The Ministry of Ungentlemanly Warfare (2024)

NICHT DIE FEINE ENGLISCHE ART

5/10


ministryofwarfare© 2024 Dan Smith for Lionsgate


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: GUY RITCHIE

DREHBUCH: GUY RITCHIE, ARASH AMEL, ERIC JOHNSON, PAUL TAMASY

CAST: HENRY CAVILL, EIZA GONZÁLES, ALEX PETTYFER, HENRY GOLDING, ALAN RITCHSON, HERO FIENNES TIFFIN, BABS OLUSANMOKUN, DANNY SAPANI, CARY ELWES, RORY KINNEAR, TIL SCHWEIGER, FREDDIE FOX U. A.

LÄNGE: 2 STD


Wenn ein Film, der auf reale Ereignisse aus der Weltgeschichte Bezug nimmt, seinem mit fiktivem Dekor ausgeschmückten Szenario am Ende die Fakten-Komponente entgegenstellt, mag es keine Auszeichnung für das Werk sein, wenn diese paar Minuten die meiste Verblüffung bieten. Das Positive an dem Film vorweg: Man lernt dazu. Denn von einer Operation namens Postmaster wird wohl kaum jemand etwas gehört haben, der sich nicht eingehend mit der Chronologie britischer Black Ops beschäftigt hat. Black Ops, das sind verdeckte und nicht durch den Staat selbst unterstützte Unternehmungen, die, wenn sie schieflaufen, ihre Mitstreiter dem Schicksal überlassen. Winston Churchill, ewig feister, zigarrenrauchender Premierminister (hier verschwindet „Men“ Rory Kinnear hinter formschönem Latex), der die dunkelsten Stunden des Zweiten Weltkriegs miterleben musste, hat während jener Operation wohlwissentlich mitgefiebert. Mit ihm der junge Ian Fleming, der später und auf Basis eigener Erfahrungen jene Figur des James Bond erfunden haben wird, die seit mehr als einem halben Jahrhundert das Eventkino dominiert. Vorlage für diesen unkaputtbaren, charmanten Mansplainer mit der Lizenz zum Töten war ein gewisser Gustavus Henry March-Phillipps, kurz genannt Gus, der aus dem Gefängnis rekrutiert wurde, um eine „Suicide Squad“ anzuführen – mit dem Ziel, die deutsche U-Boot-Flotte zu sabotieren.

Tatsächlich fußen so einige Begebenheiten in Guy Ritchies nobler, aber ausdruckslos gefilmter Nazi-Jagd auf Tatsachen. Darunter Fernando Po, die in den Vierzigerjahren von den Spaniern besetzte Insel vor der Küste Westafrikas, sowie jenes italienische Versorgungsschiff, welches aufgrund seiner Fracht die Funktionstüchtigkeit der Nazi-U-Boote überhaupt erst gewährleistet hat: die Douchessa d’Aosta. Dieses soll versenkt werden, mitsamt seiner Schlepperboote. Da braucht es also nicht nur hemdsärmelige Psychos mit an Genialität grenzenden Skills, sondern auch elegante Spione wie Marjore Stewart (ja, auch diese Dame hat existiert), die den auf der Insel stationierten Nazi-Oberschurken um den Finger wickeln soll. Diese Psychos begeben sich via den Kanaren per Segelboot in feindliche Gewässer und haben auch keinerlei Schwierigkeiten, die aus dem Boden schießende Übermacht an Hakenkreuzmatrosen und sonstigem Hitler-Gesocks treffsicher über den Jordan zu befördern. Was sehr schnell recht langweilig wird. Und die Straffheit des knackigen Beginns dieses Geschichtsabenteuers nicht beibehält.

Wir erinnern uns gerne an Quentin Tarantinos sagenhaftes Weltkriegs-Paralleluniversum Inglourious Basterds. Da hatten Widersacher wie Christoph Waltz als Hans Landa, August Diehl oder Daniel Brühl noch jede Menge gefährliches Charisma. Als Manifestationen des menschlichen Bösen boten sie den aus gutem Grund wütenden Amis, darunter Brad Pitt und Eli Roth, genug stabile Breitseite, um auch eine gewisse Reibung zu erzeugen, die einen packenden Film letztlich ausmacht. In The Ministry of Ungentlemanly Warfare – an sich ein origineller Titel – ist das Niederballern der bösen Burschen (und ja, es sind nur Männer) wie Rasenmähen. Langweilig, doch es muss getan werden. Für Henry Cavill, Alex Pettyfer und Co muss sich die ganze Abknallerei irgendwann nur noch wie Fließbandarbeit anfühlen. Die ganze Riege an Antagonisten bietet keinerlei Herausforderung, woran die Heldentruppe vielleicht auch charakterlich hätte wachsen können. Dass sich hier eine Bewegung erkennen ließe, muss verneint werden. Guy Ritchie, der immer mehr seine eigene Handschrift verliert und seit The Gentlemen seine Stärke des süffisanten Ensemblespiels nicht mehr richtig ausspielen kann, macht generisches, bisweilen überzogenes Actionkino aus der History-Nische und setzt eindimensionale Berserker in Szene, in denen sich die realen Vorbilder wohl niemals wiedererkennen würden.

Stets auf der Gewinnerseite, lenkt das Glück der Gerechten jede Kugel in die Herzen der Finsterlinge, selbst bei schlechter Sicht. Bald wünscht man diesen genug Schwierigkeiten an den Hals, damit sie vom hohen Ross steigen. Die Augenhöhe mit den Bösen ist eine zur Senkrechten neigende Diagonale, die True Story dahinter das Beste, was der Films in petto hat. Und Til Schweiger? Den sieht man nur als Til Schweiger – seine schwammige Performance, gottseidank nicht mit eigener Stimme synchronisiert, reicht an jene von Waltz nicht heran.

The Ministry of Ungentlemanly Warfare (2024)

Führer und Verführer (2024)

DAS VOLK ALS MITTEL ZUM ZWECK

7/10


fuehrerundverfuehrer© 2024 Zeitsprung Pictures SWR Wild Bunch Germany / Stephan Pick


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: JOACHIM A. LANG

CAST: ROBERT STADLOBER, FRITZ KARL, FRANZISKA WEISZ, DOMINIK MARINGER, MORITZ FÜHRMANN, TILL FIRIT, CHRISTOPH FRANKEN, KATIA FELLIN, OLIVER FLEISCHER, MARTIN BERMOSER, EMANUEL FELLMER, RAPHAELA MÖST, HELENE BLECHINGER U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Da steht einer wie Herbert Kickl, so gesehen und gehört schon des Öfteren, zuletzt auf dem von der FPÖ okkupierten Viktor-Adler-Markt, und bedient sich als meisterlicher Demagoge dem Narrativ emotional getriggerter Angstzustände, um das Volk für sich zu gewinnen. Es geht hier niemals um Fakten oder um ein konstruktives Programm zur Bewältigung jener Missstände, die andere Parteien angeblich verursacht haben. Es geht darum, Feindbilder zu schaffen und das Volk zu instrumentalisieren. Für Macht und für eine rechtsgerichtete Agenda, die, würde keiner kontra geben, zu einem Horrorszenario ausarten würde.

Dass so ein Wahnsinn möglich war, lag zu einem beträchtlichen Grund an Leuten wie Joseph Goebbels, die Propaganda als zweiten Vornamen tragen und ganz genau wissen, wie Medien die Massen manipulieren können. Das weiß einer wie Kickl auch. Und so ergeht sich dieser eine ganze Generation später in wortgewaltigen Slogans und subversiven Zweizeilern, die sich gerne mal auch reimen können. Goebbels hat damals das gleiche gemacht. Und wofür? Für Adolf Hitlers Erz-Agenden, die sich um zwei Dinge drehten: Um die Auslöschung der Juden, und um die Expansion des deutschen Reiches. Die Deutschen brauchen Raum, so der Braunauer. Und anders als in vielen anderen Filmen, von Charlie Chaplins Great Dictator bis zu Oliver Hirschbiegels Der Untergang, setzt Joachim A. Lang (Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm) den wohl medientauglichsten und weltbekanntesten Despoten auf eine Weise in Szene, als wäre er der gemütliche Onkel von nebenan, der in seiner privaten Bastion am Obersalzberg seine Entourage um sich schart, seine getreuen rechten und linken Hände, die einmal neben, dann wieder vis à vis des Führers sitzen dürfen. Von der Eingliederung Österreichs ins Deutsche Reich bis zu den Selbstmorden im Führerbunker (die allerdings inszenatorisch ausgespart werden) reicht der semidokumentarische Streifzug durch eine Epoche. Nicht ganz, aber fast ausschließlich aus der Sicht der bösen Jungs, deren kranke Weltbilder nicht in erster Linie Thema des Films sind.

Die sind genauso gegeben wie in The Zone of Interest. Auf dieser Weltsicht errichtet, zeigt sich bei Jonathan Glazer der normale Alltag einer Nazi-Familie, die über Ausschwitz regiert. In Langs Film ist Dreh- und Angelpunkt der Propagandaminister. Wir sehen dabei Robert Stadlober mit schwarz gefärbtem Haar, Hinkebein und markanter Aussprache. Und dennoch ist der Österreicher wohl einer der augenscheinlichsten Fehlbesetzungen der letzten Zeit. Was andererseits aber nicht heisst, dass er seine Sache nicht gut macht. Stadlober hat sich noch nie so ins Zeug gelegt, er wettert und hetzt und mobilisiert die Massen, meist in brauner Uniform und die eigenwilligen Gesten der historischen Figur perfekt nachahmend. Vergleicht man seine Goebbels-Interpretation mit jener von Ulrich Matthes, wird klar: Da liegen Welten dazwischen. Wie Chaplin Hitler darstellt, so stellt Stadlober Goebbels dar: Als bizarre Mad-Karikatur eines Frauenhelden und hochtalentierten Propaganda-Virtuosen, der seinen Job nicht immer gut macht. Doch auch entlang des Weges der Überzeichnung gelangt man irgendwann zum Bildnis eines bedrohlichen Extremisten.

Diese Bedrohung vermittelt auch Fritz Karl als Hitler höchstselbst. Auch er steht anfangs unter dem Verdacht, fehlbesetzt zu sein. Letztlich zählt seine Performance zu den authentischsten, die sich von comichaften Manierismen verabschieden. Ein gemächlicher Politiker, der anfangs richtig bieder erscheint, offenbart sich im Laufe des Films als fanatischer, egomanischer Soziopath. Die erschreckende Demaskierung funktioniert besser als der Versuch, die Mechanismen von Propaganda und die Macht der Bilder und Worte zu analysieren. Dort kehrt Joachim A. Lang nur nach, wo längst aufgeräumt wurde. Mitunter ist sein Inszenierungsstil ein unfokussierter, der mal da, mal dort das NS-Regime als pädagogisches, doch simples Leitwerk für Ahnungslose zerpflückt und zerfranst. Natürlich kann Lang die Sicht des Bösen auf die Welt, welches in seiner weltfremden Blase existiert – ein Umstand, der zu vermitteln gelingt – ganz so wie Hitlers Schriftstück Mein Kampf nicht ohne Kommentare der aufklärerischen Seite einfach dastehen lassen. Zeitzeugen melden sich zu Wort und geben dem Werk seine Bestimmung. Archivaufnahmen, die nur schwer zu ertragen sind, lassen das Grauen hochkochen, finden sich allerdings auch in jeder noch so ambitionierten Universum History-Dokumentation wieder. Was Lang da gelingt, ist, rahmensprengendes Basiswissen an einen roten Faden zu heften, der Goebbels Charakter zwar beleuchtet, aber ungern in medias res geht und sich nur vage in die Eingeweide des Systems begibt. Weil man all diese Wucht nicht stemmen kann.

So bleibt das Kratzen an der Oberfläche, doch selbst direkt darunter modert ein Verderben, dass wie Sonnenbrand immer wieder akut werden kann. Diesen unmittelbaren Schrecken angesichts aktueller weltpolitischer Tendenzen als Geschichte abzutun, fällt schwer. Denn diese wiederholt sich. Und macht Führer und Verführer zu einem unbehauenen Stein, der durch die Membran der eigenen Convenience-Blase fliegt. Das hinterlässt trotz der Defizite Eindruck und Unbehagen.

Führer und Verführer (2024)

Murer – Anatomie eines Prozesses (2018)

ALS WÄRE DAS ALLES NIE GEWESEN

7/10


murer© 2018 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, LUXEMBURG 2018

REGIE / DREHBUCH: CHRISTIAN FROSCH

CAST: KARL FISCHER, KARL MARKOVICS, ALEXANDER E. FENNON, URSULA OFNER, RAINER WÖSS, GERHARD LIEBMANN, KLAUS ROTT, SUSI STACH, MENDY CAHAN, MATHIAS FORBERG, ROLAND JAEGER, MELITA JURIŠIĆ, INGE MAUX, HEINZ TRIXNER, CHRISTOPH KRUTZLER, FRANZ BUCHRIESER, ERNI MANGOLD U. A.

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Im Freisprechen sind die Österreicher Weltmeister, insbesondere im Freisprechen ehemaliger NS-Verbrecher, die sich nach Kriegsende auffällig leise verhalten und ihr biederes Gemeinwohlleben wieder aufgenommen haben. Das geht dann so weit, dass sie als integrer Teil der Gesellschaft unentbehrlich werden. Menschen wie diese, die während des Hitler-Regimes die Freiheit hatten, straflos über anderes, vermeintlich minderwertiges Leben zu richten, sind perfide genug, um so zu tun, als wäre nichts gewesen. Die verlederhoste Trachten-Gemütlichkeit, von der selbst Elfriede Jelinek schon geschrieben hat, beschert dem gern als Opfer unbequemer Zeiten angesehenen Provinz-Spießer die wahre Glückseligkeit. Einer wie Franz Murer, der ist ein Halbgott des Österreichtums, ein geselliger, bisschen kauziger Großgrundbesitzer mit Einfluss auf die Gemeindepolitik, umgeben von rechten Freunden und freundlichen Rechten. Der, so sagt er, sich niemals etwas zuschulden kommen ließ. Schließlich war Murer immer woanders, nur nicht dort, wo Verbrechen passiert sind.

Manche nannten ihn den Schlächter von Wilna. So ein namentlicher Appendix, der kommt nicht von irgendwoher und auch nicht aus dem Nichts. Als Fleischhauer wird er wohl nicht in die Geschichte eingegangen sein, denn schließlich war Murer Oberaufseher des litauischen Juden-Ghettos, und als Machtperson vor allem einer, dessen lockerer Finger am Abzug gar Frauen und Kindern das Leben gekostet hat. Ein Mann wie er hat Schaden und Schmerz verursacht, dass es ärger nicht hätte gehen können. Ein Mann wie er ist in den Sechzigern zum angesehenen Bürger geworden, wie viele andere auch in diesem schönen Land. Mit Simon Wiesenthal hat dann aber keiner gerechnet. Und so hat es dieser nach seinem Bravourstück mit Adolf Eichmann auch schließlich geschafft, diesen Franz Murer vor Gericht zu bringen.

Da sitzt der feiste Mittfünfziger mit kaltem Blick und wehleidiger Mine als einer, der nicht glauben kann, was ihm vorgeworfen wird. Ein Gesicht wie dieses, wenn es denn mordet, vergisst wohl niemand von denen, die dabeigewesen waren. Da ist es nicht wichtig, ob die Uniform grün oder schwarz oder dunkelbraun oder hellbraun gewesen war. Was zählt, ist das Konterfei, die ausdruckslose Mine, die Unerbittlichkeit willkürlichen Machtgebrauchs. Die Verteidigung sieht das anders, sie baut ihre Gegenargumentation auf Details wie diese auf. Und vermutet gar eine Verschwörung gegen den Angeklagten, der eine Lobby hinter sich weiß, die bis in die damalige österreichische Regierung reicht. Der Populismus war damals schon en vogue, und so gerät unter der Regie des Filmemachers Christian Frosch die Chronik eines Prozesses zur Leistungsschau autoritär Gesinnter, die als bereitwillige Mitläufer den Nazis eifrig zugearbeitet hätten – oder haben. Denn in den Sechzigern ist das Grauen in Europa bereits schon – oder erst – zwanzig Jahre her. Mord verjährt nie, und eine Anklage will gut vorbereitet sein. In einem Grazer Gerichtssaal wird der Zuseher Zeuge eines bereits im Vorfeld äußerst rechtslastigen Verfahrens, zu dem jüdische Zeugen, die im Ghetto von Wilna auf Murer stießen, geladen und angehört werden. Der Ausgang dieses Prozesses steht in den Annalen der österreichischen Gegenwartsgeschichte: Freispruch in allen Anklagepunkten.

Für die Rekonstruktion der Ereignisse konnte Frosch eine ganze Menge bekannter Gesichter gewinnen – Karl Fischer gibt das leutselige, scheinbar harmlose Monster im gedeckt grünen Jagdschloss-Look, bei den Zeugenaussagen spielt seine Mimik alle Stücke, während er versucht, nicht der zu sein, für den ihn viele halten. Karl Markovics darf in die Rolle Simon Wiesenthals schlüpfen. Klaus Rott, Susi Stach oder Gerhard Liebmann (grandios in Eismayer) sind drei der acht Geschworenen, Inge Maux zum Beispiel wütet als gedemütigte Jüdin gegen den schierpas erstaunten Murer, der im Heischen nach Mitleid ertrinkt. Dank dieses Ensembles führt Christian Frosch trotz seines nüchternen Inszenierungsstils die eigentliche Ambition hinter Murer – Anatomie eines Prozesses an ihr Ziel: Den authentischen Entwurf eines latent antisemitischen Dunstes, der durch den Gerichtssaal zieht. Zunehmend wird es unbequem, den Aussagen zu folgen, doch weniger wegen der Gräuel, von denen berichtet wird, als vielmehr von der grassierenden Verlachung von Tragödien. Statt Zeugen anzuhören, werden diese verhöhnt, erlittenes Unglück beschwichtigt. Wenn die Exekutivorgane der Justiz beim Freispruch des Schuldigen aus der Befürwortung dessen kein Hehl mehr machen, weiß man, was es geschlagen hat. Murer ist eine fröstelnd machende Bestandsaufnahme eines braun unterwandernden Österreich. Der Advokat des Teufels mag zwar am Ende geläutert sein – die Realität holt jede Fiktion dennoch ein und erzeugt vor einer unbequemen Klangkulisse einen Kloß im Hals, der einhergeht mit der Gewissheit, dass längst noch nicht alles gut ist.

Murer – Anatomie eines Prozesses (2018)

Plan A – Was würdest du tun? (2021)

RACHE, NICHT GERECHTIGKEIT

5/10


PlanA© 2021 Camino Filmverleih


LAND / JAHR: ISRAEL, DEUTSCHLAND 2021

REGIE / DREHBUCH: DORON & YOAV PAZ

CAST: AUGUST DIEHL, SYLVIA HOEKS, MICHAEL ALONI, NIKOLAI KINSKI, MILTON WELSH, OZ ZEHAVI, ECKHARD PREUSS, BARBARA BAUER, ISHAI GOLAN, KAI IVO BAULITZ, AENNE SCHWARZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Verkehrte Welt? Israel mache sich derzeit, so sagen einige, im Konflikt mit der Terrororganisation Hamas des Völkermordes schuldig. Gerade Israel, jener nach dem zweiten Weltkrieg gegründete Staat, der mithilfe der in Europa verfolgten Juden errichtet wurde – sehr zum Missfallen eines anderen Staates, der zur gleichen Zeit am gleichen Ort seine Heimat hat: Palästina. Da haben wohl jene Herrschaften, die damals die Grenzen zogen, nicht genau hingesehen. Jetzt haben die einen keine Heimat mehr, während die anderen ihre neue Heimat um jeden Quadratmeter verteidigen. Das schürt Frust, das schürt Hass, das schürt Ressentiments auf beiden Seiten. Klar, dass es dort irgendwann so sehr eskaliert, dass es das Zeug dazu hätte, einen dritten Weltkrieg zu entfachen. Dass die Israelis sich dort nicht mehr vertreiben lassen wollen, nachdem sie aus ganz Europa vertrieben wurden, kann man ihnen nicht verdenken. Das erlittene Leid ist nicht wiedergutzumachen, der Holocaust ist für immer ein Teil des ethnischen wie religiösen Bewusstseins – auf dass nie wieder etwas Ähnliches geschähe. Nur leider ist das passiert: Der systematische Angriff der Hamas im Oktober letzten Jahres.

Doch wie war das damals, nach dem letzten Weltkrieg? Hat sich da das jüdische Volk zur Selbstheilung in den Nahen Osten zurückgezogen, ohne Durst nach Rache? Simon Wiesenthal zum Beispiel wollte sich schließlich nicht zu einer emotional motivierten Genugtuung hinreissen lassen, sein Credo lautete stets: Gerechtigkeit, nicht Rache. Wie klug und letztlich effektiv: sämtliche Schergen des Nazi-Regimes erhielten, nachdem sie aufgespürt wurden, ihren Prozess. Doch nicht alle tickten so. Die Nakam zum Beispiel, eine jüdische Organisation, die sich zum Ziel setzte, Millionen Deutsche nach dem Auge-um-Auge-Prinzip zu ermorden. Für diesen Racheakt hätten sie das Trinkwasser großer deutscher Städte vergiftet, der Plan scheiterte aber bereits im Vorfeld. Auf Basis dieser Fakten erzählen die israelischen Filmemacher Doron und Yoav Paz in ihrem Geschichtsdrama Plan A – Was würdest du tun? eine womöglich etwas frei formulierte Nachstellung eines fast vergessenen Kapitels der Nachkriegszeit mit dem Zuviel an weichgezeichnetem Melodrama und in einer wenig speziellen, weil leidenschaftslosen Inszenierung.

August Diehl, der bereits international bekannte und heimische Produktionen stets veredelnde Charaktermime, gibt die fiktive Identifikationsfigur des Juden Max, der nach dem Ende des Krieges sein altes Zuhause von arischen Deutschen besetzt sieht und folglich nicht mehr weiß, wohin mit seiner Existenz. Empfohlen wird ihm, wie so vielen seiner Leidensgenossen, nach Israel auszuwandern. Bevor Max aber diese Option reifen lassen kann, macht er Bekanntschaft mit den bereits erwähnten Rächern, die sich als eine Art Inglourious Basterds das Recht herausnehmen, Handlanger des alten Systems aufzuspüren und hinzurichten. Irgendwie scheint Max das Vorhaben suspekt und arbeitet fortan für die britische Armee, um herauszufinden, was die Nakam im Schilde führen. Dabei fällt ihm schwer, das eigene Verlangen nach Rache zu unterdrücken, um nicht die Gründung des Staates Israel zu gefährden.

Plan A – Was würdest du tun? widmet sich dank erzählerischer Freiheit nicht nur den Umständen, die zu dieser Fast-Umsetzung eines verheerenden Racheakts geführt hätten, sondern lässt auch die alternative Realität in der Vorstellung von August Diehls Figur Wirklichkeit werden. Aufschlussreich ist das Drama der Gebrüder Paz auf jeden Fall – die Umsetzung setzt jedoch auf Schablonen. Sowohl die fiktive zentrale Figur des Max noch das ihn umgebende, ebenfalls – so vermute ich – fiktive Ensemble bleiben flach. Die Eigenständigkeit der Charaktere fehlt; diese scheinen aus mehreren, ähnlich gelagerten Rollen aus ähnlichen, aber anderen Filmen zusammengesetzt zu sein. Die prinzipiell spannende Geschichte um Moral, Vergebung und natürlich Vergeltung entwickelt selten einen entsprechenden Sog und erstaunt eigentlich nur aufgrund seines im Hintergrund errichteten, historischen Kontextes.

Plan A – Was würdest du tun? (2021)

LOLA (2022)

DAS VERSCHWINDEN DES DAVID BOWIE

7,5/10


LOLA© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2022

REGIE: ANDREW LEGGE

DREHBUCH: ANDREW LEGGE, ANGELI MACFARLANE

CAST: STEFANIE MARTINI, EMMA APPLETON, RORY FLECK-BYRNE, HUGH O’CONOR, AYVIANNA SNOW, AARON MONAGHAN, NICK DUNNING U. A.

LÄNGE: 1 STD 19 MIN


Gerade sieht es so aus, als würde sich die Geschichte wiederholen. Überall auf dem Planeten erstarren die rechten Lager, in Spanien wird bereits Kunst und Kultur zensiert, Europas Möchtegern-Faschisten werfen mit Begriffen wie Remigration um sich und nutzen die beschränkte Weltsicht der Bevölkerung, um diese mit Schlüsselwörtern zu ködern. Sind sie mal an der Macht, ist es zu spät. Die Anzeichen will keiner so recht bemerken, also währet den Anfängen, kann man an dieser Stelle nur sagen, wenn Freiheit und Menschenrechte die eigenen Werte anführen.

Wie immer bleibt zu wundern, wie sehr man sich täuschen kann. Und was alles möglich ist. Um Freiheit geht es im Ringen ums Dasein immer, und wären die Parameter nicht so gesetzt gewesen, wie sie letztlich zum Einsatz kamen, hätten wir eine Welt, die sich einer wie Phillip K. Dick bereits in seinem als Serie verfilmten Roman Das Orakel vom Berge zwischen Drogen und Paranoia ausgemalt hat: Die Machtübernahme der Nationalsozialisten rund um den Erdball, insbesondere der Vereinigten Staaten. Eine Horrorvorstellung, die beklemmender nicht sein könnte. Ist die USA einmal unter der Fuchtel faschistoider Regenten, wäre Europa dies ebenso. Das Gefühl, jene Orte, an denen noch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit praktische Anwendung finden, immer mehr zusammenschrumpfen zu sehen, wird durch das irisch-britische Was-wäre-wenn-Szenario LOLA noch extra unterstützt. Als ob dies dringend nötig wäre, um die Hände vors Gesicht zu schlagen. Andererseits ist Andrew Legges Found Footage-Juwel eine deutliche Warnung davor, die entsprechenden Signale zu übersehen. Und die Aufforderung, sich selbst mal zu fragen, ob eine totalitäre Welt aus Strafen, Zensur und Unterdrückung wirklich das ist, was es zu wählen gilt.

Einen Film wie LOLA, den haben leider Gottes ohnehin nur Zuseher auf dem Radar, die bereits aufgeschlossen und tolerant genug sind für alles, was sie umgibt. Die innovative Zugänge zu brisanten Themen ebenso schätzen wie Nonkonformismus. Und die mit Philipp K. Dick, Science-Fiction und alternativen Realitäten so einiges anfangen können. Als Zeitreisefilm geht LOLA nur bedingt durch – viel mehr gewährt das nach der Mutter der beiden Schwestern Martha und Thomasina Hanbury benannte Orakel einen Blick in die mediale Zukunft der Welt. Mit diesem obskuren Konstrukt, das beide für den guten Zweck einzusetzen gedenken, lässt sich während des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1941, als die deutsche Luftwaffe England heimsucht, etliche Leben retten. Als Engel von Portobello gehen die Schwestern in die alternative Geschichte ein. Und die Geschichte selbst erfährt ihre Veränderung, weicht ab von dem, so wie wir es kennen. Und führt dazu, dass das britische Militär Wind davon bekommt.

Klar lässt sich so ein Ding wie LOLA dazu nutzen, dem Feind immer einen Schritt voraus zu sein. All die Offiziere, Generäle und sonstigen Rangträger hätten wohl gut daran getan, sich zuallererst den Ausgang des Krieges vorhersagen zu lassen. Dann hätten sie gewusst, dass sich der Widerstand gelohnt haben, dass die Welt nicht dem Faschismus anheimfallen und eine liberale Ordnung Einzug halten wird. Doch der Wille, den Krieg gewinnbringend im Fokus zu behalten, führt letztlich zum Gegenteil. Was dann passiert, schnürt einem die Kehle zu. Wenn über den Dächern Londons  Hakenkreuzfahnen wehen und Hitler durch die Straßen der Stadt fährt. Wenn plötzlich David Bowie nicht mehr existiert, kein Bob Dylan oder Stanley Kubrick die Musik- und Filmwelt der kommenden Dekaden bereichern, stattdessen aber faschistoide Popmusik wummert, die so klingt, als wäre sie doch irgendwie von Bowie oder Elton John, es aber nicht ist, und wenn man genauer hinhört, in ihren Lyrics das Grauen heraufbeschwört, ist der Orwell‘sche Albtraum komplett.

Andrew Legge nutzt dabei die bereits etwas abgenutzte Stilmittel des Found Footage und schafft etwas vollkommen Neues. Das genreübergreifende, experimentelle Stückwerk aus Super 8-Tonfilmfragmenten, Standbildern und Archivmaterial, das eine alternative Wahrheit täuschend echt nachahmt, ist längst nicht nur eine Mockumentary, die das Spiel mit dem Determinismus variiert, sondern dazu noch eine glaubhaft dargebotene Dreiecksgeschichte mit einbezieht – und das, obwohl LOLA nur knappe 80 Minuten dauert. Trotz dieser Laufzeit entfaltet sich ein geradezu episches Drama voller Wendungen und lässt als prophetischer Thriller das Prinzip Verantwortung als Schlüssel zum Guten erkennen.

LOLA (2022)

Der Schatz des Duce (2022)

AM WELTKRIEG GESUNDGESTOSSEN

5/10


derschatzdesduce© 2022 Netflix Inc. 


LAND / JAHR: ITALIEN 2022

REGIE / DREHBUCH: RENATO DE MARIA

CAST: PIETRO CASTELLITTO, MATILDA DE ANGELIS, TOMMASO RAGNO, ISABELLA FERRARI, LUIGI FEDELE, FILIPPO TIMI, ANTONIO SCARPA, EUGENIO DI FRAIA U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Zu diesem Zeitpunkt ist ohnehin schon alles wurst. Der Zweite Weltkrieg liegt – zumindest in Europa – in seinen letzten Zügen. Die Alliierten haben längst schon Land gewonnen, die Oberhäupter harren entweder in Bunkern der vielleicht doch noch eintretenden überraschenden Wende entgegen – oder rüsten sich für die Flucht ins Exil. So wie zum Beispiel Faschistenzwerg Mussolini, der nur noch sein Erspartes in Form eines Goldschatzes, bei welchem wohl jeder Geschuppte gierig schmauchen würde, aus einer Kaserne in Mailand fortschaffen muss. Dieser Stichtag ist nicht nur den Faschos bekannt, sondern auch dem Widerstand. Oder besser gesagt: einer Handvoll Gauner, Gelegenheitsbetrüger und Schmuggler, die sich jetzt noch, am Ende der ganzen weltumspannenden Katastrophe, auf Kosten der bösen Buben gesundstoßen wollen.

Isola, ein Schwarzmarkthändler (Pietro Castellitto), riecht den Braten als erster. Es dauert nicht lang, da schart er eine Art „Bad Batch“ um sich, die mit Mussolinis Staatsphilosophie überhaupt nichts am Hut haben. Die attraktive Yvonne (Matilda de Angelis, u. a. Der göttliche Andere), Gespielin eines ranghohen Offiziers, soll dabei als Spionin die wichtigsten Infos zusammentragen, die mit dem Abzug des Militärs zu tun haben – denn das ist der Moment, um zuzuschlagen. Mit gewissen Tricks und einem Sprengmeister, der sein Handwerk beherrscht, könnte der Coup sogar gelingen.

Dabei erinnert Der Schatz des Duce in Sachen Ausstattung, Setting und der erzählerischen Dynamik an die Abenteuer eines Indiana Jones, insbesondere, wenn wir uns den Epilog zum Rad des Schicksals in Erinnerung rufen. Das kriegsgebeutelte Mailand dient in diesem Film hier als pittoreske Kulisse, stramm stiefelnde Soldaten erinnern dabei an eine immer noch inhärente Gefahr, und charismatische Sadisten, die auch ihren Anteil wollen, bevor alles den Bach runtergeht, bieten jede Menge antagonistische Projektionsfläche, um sich abzureagieren. Nur: Diesem Film fehlt einer wie Harrison Ford. Und statt Steven Spielberg (oder eben erst James Mangold) darf Renato De Maria ran – ein Filmemacher, dem internationale Studios noch nicht ganz so die Tür eingerannt haben, was vermutlich daran liegt, das große filmische Ambitionen bei anderen Künstlern zu finden wären.

Sein auf Netflix veröffentlichtes Weltkriegsabenteuer ist zweifelsohne prächtig ausgestattet. De Maria versteht sein Handwerk – das Problem dabei: er versteht es auch als solches, als Auftragsroutine, die man erledigen will, ohne im Nachhinein groß den Unmut des Publikums zu kassieren. Der Film kommt überdies einige Genrewerke zu spät, was so viel heißen will wie: Nichts, was Der Schatz des Duce inhaltlich auffahren kann, trägt zur Identifikation des Films bei. Alles schon mal dagewesen. Das Gold – und nicht mal irgendein spezielles Artefakt – diente schon des Öfteren als Objekt des Disputs, so gesehen in Peter Torwarts Nazi-Western Blood & Gold oder neulich in der Finnland-Schlachtplatte Sisu. Es mag zwar Martina de Angelis allein schon durch ihre Anwesenheit das ganze Ensemble entsprechend aufmotzen, doch die Figurenzeichnung bleibt stereotyp und flach. Richtig interessant wirkt keiner der Anti-Helden. Und das ist auch der elementare Grund, warum man Der Schatz des Duce sieht – und bald wieder vergisst. Der Pfad zum Edelmetall ist längst ein ausgetretener.

Der Schatz des Duce (2022)

Freaks Out (2021)

MANEGE FREI FÜR DIE VERFOLGTEN

7/10


freaksout© 2022 Metropolitan Film Export


LAND / JAHR: ITALIEN, BELGIEN 2021

REGIE: GABRIELE MAINETTI

DREHBUCH; NICOLA CUAGLIANONE, GABRIELE MAINETTI

CAST: AURORA GIOVINAZZO, FRANZ ROGOWSKI, CLAUDIO SANTAMARIA, PIETRO CASTELLITTO, GIANCARLO MARTINI, GIORGIO TIRABASSI, MAX MAZZOTTA, SEBASTIAN HÜLK, ANNA TENTA U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


Wer weiß, was die vermaledeiten Nazis noch so alles getrieben haben, von dem wir nichts wissen. Was, wenn sie tatsächlich versucht haben, mithilfe paranormaler Phänomene, die dann folglich nicht mehr als solche deklariert, sondern wissenschaftlich eingestuft und nutzbar gemacht wurden, das Schicksal der Welt zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Nicht auszudenken, wenn es ihnen gelungen wäre. Für dieses Szenario hat das Kino schon so einiges über die Leinwand flimmern lassen. Bekanntestes Beispiel: Die Bundeslade aus Jäger des verlorenen Schatzes. In Mike Mignolas Hellboy haben im Okkulten versierte Nazi-Größen das Tor zu einer Dimension geöffnet, aus welcher ein kauziger, roter Teufel entschlüpfte. Und was ist mit der Geheimorganisation Hydra aus dem Marvel-Universum? Red Skull und seine Armee aus Supersoldaten, die alle so zugeschlagen hätten wie Captain America?

Es gibt so einiges an showtauglichen Albträumen, mit welchen nicht nur das Kino, sondern auch das Fernsehen die Niederträchtigkeit der Faschisten noch zusätzlich angereichert hat. Mit Freaks Out setzt der Italiener Gabriele Mainetti zwar nicht noch eins drauf, fügt aber den Psychopathen des dritten Reiches noch einen abgründig-charismatischen Wirrkopf hinzu: Man möchte es nicht glauben, es ist Franz Rogowski. Liebkind des deutschen Independent-Kinos und, wie man sieht, offen für jedes Genre. Warum nicht auch für einen phantastischen Streifen wie diesen, der 2021 bei den Filmfestspielen von Venedig seine Premiere feierte.

Rogowski gibt einen völlig verpeilten Sonderling, der aufgrund seiner zwölf statt zehn Finger aus der Armee ausgeschlossen wurde. Nicht so sein Bruder, der dort ein hohes Tier wurde. Was macht ein „Freak“ wie dieser nun in einer Diktatur, die das Andersartige für vogelfrei erklärt, wegsperrt oder vergast? Durch den gegebenen familiären Einfluss darf Franz als zylindertragender Direktor seine Lust an der Exzentrik zumindest im Rahmen eines von ihm ins Leben gerufenen Zirkusses ausleben, der in Rom Halt macht und der jedoch im eigentlichen Sinne als Kulisse für ein sehr ehrgeiziges Projekt herhalten muss, in welchem der wie Hanussen mit dem Übersinnlichen begabte Wirrkopf die Lösung für all die Probleme sieht, die das Deutsche Reich im letzten Kriegsjahr so umtreibt. Franz will eine Gruppe aus Superhelden zusammenstellen. Und ja, es gibt sie. Sie erscheinen gar in seinen zukunftsweisenden Visionen, die sogar vom Selbstmord Hitlers berichten und noch viel weiter gehen. Diese mit außergewöhnlichen Fähigkeiten begabten Leute sind allerdings eine Theatertruppe für sich, die eigentlich nur die Flucht aus Europa im Sinn haben. Es ist dies ein Wolfsmensch, eine Art Magneto, ein Insektenbeschwörer, ein schrulliger Gandalf und eine Feuerteufelin, die ihre Gabe eigentlich nur als Bürde sieht.

Mutanten mit derartigen Fähigkeiten sind nicht neu. Bei den X-Men gibt es sie alle. Auch bei Hellboy zählen einige Außenseiter, die ihre Andersartigkeit mit nichts verbergen können, zu den Experten des B.U.A.P. Mainettis märchenhafter Kriegs- und Zirkusfilm allerdings lässt die Idee eines alle unter einen Hut bringenden Vereins außen vor. In diesem von Gott verlassenen Italien während des Krieges tummeln sich verlorene Seelen auf den Straßen herum, die wie aus einer tragikomischen Filmballade Federico Fellinis über die Hügel Italiens vagabundieren, auf der Suche nach dem großen Glück. Tatsächlich erinnert so manche Szene an bittersüße Filmmomente des großen Cinecittà-Visionärs – insbesondere das deutlich expositionierte Einzelschicksal des Flammenmädchens Matilde hat erzählerische Kraft und Ausdauer. Ihr Weg zur Selbstbestimmung ist der eine rote Faden des Films, der andere ist Franz Rogowskis leidenschaftlich verkörperte Figur des Antagonisten. Zwei Ausgestoßene, die unterschiedlicher nicht sein können. Die versuchen, sich den Respekt des Normalen zu verdienen, um Teil des großen Ganzen, und vor allem: nicht allein zu sein.

Mit viel Aufwand, enormer Ausstattung und im letzten Drittel ordentlichen Gefechten zwischen Nazis und den italienischen Partisanen gelingt hier ein opulentes Spektakel zwischen bizarrer Sensationsshow wie in Guillermo del Toros Nightmare Alley, dem Dreckigen Dutzend und einem regimekritischen Ur-Pinocchio. Dieser ganze Mix passt so gut zusammen wie die Zutaten für ein wissenschaftliches Experiment, dessen Resultat sein Publikum zum Staunen bringen soll. Für die große Leinwand wäre das fantasievolle und dramatische Abenteuer viel eher geeignet gewesen als so manches, das den Zuschlag fürs Kino letztendlich erhält. Freaks Out ist nur im weitesten Sinne als Superheldenkino zu verstehen und entfernt es sich vom oft geprobten Idealismus begabter Gutmenschen. Letzten Endes will sich hier niemand irgendeinem Credo verschreiben müssen oder von anderen instrumentalisiert werden – diese Bescheidenheit, diese Lust an der Selbstbestimmung, gibt dem blutig-melancholischen Abenteuer seinen Esprit.

Freaks Out (2021)

Oppenheimer (2023)

IM LICHTE DER SPALTUNG

6,5/10


oppenheimer© 2023 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2023

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN

DREHBUCH: CHRISTOPHER NOLAN, AUF BASIS DER BIOGRAFIE VON KAI BIRD U. MARTIN J. SHERWIN

CAST: CILLIAN MURPHY, EMILY BLUNT, ROBERT DOWNEY JR., MATT DAMON, FLORENCE PUGH, JOSH HARTNETT, GUSTAF SKARSGÅRD, KENNETH BRANAGH, BENNY SAFDIE, DYLAN ARNOLD, ALDEN EHRENREICH, DANE DEHAAN, JASON CLARKE, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER U. A. 

LÄNGE: 3 STD


Er ist der Experimentalphysiker unter den Filmemachern, denn reine Theorie ist ihm zu wenig. Christopher Nolan jongliert seit Memento mit Zeit, Raum und der Chronologie von Ereignissen. Lässt den Anfang das Ende sein und umgekehrt, blickt hinter Superstrings und geht baden am Ereignishorizont, wenn das Meer seine steinernen Wellen an die Küste wirft. Geht in Tenet rückwärts und will so Geschehenes ungeschehen machen. Oder lässt in Inception mit seiner berühmt-berüchtigten Schlussszene bis heute offen, ob nicht alles, was wir da gesehen haben, nur ein Traum von vielen sein könnte. Selbst sein Kriegsdrama Dunkirk, womit er meiner Meinung nach sein Opus Magnum definiert hat, spielt gekonnt mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und führt letzten Endes diese temporäre Dreifaltigkeit kongenial zusammen. Dabei kommt Dunkirk zugute, dass dieser trotz seiner drei Erzählebenen so kompakt anmutet wie ein Kammerspiel.

Dieses Dreiecks des Storytellings nutzt Nolan auch in seinem brandneuen Kino-Blockbuster, der trotz der Anmutung einer körnigen Biografie mit der Verheißung verheerender Feuersbrünste die Scharen nur so ins Kino lockt. Wer will nicht gern den Atompilz sehen, wie er auf den Ebenen von Los Alamos in den Himmel steigt, noch dazu so ganz ohne Brille und Augenschutz, erste Reihe fußfrei? Nolan-Afficionados dürfte das egal sein, die lieben seine Filme ohnehin, weil sie wissen, dass die Ballade auf den theoretischen Physiker sicher wieder zur labyrinthartigen Spielwiese gerät, auf welcher der surreale Impressionismus eines Rene Magritte auf den reportagehaften Faktensturm eines Oliver Stone trifft, der an sein Meisterwerk JFK erinnert, ebenfalls namhaft besetzt bis in die kleinsten Nebenrollen und inhaltlich aufgedröselt bis zum Gehtnichtmehr, in Fakten, Fiktion und Vermutungen.

Dabei warten wir alle gespannt auf den einen Moment. Wir im knallvoll besetzten Auditorium und halb Hollywood im Film. Wir warten auf den einen Moment, wenn die Bombe endlich explodiert. Es ist der Höhepunkt des Schaffens eines J. Robert Oppenheimer, es ist der Höhepunkt des gleichnamigen Mammutwerks von drei Stunden Länge. Dann, wenn der Himmel erstrahlt, als wären Spielbergs Außerirdische wieder gelandet – in aller Stille und in allem Staunen – kriecht selbst beim größten Pazifisten auf dieser Erde die Gänsehaut über den Arm. Was für eine Show! Doch beeindruckend finden lässt sich das moralisch gesehen nur aus der Perspektive der Wissenschaft, die es wohl in Rekordzeit (naja, in knapp drei Jahren) geschafft hat, unsere Mutter Erde keinem Weltenbrand auszusetzen, sondern die Kernspaltung zu bündeln, sodass die Elementarteilchen wussten: bis hierhin und nicht weiter. Der fachsimpelnde Diskurs, das ist nur einer der trimagischen Elemente in Nolans Film. Hinzu kommt die Biografie eines Masterminds, der sich schwer fassen und als Schubladencharakter definieren lässt. Hinzu kommt auch die Politik hinter Glück und Niederlage eines American Prometheus, wie es schon im Titel der Buchvorlage heißt. Damit verbunden ist ein Mann namens Lewis Strauss, Schuhverkäufer und Politiker sowie Vorsitzender der Atomenergiebehörde, furchtbar wehleidig und rachsüchtig. Einer, der Oppenheimer nach dem Urknall das Leben schwer machen wird. Und dessen Ungemach Christopher Nolan die meiste Zeit seines Films schenkt.

Eine gute Entscheidung? Für jene, die immer schon wissen wollten, wie Oppenheimers Werdegang in Wechselwirkung mit der amerikanischen Politik so ablief, ein cineastischer Triumph. Für jene, denen die Fragen nach dem Warum und dem Wieso des atomaren Zeitalters längst unter den Nägeln brennen, vielleicht gar etwas dürftig. Mit einfachen Worten: Die Balance im Dreiklang gelingt Nolan längst nicht mehr so gut wie in Dunkirk. Während der verzweifelte Versuch, als Dr. Seltsam die Bombe lieben zu lernen, immer mehr in den Hintergrund tritt und sich nach zwei Stunden relativ gänzlich aufgezehrt hat, bleibt das frohlockende Kammerspiel einer Anhörung in charakteristisch für Nolan kühl komponierten Bildern. Der hagere Mann mit Hut als Heilsbringer und unfreiwillige Geißel der Menschheit zugleich geht die Via Dolorosa entlang, während das Interieur hinter ihm zu beben scheint. Als ikonischer Paulus erduldet ein intensiv aufspielender Cillian Murphy das geplagte Gewissen – ganz im Gegensatz zu einem zynischen Amerika der Uneinsichtigkeit, das Nolan mit diabolischem Pragmatismus den Welt-Alltag bestreiten lässt.

Das ist vielleicht nicht das, was man erwarten würde. Doch was soll man erwarten bei einem Film, der sich Oppenheimer nennt? Viele Perspektiven in Schwarzweiß und entsättigter Farbe, Bilder vom Teilchenkrieg als Intermezzi. Vieles mag zwar in Nolans Film beeindrucken, von manchem aber bekommt der Virtuose nicht genug. Das hat zur Folge, dass Oppenheimer überlang wirkt und zu keinem Ende kommen will. Am Ende dominieren zu viele Fragen und Antworten, obendrein ein überrumpelter Robert Downey jr., der plötzlich zum Main Act wird, während Murphy zunehmend verblasst. Mit mehr Fokus aufs Wesentliche, auf die wirklich wichtigen Fragen, hätte der sehnlichst erwartete Sommerhit aufgrund seiner Druckwelle das interessierte Publikum von den Stühlen geblasen. Der Wind of Change ist dann nur noch die Brise nach dem Sturm, Hiroshima ein anderes Thema. Und die amerikanische Truman-Politik irgendwie entbehrlich.

Dennoch ist Oppenheimer ein sehenswertes Stück Arthousekino, das sich verblüffenderweise zum Blockbuster aufgeschwungen hat – vielleicht, weil es keine Erwartungen bedient und kein Fan- Service bietet. Weil es das Grauen nicht explizit zeigt, sondern in den Köpfen entstehen lässt. Weil die Freude beim Knall der Bombe alle beschämt. Oder vielleicht auch nur, weil Nolan mit seinem Image als unbezwingbarer Freund des Corona-Kinos abermals eine so heile wie unheilvolle Anderswelt verspricht.

Oppenheimer (2023)

Blood & Gold (2023)

EIN WESTERN AUS DEM WELTKRIEG

5/10


BloodAndGold© 2023 Netflix Österreich / Reiner Bajo


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2023

REGIE: PETER THORWARTH

BUCH: STEFAN BARTH

CAST: ROBERT MAASER, MARIE HACKE, ALEXANDER SCHEER, SIMON RUPP, JÖRDIS TRIEBEL, CHRISTIAN KAHRMANN, STEPHAN GROSSMANN, JOCHEN NICKEL U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Schon die längste Zeit versteht Peter Thorwarth das Handwerk des Filmemachens, bereits 1999 entstand unter seiner Regie die mittlerweile doch schon als moderner Klassiker verehrte Actionkomödie Bang Boom Bang. Die Liaison mit Netflix hingegen ist noch relativ jung und hatte seinen Einstand mit der originellen Mischung aus Vampir-Horror, Katastrophenfilm und Actionthriller: Blood Red Sky. So wirklich in Erinnerung blieb dabei auf alle Fälle Peri Baumeisters zum blutdürstenden Dämon verändertes Äußeres, dass den Vampiren aus Brennen muss Salem oder gar dem guten alten Nosferatu sehr nahekam. Das alles ist handwerklich gut gemacht, das muss man sagen, doch eine vielbefahrene Piste, auf welcher das Flugzeug letztlich landen musste. In seinem neuen, auf den Fantasy Filmfest Nights  erstmals gezeigten Reißer Blood & Gold fließt zwar auch jede Menge Körpersaft, doch die Ursache dafür hat keinen paranormalen Ursprung mehr. Peter Torwarth dreht die Zeit zurück bis zu den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1945.

Irgendwo auf den Wiesen Deutschlands rennt ein Deserteur um sein Leben, der genug davon hat, die Gräueltaten der ohnehin schon gelieferten Meute an Nazi-Schergen weiter zu unterstützen. Überhaupt entsprach diese Geisteshaltung von Anfang an schon nicht seiner Wahrnehmung von der Welt, aber immerhin: besser spät als nie die Reißleine ziehen. Klar, dass das Obersturmbannführer von Starnfeld (Alexander Scheer, Gundermann) nicht gutheißen will und ihn aufknüpfen lässt. So baumelt er am Strick, als Bäuerin Elsa den halbtoten Soldaten befreit. Natürlich freunden sich beide an, während die für etwaige Partnerschaften altersmäßig gut geeignete junge Frau und ihr behinderter Bruder den Blondschopf wieder aufpäppeln. Gerade zur rechten Zeit, denn von Starnfelds marodierende Gang taucht wieder auf, um den Bauernhof auszuplündern. Es kommt, wie es kommen muss: Bevor es richtig unschön wird, muss Heinrich aus seinem Versteck, um Elsa beizustehen. Womit die eigentliche Story erst so richtig beginnt. Und die Sache mit dem Gold nur so nebenbei auch nochmal Erwähnung findet. Denn in der nahen Kleinstadt, da gibt’s was zu holen. Nur wo, ist die Frage. Und wer hat es?

Der (Welt)krieg und das unverwechselbare Edelmetall sind schon des Öfteren Synergien eingegangen, die zu Filmen wie Stoßtrupp Gold, Three Kings oder eben jüngst zum finnischen Exploitation-Actioner Sisu geführt haben. Für diesen Streifen hat Jalmari Helander genau gewusst, wo er den Genremix bedienen muss, um knackiges Abenteuerkino mit Blutverlust schwer unterhaltsam anzulegen. Peter Thorwarth sitzt da nicht so fest im Sattel. Womit wir beim Genre des Westerns wären. Denn Thorwarth, der lässt seine Goldsuche im Stile einer Pferdeoper vorangaloppieren, auch diesmal wieder auf gern frequentierten Pfaden. Dabei variiert er weder die gängigen Versatzstücke, die gerne verwendet werden, um Halfter-Schurken, die aussehen wie SS-Finsterlinge, darzustellen – noch lässt sich ein ehrgeiziges Bemühen erkennen, seinen für Rache und Gerechtigkeit kämpfenden Protagonisten mehr Charisma zu verleihen als nur irgend nötig. Robert Maaser als Deserteur Heinrich, dem jegliches noch so kleine Quäntchen an Humor oder gar Selbstironie fehlt, wirkt dadurch nicht gerade durch welche Ideale auch immer inspiriert. Auch Maria Hacke als Elsa setzt ihre Rolle viel zu farb- und freudlos an. Von Jördis Triebel ganz zu schweigen. Scheer wiederum ist das wandelnde Klischee eines grotesken Nazi-Monsters. Am besten ist immer noch Simon Rupp: der Bruder, der sich um die Milchkuh schert und dann zu den Waffen greift, ist der geheime Star des Films. Nichts anderes spiegelt dort so sehr die Wut an den beschämenden Verbrechen wider, die das Hitler-Regime damals ausgeübt hat.

Wenn man davon absieht, dass die mit den Ohrwürmern Zarah Leanders und Co unterlegten, recht solide inszenierten Actionszenen tatsächlich Spaß machen, bleibt von Blood & Gold nicht sehr viel übrig, was wirklich einen gewissen Erinnerungswert haben könnte. Manieristisch, formelhaft und bar jeglicher Satire geht die dunkle Ära der Nazis wiedermal zu Ende.

Blood & Gold (2023)

Sisu (2022)

FAIRNESS AUF FINNISCH

6/10


sisu© 2023 Praesens Film


LAND / JAHR: FINNLAND 2022

REGIE / BUCH: JALMARI HELANDER

CAST: JORMA TOMMILA, AKSEL HENNIE, JACK DOOLAN, MIMOSA WILLAMO, ONNI TOMMILA U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Wenn ein Außenseiter, der mit unorthodoxen und zweifelhaften Methoden dennoch eine gewisse Moral vertritt, wirklich schlimmen Jungs den Garaus macht, sei es nun aus Rache oder um die Schutzlosen zu beschützen – wenn so ein Fremder ohne Namen und mit wenigen Worten auf den Lippen in diesem Streben gar nicht anders kann als nicht zu sterben, dann ist das ein gern interpretierter Mythos in der Welt des Kinos. Und längst nichts Neues mehr. Ob Clint Eastwood, Chuck Norris oder Arnold Schwarzenegger – sie alle sind überzeichnete und fern realer Umstände Kämpfe austragende Kultfiguren, die unsere Sehnsucht nach einer gerechteren Welt zumindest in diesen paar Stunden, in denen sie über den Screen flirren, stillen können. Quentin Tarantino geht sogar so weit und verändert die Geschichte, um zu bekommen, was einer Welt mit moralischem Ordnungs-Soll eigentlich zusteht. 

Dieser wortkarge Finne im Actionstreifen Sisu ist auch so einer. Sisu – das ist finnisch steht für eine schwer bis gar nicht übersetzbare Umschreibung eines hartnäckigen Überlebenswillens. Und ja, ich muss zugeben – hartnäckiger ums Überleben kämpft eigentlich nur noch John Wick, der als Stehaufmännchen im letzten Teil seines Franchise was weiß ich wie oft die Stufen zum SacréCœur hat hochlaufen müssen.

Im Jahr 1944, während die Nationalsozialistische Armee bei ihrem Abzug aus Finnland nur verbrannte Erde hinterlässt, hat sich der Eigenbrötler Aatami Korpi, ehemals Kampfmaschine in den Diensten der finnischen Armee und rund 300 Russen am Gewissen, vom Krieg abgewandt und sucht in den weiten Ebenen Lapplands nach Gold. Seine Suche wird alsbald belohnt, und Fortuna schüttet in Form schwerer Edelmetallklumpen ihr Füllhorn aus. Auf dem Weg zurück in die Zivilisation queren marodierende Nazis seinen Weg – und zumindest einige von denen müssen sehr bald schon auf deftige Weise ins Gras beißen. Vom Gold wird dann auch noch Obersturmführer Helldorf (fast so garstig wie seinerzeit Lee van Cleef: Aksel Hennie) angelockt. Und es beginnt eine Hasenjagd per Panzer quer durchs Gelände, während Korpi sein Survival-Know How auspacken muss, um den Verbrechern immer eine Nasenlänge voraus zu sein.

Bald aber stehen die Chancen für den Anti-Helden ziemlich schlecht. Und nach allen Parametern der Logik wäre Sisu ein Kurzfilm mit einer Länge von fünf, na sagen wir zehn Minuten. Doch nein – Nazis wie diese müssen – zumindest aus hier kolportierten sadistischen Gründen – dem groben Gutmenschen gegenüber Kulanz walten lassen. So verlangt es das Skript, so verlangt es nicht nur das Subgenre des längst aus der Zeit gefallenen Bahnhofs- oder Grindhouse-Kinos. Robert Rodriguez und Mastermind Tarantino – den beiden gelang es glatt,  das Vokabular der Exploitation-Filme mit Werken wie Death Proof, Planet Terror oder Machete neu erklingen zu lassen. Einflüsse des Italowesterns sind da kaum zu übersehen.

Sisu huldigt beiden Stilen. Und macht anhand üppiger Lettern, die, formschön eingeblendet, den Film in mehrere Kapitel unterteilen, überdeutlich, womit wir es zu tun haben. Mit einer stilsicheren Reminiszenz, dessen Macher Jalmari Helander (unbedingt ansehen: Rare Exports – der etwas andere Weihnachtsfilm) sein Handwerk versteht. Und der auch weiß, worauf es ankommt, um seinen archaischen Blut- und Beuschelreißer in einem überzeichneten und vielen, wenn nicht allen Gesetzen der Logik widerstrebendem Universum zu verankern. Ein satter, rauer Score und überhöhtes Sounddesign vor allem dann, wenn im wahrsten Sinne des Wortes die Fetzen fliegen, machen aus Sisu ein fast schon physisch greifbares Event. Im Grunde aber ist, so hingefetzt das Ganze inszeniert ist, nichts davon wirklich innovativ. Ein Mann-Armeen gibt‘s mittlerweile viele. Nazis fahren auch nicht zum ersten Mal zur Hölle, während ihnen ihre abgetrennten Extremitäten um die Ohren fliegen. Im Grunde mag Sisu recht dünn ausfallen. Was man aber zu schätzen weiß, ist der lakonische Zynismus, dieser schweigsame Zorn, die raue Gegend. Und die Liebe zur beinharten Trivialität, die die Grundemotionen von Rache und Genugtuung bedient.

Sisu (2022)