Molly´s Game

MÄCHTIGEN MÄNNERN DIE KARTEN LEGEN

6,5/10

 

MOLLY'S GAME© 2018 SquareOne

 

LAND: USA 2018

REGIE: AARON SORKIN

DREHBUCH: AARON SORKIN NACH MOLLY BLOOM

MIT JESSICA CHASTAIN, IDRIS ELBA, MICHAEL CERA, KEVIN COSTNER, JEREMY STRONG U. A.

 

Erst kürzlich hat sich mir das biografische Panoptikum Tonya Hardings im Kino offenbart. für die, die es nicht wissen: die amerikanische Eiskunstläuferin, die als einzige den sogenannten dreifachen Axel gesprungen ist, hat wegen eines Attentats an einer Konkurrentin ihre Berufung an den Nagel hängen müssen. Was ist dann passiert? Unter anderem eine durchwachsene Zukunft im Frauenboxen. Irgendwie kurios und auch faszinierend, zu erfahren, was aus Sportberufenen, die von Kindesbeinen an spezialisiert werden, noch alles werden können, wenn sie mal aus der fremdinszenierten Seifenblase ihrer perfektionierten Sportart treten und ihre Bestimmung neu suchen müssen. Da frage ich mich doch gleich – was wurde eigentlich aus Petra Kronberger? Michaela Dorfmeister? Vreni Schneider? Was macht denn Gerhard Berger so? Von Niki Lauda wissen wir’s – der verkauft gerade Flugzeuge an RyanAir. Und was hat Molly Bloom gemacht, nachdem sie als Profi-Skiläuferin mit verschraubtem Rückgrat auf der Buckelpiste ihren Ausstieg aus dem Wettlauf-Business hat besiegeln müssen? Der Sturz dürfte ja mindestens so heftig gewesen sein wie der Flug des Hermann Maier seinerzeit in Nagano. Und das wegen eines Reisigs auf der Fahrbahn, der die Bindung zum Ski geöffnet hat. Molly Bloom blieb liegen. Und mit ihr die Sportkarriere. Nur Hermann Maier hat sich wieder aufgerappelt und konnte weiter machen. Jetzt wirbt er für Raiffeisen. Werbung bringt doch das meiste Geld für die Zeit danach. Oder eben das liebe Glücksspiel.

Was aber eine verhinderte Freestyle-Skifahrerin mit kostenintensiven Kartenspielen zu tun hat, lässt sich allerdings nicht so einfach erklären. Dafür hat Drehbuchautor Aaron Sorkin, der ja bekanntlich als intellektuelles Mastermind unter den Schreiberlingen für Film und Fernsehen gilt, seinen ersten Spielfilm inszeniert. Und sich viel, viel Zeit gelassen, der Buchvorlage gerecht zu werden. Das ist ihm durchaus gelungen. Vor allem die Wandlung vom Ski-Ass zum One-Woman-Kreditinstitut. Molly Bloom kommt anfangs zum Glücksspiel wie die Jungfrau zum Kind. Unerfahren, blauäugig, fasziniert von den reichen, berühmten Männern, die im Etablissement ihres schnöseligen Arbeitgebers ein und ausgehen. Und dann dieses Trinkgeld, das längst kein Trinkgeld mehr ist. Sondern fette Beute, aus der Frau eigentlich mehr machen könnte. Also macht sie das – ihr eigenes Ding. Stampft ihr eigenes Hotelzimmer-Casino aus dem Boden und schart die Creme de la Creme des Establishments um sich. Ist ja eigentlich alles nicht illegal – solange Molly ihre manikürten Hände vom Honigtopf lässt. Doch die Kombination Spielhölle, Geldverleih und Hostessenservice kann nicht lange halten. Da kracht es irgendwann. Und das nicht, weil Molly Bloom zu gierig wird. Vielmehr deswegen, weil die Reichen und Schönen vor Molly Bloom angebuckelt kommen, um zu schnorren. Dieser Reiz der zurückhaltenden Dominanz, ihre Rolle als Frau im Hintergrund, kommt nicht von ungefähr. Ähnlich wie Tonya hatte Molly Bloom einen Vormund, der zwar nicht so sehr mit Niedertracht den Ehrgeiz seiner Tochter mobilisiert hat wie seinerzeit Mutter Harding. Der aber dennoch an einem streng organisierten Drill keine Zweifel zulässt. Der übergroße Vater, ihm zu Füßen und gebeugt der trainierte Nachwuchs. Schwierig, wenn dieser die Welt mit eigenen autarken Gedanken fassen kann. Reibung ist garantiert. Und dann tritt ähnliches zutage wie das Poker-Konstrukt, in dem es um Millionen geht. Und später sogar um die Russenmafia und das FBI.

Aaron Sorkin lässt Worte statt Taten sprechen – über zwei Stunden lang. Seine verbalen Gefechte zwischen Idris Elba und Jessica Chastain sind dicht getextet und auf hohem Niveau. Sein dramaturgischer Aufbau der Geschichte runterkomprimiert auf Überlänge. Chastain hat in Molly Bloom ihre Meisterin gefunden. Die stets unterkühlt wirkende, rothaarige Schauspielerin war bislang meist in Rollen zu sehen, die jenseits emotionaler Wärme mit berechnender Intelligenz das Filmset dominiert haben. Dass Jessica Chastain messerscharfen Verstand besitzt, dafür spricht ihr Charisma. In dieser schnittigen Biografie darf sie Schwächen zeigen, Zweifel und Depression, aber niemals Resignation. Dafür ist Chastain und der Charakter, den sie verkörpert, viel zu stark. Der von mir sehr geschätzte Altstar Kevin Costner, der im Film Molly´s Vater mimt, bringt es in einem psychoanalytischen Fazit gegen Ende des Filmes auf den Punkt. Dass es in Sorkin´s eloquenter True Story um den Versuch einer emanzipatorischen Gängelung gegenüber eines diktierenden Patriarchats geht, ist nachvollziehbar. Somit ist Molly´s Game weniger ein Gambler-Thriller als das analytische Psychogramm einer Überbegabten, die die Formel für eine zweite Chance sucht – und sich knapp, aber doch, verrechnet. Das ist natürlich interessant inszeniert, hat aber aufgrund seiner inhaltlichen Dichte und dem Breittreten einiger irrelevanter Details mitunter eine ermüdende Schwere, die ich nicht vermutet hätte. Der Faden ist leicht zu verlieren, Jessica Chastain´s omnipräsentes Profil und das Ringen um Haltung, Coolness und Selbstwert in ihren Augen machen Aufmerksamkeitslücken in dem minutiösen Biopic aber wieder wett.

Molly´s Game

Egon Schiele – Tod und Mädchen

ZEICHNEN BIS DER ARZT KOMMT

6,5/10

 

schiele© 2016 Novotny Film

 

LAND: ÖSTERREICH, LUXEMBURG 2016

REGIE: DIETER BERNER

MIT NOAH SAAVEDRA, MARESI RIEGNER, VALERIE PACHNER, LARISSA AIMÉE BREITBACH U. A.

 

Für alle Kunstinteressierten, die mal nach Wien kommen wollen oder in Wien leben und schon ewig nicht oder sich noch gar nie in das Leopold-Museum im Wiener Museumsquartier gewagt haben, sei eben jene Sammlung des Dr. Rudolf Leopold wiedermal oder erstmals ans Herz zu legen. Neben wunderbaren Exponaten quer durch die Kunstgeschichte des 19ten und 20ten Jahrhunderts gibt es eine beeindruckende Anzahl an Werken des Künstlers Egon Schiele. Und was für Werke! Die einen finden sie obszön, die anderen – so wie ich – handwerklich wie kompositorisch ungemein innovative Kunstobjekte. Man muss Egon Schieles Oeuvre nicht mögen, natürlich ist sein Stil Geschmacksache. Aber zugegebenermaßen hat Schiele einen solchen Stil entwickelt, der weltweit einzigartig geblieben ist. Niemand sonst hat jemals so gemalt. Seine Extravaganz ist dem jungen Maler natürlich bewusst gewesen. Er war Künstler, geradezu ein Genie. Und als solches hat er sich selbst auch gesehen. Das macht ihn nun nicht zu einem sonderlich sympathischen Zeitgenossen. Das findet Regisseur Dieter Berner auch. Wie es aussieht, dürfte Berner, der mit Alpensaga und Arbeitersaga Fernsehgeschichte geschrieben hat,  eine nicht allzu hohe Meinung vom versnobten Windhund mit dem Talent eines Wunderkindes haben. Aber das stört ihn nicht dabei, ein biografisches Künstlerdrama über ihn auf die Leinwand zu bringen. Auch eine Abneigung zu gewissen Personen kann faszinieren. So gesehen war Egon Schiele so etwas wie ein Anti-Ego, eine dunklere Seite hochgeistigen Bildererschaffens. Und Berner macht es dem Zuseher nicht allzu schwer, sich den Menschen Schiele wirklich als solchen vorzustellen. 

Ein Lebemann, ein Frauenheld, ein Macho auf seine Art. Weibliche Modelle, am liebsten nackt, oder am liebsten maximal nur mit Strumpfband. Selten wurde Erotik im Atelier so großgeschrieben wie bei Schiele. Ein Blick in die Werkstube des Meisters könnte den einen oder anderen Voyeur auf den Plan gerufen haben. Sinnliche Einblicke, die keinen Groschen kosten. Die Altersklasse der freizügigen Modelle: so jung wie möglich. Was für den Mädchenschwarm und Pinsel-Apoll irgendwann zum Verhängnis wurde. Denn leicht kann es sein, dass die Gier nach dem weiblichen Körper mitunter einen latenten Hang zur Pädophilie erkennen lässt. Der Sittenskandal war vorprogrammiert. Mittendrin der arrogante Egon, der sich Freund des nicht weniger entidealisierten Gustav Klimt nennen durfte. 

Der Titel Egon Schiele – Tod und Mädchen bezieht sich auf ein ganz bestimmtes Gemälde. das ursprünglich eigentlich Alter Mann und Mädchen hieß, dann aber als Hommage an seine während des ersten Weltkriegs verstorbenen Geliebten Wally Neuzil vom Trauernden selbst in Tod und Mädchen umbenannt wurde. Den Expressionismus der Bilder lässt Berner´s Film so ziemlich außen vor und distanziert sich auch, anders als Klimt von Raul Ruiz oder Loving Vincent, von einer Implementation des ureigenen Schiele-Striches in die visuelle Komponente seines Filmes. Was aber in diesem Fall für das Biopic spricht. Denn wichtig ist in Hilde Berger´s literarischer Vorlage vor allem die entromantisierte und schmucklose Sicht auf das Leben, Schaffen und Sterben eines für die Kunstgeschichte großen Österreichers, der als Mensch in menschlicher Grauzone verweilt, ohne den Wert seines Schaffens zu schmälern. All die verehrten Genies wie Klimt und Schiele können das Gewicht ihrer Entklärung problemlos ertragen. Sie werden zu Menschen, die ihren Versuchungen anheimfallen. Auf diesem staub- und farbverkrusteten Boden des Vergangenen lässt Berner auch seine Schauspieler agieren. Der junge Noah Saavedra bemüht sich zwar etwas in seiner Rolle, das Ego Schieles um sich greifen zu lassen, dafür aber ist ihm das weibliche Ensemble eine gute Stütze. Die jungen Damen sind es auch, die das Leben Schieles beeinflussen. Ihnen gehört der Film, weniger dem Künstler selbst. Bis gegen Ende des Krieges die spanische Grippe kommt. Die rafft sie fast alle dahin. Nur die Bilder in der Sammlung Leopold, die bleiben. Wenn schon nicht den Film, dann sollte man zumindest diese sehen.

Egon Schiele – Tod und Mädchen

Der junge Karl Marx

EIN GESPENST GEHT UM …

6/10

 

Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH© 2016 Filmladen / Foto: Kris Dewitte

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BELGIEN 2016

REGIE: RAOUL PECK

MIT AUGUST DIEHL, STEFAN KONARSKE, VICKY KRIEPS U. A.

 

in Europa. Das Gespenst des Kommunismus!  – Das sind die ersten Worte des kommunistischen Manifests, erwogen, überlegt und ausgearbeitet von Karl Marx und Friedrich Engels. Mitte des 19 Jahrhunderts ertönte der Gongschlag zur Geburtsstunde einer politischen Vision, welche die Geschichte ganzer Länder dominiert, diese verändert und bewährte wie längst obsolete Strukturen schließlich zerstört hat. Über das Konzept des Kommunismus möchte ich hier allerdings nicht allzu viele Worte verlieren – das können andere besser, vor allem jene, die sich zeitintensiv mit Politikwissenschaften auseinandergesetzt haben. Literatur hierzu gibt es auch jenseits der Werke von Marx und Engels mehr als genug. Der haitianische Regisseur Raoul Peck will in seinem episodenhaften Polit-Melodram gar nicht erst den Kommunismus selbst erklären oder die Regeln der politischen Bewegung auseinanderdividieren. Sein Film ist ein ruhender, gänzlich unparteiischer Blick zurück auf die Anfänge einer Revolution der sozialen Gerechtigkeit und konzentriert sich eigentlich sogar mehr noch auf den gesellschaftlichen Nährboden eines alten, rezessiven, unbeweglichen Europa des Industriezeitalters. Industrie – das war und ist Profit. Das war und ist die Macht und die Habgier weniger über die Masse. Das war und ist – global gesehen – hauptsächlich noch moderne Sklaverei, um dessen Verbot man mit Groschenlöhnen herumkommt. Die Abhängigkeit der arbeitenden Klasse von denen, die das Geld haben. Und wer Geld hat, schafft an. Da der Mensch in seiner Natur zum Machtmensch neigt, diese Macht ungern teilt und den Schwächeren gemäß der Darwin’schen Regel Survival of the Fittest allerdings gerne ausbeutet und unterdrückt, solange es für sein existenzielles Seelenheil zuträglich ist, kann dieser gesellschaftliche Erdrutsch nicht ohne Getöse alles Umfeld ins Verderben stürzen. Das Getöse, das sind die, die überleben wollen. Und zwar nicht einzeln, sondern zu mehrt. Fast das ganze Volk. Denn wenn keiner mehr arbeitet, werden auch die Reichen arm. Menschenrechte im neunzehnten Jahrhundert, vor allem Arbeitsrechte, waren praktisch nicht vorhanden. Der Arbeit entsprechende Bezahlung unter Berücksichtigung des Härtegrades der Währung kein Thema. Um es allerdings zum Thema zu machen – dazu bedarf es einiger weniger Intellektueller und Philosophen, die den Missstand erkannt haben – wie zum Beispiel eben der Deutsche Karl Marx.  

Wir kennen sein Konterfei – der wild wuchernde Bart, die zerzauste weiße Frisur. Der Weihnachtsmann für Gewerkschafter und Arbeiterbünde. Der Gott des Kommunismus – oder eher das Gespenst dessen. Jedes Mal, wenn ich im 19. Wiener Gemeindebezirk am Karl Marx-Hof vorbeigehe, einer trutzigen Wohnburg erstaunlichen Ausmaßes, ein Palast des Sozialbaus schlechthin, fällt mir das provokant und funkelnd blickende Gesicht von Karl Marx ein. Dass der auch einmal jung war, das zeigt uns August Diehl. Auch mit wirrem Haar, auch mit Bart, aber weniger opernhaft. Diehl, ohnehin ein eher exzentrischer Schauspieler, der seinen Figuren stets etwas Manisches verleiht, lässt seine Interpretation des großen Denkers sehr abgehoben wirken. Ungreifbar, andauernd in Bewegung, ruhelos und obsessiv. Fast schon aufmüpfig. Womöglich dürfte Karl Marx so gewesen sein, genau weiß man das nicht. Um sich selbst so dermaßen in den Geschichtsbüchern zu verankern – dafür muss man schon für eine Sache mehr schlecht als recht sterben können. Aus Deutschland vertrieben, war fortan Paris und dann später Belgien das Zentrum seiner revolutionären Gedanken. Friedrich Engels, deutscher Industriellensohn, nicht weniger auflehnend und radikal, wurde fortan zu seinem Partner. Der Deutsche Stefan Konarske legt Engels ähnlich aufreibend an wie Diehl seinen Marx. Zwei Figuren, die durch die Jahrzehnte der neueren Geschichte irren, flirren und anecken, Er- und Bekenntnisse verfassen und das Volk für sich gewinnen. Die Reichen werden nicht erfreut sein, wie es auch heute noch in den Medien so schön heißt. 

Der junge Karl Marx ist ein Film wie aus dem Lehrbuch. Geschichtlich wie faktisch interessant, in notwendiger Authentizität ausgestattet und chronologisch erzählt. Angereichert mit einer Menge Namen und Persönlichkeiten, die man der Vollständigkeit halber kennen müsste, relativ schnell aber wieder vergisst, hat man nicht vor, sich länger damit zu beschäftigen. Die Anforderungen für einen pädagogisch wertvollen Unterrichtsfilm wären mit Sicherheit alle erfüllt. Und es ist Geschichte, die so als Spielfilm bereits so aufbereitet wurde, dass sie nebst Aufklärung sogar auch unterhält. Keine altbackene Doku aus inventurbefreiten Schularchiven. Da kann sich der Oberstufen-Nachwuchs glücklich schätzen. Und nicht nur der – nach Raoul Peck´s Film habe ich jetzt beim Vorbeischlendern am Karl Marx-Hof nicht nur mehr den wild wuchernden Weißbärtigen im Sinn, sondern auch den Lockenkopf von August Diehl – und seinen langen Weg zur Grundsteinlegung der kommunistischen Partei. Wieder etwas spielend dazugelernt – und das Kino erfüllt seinen Bildungsauftrag. Den es fraglos hat und auch haben soll.

Der junge Karl Marx

Sie nannten ihn Spencer

BE BUD OF IT!

9/10

 

spencer© 2017 http://www.budspencermovie.com / Thimfilm

 

LAND: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2017

REGIE: KARL-MARTIN POLD

MIT BUD SPENCER, TERENCE HILL, RICCARDO PIZZUTI, SAL BORGESE, MARIO PILAR U. A.

 

Das Jahr 2016 war ein bemerkenswertes Jahr der Trauer in der Welt der Kunst und des Entertainments. Neben Größen wie David Bowie und George Michael haben auch Ikonen wie Bud Spencer das Zeitliche gesegnet. Genauer gesagt am 27. Juni. Obwohl ich Bud Spencer natürlich nicht gekannt habe, hat mich sein Ableben doch ziemlich betrübt. Bis zuletzt hatte ich die Hoffnung, dass Sylvester Stallone auf die Idee kommen würde, dem Mann mit dem Dampfhammer einen Cameo-Auftritt in The Expendables 4 zu bescheren. Wenn die Helden der Kindheit nacheinander an die Himmelstür klopfen, weiß man, dass man wirklich älter geworden ist, so sehr man auch versucht, das innere Kind zu bewahren. Letztes Jahr hat sich sogar noch Jerry Lewis verabschieden müssen. Da bleibt nur zu hoffen, dass zumindest Bud Spencer weder Die rechte noch die linke Hand des Teufels geworden ist. Wobei ich mir das beim besten Willen nicht vorstellen kann. Denn Bud Spencer, der war zweifellos einer von den ganz guten. Das zum Scherenschnitt stilisierte Konterfei des brummigen Bartträgers ziert tatsächlich auch diverse Brustflächen meiner T-Shirt-Sammlung – und outet mich gelegentlich auch auf offener Straße als großen Fan des mit bürgerlichem Namen genannten Carlo Pedersoli. Seine einfach gestrickten Abenteuer, vor allem jene, die er gemeinsam mit seinem Busenfreund Terence Hill bestritten hat, haben das ohnehin schwierige Erwachsenwerden angenehm einfach erscheinen lassen. Alles in seinen Filmen war auf beruhigende Art Schwarz und Weiß, der große Dicke, den man auch Mücke, Hector, Aladin oder einfach nur Plattfuß nannte, hat mit knochenbrechender Akrobatik für Gerechtigkeit, Klarheit und Ordnung nicht nur in den fiktiven Welten der Fernsehlandschaft, sondern auch bis zu einem gewissen Grad in der eigenen Welt gesorgt. Wenn doch alles nur so simpel wäre! Spencer und Hill haben dafür gesorgt. Mit Ohrenschelle und schwungvollem Kick schräg unters Kinn. Die Prügelkomödie war geboren – ein Subgenre, dass es nicht mehr gibt, und das auch nur mit den beiden Italienern so richtig gut funktioniert hat. Die befreienden Rundumschläge waren auf ihre rotzfreche und herrlich blödelnde Art unglaublich wohltuend, optimistisch und enorm lustig, was letzten Endes auch der kongenialen deutschen Synchro zu verdanken ist. 

In der durch Crowdfunding glücklicherweise erfolgreich finanzierten Dokumentation Sie nannten ihn Spencer von Karl-Martin Pold werden zwei Bud Spencer-Nerds, die nicht von ungefähr eine gewisse Ähnlichkeit mit den zwei Himmelhunden aufweisen, quer durch Europa geschickt, um den einzig wahren- the one and only – Bud Spencer zu finden, um ihm mal so von Herzen Danke zu sagen. Dabei treffen der Blinde und der Blonde im rasenden Van auf Schauspielkollegen und Mitstreiter, lassen Buds Buddy Terence Hill ausgiebig zu Wort kommen und müssen auch die eine oder andere Niederlage einstecken. Dieses Dankeschön – das muss auch ich jetzt mal an dieser Stelle loswerden. Denn die Liebeserklärung an das mürrische Raubein mit weichem Kern ist bislang wohl das Beste, was Fans scheinbar aus dem Nichts heraus auf die Beine gestellt haben. Sie nannten ihn Spencer ist ein Film voller Schrullen, skurriler Leidenschaft und Emotionen, gleichermaßen für Fans wie für Nostalgiker. Mit ganz viel Liebe zum Detail und so begeisterungsfähig, dass es ansteckend ist. Dieses großartige Engagement für eine Sache erinnert mich an den 2016 fertiggestellten, österreichischen Star Wars-Fanfilm Regrets of the Past. Hier durfte ich bei der Premiere des Films dabei sein und konnte so zumindest ein bisschen nachspüren, was Fandom eigentlich wirklich ist. Und genau das spürt man hier genauso. Fandom muss nichts Manisches sein. Nichts, was man skeptisch beäugen muss. Fandom kann eine Lebenseinstellung sein, die lausbübische Freude am Leben hervorbringen kann und den pflichtbewussten Alltag stets versüßt. Der ungeheure Zeitaufwand hinter dieser Bud Spencer-Doku, welcher aus Spaß an der Freude und ungeachtet durchwachter Nächte investiert wurde, hat sich bezahlt gemacht. Sowohl Darsteller als auch die Technik im Hintergrund hat Sie nannten ihn Spencer in eine Form gebracht, die keine Sekunde langweilt, ganz viele unvergessliche Szenen aus fast allen Filmen des Neapolitaners bereithält und diese so geschickt in die eigentliche Handlung hineingeflochten hat, dass man das Gefühl hat, alle Filme von damals auf einmal nochmal sehen zu dürfen. Nebenbei läuft fast unbemerkt die Essenz einer Biografie des Carlo Pedersoli, von seinen Anfängen als Schwimmer bis zum berührenden Höhepunkt der Odyssee, den man, nachdem man geradezu mitfiebern durfte, ob das Projekt überhaupt gelingt, mit einem leichten Kloß im Hals fast selbst erlebt. 

Selten ist eine Entertainment-Doku so grandios geschnitten. Und selten lässt ein Fanfilm nicht das kleinste essentielle Detail außen vor. Hier findet der Nerd alles, was er sucht. Hier bleibt nichts dem Zufall überlassen, ohne geplant zu wirken. Hier ist so viel Natürlichkeit und Herzblut vorhanden, dass man während des Films sein bekennendes T-Shirt aus dem Schrank holen möchte. Mit den begleitenden, uns wohlbekannten Refrains der Oliver Onions, die man motiviert mitpfeift, wird klar, dass die Jugendjahre ohne Vier Fäuste für ein Halleluja oder Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle tatsächlich ärmer gewesen wären. Mit Sie nannten ihn Spencer kann sich einer wie Bud nur glücklich schätzen, solche Fans sein Eigen zu nennen.

Sie nannten ihn Spencer

Schloss aus Glas

DIE REGELN DER ERZIEHUNG

6/10

 

SCHLOSS AUS GLAS© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

MIT WOODY HARRELSON, BRIE LARSON, NAOMI WATTS U. A.

 

Elternführerschein für alle! Nach der längst überfälligen Ehe für selbige in Österreich wäre dies der nächste Schritt zu einer besseren Welt, oder sagen wir: einer besser erzogenen. Die Eckpfeiler einer guten Erziehung finden sich maximal in guten Ratgebern. Aber wie viele der Eltern lesen schon Ratgeber. Einfach nur mit der Tatsache, erwachsen zu sein und seine eigene Kindheit mehr oder weniger durchgestanden zu haben, lässt sich noch kein Nachwuchs zielsicher durchs unruhige Gewässer der menschlichen Entwicklung steuern. Da gehört Feingefühl dazu, Vernunft, Selbstlosigkeit. Ja, vor allem Selbstlosigkeit. Und ein gesundes, in sich ruhendes Ego, mit zeitlosen Werten geprägt. Oft aber haben familiäre Leitfiguren ein zerrüttetes, beschädigtes, zerstörtes Ich, das bereits mit dem nicht zu vergessenden Trauma einer schallenden Ohrfeige beginnen kann. Oder mit der unkontrollierten Machtausübung des Stärkeren, womöglich auch selbst aus einer gewissen Fehlprägung heraus. Denn Kinder galten Anfang des vorigen Jahrhunderts noch nicht mal als vollwertige Menschen. Das muss man sich mal vorstellen. Da wundert einem eine teils neurotische wie psychotische Welt nicht mehr. 

Die Regeln der Erziehung – gibt es welche? Und können Eltern sie sinnvoll anwenden, wenn sie ihre eigene Erziehung erst noch verarbeiten müssen? Wie dem Nachwuchs eine Existenz schaffen, wenn Papa oder Mama selbst damit hadern? Nun, so viel Trost sei gespendet: der Mensch ist ein Wunderwerk der Evolution, allerdings ein Wunderwerk in progress. Dank der selektiven Radiation ist der Mensch immer noch stets im Wandel begriffen. Kann sich enorm gut anpassen und kann existenztechnisch improvisieren, dank seines Verstandes. Entbehrt das Umfeld des Heranwachsens jeglicher Geborgen- und Sicherheit, absorbiert der juvenile Verstand den Mangel und kurbelt den eigenen Denkapparat an. Der erste Schritt zur frühen Selbstständigkeit. Ein Kind, das, kaum geboren, verhätschelt und übermäßig beschützt wird, braucht selbst seinen eigenen Ist-Zustand nicht zu hinterfragen. Da alles in den Schoß gelegt wird, bleibt die Herausbildung des eigenen starken Ichs vielleicht auf der Strecke. Überspitzt formuliert, und ja, Grauzonen und Mittelwerte außer Acht gelassen. Die italienische Ärztin und Philantrophin Maria Montessori hat ihre Methodik der Pädagogik mit den Worten versehen: Hilf mir, es selbst zu tun. Aber auch dieser befreiende Leitsatz hängt sehr vom genetischen Erbe ab. Und von der Gesundheit eines jungen Menschen. Alles keine leichte Interpretation, alles nur mal angerissen. Aber es sind Gedanken, die sich mir aufdrängen, nachdem ich die Verfilmung der Biografie von Schriftstellerin Jeanette Walls gesehen habe. 

Darin spielt der unvergleichliche Woody Harrelson den asozialen Alltags-Abenteurer Rex Walls, der mit Künstlergattin und seinen vier Kindern dem seines Erachtens nach alles ruinierenden Systems der Gesellschaft zu entkommen versucht und mit vollbeladener Rostlaube von hier nach dort zieht. Dass der idealistisch denkende Über-Vater seinen Nachwuchs nicht in die Schule schickt, allerdings aber nicht mal selbst unterrichtet und das eigene Wissen in losen Anekdoten von sich gibt, ist für diesen Weg der Erziehung nur eine logische Folge. Obwohl – Erziehung ist es keine. Die drei Töchter und der eine Sohne bleiben sich selbst überlassen, müssen oftmals hungern, haben keine Freunde, der soziale Kontakt ist auf die Familie beschränkt. Der Vater selber lebt im Wunderland – sein Lebensstil ist Freiheit, sich niemanden unterwerfen zu müssen. Das Ziel: ein Schloss aus Glas. Für dieses zu bewohnende Kunstwerk werden Pläne gewälzt bis zum Gehtnichtmehr. Und die Begeisterung der Kinder an der Wurzel gepackt. Dumm nur, dass die Ideen des Vaters nur im Kopf passieren. Jeanette Walls und ihre Geschwister schauen durch die dürren Finger – die Tatsache, dass alles nur leere Versprechungen sind, zwingt die dem Ego-Trip der Eltern Unterworfenen zum Handeln. 

Der hawaiianische Regisseur Destin Daniel Cretton lässt Oscarpreisträgerin Brie Larson an ein entbehrliches Damals erinnern und zeichnet ein durchaus vielschichtiges, psychologisch komplexes Familiendrama, indem schwer zu fassende Themen wie Erziehung, Verantwortung und Selbstachtung im Mittelpunkt stehen. Dass sich der Lebensstil von Familie Walls so derart radikal manifestiert hat, erklärt sich nicht ohne schmerzliche Ursache. Auch das versucht der Film mithilfe seines souveränen Ensembles zu verstehen. Ein schwerer Brocken von Film, noch dazu in zwei Zeitebenen. Und um Einiges zu lang. Klar, um das alles unterzubringen, muss es auch ein Drama werden, das Sitzfleisch fordert. Das ähnlich gelagerte Aussteigerdrama Captain Fantastic von Matt Ross, mit Viggo Mortensen als Systemverweigerer mit Anhang, findet klarere Strukturen in der Geschichte. Konzentriert sich zeitgerecht auf einen Erzählfokus, bindet seine Fragen und Antworten besser an den roten Faden. Schloss aus Glas kann den Anspruch gar nicht ganz erfüllen, ohne sich mit einer konservativen Art des Erzählens auszuhelfen. Das wird dann irgendwann zu seifig, und aus dem spannenden Bild einer gestörten Familie wird ein Vater-Tochter-Melodrama, das letzten Endes allzu versöhnlich lächelt.

Schloss aus Glas

Barry Seal

MOST WANTED MAN

7/10

 

barryseal© 2017 Universal Pictures / Quelle: filmstarts.de

 

LAND: USA 2017

REGIE: DOUG LIMAN

MIT TOM CRUISE, DOMNHALL GLEESON, SARAH WRIGHT U. A.

 

Es gibt Dinge, die tatsächlich nur in den Vereinigten Staaten von Amerika passieren. Zum Beispiel so etwas wie Donald Trump. Oder eine Klage wegen zu heißen Kaffees. Der Absturz eines vermeintlichen Ufos. Oder die Macht der Geheimdienste, die bereits schon weit über die Grenzen von Transatlantica hinausgeht. Hollywood unter der Regie von Actionspezialist Doug Liman hat aus dem schier grenzenlos scheinenden Panoptikum amerikanischer Merkwürdigkeiten die Biografie eines Mannes herausgepickt, der vom routinierten Piloten einer Passagierfluglinie zum Most Wanted Man so gut wie alle und jeden gleichermaßen beeindruckt wie enttäuscht hat. Dieser Barry Seal war in den späten Siebzigern und den Achtzigern, zur Amtszeit von Ronald Reagan, im wahrsten Sinne des Wortes ein Überflieger. Nicht nur, dass die CIA ihn abgeworben hat, um im Stellvertreterkrieg der Achsenmächte Mittelamerika auszuspionieren. Auch das langsam erstarkende Drogenkartell rund um Pablo Escobar hat den Gelegenheits-Allrounder in die Finger bekommen. Auf gewohnt joviale wie gleichermaßen kompromisslose Weise haben die Finsterlinge aus Kolumbien Barry Seal den lukrativen Job eines Drogenkuriers angeboten. Dieses zweigleisige Befahren von Flugrouten war aber erst der Anfang einer atemlosen True Story über die Absurdität von Reichtum und dem dehnbaren Begriff von Moral und Anstand. Wäre Barry Seal nicht der gewesen, der er war, hätte dieser wohl begehrteste Familienvater der Welt die herumreißenden Zügel der Geschäftemacherei niemals in Händen behalten können.

Der Bourne-Regisseur hat daraus einen irrlichternden Sampler aus Polit-, Familien- und Drogendrama zusammengemixt. Sein Film gebärdet sich wie ein Videoclip – eine Ästhetik, die wir schon bei Oliver Stone oder Tony Scott beobachten konnten. Viel anders lässt sch Barry Seal in seinem wilden, ungestümen Strudel aus Deals, Machenschaften, Wahnsinn und Bedrohung überhaupt erst gar nicht darstellen. Ein Leben im Stakkato, in ständiger Hektik, in fortdauernder Gier. Barry Seals übergroßes Ego zieht die Mächte des Zwielichts und der Finsternis an wie ein schwarzes Loch alle Materie. Der Narziss badet im Geld, das keiner jemals ausgeben kann. Gefahr ist notwendiges Übel. Ja zu sagen die einzige richtige Entscheidung. Bis Reagans Regierung und die Medien alles vernichten – mehr aus plumper Stümperhaftigkeit als aus Vorsatz. Das hätte Trump auch passieren können. Oder wird ihm noch passieren.

Tom Cruise stürzt sich in seine Rolle wie ein Fallschirmspringer in den freien Fall. Gut möglich und sehr wahrscheinlich, dass der zuvorkommende Scientologe wieder mal die meisten Stunts selbst gemacht hat, so fertig, wie er nach zwei Stunden Laufzeit aussieht. Natürlich, Filme entstehen nicht chronologisch, aber zumindest hat man das Gefühl, bei Barry Seal war das allerdings der Fall. Barry Seal ist wie ein Walter White auf Speed, nur dass Seal in seiner ungebremsten Arbeitsmoral Befehlsempfänger bleibt, der die wohlkoordinierte Drecksarbeit erledigt. Zu sehen, wie ein Mann mit großen Fähigkeiten am Boden und in der Luft zerrissen, ausgenutzt und weggeworfen wird, ist bittere, zynische Realität.

Durch Doug Liman´s leichter Hand wird man bei Barry Seal das Gefühl nicht los, einer Komödie beizuwohnen. Das ist der Film aber keineswegs. Doch die Art, in der die Memoiren eines Tausendsassas erzählt werden, spiegelt die Facetten eines schnellen, gierigen, todesmutigen Lebens als bravouröses, kurzweiliges Entertainment wider. Eine farbenfrohe, grelle Show zwischen Breaking Bad und Der Informant!. Beste Unterhaltung – auf Kosten einer rühmlich-unrühmlichen Legende.

Barry Seal

Das Talent des Genesis Potini

DIE ZUKUNFT IST SCHWARZWEISS

7/10

 

genesispotini

REGIE: JAMES NAPIER
MIT CLIFF CURTIS, JAMES ROLLESTON, WAYNE HAPI

 

Schon mal was vom Kino Polynesiens gehört? Jetzt werden sich sicher einige an Pixar´s Südseeabenteuer Vaiana erinnern. War zwar kein polynesischer Film, zeigte aber ganz klare Referenzen zur Mythologie des Inseldreiecks, welches sich von Neuseeland im Südwesten bis zu Hawaii im Norden und den Osterinseln im Osten spannt. Ja, Neuseeland gehört geografisch zu Polynesien. Die Fantasyepen nach Tolkien wurden schließlich, wie wir alle wissen, unter der Regie eines waschechten Neuseeländers, nämlich Peter Jackson, als amerikanisch-neuseeländische Koproduktion vor der atemberaubenden Kulisse heimischer Landschaften in Szene gesetzt. Doch Neuseeland hat noch eine ganz andere kinematographische Stärke, die sich vom Kulissendasein deutlich abhebt und auch distanziert. Das Land der Maori bietet schon seit jeher Independentkino vom Allerfeinsten. Wer Lee Tamahori´s Ureinwohnerdrama Die letzte Kriegerin oder Niki Caro´s Walmythos Whale Rider bislang noch nicht gesehen hat, sollte dies schleunigst nachholen. Und vielleicht auch gleich Das Talent des Genesis Potini auf die Watchlist setzen. Denn das Psycho- und Sozialdrama, im Original unter dem Titel The Dark Horse hierzulande nur im Retail-Sektor erschienen, erzählt die wahre Geschichte eines psychisch labilen Schach-Genies, der sozial benachteiligten Kindern mit dem Königsspiel aus ihrer alltäglichen Lethargie verhilft.

Natürlich – in unseren Breiten kennt keiner Genesis Potini, vielleicht nur eingefleischte Schach-Nerds. Wenn’s hochkommt, bleibt uns nur der Name Bobby Fischer oder vielleicht Kasparow in Erinnerung. Doch das Spiel hat auch auf der anderen Seite der Welt zu lebensverändernden Maßnahmen geführt. Und die Geschichte ist es allemal wert gewesen, verfilmt worden zu sein. Vor allem, weil es nicht nur das Portrait eines Grenzgängers ist, sondern auch, und das hat der Film mit einigen Werken aus dem Land des Kiwis gemein, das Sozialportrait eines Landes, indem die kulturelle Identität der Maoris zusehends schwindet und ein Teil der indigenen Bevölkerung aufgrund gesellschaftlicher Benachteiligung den Weg der Verdammnis wählt. In diesem Gefüge der sich abstoßenden und anziehenden Kräfte ist es nur eine Frage des emotionalen Gleichgewichts, die Gratwanderung zwischen Bandenkriminalität und rosiger Zukunftschancen zu meistern. Wenn Genesis Potini sich selbst dazu ermahnt, positiv zu denken, so ist das eine elegante Metapher auf den Istzustand des kulturellen Erbes Polynesiens, das nicht nur durch Schnitzkunst und Tattoos Gehör verschafft. Wer genau hinhört, wird die Legende von Māui mit seinem verzauberten Angelhaken zu hören bekommen. Vaiana lässt grüßen.

Cliff Curtis, dessen Gesicht man irgendwo schon das eine oder andere Mal gesehen hat, haucht seiner authentischen Figur behutsam ohnmächtig-mächtiges Leben ein. James Napier´s entschleunigtes Spielfilmdebüt nimmt sich anfangs viel Zeit, um die Story ins Rollen zu bringen. Die familiären Konflikte, die sich gegen Endes ihre Bahn brechen, lassen den Zuseher mit Sicherheit nicht unbeteiligt zurück. Das Leben des Genesis Potini ist sehenswertes Coming of Age und Sozialkino aus Neuseeland – spirituell, speziell und irgendwie anders.

Das Talent des Genesis Potini

Die Poesie des Unendlichen

WER ES FASSEN KANN, DER FASSE ES

7/10

 

poesieunendlich

Regie: Matt Brown
Mit: Dev Patel, Jeremy Irons, Toby Jones

 

Manche Menschen sind einfach von Geburt an mit Begabungen gesegnet, die wir Normalos nicht mal ansatzweise nachvollziehen können und wo wir schon nach den ersten Metern erschöpftes W.O. geben würden beim Versuch, die Welt in ihren Grundstrukturen zu erfassen. Die Dimensionen der Mathematik sind da das wohl deutlichste Beispiel dafür, welchem Spektrum sich der menschliche Verstand bedienen und wie weit der Mensch in die „Matrix“ unserer Welt vordringen kann. Doch hinter den Vorhang des Sichtbaren zu blicken und dabei nicht den Verstand zu verlieren, ist eine Gratwanderung. Vor allem bei so einer Begabung, die gleich einer geistigen Mutation einfach da ist, gleichermaßen quält und zur Erkenntnis führt. Ruhelose Geister sind das. Der Mathematiker John Nash zum Beispiel war schizophren und litt Zeit seines Lebens an Wahnvorstellungen. Russel Crowe hat ihn im Film A Beautiful Mind ein Denkmal gesetzt. Überhaupt legen Menschen mit autistischen Zügen sagenhafte kognitive Fähigkeiten an den Tag. Wunderkinder, Hochbegabte. Wie zum Beispiel Sitcom-Nerd Sheldon Cooper.

Natürlich tauchen solche Superhirne auch in entlegenen Ecken der Welt auf. Und wenn sie die Chance dazu haben, und den Mut aufbringen, dieses Potenzial des Welterklärens nutzen zu wollen, kann man von diesen Leuten später sogar in den Geschichtsbüchern lesen. Wie zum Beispiel bei Srinavasa Ramanujan. Der indische Büroangestellte wollte in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg, also noch in der tiefsten Kolonialzeit Großbritanniens, sein Recht durchsetzen, sein mathematisches Verständnis universitätstechnisch absegnen zu lassen. Und zwar an keiner geringeren Institution als Cambridge. Diesen Weg dorthin als steinig zu bezeichnen, ist geradezu ein Euphemismus. Hätte er nicht den Mathematikprofessor G. H. Hardy an seiner Seite gewusst, wäre der Rest nicht Geschichte geworden. Ist es aber. Ramanujan hat das Weltbild zukünftiger Zahlenwissenschaftler grundlegend verändert. Doch das Faszinierendste auf diesem Weg dorthin war die Tatsache, dass der Wunder-Inder mathematische Rätsel lösen konnte – doch erklären konnte er sie nicht. Wie die Gabe eines Mutanten aus dem X-Men-Universum. Wie ein Wunderheiler oder ein parapsychologisches Medium war Ramanujan nicht imstande, für seine prophetischen, sagenhaft präzisen Botschaften eine mathematische Formel zu finden. Mit Ergebnissen allein lässt sich Mathematik nicht lehren. Oder gar verstehen.

Regisseur und Drehbuchautor Matt Brown hat auf historischer Basis eine unaufgeregte, zurückhaltende Biografie ersonnen, die sich dem Thema des menschlichen Genies von einer ganz anderen Seite nähert. Für Brown ist Ramanujan keine Attraktion, sondern ein akribischer Ehrgeizling mit einem Gehirn als rätselhaftes Werkzeug, das sich erst gar nicht und später nur sehr widerwillig und nach großer Anstrengung nutzen lässt. Hochbegabung kann sich nicht alleine überlassen werden. Dazu ist sie zu komplex, selbst für den, der sie besitzt. Die Poesie des Unendlichen lädt ein in eine fremde Welt des Begreifens und Verstehens. Aber auch in eine Epoche des unreflektierten Klassendenkens und Menschenverachtens. Dev Patel lässt seinen berühmten Landsmann mit sehr viel Sympathie zur historischen Person straucheln und wieder aufstehen, leiden und lieben. Dafür nimmt sich der Film sehr viel Zeit, und oft sind es nur nüchterne Dialoge, welche die Geschichte vorwärts bringen. Zeit, Geduld und Interesse sollte man mitbringen – dann wird der Filmabend zu einem berührenden Streifzug durch die Terra Incognita eines menschlichen Geistes.

Die Poesie des Unendlichen

Jackie

DIE PASSION DER FIRST LADY

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jackie

Der 22. November 1963 muss wohl ein Tag gewesen sein, der die Weltbevölkerung erschauern ließ. Meine Eltern können sich noch genau an diesen Tag erinnern, ebenso wie wir uns noch an den 11. September erinnern können – und niemals vergessen werden. Die Bilder kennen wir alle. Wenn man nicht schon in der Schule damit konfrontiert wurde, dann spätestens bei Oliver Stone´s Politthriller JFK – Tatort Dallas. Bilder, die Geschichte geschrieben haben. Wenn sich Jackie Kennedy in ihrem rosafarbenen Kaschmirjäckchen über das Heck der Limousine beugt, um die Schädelfragmente ihres ermordeten Mannes einzusammeln, manifestiert sich das Grauen politischen Terrors in Bild, Farbe und Ton. Kaum eine Ermordung wurde so akribisch dokumentiert wie jene von John F. Kennedy. Man hat das Gefühl, dass die amerikanischen Medien anders ticken als alle anderen. Dass die den gewissen sechsten Sinn haben. Dass sie wissen, wo sie sein müssen, um globale Paradigmenwechsel rechtzeitig und perfekt ins Bild zu rücken. Das war 1963 in Dallas so, das war auch beim 11. September so. Selbst die Ermordung von Lee Harvey Oswald gibt es auf Band. Was es aber nicht auf Band gibt, das sind die Tage nach dem verstörenden Attentat, aus der Sicht von Amerikas First Lady Jackie. Tage der Trauer, der Verzweiflung, der Wut. Und Tage der eigenen Ohnmacht. 

Was der chilenische Filmkünstler Pablo Larrain (No!, Neruda) daraus gemacht hat, ist die distanzlose Apotheose einer Ikone. Ein filmisches Close Up des erahnten Konterfeis einer leidenden Maria Magdalena. Die Biografie – ein Gesicht in verschwenderischer Mimik. Larrain reduziert die Passion der heiligen Jaqueline auf eine Diashow formatfüllender Portraits. Die Kamera, der Regisseur, das Drehbuch – sie kennen keine Gnade und rücken der Trauernden ungemein anstandslos auf die Pelle. Ein Schritt zurück, und was bleibt, sind die gähnenden, spärlich möblierten Räume des Weißen Hauses. In diesen Momenten erinnert Jackie an den Stil eines Stanley Kubrick. Womöglich hätte der 1997 verstorbene Kultregisseur zu diesem sehr speziellen Thema einen ähnlichen Film gemacht. Den Momentaufnahmen eines politisch motivierten Mordes und seiner Folgen geht sehr bald das relevante Drumherum der Geschehnisse abhanden. Was bleibt, ist eine Frau, die man aus den Medien kennt und gekannt hat. Und die, reduziert auf ihre Trendsetter-Mode und ihren Haarschnitt, nur bröckelnde Fassade bleibt. Die Tür in das Innere der Jackie Kennedy aufzustoßen, das gelingt diesmal nicht einmal der von mir sehr geschätzten Natalie Portman. Sie bleibt in Larrain´s Film lediglich eine Person der Öffentlichkeit. Eine, mit der man mitleiden, mitweinen und mithadern kann. Die aber das Terrain einer Boulevardpresse nicht verlässt. Im Gegenteil – die Schwärmerei der Regie entartet in einer Überstilisierung, die man aus dem Propagandakino einer Leni Riefenstahl kennt. Geht es dabei aber wirklich um Jackie Kennedy? Oder um Natalie Portman? Hat Noah Oppenheim das Drehbuch für Portman geschrieben? Oder war es umgekehrt? Jedenfalls dürften beide Personen beim chilenischen Filmemacher einen persönlichen Hype ausgelöst haben. Und ohne Zweifel, Portman gibt alles. Einmal verklemmt kokettierend mit der Kamera, beim Zitieren eines Filmes aus den frühen Sechzigern, der einen Rundgang durchs Weiße Haus beschreibt. Einmal in ihrer erschütterten Trauer resignierend und ihr neues Ich suchend, das schneller verfügbar sein musste als man im Grunde verlangen kann. Einen trauernden Menschen kann man nicht drängen. Einen selbigen, der noch dazu in der Öffentlichkeit steht, schon. So reflektiert die bildschöne Schauspielerin alle Spektren ihres Könnens und macht aus ihrer darzustellenden Figur eine durch das Unglück des Lebens kämpfenden Apostelin, die nicht nur um das Andenken ihres Ehemanns, sondern auch um das eigene bemüht ist. Damit haben wir aber auch schon den einzigen reflektierenden Aspekt, verkörpert durch einen namenslosen Journalisten, der unbequeme Fragen stellen darf, dem aber verboten ist, Gesagtes publik zu machen.

Dennoch: Jackie Kennedy bleibt auch nach diesem Interview eine Unbekannte, bleibt doch ihr Charakter in ihrem Ausnahmezustand verzerrt. Wie und wo sie gelitten hat, was sie womöglich gedacht und wozu sie imstande gewesen wäre – die Interpretation besteht aus Verhaltensweisen, die jedem trauernden Menschen eigen sind. Somit bleibt Jackie eine filmische Spekulation und eine haltlos übertriebene Ikonografie, die sich in den Zügen Natalie Portmans suhlt und ihr wie auch der späteren Onassis-Gattin bar jeglicher Behutsamkeit in der Inszenierung ein Ungetüm von Denkmal errichtet. Ein künstlerischer Film, durchaus. Aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Facebook-Bericht, gespickt mit distanzlos-distanzierten Profilbildern aus dem tief getroffenen Establishment.  

Jackie

American Sniper

DER DURCH DIE HÖLLE GEHT

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sniper

Von Anfang an wollte ich diesen Film eigentlich gar nicht sehen. Ein kriegsverherrlichender Hurra-Propagandafilm, USA-Loblied und Weltpolizeidrama über einen Waffennarren, der als Army-Scharfschütze mit den meisten Abschüssen in die unrühmliche Geschichte des amerikanischen Militärs eingegangen ist? Sowas steht natürlich nicht auf meiner To Do Liste. Doch irgend etwas an diesem von den Filmkritikern und Medien kolportierten Vorab-Feedbacks hat mich stutzig werden lassen. Ist American Sniper nun eine unreflektierte Verfilmung der Autobiografie des manischen Scharfschützen Chris Kyle – oder eine kritisch hinterfragende Betrachtung seiner Erlebnisse? Letztendlich hat die Neugierde gesiegt, und einige Zeit nach der Kinopremiere im Jahr 2015 war es an der Zeit, sich hier ein eigenes Bild der Zustände zu machen – und klarzustellen, ob Clint Eastwood tatsächlich das militärische Gehabe Amerikas in Schutz nimmt oder das Wesen der Kriegsführung an sich an den Pranger stellt.

Nun, überraschenderweise liegt die Tendenz der Erzählweise des Filmes zumindest stellenweise eindeutig im Bereich des Antikriegsfilmes. Eastwood lässt seinen Chris Kyle zwar nicht als krankhaften Psychopathen daherkommen, allerdings aber als eine vom Krieg besessene, arme Seele, die verlernt hat, in der Eintracht eines glücklichen Familienlebens seine Ruhe zu finden und stattdessen seiner Todessehnsucht nachgibt und immer wieder in den Krieg zieht. Immer wieder, bis zur inneren Zerrüttung. Seine Figur erinnert an jene Christopher Walkens in Die durch die Hölle gehen – einem erschütternden Plädoyer wider den Krieg, meisterhaft umgesetzt von Altmeister Michael Cimino. Walken war in seiner Rolle als Vietnamkriegssoldat den Foltermethoden der Vietcong ausgesetzt und konnte, obwohl ein Überlebender, niemals mehr in die Geborgenheit eines normalen Lebens zurückkehren. Stattdessen war der Zustand permanenter Angst und Todesnähe die einzige Möglichkeit geblieben, sich selbst wahrnehmen zu können. Ein Trauma, das niemals geheilt werden kann. Tatsächlich findet sich auch in American Sniper anfangs eine Szene bei der Hirschjagd wieder, die an The Deer Hunter (dt. Die durch die Hölle gehen) erinnert. Ähnlich wie den Leidensgenossen aus dem Klassiker der frühen 80er erging es Jeremy Renner in dem Oscar gekrönten Irakkriegsdrama The Hurt Locker. Als Bombenentschärfer, tagtäglich für sein eigenes Überleben und für das der anderen verantwortlich, war es auch ihm unmöglich, der Spirale aus abstumpfender Angst, Gefahr und Nervenkitzel zu entkommen. Alle drei Filme schildern auf unterschiedliche Weise, was die Allgegenwärtigkeit des Krieges mit der Psyche eines Menschen anstellen kann. Ein Zurück in die Normalität dürfte es anscheinend nicht geben. Diese Entrücktheit schafft Hangover-Buddy Bradley Cooper auf intensive Weise zu interpretieren. Seine Leistungen sind in diesem biografischen Psychodrama famos. Hier zeigt er mehr oder weniger im Alleingang, was er wirklich kann. Vor allem in seinen durchdringenden, verstörten Blicken liegt die ganze Tragödie seines dargestellten Charakters.

Clint Eastwood ist nichts vorzuwerfen, und man ist fast bis zum Schluss geneigt, ihm hundertprozentig zuzustimmen. Wäre da nicht seine gegen Ende immer deutlichere Apotheose Chris Kyles als Märtyrer in einer scheinbar von oben legitimierten Kriegsmaschinerie der Vereinigten Staaten. Dass der Krieg böse ist, dürfte auch dem mittlerweile alt gewordenen Westernhelden klar sein. Dass er eine Notwendigkeit ist, welche die Supermacht USA als Bürde auferlegt bekommen hat, dürfte aus seiner Sicht seine absolute Richtigkeit haben. Doch allerdings nur aus seiner Sicht.
Und so will der ganze Film letzten Endes – trotz seiner sensiblen Darstellung des zermürbenden Grauens und der schauspielerischen Stimmigkeit – nicht so wirklich überzeugen. Und das liegt zweifelsohne an der ambivalenten patriotischen Ideologie, die dahintersteckt. Ein pathetischer Kriegsfilm also, der ein Antikriegsfilm sein will.

American Sniper