Die Nacht der lebenden Toten (1968)

METAPHER DER ENTMENSCHLICHUNG

7/10


© 1968 George A. Romero


ORIGINALTITEL: NIGHT OF THE LIVING DEAD

LAND / JAHR: USA 1968

REGIE: GEORGE A. ROMERO

DREHBUCH: GEORGE A. ROMERO, JOHN A. RUSSO

CAST: DUANE JONES, JUDITH O’DEA, KARL HARDMAN, MARILYN EASTMAN, KEITH WAYNE, JUDITH RIDLEY, KYRA SCHON, RUSSEL STREINER U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Die lebenden Toten sind längst nicht nur mehr das: Sobald der Mensch aufgrund von Viren, Sporen, Strahlen oder sonstigen höheren unnatürlichen wie natürlichen Mächten seine Vernunft verliert und nur noch, von Instinkten getrieben, außer Rand und Band gerät, ist die dominierende Spezies des Planeten ihrem Untergang geweiht. Die Endzeit bricht herein, und die Szenarien, die darauf folgen, sind allesamt ähnlich. Eine Gruppe noch nicht Infizierter rottet sich zusammen, um die Essenz des Menschseins oder das, was das Menschsein eben ausmacht, um alles in der Welt zu schützen. Meist suchen sie gemeinsam einen Zufluchtsort, der in den noch verbliebenen Nachrichtenquellen durchgegeben wird. 28 Days Later, Dawn of the Dead, The Last of Us – Filme und Serien beschreiben Irrfahrten durch ein verwüstetes Land, bevölkert von tumben Kreaturen, die noch vage an unsere Vergangenheit erinnern: Zombies. Dass sie aus den Gräbern kommen, war vielleicht im Musikvideo Thriller so. In Die Nacht der lebenden Toten, dem ersten neuen Zombiefilm des New Hollywood, muss der Mensch immerhin erst sterben, um von einer Rage und einem Appetit ergriffen zu werden, der ihn letztendlich sowieso in den Untergang führen wird. Schon mal zu Ende gedacht? Gibt’s nur noch Zombies auf dieser Welt, werden ohne Frischfleisch folglich alle verhungern.

Dieser Film hier aus dem Jahre 1968 ist bekannt dafür, jene Sonderstellung zu genießen, die beinhaltet, in die Filmsammlung des Museum of Modern Art aufgenommen worden zu sein und als Beitrag zur National Film Registry als erhaltenswertes Kulturgut verstanden zu werden. Schön und gut, diese Ehre teilt Romeros Film auch mit Alien oder 2001: Odyssee im Weltraum. Das muss man nicht extra erwähnen. Oder doch? Zumindest ist George A. Romero mit seinem Film eine Pionierarbeit gelungen, die damals wohl das eine oder andere Tabu hat brechen wollen. Wie zum Beispiel jenes des Kannibalismus. In einer expliziten Szene wird deutlich, wie eine Handvoll Zombies an Knochen nagen, die womöglich menschlicher Natur sind. Ein Schock für damalige Verhältnisse. Heutzutage kostet es dem Walking Dead-geeichten Publikum nicht mal das Zucken mit der Wimper. Der Skandal mag überholt sein – die künstlerische Ausarbeitung ist es vielleicht nicht. Denn Zombie-Filme in Schwarzweiß, die bereits jene Versatzstücke zeigen, die bis heute verwendet werden, sind mir sonst keine bekannt.

Auch der Plot des Films ist bereits zigmal imitiert, neuinterpretiert und verarbeitet worden: Zu Beginn des Films begibt sich ein Geschwisterpaar auf einen Friedhof, um das Grab des Vaters zu besuchen. Und schon passiert es: Beide werden von einem wild gewordenen Mann attackiert, scheinbar geistesgestört, in Wahrheit aber ein Untoter. Davon wissen die beiden aber noch nichts (da sie womöglich noch keinen Zombiefilm gesehen haben). Sie finden Unterschlupf in einem verlassenen Farmhaus, wo sie noch auf andere Überlebende treffen, die sich den Bissen der Marodeure erwehren konnten. Die klaustrophobische, beklemmende Stimmung des Films nimmt zu, als alle hier Anwesenden, längst mit dem Rücken zur Wand stehend, das Haus verbarrikadieren, um auszuharren, bis militärische Hilfe kommt und sie alle evakuiert.

Man kann sich denken, was passiert. Man hat das auch schon oft gesehen. Zum ersten Mal aber bei Die Nacht der lebenden Toten. Mir gefällt die klassische Darstellung des trägen humanoiden Gemüses, das im Gegensatz zum späteren Dawn of the Dead (kongenial neuverfilmt von Zack Snyder) oder Danny Boyles 28 Days Later, nur langsam vor sich hin torkelt und leicht zu bewältigen wäre. Das fördert eine Diskrepanz in so mancher brenzligen Szene, doch George A. Romero kommt der für einen Spannungsfilm wenig förderlichen Verhaltensweise mit der schieren Masse entgegen. Ein nicht enden wollender Strom Untoter belagert die letzte Zuflucht, die Ausnahmesituation schafft auch innere Spannungen in der Gruppe, da jeder eine eigene Vorstellung davon hat, mit der Notlage klarzukommen.

Filmgeschichtlich betrachtet ist Die Nacht der lebenden Toten auf jeden Fall ein Must-See, um zu erfahren, womit alles angefangen hat. Was noch hinzukommt, ist Romeros Tendenz zum Nihilismus. Völlig frei im Gestalten seiner katastrophalen Endzeit, verortet das Werk seine Kernqualität in einem misanthropen Zynismus, der sozialpolitische Verhaltensabnormen als zermürbende Allegorie darstellt. So gesehen sind Genozide wie der Holocaust oder das spätere Schlachten in Ruanda Mitte der Neunziger der reale Ursprung für Apokalypsen wie diese, welche die Entmenschlichung widerspiegeln. Der Zombiefilm als politische Warnung, auch wenn die Ursache für den todbringenden Anarchismus in Romeros Film einer Strahlung zugrundeliegt – die wiederum mit medialer Gehirnwäsche gleichzusetzen wäre.

Die Nacht der lebenden Toten (1968)

Don’t Move (2024)

BEWEGUNG IST LEBEN

7/10


DON’T MOVE© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: BRIAN NETTO, ADAM SCHINDLER

DREHBUCH: DAVID WHITE, T. J. CIMFEL

CAST: KELSEY ASBILLE, FINN WITTROCK, DANIEL FRANCIS, MORAY TREDWELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Es gibt doch dieses gruselige körperliche Phänomen, und ich weiß, es ist kein Phänomen, sondern fühlt sich nur so an als wäre es eines – nämlich das der Schlafparalyse. Die Muskeln des Körper sind, während wir träumen, sozusagen lahmgelegt. Manchmal kommt es vor, dass man nur halb aus einem Traum erwacht und eigentlich schon aufstehen will, doch es funktioniert nicht, denn diese Lähmung hält an. Meist geht das einher mit verstörenden Halluzinationen und auch mit Panik, bis sich langsam, aber doch, der Zustand normalisiert. Was ich damit sagen will: Bleibt einem die Bewegung versagt, auch wenn man noch so gerne aktiv werden will, dann ist das ein Albtraum. Oder ein Wachtraum. Oder ein Film namens Don’t Move. Denn dort passiert genau das: Eine Frau wird eines Tages von einem Serienkiller fast schon im wahrsten Sinne des Wortes aufs Kreuz gelegt – mit anderen Worten: paralysiert. Das passiert mit einem Mittelchen, dass die gesamte Muskulatur außer Gefecht setzt. Wie das lähmende Gift eines Kugelfischs, und der ist beileibe nicht die einzige Spezies aus dem Tierreich, die solche Mechanismen gegen ihre Feinde an den Tag legt. Diese Frau also, Iris heisst sie, weiß gar nicht, wie ihr geschieht, als sie eines Morgens, um den Kopf freizubekommen und um ein tragisches Schicksal, das ihr als Mutter wiederfahren ist, einen Schritt weiter zu verarbeiten, auf einen frühmorgendlichen Wanderer trifft. An sich nichts besonderes, denn es heisst ja: Im Frühtau zu Berge und so weiter und so fort.

Dieser Mann, zuerst voller Verständnis für die Gemütslage von Iris, die an diesem Morgen an dieser Klippe in der Wildnis ihr Innerstes offenbart, entpuppt sich als Psychopath par excellence, der seine Opfer gerne willenlos macht, um sich andernorts an ihnen zu vergehen. Pfui Teufel, kann man da nur sagen, und als Iris davon erfährt, hat sie das Zeug zwar intus, schafft  es aber zumindest noch einige Meilen durch den Wald, bevor ihr langsam die Motorik versagt. Zuerst die Beine, dann die Arme, dann überhaupt die Wahrnehmung. Wir ihr der Killer bereits prognostiziert hat: Irgendwann ist es dann auch mit der Atmung dahin, würde sie nicht ein Antiserum injiziert bekommen, das sie zumindest Luft holen lässt.

Der knackige, auf Zug inszenierte 90-Minüter Don’t Move präsentiert sich als spät im Jahr erschienenes Thriller-Highlight auf dem Streamer Netflix. Im Thriller-Genre ist schließlich alles schon mal dagewesen – ein Bus, der nicht langsamer werden darf, ein Jason Statham, der seinen Pulsschlag nicht unter ein gewisses Level bringen darf, mal steckt Ryan Reynolds im Sarg oder zwei Freundinnen auf einer kleinen Plattform in schwindelnder Höhe wie in Fall. Die Idee, die Protagonistin zu paralysieren und ihr dennoch die Chance zu geben, sich wie auch immer gegen den Aggressor zu wehren, ist ein kluges Gedankenspiel, straff umgesetzt als Survivalthriller der anderen Art, der weniger die Tücken der Natur herausfordert als die Tücken des menschlichen Körpers, um bewusst zu machen, wie sehr es notwendig ist, in Bewegung zu bleiben und wie sehr man sich selbst bewusst machen soll, was für ein Geschenk man genießt, hat man noch alle Extremitäten voll funktionstüchtig im Alltag im Einsatz.

Beim Mitfiebern in Don’t Move ertappt sich das Publikum selbst dabei, wie es körperlich mitgeht. Und weiß, zumindest aus Träumen, wie es ist, nicht vom Fleck zu kommen, obwohl man möchte. Mit diesem Horror spielen Brian Netto und Adam Schindler auf originelle, perfide und auch augenzwinkernde Weise. Die Unzulänglichkeiten und das, was man intuitiv und improvisatorisch daraus macht, ist die eigentliche Sensation des Films, wobei Kelsey Asbille (Yellowstone, Fargo) in Finn Wittrock ihre Nemesis gefunden hat – und umgekehrt. Klein und gemein präsentiert sich dieser morgendliche Ausflug, Wittrock darf so richtig fies sein, Asbille so richtig ihren Grips benutzen, um ihr Überleben zu sichern. Die moralische Tendenz des Films ist früh aus dem Sack, es ist bald sehr wahrscheinlich, wohin sich die Sache entwickeln wird und wem die Gunst des Schicksals natürlich gewogen bleibt und wem nicht. Dieser Zickzackkurs ist vorhersehbar, nicht aber das Wie. Und dieses Wie ist es dann auch, was Don‘t Move als sehenswertes, physisch eingeschränktes, aber psychisch in die Vollen gehendes, ungeahnte Kräfte mobilisierendes Duell so interessant macht.

Allerdings ist der im Befehlston gehaltene Titel Don’t Move bei genauerer Betrachtung irreführend. Schließlich geht es niemals darum, stillzuhalten.

Don’t Move (2024)

Blair Witch Project (1999)

DER HORROR DES VERIRRENS

8/10


the-blair-witch-project©1999 Lionsgate

ORIGINALTITEL: THE BLAIR WITCH PROJECT

LAND / JAHR: USA 1999

REGIE / DREHBUCH: DANIEL MYRICK, EDUARDO SÁNCHEZ

CAST: HEATHER DONAHUE, JOSHUA LEONARD, MICHAEL C. WILLIAMS U. A.

LÄNGE: 1 STD 18 MIN


Zum 25 Jahre-Jubiläum zeigt Markus Keuschnigg im Rahmen seines diesjährigen Slash Filmfestivals abermals die Mutter aller Found Footage Filme auf großer Leinwand. Es wäre die Gelegenheit für jene, die den Hype von damals verpasst haben. Ich selbst kam vor Kurzem erst in den Genuss dieses Kultfilms mit einer der wohl besten Marketingstrategien aller Zeiten. Ist ein Film schließlich Pionier in einem eigens gegründeten Genre, welches es vorher so noch nicht gegeben hat, lässt sich das Publikum auch so behandeln, als setze es ihren Fuß auf eine Terra incognita, die wohl so einige Überraschungen und vor allem das Unerwartete bereithalten kann. Mit Blair Witch Project ließen sich schließlich Millionen an der Nase herumführen. Warum? Weil bis dahin Fake News noch etwas waren, was man maximal in der Zeitung las. Weil Dokumentationen – und nicht Propaganda – einfach nur dazu da waren, das interessierte Volk aufzuklären und nicht für dumm zu verkaufen. Für dumm verkauft wurde es zumindest anfangs doch – nach diesem PR-Gag wurde dann langsam klar: Dieser Film tut nur so als ob. Doch wie er das macht, ist so erschreckend glaubwürdig, dass man beim Zusehen darauf vergisst, sowieso schon längst des Besseren belehrt worden zu sein. Sieht man Blair Witch Project, will man um alles in der Welt daran glauben. Found Footage macht’s möglich.

Dieses Genre rund um random liegengelassene oder aufgefundene Beweismittel von verschollenen Forschern, Wissenschaftlern oder Studenten avancierte zu einer Unmenge an Geld lukrierenden, weil günstig produzierbaren Methode, vorzugsweise den Horrorfilm zu bedienen. Grobkörnige, schlecht gefilmte und verwackelte Videos, die den alten Aufnahmen von Geistern, Ufos und kryptozoologischen Phänomenen wie dem Bigfoot ähneln, wurden auf Spielfilmlänge gestreckt. Blair Witch Project schafft es auf knapp 80 Minuten, einzig und allein bestehend aus den Aufnahmen einer Handkamera, die das Unmögliche festgehalten hat: Die vermeintliche Evidenz einer unerklärlichen, bedrohlichen Macht in Form hexischer Zauberei. Drei Studenten, die den Beweis erbrachten, bleiben verschwunden. Ihre letzten Tage lassen sich einsehen. Und da erblicken wir im Grunde nicht viel außer den tiefen, unendlichen Herbstwald, rasch errichtete Camps, einen Flusslauf, keine geographisch markanten Anhaltspunkte, um wieder den Weg zurückzufinden und des Nächtens die alles verschluckende Finsternis. Als wären Hänsel und Gretel in den Forst unterwegs und hätten darauf vergessen, Brotkrumen zu streuen, setzen Daniel Myrick und Eduardo Sánchez auf den expliziten Horror des Verirrens und der Panik, die dann aufkommt, wenn langsam sickert, inmitten irrlichternder Botanik elendiglich zugrunde gehen zu müssen. Das Spiel mit den Urängsten als Blinde-Kuh-Horror hat begonnen.

Blair Witch Project ist, so simpel der rote Faden dieser Fake-Doku auch gestrickt scheint, äußerst klug fabriziert. Die Kreativlinge hinter dem Projekt setzen weder auf bekannte Horror-Versatzstücke noch auf Jump Scares noch auf Monster, die sich aus dem Dunkel schälen. Statt Geheimnissen auf den Grund zu gehen, schürt der Footage-Film das Unheimliche durch die Unmöglichkeit, jemals das Paranormale erklären zu können. In präzisen, ich will nicht sagen in homöopathischen, aber punktgenauen Dosen etabliert sich das Mysteriöse in gruseliger Akustik, seltsamen Geräuschen und bizarren Gebilden, die das Territorium als ein Verbotenes ausweisen. Wo Myrick und Sánchez aber in die Vollen gehen, ist, den emotionalen Notstand zu dokumentieren, welchem die Verirrten ausgesetzt sind. In ihrer Verzweiflung spiegelt sich all die Bedrohung von Seiten einer Natur, die so gnadenlos perfide manipuliert zu sein scheint.

Auch nach so vielen Jahren hat Blair Witch Project nichts von seiner Wirkung und seiner kreativen Genialität eingebüßt. Wie man sieht, ist es immer wieder mal möglich, in der Welt des Films weiße Flecken zu erwischen, die das bisher Dagewesene um Inspirierendes ergänzen. Nicht umsonst hält das Genre bis heute, auch nach schwächelnden Phasen. Paranormal Activity, Cloverfield oder André Øvredals Trollhunter sind Beispiele dafür, wie spielerisch sich dieses Konzept variieren lässt.

Blair Witch Project (1999)

Wolfsnächte (2018)

SO FINSTER DIE WILDNIS

6,5/10


wolfsnaechte© 2018 A24 / Netflix


ORIGINALTITEL: HOLD THE DARK

LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: JEREMY SAULNIER

DREHBUCH: MACON BLAIR, NACH DEM ROMAN VON WILLIAM GIRALDI

CAST: JEFFREY WRIGHT, RILEY KEOUGH, ALEXANDER SKARSGÅRD, JAMES BADGE DALE, MACON BLAIR, JONATHAN WHITESELL, JULIAN BLACK ANTELOPE, ERIC KEENLEYSIDE, SAVONNA SPRACLIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Dass in den Wäldern Nordamerikas längst finstere Mächte ihre Spiele spielen und den vulnerablen Geist der den Gesetzen der Natur unterworfenen Bewohnern ordentlich zusetzen, ist nicht erst seit dem Mystery-Serienjuwel Twin Peaks bekannt. Dass Homo sapiens in der Einschicht des Waldes und der Wildnis zu Entsetzlichem fähig ist, durfte Burt Reynolds am eigenen Leib erfahren, da er unter John Boormans Regie beim Sterben der erste war. Im Fahrwasser dieser finsteren Backwood-Ausgeburten ächzen mittlerweile jede Menge geistige wie körperliche Missgeburten seelenquälend durchs Gehölz, auch das Necronomicon findet sich in einer Hütte im Wald. Es zu lesen, entfesselt nichts Gutes. In dieser Finsternis aus allerlei Abgründen und bedrohlicher Waldesruh darf man als Wanderer durch den Tann natürlich nicht vergessen, dass auch die lokale Tierwelt gerne mal zu Eskapaden neigt. In diesem Fall sind es Wölfe, und ja, Isegrim ist auch in Österreich wieder auf dem Vormarsch, sehr zum Leidwesen diverser Viehhöfe, die gar nicht mehr damit nachkommen, ihre Schafe und Lämmer zu Grabe zu tragen. Der Wolf tut dabei nur das, was er tun muss. Ihn abzuschießen, ist längerfristig wohl keine gute Lösung – es wäre wegen dem Arterhalt. Wenn sich dann aber – wie in Jeremy Saulniers Horrorthriller Wolfsnächte – der Wolf an einem Menschen vergreift, ist es Schluss mit lustig. Ein kleiner Junge wird vermisst, der Spross der sonderbaren Medora Sloane, die den Wolf-Experten Russel Core (Jeffrey Wright) inständig darum bittet, der Sache nachzugehen und ihren Jungen wiederzufinden, wurde er doch zuletzt beim Spielen am Fluss gesehen, um kurz darauf vom Erdboden verschluckt zu werden. Für Core ein sonderbarer Umstand, doch er erklärt sich bereit, den „Maneater“ aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Was er dabei entfesselt, sind eingangs erwähnte archaische Mächte, das Öffnen eines Tores in eine metaphysische Welt, in der Mensch und Tier plötzlich gar nicht mehr so verschieden sind, in welcher der Instinkt und nicht der Verstand über Taten entscheidet. Die überdies erschreckend sind.

Im Gegensatz zu Wolfsnächte sind The Grey mit Liam Neeson oder Mörderischer Vorsprung mit dem legendären Sidney Poitier ja fast schon wie winterliche Pauschalabenteuer. Jeremy Saulniers Verfilmung des Thrillers von William Giraldi ist zwar längst nicht so verspielt albtraumartig wie das, was in David Lynchs Kleinstädtchen Twin Peaks passiert, dafür aber sind die Bandagen um einiges fester angelegt – und konkreter. Alexander Skarsgård will dabei ähnlichen Schrecken verbreiten wie sein Bruder Bill als Pennywise. Dieser Vernon Sloane ist zwar nicht das Böse höchstselbst, dafür aber besessen von archaischen Dämonen. Und nicht nur er: Riley Keough, Enkelin von Elvis und Priscilla Presley, begegnet der feuchtkalten Winterstimmung Alaskas mit unheilvollen Maskenmotiven aus uralten indianischen Mythologien. Vieles ist finster und bedrohlich in dieser vollmundigen, phantastisch angehauchten Mystery. Und dennoch lässt die manische Überlegenheit – wenn nicht gar Überheblichkeit – der mit den Schattenseiten der Natur im Bunde stehenden Figuren eine gewisse Unzufriedenheit hochkommen. Demgegenüber steht die bedauernswerte Ohnmacht einer desillusionierten, mit allen Mitteln eine gewisse Ordnung gewährleistenden Provinz-Gesellschaft, die dem verheerenden Zynismus krimineller Ausgeburten wenig entgegensetzen kann. Man selbst als Zuseher fände das eine oder andere Mal weitaus effizientere Lösungen mit weniger Kollateralschäden, und die Gewissheit, es letztlich besser gemacht haben zu können, und verbunden mit der Wut auf diese Arroganz der Bösen, die glauben, mehr zu wissen als der Rest der Welt, bleibt die Faszination für diesen durchaus nihilistischen Düsterthriller endenwollend. Man würde sich wünschen, die Finsternis eines besseren zu belehren. Eine Sehnsucht, die leider nicht gestillt wird.

Wolfsnächte (2018)

Damsel (2024)

DRACHENZÄHMEN ZU LEICHT GEMACHT

4/10


damsel© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: JUAN CARLOS FRESNADILLO

DREHBUCH: DAN MAZEAU

CAST: MILLIE BOBBY BROWN, SHOHREH AGHDASHLOO, RAY WINSTONE, ANGELA BASSETT, NICK ROBINSON, ROBIN WRIGHT, MILO TWOMEY, BROOKE CARTER, NICOLE JOSEPH, ULLI ACKERMANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Der gute alte Nibelungen-Recke Siegfried soll dem Drachen Fafnir sein Schwert Gram – wahrscheinlich rücklings liegend, während die Bestie über ihn kam – ins Herz gestochen haben. So geht Drachentöten, meint die Legende. Als Dank dafür konnte der Muskelberg im unverwundbar machenden Blut des Drachen baden. An dieser Stelle sei vermerkt: Doofes Lindenblatt. Denn oft sind es Kleinigkeiten wie diese, die einen Rattenschwanz an Problemen nach sich ziehen. Als sprichwörtliches Lindenblatt lässt sich auch das Skript zum verheißungsvollen Fantasy-Event Damsel bezeichnen. Es klebt feuchtnass auf den Schultern einer beeindruckend ehrgeizigen Milly Bobby-Brown, der vermutlich von Anfang an klar war, dass der Plot wenig taugt, sie aber nicht verantwortlich dafür sein mochte, an den Mängeln des Filmes beigetragen zu haben.

Trotz Lindenblatt bietet die Stranger Things-Ikone eine ganze Bandbreite an schmerzgeplagten Lauten, angefangen vom verzweifelt-überraschten Kreischen nach dem Plumpsen in die Grube bis hin zum Zähnezusammenbeissen bei Brandwunden zweiten Grades, denn das Feuer des Drachen ist heiß wie eine Esse. Alles schmilzt unter dieser Intensität, da hat Prinzessin Elodie noch einmal Glück gehabt. Dieses Glück, das wird sie immer wieder haben, direkt lästig wird die Gunst des Schicksals, man möchte es loswerden, und vielleicht will Bobby Brown genau das: Nicht immer den Vorteil genießen, sondern auch mal mit dem Nachteil leben. Studios wie Netflix und überhaupt das kapitalistische Hollywood packt die panische Angst dabei, ihr Publikum zu überraschen. Man weiß schließlich nicht, wie es darauf reagieren würde, wären die Erwartungen mal konterkariert. In Damsel – die Bezeichnung für ein zart besaitetes Fräulein – weiß Prinzessin Elodie zumindest, wie man eine Axt schwingt. Sie ist also eine von jenen Jung-Adeligen, die nicht mehr dem Hofzeremoniell folgen, sondern ihren eigenen Kopf durchsetzen möchten. Elodie hat Muckis und Schneid, das sind schon mal gute Voraussetzungen, um einer Verheiratung mit einem weitaus wohlhabenderen Herrscherhaus zuzustimmen, ohne die Befürchtung haben zu müssen, sich vom Patriarchat im Folgenden unterworfen zu sehen.

Selbst nach den ersten Minuten des Films müssten andere bereits die Lunte riechen, die hier entzündet wurde: Warum nur sollte sich ein Königreich, das alles hat, mit einem anderen zusammentun, dass außer einer Braut nichts bietet? Den Argwohn allerdings lassen alle außen vor, und es verwundert nicht mal, wenn der Prinzgemahl ganz offensichtlich zum Polygamisten neigt. Irritierende Prämissen für einen Film, an dem erstaunlich viele Kompromisse die Runde machen, die einen auf allen Kanälen herausposaunten, knackigen Survivaltrip so sehr aufweichen, dass selbst Chantal im Märchenland einem Drachen die Leviten lesen hätte können. Und vielleicht tut sie das auch, im besagten Film – wissen werde ich es nie, da das Fack Ju Göthe Spin-Off nicht auf meiner Watchlist steht. Da war mir Damsel schon lieber, allein deswegen, weil ich an Filmen, von denen ich weiß, es sind Drachen mit im Spiel, einfach nicht vorbeigehen kann. Und zugegeben: Dieser hier kann zumindest damit punkten, aus liebevollem Enthusiasmus für feuerspeiende Kreaturen heraus entworfen worden zu sein. Viel Schnickschnack trägt das Biest, und seit Drachenzähmen leicht gemacht sollte man eher mal den Dialog suchen, bevor man das Schwert schwingt, denn Drachen sind klug – zwar gierig, aber sie lassen mit sich reden. Ausnahme: Bilbo Beutlin und Smaug, da herrschte wohl eher ein kalter Krieg, bevor es glühend heiß wurde. Bei Damsel sind das Duo Drache und Millie Bobby Brown noch das Beste an einem Film, der es seiner Heldin viel zu leicht macht. Das Unerhörteste jedoch ist die völlige Ignoranz hinsichtlich dessen, was Drachen so auf ihrer Habenseite wissen. So sehr unter Wert verkauft wurde selten einer. Kenner solcher Wesen schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Kenner physischer Muskelkraft tun das ebenso. Mit dermaßen aufgeweichten Parametern und einer später völlig obskuren und zweifelhaften Moralvorstellung des Guten dem Bösen gegenüber bleibt nur ein nährstoffarmes Drachenfutter für zwischendurch, serviert von einer in die Vollen gehenden Milly Bobby Brown, deren Schmerzempfinden man gerne selbst haben möchte, um durchs Leben zu gehen. Denn das ist nicht minder hart, als mit einem Drachen zu kämpfen, sagt der Film.

Damsel (2024)

Die Schneegesellschaft (2023)

SCHLACHTFELD ANDEN

6,5/10


schneegesellschaft© 2023 Netflix Inc. 


LAND / JAHR: URUGUAY, SPANIEN, CHILE 2023

REGIE: J. A. BAYONA

DREHBUCH: J. A. BAYONA, BERNAT VILAPLANA, JAIME MARQUES & NICOLÁS CASARIEGO, NACH DEM ROMAN VON PABLO VIERCI

CAST: ENZO VOGRINCIC, MATÍAS RECALT, AGUSTÍN PARDELLA, ESTEBAN KUKURICZKA, FRANCISCO ROMERO, RAFAEL FEDERMAN, TOMAS WOLF U. A.

LÄNGE: 2 STD 23 MIN


Tunlichst sollte man vermeiden, diesen Film zu konsumieren, kurz bevor man selbst abhebt: Im Nachhinein könnte es passieren, und das obligate Ruckeln im Flieger bei so manchen Luftlöchern lässt das Herz stillstehen und das Bordmenü, sofern es eines gibt, schmeckt noch weniger als sonst. Tatsächlich sind Turbulenzen nur selten der Grund für einen Absturz. Fliegt der Pilot allerdings über eine Bergkette, um auf die andere Seite zu gelangen, wären ein paar Höhenmeter mehr zwischen Felsgrat und Fliegerbauch durchaus ratsam. In diesem Fall allerdings, der sich 1972 zugetragen hat und der bereits von Frank Marshall Anfang der 90er mit dem Titel Überleben! verfilmt wurde, wird ein tieffliegender Vogel der Fuerza Aerea Uruguay mit vierzig Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern niemals mehr an seinem Zielort ankommen. Irgendwo in den verschneiten Anden reißt es das Flugzeug in Stücke, das bugseitige Teil der Maschine pflügt sich schlittengleich durch den Tiefschnee, bis es in der Senke eines Gletschers zum Stehen kommt. Gleich zu Beginn das erste Wunder: Die meisten der Passagiere, darunter auch die Spieler einer Rugby-Mannschaft, haben den Crash vorerst überlebt. Eisiger Wind, Schnee und Schmerzen, womöglich der Geruch von Blut und quälende Schreie sind das erste, was der Erzähler des Films, Numa Turcatti, und seine Freunde in die Realität zurückholt. Bereits zuvor, in der Darstellung der großen Katastrophe, beginnend mit der siedend heiß aufsteigenden Angst unter den jungen Leuten, bevor sie noch alle ihr Schicksal ereilt, gibt sich und uns J. A. Bayona (Das Waisenhaus, The Impossible) die komplette Breitseite eines Unglücks. Er filmt das Zittern, das Jammern, das Verkrampfen im Sitz. Er filmt die Gebete, er filmt das Auseinanderbrechen des Fliegers von innen. Wir sehen, wie es das Heck nach hinten reißt, wie Passagiere, an ihre Sitze gegurtet, ins weiße Nichts fallen. Die Kamera wird zum Passagier, zum Überlebenden. Es ist, als sähen wir mit den Augen eines Verunglückten, plötzlich Blackout und dann nichts mehr.

Während Frank Marshall in seinem Film die unaussprechliche Notmaßnahme des Verzehrs von Menschenfleisch ins Zentrum rückt, schenkt Bayona diesem Tabu nicht die größte Wichtigkeit. Natürlich, ohne der posthumen Hilfeleistung der toten Kameraden hätte niemand überlebt. Ungefähr gleichwertig gesellt sich der menschenunwürdige Zustand immerwährender Kälte hinzu, diesem folgt mit Nachdruck die verheerende Gewalt heranrollender Schneemassen – das Ersticken und verzweifelte Luftholen, wenn ausgemergelte, schwer gezeichnete Körper aus der Schneedecke hervorbrechen. Der uruguayische Kameramann Pedro Luque (u. a. Don’t Breathe 1 und 2) rückt den wie in einem Schützengraben während eines Krieges aller menschlichen Grundbedürfnissen bis auf jene der sozialen Interaktion entledigten Gequälten mit Weitwinkelobjektiven so sehr zu Leibe, dass man sich auch hier – wie schon zuvor beim Absturz – der Situation stellen muss. Mit solchen Szenen wird Die Schneegesellschaft nach dem Roman eines Überlebenden zu einer Art Antikriegsfilm im Katastrophengenre. Weder verklärt noch beschwichtigt noch heroisiert Bayona auch nur irgendeinen Umstand oder irgendjemanden in seinem Film – stattdessen ist es der Schmerz und die Angst, die in der Ausgestaltung eines extremen Naturalismus das romantisierte Abenteuer in Stücke reißt.

Die Auseinandersetzung mit menschlichen Qualen ist eine Sache, die andere ist, dass man natürlich weiß, und zwar längst weiß, wie diese Geschichte ausgehen wird. Überlebt haben letztlich 16 Personen. Aufgrund der Menge an Charakteren, die sich trotz Bergszenario und Weitblick auf engstem Raum versammeln müssen, lässt sich mit keinem recht eine Verbindung aufbauen. All die Charaktere bleiben bestenfalls angerissen, grob skizziert, fast schon gegeneinander austauschbar. Trotz der Bemühung, Die Schneegesellschaft aus der narrativen Sicht eines einzelnen zu erzählen, wird das Individuum in dieser Schicksalsgemeinschaft zum kleinen Teil eines großen Ganzen. Wie der Titel schon sagt, ist vielleicht genau das beabsichtigt. Wieder ein Faktor, der an einen Kriegsfilm erinnert.

Die Schneegesellschaft (2023)

The Dive (2023)

LUFT NACH OBEN

6,5/10


thedive© 2023 Protagonist Pictures


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, MALTA 2023

REGIE: MAXIMILIAN ERLENWEIN

DREHBUCH: MAXIMILIAN ERLENWEIN, NACH DEM FILM BREAKING SURFACE VON JOACHIM HEDÉN

CAST: LOUISA KRAUSE, SOPHIE LOWE, DVID SCICLUNA U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Oberstes Gebot beim Tauchen: Immer mit Buddy. Der gegenseitige Check von Ausrüstung und Atemluft ist aber, je weiter man als Tauchprofi voranschreitet, nur noch vernachlässigbare Nebensache. Leicht kann es passieren, und der Übermut, der selten guttut, führt zu Situationen, die sich gerne als irreversibel herausstellen. Diesen Leichtsinn aber sucht man bei The Dive – Arbeitstitel machen Mode – auf den ersten Blick vergeblich. Musste man bei Adrenalinkick-Horrorfilmen wie 47 Meters Down bzw., Uncaged oder dem höhenluftschnuppernden Fall noch dabei zusehen, wie eine der beiden jungen Frauen die andere zur knackigen Mutprobe überreden muss, zum Leidwesen zuversichtlicher Lebensaussichten, bleibt der Hochmut bei diesem Thriller außen vor. Diese zwei Mittzwanzigerinnen  – mental recht unterschiedlich gelagerte Schwestern – machen sich nach längerer Zeit wieder mal gemeinsam zu einem Tauchgang auf, irgendwo an der Küste Maltas. Klar beginnen solche Filme stets mit einem psychosozialen Epilog, meistens auf der Fahrt im Auto zum Ort des Geschehens oder überhaupt nur via Smartphone (siehe The Shallows). Wir erfahren nicht viel von den beiden: Anscheinend hat die eine – May – ein viel angespannteres Verhältnis zur gemeinsamen Familie als die andere – Drew. Irgendetwas hat das Ganze auch mit einem womöglich verunglückten Vater zu tun, der die beiden Töchter wohl schon Zeit ihres Lebens mit dem nassen Element vertraut gemacht hat. Das Tauchen scheint also Routine zu sein, beide sind Vollprofis und dürfen auch legitimerweise irgendwo an einem geeigneten, aber wilden Tauchspot ins Wasser gehen.

Gesagt getan, Drew und May springen ins tiefe Blau, finden eine spektakuläre Höhle inmitten aufgetürmter Felsen und können Unterwasser gar kommunizieren, dank der technikaffigen May, die gleich mit zwei Interkom-Tauchmasken Eindruck schindet. Somit haben wir auch jede Menge Dialog, je tiefer beide sinken, und dann passiert das: Ein Felssturz an der Küste zieht die submarine Landschaft in Mitleidenschaft. Und nicht nur die: May wird in rund 28 Metern Tiefe zwischen zwei Gesteinsbrocken eingeklemmt. Ein Szenario, dass an Danny Boyles Verzweiflungsdrama 127 Hours erinnert. Doch keine Sorge, hier säbelt niemand irgendwem etwas ab. Es kommt ganz anders. Und dieses Andere dreht sich um ein wichtiges Element, dass beide einem Physiktest unterzieht, der sich gewaschen hat: Luft. Sei es komprimierte Atemluft aus der Flasche, sei es Stickstoff im Blut oder die frische Brise oberhalb der Wellen. Sauerstoff wird zum Feind auf Zeit, zum perfiden Stoppuhr-Drillmeister. Denn um überhaupt irgendwelche Überlegungen anzustellen, wie man Schwesterherz retten kann, muss Frau mal durchatmen können.

Stets entweicht die Luft in Maximilian Erlenweins spannendem Tauchsportthriller nach oben. Entweder, um das atembare Gemisch innerhalb natürlicher Taucherglocken auszugleichen oder wenn das Tarier-Jacket undicht wird. Irgendwo steigen immer irgendwelche Bläschen auf, und das ist in den meisten Fällen gar nicht gut. Erlenwein, der mit den Filmen Schwerkraft und Stereo vor allem das Genre des Buddyfilms gerne als Psychothriller inszeniert, findet hier, in der Neuverfilmung des schwedischen Streifens Breaking Surface aus dem Jahr 2020, nicht immer die richtige Balance zwischen Spannung und Drama. Die Backgroundstory der beiden Schwestern ist vernachlässigbar – so wirklich gerne will sich Erlenwein damit nicht auseinandersetzen. Einige romantisch-verklärte Rückblenden im Gegenlicht der Nachmittagssonne sollten reichen, um die Vergangenheit mit ins Spiel zu bringen – was den Film aber kaum bereichert. Erlenwein weiß aber, worauf er sich konzentrieren muss: Erstens auf das Ringen um Atemluft, und zweitens auf Sophia Lowe als die draufgängerische Schwester Drew, die formidabel widerspiegelt, wie man unter Zeitdruck, emotionalem Stress und Panik eine Lösung für ein schwieriges Problem finden muss. Dabei ist verblüffend, festzustellen, dass es kaum eine Aktion gegeben hätte innerhalb einer ganzen Reihe von Versuchen, die man nicht selbst probiert hätte. Das Gefühl, gehetzt zu sein; die extreme Verantwortung, um ein Leben zu retten – das ist das, was The Dive zelebriert. Zwar ist das schauspielerisch nicht das Gelbe vom Ei, denn da gibt es, um mit den Worten zu spielen, ordentlich Luft nach oben – die verzwickte, dicht gepackte Handlung und das psychische Dilemma wird aber zum spannenden, völlig plausiblen Survivaltrip.

The Dive (2023)

Escape Room (2019)

ADRENALINKICKS ZUM GRUPPENRABATT

5/10


escaperoom© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: ADAM ROBITEL

DREHBUCH: BRAGI F. SCHUT, MARIA MELNIK

CAST: TAYLOR RUSSELL, LOGAN MILLER, DEBORAH ANN WOLL, TYLER LABINE, JAY ELLIS, NIK DODANI, JESSICA SUTTON, KENNETH FOK U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Ich weiß, kein Grund zur Panik, aber wenn mir die Vorstellung, aus einem geschlossenen Raum nicht mehr herauszukommen, ohne meinen Intellekt anzustrengen, Stress verursacht – auf die Gefahr hin, ich werde dumm sterben – dann sollte ich womöglich keinen Escape Room aufsuchen. Natürlich sind das irrationale Ängste, man kann auf diesen Spielplätzen jederzeit w.o. geben und der Spielleiter führt dich milde und etwas abschätzig lächelnd aus dem Erwachsenen-Parkour. Doch latente Klaustrophobie muss nicht unbedingt gefördert werden – es gibt ja schließlich noch andere nette Dinge, die man in seiner Freizeit tun kann. Und wenn schon Escape Room, dann vielleicht einer der bereits zuhauf angebotenen Einweg-Gesellschaftsspiele, in denen es nur ums Rätselknacken geht. Ganz ohne Fluchtinstinkt.

Sich diesem zu unterwerfen, liegt allerdings ganz im Sinne von sechs Kandidatinnen und Kandidaten, die allesamt eine mysteriöse Einladung zu einem herausfordernden Mindgame erhalten haben. Kurz gesagt: zu einem Escape Room für Fortgeschrittene und Out of the Box-Denker. Die sechs jungen Leute sind sich untereinander nicht wirklich bekannt – den Fokus des Filmes setzt Regisseur Adam Robitel (Insidious: The Last Key) dabei auf Taylor Russel (zuletzt in Bones and All), welche die etwas introvertierte Zoey gibt, die aber mit einem Intellekt punkten kann, bei welchem all die anderen fünf nur neidvoll zu ihr aufblicken können. Das tun sie aber nicht, denn jeder der Anwesenden hat so seine Stärken. Und Schwächen. Die unbekannten Game-Master wissen das. Woher, bleibt schleierhaft. Und dann geht’s auch schon los, als sich alle im Wartebereich eines ominösen Hochhauses eingefunden haben – und der erste Verdacht aufkommt, dass etwas nicht stimmt, als die Dame im Sekretariat immer dieselben Worthülsen von sich gibt. Hier ist nichts so, wie es scheint. Als alle vermuten, die Wartezeit zum Startschuss gehört selbst bereits zum Spiel, wird es ungemütlich warm. Und die sechs müssen so schnell wie möglich einen Ausweg finden, um nicht gegrillt zu werden.

Das ist allerdings nur das erste Zimmer von so einigen, die da noch kommen mögen. Und eines fieser als das andere. Diese zu bewältigen ist auch alles, was es in diesem Film zu tun gibt. So gesehen fühlt sich Escape Room ein bisschen so an wie eine unmoderierte Unterhaltungsshow mit unter anderem gesundheitsgefährdendem Ausgang für so manche, die sich etwas schwertun, die Dinge vorauszusehen. Hat sich David Finchers The Game mit Michael Douglas längst nicht nur damit begnügt, Zimmernummern zu vergeben, irritierte Vincento Natali in seiner Horror-SciFi Cube mit einem Labyrinth identer Räume, in denen perfide Fallen wussten, wie sie zuzuschnappen hatten. Auch in Escape Room kommt manches unerwartet, und dabei ist man froh, sich nicht selbst diesem Risiko aussetzen zu müssen, sondern einfach nur zusehen und mitraten zu dürfen, wo nun beim nächsten Mal der Haken an der Sache aus der Wand schnellt. Natürlich mischt der biographische Background eines jeden hier Anwesenden selbst nochmal die Karten durch, und tatsächlich lässt sich mit den psychologischen Grundmustern der Spieler so einiges anfangen. Nur im letzten Drittel wird’s banal, wenn nicht gar einfallslos. In manchen Filmen mag die Ergründung des Ganzen eine wichtige Rolle spielen – hier hingegen nicht.

Wie viel stimmiger wäre es gewesen, dem Mysterium des Spiels nicht auf die Spur kommen zu müssen. Obwohl einiges nach wie vor einer physikalischen Unmöglichkeit unterliegt und zumindest in diesen Bereichen noch sein Geheimnis behält – wie das Herumrätseln an einem Zaubertrick, der unmöglich sein kann – werden sozialphilosophische Beweggründe bemüht, die wenig überzeugen und einem Appendix gleich als dramaturgisches Anhängsel dem Film noch mehr Tiefe und Story verleihen sollen. Um ein Sequel anzustückeln, meinetwegen. Sonst aber wäre das Herunterbrechen auf einen trivialen Thriller-Plot wie ein eigener Raum, der maximal als Vorzimmer dient.

Escape Room (2019)

It Comes at Night (2017)

NACHBARSCHAFTSHILFE ZU KRISENZEITEN

6,5/10


itcomesatnight© 2018 Leonine Distribution


LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: TREY EDWARD SHULTS

CAST: JOEL EDGERTON, RILEY KEOUGH, CHRISTOPHER ABBOTT, CARMEN EJOGO, KELVIN HARRISON JR. U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Schon wieder ist es passiert. Die Welt geht abermals vor die Hunde, und mittlerweile kann ich die Fülle an Postapokalypsen, Pandemien und Zivilisationsuntergänge gar nicht mehr alle zählen, so wütet das Subgenre des phantastischen Films durch die Unterhaltungskultur. Diesmal haben wir es aber mit einer astreinen Pandemie zu tun, die niemanden zu ominösen Kreaturen mutieren lässt, die das Blut der Gesunden wollen, sondern seine Opfer ähnlich der Pest und ohne viel Federlesens unter die Erde bringt. Natürlich nicht, ohne vorher einen Steckbrief mit allerhand Symptomen zu hinterlassen. Dafür sind Viren schließlich eitel genug.

It Comes at Night katapultiert den Zuseher mitten ins Geschehen, ohne wirklich viel zu erklären. Zugegeben, es ist herzlich wenig, aber viel mehr muss man auch nicht wissen, nur eben, dass die Krankheit dermaßen ansteckend ist, dass sich Gesunde den Kranken nur mit Atemmasken nähern können. Dazu Gummihandschuhe und auf keinen Fall berühren! So blickt die Familie rund um Joel Edgerton auf den dahinsiechenden Großvater, der kurz davor steht, dahingerafft zu werden. Er wird also halbtot vor die Tür gebracht, von dort mit der Schubkarre in den Wald, erschossen, angezündet und eingegraben. Contact Tracing hin, Quarantäne her – diese Prozedere wünscht man sich wirklich nicht durchzuziehen, wenn’s die eigenen Reihen trifft. Doch was bleibt Paul und seiner Familie, bestehend aus Frau und Teenager, auch anderes übrig, als in den sauren Apfel zu beißen, um nicht selbst draufzugehen. Bislang scheint das Überleben durchgetaktet genug, um auch weiterhin durchzuatmen – dazu gehört: Kein Kontakt mit Fremden, des Nächtens Verdunklung und so wenig wie möglich aus dem Haus gehen. Doch trotz Apokalypse lebt man nicht allein auf der Welt, und wie der Titel schon sagt, passiert es vorzugsweise zu nachtschlafener Zeit, wenn sich Unbekannte Zugang in die verbunkerte Villa verschaffen, die verzweifelt auf der Suche nach Essbarem sind.

So fängt es also immer an. Das Nachbarschaftsgen wird aktiv, Solidarität für andere zeichnet den Menschen erst für seine Menschlichkeit aus. Und auch nachdem es zuerst den Anschein hat, besagter Eindringling führe Böses im Schilde: dieser ist noch ärmer dran als die Verbunkerten selbst, hat Familie und bittet um Zuflucht in einem Haus, das Platz genug gewährt für weitaus mehr Sippschaften als nur die eine. Die Sache mit der Nächstenliebe sollte man sich natürlich nicht zweimal überlegen, da sei ein Quantum an Selbstlosigkeit schon lobenswert. Bei Trey Edwards Shults (Waves) nihilistischem Kommunen-Horror zur Endzeit ist das oberste Gebot jedoch, sich selbst der Nächste zu sein, ein tunlichst nicht zu Brechendes.

Angereichert mit Albtraumszenarien im fahlen Licht von Taschenlampen, die Kelvin Harrison Jr. als Teenager Travis mit dem Publikum teilt, ist It Comes At Night ein zutiefst misstrauisches Werk, dass keine Kompromisse kennt und kennen will. Nur wer sich streng an die Regeln hält, kann überleben – der andere, der diese Regeln verbiegt, eher nicht. So unterzieht sich die Menschheit in dieser beklemmenden und zutiefst freudlosen Zukunft, die sogar jenen Funken der tröstenden Zweisamkeit vermissen lässt, den immerhin The Road noch aufweisen konnte, der Radikalkur einer gnadenlosen Evolutionsstrategie, die zu vernichten hat, was sich nicht anpassen kann. Doch es ist weniger das Subjekt einer wandelbaren Natur, sondern das strenge Gerüst eines teils fanatischen Dogmas, das alle in Gefahr bringt. Nach dem Herdentrieb des Menschen liegt die Zukunft nun in der Vereinzelung. Nächstenliebe und Altruismus sitzen da genauso am absterbenden Ast wie die Spezies selbst, die durch das Gemeinsame erst so viel errungen hat.

Lange vor Corona nahm dieses finstere Schreckgespenst einer Pandemie die Angst vor Ansteckung vorweg. Gut also, bei Betrachtung des Streifens bereits zu wissen, dass jener Virus, der uns nun schon drei Jahre lang quält, uns nicht zu solchen Maßnahmen hat greifen lassen wie Joel Edgerton es als seine Pflicht ansieht.

It Comes at Night (2017)

Lou

ALWAYS TAKE THE WEATHER WITH YOU

5/10


Lou© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ANNA FOERSTER

BUCH: MAGGIE COHN, JACK STANLEY

CAST: ALLISON JANNEY, JURNEE SMOLLETT, LOGAN MARSHALL-GREEN, RIDLEY ASHA BATEMAN, MATT CRAVEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung. Wenn’s mal regnet, dann hat das durchaus auch was für sich. Ganz besonders, wenn man durch den Wald wandert, selbst gar nicht mal so nass wird aufgrund eines dichten Blätterdachs und sich vom Geräusch der aufklatschenden Regentropfen auf allerlei Blattwerk einlullen lassen kann. Doof nur, wenn man für all das keine Zeit hat und einen Kidnapper erwischen muss, der gerade zum ungastlichsten Sauwetter, das man sich nur vorstellen kann, die Nachbarstochter entführt. Gut, dass man selbst das Richtige gelernt hat – nämlich allerlei Methoden, wie unliebsame Gesellen aus dem Weg geräumt werden können. Dieser jemand mit solchen Skills ist Allison Janney. Sie gibt Lou, eine eigenbrötlerische und recht unfreundliche Person, die sich scheinbar nur um ihren eigenen Kram kümmert und für sonst niemanden irgendein höfliches Wort auf den Lippen trägt. Wenn Mutter und Tochter, die bei ihr auf ihrem Grundstück zur Untermiete leben, dann nicht rechtzeitig das Geld rüberwachsen lassen, kann’s schon mal ruppig werden. Bei Kidnapping hört sich der Spaß jedoch auf, und in eben jener verregneten Nacht klopft es an Lous Tür – gerade dann, wenn diese ihrem Leben ein Ende setzen will. Die Dame mag zwar unfreundlich sein, aber nicht herzlos und macht sich mit der verzweifelten Mutter auf die Suche nach deren Ex, der, angeblich verblichen, von den Toten wieder auferstanden zu sein scheint und sein väterliches Recht fordert.

In dieser nasskalten Botanik auf Orcas Island im äußersten Nordwesten der USA ernennt Anna Foerster (Westworld, Underworld: Blood Wars) Allison Janney zum weiblichen Liam Neeson. Als jemand, der nichts mehr von der Welt wissen will, ein Leben gelebt hat und auch alles bereut, was so passiert ist, scheint die Figur der Lou perfekt in dieses Bild der einsamen Frau fürs Grobe zu passen, die durchtrainierten männlichen Bösewichten nicht nur das Wasser, sondern auch die zur Waffe umfunktionierte Konservendose reichen kann. Da staunt man nicht schlecht über die gute Knochendichte von Janneys Antiheldin, die sich auch nach mehrmaligem Herumschleudern aus den Trümmern stemmt und immer noch Kraft genug hat, um sich aus kniffligen Situation rauszumorden. Jurnee Smollet kann da nur groß staunen und bibbern vor lauter herbstlicher Kälte. Irgendwann hört aber auch der Regen auf, und auf Regen folgt zwar kein Sonnenschein, aber eine etwas gemäßigtere Witterung. Und mit der gemäßigten Witterung geht auch dem Survivalabenteuer die Luft aus. Die Challenge durchs regennasse Unterholz, die das schlechte Wetter als erschwerende Komponente freudig mit einbezogen hat, kann den Ausnahmezustand später nicht mehr aufrechterhalten. Was bleibt, ist ein Thriller von der Stange, der gerade durch seine bemühten Story Twists auf matschigem Untergrund die Balance verliert. Zumindest wollten die beiden Skriptautorinnen und -autoren einer gewissen Routine entkommen; einem gewissen Schlendrian, der in gefühlt jedem zweiten Actionthriller mittlerweile für Langeweile sorgt. Gut, kann man so sehen. Wirkt zwar etwas konstruiert, aber zumindest spielt die Komponente eines Familiendramas erst gegen Ende ihre verdeckten Karten aus. Erwartet hätte man solche Offenbarungen letztlich nicht. Und sie wären auch nicht notwendig gewesen, hätte die gnadenlose Natur wohl etwas ausdauernder mit der Peitsche geknallt. Im Regen ist alles den gleichen Erschwernissen unterworfen – da hätte man viel mehr daraus machen können, anstatt einen Kreis zu schließen, der gar nicht hätte geschlossen werden müssen.

Lou