Red One – Alarmstufe Weihnachten (2024)

WORKFLOW AM NORDPOL

5,5/10


Mea© 2022 Amazon Content Services LLC


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: JAKE KASDAN

DREHBUCH: CHRIS MORGAN

CAST: DWAYNE JOHNSON, CHRIS EVANS, LUCY LIU, J. K. SIMMONS, BONNIE HUNT, KIERNAN SHIPKA, KRISTOFER HIVJU, NICK KROLL, MARY ELIZABETH ELLIS U. A.

LÄNGE: 2 STD 4 MIN


So hat man den Weihnachtsmann noch nie gesehen. Weder verbirgt ein Doppelkinn den Hals eines beleibten Fatman namens Tim Allen, der notgedrungen den Job von Santa Clause übernehmen muss, noch ist dieser Geschenkebringer ein keulenschwingender Brutalo wie in Violent Night, noch so zuckersüß wie Richard Attenborough in Das Wunder von Manhattan. Dieser rotgekleidete Geselle hier hat ordentlich Muckis und dementsprechend Kraft in den Ärmeln, und einen Stoffwechsel, der tonnenweise Kekse und literweise Milch auf effizienteste Weise in verbrauchte Energie umwandelt. In Red One – Alarmstufe Weihnachten ist J. K. Simmons (Oscar für Whiplash) ein Santa Claus, wie er nicht im Buche steht: Kernig, lakonisch, vernünftig. Ein friedfertiger kluger Kopf, fast schon weise, nachdenklich, und niemals zu Gewalttaten fähig. In diesem Terrain macht Dwayne Johnson als des Weihnachtsmannes Leibgarde seinen Job. Der sympathische Schrank von einem Mann steht in den Kaufhäusern dieser Welt an der Seite des netten Onkels vom Nordpol, um Störenfriede vor die Tür zu komplimentieren. Es ist viel zu tun in der Vorweihnachtszeit, dank eines ausgeklügelten Portalnetzes und anderen Raffinessen, die überhaupt und erstmalig erklären, wie das mit dem Kamin, den Geschenken und dem burnoutbeschwörenden Überall-Gleichzeitig-Sein funktioniert, lässt sich, wenn alle anpacken, das Weihnachtswunder auf den Punkt genau perfektionieren.

Doch leider gibt es Neider wie die Weihnachtshexe Grýla, gegen die der Grinch wie der Botschafter des Weihnachtsfriedens wirkt. Diese will die schönste Zeit im Jahr gar nicht erst geschehen lassen, also lässt sie Red One kurzerhand verschwinden. Das geschieht dank des Hackers O’Malley, gespielt von „Captain America“ Chris Evans, der gar nicht weiß, wozu er wem verholfen hat. Johnson kommt ihm alsbald auf die Schliche, gemeinsam haben sie nur wenig Zeit, den reibungslosen Ablauf des Festes der Liebe wieder zu gewährleisten.

Quer durch den mythologischen Garten geht die Reise. Dabei begegnen die beiden martialischen Schneemännern und in deutschen Landen dem Krampus höchstpersönlich, der diesmal so aussieht wie aus den alten Büchern. Jake Kasdan, verantwortlich für die geglückte Neuauflage des Jumanji-Franchise 2017 und 2019, lässt Autor Chris Morgan, der wiederum in der Welt von Fast and Furious zuhause ist, ein Agenten- und Geheimdienst-Abenteuer mit dem Faktor des Phantastischen erfinden. Viel CGI und aalglatte Action, die man nicht wirklich spürt, bringen so allerlei Versatzstücke aus Action- und Weihnachtsfilm zusammen, so, als bekäme man tellerweise Weihnachtskekse gereicht, die den Sodbrand fördern. Zuckerwatte gibt’s obendrein, alles ist schön bunt, alles ganz solide. Und nichts bleibt wirklich prägend in Erinnerung. Red One – Alarmstufe Weihnachten ist ein generischer Mix ohne prägnantem Stil. Ganz nett anzusehen, zum Zerstreuen vor und nach den Feiertagen vielleicht ganz gut geeignet, in Stimmung lässt sich damit auch ganz gut kommen, sofern triefender Last Christmas-Kitsch niemanden abholen kann. Überdies, wenn man alle Klassiker des saisonalen Genres schon durch hat, können Vibes wie diese durchaus willkommen sein, auch wenn sie wenig Schwung in die Bude bringen.

Als nobler Neuansatz bleibt letztlich nur J. K Simmons bestehen. Mit ihm wird die Botschaft des ewigen Kindes in uns Erwachsenen zur treibenden Kraft dieses Mysteriums, das wir jährlich so gerne zelebrieren. Der Glauben an das Gute ist dem, der sich als Nikolaus von Smyrna outet, auf glaubwürdige Weise inhärent.

Red One – Alarmstufe Weihnachten (2024)

Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim (2024)

IM PULSSCHLAG VON TOLKIENS WELT

8/10


schlachtderrohirrim© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, JAPAN 2024

REGIE: KENJI KAMIYAMA

DREHBUCH: PHOEBE GITTINS, ARTY PAPAGEORGIOU, JEFFREY ADDISS, WILL MATTHEWS, BASIEREND AUF DEM ROMAN VON J. R. R. TOLKIEN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): BRIAN COX, GAIA WISE, LUKE PASQUALINO, MIRANDA OTTO, LAURENCE UBONG WILLIAMS, LORRAINE ASHBOURNE, SHAUN DOOLEY, BILLY BOYD, DOMINIC MONAGHAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Ich muss gestehen: Die Kunstform des japanischen Anime-Films und ich haben so unsere Annäherungsprobleme, obzwar ich mit so manchem aus dem Kinderprogramm der Achtziger aufgewachsen bin: Biene Maja, Heidi, Perrine, Niklas – alles Produktionen unter anderem aus den Studios der Nippon Animation, bis auf Heidi, die gehörte Zuiyo Enterprise. Hinterfragt haben wir die Darstellung der Figuren und den Zeichenstil damals natürlich nicht, die großen Münder, die großen Augen, das war alles selbstverständlich, obgleich etwas befremdend im Gegensatz zu anderen Animationsserien, die das nicht ganz so hatten. Den Stil des Anime muss man mögen – oder auch nicht. Franchises wie One Piece oder Dragon Ball können mich nicht abholen, die ganzen Klassiker, von Chihiros Reise ins Zauberland über Mein Nachbar Totoro bis hin zu Akira – sie alle stünden noch auf meiner Watchlist, würde ich es in Betracht ziehen, mich mit diesem Genres trotz meiner Verschnupftheit gegenüber seiner Machart auseinanderzusetzen. Vielleicht muss man andere Franchises bedienen, die Fans ganz anderer Welten längst liebgewonnen haben. Wie wärs mit Star Wars? Da gibt es die Anthologieserie Star Wars Visions auf Disney+. Zahlreiche Künstler des Anime haben dort Versatzstücke der weit entfernten Galaxis neu- und nachinterpretiert. Ein Experiment, das nur bedingt aufgeht. Anders verhält es sich da schon mit Mittelerde und allem, was vor, nach und während der Ringkriege so passiert sein mag.

Den Versuch wagt diesmal Kenji Kamiyama, der bei Star Wars Visions mit seiner Episode The Ninth Jedi bereits vertreten war. Und verarbeitet eine Erwähnung aus den Anhängen der Herr der Ringe-Romane von J. R. R. Tolkien zu einem schicksalhaften Epos rund um die Völker von Rohan, angesiedelt ungefähr zweihundertfünfzig Jahre vor der Sache mit dem einen Ring, und eingebettet in die für Kenner und Fans bereits vertraute, wohlbekannte und griffige alte neue Welt der weiten Täler, Grassteppen und unwirtlichen Gebirgszüge, in deren zerklüfteten Flanken sich so manche aus Menschenhand erbaute Burg aus den Schatten quält. Eine davon ist uns wohlbekannt. Damals nannte man sie Hornburg, nach den heldenhaften Taten eines Königs namens Helm Hammerhand treffend Helms Klamm getauft. Eine Festung sondergleichen, eine unbezwingbare letzte Bastion, aus der es, wird sie mal belagert, kaum ein Entkommen gibt. In Der Herr der Ringe – Die zwei Türme grölte vor den Mauern die unzählbare Meute blutdürstender Orks unter der Führung des sinistren Zauberers Saruman (der auch hier einen kleinen Cameo-Auftritt absolviert – mit der Stimme Christophers Lees). Jahrhunderte früher war es eine Handvoll Dunländer, die sich die Kampfeslust der Bergvölker zu eigen machen, um sich die Herrschaft der Provinz Edoras unter den Nagel zu reissen. Heerführer Wulff, emotional geblendet, rachelüstern und beleidigt wie ein kleines Kind, will Helm Hammerhand, der seinen Vater auf dem Gewissen hat, samt seiner Sippschaft vom Boden Mittelerdes tilgen. Hammerhands Tochter, die rothaarige und pferdeliebhabende Héra, hat Wulff einst den Laufpass gegeben, umso mehr wuchert die Kränkung in des Gegners einfachem Gemüt. Es kommt, wie es kommen muss, die Schlacht der Rohirrim wird in diesem Anime-Abenteuer ausgetragen werden, bildet aber nicht den Höhepunkt des Films, sondern darf vielmehr als Rad des Schicksals die Parameter neu verteilen.

Mit viel Gespür für die Seele von Tolkiens Welt und einer Lust am Erzählen von Märchen und Legenden, als würde man als Hobbit am Lagerfeuer irgendwo in den Wäldern des Auenlandes sitzen und erfahrenen Reisenden bei ihren genüsslichen Vorträgen an den Lippen hängen, so wirkt Der Her der Ringe: Die Schlacht de Rohirrim auch auf mich. Anders als die von den amazon studios ins Leben gerufene Serie beweist der Stoff, aus dem die epische Fantasy erstanden sein mag, das Zeug dazu, auf der großen Leinwand viel besser zu funktionieren als auf dem Abspielgerät des Streamers. Der Herr der Ringe gehört ins Kino, Der Herr der Ringe funktioniert nur dann, wenn die Geschichte den Mut hat, weitestgehend stringent erzählt, anstatt andauernd von Nebengeschichten zerrissen zu werden. Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht leidet darunter, zu viele Schauplätze auf einmal zu bespielen. So funktioniert das Erzählen von Legenden nun mal nicht. Wenn es hochkommt, können zwei Erzählstränge parallel laufen, um einander zu ergänzen. Frodos Odyssee zum Schicksalsberg auf der einen, die Abenteuer der übrigen Gefährten auf der anderen Seite. Die Schlacht der Rohirrim besinnt sich auf den Erzählstil von Mittelerde und macht somit alles richtig. Schafft dadurch auch Atmosphäre und elegantes Pathos, vermengt sein großes Drama mit Howard Shores Gänsehaut-Klängen und nachhaltigen Wendungen, die diesem Teil Mittelerdes eine glamouröse Bedeutung verleihen, die wiederum in den späteren Filmen ihren Widerhall findet.

Meine vom Fotorealismus verwöhnten Augen gewöhnen sich überraschend schnell an den Stil des Anime. Siehe da, die reduzierte Mimik der Gesichter schafft Spielraum für die eigene Imagination der Heldinnen und Helden, die Geschichte ist der Optik untergeordnet und kann sich entfalten. Kamiyamas Film gerät dadurch zum leidenschaftlichen Herrscherinnendrama und legt den Grundstein für so starke Figuren wie Thronerbin Éowyn, die im Grande Finale der Ringe-Trilogie dem Hexenmeister den Feminismus erklärt. In einem Guss erzählt und eingebettet in das große Mysterium der Kerngeschichte des dritten Zeitalters, spürt das Franchise endlich wieder den Pulsschlag von Tolkiens Welt.

Der Herr der Ringe: Die Schlacht der Rohirrim (2024)

Salem’s Lot – Brennen muss Salem (2024)

VAMPIRE SIND ANSTECKEND

4/10


salemslot© 2024 Warner Bros.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: GARY DAUBERMAN

DREHBUCH: GARY DAUBERMAN, NACH DEM ROMAN VON STEPHEN KING

CAST: LEWIS PULLMAN, SPENCER TREAT CLARK, MAKENZIE LEIGH, PILOU ASBÆK, BILL CAMP, WILLIAM SADLER, ALFRE WOODARD, JOHN BENJAMIN HICKEY, NICHOLAS CROVETTI, ALEXANDER WARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Als Stephen King mit dem Schreiben Mitte der Siebziger erst so richtig in Fahrt kam, konnten sich Fans der ersten Stunde nach dem Telekinese-Dilemma rund um Carrie nahtlos folgend mit den Mythen der Vampire auseinandersetzen. Brennen muss Salem – oder im Original schlicht Salem’s Lot – war Stephen Kings zweites Werk, und man merkt auch angesichts der Neuverfilmung aus gegenwärtigem Jahrgang, dass der Meister des Belletristik-Horrors noch nicht allzu viel anderweitige Konkurrenz gehabt hat. Denn was gab es damals schon, in den Siebzigern, an Vampiren der Popkultur zu verzeichnen? Murnau, Lugosi und Christopher Lee hatten im Laufe der Filmgeschichte wohl eher die Biographie des unglückselig verfluchten Dracula und Orloc aka Nosferatu bedient. Ein einzelner Anarchist, salonfähig, eitel und distinguiert. Und nur so weit mörderisch, um ihm fast alles zu verzeihen, denn der Herr aus Transsilvanien ist ja fast schon einer, den man bewundert ob seines Alleinstellungsmerkmals, seines ewigen Lebens und seiner Verachtung aller Werte, ohne sie mit Füßen zu treten. Mit Stephen King wurde das anders, da war es nicht mehr Dracula oder Orloc, da sind es ganze Kleinstadtgemeinschaften, die unter die Reißzähne eines Obervampirs geraten, der, und da mag die Hommage an Murnaus Stummfilmklassiker augenscheinlich gegeben sein, die ganze Welt in eine ihm unterworfene zu verwandeln. Weit gedacht hat der Kahlkopf allerdings nicht. Gibt’s keine Menschenopfer mehr, dürfen all diese Blutsauger bald am Hungertuch nagen. Del Toro und Chuck Hogan mit ihrer Vampirtrilogie The Strain haben das Problem anders gelöst, und lassen die untoten Dämonen weiterdenken als nur bis zum nächsten Grabstein.

Als Metapher auf Pandemien und Massenhysterien aller Art wütet also bald eine bissfreudige Seuche durch Salem’s Lot, einer Kleinstadt in Maine, in welcher der sinistre und wenig vertrauensvolle Antiquitätenhändler Straker (Pilou Asbæk) eine längliche Kiste in den Keller seines Anwesens schaffen lässt. Zeitgleich mit dieser Lieferung lässt sich Schriftsteller Ben Mears (Lewis Pullman) in diesem beschaulichen Örtchen nieder, um seine Memoiren zu verfassen. Der wird allerdings nicht gern wiedergesehen, schließlich beschuldigt man ihn eines Unglücks, das vor vielen Jahren hier passiert war. Mears lässt sich nicht einschüchtern, findet gar noch ein Love Interest und muss sich bald einer unheilvollen Tatsache stellen, die damit zu tun hat, dass die Kinder der Familie Glick das Zeitliche segnen – um wiederaufzuerstehen. Als Kick-off für einen lokal begrenzten jüngsten Tag der Bewohner von Salem’s Lot.

Das Problem an Gary Daubermans Neuverfilmung ist ein grundlegendes. Auch wenn Vampire keine Seele haben, wäre es zumindest ratsam gewesen, diese zumindest in der Umsetzung dieses klassischen Stoffes zu belassen. Dabei gibt die Vorlage für atmosphärischen Folk-Horror auf begrenztem Raum, angereichert mit bedrohlichem Unbehagen und geisterhaften Besuchen jenseits der Fenster hochgelegener Zimmer, so einiges her. Auch Obervampir Barlow könnte zum Schrecken in Person werden, zur expressionistischen Nemesis gutgläubiger Konservativer. Der Funke, um Salem wirklich brennen zu lassen, springt nicht über. Da kann man zündeln, was man will. Da kann Bill Camp das glühende Kreuz mit gestreckten Armen vor sich herhalten, da könnte der Spuk, den Taschenlampenlicht nun eben erzeugt und an Found Footage erinnert, die Gänsehaut aufsteigen lassen. Doch nichts davon passiert. Schwer zu sagen, woran das liegen mag. Am lustlosen Spiel fast des gesamten Ensembles? An dem in Grund und Boden zusammengestrichenen Skript, das darauf verzichtet, seinen Bewohnern existenzielle Relevanz zu verleihen? Das kommt davon, wenn man Bücher – und die von Stephen King sind keine Groschenromane – so sehr ausblutet, bis nur noch der Handlungsstrang übrigbleibt.

Wenn sich keiner mehr darum kümmert, den leidenschaftlich menschelnden Aspekt der notgedrungenen Helden auszubauen, wird es fade. Die Vampire selbst mögen in ihren Ambitionen leicht zu erfassen sein. Dort, wo das Herz schlagen sollte, bleibt nur Ruhepuls. Und plötzlich ist da der kindliche Superheld, ein waschechter Jungspund vermeintlich aus Derry, der kurz mal hier vorbeischaut, um es mit dem dortigen Bösen aufzunehmen. Und zwar im Alleingang.

Salem’s Lot – Brennen muss Salem (2024)

The Room Next Door (2024)

DABEISEIN IST ALLES

7/10


theroomnextdoor© 2024 Warner Bros. Pictures


LAND / JAHR: SPANIEN 2024

REGIE: PEDRO ALMODÓVAR

DREHBUCH: PEDRO ALMODÓVAR, NACH DEM ROMAN VON SIGRID NUNEZ

CAST: JULIANNE MOORE, TILDA SWINTON, JOHN TURTURRO, ALEX HØGH ANDERSEN, ESTHER MCGREGOR, VICTORIA LUENGO, JUAN DIEGO NOTTO, RAÚL ARÉVALO, ALESSANDRO NIVOLA U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Krankheit und Tod sind Themen, die selten ins Kino locken, will man Zerstreuung finden. Sie locken vielleicht ins Kino, um Schauspielgrößen dabei zuzusehen, wie sie als akribisch interpretierte Filmfiguren mit ihrer Endlichkeit klarkommen müssen. Mit Schmerz, Verlust und dem Herbst des Lebens womöglich mitten im Sommer. Meistens ist das schwermütiges Kino. Taschentücher sind in Griffnähe und Vorsicht davor geboten, im vielleicht sogar sentimentalen Morast zu versinken. Wie ein Stein im Magen liegen solche Filme. Nicht aber bei Pedro Almodóvar, seit Jahrzehnten schon im Filmgeschäft und bereits sämtliche Meisterwerke in seinem Oeuvre wissend, die eine gewisse Zeitlosigkeit genießen. Almodóvars Werke lassen sich ausschließlich anhand seiner Settings und vor allem seiner Farbtafeln erkennen. Dieser Kunst des komplementären Colorings in Szenenbildern und Kostümen verschreibt er sich auch in seinem neuesten Werk The Room Next Door. Und viel wichtiger als der tieftraurige Kloß im Hals, den man empfindet, wenn gute Freunde diese Welt verlassen, scheint ihm die erlesene Bildsprache allemal zu sein.

Den Stein im Magen lässt Almodóvar also anderen. Die wandelbare Tilda Swinton und die stets im Schauspielkino fest verankerte Julianne Moore müssen ihn auch nicht schlucken. Beide sind nicht dafür bekannt, zu Sentimentalitäten zu neigen oder sich in schmerzhaften Schicksalen zu verbeissen, obwohl Moore sich ab und an dazu hinreissen lässt, die Hysterikerin zu geben. Nicht so in diesem Film. Swinton und Moore sind zwei Freundinnen von früher, die sich nach langer Zeit wiedersehen. Gerade noch zur rechten Zeit, denn Swintons Figur der Martha ist an Gebärmutterhalskrebs erkrankt, wofür sie sich im Krankenhaus diversen Chemo- und Immuntherapien unterzogen hat. Von Selbstmitleid ist anfangs keine Spur bei der ehemaligen Kriegsreporterin, die alles schon gesehen hat auf dieser Welt, jedes Gräuel und allerlei schreckliche Tode. War der Krieg schon deren Arbeit, führt sie den letzten mit sich selbst. Und wünscht sich für einen selbstbestimmten Abgang Ingrid an ihre Seite, die nichts anderes tun muss als nur dabei zu sein, wenn Martha jene todbringende Pille schluckt, die sie aus dem Darknet erstanden hat.

Almodóvar zäumt das Pferd zwar nicht von hinten, nimmt aber längst nicht den direkten Weg, um zum Kern seiner Geschichte vorzudringen. Viel lieber hält er sich damit auf, beide Frauen erst einmal kennenzulernen. Was sie antreibt, was sie ausmacht, was sie verbindet. Dabei kippt The Room Next Door in eine melodramatische und recht plakative Nebengeschichte, die das Schicksal des für Marthas Tochter unbekannten Vaters bebildert. Es ist, als passe diese verästelnde Abkehr vom eigentlichen Erzählstrang nicht in dieses Konzept, genauso wenig manch fachsimpelnder Dialog über Kunstgeschichte, der letztlich nichts zur Handlung beiträgt. Und dennoch: dieses Konterkarieren der Erwartungen, dieses Hinhalten des eigentlichen Themas, macht etwas mit der Wahrnehmung und mit der Akzeptanz der eigentlichen, vielleicht gar eitlen Problematik zweier Damen aus dem intellektuellen Establishment, die jede für sich den Tod als etwas gänzlich anderes sieht. Letztlich hat dieses Mäandern einen Sinn, auch John Turturros Auftritt als Klima-Poet, der über das Ende der Welt rezitiert. Das Wichtigste dabei aber ist es, egal in welcher Lebenslage, ausschließen zu können, allein zu sein. Der Mensch ist dafür nicht geschaffen. Das Teilen von Meinungen, der Austausch von Empfindungen, das Interagieren mit einem Gegenüber erklärt Almodóvar als die Essenz menschlichen Glücks. All seine scheinbar überflüssigen Nebenszenen spiegeln doch nur die Lust am Zu- und Miteinander wider. Da wird das Thema rund um Sterbehilfe oder Tod zu einem Thema unter vielen anderen.

Interessant, dass es Almodóvar gar nicht darum geht, den illegalen Weg des Freitods zu bewerten oder zu analysieren. Er bleibt eine austauschbare Begrifflichkeit für einen Ist-Zustand in einer Welt der Lebenden und der Toten, der mit der Gewährleistung eines Miteinanders, um die Einsamkeit zu vernichten, alles hat, was er braucht.

The Room Next Door (2024)

Beetlejuice Beetlejuice (2024)

QUÄLGEISTER AUF ZURUF

5/10


beetlejuicebeetlejuice© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: TIM BURTON

DREHBUCH: ALFRED GOUGH, MILES MILLAR

CAST: MICHAEL KEATON, WINONA RYDER, CATHERINE O’HARA, JENNA ORTEGA, JUSTIN THEROUX, MONICA BELLUCCI, ARTHUR CONTI, WILLEM DAFOE, BURN GORMAN, AMY NUTTALL, SANTIAGO CABRERA, DANNY DE VITO U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Es ist wohl naheliegend, dass das Studio an Tim Burton herangetreten war, um ihn davon zu überzeugen, nochmal einen seiner Klassiker aufzuwärmen, war der doch damals an den Kinokassen ein erfolgreiches Vehikel. Das Publikum von damals ist nicht mehr das von heute, soviel scheint den Geschäftsfrauen- und männern wohl klar. Andererseits liegt Beetlejuice noch nicht so lange zurück, um die Kinder der Achtziger wie die Nadeln im Heuhaufen suchen zu müssen. Derer gibt es noch viele, und die Achtziger, die waren nicht nur irgendeine Dekade, sondern das Kinojahrzehnt schlechthin – so viele Klassiker, Blockbuster und Zufallserfolge gab es vorher und nachher wohl nie wieder. In diesem fulminanten, kataklystischen Output lässt sich eben auch Tim Burtons Geisterkomödie wiederfinden – ein kauziges, kleines Komödchen mit sehr viel Stop-Motion und blassgesichtigen Morbiditäten, mehr Grotten- statt Geisterbahnfahrt, denn zum Gruseln war das alles nicht. Das Horrorhafte ist Tim Burton auch nie gelegen, selbst sein Sleepy Hollow ist gediegener Gothic mit schrägen, aber nicht schrecklichen Einfällen. Wenn dann einer wie Bio-Exorzist Betelgeuse – lautmalerisch eben Beetlejuice – kugelbauchig, zerfleddert und mit satten dunklen Ringen um die Augen seinen Einstand probt, etabliert sich das Subgenre der Gruselkomödie wie ein Lehrstück für spätere Projekte. Und als wäre die ganze Mär rund um Geister, die nicht gehen wollen und solchen, die durch die Verheiratung mit den lebenden dem Jenseits zu entfliehen gedenken, nicht sowieso schon 1988 auserzählt, erhoffen sich die Studio-Kapitalisten mit einem Sequel, das so anmutet wie ein Reboot, nochmal den großen Reibach.

Entstanden ist dabei – zum Teil mit Originalbesetzung – weder Fisch noch Fleisch, Hommage und Upgrade gleichermaßen. Ein Chaos an pittoresken Expressionismus-Reminiszenzen a la Caligari, ein wohl wirklich herzhafter Cameo mit dem untoten Danny DeVito, vielen Schrumpfköpfen und einer Corpse Bride, für welche Tim Burtons neue Frau Monica Bellucci im Narbenlook stilechte Vergeltung verspricht. Das ist aber längst nicht alles, da kullert noch viel mehr durchs Dies- und Jenseits. Doch scheinbar hängt sich der Plot dann doch daran auf, Schauspieler Jeffrey Jones (im Original Winona Ryders Filmvater Mr. Deetz) nicht mehr zur Verfügung zu haben. Das liegt wohl daran, dass der Star vor vielen Jahren wegen Kinderpornografie belangt wurde. Das ist natürlich Kassengift, und auch sonst will niemand jemanden sehen, der Verbrechen wie diese zu verantworten hat. Also muss Jeffrey Jones verschwinden und fällt zu Beginn des Films als Überlebender eines Flugzeug-Crashs einer Hai-Attacke zum Opfer. Die übrige Familie versammelt sich trauernd im uns wohlbekannten Gemäuer, Tochter Ryder ist erwachsen, deren Tochter Jenna Ortega (Burtons neue Wednesday) die Skepsis in Person, was Paranormales anbelangt. Und Mutter Delia (Catherine O’Hara), Kunstikone, ist ebenfalls mit von der Partie. Währenddessen sinnt Bellucci im Jenseits danach, sich an titelgebendem Beetlejuice für was auch immer zu rächen. Und ein anderer Geist hat es in der Hand, die ungläubige junge Ortega davon zu überzeugen, dass der Tod nicht das Ende aller Dinge ist.

Tim Burton hat also viele Fäden in der Hand, für sich sind das alles kleine, platte Geschichten, aufgepeppt mit Make Up, Budenzauber und analogen Trickkisten. Für keine dieser Erzählebenen nimmt sich der legendäre Maestro mehr Zeit als nötig, all diese Fäden mögen zwar miteinander verflochten sein, doch nur widerwillig und wenig synergetisierend. Es ist vieles von allem und vieles von Altem, als Anhäufung fan-servicierender Anekdoten lässt sich Beetlejuice Beetlejuice bezeichnen, für Kinder aus den Achtzigern und jener, die dafür sorgen, dass Beetlejuice im Retail-Sektor wieder ordentlich Kohle macht. Kennt man das Original nicht, fällt das Sequel seltsam willkürlich aus. Da fehlt etwas, würde man bemerken, Doch das lässt sich auch feststellen, wenn man weiß, wie Michael Keaton schon damals das okkulte Geisterkarussel in Gang gebracht hat. Anstatt ein bisschen die Füße stillzuhalten, gerät Burtons Regie unter Zuckerschock und entwickelt eine aufgekratzte Fahrigkeit, wie es manchmal Kinder erleben, die am Ende eines Tages im Familypark gerne schon entspannen würden, es aufgrund der vielen Eindrücke und des ganzen ungesunden Naschkrams nicht mehr hinbekommen. So quirlt auch diese, das Original wenig bereichernde Komödie um sich selbst herum, ohne sich auf irgendetwas länger konzentrieren zu können, als würde man völlig überreizt durch die Geisterbahn tingeln.

Beetlejuice Beetlejuice (2024)

Joker: Folie à Deux (2024)

WER ZULETZT LACHT

7,5/10


joker2© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: TODD PHILLIPS

DREHBUCH: TODD PHILLIPS, SCOTT SILVER

CAST: JOAQUIN PHOENIX, LADY GAGA, BRENDAN GLEESON, CATHERINE KEENER, ZAZIE BEETZ, HARRY LAWTEY, STEVE COOGAN, LEIGH GILL, SHARON WASHINGTON, JACOB LOFLAND, BILL SMITROVICH, KEN LEUNG, CONNOR STORRIE U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Wo ist Batman, wenn man ihn braucht? Wo diese gebrochenen, aber idealistischen Recken und Helden, die für eine bessere Welt eintreten wollen? Wie wir bereits aus Joker wissen: Zu diesem Zeitpunkt, als der anarchistische Clown namens Arthur Fleck seinen Stufentanz vollführt, ist Bruce Wayne gerade mal noch ein Dreikäsehoch. Irgendwie passt da chronologisch einiges nicht zusammen. Doch das hat einen Grund. Einen sehr driftigen, erhellenden, so ziemlich aus der Bahn werfenden. Dieses Gotham der Frühzeit ist die prähistorische DC-Epoche ohne Metawelten, Glamour und fantastischer Mutationen. Todd Phillips weiß, wie er diese fiktive Welt erden muss, damit sie ernst genommen wird. Im weiteren Sinne hat dies auch Matt Reeves so gehandhabt. Sein Batman mit Robert Pattinson und Colin Farrell als Pinguin, der weit jenseits eines Danny De Vito keine fliegenden Frackträger im Sinn hat wie einst bei Tim Burton, feiert den Realismus. Doch auch dann ist diese Batman-Welt kein Umstand, mit welchem sich Phillips beschäftigt. Er schafft es, diese mächtige Begrifflichkeit „Joker“ als Gesinnungszustand aus seinem Kontext zu lösen.

Im Film von 2019 war der Joker Ausdruck eines unterdrückten Traumas, mit allen bitteren Konsequenzen und allem Frust, wofür ein Individuum wie Arthur Fleck letztlich die Gewalt als Ventil gewählt hat. Eine One-Man-Show ist das geworden, Joaquin Phoenix bekam völlig zurecht, wie jeder weiß, dafür seinen Oscar. Auch wenn man damals schon so seine Vermutungen im Kopf hatte, was es mit dieser Interpretation denn noch auf sich haben könnte – gerade durch Joker: Folie à Deux erreicht das Psychogramm einer kaputten Seele, die wohl darum gebettelt hätte, als schizophren diagnostiziert zu werden, eine Metaebene, auf welcher sich die Idee eines launigen Anarchisten, der das System zu Fall bringen kann, völlig verselbstständigt. Es stellt sich dabei die Frage: Ist Arthur Fleck der Joker, oder ist der Joker Arthur Fleck? Was oder wer war zuerst da? Wofür steht diese Idee und wie sehr lässt sie sich von diesem Menschen trennen, der seit zwei Jahren hinter Arkhams Mauern sitzt? Die Idee des Joker erhält ihren Vorwärtsdrall durch das Auftauchen einer legendären Gespielin – von Harley Quinn, längst schon kongenial verkörpert durch Margot Robbie, die das Plakative des Charakters treffend skizziert hat. Lady Gaga ist anders, Lady Gaga offenbart erstmals das Ungeschminkte hinter dem Wahnsinn, und wir stellen fest: dieser reicht lediglich zum Imitat. All die Songs, die in Joker: Folie à Deux zum Besten gegeben werden, verstärken nur noch den Charakter einer Show, die nur Fassade ist für etwas ganz anderes.

Dass dieses fast schon als Epilog zu verstehende Filmexperiment einem an bewährtem Content interessierten Publikum mitunter sauer aufstößt, ist ein Umstand, den Phillips akzeptiert. Denn seine Vision ist eine Versuchsanordnung, die als filmisches Essay betrachtet werden kann – als eine ungefällige Abhandlung, die das Gefälle zwischen Mensch und Kunstfigur sehr stark und fast schon katharisch in den Fokus nimmt. Das lässt sich nur machen, wenn der Plot selbst auf das Wesentliche reduziert bleibt: Wir haben Arkham, wir haben den Gerichtssaal, wie haben die Träume eines gepeinigten, abgemagerten Häftlings, eines gebrochenen Bajazzo. Belebt wird seine Kunstfigur durch Harley oder Ley, die den berühmt-berüchtigte Fünffachmörder wieder auf die Beine hilft, um das bevorstehende Erbe von Batmans großer Nemesis anzunehmen. Doch Phillips hat seine eigenen Visionen, schenkt Arthur Fleck seine eigene Bedeutung, lässt sein Publikum dumm dastehen und steht zu seiner Conclusio.

Ähnlich wie bei Kill Bill ergänzen und bereichern sich beide Filme auch hier. Im Gegensatz zu Joker aus 2019 ist dieses weitergesponnene Spiel mit Identität und Gesellschaft nicht ganz so perfekt. Joker: Folie à Deux gibt sich weitaus zurückhaltender, versponnener und darf auch Längen verbuchen, in denen man sich fragt, ob diese Momentaufnahmen einer verheißungsvollen Begegnung zweier Kultfiguren irgendwann noch mehr versprichen als nur das Vorhaben, etwas Großes zu errichten. Oft tritt sein Film auf der Stelle, die Gesangseinagen bewegen die Geschichte kaum voran. Phoenix kann schauspielern, aber nicht singen, es bleibt ein Krächzen neben dem verrauchten Hauchen einer Lady Gaga, die auch schon mal besser war. Und dennoch ist es Schauspielkino auf höchster Stufe, schafft Phillips ikonische Bilder und epische Düsternis, dieses Krächzen passt da ganz gut hinein. Etwas kürzer hätte nicht geschadet, wäre auch gar nicht aufgefallen, denn manches wiederholt sich. Am Ende aber legt der Film seine Karten auf den Tisch – mit einem Knall, einem Getöse, einem unvergesslichen Schlussakt. Und siehe da: Das Blatt enthält nur Joker.

Joker: Folie à Deux (2024)

They See You (2024)

STEGREIFBÜHNE DER VERDAMMTEN

4,5/10


theyseeyou© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE WATCHERS

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: ISHANA SHYAMALAN

CAST: DAKOTA FANNING, OLWEN FOUÉRÉ, GEORGINA CAMPBELL, OLIVER FINNEGAN, ALISTAIR BRAMMER, JOHN LYNCH, SIOBHAN HEWLETT U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ein eifriger Filmemacher ist er, dieser M. Night Shyamalan – alle zwei Jahre gibt’s einen neuen Film, der letzte war sogar erst 2023 zu sehen: Knock at the Cabin, was allein schon vom Titel ein bisschen an The Cabin in the Woods erinnert und mit diesem zumindest auch inhaltlich das Setting einer einsamen Hütte im Wald gemeinsam hat. Ein Jahr später gleich der nächste – und noch im Kino zu sehen: der Serienkiller-Thriller Trap: No Way Out mit Josh Hartnett. Ist einer wie Shyamalan mal so berühmt, verwundert es oft nicht, dass der Nachwuchs gefeierter Künstlerinnen und Künstler, um nicht unter der Dominanz ihrer Eltern zu verschwinden, ebenfalls nach dem Erfolg eifern, was sich schließlich leichter bewerkstelligen lässt als bei Otto Normalverbraucher, der nicht schon aufgrund seiner Verwandtschaft den Fuß in der Tür weiß und mit Vitamin B auf die große Leinwand gelangt. Der Anfang ist gemacht – der Rest wäre dann wohl wirklich eine Frage des Könnens. Ob Shyamalans Töchterchen Ishana ihre eigene künstlerische Identität gefunden hat, mag angesichts ihres Regiedebüts They See You (im Original: The Watchers) dahingestellt sein. Sie tut schließlich genau das, was ihr Vater tut. Gruselige Mystery mit Story-Twist(s) in Szene setzen, das Ganze natürlich auch selbst verfasst, um ihrem Vorbild in nichts nachzustehen.

Zum Schaffen seltsamer Welten gehört allerdings auch die Handhabung einer eigenen Handschrift. Ishana Shyamalan hat sie nicht. Der Einfluss ihres Vaters ist augenscheinlich, das Setting natürlich ein Vertrautes, verirrt sich doch Dakota Fanning im zwielichtigen Dickicht, aus dem es kein Entkommen gibt. Und Wälder, die sind nicht erst seit The Blair Witch Project spooky genug, um gleich für eine ganze Latte an Filmen herhalten zu können. Was dann noch ans Set gehört, ist eine Zuflucht – ein Haus, ein Tunnel, ein Bunker, was auch immer. Da, sobald sich die Nacht senkt, Fannings Figur im düsteren Tann nicht mehr allein zu sein scheint, läuft sie um ihr Leben – und landet per Zufall in den Armen einer höchst seltsamen Community, die schon jahrelang hier festsitzt und allnächtlich showgeilen Monstren das Fernsehprogramm gestaltetn. Eine Seite des bunkerähnlichen Gebäudes, in dem sich alle einfinden, ist schließlich verspiegeltes Glas – und so präsentieren sie sich, aufgereiht wie beim Da Capo-Applaus in einem Theater, einer unbekannten Macht, die tagsüber in Lächern im Waldboden haust.

Ishana Shyamalan quält sich durch einen verworrenen Pulk an unausgegorenen Mystery-Elementen und Motiven aus folkloristischen Legenden. Dabei misslingt es, das mit allerlei Bedrohlichkeiten aufgebauschte Geheimnis hinter diesem Spuk nicht mit der tatsächlichen Wahrheit, die natürlich ans Licht kommen muss (weil Papa das auch immer tut), zu vereinbaren. Eine biedere Harmlosigkeit erobert das Szenario, die Geschicklichkeit mit den Twists, die, sollten sie gelingen, auf unerwartbare Weise hereinbrechen sollten, erlangt man schließlich nicht mit einem Fingerschnippen. Letztlich enttäuscht der zumindest atmosphärische Versuch eines archaischen Schreckens aufgrund einer gewissen Ratlosigkeit, wie ein Plot wie dieser auf geniale Weise zu Ende gebracht werden könnte. Shyamalan Senior, zumindest Produzent, hat da auch keine knackfrischen Ideen in petto, die benötigt er schließlich selbst, denn aus dem Ärmel schütteln lassen sich narrative Pointen schließlich niemals. Da viel Bekanntes in They See You lediglich variiert wird, ist das Ergebnis dieser Kalkulation kein überraschendes.

They See You (2024)

Trap: No Way Out (2024)

EIN ESCAPE ROOM FÜR DEN KILLER

6,5/10


TRAP© 2024 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION: M. NIGHT SHYAMALAN

CAST: JOSH HARTNETT, ARIEL DONOGHUE, SALEKA SHYAMALAN, ALISON PILL, HAYLEY MILLS, JONATHAN LANGDON, MARNIE MCPHAIL, KID CUDI, M. NIGHT SHYAMALAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Eine unerwartete Aktualität hat sich M. Night Shyamalans neuester Streich da eingetreten: Aufgrund geheimdienstlicher Warnungen konnte ein verheerender Terroranschlag im Rahmen bevorstehender Taylor Swift-Konzerte in Wien vereitelt werden. Dass dabei das Management der allseits beliebten Dame überhaupt gleich alle Events hat absagen müssen, bleibt als bitterer Nachgeschmack des Sommers hierzulande zurück. In Trap: No Way Out ist es zwar nicht Taylor Swift, sondern der fiktive weibliche Popstar Lady Raven, eine Mischung aus Lady Gaga und Gothic für Teenies, die ein Konzert zum Besten gibt, welchem die zwölfjährige Riley, Hardcore-Fan, unbedingt beiwohnen muss. Allerdings geht sowas nur im Beisein eines Erziehungsberechtigten, also ist Papa Cooper (Josh Hartnett) mit von der Partie. Was er nicht weiß: Das Konzert ist nichts anderes als eine Falle für den Serienkiller The Butcher, der sich zu dieser Zeit an diesem Ort aufhalten soll. Das Polizeiaufgebot ist enorm – nicht nur die urbane Exekutive, auch schwerbewaffnete Eliteeinheiten schützen und blockieren jeden Ein- und Ausgang. Was er weiß – und wir auch bald wissen: Der böse Bube ist Papa Cooper himself – eine Tatsache, die M. Night Shyamalan diesmal nicht als unerwarteten Twist verbrät, sondern als gegebene Prämisse. Statt das Konzert also abzusagen, wird es dafür genutzt, um jenen Psychopathen, der bereits zwölf Menschen auf dem Gewissen hat, endlich dingfest zu machen. Cooper muss nun überlegen, wie es gelingen könnte, diesen unerwarteten Escape Room zu knacken.

Die Grundidee für Trap ist originell genug, um mal etwas anderes erwarten zu können als nur eine Killerhatz mit desillusionierten und verhaltensgestörten Ermittlern, die mit dem Bösen so manche Gemeinsamkeit entdecken – siehe z.B. Catch the Killer. Diesmal sehen wir alles aus dem Blickwinkel eines Antagonisten, dem Josh Hartnett eine väterlich-freundliche Aura verleiht, hinter dieser aber ein sardonisches Grinsen verbirgt, das an die freundliche Mimik aus dem Horrorschocker Smile erinnert. Das Grinsen ist somit psychopathischer Natur, denn die Figur des Cooper schleppt, was sich in Andeutungen spiegelt, einige Traumata mit sich herum. Sympathie weckt das aber nur bedingt – was aber der Faszination für Hartnett keinen Abbruch tut. Ihn gegen sein Image zu besetzen mag wohl der klügste Schachzug des Mystery-Spezialisten sein. Und dann ist da noch dieser Eventcharakter eines ausführlich und zugegeben in langen Einstellungen gefilmten Konzerts von Shyamalans Tochter Saleka, die darin auch selbst singt und welches viele Minuten des Films okkupiert – einfach, um die Stimmung eines glückseligen Ausnahmezustandes zu lukrieren, welches Konzerte dieser Art nunmal entfachen. Auch das gelingt Trap vorzüglich. Des Weiteren stellt sich aber die Frage: Als wie gut kann ein Film letztlich eingestuft werden, wenn er sich doch zu gnadenlos tiefen Plot Holes hinreissen lässt, die so überdeutlich und realistisch betrachtet niemals so passieren könnten – die aber als Failure-Momente dennoch eine fesselnde Dynamik garantieren, mit der man letztlich mitziehen muss und dessen Rhythmus man sich unterwirft, obwohl sonnenklar ist, dass Shyamalan hier so einiges an Plausibilität verspielt.

Kann – oder darf man gar ungeniert solche Mängel übergehen, zugunsten einer Sogwirkung, der man sich genauso gerne hingibt wie dem Strömungsbecken in einer Thermenlandschaft? Darf man. Man muss es nicht kritisieren. Übersehen kann man diese Dinge aber trotzdem nicht, dafür aber – wie so vieles im Leben – kinderleicht verdrängen. Mit dieser Ambivalenz des Plots schafft Shyamalan das größte Mysterium in einem Film, der diesmal fast ganz ohne Mystery auskommt. Filme müssen also – in ihrer Schlüssigkeit – längst nicht perfekt sein. Da gibt es andere Werte, die trotz allem volle Unterhaltung garantieren. Den Spaß will man sich schließlich nicht verderben lassen, sofern man einen hat.

Trap: No Way Out (2024)

Challengers – Rivalen (2024)

DREI FÜR EIN DOPPEL

7/10


challengers© 2023 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: LUCA GUADAGNINO

DREHBUCH: JUSTIN KURITZKES

CAST: ZENDAYA, JOSH O’CONNOR, MIKE FAIST, DARNELL APPLING, A. J. LISTER, NADA DESPOTOVICH, NAHEEM GARCIA, HAILEY GATES, JAKE JENSEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Tennis? Nein danke. Zumindest nicht im Sportprogramm. Ich weiß zwar, das einer wie Dominik Thiem unlängst seine Karriere beendet hat, dass es Größen wie Steffi Graf, Andre Aggassi und den Österreicher Thomas Muster gegeben hat. Dass es die French- und US Open gibt und Wimbledon oder die Flushing Meadows (oder ist das Golf?). Doch sonst könnte ich, ganz so wie bei Baseball, eigentlich nicht aus dem Stegreif darüber Auskunft geben, nach welchen Regeln der halbharte Filzball über das Netz gedroschen wird. Da werde ich auch bei Sichtung diverser Tennisfilme nicht schlau, die mich aber eher abholen als der Stöhn-Sport an sich. Filme wie Battle of the Sexes oder King Richard sind sehenswert, weil sie vielmehr erörtern, welche sozialen oder gesellschaftlichen Mechanismen dahinter aktiv werden. Um Tennis geht es in den Filmen nur peripher. Genauso wie bei Luca Guadagninos Challengers – Rivalen. Natürlich verortet sich diese Geschichte im Sportfilmgenre, doch abschrecken sollte man sich davon nicht lassen. Da wird Zendaya schon ihr Übriges tun, um auch Tennis-Banausen ins Kino zu bringen. Zendaya ist ja mittlerweile längst nicht nur Schauspielerin, sondern auch Trend-Ikone und Glamour-Girl, aber eine gern gesehene, da sie sich, wie des Öfteren berichtet wird, ganz natürlich gibt, ohne groteske Allüren. Zendaya spielt in Challengers übrigens wirklich groß auf – noch größer als in Villeneuves filminantem Dune-Nachtrag. Sie ist sexy, verführerisch, aber auch selbstbewusst, bisweilen arrogant und egozentrisch. Sie ist sensibel und gleichzeitig toughe Sportlerin, die anderen einheizt. Diese Nuancen bringt Zendaya alle auf den Punkt, ihre Rolle ist also nie langweilig, vorallem deswegn nicht, weil sie weiß, wie sie Emotionen lebt, die sie mit anderen kaschieren muss, weil es die Blase, in der sie existiert, eben verlangt.

Ihr gegenüber und sehr schnell ausgeliefert sind Josh O’Connor (zuletzt gesehen in Alice Rohrwachers Schatzsucher-Allegorie La Chimera) und Mike Faist (West Side Stoy), die am Anfang des Films noch grünohrige Teenager sind, die sich von Zendaya um den Finger wickeln lassen und ehe sie sich versehen, von ihr ausgespielt werden. Sie nutzt die Strebsamkeit der beiden im Tennissport, um sie zu manipulieren. Wer gewinnt, bekommt ihre Nummer. So einfach ist das. Und so folgenschwer, betrachtet man die latent homosexuelle Freundschaft der beiden, die sich von der Unterstufe her kennen und im Leben bislang alles gemeinsam machten. Zendayas Figur der Tashi Duncan, längst Juniorprofi im Tennissport und adidas-Testimonial, hat die Zügel fest im Griff, die beiden jungen Männer spielen den Sport nach ihrer Pfeife. Bis – und das kann gar nicht verhindert werden – Neid, Missgunst und Rivalitäten das Leben von allen dreien auf völlig neue Pfade schickt. Vorallem auch, weil Tashi nach einem Unfall auf dem Tenniscourt ihre Karriere wohl ad acta legen muss, stattdessen coacht sie den einen der beiden, Art Davidson, der sich im Laufe der Jahre zum Profi mausert. Natürlich spielt auch der andere, Patrick Zweig, eine Rolle. Denn was mal war, lässt sich nicht auslöschen. Und die Zweifel darüber, was Tashi eigentlich will, hält die Dreiecksbeziehung über einen epischen Zeitraum von rund dreizehn Jahren am Laufen.

Luca Guadagnino war niemals wieder so gut wie damals, als er Call Me by Your Name, das sommerfeuchte Liebesdrama zwischen Armie Hammer und Thimothée Chalamet auf die Leinwand brachte. Grandioses Kunstkino, erotisch und virbierend; ein Werk, dem man sich nur schwer entziehen kann. Diese Intensität erreicht er auch mit Challengers nicht mehr wieder – was das schweißperlende Drama einer Freundschaft aber immer noch sehenswert genug sein lässt. Die Art und Weise, wie er auch diesmal Verlangen, Begehren, Wunsch und Wirklichkeit aufdröselt, ist mit feiner Klinge geführt. Szenen der romantischen Schwere wechseln mit kühlen Konfrontationen, die mit heftigen musikalischen Rhythmen unterlegt sind. Die Erotik am Tennisplatz und im Bett beruht längst nicht nur auf trivialen Nacktszenen. Gesichter, Blicke, Mimiken, nackte Beine und gezeichnete Körper verorten den Leistungssport auch im Zwischenmenschlichen. Dabei wird Challengers nie garstig oder kriminell. Die Spannung des Films liegt naturgemäß in der Rivalität der beiden Männer, der Film ist auch ihre Geschichte, und Zendaya eigentlich nur die treibende Kraft oder der Auslöser hinter einem nie verarbeiteten Konkurrenzkampf, der vielleicht das Zeug dazu hat, irgendwann das Ventil einer nie ausgelebten Sehnsucht zu öffnen. Womit wir wieder bei Call Me by Your Name wären.

Challengers – Rivalen (2024)

Furiosa: A Mad Max Saga (2024)

DIE STRASSE IST NICHT GENUG

6/10


furiosa© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2024

REGIE: GEORGE MILLER

DREHBUCH: GEORGE MILLER, NICO LATHOURIS

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, ALYLA BROWNE, CHRIS HEMSWORTH, TOM BURKE, LACHY HULME, NATHAN JONES, ANGUS SAMPSON, JOSH HELMAN, JOHN HOWARD, DANIEL WEBBER, ELSA PATAKY U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Für diesen Film war ich in der D-Box. Was das ist? Ein Kinosaal, der immersives Erleben verspricht. Will heißen: Die Sitze, die man gebucht hat, werden dahingehend aktiviert, dass sie sich, abgestimmt aufs Filmerlebnis, entsprechend bewegen. Wenn also zum Beispiel ein Bolide startet, dann wummert auch der eigene Untersatz. Macht die Kamera einen Schwenk, schwenkt dieser dann auch gleich mit. Ist man anfällig für Schwindel, kann das zum Verhängnis werden. Ist aber der Gleichgewichtssinn einer, auf dem man sich verlassen kann, dürfte das erweiterte Einbeziehen der Sinne zumindest bei Furiosa: A Mad Max Saga durchaus Sinn machen. Denn dort brummen und heulen Motoren jede Menge, es explodieren und überschlagen sich Karosserien, es wird geschossen, gekämpft und Wüstenstaub aufgewirbelt – inmitten dieses nach gutem alten Handwerk inszenierten Spektakels das unverwechselbare, faszinierende Konterfei von Anya Taylor-Joy, die allerdings erst nach einer guten Stunde vor die Kamera tritt und vorher ihrer weitaus jüngeren Kollegin Alyla Browne den Vortritt lässt, um die gesamte fiktive Biographie von Furiosa zu erzählen, die Charlize Theron in dem 2015 erschienenen Mad Max: Fury Road schon verkörpert hat – mit geschwärzter Stirn und mechatronischem Arm. Diese Action-Ikone mischt nun also auch George Millers Spin Off auf, und auch wenn sich Taylor-Joy die meiste Zeit hinter Schutzbrillen, Staubtüchern und einer ganzen Schicht Ruß und Motoröl verbirgt – ihre Performance gibt Furiosa: A Mad Max Saga mitunter das, was Mad Max: Fury Road eben nicht hatte: Eine Identifikationsfigur, die einem nicht so gänzlich egal ist wie Tom Hardy, der, wortkarg und unnahbar, den langen, langen Wüstenhighway entlangfuhr, um eben von A nach B zu kommen und sonst nichts weiter.

Währenddessen hatte dieser sämtliche Banden am Hals, mitunter jene von Immortan Joe, einem schwer atmenden Freak mit Maske und transparenter Rüstung, der seine weiß getünchten Jünger gerne sinnlos in den Tod schickt. Alles keine Guten, schon gar nicht ein gewisser Dementus, der von Chris Hemsworth verkörpert wird. Mit dieser exaltierten Rolle, die Rockikonen wie Jim Morrisson, Gene Simmons oder Jon Bon Jovi auf eine Weise karikiert, die zur postapokalyptischen Parodie gereicht, hat Hemsworth sichtlich Spaß. Dass er dabei den Marvel’schen Donnergott zum marodierenden Biker-Cäsaren umkrempelt, noch dazu mit einem Pfrnak, der sein Antlitz grotesk verzerrt, ist reine Absicht. Hemsworth hat lausbübisches Vergnügen an seiner Figur, entsprechend ungestüm wütet er inmitten eines Szenarios, das allerdings nicht viel mehr hergibt als ohnehin schon aus dem Mad Max-Universum freigelegt wurde. Denn George Millers ersonnenes Franchise ist letzten Endes ähnlich karg und wenig fruchtbar wie die Welt, die für handgemachte Action und an die Substanz gehende Stunts die entsprechende Bühne schafft.

Es ist die Wüste, es sind diverse Festungen, es ist die Anarchie einer Endzeit voller Landpiraten, die sich unentwegt bekriegen und nicht imstande sind, sowas wie eine ernstzunehmende Zivilisation aufzubauen. Nach einem nicht näher definierten Ende einer Ordnung, wie wir sie kennen, beherbergt besagtes Wüstenland immer noch geheime grüne Orte, die Furiosa anfangs noch ihre Heimat nennt – bis sie von Rabauken des gottgleichen Dementus entführt wird. Mamas Versuch, die Kleine zurückzubringen, scheitert blutig. Das rothaarige Mädel ohne rechte Kindheit wird wenig später an diesen Immortan Joe verhökert und mausert sich zur Kriegerin, immer nur mit dem einen Ziel, Rache zu üben an den krummnasigen Größenwahnsinnigen, der drauf und dran ist, die absolute Herrschaft zu erlangen.

Bis dahin wird noch viel Sprit verbraucht werden und Karosserien ihre Knautschzonen beanspruchen, werden Tanklaster die Fury Road entlangrasen, Bagger ihre Schaufeln schwenken, sodass Bob, der Baumeister feuchte Augen kriegt und prächtig ausgestattetes Banditen-Gesocks ihre brandneuen Kollektionen vorführen. Mit dieser Liebe zum Detail spielt George Miller, dessen prinzipientreue Analogregie für handgemachtes Rambazamba aller Art auch hier sein Markenzeichen bleibt, seine Trümpfe aus. Vom Nippelzwicker über weißgetünchte Kamikaze-Indigene bis zu Masken und Helmen aller Art füllt Miller ein postapokalpytisches Volkskundemuseum. Dazwischen rattert der Sitz und rattern die Konvois, Treibstoff gibt’s genug, als gäbe es an jeder Ecke eine Tankstelle, doch sonst lässt das Szenario einen kalt. In ausgesuchter Plakativität geben sich flache Figuren einem Schicksal hin, das niemanden tangiert. Die Geschichte rund um Mad Max ist eine hohle Sache, nur immer und immer wieder lässt sich Ähnliches, aber niemals anderes aus dem Konzept herausholen. Diesen Spaß kann man das eine oder andre Mal noch variieren, doch die Aussicht, dass dieser sich totläuft, ist keine Schwarzmalerei. Wie beim Franchise rund um den Terminator, dessen Fortsetzungen immer die gleiche Geschichte aufwärmen, mag die Mad Max-Welt nicht viel mehr hergeben als wilde, handwerklich erlesene, aber kaltschnäuzige Action. Bis die hochtourige Endzeit einer niedertourigen Endzeit die Straßen überlässt.

Furiosa: A Mad Max Saga (2024)