft das Monsterspektakel im Gewand eines pathetischen Nachkriegsdramas deutlich unter dem Radar ganze Staatshaushalte verschlingender Us-Produktionen, die sich wirklich jeden Luxus leisten wollen. Für dieses Kleingeld hat Takashi Yamazaki eine fulminante Optik eingefangen, die dem Desasterkino eines Emmerich das Wasser reicht und die Echse weniger als Gummitier, sondern als naturalistische Biomasse ins Rennen schickt. Wenn das Meerwasser brodelt und das Tier aus den Tiefen taucht – überhaupt jene Szenen, die auf und rund ums Minensuchboot stattfinden, sind erstaunlich professionell. Kaum etwas unterscheidet das Spektakel von den Monsterclashs eines Leigh Wannell – ganz im Gegenteil. Während in Filmen wie Godzilla x Kong – A New Empire in üppigem Bildersturm die Qualität aufgrund von inflationärer CGI sichtlich leidet, setzt Yamakazi seine Desaster-Szenen akzentuiert ins Bild, nicht mehr, nicht weniger. Das Drama hat immer noch Gewicht genug, wenn auch vorhersehbar und nach alter dramaturgischer Schule. Jedoch lässt es seine Figuren nicht so lächerlich nebensächlich wirken wie in Hollywood. Hier geht’s um die Bewältigung eines Traumas, einer Tragödie, die man, anders als den Effekt, den Atombomben naturgemäß auslösen, fassen kann.

Godzilla Minus One (2023)

Disco Boy (2023)

TANZEN IM RHYTHMUS DES GEGNERS

5,5/10


discoboy© 2023 FILMS GRAND HUIT – DUGONG FILMS – PANACHE PRODUCTIONS ET LA COMPAGNIE


LAND / JAHR: FRANKREICH, POLEN, BELGIEN, ITALIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: GIACOMO ABBRUZZESE

CAST: FRANZ ROGOWSKI, MORR N’DIAYE, LAETITIA KY, LEON LUČEV, MATTEO OLIVETTI, ROBERT WIECKIEWICZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Bevor die Vorstellung beginnt, folgender Verweis: Epileptiker seien gewarnt vor starkem Stroboskoplicht während der Ausstrahlung des Films. Tatsächlich sind die Szenen, die dem titelgebenden Disco Boy in Aktion zeigen, äußerst dünn gesät – und die blinkenden Lichter, die das Auge malträtieren, glänzen durch schonende Abwesenheit. Denn Franz Rogowski hat als Weißrusse Aleksej mit Ausdruckstanz vor rhythmisch kreisendem Gefolge herzlich wenig am Hut. Diesen Traum träumt jemand ganz anderer. Beide werden im Laufe der Geschichte aufeinandertreffen, diese Begegnung wird Lebenswelten über den Haufen werfen. Am Ende werden sich die Fremden geborgen fühlen und die Geborgenen fremd, es ist ein assoziatives Spiel mit Träumen, Erscheinungen und Astralreisen. Wenn man es auf US-banalen Fantasyklamauk herunterbrechen würde, wäre der vergleich mit Freaky Friday als Arthouse-Kinoversion für vermeintlich Intellektuelle gar nicht mal so verkehrt.

Mit dem Wechselspiel zwischen den Identitäten haben sich schon wunderbare Filmwerke machen lassen. Disco Boy gehört nicht zwingend dazu. Er nimmt seine Geschichte, obwohl humorbefreit, nicht ganz so ernst, wie er uns, seinem Publikum, weismachen will. Hinter dem Metaphysischen der Existenz liegt die banale Welt eines Zauberspiels, das mit im wahrsten Sinne des Wortes überaus augenscheinlicher Symbolik spielt.

Dieser Aleksej also schafft es über Polen bis nach Frankreich, dort treibt es ihn zuallererst ins Rekrutenbüro der Fremdenlegion. Dort, so sagt der Film, können selbst illegal Eingewanderte ihren Dienst in die gute Sache von Frankreichs Militärmacht stellen. Nach fünf Jahren des Überlebens winkt die französische Staatsbürgerschaft und ein wohlklingend frankophoner Name. Nur bis dahin heisst es ins saftige Gras des Dschungels beißen, wenn es zum Beispiel nach Nigeria geht, um französische Geschäftsmänner aus den Klauen der Rebellengruppe MEND (Movement of the Emancipation of Niger Delta) zu befreien. Aleksej macht seine Sache gut, alles sieht danach aus, als hätten wir es mit feuchtheißer Dschungelaction zu tun, doch der Schein trügt. Auf der anderen Seite steht schließlich Jomo (Korr N’Diae), Anführer der Gruppe und dessen Schwester Udoka (Laetitia Ky), die schon längst von hier fortwill. Beiden ist eigen, dass sie unterschiedlich gefärbte Augen haben, eines hell, das andere dunkel. Als Aleksej dann im Dickicht des nächtlichen Dschungels auf Jomo trifft, gibt’s für einen von beiden kein Morgen mehr. Was dann passiert, entzieht sich jeglicher Realität, wie so oft in diesem vom Geisterglauben und dem Transzendentem durchdrungenen Afrika, dass, auch schon wie in Omen, die Tore zu diversen Zwischenwelten offenhält.

Fremde in der Fremde, die in die Fremde gehen. Giaccomo Abbruzzese erzählt in seinem Spielfilmdebüt eine entrückte Fabel mit schönen, aber uninspirierten Bildern. Afrikanischer Kitsch trifft auf Expendables, ein selbstbewusster Stil will sich nicht so recht durcharbeiten durch all das fantastisch-reale Flirren. Es ist ein Effekt, den man ab und an in den Filmen von Werner Herzog entdeckt – sperrige Sequenzen mühen den Zuseher ab, obwohl der Plot per se gar keine Anstrengung erfordert. Prätentiös wäre das richtige Wort, Bescheidenheit in diesem astralen Konflikt entspricht nicht den Sehnsüchten der beiden Männer, um die es hier geht. Die Sehnsucht nach einem alternativen Lebensentwurf und die Möglichkeit, diesen auch zu praktizieren, treibt die Fremden alle um. Viel mehr weiß Abbruzzese dann nicht mehr zu berichten. Weit vor Mitte des Films wird klar, welche Richtung das metamorphe Schicksal einschlagen wird. Viel Mühe macht sich Disco Boy nicht, im Streben nach einer schmucken Fassade für sein Existenzdrama scheut der Film aber nie zurück. Die Möglichkeit, etwas tiefer in diesen Kosmos einzudringen, wird verweht, als hätte Disco Boy zwei eigene Türsteher, die unsereins nicht einlassen. Gerne hätte ich mehr von Udoka erfahren. Schöner wäre es gewesen, Rogowski und eben jene aparte Gestalt im Gewissenkonflikt aufeinandertreffen zu lassen. Das Simple jedoch obsiegt. Der Look, obgleich unnahbar, sitzt. Erfüllte Sehnsüchte fühlen sich anders an.

Disco Boy (2023)

A Quiet Place: Tag eins (2024)

AUF LEISEN PFOTEN KOMMT DIE KATZE

6/10


aquietplacetageins© 2024 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SARNOSKI

CAST: LUPITA NYONG’O, JOSEPH QUINN, ALEX WOLFF, DJIMON HOUNSOU, ALFIE TODD, ELIANE UMUHIRE, ALEXANDER JOHN U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die Katze ist das Symbol des erfolgreichen Widerstands. Denn sie gibt keinen Mucks von sich. Sie weiß, dass sie nicht mal schnurren, geschweige denn miauen darf. Keine Schwierigkeit für so einen Stubentiger. Die leisen Pfoten sind dabei angeborene Gadgets, die wir Menschen uns angesichts einer Endzeit wie dieser gerne wünschen würden. Doch leider spielt es das nicht. Des Menschen Schwerfälligkeit und Ungelenkigkeit, die lärmfreudigen Sohlen festen Schuhwerks und das ständige Keuchen, Husten und panische Kreischen angesichts monströser Schreckgestalten macht uns zur leichten Beute, während Katzen bald die Welt regieren. Gemeint sind mit den Aggressoren extraterrestrische Kreaturen, die warum auch immer eines schönen Tages auf die Erde herabregnen und, sobald sie gelandet sind, aus den Kratern kriechen und Jagd auf alles machen, das Lärm verursacht.

Dass da Homo Sapiens in seiner Massenhysterie laut schreiend und völlig orientierungslos den staksigen Lauschern in die Klauen fällt – diese Verhaltensweise wird in John Krasinskis erdachtem Horrorszenario zur frappanten Reduzierung der menschlichen Bevölkerungszahl führen. Die wenigen, die es dennoch schaffen, trotz höllischer Angst ruhig zu bleiben, sind jene, die sich evolutionstechnisch gesehen als jene, die auf tonlose Weise umherschleichen, die Zukunft sichern. Wie das in urbanem Gelände funktioniert, wo ja alles irgendwie Geräusche macht, und sind es nun tapsende Schritte auf von Splittern übersätem Asphalt, zeigt A Quiet Place: Tag eins. In dieser uns mittlerweile vertrauten Apokalypse findet sich die todkranke Sam wieder, gespielt von Lupita Nyong’o, die mit gruseligen Endzeitszenarien längst schon Bekanntschaft gemacht hat – wären es nun Zombies in Little Monsters oder mörderische Klone in Jordan Peeles kreativem Verschwörungsthriller Wir. Nun sind es Wesen, deren Kopf im Grunde aus gewaltigen Hörorganen besteht, die ein bissfestes Kiefer umrahmen. Das scheint Sam, die ja sowieso nicht mehr viel zu verlieren hat, kaum davon abzubringen, ihre Tagesagenda unbeirrt weiterzuverfolgen. Sie will an den Ort Ihrer Kindheit zurück – und nochmal Petsy‘s Pizza probieren. Auf dem beschwerlichen Weg dorthin trifft sie auf Eric (Joseph Quinn), der nicht mehr von ihrer Seite weicht.

Viel mehr erzählt A Quiet Place: Tag eins tatsächlich nicht. Außer, dass wir endlich mal ein Bild davon bekommen, wie alles angefangen hat. Im Grunde hat man dies in Auszügen bereits in Krasinskis Original gesehen. Braucht es da wirklich noch die ausgewalzte Darbietung eines Schreckens, der nicht wie eine klassische, technologisch überlegene Invasion daherkommt, sondern wie das Hereinplatzen einer invasiven Art, die das autochthone Leben eines Ökosystems namens Erde auseinandernimmt? Nyong’o hat sehr viel Angst, Joseph Quinn ebenso. Die Katze nicht. Sie gibt, als symbolisches Best-Case-Testimonial vor, wie man sich zu verhalten hat. Sie zeigt auf erschreckende Weise, wie unzulänglich der Mensch einer natürlichen Katastrophe entgegentreten muss, während Katzen die Skills dafür bereits besitzen, sich aus dem Chaos heraus neu zu ordnen.

Nyong’o und Joseph Quinn entwickeln das leise Szenario einer Zweckgemeinschaft, Regisseur Michael Sarnoski, der zuletzt Nicolas Cage in Pig auf die Suche nach seinem Lieblingsschwein geschickt hat, setzt auch hier den Fokus viel stärker auf die Fähigkeit des Menschen, zu improvisieren. Eine Besonderheit, die aber nur in der Kooperation funktioniert. Dieses emotionale Zusammenspiel lässt den Grund der Katastrophe fast zur Nebensache werden – es ist wie im Genre des Zombiefilms. Auch hier sind die Untoten nur die Variable einer Ursache, eines von vielen Symptomen für den Ausnahmezustand. Ob nun Monster aus A Quiet Place oder die unabbildbare Entität im Bird Box-Franchise, die alle, die sie sehen, in den Selbstmord treibt: Der Kampf ums Überleben ist in A Quiet Place: Tag eins einer von vielen, fast austauschbar präsentiert sich dieses auf leisen Sohlen dahinwandelnde Abenteuer, das von A nach B oder B nach C  balanciert. Das Extra mit der Stille erhält dadurch aber keine neuen Aspekte – die kreativen Ansätze John Krasinskis in den beiden eigentlichen Filmen finden sich alle genau dort – und weniger in diesem Spin Off, das als Kurzfilm vielleicht weniger Längen gehabt hätte – denn sooft die beiden Survivalisten auch durchschnaufen müssen – jedes Mal scheint einmal zu viel.

A Quiet Place: Tag eins (2024)