Fremd in der Welt

SELBSTJUSTIZ FÜR DUCKMÄUSER

7/10


fremdinderwelt© 2017 Netflix

ORIGINALTITEL: I DON’T FEEL AT HOME IN THIS WORLD ANYMORE

LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: MACON BLAIR

CAST: MELANIE LYNSKEY, ELIJAH WOOD, GARY ANTHONY WILLIAMS, ROBERT LONGSTREET, JANE LEVY, DEVON GRAYE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Für jene, die Peter Jacksons Muttermord-Meisterwerk Heavenly Creatures nicht gesehen haben (nachholen!), kennen sie vielleicht aus der Sitcom Two and a half Men: Melanie Lynskey. Dort war die Gute Onkel Charlies wohl einzige richtige Freundin und nicht nur eine Bettgespielin. Melanie Lynskey bekommt man dieser Tage viel zu selten zu Gesicht, was eigentlich schade ist, denn die Schauspielerin ist weder nur dem komödiantischen Genre zugetan, noch ausschließlich dem dramatischen Fach. Am besten gelingt ihre Performance, wenn beides im Spiel ist. Tragikomik sozusagen. Oder schwarzhumorige Thriller. So wie diese kleine Independent-Produktion aus dem Jahr 2017, die auf dem Sundance Festival den großen Preis der Jury erhielt. Dabei fällt mir auf: Nicht nur Lynskey wurde durch Peter Jackson erst so richtig bekannt – auch ihr Co-Star in diesem Film, nämlich „Frodo“ Elijah Wood, der um Gottes Willen nicht mehr mit diesem Hobbit in Verbindung gebracht werden will. Dafür sind mittlerweile allerhand Psychopathen sein Ding. Zugegeben, auch hier haucht er einer Gestalt Leben ein, die man auf offener Straße wohl nicht einfach so ansprechen würde. Jedoch – Vorurteile helfen da nicht weiter, weder im tatsächlichen Leben noch in diesem Autorenfilm, denn auch wenn man so aussieht, als wäre man fremd in der Welt, kann das doch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Fremd in der Welt – oder im Original: I Don’t Feel at Home in This World Anymore ist das Regiedebüt von Macon Blair, einem Schauspieler, dessen Name einem womöglich nichts sagt, den man aber, wenn man ihn sieht, sofort dem einen oder anderen bereits gesichteten Film zuordnen kann. Hier, in seinem eigenen Werk, gönnt er sich gar einen kleinen, fiesen Cameo-Auftritt an der Seite seiner resoluten Heldin. Diese nennt sich Ruth, eine Krankenpflegerin, die vom Leben mal grundlegend enttäuscht ist. Oder, um genauer zu sein: von all ihren Mitmenschen. Eine gewisse Weltverdrossenheit macht sich breit, der Alltag zeigt sich von der ignoranten Seite und um der beginnenden Mieselsucht noch eins draufzusetzen, wird in ihrer Wohnung sogar eingebrochen. Die Polizei nimmt alles auf, ausrichten kann (und will) sie jedoch nichts. Das ist Ruth eindeutig zu wenig. Mit Unterstützung ihres ebenso eigenbrötlerischen Nachbarn will sie sich ihr Eigentum zurückholen – und die Verbrecher zur Rede stellen.

Der Vergleich mag zwar ein bisschen hinken – aber irgendwie ist das Konzept zumindest Daumen mal Pi ein ähnliches: Fremd in der Welt ist wie die Underdog-Version von John Wick. Nicht nur der Alltag, auch Verbrecher nerven ungemein, und wenn die Hutschnur platzt, blicken diese nicht mehr sehr weit in die Zukunft. Was nicht heißt, dass Lynskey und Wood bis an die Zähne bewaffnet ins Feld ziehen. Wir dürfen nicht vergessen, sie sind fremd in der Welt; entrückte Außenseiter, die versuchen, die Dinge ganz anders zu klären als es zähe Actionhaudegen jemals tun würden. Die Zähigkeit dieser durch den gesellschaftlichen Rost gefallenen Frohnaturen ist anderer Art – und macht den Reiz dieses lakonischen Thrillers aus, der zwischen blutig-brutal und situationskomisch hin und herpendelt, beileibe aber keine zynische Komödie sein will, sondern ein eigener grotesker, gar nachdenklicher Hybrid dazwischen. Für sowas eignet sich die selten durchschaubare und sympathisch-naive Melanie Lynskey wohl am besten. Ein kleiner Film also, der so tickt wie seine Protagonisten – der nicht groß auffällt, den man leicht übersieht – der aber gut vertragen kann, wenn man auf ihn aufmerksam wird.

Fremd in der Welt

Die bunte Seite des Monds

MYTHENJAGD AM ERDTRABANTEN

6,5/10


bunteseitedesmondes© 2020 Netflix, Inc.


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: GLEN KEANE, JOHN KARS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CATHY ANG, ROBERT G. CHIU, KEN JEONG, SANDRA OH, KIMIKO GLENN, PHILLIPA SOO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In China filmtechnisch Fuß zu fassen scheint schon längst das oberste Anliegen sämtlicher Medienkonzerne zu sein, allen voran Disney, das nach Mulan Monate später noch sein wunderschön getrickstes Märchen Raya und der letzte Drache nachgeschossen hat. Beide Filme finden ihre Entfaltung auf den Ebenen zwischen tibetischem Hochland und der Wüste Gobi – der eine ganz konkret, der andere tut zwar so, als wäre die Welt eine phantastische, blättert aber ganz offensichtlich im folkloristischen Ausstattungskatalog des Reichs der Mitte herum. Und es ist nicht leicht, den dortigen Filmmarkt und überdies noch das Publikum für sich zu gewinnen. Es sei denn, man holt sich lokale Partner ins Boot, die den Ehevertrag aus Do´s und Don´ts gleich mitbringen. Am liebsten sind natürlich harmlose Familiengeschichten fern jeglichen scheelen Blickes auf Vater Staat. Historienfilme kommen da auch immer gut an, da geht’s schließlich ums jahrtausendealte Fundament eines nationalen Selbstbewusstseins.

Nicht nur Disney biedert da etwas überdeutlich herum – auch Netflix klopft an die fernöstliche Pforte. Mit seinem selbstredend harmlosen, familientauglichen und überdies knallbunten Singspiel Die bunte Seite des Monds und winkt dabei mit wohlbekannten chinesischen Mythen – nämlich jenen rund um Mondgöttin Chang’e und ihren Jadehasen. Ein Film, der das chinesische Publikum ganz sicher abholen wird. Im Filmbiz wie diesem wird nämlich nichts produziert, nur weil es künstlerischen oder ideellen Wert hätte. Es wird produziert, weil es Profit bringen kann. Die bunte Seite des Mondes ist genauso ein Film. Ein durchgeplanter, nach Formeln funktionierender, marketingtechnisch nichts dem Zufall überlassender Unterhaltungsfilm, der auf global gültige Werte setzt. Wie so meist geht´s um elterlichen Verlust und um die Trauerarbeit eines Kindes, das nicht weiß, wohin mit seiner übriggebliebenen Liebe für seine verstorbene Mutter.

Dieses Mädchen, Fei Fei, findet in den Legenden um Göttin Chang’e eine Schwester im Geiste. Chang’e, durch einen Trank unsterblich, wartet den Erzählungen nach schon eine Ewigkeit auf ihren Mann Houyi, von dem sie, auf den Mond verbannt, getrennt wurde. Eine Liebe also, die sich nirgendwo hin kanalisieren lässt. Frustrierend auch für Fei Fei, dass niemand sonst an die reale Existenz dieses Mythos glauben mag. Also bastelt das gewiefte Mädchen eine Rakete, setzt ihr Kaninchen auf den Beifahrersitz und wie durch ein Wunder schafft sie es tatsächlich auf unseren Trabanten. Hinterm Mond gleich links dann die Stadt Lunaria. Wo Chang’e tatsächlich existiert. Und die Fei Feis Hilfe benötigt, um ihren Gatten endlich wieder in die Arme schließen zu können.

Aufgetischt wird ein üppiges Familienabenteuer mit allen dazugehörigen Versatzstücken, die so ein Film natürlich braucht. Witzige Kerlchen, knuffige Tierchen, elegante Göttinnen und neben leicht verdaulichen Sentimentalitäten auch jede Menge Slapstick. Wirklich berauschend ist dabei die optische Umsetzung und die beeindruckend plastische Physis der Figuren, Welten und astralen Interieurs, die manchmal so viel Mut zur Abstraktion haben wie Pixar. In nichts steht Die bunte Seite des Monds der optischen Raffinesse von Raya und der letzte Drache nach. Überdies ist der Charakter der Fei Fei nicht so sehr von ihrer Mission eingenommen wie manch eine andere junge Heldin. Fei Fei zuzusehen macht Spaß. Die Musik teilweise weniger. Dass Filme wie diese als Musical astrein funktionieren, ist mit Ausnahme eines führenden Ohrwurms, den es auch hier gibt, selten der Fall. Wäre also meiner Meinung nach nicht notwendig gewesen, hier andauernd das Glas zum Klirren zu bringen. Aber wenn das Disney andauernd tut, kann es, wenn es nichts nutzt, auch nicht groß schaden.

Das farbintensive Stelldichein vor der Finsternis des Alls wird  – und das ist der eigentliche Grund, sich diesen Film anzusehen – zum visuellen, gestalterisch durchaus innovativen Genuss, der sich von Miró und Pink Floyd inspirieren ließ und der eigentlich noch mehr überzeugt als Disneys taufrisches Fernost-Abenteuer.

Die bunte Seite des Monds

Milla Meets Moses

KAUM ERWACHSEN, SCHON ALLES VORBEI

5/10


MillaMeetsMoses© 2020 X-Verleih


LAND: AUSTRALIEN 2019

REGIE: SHANNON MURPHY

BUCH: RITA KALNEJAIS, NACH IHREM THEATERSTÜCK

CAST: ELIZA SCANLEN, TOBY WALLACE, BEN MENDELSOHN, ESSIE DAVIS, EMILY BARCLAY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Erstmals aufgefallen ist mir die junge Dame in Greta Gerwigs Literaturadaption Little Women: Eliza Scanlen. Ein Gesicht, das man nicht so schnell vergisst. Ein Gesicht, das so traumverloren durch die Gegen blickt, das zumindest ich niemals den Mut dafür aufbringen könnte, diesen Tagtraum zu unterbrechen. Der junge Moses, ein von der Familie verstoßener Junkie, schafft beides. Und das nahezu auf den ersten Blick. Zumindest für Milla, die leider Gottes ein schweres Schicksal mit sich herumtragen muss. Sie ist an Krebs erkrankt. Was für eine Art Krebs wird nie genau thematisiert. Überhaupt verhängt Regiedebütantin Shannon Murphy fast schon ein Tabu über diesen Umstand, der eine ganze Familie in einen selbstvergessenen Sog aus Medikamenten und unkontrollierten Affekthandlungen stürzen lässt.

Diesem Moses, stets auf der Suche nach dem nötigen Kleingeld, kommt ganz gelegen, dass Milla auf ihn steht. Er wird kurzerhand zum Essen eingeladen, taucht dann immer mal wieder auf, bricht des Nächtens sogar in die Wohnung ein. Die Eltern (Essie Davis und Ben Mendelsohn mal nicht als Schurke) widert dieses Verhalten an. Doch was gut für die Tochter ist, muss auch gut für sie sein. Eine Erkenntnis, die einige Anläufe braucht, um auch zu den Erwachsenen durchzudringenn. Und das gerade in Anbetracht des womöglich viel zu kurzen Lebens, das Tochter Milla ausgefasst hat.

Im Original nennt sich dieses australische Independentdrama Babyteeth – Milchzähne. Tatsächlich hat Milla noch einen, und das als Teenager. Ein Milchzahn also als letztes Hindernis zum Erwachsenwerden? Fällt auch dieser aus, ist das Leben vorbei. Denn erwachsen zu sein und nichts davon zu haben wäre geradezu unfair. So ist der nahende Tod als gewisse Ahnung über allem hängend.

Es gibt da eine klitzekleine Sequenz, die ist wohl die beste Episode in dieser Abfolge mehrerer, mit bunten Lettern betitelten Szenen: es ist jene, in der Milla mit dem Tod kommuniziert. Ein abstraktes Intermezzo, in der Eliza Scanlen eine metaphysische Eingebung widerfährt. Ein erstauntes Gesicht, ein leichtes Lächeln. Ein Ansatz, der Milla Meets Moses vielleicht ganz neue Aspekte auf ein Thema abgerungen hätte, welches Shannon Murphy bewusst zurückdrängt. Das ganze Ensemble sträubt sich gegen diese Wahrheit, und alle treiben scheinbar ziellos ohne Selbststeuerung über einen Ozean, dessen Strömungen vielleicht irgendwann irgendwohin führen. Für ein Krankheitsdrama ist die Verfilmung eines Theaterstücks von Rita Kalnejais viel zu vage, als Romanze recht oberflächlich, als Familiendrama vielleicht noch am ehesten tragend, doch auch hier fällt es schwer, starke innerfamiliäre Bindungen zu erkennen – zu selbstbezogen werden die Eltern umrissen. Das macht es schwierig, Nähe zu den Menschen aufzubauen, denen selbst es unglaublich schwerfällt, Nähe zuzulassen. Sie sind Meister der Verdrängung – so wie der ganze Film den Fokus auf Verdrängung legt.

Milla Meets Moses

Kajillionaire

MEINE RABENELTERN, IHRE TOCHTER UND ICH

8,5/10


kajillionaire© 2020 Universal Pictures International GmbH Germany

LAND: USA 2020

DREHBUCH & REGIE: MIRANDA JULY

CAST: EVAN RACHEL WOOD, DEBRA WINGER, RICHARD JENKINS, GINA RODRIGUEZ, MARK IVANIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Miranda July ist eine Allroundkünstlerin. Filmemachen ist da nur ein Teilbereich ihrer Tätigkeit. Zugegeben, bislang hatte ich noch kein einziges ihrer Werke gesichtet, obwohl ich natürlich wusste, dass die US-Multimediakünstlerin, die sich in ihren Filmen auch bislang immer selbst besetzt, ziemlich abgehobene, verschrobene Tagträumereien entworfen hat. Wäre längst einen Blick wert gewesen, wie ich finde. Nun – Kaijillionaire, ihre neueste und auch erstmals recht prominent besetzte Arbeit gilt hier endlich mal als Einstand – und ist, ohne zu übertreiben, eine Entdeckung. Und zwar deshalb, weil July so sehr gegen Konventionen und Schablonen inszeniert und kreiert, wie es normalerweise nur das asiatische Kino zuwege bringt.

Für ihre Außenseiterballade hat sie mit Evan Rachel Wood (u. a. Dreizehn, Westworld) wohl einen Volltreffer gelandet. Interessant und gleichsam verblüffend auch, nach langer Zeit und erst nach mehreren Blicken Debra Winger hinter der Fassade einer streunenden Tagediebin hinter wallender grauer Mähne zu entdecken. Gemeinsam mit Richard Jenkins sind die drei eine sagen wir mal obdachlose Familie, die sich in einem leerstehenden Büroraum neben einer Seifenfabrik eingenistet hat und dort so lange bleiben darf, solange sie den dort austretenden Schaum wegputzt. Eine irre Idee zum einen, surreale Bilder zum anderen, wenn die weißrosa Wolken den reizlosen Raum wie durch ein entrücktes Wunder scheinbar aufrüschen. Die Familie also, die wohnt hier, und schlägt sich tagtäglich mit Diebstählen herum – auf der Post, im Supermarkt, eigentlich überall. Tochter Old Dolio, benannt nach einem Obdachlosen, macht da mit, weil sie nichts anderes kennt. Sie kennt aber auch keine Kindheit, keine Zärtlichkeiten, keine liebevollen Worte und keine Identität. Old Dolio, die ist das Werkzeug ihrer Eltern, soziophob, gehemmt und depressiv. Ihren Eltern ist das egal, sie setzen auf Profit, das Töchterchen ist eben mit dabei. Bis bei einer Betrugsnummer am Flughafen die aufgeweckte Melanie, die ihnen zufällig über den Weg läuft, alles ändert. Zumindest fast alles für Old Dolio.

Ich habe selten einen Film über Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe gesehen, der gleichzeitig so sensibel, humorvoll und bezaubernd sein kann. Julys seltsame Figuren kaspern durch ein wirtschaftsorientiertes Amerika aus Industrie, Geld und Shoppingvergnügen und übersehen das Wesentliche. Eine liebevolle Kindheit ist in Zeiten wie diesen aus Ich-AG, Bequemlichkeit und Lebenstraum um jeden Preis nichts Selbstverständliches mehr – und war es auch nie. Wie sehr man als Elternschaft allerdings versagen kann, das hebt July geradezu auf ein neues Level. Die Konsequenz: eine zomboid vor sich hin trottende Evan Rachel Wood, mit Haarvorhang und Grunge-Klamotten. Ihr Weg zur eigenen Identität und zu einem Ja für Zärtlichkeit wird zur erfrischend anderen, urbanen Therapie zwischen sensorischer Integration und Erwachsenwerden. Wood flößt dabei ihrer psychologisch tiefgründigen Figur soviel Wahrhaftigkeit ein, als würde man die Schauspielerin erst neu entdecken. Diese Kunst der Tarnung eines Stars funktioniert ganz ohne Maske, die Performance ist dabei preisverdächtig, auch dank all den anderen recht hingebungsvollen Charakteren, die entweder nicht aus ihrer Haut können oder jemand anderen dazu motivieren, sich selbst zu motivieren. Vielleicht mit einem Tanz. Oder im Zeitraffer-Recap des eigenen Aufwachsens.

Die psychosozialen Parameter einer Familie scheuen sich nicht davor, in Kaijillionaire genau beobachtet zu werden – und die Motivation zur Veränderung wächst in dem, der sie am dringendsten nötig hat. Dieses Conclusio lässt sich in dieser konsistenten und enorm erfreulichen Filmkunst gerne entdecken.

Kajillionaire

The Climb

ICH HEIRATE MEINEN BUDDY

7/10


theclimb© 2020 Prokino

LAND: USA 2019

BUCH & REGIE: MICHAEL ANGELO COVINO

CAST: MICHAEL ANGELO COVINO, KYLE MARVIN, GAYLE RANKIN, TALIA BALSAM, GEORGE WENDT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Wie viele echte Freunde hat man wirklich? Oder sind das doch nur Bekannte, Gelegenheitsbegleitungen oder nur gute Nachbarn? Kennt man sich zufällig nur über Dritte? Eine Freundschaft, die ist dann als solche zu bezeichnen, wenn sie vieles aushalten kann. Auch die schlimmsten Gemeinheiten. Eine Freundschaft, die ist fast nichts zufälliges mehr, sondern trägt eine gewisse Bestimmung in sich. Diese Bestimmung hält dann fürs Leben, auch wenn die Beziehung längst keine gesunde mehr ist oder über weite Strecken in einer winterschlafähnlichen Inaktivität vor sich hin dämmert. Peter Cornelius hat sie als unbequeme Freunde bezeichnet, mit denen man alles (nur nicht die Freundin) teilen, die einem alles sagen und denen man alles verzeihen kann. Quantität ist hierbei nicht Qualität und umgekehrt. Hat man solche Freunde, braucht man keine Feinde mehr. Denn kein Feind traut sich an so ein Buddy-Team heran.

Mike und Kyle sind solche Freunde. Und eines schönen sportbegeisterten Tages, als beide irgendwo in den französischen Bergen vor sich hin radeln, gesteht der eine dem anderen, mit seiner Verlobten im Bett gewesen zu sein. Kennt man aus vielen anderen romantischen Filmen. Aber das war’s dann schon mit der Gemeinsamkeit zum zweisamkeitstauglichen Mainstreamkino. In The Climb ist diese völlig deplatzierte Beichte Grundstein für das Psychogramm einer Beziehung zwischen zwei Männern, die ohneeinander nicht können, obwohl sie das vielleicht wollen würden. Dieses Dilemma zieht sich dann auch über mehrere Stationen ihres Lebens. Mike spannt also Kyle die Gattin aus, Jahre später stirbt diese an einer nicht näher definierten Krankheit, dann lädt Mikes Familie den seit Kindheitstagen bekannten Kyle an Weihnachten zur Party ein und so weiter und so fort. Kyle verschwindet einfach nicht aus Mikes Leben. Ja, wie schon gesagt: es ist wie vorherbestimmt.

Michael Angelo Covino, der diesen Film auch geschrieben, inszeniert, produziert und sich selbst als Mike besetzt hat, und Kyle Marvin, der mehr oder weniger ebenfalls sich selbst spielt – die beiden sind im wahren Leben tatsächlich Freunde, ungefähr so wie Matt Damon und Ben Affleck. Beide haben das Drehbuch verfasst, beide schenken sich in den versponnenen Dialogszenen und skurrilen Begebenheiten eigentlich nichts – außer ihre Bereitschaft, dem anderen in sein Leben zu pfuschen. Unwillkommen ist das Ganze nicht. Während alles andere im Leben der beiden anscheinend vergänglich ist, bleibt eines konstant: diese verdammte Freundschaftsdynamik.

The Climb ist Independentkino mit Etikette und Understatement. Entrückte Gesangs- und Akrobatikeinlagen dienen als Intermezzi zwischen den Anekdoten aus dem Buddy-Leben, die wiederum sehr unaufgeregt und fast beiläufig inszeniert sind und die ihre Qualität aus der Kunst des Weglassens nähren. Covinos menschelnde Miniaturen sind wie lose Seiten eines filmischen Tagebuchs, die Offensichtliches nicht mehrfach erklären müssen. Man sieht, die beiden Mannsbilder haben so ihren Spaß dabei, sich selbst und das Mysterium männlicher, heterosexueller Zweisamkeit wohlwollend aufs Korn zu nehmen. Wenn alle Stricke reißen, so scheint es, heirate ich eben meinen Buddy – könnte man meinen. Ach ja, und der eigene Sohnemann wird dann auch noch zur Konstanten.

The Climb

Klaus

DER WEIHNACHTSMANN ALS MENSCH

7/10 


klaus© 2019 Netflix


LAND: SPANIEN, USA 2019

REGIE: SERGIO PABLOS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JASON SCHWARTZMAN, J. K. SIMMONS, RASHIDA JONES, JOAN CUSACK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


In Tagen wie diesen wird wieder vermehrt Weihnachtliches am Bildschirm konsumiert. In Ermangelung eines gemütlichen Kinobesuchs in der Adventzeit habe ich nun die letztjährig für den Oscar als bester Animationsfilm nominierte Tragikomödie Klaus einer Sichtung unterzogen. Für alle, die allerdings schon die Nase voll haben von Ho Ho Ho und sonstigem Nordpol-Kitsch, der ja in Dosen genossen durchaus anheimelnd wirkt, schnell aber wie ein Unmaß an Süßkram zu Unwohlsein führen kann – für alle also, die da schon die Nase voll haben, bevor es überhaupt so richtig angefangen hat, die könnten mit dieser Interpretation des Santa Clause-Mythos wohl am ehesten warmwerden. Denn die Richtung, die Klaus einschlägt, ist für einen Weihnachtsfilm, wie er normalerweise sein soll, eher auf dem geheimen Schleichweg unterwegs. Klar führt beides ans selbe Ziel, nämlich zum Weihnachtsmann mit all seinen Marotten und Gepflogenheiten, dem fliegenden Schlitten und den Rentieren und dem Kamin und so weiter und so fort. Doch wie sich Regisseur Sergio Pablos dorthin durcharbeitet, ist erstaunlich frei von aufgerüschtem Pathos.

Noch dazu beginnt die Geschichte irgendwo, nur nicht am Nordpol. Jasper ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Taugenichts unter der Sonne und einer, der dem stolzen Papa, seines Zeichens Befehlshaber aller auszubildenden Postboten weit und breit, schwer auf der Tasche liegt. Zwecks Läuterung wird dieser kurzerhand an den Allerwertesten der hier bekannten Cartoonwelt verbannt – in das schräge Kaff Zwietrachtingen. Kenner des Asterix-Comics Nr.25 – Der große Graben – werden sich an vergnügliche Lesestunden zurückerinnert fühlen. In diesem Dorf gibt es genau woe dort zwei Parteien, die sich schon Generationen lang bekriegen. Gute Stimmung herrscht hier trotz winterlichem Ambiente keine. Die 6000 Briefe, die Jasper verschicken soll, sind unerreichbare Zukunftsmusik. Wäre da nicht jenseits des Waldes ein alter, griesgrämiger Holzfäller und -Spielzeugschnitzer, der die ganze verfahrene Situation vielleicht doch noch geradebiegen könnte.

Animiert und gezeichnet ist Klaus schlichtweg grandios. Angelehnt an die 2D-Optik klassischer Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney, schafft es Pablos durch das Hinzuziehen von Schattierungen eine eigenwillig schimmernde Tiefe zu erzeugen. Das ist keine akkurate 3D-Optik wie bei Pixar. Die Charakterdesigns heben sich angenehm anders vom üblichen Animationsbrei ab, eben auch diese Mixtur aus Tiefe und Skizze verleiht dem Film eine ganz eigene Note, an der man sich lange nicht sattsehen kann, die immer neu erstaunt, die erfrischend bleibt bis zum Abspann. Das Dorf Zwietrachtingen trägt sogar ein bisschen Tim Burton-Kolorit – so liebevoll karikiert sind dessen Bewohner, so überhöht und überspitzt dessen Proportionen. Auch die Story selbst verspricht, mit launigem, keinesfalls infantilem Humor und durchaus auch ernsten Momenten eine Origin-Story rund um den Weihnachtmann auf die Beine zu stellen, die das Menschliche und durchaus nicht immer Perfekte dieser verehrten Figur in seinen Fokus nimmt. Der Weihnachtsmann ist hier längst nicht nur eine dickliche, kekseliebende und vergnüglich brummende Gestalt – sondern ganz einfach ein Individuum mit plausibler Biographie. Da auch Postbote Jesper nicht perfekt ist – und schlichtweg überhaupt niemand in diesem kauzigen Märchen rund um die Eigendynamik guter Taten – fühlt man sich als Zuseher ganz gut aufgehoben in diesem verspielten, bewegten Mikrokosmos eines liebevoll bizarren Werteparcours. Auch wenn die Apotheose von Holzmeister Klaus allzu plötzlich kommt – und gar nicht notwendig gewesen wäre.

Klaus

Der wunderbare Mr. Rogers

DER MENSCHENVERSTEHER

5/10

 

wunderbaremrrogers© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: MARIELLE HELLER

CAST: TOM HANKS, MATTHEW RHYS, CHRIS COOPER, SUSAN KELECHI WATSON, MADDIE CORMAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Wie ist es wohl Tom Hanks und seiner Frau Rita Wilson während ihrer Corona-Quarantäne ergangen? Wie es aussieht, haben es die beiden ganz gut überstanden – Hanks ist ja bereits in einem neuen Western-Trailer gemeinsam mit Systemsprengerin Helena Zengel zu sehen. Ich mag Tom Hanks, ein großartiger Schauspieler und was man menschlich so mitbekommt, auch ein angenehmer Zeitgenosse. In diese ganzen Pandemie durfte er sich sogar noch die Academy-Nominierung für seine schauspielerische Leistung in Der wunderbare Mr. Rogers mit hineinnehmen. Bei manchen Nominierten haben wir Filmnerds erst relativ spät die Chance, sich von deren Können auch selbst zu überzeugen. Aber besser spät als nie, und Tom Hanks ist in seiner Qualität vor der Kamera sowieso zeitlos. Big funktioniert ja auch immer noch.

Also ist der gute Mensch von Hollywood diesmal ein anderer guter Mensch des Fernsehens geworden. Nämlich ein gewisser Fred Rogers. Natürlich hatte ich keinen blassen Schimmer, wer dieser Mann war. Marielle Hellers biographisches Selbstfindungsdrama ist ein Insider-Film für Amerikaner, bevorzugt für jene, die in Amerika aufgewachsen sind; für die Generation des Übersee-Am Dam Des und des Kinderfernsehens aus den 80ern. Ein sehr persönlicher Film, der uns hier in Europa thematisch überhaupt nicht tangiert, wäre es nicht eben Tom Hanks, der sich die rote Weste übergezogen und seine Straßenschuhe mit blauen Turnschuhen ausgetauscht hätte, um mit der jungen Mittelschicht-Generation in seiner TV-Sendung A Beautiful Day in the Neighborhood über Emotionen zu beraten. Zu Besuch in sein Kulissenheim kommen ab und an bereits etablierte Charaktere wie der Postmann oder – wie bei uns Rolf Rüdiger – dortzulande plüschige Handpuppen. Rogers streichelweiche Stimmlage und das entschleunigte Tempo seiner Tele-Sitzungen dürften wohl einen angenehm entreizten Kontrast zum übrigen Alltags-Overkill geboten haben.

In diesem Film aber geht’s nicht nur um diesen Mr. Rogers, der fast schon eine Yoda-ähnliche Funktion innehat, sondern um einen Journalisten, der ein Interview mit einem Helden des Alltags, in diesem Fall eben mit dem wunderbaren Mr. Rogers, führen muss, zeitgleich aber mit seinem Rabenvater über Kreuz liegt und zum Zyniker und Pessimisten allererster Güte geworden war. Seine vorerst eher skeptische Annäherung an diesen Fernsehtherapeuten wandelt sich natürlich zusehends in eine fast schon freundschaftliche Verbindung zwischen weisem Lehrer und ratsuchendem Schüler. Von da an nehmen die liebkosenden Wellen menschelnder Lebenshilfe kein Ende mehr. Hanks wird zum Dalai Lama im Cardigan, Journalist Lloyd Vogel beugt sich dem Faustlos-Konzept. Schön, zu sehen, wie verfahrene Situationen wie diese wieder glattgebügelt werden können. Glatter geht’s kaum.

Der wunderbare Mr. Rogers wird zur bauschigen, familienfördernden Selbsthilfe-Sendung, teils im Fernsehformat wie damals, teils in Breitbild. Hanks ist großartig und vermeidet es souverän, auch nur irgendeine seiner bisherigen Rollen zu kopieren. Was er darstellt, ist ein weiteres neues Spektrum seines Oeuvres. Als in sich ruhender, verträumter und verspielter Nachmittags-Performancer, der seine Emotionen routinemäßig und vorausschauend kanalisiert, strahlt er eine gewisse, durchaus realitätsferne Faszination aus. Dass Journalist Vogel dem erliegt, ist nachvollziehbar. Weniger nachvollziehbar aber ist der verschwurbelte Ratgeber-Charakter des Films, der unter dem allzu dick aufgetragenen Seelenbalsam kaum noch Luft zum Durchatmen hat. Ein wütender, befreiender Schrei, vielleicht sogar ein Quäntchen wohltuenden Sarkasmus wäre wie die Chilischote nach der gefällig-süßen Sahnetorte gewesen.

Der wunderbare Mr. Rogers

La Vérité – Leben und lügen lassen

ÜBER-MAMA UND ICH

6,5/10


laverite© 2019 Prokino


LAND: FRANKREICH 2018

REGIE: HIROKAZU KORE-EDA

CAST: CATHERINE DENEUVE, JULIETTE BINOCHE, ETHAN HAWKE, MANON CLAVEL, LUDIVINE SAGNIER, ALAIN LIBOLT U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Erst kürzlich hat Filmlegende Catherine Deneuve in der eher schwermütigen Tragikomödie Der Flohmarkt von Madame Claire ihren ganzen Besitz verhökert, um sich aufs Ende vorzubereiten. Natürlich trägt die Situation im Film keine autobiographischen Züge. Die Deneuve hat weitergemacht – und einen diesmal seelenverwandteren Film gedreht, in dem sie selbst als Schauspielerin eine Schauspielerin spielt, die auf ihren Ruhm als extrovertierte Künstlerin zurückblickt, die diesen Ruhm allerdings auch als sozialen Störfaktor mit sich herumschleppt, was ihr aber erst so richtig bewusst wird, als Töchterchen Juliette Binoche samt Familie an den Ort der Kindheit zurückkehrt, um auf die eben erst veröffentlichten Memoiren der Grand Dame anzustoßen. Allerdings vermengt sich der reine Wein mit einigen Wermutstropfen, denn die Biographie entspricht laut allen anderen an ihrem Leben Beteiligten wirklich nicht der Wahrheit.

Bei Mutter-Tochter-Geschichten hat die Deneuve ein offenes Ohr. Im Flohmarkt-Film hatte sie sogar ihre eigene leibliche Tochter als Co-Star, nun aber ist es Juliette Binoche, die auch gleich Filmgatte Ethan Hawke mitbringt, der geradezu etwas eingeschüchtert und als kaum dem Französischen mächtiger Amerikaner eine gewisse kaugummikauende Naivität an den Tag legt. Eine verzichtbare Rolle, aber dennoch schön, ihn zu sehen, denn Hawke hat so etwas Grundsympathisches, da kann auch so eine bescheidene Staffage nichts dagegen machen. Über dieses Willkommens-Setting in den Gemächern der exaltierten Künstlerin hinaus haben wir es in Verité ganz klassisch mit einem gesprächsbereiten Künstlerdrama zu tun, in dem es ausschließlich um Schauspielerei, schauspielerische Konkurrenz, Jungstars, dem Abgesang von Ikonen und hochnäsige Attitüden geht. Umso irritierender die Tatsache, dass Hirokazu Kore-eda, Gewinner der Goldenen Palme für seine außergewöhnliche Sozialballade Shoplifters, sich dieses eigentlich relativ nichtssagenden Stoffes angenommen hat. Gab es in Shoplifters noch allerlei an mikrokosmischer Familiensynthese zu betreiben, flanieren all die bekannten Gesichter in La Vérité – Leben und lügen lassen natürlich ausgesprochen geschickt, aber doch nur an der Oberfläche dahin. Eine Bühne ist das Ganze, sowohl die Kulisse des Films im Film als auch der eigentliche Film, in welchem Catherine Deneuve wie ein Brummkreisel um sich rotiert, dabei vieles plötzlich aus anderen Blickwinkeln sieht, weil Juliette Binoche den Kreisel immer wieder anstößt, wenn’s um anstößige Unwahrheiten aus ihrem Buch geht.

Künstlerfamilien haben es nicht leicht. Denn Künstler sind manchmal für andere recht anstrengende Ich-Agenturen, die sich als Mittelpunkt von etwas ganz Großem sehen. Alle anderen aus der Sippe müssen dann sehen, wo sie bleiben, müssen entweder in die Fußstapfen ihrer erzieherischen Vorbilder treten oder sich damit abfinden, als Zaungast danebenzustehen. Darum geht’s in La Vérité, und ja, zwischen Eigenheim und Filmstudio wird viel geredet, sinniert und aus dem Fenster geblickt, manchmal entwickelt Kore-eda tatsächlich auch eine metaphysische Zwischenebene, die sehr vage bleibt, dadurch aber recht reizvoll wirkt und das elitäre Filmvergnügen etwas auflockert. Kore-edas Regiegespür formt selbst aus diesem sehr speziellen Stoff ein sehenswertes Arthouse-Familientreffen, mit Gefühl für Zwischenmenschliches, für leisen Sarkasmus und für geschickt nuancierte Dialoge.

La Vérité – Leben und lügen lassen

Coconut Hero

DAS LEBEN ÜBERLEBEN

6,5/10


coconuthero© 2015 Majestic Filmverleih


LAND: DEUTSCHLAND, KANADA 2015

REGIE: FLORIAN COSSEN

CAST: ALEX OZEROV, BEA SANTOS, KRISTA BRIDGES, SEBASTIAN SCHIPPER, JIM ANNAN, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Zum Glück gab´s in Hal Ashbys Harold & Maude-Verfilmung die gute alte Maude, um Harold von seinen Selbstmordfantasien abzubringen. In Coconut Hero kann Mike Tyson – ja, der junge Mann ist Namensvetter des berüchtigten Boxers und wird an seiner Schule auch entsprechend damit gehänselt – auf so einen Support erstmal nicht zurückgreifen. Mike will  sein noch so junges, gerade mal 16ähriges Leben beenden. Er tut dies auf unterschiedlichste Weise. Alle Versuche gehen schief. Zuletzt will er sich eine Kugel in den Kopf jagen – auch nur Platzpatronen. Später wird festgestellt, dass Mike an einem Gehirntumor erkrankt ist. Der könnte problemlos operativ entfernt werden – doch Tyson wird sich hüten, diese Nachricht an seine Mama weiterzugeben. Die ideale Methode, das Zeitliche zu segnen, wenn man den Tumor sich selbst überlässt. Blöd nur, dass Mike vom Staat ein Rehabilitationsprogramm aufgedrückt bekommt, um ihm die Suizidflausen auszutreiben. Und da lernt er die junge Miranda kennen, die überhaupt nicht in sein Konzept passt. Genauso wenig wie der plötzlich auftauchende Vater, der die Todesanzeige seines Sohnes in der Zeitung gelesen hat.

Coconut Hero geht als Coming of Age-Dramödie den Weg des geringsten Widerstandes. Independentkino, wie Independentkino sein muss. Ein Ensemble, das keiner kennt, was aber wiederum den Bonus des Authentischen mit sich bringt, da sich all diese Gesichter (bis auf Udo Kier in einer Minirolle) auf kaum einen anderen Film übertragen lassen. Der russisch-kanadische Schauspieler Alex Ozerov ist in seiner traurigen Gestalt eines todessehnsüchtigen Mieselsüchtlers treffend besetzt, Bud Cort aus Hal Ashbys kultiger Tragikomödie steht ihm da um nichts nach, nicht mal in Sachen Frisur. Die Mundwinkeln wandern selten nach oben, wie ein Buster Keaton eben, der den Jugendfilm entdeckt. Auch all die übrigen Co-Akteure sind von ausgesuchter Qualität, da lässt sich schon ein Film wie dieser zu einer Selbstfindung mausern, die mit einem stimmigen Soundtrack hinterlegt ist, wobei einige Songs davon wirklich eingängige New Country Balladen sind. Das passt sehr gut zu diesem Setting, zu dieser Geschichte aus elterlicher Spurensuche, Lebenssinn und dem Begriff der Sterblichkeit, der erst dann neu definiert wird, wenn genau diese Endlichkeit jemand ganz anderen trifft – nur nicht einen selbst.

Coconut Hero ist ein Stoff mit Give Away-Faktor, was so viel heißt wie: Erkenntnisse daraus könnten auch zum Gewinn werden fürs eigene Dasein. Natürlich, Deutschland 86-Filmer Florian Cossens Film ist in manchen dramaturgischen Wendungen von zu bequemer Naivität, und nicht unbedingt lässt sich die relativ vage beschriebene Beziehung zwischen Mike und Matilda angesichts ihrer späteren Gewichtigkeit wirklich nachvollziehen, aber dennoch: in seiner selbstvergessenen und wieder in Erinnerung gerufenen Selbstwahrnehmung ist das Teenie- und Familiendrama samt seiner leisen Ironie ein bisschen Balsam auf der Seele eines latent depressiven, nicht zwingend jungen Publikums.

Coconut Hero

Waren einmal Revoluzzer

STÖRE MEINE KREISE NICHT

5/10

 

wareneinmalrevoluzzer© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: JOHANNA MODER

CAST: JULIA JENTSCH, MANUEL RUBEY, AENNE SCHWARZ, MARCEL MOHAB, YELENA TRONINA, TAMBET TUISK, JOSEF HADER U. A.

 

Endlich mal tun, was sich gut anfühlt. Endlich mal Welten bewegen, und diesmal nicht zum Eigennutz. Vom Lippenbekenntnis bis zur durchdachten Aktion kann ja eigentlich nicht mehr viel schiefgehen, denn wer einmal etwas ändern will, und wer einfach einmal über seinen Schatten springen will, der wird es auch schaffen, ein Gutmensch zu sein. Die Komfortzone ist dann nur noch etwas für bequeme Couchkonsumierer, die medial verbreitete Heldentaten wie jene der Kapitänin Carola Rackete fast schon mit Eigenlob abnicken.

Zwei befreundete Paare um die 40, die einen kinderlos, die anderen inklusive Nachwuchs vierköpfig, erhalten die seltene Gelegenheit, einem Freund aus früheren Zeiten, der in Russland von den Behörden anscheinend gesucht wird und untertauchen hat müssen, nicht nur finanziell unter die Arme zu greifen, sondern auch gleich nach Österreich zu holen. Da braucht man doch nur ein paar gefälschte Papiere und Stillschweigen gegenüber Außenstehenden. Was genau sich Pawel zuschulden hat kommen lassen, ist nicht wichtig. Das vermeintlich demokratische Russland hat´s schließlich nicht so mit Meinungsfreiheiten, also stecken bestimmt verletzte Menschenrechte dahinter. Pawel kommt also in Wien an – und nicht nur er: Frau und Kind sind ebenfalls mit von der Partie. Als die drei so verloren am Bahnsteig und später dann in Julia Jentschs Wohnung stehen, wäre es längst Zeit gewesen für Teil 2 des Projekts Alltagsaltruismus. Doch den gibt es nicht. Und so stören die drei Flüchtigen mit der Zeit die kommod eingerichtete Komfortzone der vier Individualisten, die nichts lieber gehabt hätten, als die Willkommenskultur beim freundlichen Winken zu belassen.

Regisseurin und Drehbuchautorin Johanna Moder hat bei ihrem zweiten Kinofilm ihre Einstandsfrage ordentlich ausformuliert: wie sieht es wohl aus, wenn das intellektuelle Klientel aus Studierten und Künstlern, die so sehr offen für alles sind, solange es nicht die eigenen Kreise stört, Verantwortung übernehmen müssen für ihren undurchdachten Aktivismus? Wahrscheinlich sieht es genauso aus wie in Waren einmal Revoluzzer. Zu diesem Titel singt Clara Luzia einen recht ironischen Song, und zumindest drei der vier (denn Manuel Rubey als Songwriter im Selbstversuch weiß von nichts) gelangen zur ernüchternden Erkenntnis, erstmal Gutmensch zu sich selbst sein zu müssen, bevor andere in den Genuss der humanitären Hilfe kommen. Moders Film ist diesbezüglich relativ ernüchternd, und auch längst nicht so zynisch oder gar satirisch. Julia Jentsch, Aenne Schwarz, Manuel Ruben und Marcel Mohab bilden ein hervorragendes Ensemble, wunderbar aufeinander eingespielt, völlig natürlich agierend und ohne Bühnen-Überhöhung. Diese Natürlichkeit findet sich allerdings auch im Drehbuch Moders wieder: Was das heißt? So gut sich die Story auch anlässt, so beiläufig verwässert sie. Klar, ich muss nicht auf Biegen und Brechen in diesem zwischenmenschlichen Dilemma eine Lösung finden. Zumindest aber eine Erkenntnis auch für den Zuseher, oder irgendetwas, das zu neuen Sichtweisen anspornt, wäre eine runde Sache gewesen. So allerdings gerät die Tragikomödie viel zu redundant, Konflikte wiederholen sich. Da keiner mit dieser Situation zurechtkommt, bleibt auch viel trendig gefilmter Leerlauf zwischen einem fahrigen Hin und Her aus Möchtegern und Ruhebedürftigkeit. Im Grunde ist Waren einmal Revoluzzer zu lange geraten, und aus der wunderbaren Ausgangssituation bleibt ein gut gespieltes, aber ratloses Durcheinander ohne Aussicht darauf, als Revoluzzer in die Geschichte einzugehen. Vielleicht gibt’s auch wirklich keine Lösung, und der übersättigte Wohlstand des Westens hat prinzipiell mal keine Kapazitäten mehr.

Waren einmal Revoluzzer