Thunderbolts* (2025)

HELDEN-RECYCLING FÜR KENNER

6/10


© 2025 MARVEL. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAKE SCHREIER

DREHBUCH: ERIC PEARSON, JOANNA CALO

CAST: FLORENCE PUGH, LEWIS PULLMAN, DAVID HARBOUR, SEBASTIAN STAN, WYATT RUSSELL, HANNAH JOHN-KAMEN, JULIA LOUIS-DREYFUS, GERALDINE VISWANATHAN, OLGA KURYLENKO, WENDELL PIERCE, CHRIS BAUER, VIOLET MCGRAW U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Der unscheinbare Typ im Pyjama, gespielt von Lewis Pullman (Salem’s Lot) wird auch bis zum Ende des neuen MCU-Blockbusters Thunderbolts* die skurrilste und ambivalenteste Figur bleiben, von welcher man einfach nicht weiß, was man von ihr zu halten hat. Zu Beginn, wenn all die Austauschbaren im Super-Sicherheits-Bunker der CIA aufeinander losgehen, und Pullman plötzlich danebensteht, als wäre er im falschen Film, eröffnet Jake Schreier (u. a. Robot & Frank) das Spielfeld für einen aus der bisherigen MCU-Timeline zusammengeklaubten Haufen mehr oder weniger ausrangierter Nebenhelden, die nie das große Los ziehen konnten wie seinerzeit die federführenden Avengers und beim Publikum einiges an Vorwissen fordern. Es sind dies Black Widows Schwester Yelena (Florence Pugh), die seit nämlichem Stand-Alone mit Scarlett Johannsson aka Natasha Romanov  bekannt ist und später auch – für Serienkenner – in Hawkeye hat mitmischen dürfen. Es ist dies der Captain America aus der zweiten Reihe, John Walker (Wyatt Russell), in der Serie The Falcon and the Winter Soldier so ziemlich in Ungnade gefallen und seitdem als Billigversion eines Supersoldaten im Auftrag der CIA unterwegs, wie ohnehin überhaupt alle hier. Auch die aus Ant-Man and the Wasp bekannte Ghost und der Taskmaster (ebenfalls Black Widow), gespielt von Olga Kurylenko. Nicht im Bunker sind Bucky Barnes (Sebastian Stan), der ehemalige Winter Soldier, über welchen man irgendwann sicher gestolpert sein muss, auch wenn man nicht alle Filme und Serien von Marvel gesehen hat. Und die von David Harbour genussvoll und mit Inbrunst verkörperte russische Superheldenparodie Red Guardian, Ziehpapa der Widows und stets mit der Tür ins Haus fallend. Die meisten Lacher in diesem Film gehen auf sein Konto, und ja – würde das Suicide Squad jemanden abwerben wollen, der zu ihrem durchgeknallten Haufen passt, dann wäre es er. Die andern müssen sich in schaumgebremstem Sarkasmus aufeinander einlassen, wenn sie für die durchtriebene CIA-Chefin Valentina (auch bekannt aus der Marvel Serie rund um Sam Wilson, dem neuen Captain) nicht doch noch über die Klinge springen sollen. Dabei vergessen alle wohl auf diesen seltsamen Robert Reynolds, der eigentlich hätte entsorgt werden müssen, so wie all die anderen Thunderbolts, die höchst illegal vom Geheimdienst an die Front geschickt wurden. Reynolds aber ist mehr als die Summe seiner Teile. Ein Psychopath zwar, aber eine potenzielle Chance für die geschäftstüchtige, dauergrinsende Valentina. Wenn schon nicht entsorgt, dann zumindest recycelt – als jemand, der an den guten alten Homelander erinnert, der den Boys das Leben schon mehrere Staffeln lang schwermacht.

Es tut sich einiges bei den Thunderbolts*, das Wiedersehen mit alten Bekannten ist für eingefleischte Marvel-Fans natürlich ein Who is Who sondergleichen. Sie alle haben ihre Rollen längst gelernt, da muss nicht viel Neues erprobt werden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum die Gruppendynamik nicht so recht zünden will, warum man den Eindruck gewinnt, dass von vornherein, seit der ersten Sekunde, das Team bereits steht, insofern ist der verbale Schlagabtausch zwischen den Protagonisten mehr ein So-tun-als-ob anstatt wirklich empfunden. Ein bisschen fehlt da die Schärfe bei all den Beteiligten, vor allem Bucky Barnes scheint nie so recht zu wissen, ob er das, was er da macht, auch wirklich aus voller Überzeugung tut.

Der metaphysische Plot, der sich um die Plan-B-Truppe schlängelt, führt diese ohne Umschweife in ihr Abenteuer hinein, ohne eine gewisse Dramatik zu entfachen, die sich in manchen Filmen der Infinity-Phase so sehr an die Persönlichkeiten der Helden herangemacht hat. Hier taucht Schreier zwar auch in so manche Psyche ein – dass diese die eigentlich ambivalenten Charaktere wirklich berührt, bleibt eine Behauptung.

So richtig interessant wird es ganz am Ende – dieses und die darauffolgende Post-Credit-Szene (die zweite, wohlgemerkt – also sitzenbleiben!) bringen den nicht mehr als soliden Superheldenfilm dann doch noch eine Spur mehr auf Vordermann. Thunderbolts* legt den Grundstein für noch viel mehr, für eine vielleicht bessere MCU-Phase als die letzte, die sich mit ihrem Multiversum deutlich verhoben hat. Obwohl der Film nun nicht den Wow-Effekt erzielt, auf den ich gewartet hätte: Der kommende Output, der hier aufbaut, könnte nach längerer Zeit wieder mal so richtig spannend werden.

Thunderbolts* (2025)

Blood & Sinners (2025)

TANZ DER VAMPIRE

8,5/10


© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: SINNERS

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: RYAN COOGLER

CAST: MICHAEL B. JORDAN, MILES CATON, HAILEE STEINFELD, JACK O’CONNELL, WUNMI MOSAKU, JAYME LAWSON, OMAR BENSON MILLER, LI JUN LI, DELROY LINDO, DAVID MALDONADO U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Get Out!, hatte Jordan Peele damals seinem verzweifelt in der Klemme steckenden Daniel Kaluuya zugerufen, dem inmitten den Films längst schon klar geworden war, wie sehr ihn der perfide Rassismus einer selbsternannten Herrenrasse vereinnahmt hat. Get In!,ruft seit Kurzem Black Panther-Virtuose Ryan Coogler seinem Ensemble zu, das in einer mondhellen Nacht völlig unbeabsichtigt mit zum Niederknien guter Musik das Böse beschwört. Denn solange Vampire nicht irgendwo hineingebeten werden (sofern die Lokalität nicht sowieso öffentlich zugänglich ist), bleibt diesen nur die Möglichkeit, die Lebenden aus der Reserve zu locken. Mit manipulativen Worten, betörendem Geschwafel und herausfordernden Blicken mit Augen, die ein glühendes, nicht menschliches Funkeln in sich tragen.

In den Dreißigerjahren rund um das Delta des Mississippi, wo Alligatoren in der Hitze schlummern, Flechten von den Bäumen hängen und Moskitoschwärme aus der feuchtheißen Luft eines alle Sinne lähmenden Sommers aufsteigen, ist der Rhythmus des Blues die Antwort auf alle Fragen, ob sie gestellt werden oder nicht. Mit dem Blues lässt sich die Zeit anhalten, lässt sich die Hitze, das Liebesleid und all die Repressalien ertragen, welche die White Supremacy bis zum heutigen Tage der schwarzen Bevölkerung angedeihen lassen (siehe The Order mit Jude Law). Der Blues ist Stellungnahme und Eskapismus gleichzeitig, er erzählt von den afrikanischen Wurzeln genauso wie von einer möglichen Zukunft, die eine neues, selbstbewusstes Narrativ finden könnte. Er öffnet die Pforten zu anderen Dimensionen, bittet Vergangenheit und Zukunft an einen Tisch. Und weiß genau, dass das Böse, dass die Dunkelheit, genauso nicht anders kann, als den Klängen der Gitarre und den wimmernden, leidenden, kraftvollen Stimmen zu folgen, während das tanzende  Auditorium zeitgleich akkurat und im Rhythmus mit den Füßen stampft. In dieser Nacht werden sie kommen, die Untoten. Sie werden mehr werden. Und sie werden tanzen.

Zum letzten Mal schwangen Untote den Huf beim Musical Anna und die Apokalypse, zuvor noch im legendären Musikvideo von Michael Jackson zum ewigen Hit Thriller. Draculas Entourage hingegen machten zuletzt bei Roman Polanskis Schauermär Tanz der Vampire ganz dem Titel des Films entsprechend das gebohnerte Parkett unsicher, aufgerüscht im Look des Rokoko. Doch so, wie die nach Blut dürstenden Gestalten in Blood & Sinners ihren ganz privaten Hexensabbat schmeißen, gab es den Genremix noch nie. Ryan Coogler hat mit dieser episch anmutenden, enthusiastischen Ballade von realen und mystischen Monstern ein schwer niederzuringendes Highlight des Vampirfilms geschaffen, und so wie Jordan Peele die Themen überkreuzt, um etwas ganz Eigenes zu wirken, gelingt dies auch hier, dank der konzentrierten Arbeit eines Visionärs, der genau wusste, was er will, der die Ideen seines Horrors nicht aus der Hand gegeben hat, um ihn durch andere verwässern zu lassen. Blood & Sinners ist Ryan Coogler ganz eigenes Baby, und das erkennt man zweifelsohne an der geölten Stringenz und an dem Flow dieses Films, der so beginnt, als wäre er ein historisches Gangsterdrama im Dunstkreis des rassistischen Südens der Dreißiger.

Michael B. Jordan, Cooglers erste Wahl, wenn es um die Besetzung seiner Filme geht, darf sich hier gleich doppelt in Schale werfen – als personifizierte Coolness gibt er beide Cousins, die nach längerem Aufenthalt in Chicago wieder in ihre Heimat zurückreisen, um ein Etablissement zu eröffnen. Und nein, das ist nicht der Titty Twister aus From Dusk Till Dawn, sondern eine zum „Juke Joint“ umfunktionierte Scheune, in der zum Einstand des Unternehmens ordentlich gefeiert wird. Dafür rekrutieren die beiden alte Bekannte, allen voran den jungen Preacher Boy Sammie, der die besondere Gabe hat, beim Blues die Schleusen der Hölle zu öffnen. Völlig ungeplant wird die Nacht zur entbehrungsreichen Tragödie, zur blutigen Belagerung. Wer noch Freund war, wird zum seelenlosen Feind, wer noch küssender Lover, beißt plötzlich kräftig zu. Dabei ist der Vergleich mit Rodriguez und Tarantinos Splatter-Feuerwerk nicht nur, was den Schauplatz betrifft, ein zulässiger. Auch der Aufbau der Geschichte, das Heranführen des Publikums an mehr als ein Dutzend Charaktere, die wunderbar gezeichnet sind, erinnert an Tarantinos vorallem vorletztes Werk The Hateful Eight. Wenn Blood & Sinners beginnt, bricht ein neuer Tag an, der in drohender Vorahnung dahinkriecht, in dem sich Menschen begegnen und wiederfinden, die alle an einen Ort gelangen, der die Realität um hundertachtzig Grad dreht und das Paranormale heraufbeschwört.

Grandios, wie Coogler seine Szenen setzt – welche er prophetisch vorwegnimmt, was er darstellt und was nicht. Jetzt schon kultverdächtig ist das Gitarrenspiel des Preacher Boy, während die große Party steigt. Dabei werden die Ahnen wach, verschwimmen die Epochen, zeigen sich Visionen der Zukunft. Dazwischen folgen manche Szenen dem Rhythmus der Musik, als gerate der Film in eine Art Trance. Längst ist Blood & Sinners nicht nur mehr Rassismus- oder Südstaatendrama, sondern wird zum Gangsterfilm, zum Thriller, zum Horror. Zur tragischen Liebesgeschichte, zum Veitstanz einer schwarzen Gesellschaft, die erst durch die Aggression der Blutsauger auf Augenhöhe mit den Weißen gerät. Und immer, immer wieder diese hypnotische Musik; der ungebremste, sich verselbstständigende Erzählfluss, die getriebene Handlung, in der sowohl das angststarre als auch das todbringende Ensemble lückenlos miteinander harmoniert. Diese Opulenz bringt dabei die Tragweite eines erfrischend wiederbelebten Vampirismus zurück, den Anne Rice vor vielen Jahrzehnten schon entworfen und mit Interview mit einem Vampir eine ungewohnt geglückte Verfilmung verdient hat. Blood & Sinners könnte nun eine Art Nachfolger dieses Klassikers sein; neu durchdacht, innovativ arrangiert, doppelbödig und progressiv – ohne dabei aber darauf zu verzichten, was schon seit jeher in solchen Albträumen für Faszination sorgt. Diesem Albtraum aber gibt man sich hin, man lässt sich mitreißen, dabei verblassen mühsame Nachahmungen wie Nosferatu von Robert Eggers, insbesondere in der Darstellung der spektakulären Schlusssequenz, die Vampire, den Blues und den Sonnenaufgang über dem Mississippi zu einer immersiven, spektakulären Kinoerfahrung macht.

Wichtig dabei ist: Es gibt eine Post-Credit-Szene, die man nicht verpassen sollte, denn mit ihr schließt sich der Kreis.

Blood & Sinners (2025)

The Electric State (2025)

TECHNO-DYSTOPIE ALS KASPERLTHEATER

5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

DREHBUCH: CHRISTOPHER MARKUS, STEPHEN MCFEELY

CAST: MILLIE BOBBY BROWN, CHRIS PRATT, STANLEY TUCCI, GIANCARLO ESPOSITO, KE HUY QUAN, WOODY NORMAN, MARTIN KLEBBA, WOODY HARRELSON, ANTHONY MACKIE, BRIAN COX, JENNY SLATE U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Vom melancholisch-dystopischen Roadmovie zum versöhnlichen Robotermärchen: Der Weg von Simon Stalenhågs illustriertem Kultroman The Electric State zum Netflix-Möchtegern-Blockbuster, inszeniert von den Russo-Brüdern, denen die besten Werke des MCU gelungen sind, ist weit und verschlungen, sodass sich nicht mehr erkennen lässt, von wo der Film gestartet sein mag. Beide Werke haben fast nichts mehr gemeinsam, außer vielleicht so manches Bild, vor allem auch die schnabelförmigen VR-Helme, die der Menschheit den endgültigen Rest geben. Eine der wohl teuersten Netflix-Produktionen verschlang sage und schreibe 320 Millionen Dollar. Ordentlich viel Kohle für ein im Grunde seines Wesens wenig innovatives Werk, das eigentlich auch kein Interesse daran zeigt, Stalenhågs Vision einer untergegangenen Welt aufzugreifen. Wie Stalenhåg wohl selbst auf die Verfilmung seines Kunstbuches reagiert haben mag? Eine Stellungnahme hat der Schöpfer dystopisch-metaphysischer Roboterwelten noch nicht abgegeben. Ob im Kaufvertrag zu den Lizenzrechten zu The Electric State wohl eine Klausel vorgesehen ist, die ihm verbietet, sich vielleicht unmutig zu äußern? Vielleicht ist er auch mehr als glücklich darüber, dass die Russos und vorzugsweise die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely, die auch das Skript zu Avengers: Infinity War vollbrachten, es geschafft haben, dieses ganze Roboterzeitalter aus der dunstigen Tristesse eines heftigen technologischen Hangovers zu schälen, um ein bisschen Mehr „Friede Freude Eierkuchen“ zu feiern.

In Anbetracht der Skepsis zum tsunamiartigen Fortschritt künstlicher Intelligenz-Tools scheint The Electric State in Filmform einen Weg gefunden zu haben, wieder dort anzuknüpfen, wo schon Steven Spielberg war, und zwar lange, lange Zeit vorher, genau genommen knapp ein Vierteljahrhundert, nämlich 2001. Sein Film A.I.: Künstliche Intelligenz, den Stanley Kubrick zu Lebzeiten noch verfilmen wollte, hat vieles, was The Electric State neu aufwärmt, zum Thema. Hier wie dort lautet die Frage: Wie menschlich sind Roboter? Ab wann ist KI als ein vollwertiges Bewusstsein und somit auch als vollwertige Person zu betrachten. Und wenn sie das ist, träumt sie dann von elektrischen Schafen? Womit wir bei Philipp K. Dick wären und seiner erwachsenen Welt rund um den Blade Runner. Isaac Asimovs Robotergesetze habe ich auch noch nicht erwähnt. Da kommt The Electric State reichlich spät, vor allem wird Russos Film wohl eher zum kauzigen Kasperletheater voller Merchandising-Testimonials, überdimensionalen Katzen und wandelnden Peanuts, mit dabei auch ein Baseball-Roboter und die gelbe Smiley-Grinsekatze Cosmo. Mit dem Winkelzug, die Welt Stalenhågs in den frühen Neunzigern zu verorten, mag die rostige Vintage-Technologie auch in das stilistische Konzept des Films passen. Jedoch nicht in jene des Buches.

Dort ist die Welt eine düstere, verlorene und verlassene. Nebel, wolkenverhangene Himmel, kein Sonnenstrahl dringt durch das gespenstische Grau. Gigantische Wracks kauern im Brachland, das industrielle Licht der Energiespeicher, die den Menschen ihren letzten Eskapismus gönnen, machen das Grauen komplett. Hätte sich Gareth Edwards statt seines durchwachsenen The Creator dieses Projektes angenommen, wäre etwas Bahnbrechendes entstanden. Etwas, das womöglich an Edwards Monsters erinnert, nur eben mit Robotern. Die Russos hingegen verpassen ihrem Werk den Stempel eines generischen Science-Fiction-Abenteuers, in welchem sich das Übel als Person manifestiert.

Stanley Tucci gibt einen von persönlichem Gram getriebenen Verschnitt aus Elon Musk und Jeff Bezos – einen Techno-Oligarchen, der den Menschen die virtuelle Welt schenkt, während sie alle vor die Hunde gehen. Nach einem kurzen Roboterkrieg, den Tuccis Figur gewonnen hat, steckt der wandelnde Schrott in einem Reservat, aus dem es kein Entkommen gibt. Das Mädchen Michelle, das ihrem verstorbenen Bruder nachweint und im Grinse-Roboter Cosmo den Geist ihres Bruders entdeckt, wagt natürlich das Abenteuer, in die Welt hinauszugehen, um des Bruders Körper zu finden, was sie in die verbotene Zone bringt, wo die Russos sich visuell dann auch austoben können. Schön anzusehen ist das Ganze, die idealisierte Story verliert aber so gut wie fast alles, was Stalenhågs Vision ausmacht. The Electric State mag trivial sein, kitschig und vorhersehbar, er hinterlässt aber wider Erwarten idealisierte Zwischentöne, welche die Hoffnung auf eine Koexistenz zwischen KI und Mensch erträumen. Dieses Versöhnliche wabert nach, diesen Mood kann man sich mitnehmen.

TV Media hat The Electric State als katastrophal in jeder Hinsicht beschrieben. Anders als die austauschbaren generischen Agenten-Actionfilme, die sich untereinander nicht mehr unterscheiden lassen, hat dieser Film hier zumindest eigene Bildwelten, wenn schon die Geschichte selbst die Chance auf ein progressives Filmerlebnis verschmäht und sozialphilosphischen Konzepten der Zukunft gnadenlos hinterherhinkt. Viel eher zu empfehlen ist statt The Electric State die auf Amazon Prime erschienene Stalenhåg-Verfilmung Tales from the Loop. Mysteriöse Kurzgeschichten, die von einer Technologie erzählen, die längst die Dimensionen sprengt. Ansehen!

The Electric State (2025)

Mama (2013)

MUTTER ÜBER DEN TOD HINAUS

6/10


© 2013 Universal Pictures


LAND / JAHR: KANADA, SPANIEN 2013

REGIE: ANDRÉS MUSCHIETTI

DREHBUCH: ANDRÉS MUSCHIETTI, BARBARA MUSCHIETTI, NEIL CROSS

CAST: JESSICA CHASTAIN, NIKOLAJ COSTER-WALDAU, MEGAN CHARPENTIER, ISABELLE NÉLISSE, DANIEL KASH, JAVIER BOTET, JANE MOFFAT U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Ist Erziehung wirklich alles? Nicht, wenn die Sehnsucht, Mutter zu sein, über das Wohl der Kinder geht. Und schon gar nicht, wenn es sich nicht mal um die eigene Mutter handelt, sondern schlimmstenfalls um einen ruhelosen Geist, der die irdische Welt nicht verlassen kann, weil die Chance, die Dinge ins Reine zu bringen, wohl niemals kommen wird.

Im Genre des Horrorfilms werden Geister vorzugsweise als Entitäten dargestellt, die Angst verbreiten sollen. Doch niemals sind sie wirklich böse, es sei denn, es sind Dämonen, die sich von den negativen Emotionen der Lebenden nähren. Dämonen aber sind keine Geister. Die Natur dieser paranormalen Erscheinungen liegt wohl eher in der traurigen Gewissheit, im irdischen Leben noch nicht alles erledigt zu haben, nicht loszukönnen, weil Gefühle wie Rache, Trauer, Frust und Enttäuschung die metaphysische Essenz eines einstigen atmenden Individuums daran hindern, frei zu sein. In Mama, einem pittoresken Gruseltrip mit Hang zum Gothic-Melodrama, ist die ewige Trauer einer um ihre Kinder gebrachte Muttergestalt Grund genug dafür, dass sich diese andere sucht – vorzugsweise jene, die ihr nicht gehören. Da kommt das Unglück einer kaputten Familie wie gerufen und hinterlässt zwei Kinder irgendwo im Wald in einer Hütte. Die ganze Misere hätte auch für die zwei Geschwister böse enden können, hätte es da nicht diese dunkle Gestalt gegeben, die ihre helfende Hand ausgestreckt und den verwaisten Nachwuchs mit allerlei Kirschen abhängig gemacht hat. Die Jahre ziehen ins Land, während die Restfamilie der beiden Kleinen nicht aufgehört hat, nach ihnen zu suchen. Letztlich werden sie gefunden und kommen in die Obhut der Tante Annabel, gespielt von Jessica Chastain, die zu diesem Zeitpunkt natürlich gar nicht weiß, wen sie sich da mit ins Haus genommen hat. Einen eifersüchtigen Matronengeist, der die ohnehin traumatisierten und verwilderten Mädchen für sich beansprucht. Mehr als 10 Jahre später wird Chastain abermals, aber diesmal gegen eine ganz und gar irdische Anne Hathaway im Film Mothers Instinct ihre Erziehungsrolle verteidigen müssen.

Meistens verhält es sich so, dass, wenn bei einem Film Guillermo del Toro als Produzent fungiert, dieser zumindest in der visuellen Gestaltung seinen Einfluss spüren lässt. Das ist natürlich kein Nachteil, del Toros Kreaturen sind eigenständig und faszinierend, so auch die gespenstisch entstellte Gestalt eines paranormalen Wesens, die auch in Crimson Peak, del Toros Haunted House-Grusel, ebenfalls mit Chastain und Tom Hiddleston, zuhause sein hätte können. Als monströser Eindringling in einen stinknormalen Mittelschichts-Alltag samt entsprechendem Eigenheim schafft der bizarre Look einen ordentlichen Gegenpol, hemmt sich aber selbst in seiner Absicht, so richtig schaurig zu werden. Das Mysterium hinter dem Spuk ist auch von vornherein sonnenklar, einzig die Beweggründe des Geistes kommen erst nach und nach ans Licht, doch so etwas ähnliches wird sich das Publikum dabei schon längst gedacht haben. Mama von Andrés Muschietti, der die ziemlich gelungene Neuverfilmung von Es zu verantworten hat, gelingt ein hausbackenes Gruselmärchen mit Gothic-Elementen, am Ende kippt dieses in ein ungehemmtes Szenario spätromantischen Geisterkitschs. Natürlich ist es schön anzusehen, wenn die Nachthemden wallen, die nächtliche, vom wilden Meer umtoste Klippe als Schauplatz für den Showdown zwischen zwei Müttern zur Verfügung steht. Auch Crimson Peak war letztlich endenwollend schaurig, die Atmosphäre so pittoresk wie eine gediegene Geisterbahn für die nicht ganz so Angstfreien. Auch Mama, die anfangs noch für diffuses Unwohlsein sorgt, grenzt sich bald als klar auszumachende Antagonistin ab, die für ihr Handeln ihre Gründe hat. Die sich auch nachvollziehen, verstehen lassen – und den Film als psychologisches, phantastisches Drama verstanden sehen wollen.

Mama (2013)

In the Lost Lands (2025)

EIN TOURGUIDE FÜR DIE WUNSCHHEXE

5/10


© 2025 Praesens Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, KANADA, USA 2025

REGIE: PAUL W. S. ANDERSON

DREHBUCH: CONSTANTIN WERNER

CAST: MILLA JOVOVICH, DAVE BAUTISTA, ARLY JOVER, AMARA OKEREKE, FRASER JAMES, SIMON LÖÖF, DEIRDRE MULLINS, SEBASTIAN STANKIEWICZ, TUE LUNDING U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der dunkle Turm, Fallout, Mad Max, Warhammer – das alles und noch viel mehr lässt sich dieser Tage im Paul W. S. Andersons neuem Endzeitspektakel In the Lost Lands wiederfinden, basierend auf einer Kurzgeschichte von GOT-Schöpfer George R. R. Martin, die dieser irgendwann in einem Anfall der Lust, die Postapokalypse mit verruchten Helden und Hexen zu bevölkern, womöglich innerhalb eines Abends auf ein Blatt Papier geschmiert haben könnte. Nun, Martin ist Martin, auch sowas verkauft sich und findet dann auch noch jemanden, der das ganze verfilmen will. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, den Niedergang unserer Welt sehen wir alle gerne, zumindest bannt dieses Subgenre vielleicht diverse Ängste, die zurzeit ohnehin massenhaft an die Oberfläche sickern.

Zu sehen ist ein verwüstetes Stück ehemalige urbane USA (was denn sonst), eingestürzte Wolkenkratzer machen sich immer gut, zum Glück verzichtet Anderson auf die Freiheitsstatue, denn die gibt’s ja schließlich schon anderswo. In dieser rauen Gegend, in welcher die Wüstenstürme toben und der Himmel dadurch in rostroten Farben strahlt, reitet ein einsamer Gunman in eine Stadt ein, die George Miller hätte entwerfen können. Oder aber auch in der Welt von Warhammer 40.000 zu finden gewesen wäre. Der bullige Revolvermann schiebt sein Konterfei bereits anfangs nah an die Kamera, um dem Publikum zuzuraunen, dass diese Geschichte keinesfalls ein Märchen sei, und ein Happy End gäbe es auch keines. Danke für den Spoiler an dieser Stelle, doch letztlich ist es egal, ob wir wissen, wie es ausgeht oder nicht. Wichtig ist Dave Bautista, die stiernackige Furchenstirn, und an seiner Seite Milla Jovovich, die immer noch eine gute Figur macht und vor allem als Hexe Gray Alys niemandem einen Wunsch abschlagen kann. Das ist ihr Credo, und dafür lebt sie – auch wenn sie vom alle Höllen überdauernden erzkatholischen Klerus zwischen jüdischem Hohepriestertum und Kreuzzug-Geilheit als Ketzerin gebrandmarkt und standrechtlich gelyncht werden soll. Lady Overlord, die Königin, schert das kein bisschen. Sie will Gray Alys in die Wüste schicken, damit sie einen Gestaltwandler heranschleppt, dessen magische Essenz sie absorbieren kann – um selbst die Macht des Tieres in sich zu tragen.

Also reiten Bautista und Jovovich als ungleiches Gespann auf ins Ungewisse, verfolgt von den klerikalen Schergen, um… was zu erleben? Abenteuer? Viele gibt es nicht, auch wenn über die Lost Lands als ein Ort ohne Wiederkehr nur hinter vorgehaltener Hand ehrfürchtig geflüstert wird. Durchs bildbearbeitete Nullachtfünfzehn-Ödland könnte sogar eine Schar Kinder reisen, sie müssten zumindest einen größeren Bogen um gewisse Orte machen, dann ist alles kein Problem. Das Drehbuch von Constantin Werner findet dabei sagenhaft serientaugliche Dialoge, vorhersehbare Wendungen und vor allem eines: ein konfuses letztes Drittel, dem man durchaus mehr Augenmerk hätte schenken können. Eine klare Sicht hat man bei diesem Sand im Getriebe dann längst nicht mehr, ein bisschen ratlos sieht man dabei zu, wie Milla Jovovich in ihrer Hexenrolle versucht, alle Wunscherfüllungen unter einen Hut zu bekommen. Es hapert immens an der Schlüssigkeit, doch die artifizielle Optik ist Anderson deutlich wichtiger. Was seinerzeit unter Zac Snyder im Spartaner-Epos 300 die Münder offen stehen hat lassen, erfreut das CGI-müde Auge gerade noch bei der ersten animierten Kamerafahrt vorbei am stahlgeschmiedeten Voest-Alpine-Kreuz hin zum totenkopfgeschmückten Overlord-Palast, angesichts dessen man He-Mans Greyskull-Zauberwort bereits in den Ohren hat. Später dann, nach dem wiederholten Schwenk und dem Closeup auf regennasse Totenschädel, ist der Spaß am phantastischen Trash-Kino keinesfalls ganz verklungen – er mag vielleicht in Langeweile umgeschlagen sein, dank einer gewissen visuellen wie erzählerischen Monotonie.

Das solide Kernstück bleiben Jovovich und Bautista – vielleicht reiten sie ja nochmal gen Sonnenuntergang, wie Lucky Luke, nur ohne Rantamplan, stattdessen eine klingenschwingende Madame Mim an seiner Seite – als diese noch ihre besten Jahre hatte.

In the Lost Lands (2025)

Mickey 17 (2025)

DER RECYCELTE MENSCH

7/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BONG JOON-HO

DREHBUCH: BONG JOON-HO, NACH DEM ROMAN VON EDWARD ASHTON

CAST: ROBERT PATTINSON, NAOMI ACKIE, MARK RUFFALO, TONI COLLETTE, STEVEN YEUN, ANAMARIA VARTOLOMEI, HOLLIDAY GRAINGER, CAMERON BRITTON, STEVE PARK, IAN HANMORE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Bong Joon-Ho muss Vegetarier sein. Etwas anderes hätte man nach seinem Schweinehund-Märchen Okja schließlich ohnehin nicht annehmen können. Jetzt, mit Mickey 17, zementiert er ein weiteres Mal die Conclusio in sein Meinungsportfolio, dass niemand verwurstet gehört – weder Mensch noch Tier. Die Würde bleibt auch bei Tieren unangetastet, ob sie nun genau solche kognitiven Fähigkeiten besitzen wie unsereins oder nicht. Um ehrlich zu sein, ist der Mensch im Entschlüsseln tierischer Sprache keinen Schritt weitergekommen, lediglich Mutmaßungen führen dazu, dass das Vokabular von Hund, Wal oder Affe deutlich differenzierter sein könnte als angenommen. Ein ähnlicher Verdacht könnte auch angesichts der autochthonen Lebewesen auf fernen Planeten aufkommen – so gesehen zum Beispiel auf dem treffend benannten Himmelskörper namens Niflheim, angelehnt an die in den nordischen Mythen existierende Welt des Nebels, des Eises und der Finsternis. Um abzuklären, ob dieser Ort etwaige Gefahren für den Menschen birgt, wird einer wie Mickey Barnes in die winterliche Frischluft gestoßen. Er ist schließlich entbehrlich, all die anderen nicht. Warum? Der Kerl ist ein Expendable – der einzige Expendable auf einem Kolonialkreuzer, auf dem eine dorfgroße Gemeinde unter der Führung des an Elon Musk (und nicht an Donald Trump) erinnernden Möchtegern-Diktators Kenneth Mitchell und dessen saucen-affiner First Lady ein neues Reich gründen soll, vier Jahre Reisezeit von der längst zerstörten Erde entfernt. Als austauschbarer Billigmensch muss Mickey im plüschigen gemüts-Outfit eines Versuchskaninchens alle möglichen wissenschaftlichen und existenzsichernden Experimente über sich ergehen lassen. Ob tödliches Bakterium, kosmische Strahlung oder ein Sturz in eine Gletscherspalte: Mickey hat zwar Angst vor dem Tod, wird aber immer wieder recycelt, aus allen möglichen organischen Abfallprodukten, um erneut als systemerhaltende Ein-Mann-Exekutive für allerlei Drecksarbeit herhalten zu müssen. Da passiert es, dass der Sturz durchs Eis gar nicht mal so lethal ausgeht. Mickey Nummer 17 – nach 16 Toden – überlebt dank der Hilfe einer außerirdischen Spezies, abfällig bezeichnet als die Creeper, und muss seine Koje bald mit Mickey Nummer 18 teilen. Einziges Problem: Multiple Personen sind unter Mitchells Regime nicht erlaubt.

Edward Ashtons Roman Mickey 7 hat für den Protagonisten dieser schillernden Science-Fiction-Satire nur sechs vorangegangene Tode geplant. Bong Joon-ho treibt die vom System betriebene Entbehrlichkeit genussvoll auf die Spitze und webt in dieses Szenario gleich mehrere gesellschaftskritische Themen ein, die aber allesamt niemals mit dem erhobenen Zeigefinger fuchteln. Er verzichtet auch auf platte Vergleiche mit realen Umständen und verfremdet sie so weit, dass sie dennoch, wie in einem pädagogisch ausgefeilten Kinderbuch für gar nicht weltfremde Heranwachsende, verstanden werden können. Jean Ziegler stellte zum Beispiel in einem Buch die Frage: Wie kommt der Hunger in die Welt? Bong Joon-ho gibt zu bedenken, wer eigentlich in einer Gesellschaft wie dieser und der unseren das Werk am Laufen hält, ohne dafür jene Anerkennung und Wertschätzung zu bekommen, die diesen Menschen zustehen würde. Mickey ist die fleischgewordene Metapher für den systemrelevanten Austauscharbeiter, der sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode schuftet, während die oberen Gesellschaftsschichten mit aufsteigender Tendenz immer mehr dem Peter-Prinzip folgen und auf jene unter ihnen treten. Filme wie Der Schacht von Galder Gaztelu-Urrutia oder auch Joon-Hos genialer Revolutions-Actioner Snowpiercer thematisieren Ähnliches. Mickey 17 aber ist von all diesen Filmen der schrulligste, liebevollste und verspielteste. Dafür kann man dem leidenschaftlich agierenden Robert Pattinson in seiner (und das ist nicht nur eine Phrase) bislnag besten Rolle nicht genug danken. Er legt seinen von allen Seiten getretenen Mickey mit einer schlurfigen, verpeilten, naiven Gottergebenheit an, er macht ihn zum Nichtsnutz und zum Improvisateur bar excellence gleichermaßen. Zum sozial-menschlichen Ideal und zum gehorsamen Befehlsempfänger. Er ist der einfachste unter den Einfachen, durch seine Unvoreingenommenheit aber auch jener mit der größten sozialen Kompetenz. Skills, die alle anderen über ihm nicht besitzen. Auch wenn Pattinson dann zweimal zu sehen ist – der Mann weiß, wie er sein Verhalten differenziert, damit man beide spielerisch unterscheiden kann. Der übrige Cast kann sich ebenfalls sehen lassen. Ruffalo wiederum dürfte seine Performance des Chauvinisten aus Lanthimos Poor Things niemals so recht abgelegt haben.

Den größten Clou fährt Bong Joon-ho mit der Liebe zu anderen Arten ein. Nach dem nilpferdigen Okja sind es diesmal knuffige Mischwesen aus Assel, Elefant und Moschusochse mit einem Schuss Lovecraft’schem Cthulhu. Wesen, die genauso wertzuschätzen sind wie jeder einzelne Hominide, der hier als Alien-Rasse auftritt, um die Andersartigen aufgrund machtgieriger Inkompetenz auszulöschen. Diese Kreaturen aber schließt man ins Herz, man bewundert die Raffinesse der Filmemacher, diese zum Leben zu erwecken. Mickey 17 wird zur kauzigen Komödie, niemals zu albern, niemals zu schrill. Bong Joon-Ho beweist ein empathisches Gespür für seine Themen und seine Geschichte, er bleibt respektvoll selbst der respektlosesten Figur gegenüber. Dass man also mit Witz, Ironie und spektakulären Bildern das Genre innovativ erweitern kann, erfrischt das Gemüt nerdiger Phantasten genauso wie nachdenklicher Realisten. Und vielleicht, ja, vielleicht würde sich Bong Joon-ho mit seinem Herz für die Vielfalt des Individuums dazu überreden lassen, irgendwann das Star Wars-Universum zu bereichern. Ein Gedanke, der mit während des Films immer wieder kam.

Mickey 17 (2025)

Die Nacht der lebenden Toten (1968)

METAPHER DER ENTMENSCHLICHUNG

7/10


© 1968 George A. Romero


ORIGINALTITEL: NIGHT OF THE LIVING DEAD

LAND / JAHR: USA 1968

REGIE: GEORGE A. ROMERO

DREHBUCH: GEORGE A. ROMERO, JOHN A. RUSSO

CAST: DUANE JONES, JUDITH O’DEA, KARL HARDMAN, MARILYN EASTMAN, KEITH WAYNE, JUDITH RIDLEY, KYRA SCHON, RUSSEL STREINER U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Die lebenden Toten sind längst nicht nur mehr das: Sobald der Mensch aufgrund von Viren, Sporen, Strahlen oder sonstigen höheren unnatürlichen wie natürlichen Mächten seine Vernunft verliert und nur noch, von Instinkten getrieben, außer Rand und Band gerät, ist die dominierende Spezies des Planeten ihrem Untergang geweiht. Die Endzeit bricht herein, und die Szenarien, die darauf folgen, sind allesamt ähnlich. Eine Gruppe noch nicht Infizierter rottet sich zusammen, um die Essenz des Menschseins oder das, was das Menschsein eben ausmacht, um alles in der Welt zu schützen. Meist suchen sie gemeinsam einen Zufluchtsort, der in den noch verbliebenen Nachrichtenquellen durchgegeben wird. 28 Days Later, Dawn of the Dead, The Last of Us – Filme und Serien beschreiben Irrfahrten durch ein verwüstetes Land, bevölkert von tumben Kreaturen, die noch vage an unsere Vergangenheit erinnern: Zombies. Dass sie aus den Gräbern kommen, war vielleicht im Musikvideo Thriller so. In Die Nacht der lebenden Toten, dem ersten neuen Zombiefilm des New Hollywood, muss der Mensch immerhin erst sterben, um von einer Rage und einem Appetit ergriffen zu werden, der ihn letztendlich sowieso in den Untergang führen wird. Schon mal zu Ende gedacht? Gibt’s nur noch Zombies auf dieser Welt, werden ohne Frischfleisch folglich alle verhungern.

Dieser Film hier aus dem Jahre 1968 ist bekannt dafür, jene Sonderstellung zu genießen, die beinhaltet, in die Filmsammlung des Museum of Modern Art aufgenommen worden zu sein und als Beitrag zur National Film Registry als erhaltenswertes Kulturgut verstanden zu werden. Schön und gut, diese Ehre teilt Romeros Film auch mit Alien oder 2001: Odyssee im Weltraum. Das muss man nicht extra erwähnen. Oder doch? Zumindest ist George A. Romero mit seinem Film eine Pionierarbeit gelungen, die damals wohl das eine oder andere Tabu hat brechen wollen. Wie zum Beispiel jenes des Kannibalismus. In einer expliziten Szene wird deutlich, wie eine Handvoll Zombies an Knochen nagen, die womöglich menschlicher Natur sind. Ein Schock für damalige Verhältnisse. Heutzutage kostet es dem Walking Dead-geeichten Publikum nicht mal das Zucken mit der Wimper. Der Skandal mag überholt sein – die künstlerische Ausarbeitung ist es vielleicht nicht. Denn Zombie-Filme in Schwarzweiß, die bereits jene Versatzstücke zeigen, die bis heute verwendet werden, sind mir sonst keine bekannt.

Auch der Plot des Films ist bereits zigmal imitiert, neuinterpretiert und verarbeitet worden: Zu Beginn des Films begibt sich ein Geschwisterpaar auf einen Friedhof, um das Grab des Vaters zu besuchen. Und schon passiert es: Beide werden von einem wild gewordenen Mann attackiert, scheinbar geistesgestört, in Wahrheit aber ein Untoter. Davon wissen die beiden aber noch nichts (da sie womöglich noch keinen Zombiefilm gesehen haben). Sie finden Unterschlupf in einem verlassenen Farmhaus, wo sie noch auf andere Überlebende treffen, die sich den Bissen der Marodeure erwehren konnten. Die klaustrophobische, beklemmende Stimmung des Films nimmt zu, als alle hier Anwesenden, längst mit dem Rücken zur Wand stehend, das Haus verbarrikadieren, um auszuharren, bis militärische Hilfe kommt und sie alle evakuiert.

Man kann sich denken, was passiert. Man hat das auch schon oft gesehen. Zum ersten Mal aber bei Die Nacht der lebenden Toten. Mir gefällt die klassische Darstellung des trägen humanoiden Gemüses, das im Gegensatz zum späteren Dawn of the Dead (kongenial neuverfilmt von Zack Snyder) oder Danny Boyles 28 Days Later, nur langsam vor sich hin torkelt und leicht zu bewältigen wäre. Das fördert eine Diskrepanz in so mancher brenzligen Szene, doch George A. Romero kommt der für einen Spannungsfilm wenig förderlichen Verhaltensweise mit der schieren Masse entgegen. Ein nicht enden wollender Strom Untoter belagert die letzte Zuflucht, die Ausnahmesituation schafft auch innere Spannungen in der Gruppe, da jeder eine eigene Vorstellung davon hat, mit der Notlage klarzukommen.

Filmgeschichtlich betrachtet ist Die Nacht der lebenden Toten auf jeden Fall ein Must-See, um zu erfahren, womit alles angefangen hat. Was noch hinzukommt, ist Romeros Tendenz zum Nihilismus. Völlig frei im Gestalten seiner katastrophalen Endzeit, verortet das Werk seine Kernqualität in einem misanthropen Zynismus, der sozialpolitische Verhaltensabnormen als zermürbende Allegorie darstellt. So gesehen sind Genozide wie der Holocaust oder das spätere Schlachten in Ruanda Mitte der Neunziger der reale Ursprung für Apokalypsen wie diese, welche die Entmenschlichung widerspiegeln. Der Zombiefilm als politische Warnung, auch wenn die Ursache für den todbringenden Anarchismus in Romeros Film einer Strahlung zugrundeliegt – die wiederum mit medialer Gehirnwäsche gleichzusetzen wäre.

Die Nacht der lebenden Toten (1968)

The Gorge (2025)

BEZIEHUNG, DIE IN DIE TIEFE GEHT

6,5/10


© 2025 AppleTV+


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: SCOTT DERRICKSON

DREHBUCH: ZACH DEAN

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, MILES TELLER, SIGOURNEY WEAVER, SOPE DIRISU, WILLIAM HOUSTON, SAMANTHA COUGHLAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Liebhaber der Asterix-Comics werden sich bei Sichtung des neuen Apple-Starvehikels The Gorge an eine Ausgabe erinnert fühlen, der eine ähnliche Prämisse zugrunde liegt wie in diesem Film: Der Umstand eines großen Grabens. Nur: Bei den Galliern versinnbildlichte diese Kluft eine gespaltene Gesellschaft, während hier, im scheinbar mitteleuropäischen Nirgendwo zwischen Bergen und Wäldern die geographische Spaltung etwas verhindert, was eigentlich zusammengehört. Es scheint, als wären Anya Taylor-Joy und Miles Teller füreinander bestimmt. Punktgenau treffen sie zur selben Zeit am richtigen Ort aufeinander, das Tor der Hölle, das den beiden Scharfschützen zu Füßen liegt, mag den Austausch von Intimitäten oder geflüsterten Worten wohl verhindern. Kein Problem für einsame Seelen wie diese. Die müssen schließlich ein Jahr lang auf ihren Türmen ausharren und darauf achten, das nichts und niemand aus dieser wolkenverhangenen Spalte herauskommt. Was da unten abgeht, kann man nur erahnen oder in Albträumen mit grenzenloser Fantasiebegabung verarbeiten. Es wäre nicht Scott Derrickson am Werk, würden wir nicht nach halbstündiger Laufzeit bereits einen Vorgeschmack davon bekommen, was es mit den „Hohlen Männern“, die da unten Radau machen, auf sich hat.

The Gorge liefert dabei satte Action, aber auch ordentlich Suspense. Nicht zu vergessen: Romantisches liegt in der Luft. Das prickelnde Gefühl des Kennenlernens weicht bei Anya Taylor-Joy und Miles Teller aber eher einem Blind Date-Pragmatismus. Derrickson liegt die Atmosphäre aber deutlich näher als ein Sträusschen Wildblumen für die Angebetene. Über weite Strecken fällt nicht mal ein Wort – Reduktionen wie diese adeln gefühlt jeden Film, sowieso wird viel zu viel palavert, da lobt man den Gedankenaustausch mit bekritzelten Zeichenblöcken, die sich beide vor das jeweilige Binokular halten. Das Interesse füreinander wird bald so groß, dass sich ein Weg finden lässt, um die sinnbildlichen Differenzen zu überbrücken. Wo aber ein Wille, da manchmal ein Umweg: Die Schlucht kommt beiden näher, als ihnen lieb ist.

Spätestens da macht die genreübergreifende Mystery, die nicht zwingend als Young Adult-Fantasy angesehen werden kann, mit zugedrücktem Auge aber doch, einen Twist in eine Richtung, die verschwörungsumwobene Gefilde im Fahrwasser von Stranger Things verlässt und sich lieber dem Erdachten eines Schriftstellers wie Jeff Vandermeer widmet, der mit seiner Southern-Reach-Trilogie rund um eine biologisch abnorme Sphäre der Genre-Literatur neue Richtungen offenbart hat. Alex Garland hatte 2018 dann den ersten Band unter dem Titel Auslöschung kongenial verfilmt. Sein gespenstischer Abenteuerthriller mit Natalie Portman ist Wissenschafts-SciFi vom Allerfeinsten, doppelbödig, bizarr und philosophisch. The Gorge hat Ansätze dazu, liefert atemberaubende Bilder, wie gemalt und aus opulenten Visionen ins Medium Film hinübergerettet. Es lohnt sich, diese Schlucht, diesen Abgrund zu erkunden, gemeinsam mit zwei integren, motivierten Junior-Spezialisten, die durch Farbwelten taumeln und Morbid-Phantastisches erleben. All das zu den mitreissenden, geschmackvoll dreckigen Vibes von Trent Reznor und Atticus Ross.

Nach einem vielversprechenden Anfang und einem illustren Mittelteil gerät dann aber auch Derricksons Schluchten-Picknick für den Valentinstag ins Stocken. Sigourney Weaver als zwielichtige Führungskraft, die den Höllenschlund bewachen will, nichts ahnend, dass dies bereits Buffy Summers in ebendieser Serie getan hat, ist zwar immer wieder gern gesehen, bleibt aber mit ihrem banalen Steckbrief, den Antagonisten in Mainstreamfilmen häufig mit sich schleppen, ziemlich blass. Das Mysteriöse im Unklaren zu lassen ist wie der Horror Vacui – die Scheu vor der Leere. Hier ist es die Angst vor dem Unerklärlichen, die so manches US-Studio dazu verleitet, von allem den Schleier des Kryptischen zu nehmen. Und als wäre diese Ernüchterung nicht schon genug, lässt The Gorge auch nicht zu, seinen kritischen Science-Fiction-Ansatz weiterzuspinnen, zumindest dorthin wuchern zu lassen, wo die romantische Poesie des Schmerzlichen wohnt. Die kitschige Harmonie am Ende des Films vereitelt eine auf der Hand liegende, ambivalente Conclusio, die viel mehr Emotionen mit sich gebracht hätte als es schlussendlich der Fall ist.

The Gorge (2025)

Mandy (2018)

WAHNSINN, ICH GEH FÜR DICH DURCH DIE HÖLLE

6/10


mandy© 2018 Plaion Pictures

LAND / JAHR: USA, BELGIEN 2018

REGIE: PANOS COSMATOS

DREHBUCH: PANOS COSMATOS, AARON STEWART-AHN

CAST: NICOLAS CAGE, ANDREA RISEBOROUGH, LINUS ROACHE, NED DENNEHY, OLWEN FOUÉRÉ, LINE PILLET, BILL DUKE, RICHARD BRAKE U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Wer hätte damals gedacht, dass Nicolas Cage im Herbst des Jahres 2018 dem Slash Filmfestival tatsächlich die Ehre erweisen würde. Laut Slash-Mastermind Markus Keuschnigg kam er, sah sich um und ging wieder. Doch immerhin: Er hostete damit seine Rache-Phantasmagorie Mandy, die Autorenfilmer Panos Cosmatos als Reminiszenz an den Hippie-Drogenrausch der ausklingenden Sechziger und beginnenden Siebziger anlegt, als nostalgische Konservierung einer längst vergangenen New Hollywood-Revolution im Kino, an das Haare schwingende Aquarius und dem Lebensgefühl aus Woodstock. Das klingt natürlich nach beschwingten Vibes, doch Mandy ist alles andere als das. Panos Cosmatos bricht mit den Dogmen und korrumpiert eine verklärte Ära so sehr, dass er diese als Albtraum manifestiert. Als der Realität entfremdetes Konstrukt, aufgeblasen wie die Opfer eines exaltierten Avantgardisten, getaucht in die Lieblingsfarbe Rot, konturiert durch sattes Schwarz. Grobkörnig, in der Bewegung verzerrt und tragödienhaft manieriert wie der düsterste Shakespeare, der je geschrieben wurde.

Dass hier Sehgewohnheiten strapaziert werden und es Cosmatos vor allem darum geht, sein Publikum aus jener Bequemlichkeit zu holen, welche die Sichtung von Bewährtem auf die Dauer mit sich bringt, mag den Genre-Kunstfilm bereichern. Bild und Ton verschmelzen zu einer Bilderorgie, die immer wieder in ihrer eigenen Ambition ertrinkt und auch zu viel in sich hineinstopft, um sich dann, ebenfalls in Rot, im übertragenen Sinn zu übergeben, um dann weiterzuvöllern im theatralischen Gebaren der beiden Hauptdarsteller – eben Nicolas Cage und der fulminante Linus Roache, den Vikings-Fans als den angelsächsischen König Egbert mit Sicherheit in Erinnerung behalten haben. Seine Dialoge mit Travis Fimmel als Ragnar Lodbrok sind legendär. In Cosmatos‘ Actionhorror probiert er sich als manische, gottgleich angesehene Leitfigur eines obskuren Sektenkults, der, unterwegs mit seiner sinistren Entourage, der faszinierenden und titelgebenden Mandy (entrückt: Andrea Riseborough) begegnet, die ahnungslos die Straße entlangwandert. Sie ist schließlich die bessere Hälfte von Cage, der im Grunde ein zufriedenes Leben führt, wäre da nicht die Besitzgier des teuflischen, gern mit nacktem Oberkörper agierenden Antagonisten, der das engelsgleiche Opferlamm für sich haben will – und diese in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem sicheren Zuhause entführt. Cage ist verzweifelt, will die Liebe seines Lebens wieder zurückholen, scheitert anfangs aber und muss dabei zusehen, wie Mandy der Tod ereilt. Danach gibt‘s kein Halten mehr: Cages gemarterte Figur erlangt jene Manie wie sein Widersacher sie besitzt. Wut, Obsession und Aggression brechen sich Bahn und hinterlassen eine Blutspur im grobkörnigen Stil. Eine Kettensäge ist dabei nur eine der Utensilien, die Cage in die Finger bekommt, um alles und jeden zu meucheln, der die Unterwelt bevölkert. Dazwischen dämonische Biker, fratzenhaft und mit verzerrten Stimmen, wohlweislich im Gegenlicht und als kämen sie vom Set eines George Miller, der sich am Mad Max-Franchise abarbeitet. 

Ja, Cage geht grinsend durch die artifizielle Hölle. Dramaturgisch hat Cosmatos dafür aber keinerlei Ideen – was er wiederum versucht, durch seine unverkennbare Optik wieder auszugleichen. Nur: Optik allein reicht nicht immer. Vorallem nicht, wenn diese nur minimal variiert wird. Schwülstig, dampfend, wabernd, als Drogenrausch überstilisiert, laufen die filmischen Methoden im Kreis, treten auf der Stelle – abwechslungsreich ist Mandy daher nicht. Sondern ein einziger, fetter Brocken; sättigend, nicht leicht verdaulich und noch dazu nährstoffarm.

Mandy (2018)

Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim (2024)

IM PULSSCHLAG VON TOLKIENS WELT

8/10


schlachtderrohirrim© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, JAPAN 2024

REGIE: KENJI KAMIYAMA

DREHBUCH: PHOEBE GITTINS, ARTY PAPAGEORGIOU, JEFFREY ADDISS, WILL MATTHEWS, BASIEREND AUF DEM ROMAN VON J. R. R. TOLKIEN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): BRIAN COX, GAIA WISE, LUKE PASQUALINO, MIRANDA OTTO, LAURENCE UBONG WILLIAMS, LORRAINE ASHBOURNE, SHAUN DOOLEY, BILLY BOYD, DOMINIC MONAGHAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Ich muss gestehen: Die Kunstform des japanischen Anime-Films und ich haben so unsere Annäherungsprobleme, obzwar ich mit so manchem aus dem Kinderprogramm der Achtziger aufgewachsen bin: Biene Maja, Heidi, Perrine, Niklas – alles Produktionen unter anderem aus den Studios der Nippon Animation, bis auf Heidi, die gehörte Zuiyo Enterprise. Hinterfragt haben wir die Darstellung der Figuren und den Zeichenstil damals natürlich nicht, die großen Münder, die großen Augen, das war alles selbstverständlich, obgleich etwas befremdend im Gegensatz zu anderen Animationsserien, die das nicht ganz so hatten. Den Stil des Anime muss man mögen – oder auch nicht. Franchises wie One Piece oder Dragon Ball können mich nicht abholen, die ganzen Klassiker, von Chihiros Reise ins Zauberland über Mein Nachbar Totoro bis hin zu Akira – sie alle stünden noch auf meiner Watchlist, würde ich es in Betracht ziehen, mich mit diesem Genres trotz meiner Verschnupftheit gegenüber seiner Machart auseinanderzusetzen. Vielleicht muss man andere Franchises bedienen, die Fans ganz anderer Welten längst liebgewonnen haben. Wie wärs mit Star Wars? Da gibt es die Anthologieserie Star Wars Visions auf Disney+. Zahlreiche Künstler des Anime haben dort Versatzstücke der weit entfernten Galaxis neu- und nachinterpretiert. Ein Experiment, das nur bedingt aufgeht. Anders verhält es sich da schon mit Mittelerde und allem, was vor, nach und während der Ringkriege so passiert sein mag.

Den Versuch wagt diesmal Kenji Kamiyama, der bei Star Wars Visions mit seiner Episode The Ninth Jedi bereits vertreten war. Und verarbeitet eine Erwähnung aus den Anhängen der Herr der Ringe-Romane von J. R. R. Tolkien zu einem schicksalhaften Epos rund um die Völker von Rohan, angesiedelt ungefähr zweihundertfünfzig Jahre vor der Sache mit dem einen Ring, und eingebettet in die für Kenner und Fans bereits vertraute, wohlbekannte und griffige alte neue Welt der weiten Täler, Grassteppen und unwirtlichen Gebirgszüge, in deren zerklüfteten Flanken sich so manche aus Menschenhand erbaute Burg aus den Schatten quält. Eine davon ist uns wohlbekannt. Damals nannte man sie Hornburg, nach den heldenhaften Taten eines Königs namens Helm Hammerhand treffend Helms Klamm getauft. Eine Festung sondergleichen, eine unbezwingbare letzte Bastion, aus der es, wird sie mal belagert, kaum ein Entkommen gibt. In Der Herr der Ringe – Die zwei Türme grölte vor den Mauern die unzählbare Meute blutdürstender Orks unter der Führung des sinistren Zauberers Saruman (der auch hier einen kleinen Cameo-Auftritt absolviert – mit der Stimme Christophers Lees). Jahrhunderte früher war es eine Handvoll Dunländer, die sich die Kampfeslust der Bergvölker zu eigen machen, um sich die Herrschaft der Provinz Edoras unter den Nagel zu reissen. Heerführer Wulff, emotional geblendet, rachelüstern und beleidigt wie ein kleines Kind, will Helm Hammerhand, der seinen Vater auf dem Gewissen hat, samt seiner Sippschaft vom Boden Mittelerdes tilgen. Hammerhands Tochter, die rothaarige und pferdeliebhabende Héra, hat Wulff einst den Laufpass gegeben, umso mehr wuchert die Kränkung in des Gegners einfachem Gemüt. Es kommt, wie es kommen muss, die Schlacht der Rohirrim wird in diesem Anime-Abenteuer ausgetragen werden, bildet aber nicht den Höhepunkt des Films, sondern darf vielmehr als Rad des Schicksals die Parameter neu verteilen.

Mit viel Gespür für die Seele von Tolkiens Welt und einer Lust am Erzählen von Märchen und Legenden, als würde man als Hobbit am Lagerfeuer irgendwo in den Wäldern des Auenlandes sitzen und erfahrenen Reisenden bei ihren genüsslichen Vorträgen an den Lippen hängen, so wirkt Der Her der Ringe: Die Schlacht de Rohirrim auch auf mich. Anders als die von den amazon studios ins Leben gerufene Serie beweist der Stoff, aus dem die epische Fantasy erstanden sein mag, das Zeug dazu, auf der großen Leinwand viel besser zu funktionieren als auf dem Abspielgerät des Streamers. Der Herr der Ringe gehört ins Kino, Der Herr der Ringe funktioniert nur dann, wenn die Geschichte den Mut hat, weitestgehend stringent erzählt, anstatt andauernd von Nebengeschichten zerrissen zu werden. Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht leidet darunter, zu viele Schauplätze auf einmal zu bespielen. So funktioniert das Erzählen von Legenden nun mal nicht. Wenn es hochkommt, können zwei Erzählstränge parallel laufen, um einander zu ergänzen. Frodos Odyssee zum Schicksalsberg auf der einen, die Abenteuer der übrigen Gefährten auf der anderen Seite. Die Schlacht der Rohirrim besinnt sich auf den Erzählstil von Mittelerde und macht somit alles richtig. Schafft dadurch auch Atmosphäre und elegantes Pathos, vermengt sein großes Drama mit Howard Shores Gänsehaut-Klängen und nachhaltigen Wendungen, die diesem Teil Mittelerdes eine glamouröse Bedeutung verleihen, die wiederum in den späteren Filmen ihren Widerhall findet.

Meine vom Fotorealismus verwöhnten Augen gewöhnen sich überraschend schnell an den Stil des Anime. Siehe da, die reduzierte Mimik der Gesichter schafft Spielraum für die eigene Imagination der Heldinnen und Helden, die Geschichte ist der Optik untergeordnet und kann sich entfalten. Kamiyamas Film gerät dadurch zum leidenschaftlichen Herrscherinnendrama und legt den Grundstein für so starke Figuren wie Thronerbin Éowyn, die im Grande Finale der Ringe-Trilogie dem Hexenmeister den Feminismus erklärt. In einem Guss erzählt und eingebettet in das große Mysterium der Kerngeschichte des dritten Zeitalters, spürt das Franchise endlich wieder den Pulsschlag von Tolkiens Welt.

Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim (2024)