Der Magier im Kreml (2025)

ERKLÄR‘ MIR RUSSLAND

6,5/10

 

Paul Dano im Politdrama Der Magier im Kreml von Olivier Assayas
© 2025 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2025

REGIE: OLIVIER ASSAYAS

DREHBUCH: OLIVIER ASSAYAS, EMMANUEL CARRÈRE, NACH DEM ROMAN VON GIULIANO DA EMPOLI

KAMERA: YORICK LE SAUX

CAST: PAUL DANO, JUDE LAW, ALICIA VIKANDER, WILL KEEN, TOM STURRIDGE, JEFFREY WRIGHT U. A.

LÄNGE: 2 STD 36 MIN 



Ob Wladimir Wladimirowitsch Putin, im Film des Öfteren oder fast immer als „Der Zar“ bezeichnet, diesen Film schon gesehen hat? Er könnte die Sichtung dessen damit begründen, seine Kenntnis darüber ausbauen zu wollen, wie denn der Westen über Russland denkt. Nun, im Grunde weiß er das sowieso. Unterm Strich sind sie alle unfair, außer die FPÖ oder Trump. Oder Karin Kneissl. Weil der Westen wiederum selbst Russland als missratenen Staat empfindet. Wieso sollte er sich das also antun, weil die anderen sowieso und eh nichts wissen?

Die Macht der Macher

Der Magier im Kreml ist aber kein Schwerter schwingendes und scharfzüngiges Aggressionskino gegen das diktatorische Russland, dessen Führer gerne so sein möchte wie seinerzeit Stalin, mit diesem riesigen russischen Reich unter seiner Fuchtel. Dieses stille Drama, das sich lediglich in Worten und damit dokumentierten Berichten weiterbewegt als sonst wie, hat kein Interesse daran, auf irgendeine Weise zu hetzen. In nüchterner, analytischer Methodik arbeitet sich Filmemacher Olivier Assayas durch die literarische Vorlage des Schriftstellers und Politikwissenschafters Guiliano da Empoli, der augenscheinlich gewusst haben muss, wovon er in seinem Bestseller berichtet, nämlich von Struktur, Konzeption und die Umsetzung dessen, was man bekanntlich als autoritäre Machtausübung bezeichnet.

Als solch eine Aufdröselung diverser Mechanismen will Der Magier im Kreml gesehen werden, und dabei stellt sich wiederum die Frage, ob dieser Putin wohl, würde er den Film sehen, all die Methoden nachvollziehen, sich selbst und seinen Stab als entlarvt oder ertappt ansehen oder nur überheblich lächelnd das Ganze als naiven Versuch ansehen könnte, das Geheimnis hinter dem Machtmonster Russland herausfinden zu wollen. Ist das Werk also damit gescheitert oder nicht? Und wer ist überhaupt dieser Wadim Baranow, die rechte Hand Putins oder dessen Schatten?

Danos Figur gab es gar nicht

Es gibt ihn gar nicht. Und gab ihn auch nicht. Wenn es jemanden gab, der so ähnlich taktierte, dann war das Wladislaw Surkow, und tatsächlich wurde der auch als Zauberer bezeichnet, als dritter Mann im Staat. Aber Baranow, den gab es nicht. Nicht so, wie ihn Paul Dano darstellt. Womöglich deswegen, weil es vermutlich selbst für Autor Empoli unmöglich war, näheres über die Biografie dieses Mannes namens Surkow herauszufinden. Und bevor man sich anhören muss, schlecht recherchiert zu haben und sich damit in die Nesseln setzt, lässt man Surkow weg und erfindet eine gänzlich neue Figur.

Damit lässt sich auch besser erzählen, es lässt sich die politische Biografie dieses Machtmenschen Putin einfacher betrachten, wenn man mit einer Figur wie Baranow umgehen kann wie man will und diesen auch so platziert, dass er alles sehen kann, was hinter den Kremlmauern abgeht. Der Rest ist schließlich ohnehin Geschichte.

All die anderen gab es ja wirklich, auch diesen Oligarchen und Fernsehmogul Boris Beresowksi (famos: Will Keen) oder Dmitri Sidorow („Sandman“ Tom Sturridge) – zwei Machtmenschen, die man mittlerweile auch nicht mehr befragen kann. Der Verdacht auf politische Sterbehilfe kommt nicht von irgendwoher, denn Putins Machtapparat, das wissen wir aus den Nachrichten, kann, wenn er denn will, weit über die Staatsgrenzen hinaus noch nachwirken.

Schweigen ist silber, Reden ist gold

Kehren wir zurück zu Paul Dano, den Quentin Tarantino kurzzeitig irgendwie nicht leiden konnte, der aber hier, unter Olivier Assayas Regie, das pausbäckige Milchgesicht eines emotionslosen Denkers abgibt, der zweieinhalb Stunden durchgehend und obendrein den Erklärbären gibt. Da lohnt es sich wieder, Der Magier im Kreml in der synchronisierten Fassung zu sehen, sonst würde man, wie schon bei Haugeruds Oslo-Trilogie, an den Bildern vorbei die Untertitel begaffen, sofern man nicht perfekt Englisch versteht. So aber ist die angenehm kindliche und streichelweiche deutsche Übersetzung problemlos und auf längere Zeit hörbar, schließlich lässt sich ohne der Stimme aus dem Off der halbe Film nicht verstehen, sind all die Etappen der Laufbahn eines Putin in ihrer recht gleichförmigen Beschaffenheit kaum auseinanderzuhalten.

Für die nötige Abwechslung sorgt Alicia Vikander mit variablem Haircut, alle anderen ruhen in ihrem konsistenten Erscheinungsbild – und auch Jude Law, der die Herausforderung stemmen muss, weit jenseits einer aversiven Parodie den Mann bewusst vorurteilsfrei darzustellen, gelingt die reduzierte Annäherung mit lediglich einstudierter Mundpartie und schütter-blondem Haar.

Wenig Vodka, dafür Winter

Wie ein Film wie Der Magier im Kreml funktionieren kann, ausschließlich mit Dialogen, den Fokus starr auf die pulsierende Machtblase gerichtet, den Blickwinkel stets bei Paul Danos rezitierender Funktion belassend? Vielleicht ist die Beharrlichkeit in diesem Film genau das, was den Unterschied macht, was den eigenen Kopf anregt. Was das Unangreifbare zum kalkulierenden kleinen Menschen macht, der den Freibrief für alles ergattert. Assayas schafft einen speziellen Film zwischen McKays Vice und Oliver Stones Präsidentendramen, deutlich europäischer, samt Arthouse-Touch und unterkühltem Russlandwinter.

Der Magier im Kreml (2025)

La Grazia (2025)

ZURÜCK IN DIE LEICHTIGKEIT DES SEINS

7/10



© 2025 Andrea Pirrello / Filmladen


LAND / JAHR: ITALIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: PAOLO SORRENTINO

KAMERA: DARIA D’ANTONIO

CAST: TONI SERVILLO, ANNA FERZETTI, ORLANDO CINQUE, MASSIMO VENTURIELLO, MILVIA MARIGLIANO, GIUSEPPE GAIANI, GIOVANNA GUIDA, ALESSIA GIULIANI, LINDA MESSERKLINGER, VASCO MIRANDOLA, RUFIN DOH ZEYENOUIN, ALEXANDRA GOTTSCHLICH U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN



Wem gehören unsere Tage? Mariano de Santis, italienisches Staatsoberhaupt und nur noch knapp ein halbes Jahr im Amt, weiß nicht, was er mit dieser Frage, die aus dem Mund seiner Tochter kommt, anfangen soll. Welche Tage? Die des eigenen Lebens? Die Art und Weise, wie wir sie führen? Wer bestimmt hier über wen? Oder bestimmen wir nur ganz allein, was unsere Tage ausmacht? Das alles zu beantworten, kann für einen betagten Mann wie Toni Sorvillo ihn darstellt vielleicht noch die ganze restliche Amtszeit füllen.

Und tatsächlich bedarf es einer gewissen Dringlichkeit, diesem Mysterium nachzugehen, da ein Schreiben auf seinem Tisch liegt, welches die Sterbehilfe in Italien legalisieren soll. Und nicht nur das: Zwei Gnadengesuche, eines von einer verurteilten Mörderin, eines von einem Mörder, warten ebenfalls auf Durchsicht, um im besten Falle gewährt zu werden.

Das Gravitationsgesetz der Pflicht

Doch wie leicht kann man über das Leben anderer bestimmen, was soll diese Macht in Mariano de Santis Händen? Hat er denn überhaupt Macht über sich selbst oder ist er nur Werkzeug dieses Amtes, das ihn zu Tagesagenden nötigt, die keinerlei Bedeutung mehr haben. So quälen sich die Alten, die in den Palästen sitzen, gegenseitig mit Staatsbesuchen. Eine Schlüsselszene, die Paolo Sorrentino wie gewohnt mitreissend ins Szene setzt, als wäre es die barocke Modernisierung eines Andockmanövers im Weltraum, zeigt das ebenfalls in den Herbst seines Lebens gelangte Staatsoberhaupt Portugals, das sich in quälend langen Minuten über den roten Teppich hin zu Toni Sorvillos völlig hilflos erstarrter Mine quält, durch Wind und Regen und der unabdingbar auszuführenden Pflicht.

So virtuos wie diese Szene mag Sorrentinos neuer Film später gar nicht mehr ausfallen, obwohl man immer wieder klar erkennt, wer hier einen zwar altersmilden, aber immer noch exquisit in Szene gesetzten Bildersturm entfacht, der nah an seiner Figur bleibt. Ganz nah, und sich dabei mit kaum etwas anderem beschäftigt als dieser Suche nach einer gewissen Leichtigkeit, von der man sich wünscht, dass sie, nach dem man seine Pflicht und seine Schuldigkeit getan hat, wieder zurückkehren möge. Um dort anzusetzen, wo man sie verloren hat.

Quälende Fragen, qualmende Zigaretten

Mariano de Santis hat sie verloren, als ihn seine geliebte Ehefrau Aurora vor vielen Jahren betrogen hat. Dieser Kontrollverlust wiegt noch viel schwerer als ihr tatsächlicher Verlust, so scheint es. Von der Liebe sinniert er, am Dach des Präsidentenpalastes, eine Zigarette im Mund und über alles nachdenkend, was man im Leben nicht steuern kann. Sorrentino begleitet seine fiktive Gestalt durch die letzten Phasen der Bestimmung und des schwindenden Einflusses auf andere. Wie im echten Leben, so scheint es, nur im wahrsten Sinne des Wortes staatstragender, anmutiger vielleicht, opernhaft und vorrangig lebensphilosophisch. Das beherrscht der Filmemacher aus Italien wie kaum ein Zweiter, der Werke wie La Grande Belezza – Die große Schönheit oder Parthenope als cineastisches Konfekt präsentiert.

Die Dualität als stilistische Sparringpartner

Einen alten Mann, schick herausgeputzt, stehend am Fenster, in barocken Räumen, vor flirrenden Bildschirmen, die eine andere Welt zeigen, von der dieser gerne Teil davon gewesen wäre – diese Reduktion einer Handlung so handlungsstark zu arrangieren, ohne die Aufmerksamkeit des Publikums zu verlieren – das schafft Sorrentino mit stilistischer Strenge und einer glaubhaften Bedeutungsschwere in scheinbar jeder Geste und jeder Szene. Vom Sakralen kann der Meister auch nicht lassen, niemals – den Dialog gibt es immer. Hinzu kommt: Euthanasie und Begnadigungen sind ja nicht nichts, sie schenken beide dem Leben Freiheit und eben diese Art von Selbstbestimmung, wovon La Grazia schließlich handelt.

Dieses Schwelgen in Erinnerungen und der Sehnsucht nach dem privaten, eigenen Leben erfrischt sich selbst durch kontraindizierte Stilmittel wie einer virtuosen Klangkulisse, ausgesuchten Sound-Akzenten und einer immerwährenden Dualität aus Üppigkeit und Reduktion, aus Klassik und Avantgarde. Und auch wenn Sorrentino mit La Grazia gar nicht mehr so sehr so viel zeigen will und lieber Servillo als sich selbst und seinen Ideen die Bühne überlässt, haben wir hier immer noch ein hypnotisches, in sich ruhendes Psychogramm voller Stille und Würde, und unerwartet klaren Antworten zu komplexen Fragen, was vielleicht gar etwas ernüchtert.

La Grazia (2025)

The Change (2025)

POLITIK FRISST FAMILIE

6/10


© 2025 Tobis Film


ORIGINALTITEL: ANNIVERSARY

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAN KOMASA

DREHBUCH: LORI ROSENE-GAMBINO

KAMERA: PIOTR SOBOCIŃSKI JR.

CAST: DIANE LANE, KYLE CHANDLER, PHOEBE DYNEVOR, ZOEY DEUTCH, MCKENNA GRACE, DYLAN O’BRIEN, DARYL MCCORMACK, MADELINE BREWER, MAYA O’SHEA U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn du nicht dafür bist, dann bist du dagegen! Nach dieser Prämisse soll auch der neue Film von Jan Komasa funktionieren, der mit seinem Klerus-kritischen, polnischen Lokalkolorit-Drama Corpus Christi sogar bei den Oscars für Aufsehen sorgte. Lang hat’s gedauert, bis der polnische Filmemacher wieder auf die Leinwand kam, diesmal mit einem destruktiven Polit- und Familiendrama namens The Change. Davor hat sich Netflix die Rechte für seinen wohl stärksten Film gesichert: The Hater. Im Vergleich dazu fällt The Change auffallend substanzlos aus, während Komasa in seinem Social-Media-Horror zumindest versucht, die Mechanismen hinter geschürtem Hass, Manipulation und in die Wege geleiteten Terror auf eskalierende Weise abzubilden. Das Eskalierende hat auch in The Change seinen hohen Stellenwert. Alles gerät hier aus den Fugen – Ordnung, Werte, jeglicher Kodex und vor allem eines: jegliche Bereitschaft zum Dialog. Wo kein Dialog, da auch kein Umdenken. Wo kein Austausch, sondern nur abwehrende Polemik, da auch kein Miteinander. Man erkennt das leicht bei gewissen Oppositionsparteien, die ihre eigene Existenzberechtigung einfach nur damit rechtfertigen, die Ideen der Konkurrenz abzulehnen.

So endet die Demokratie

Apropos Parteien: Wie ist das, wenn es keine Parteien mehr gäbe? Eine Kein-Parteien-Politik; eine Gesellschaft, die aus sich selbst heraus regiert und lediglich Einzelpersonen in eine Art Parlament schickt, die wiederum was vertreten? Ihr persönliches Weltbild? Irgendwie müssen auch die einen Konsens finden, denn wenn einer allein regiert, wird das ganze zur Diktatur oder gar zum totalitären Staat, den wir aus der Geschichte leider zur Genüge kennen. In The Change – im Original noch treffender mit Anniversary betitelt, da sich dieser auf die einzelnen Kapitel des Films bezieht, die stets an einem familiären Jubiläum stattfinden – spielt Phoebe Dynevor (Fair Play) die ehemalige Studentin von Dr. Ellen Taylor (Diane Lane), die zu deren Leidwesen am Tag der silbernen Hochzeit an der Seite ihres Sohnes antanzt. Wieso zum Leidwesen? Nun, diese gewisse Elisabeth Nettles, wie sich Dynevors Filmfigur nennt, hat schon damals, bevor sie von der Uni flog, eine Master-Thesis verfasst, die sich mit radikalen politischen Ideologien beschäftigt. Nichts für die liberale, linksdenkende Taylor – und jetzt auch noch das: Nettles hat ihre Gedanken längst zu Papier gebracht und verlegen lassen, als The New Social Contract, mit dem aussagekräftigen und interpretierbaren Titel, den der Film trägt.

Mehr hat es nicht gebraucht, und der Bestseller schlägt Wellen, bis in die obersten Ränge der Politik, bis zum letzten kleinen Mann und zur letzten kleinen Frau – alle feiern dieses Buch, während Familie Taylor immer mehr im Chaos versinkt. Die Abwärtsspirale ist enorm, und Jan Komasa bremst hier, obwohl in Jahresschritten, keine noch so erschütternde Veränderung aus. Wie in einem der schärfsten Stücke eines Peter Turrini oder Edward Albee zerpflückt The Change die Grundpfeiler und Prinzipien einer Familie, bis nur noch Fetzen übrig sind. Die politischen Ideologien des Buches werden zur staatstragenden Macht. Was genau das für welche sind, scheint nicht wichtig. Und das ist auch das Grundproblem eines Films, der die Konsequenzen des Niedergangs einer Demokratie abbilden möchte, dabei jedoch selten bis niemals hinter die Symptomatik blickt.

Finger weg vom Diskurs!

Was ist das denn genau für eine politische Idee? Wie setzt sie sich zusammen, wie funktioniert sie? Ist es Kommunismus, ist es faschistoides Gedankengut? Was ist es? Der augenscheinlichen Intelligenz von Diane Lanes Figur zum Trotz liegt die Grundproblematik dieses Untergangs in einer nicht vorhandenen Diskussions- und Kommunikationskultur. Verbohrte Meinungen, kompromissloser Widerstand auf allen Seiten. The Change zeichnet recht oberflächlich diesen Wandel nach, dessen Manifest niemanden interessiert, vor allem nicht Komasa – die Dekonstruktion einer vormals intakten Familie bleibt aber erschütternd genug, um nicht ein gewisses, kloßähnliches Unbehagen zu verspüren, wenn die Welt mit ihren demokratischen Werten allmählich verblasst. Vielleicht ist es auch egal, was den Ausschlag dazu gegeben hat, vielleicht geht es auch nur um die Befreiung der Freiheit und dessen Verschwinden, um den Terror eines Überwachungsstaats und die Sinnlosigkeit, seinen Werten treu zu bleiben.

Beklemmend und nihilistisch? Ja, das ist es. Als grimmiger Warnhinweis funktioniert The Change somit allemal, als Worst Case-Schreckgespenst und politischer Alptraumverursacher. Als gesellschaftspolitische Auseinandersetzung mit radikalem Gedankengut nur bedingt, weil einzig der Endeffekt die richtigen Emotionen erzeugt.

The Change (2025)

Ein Kuchen für den Präsidenten (2025)

BACKE BACKE KUCHEN, SADDAM HAT GERUFEN

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: THE PRESIDENT’S CAKE

LAND / JAHR: IRAK, USA, KATAR 2025

REGIE: HASAN HADI

DREHBUCH: HASAN HADI, ERIC ROTH

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: BANEEN AHMAD NAYYEF, SAJAD MOHAMAD QASEM, WAHEED THABET KHREIBAT, RAHIM ALHAJ U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Ich habe die Bilder noch vor mir, die damals um die Welt gingen. Der Diktator in einem Erdloch, ein Schatten seiner selbst, verfilztes Haar, langer Bart. Dann, Ende desselbigen Monats die Hinrichtung durch den Strang. Auch diese Bilder blieben einem nicht erspart, so wie damals schon, als das rumänische Verbrecher-Ehepaar Ceaușescu am Christtag erschossen wurde. Frohe Weihnachten, könnte man da nur sagen, und auf Erlösung hoffen. Die Rumänen konnten es, die Iraker wohl weniger – die stürzten daraufhin ins politische Chaos. Doch wie auch immer: Dieser Über und Unmensch Saddam Hussein, dieser Folterer und Forderer, Kriegsherr und Schwerverbrecher, ließ sich im Zenit seiner Regentschaft feiern, als hätte man es mit einem Gott zu tun, der seinen Untertanen das Wunder unterbreitet hat, unter ihnen auf Erden zu wandeln. Es ist sogleich faszinierend wie ekelerregend, dabei zu beobachten, wie ein Personenkult aus den Fugen gerät, wie ein Normalsterblicher sich dermaßen erhöhen kann, wenn er nur ausreichend Gewalt ausübt. Spätestens dann himmelt man jeden an, aus Angst, nicht selbst von der Bildfläche des eigenen Lebens zu verschwinden. Dann buckelt man, feiert man, rezitiert Leitsätze wie Heit Hitler, nur in diesem fall noch viel expliziter: „Mit der Seele, mit dem Blut, opfern wir uns für dich, Saddam.“

Vier statt sieben Sachen

Ein mit Verve geschmetterter Treueschwur wie dieser sagt mehr als tausend Worte. Dem ist tatsächlich nichts mehr hinzuzufügen. Außer vielleicht ein Kuchen. Den Saddam sowieso nie zu Gesicht bekommt, denn der blickt an seinem Geburtstag auf eine überlebensgroße Torte, da macht sich jede Prunkhochzeit dagegen armselig aus. Doch wie es damals, in den Neunzigern, die Ordnung verlangt hat, mussten selbst die Armen unter den Ärmsten dafür sorgen, dass der Diktator Süßes bekommt. Oder zumindest eine ganze Schulklasse einschließlich indoktriniertem Lehrer, der anlässlich des bevorstehenden Jubeltages die Rollen unter den Kindern verteilt. Mädchen Lamia, die mit ihrer Großmutter in einer Papyrushütte inmitten der mesopotamischen Sümpfe lebt, schafft es trotz aller Bemühungen nicht, dass der Kelch an ihr vorübergeht. Letztlich ist sie es, die den Kuchen zu verantworten hat. Doch dafür fehlen ihr alle Zutaten. Im Kinderlied Backe Backe Kuchen ist von sieben Sachen die Rede – Lamia begnügt sich mit vieren: Zucker, Mehl, Eier und Backpulver. Das alleine scheint schon unmöglich, zu beschaffen. Von Safran, der den Kuchen gelb macht, gar keine Rede. Zu ihrem Glück ist sie nicht allein – Schulkollege Saeed hilft ihr dabei, schließlich muss er das ganze Obst auftreiben.

Die mesopotamischen Sümpfe

Hasan Hadis bedrückender Jugend- und Politfilm, den man, auch wenn keine Kriegshandlungen per se zu sehen sind, als Antikriegsfilm bezeichnen kann, hat letztes Jahr in Cannes einige Erfolge erzielt, darunter die Goldene Kamera. Wichtig dabei zu erwähnen: Ein Kuchen für den Präsidenten wurde tatsächlich zur Gänze im Irak gedreht. In den südliche Sümpfen, in den umliegenden Städten (vermutlich Basra). Die zum Weltnaturerbe der UNESCO hochgestufte Wasserwelt mit ihren kunstvoll arrangierten Naturbauten und all den eleganten Ruderbooten, die da die Wasseradern entlangschippern, beeindruckt nicht nur bei Sonnenauf- und untergang sowie zur blauen Stunde. Die augenscheinlich völlig harmonische Lebensweise feiert ethnographische Romantik, die gerne verschleiert, wie bettelarm all diese Leute sind. Doch das Regime ist gnadenlos, und selbst ein Kuchen wird zur Mission Impossible.

Sollen sie doch Kuchen backen

Hasan Hadi bleibt den beiden Jungschauspielern auf den Fersen, die während ihrer Odyssee durch die Stadt nicht nur ihren eigenen Überlebenskampf austragen, sondern miterleben, wie es andere tun – vor allem die Erwachsenen, die in ihrer Not Werte und Würde verraten. Saddams Regentschaft aus der Sicht des einfachen Volkes erinnert an den französischen Absolutismus, wobei hier wieder der Kuchen ins Spiel kommt, den – so wird kolportiert – zumindest Marie Antoinette ihren Untertanen ans Herz gelegt hat zu essen. So ungerecht geht es auch hier zu, immer wieder hat man das Gefühl, einer Postapokalypse beizuwohnen, einer grotesken, aufgeblähten Vision, die aber Realität gewesen war und kurz davor stand, zu platzen. Am deutlichsten, so meint auch Hadi, erkennt man die ironische Diskrepanz mit Kinderaugen und dem Augenmerk auf genau diese Generation. Ein Kuchen für den Präsidenten ist kein Kinderfilm, dennoch lässt er das Drama einer scheinbar unmöglichen Aufgabe, an deren Ende bei Nichterfüllen drakonische Strafen stehen, mit einer unsentimentalen, ungestümen Abenteuerlichkeit passieren, die keine Zeit lässt, Prinzipien zu hinterfragen und schmerzlichen Verlusten nachzuhängen. Hier geht’s ums Überleben, das Behalten des Kopfes über Wasser – und um reichlich Improvisation.

Als Symbol der Verantwortung trägt Lamia stets einen Hahn mit sich herum, der in seinem Beutel vor sich hin gackert. Im Hintergrund tobt der Krieg, nur ein Wimpernschlag von einer gerade noch bezwingbaren Welt entfernt. Nur nicht blinzeln, sonst fallen die Bomben.

Ein Kuchen für den Präsidenten (2025)

13 Tage, 13 Nächte (2025)

EIN LAND ERLIEGT DEM TALI-WAHN

6,5/10


© 2025 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: MARTIN BOURBOULON

DREHBUCH: MARTIN BOURBOULON, ALEXANDRE SMIA, TRÂN-MINH NAM, NACH DEM GLEICHNAMIGEN BUCH VON MOHAMED BIDA

KAMERA: NICOLAS BOLDUC

CAST: ROSCHDY ZEM, LYNA KHOUDRI, SIDSE BABETT KNUDSEN, CHRISTOPHE MONTENEZ, SINA PARVANEH, YAN TUAL, FATIMA ADOUM, SHOAIB SAÏD, SAYED HASHIMI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Vor nicht ganz drei Jahren hat uns der Franzose Martin Bourboulon mit einer übertrieben erdfarbenen zweiteiligen Version des wohl berühmtesten Werks von Alexandre Dumas verwöhnt – die Musketiere waren da schon alteingesessene Haudraufs, D’Artagnan wurde von Francois Civil verkörpert – als bittersüße Milady de Winter glänzte Eva Green. Ein schönes Stück Historienkino, wenngleich der zweite Teil niemals ins Kino kam und im Streaming- und Retail-Sektor komplett unterging. Ein unwürdiges Verfahren, um Filme zu verwerten.

Vakuum am Hindukusch

Jetzt aber ist das alte Frankreich vergessen, Bourboulon wendet den Blick über den Nahen Osten hinaus bis ins landschaftlich schöne Afghanistan – zumindest tut er so als ob, denn gedreht hat er diesen Film klarerweise woanders, in diesem Fall in Marokko. Die meisten von uns Zuseherinnen und Zuseher werden wohl kaum nach Afghanistan gereist sein (obwohl: ich kenne jemanden, einen alten Schulkollegen, der das getan hat), somit fällt der Unterschied wohl kaum wirklich ins Gewicht. Viel mehr konzentrieren wir uns in 13 Tage, 13 Nächte auf jene Stunde Null des August 2021, die den Untergang eines vor langer Zeit kultivierten, weltoffenen Landes einläutet: Mit dem Abzug der US-Streitkräfte wird das hinterlassene Vakuum am Hindukusch sehr schnell aufgefüllt, und zwar mit jenen Finsterlingen, die da als Taliban bezeichnet werden: Vorsintflutliche wilde Männer, fanatisch und misogyn, antiliberal und voll mit weiß der Teufel sonst noch an dem Frieden und der Freiheit zuwiderhandelnden Agenden, die wohl alle davonscheuchen, die nicht unbedingt die Hölle auf Erden erleben wollen.

Nichts wie weg

In diesen Tagen des August steht in Bourboulons Film eine reale Person im Mittelpunkt, die man durchaus als eine bezeichnen kann, die Nerven wie Drahtseile besitzt. Ein harter Hund, ein kühler Kopf, ein pragmatisch agierender Franzose, genannt Mohamed Bida, der als Kommandant einer Sicherheitseinheit die letzte noch intakte Botschaft sichert. Die von wehrhaften Betonmauern umgebenen Räumlichkeiten sind das letzte Leo, bevor es gar nichts mehr gibt. Das wissen so einige aus der Bevölkerung, und ehe es sich Roschdy Zem als eben dieser Bida versieht, hat er Hunderte Zivilisten an der Backe, die in Frankreich um Asyl ansuchen wollen. Nebst der eigenen Belegschaft müssen, da gibt es gar keine andere Wahl, alle diese Seelen quer durch Kabul zum Flughafen gebracht werden, um sie dann in die letzten noch verfügbaren Maschinen zu verfrachten und außer Landes zu schaffen. Ein Himmelfahrtskommando? Das kann man laut sagen.

Durch diese hohle Gasse müssen sie kommen

An Roschdy Zems Seite agiert die bildschöne Lyna Khoudri als eine der Flüchtigen, die zufällig die Sprache des Feindes beherrscht. In diesem dichten Wirrwarr an Personen und Bedürfnissen lässt sich auch Sidse Babett Knudsen (Die Wärterin) als Reporterin verorten, die bereit ist, zum Wohle anderer sehr viel einzustecken. 13 Tage, 13 Nächte lässt sich ab eines gewissen Zeitpunkts durchaus als Roadmovie betrachten – irgendwann setzt sich der Konvoi in Bewegung, der etliche Hürden bewältigen muss, die zwischen Schikane und ernsthafter Bedrohung die Nervenkostüme aller Beteiligten ordentlich ramponiert – bis auf Roschdy Zem. Ihn scheint nichts aus der Fassung zu bringen – ein Held inmitten einer humanistischen Katastrophe. Bourboulon bleibt nah an ihm dran, was dann doch noch auf Kosten jener geht, die das Ganze verursacht haben: Die Taliban.

Alles im Blick, auf Kosten der Details

Hier ist Ende Legende mit der Glaubwürdigkeit. Die Gesinnung, das Weltbild, die Mentalität dieser Leute: Bourboulon kann sie nicht greifen. Zumindest nicht so sehr, um ein Gefühl der Authentizität zu erzeugen. Schauspieler Shoaib Saïd als Gruppenführer der Invasoren fühlt sich viel zu feingeistig an, um ihn als jemanden anzunehmen, der Karriere bei den Taliban gemacht hat. Glaubhaft oder nicht: Zumindest liefert Bourboulon in seinem Politthriller, den er chronologisch erzählt und dabei versucht, nichts Wichtiges zu vergessen, was die True Story vervollkommnet, beeindruckende Schauwerte. Wenn die Bevölkerung Kabuls den Flughafen stürmt und dabei jedes Mittel recht scheint, um die letzte Hürde zu nehmen, lässt sich das Ausmaß der Tragödie erahnen. Umso mehr, da während des Abspanns die tatsächlichen Bilder dieser Tage zu sehen sind.

13 Tage, 13 Nächte – sie vergehen wie im Flug. Und obwohl der Film zumindest meint, einen Einblick zu gewähren, indem er den Paradigmenwechsel so groß als möglich und auch ziemlich straff inszeniert: Die Rekonstruktion der Ereignisse nimmt sich wenig Zeit für seine Figuren und erfasst sie lediglich im Ausnahmezustand. So, als würden sie nur dann existieren.

13 Tage, 13 Nächte (2025)

Zweitland (2025)

EIN BRUDERZWIST IN SÜDTIROL

6/10


© 2025 Starhaus Filmproduktion


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ITALIEN, ÖSTERREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL KOFLER

KAMERA: FELIX WIEDEMANN

CAST: THOMAS PRENN, AENNE SCHWARZ, LAURENCE RUPP, NICLAS CARLI, FRANCESCO ACQUAROLI, ANDREA FUORTO, ROLAND SELVA, FABIAN MAIR MITTERER, EVA KUEN, MICHAEL FUITH, LEO SEPPI, GABRIELE MAZZONI, JOSHUA BADER U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Südtirol. Ja, das war mal Teil von Österreich-Ungarn, bis 1918, nach dem Waffenstillstand mit Italien, woraufhin das Gebiet von italienischen Truppen besetzt und somit auch Teil dieses Königreichs wurde. Bis heute, nur ist die Monarchie mittlerweile eine Republik. Dass es, angefangen von den 50er Jahren, bis in die späteren 60er Jahre hinein terroristische Bemühungen gab, hier einen Wandel zu vollziehen und Südtirol wieder Österreich einzuverleiben: diese Begebenheiten blieben bis zur Sichtung des Films eine wenig beachtete Randnotiz. Ich habe zwar selbst Vorfahren aus dieser Weltgegend – doch über separatistische Bewegungen in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wusste ich wenig. Umso mehr erfüllt Zweitland einen gewissen Bildungsauftrag mit österreichischem Bezug, und präsentierte sich mir in seiner Logline als Pflichtfilm, den man gesehen haben muss, um zumindest mithilfe einer Kunstform, wenn auch nur oberflächlich, ein paar Lücken zu füllen, die in Sachen historisches Allgemeinwissen noch vorhanden sind.

Politisieren innerhalb der Familie

Regisseur und Drehbuchautor Michael Kofler legt seine Nachbetrachtung der Ereignisse rund um die beginnende Dekade der 60er in der Erzählform einer losen Dreiecksgeschichte an. Es leben hier Anna und Anton mit Blick aufs Tal als hofbetreibendes Ehepaar mitsamt juvenilem Nachwuchs, und es gibt Paul, Single und ganz anders ambitioniert als sein Bruder Anton. Der ist ein Haudrauf, ein Kämpfer und Streitsüchtiger. Einer von heißem Blut und voll von revolutionärem Gedankengut. Schließlich strebt er es auch an, Teil einer Terrorgruppe zu werden, die separatistische Ziele verfolgt und auch vor Gewalt nicht zurückschreckt – ganz im Gegenteil. Ihm gegenüber der blutsverwandte Künstler, der Denker und Zartbesaitete, deutlich Schwächere. Paul will Kunst studieren, und hat mit politischen Bedürfnissen nichts am Hut. Sein Ziel, nach München zu gehen, wird dieser allerdings nicht umsetzen können. Denn Anton muss fliehen, hat dieser doch nebst Sachbeschädigung bald auch durch sein Zutun einen Zivilisten und später gar eine Sicherheitskraft auf dem Gewissen. Bevor Anna also allein bleibt, muss Paul ihr Beistand leisten. Und sucht immer wieder den Dialog mit seinem Bruder, der, für längere Zeit immer wieder verschollen, von seinem Fanatismus nicht ablassen kann.

Ein starkes Gespann

Geschichte lässt sich, fernab jeglichen Dokumentationsformats, am besten anhand einiger beteiligter Charaktere erzählen, die gerne auch fiktiv sein können, so wie hier in Zweitland. Doch Michael Kofler legt es niemals darauf an, aus seiner Familientragik einen melancholisch-kitschigen Fast-Heimatfilm zu entwerfen, der konservative Gemüter bewegt und vielleicht gar, was der Intention zuwiderlaufen würde, sowas wie Nostalgie versprüht. Zweitland ist ein düsteres, entsättigtes, karges Unterfangen, ein Extrem-Ganghofer, wenn man so will. Frei von Pathos, frei von bauernstüblichen Schnulzigkeiten. Dabei sind nicht nur die erdfarbenen Bilder aus Tann und Trübsal ausschlaggebend, sondern vor allem das Spiel der drei Protagonisten: Aenne Schwarz, Laurence Rupp und Thomas Prenn. Schwarz als im Südtiroler Dialekt sprechende Anna trägt die Verletzlichkeit, die Enttäuschung ob ihres Partners und das Bewusstsein ihrer eigenen Pflicht stets in ihrem Spiel ernüchtert mit sich herum, Thomas Prenn als der eigenbrötlerische, der den Traum seines Lebens zusehends austräumt, gibt in Nuancen den Gegenpart zum hemdsärmeligen Laurence Rupp, der zur Zeit wohl als einer der vielversprechendsten Nachwuchsschauspieler seiner Generation gilt und längst schon in unzähligen, budgetintensiven Produktionen zu sehen war. Demnächst spielt er neben Léa Seydoux, den Arminius aus der Hermannsschlacht hat er, souverän dargeboten, bereits in seinem Repertoire.

Geschichte nur im Hintergrund

Der muskelbepackte Rupp ist die ungestüme Kraft, der Egomane unter den Politaktivisten, die glauben, nur mit Gewalt ihr Ziel zu erreichen. In diesem Dreieck passieren die eigentlichen emotionalen Wechselwirkungen, und das auf eine fast schon intime Art und Weise, die so sehr bemüht ist, zu überzeugen, dass der politische Hintergrund eben genau dazu verkommt: zum Hintergrund, nicht zum eigentlichen Thema. Schließlich handelt Zweitland – und das mag jene etwas enttäuschen, die erwartet hätten, es gehe vorrangig um die Geschichte Südtirols – wohl eher um verschenkte Träume und unterdrückte Bedürfnisse, falschen Idealismus und den Stolperfallen eines Hurra-Separatismus. All das sind Empfindungen und Lebenssituationen, die universell erscheinen, während Michael Kofler sichtlich zögert, die tragenden Ereignisse von damals näher zu beleuchten. Ein bisschen mehr davon hätte Zweitland gutgetan. Auch weniger Trübsal und Anti-Heimatfilm-Tristesse, andererseits aber wäre eine allzu idealisierte Buntfärbung dieser Familiengeschichte einem kritischen Publikum wohl auch nicht recht. Kofler belässt sein Ensemble manchmal zu sehr in dem, was es tut, verharren, wodurch dem Werk letztlich seine potenzielle Energie entweder abhanden kommt oder es diese gar nicht erst ausspielt.

Als ungefälliger Realismus bleibt Zweitland somit zu träge, als Politthriller zu vage, als hybrides Drama aber vor allem schauspielerisch überzeugend genug.

Zweitland (2025)

The Secret Agent (2025)

UND DER HAIFISCH, DER HAT ZÄHNE

7/10


© 2025 Port au Prince Pictures


ORIGINALTITEL: O AGENTE SECRETO

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: KLEBER MENDONÇA FILHO

KAMERA: EVGENIA ALEXANDROVA

CAST: WAGNER MOURA, MARIA FERNANDA CÂNDIDO, GABRIEL LEONE, CARLOS FRANCISCO, ALICE CARVALHO, ROBÈRIO DIÓGENES, HERMILA GUEDES, IGOR DE ARAÚJO, ÍTALO MARTINS, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Die Hai-Angst greift um sich, im Brasilien der Siebzigerjahre. Einmal in den lokalen Geschichtsbüchern geblättert, markiert diese Dekade die Epoche einer Militärdiktatur, die vehement gegen Liberale und linksgerichtete Denker vorging. Alles, was den politischen Dogmen von damals nur ansatzweise widersprochen und sich zumindest so angefühlt hat, als wäre revolutionäres Denken im Gange, war letzten Endes dazu verurteilt gewesen, beseitigt zu werden – sei es weggesperrt auf ewig, umgebracht und verscharrt oder nur ermordet und liegen gelassen. Viele blieben verschollen, und jene, die man fand, konnten nur schwer identifiziert werden, so als wären sie von einem Raubtier zerfleischt worden; von einem Räuber, einer unberechenbaren Bedrohung, die ohne Vorankündigung kurzen Prozess gemacht hat.

Spielbergs Sommerhit als symbolisches Trauma

Dieser Knorpelfisch wird zur Metapher für eine satirisch-tragikomische Parabel; für einen bisweilen schrägen Thriller, der die politische Geschichte Brasiliens völlig anders aufdröselt und nichts damit anfangen kann, als herkömmliches Betroffenheitskino seine Informationspflicht in der notwendigen Sachlichkeit, ergänzt durch routiniertes Drama, abzuarbeiten. In diesem monströsen Meerestier, gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen, steckt das Bein eines unbekannten menschlichen Opfers – mit diesem Mordfall schickt sich ein höchst ungewöhnlich konzipiertes Charakterdrama an, über eine Person zu erzählen, die, von Palme-Preisträger Wagner Moura verkörpert, als Universitätsprofessor Marcelo von den Häschern der Militärjunta in die Küstenstadt Recife flüchtet. Die Gegend ist für den Witwer Marcelo kein unbekanntes Terrain, leben dort doch seine Schwiegereltern und sein eigener kleiner Sohn, der panische Angst vor Haien hat, dabei aber unbedingt Spielbergs Weißen Hai sehen möchte – vielleicht, um das kleine Trauma loszuwerden, welches ihn plagt.

Den Opfern auf der Spur

So geistert der Hai und das Bein durch die scheinbar umständlich erzählte Chronologie eines Schicksals, das erst Jahrzehnte später – der Film macht zwischendurch immer wieder Zeitsprünge in die Gegenwart – von Geschichtsstudentinnen aufgearbeitet wird. Dabei sind beide – das Bein und der Hai – symbolische Bausteine, die für einen zerstörerischen Machtapparat stehen, der verbrannte Erde hinterlässt und es so unmöglich macht, das Ausmaß der Tragödien zu erfassen. Filmemacher Kleber Mendonça Filho, der mit seiner politischen Alien-Parabel Bacurau denkwürdiges brasilianisches Kino schuf, lässt surrealen Spuk auch hier, wenn auch deutlich dezenter, durch Recife geistern. Allein die erste Szene von The Secret Agent mutet an, als hätten wir es hier mit einem schwarzhumorigen, lakonischen Gaunerstück zu tun; als hätte einer wie Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul) eine neue Spielwiese entdeckt. Letztlich aber ist Filhos Film bisweilen weniger originell als das episch-bizarre Seriendrama, das kein Auge trocken lässt. The Secret Agent lässt sich massig Zeit, beobachtet und sondiert zuerst, um dann erst spät die Karten auf den Tisch zu legen. Lange ahnt man nur, was hinter Marcelos Versteckspiel verborgen liegt – fast schon reduziert der Film seine Geschichte zu sehr auf indirekt stattfindende Wendungen. Mehr zur fiktiven Biografie wird diese tragische Geschichte, wunderlich und vielschichtig, während sich gegen Ende die Dinge überschlagen und der klassische Politthriller, wie er in den Siebzigern gern inszeniert wurde, findet seine Hommage.

Politthriller mal anders

Subtil und doch nicht, metaphysisch und gleichzeitig ernüchternd real: Filhos Mixtur ist bemerkenswert. Den Verdacht, hier ganz großes Kino aus Brasilien zu erleben, das falsche Erwartungen provoziert und gleichermaßen einen melodramatischen Film Noir darin einbettet, mag man hegen. The Secret Agent ist nicht leicht zu fassen, weil er fast schon als dynamischer Genre-Hybrid funktioniert. Mittendrin dann tatsächlich noch Udo Kiers letzte Rolle als gezeichneter jüdischer Holocaust-Überlebender, als Orakel einer politischen Sackgasse, in der er sich einst befand, und die nun Brasilien auf eigene Art variiert.

The Secret Agent (2025)

A House of Dynamite (2025)

19 MINUTEN BIS ZUM ENDE DER HOFFNUNG

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: KATHRYN BIGELOW

DREHBUCH: NOAH OPPENHEIM

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: REBECCA FERGUSON, IDRIS ELBA, GABRIEL BASSO, JARED HARRIS, TRACY LETTS, ANTHONY RAMOS, MOSES INGRAM, JONAH HAUER-KING, GRETA LEE, JASON CLARKE, BRIAN TEE, GBENGA AKINNAGBE, WILLA FITZGERALD, KAITLYN DEVER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn dem Piloten in einem Flugzeug angesichts heftiger Turbulenzen die beschwichtigenden Worte ausgehen, und das Flugpersonal die spaßbefreite Miene aufsetzt, wird auch dem geeichtesten Vielflieger langsam anders. Wenn bei jenen, die an den Hebeln der Welt sitzen, die Kinnlade gen Erdmittelpunkt drängt, und sie alle gemeinsam nicht glauben können, was sich ereignen wird, dann wird der Mensch ungeachtet seiner Karriere und seiner Machtkompetenz, seines Standes, seines Erfolges oder seiner Wichtigkeit zu einem Häufchen fluchtinstinktivem Etwas, das mit Christian Morgensterns Zitat „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ die Übersprungshandlung zelebriert. Schließlich bahnt sich in A House of Dynamite eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes an, die, sollte man sie nicht verhindern können, wohl die gesamten Vereinigten Staaten und überhaupt die ganze Welt um den Verstand bringen wird.

Nicht danach, sondern davor

Filme, die ein Schreckensszenario sezieren und mit der allgegenwärtigen Bedrohung eines Atomkriegs den Horror tief ins Gemüt der Zusehenden versenken, gibt es nicht erst seit The Day After – Der Tag danach. Das Endzeitdrama von Nicholas Meyer schildert die Nachwirkungen eines verheerenden Atomschlags. Auch der an die Nieren gehende Trickfilm Wenn der Wind weht schildert wie kaum ein anderes Werk die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gegenüber einer irreversiblen Zerstörung, welche ein Atomschlag an sich und dessen Folgen auslösen kann. Kathryn Bigelow dreht nun in ihrem neuesten Werk den Spieß um und will dabei nicht auswalzen, was man ohnehin schon kennt. Ihr geht es darum, die Zeit davor zu schildern, nämlich nur 19 Minuten, bevor die Bombe einschlagen wird. Ihr Ziel: Chicago, eine Millionenmetropole. Keine Zeit, um irgendwen zu evakuieren. Kein Grund, Panik zu verbreiten, indem man die Bevölkerung davon unterrichtet, dass diese ausgelöscht werden wird. 19 Minuten – entschieden zu wenig Zeit, damit der Mensch als kognitiv denkendes Wesen das Drama in seiner Gesamtheit fassen kann.

Drehbuchautor Noah Oppenheim macht aus diesem furchtverbreitenden Notstand kurz vor dem Unmöglichen einen Episodenfilm und teilt diesen in drei Akte. So gesehen wäre A House of Dynamite, konzipiert als Dialogfilm an drei Orten, auch dafür geeignet, auf Bühnen zu reüssieren. Akt Eins findet im White House Situation Room statt – hier ringt Rebecca Ferguson um Fassung und versucht, das Richtige zu tun, während sie ihren Ehemann nochmal ans Telefon holen will und zeitgleich mit allen hohen Tieren der Regierung eine Videokonferenz abhält. Akt Zwei findet an einer Air Force Basis in Nebraska statt. Dort versucht man, die Langstreckenrakete unbekannter Herkunft abzufangen, bevor sie einschlägt. Der letzte Akt zeigt den Präsidenten, in diesem Fall, wie schon zuvor in der klamaukigen Actionkomödie Heads of State, Idris Elba, der herausfinden will, welche von den Staaten dieser Welt das Zeug, den Hass und den Willen dazu hat, die Welt aus ihren Angeln zu heben.

Wer es fassen kann, der fasse es

A House of Dynamite mag als weiteres toughes Meisterwerk einer akkuraten und stark auf militärische Themen fokussierten Filmemacherin gelten. Gesellschaft, Krieg, die Grenzen exekutierter Politik und selbige an sich sind Themen, die sie seit 2008, nach ihrem Erfolg mit The Hurt Locker über einen Us-Minenentschärfer im Irak, nicht mehr loslassen, schließlich gibt es aus diesem Dunstkreis eine Menge zu erzählen, und zwar nicht nur über beängstigende Szenarien, sondern vorwiegend über die Psyche jener Menschen, die in solchen Extremsituationen die Kontrolle behalten wollen: Jeremy Renners Figur ebendort, Jessica Chastain in Zero Dark Thirty oder John Boyega in Detroit. Nun aber ist A House of Dynamite ganz deutlich ein Ensemblestück mit vielen verschiedenen Charakteren, die alle Verantwortung tragen und in einem Umstand wie diesen bis zur völligen Überforderung an ihre Grenzen stoßen. Die Bildschirme alleine, die den Raketenflug zeigen; die Uhr, die tickt; der Nervenkrieg, der entsteht, wenn die Abfangraketen versuchen, ihr Ziel zu treffen: Statt reißerischer Action und einem ausladenden Katastrophensetting, das wohl Roland Emmerich gerne gesehen und umgesetzt hätte, ist A House of Dynamite reinste Reduktion, dafür aber so sehr Schauspielkino, dass das unvermeidliche Chaos bereits schon vorab in den Köpfen der Menschen ausbricht.

Bigelows Film ist ein seltener Hybrid zwischen Polit- und Psychothriller, ein beklemmendes Psychogramm der Ausweglosigkeit, der unterdrückten Panik und der Verdrängung des Unvermeidlichen. Ein Film, der mit allen expliziten Bildern der Welt niemals so nahe an die eigene Empfindung herandringen hätte können, als er es tut, indem er nichts zeigt, nur die völlige Fassungslosigkeit aller.

A House of Dynamite (2025)

The Voice of Hind Rajab (2025)

DAS KIND BEIM NAMEN NENNEN

7,5/10


© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: SAWT HIND RAJAB

LAND / JAHR: TUNESIEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: KAOUTHER BEN HANIA

KAMERA: JUAN SARMIENTO G.

CAST: HIND RAJAB, SAJA KILANI, MOTAZ MALHEES, CLARA KHOURY, AMER HLEHEL U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN  


Wir kennen all diese Menschen nicht, die im kriegsversehrten Gaza-Streifen von Norden nach Süden und durch die Hölle getrieben werden und wieder zurück. Für uns hier im weit entfernten Europa haben sie keine Identität, sind sie doch nur Teil einer Masse von Menschen. Ab und an sieht man in den Nachrichten ihre Gesichter, weinend, flehend, verzweifelt, oft auch resignierend. Immer noch kennen wir ihre Namen nicht, immer noch sind diese Leute nur irgendwer. Anders auf der anderen Seite. Dort weiß man genau, wer am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführt wurde. Man weiß, wer es nicht überlebt hat und wer vor wenigen Wochen tatsächlich wieder freikam. Sie haben ein Gesicht, gedruckt auf Tafeln und auf T-Shirts, getragen von den Angehörigen. Hier sind Mittel und Wege vorhanden, den Wert des Einzelnen aus dem gesichtslosen Bulk der Leidenden zu heben.

Wer ein Leben rettet…

Die im Gazastreifen haben das nicht. Da gibt es keine Mittel und Wege, keine T-Shirt-Druckereien oder das große Fernsehen, dass da vorrückt, um zu tun, was getan werden muss, um dem Individuum seinen Wert zu geben. Ich weiß noch, wie Steven Spielberg in seinem Holocaust-Meisterwerk Schindlers Liste einem jüdischen Mädchen den Mantel rot koloriert hat. Es bleibt namenlos, gesichtslos, jedoch sticht sie aus der Menge an Menschen hervor, um bewusst zu machen, dass es immer noch um den oder die Einzelne geht, um ein Gefühl dafür zu bekommen, dass, wenn andere nur ein Leben retten, retten sie die ganze Welt. Oskar Schindler, der am Ende des Films verzweifelt, weil er viel mehr hätte tun können, wird der Satz aus dem Talmud kaum trösten. Wäre es doch nur ein Leben mehr gewesen. Ein einziges.

Das Kind beim Namen nennen

Dieses eine trägt keinen roten Mantel. Wir wissen nicht, was sie anhat. Wir wissen nur: Sie ist sechs Jahre alt, und wir hören ihre Stimme. Ihre letzten Worte. Ihr verzweifeltes Flehen um Rettung, ihre Angst, ihr Weinen, das Aufblitzen von Hoffnung. Dabei sind es nur acht Minuten. Acht Minuten Fahrt mit dem Rettungswagen durch umkämpftes Gebiet, um an das Auto zu gelangen, in dem Hind Rajab feststeckt. Alle anderen, fast die gesamte Familie, ist tot, zersiebt von den Waffen der israelischen Armee. Auch das sehen wir nicht. Doch wir können es uns vorstellen, wenn die Stimme des Mädchens an die Ohren der Telefonistinnen und Telefonisten in der Notdienstzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds dringt.

Hier, in der Westbank, wo der Krieg weitestgehend außen vor bleibt, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Zivilisten in Bedrängnis aus dem Kriegsgebiet zu bringen. Das läuft über einige Umwege, bis die israelische Armee davon erfährt, um dann den Schutz zu gewährleisten, wenn sich ein Rettungsfahrzeug in Bewegung setzt. Auch das sehen wir nicht, nur die Gesichter der Telefonierenden, auch sie sind verzweifelt, emotional verstört, aufgebracht, die Nerven liegen blank. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, mit dem Tag, mit dem Krieg, mit dem Tod. Und das Extreme dabei: Es ist im Film nicht nur irgendein Mädchen zu hören, das vorgibt, Hind Rajab zu sein. Es ist sie tatsächlich selbst. Regisseurin Kaouther Ben Hania (Der Mann, der seine Haut verkaufte) bettet das im Januar 2024 aufgezeichnete Soundfile des Gesprächs in ihren semidokumentarischen Spielfilm, was den Horror nur um so schlimmer macht. Die Mitarbeiter des Roten Halbmond sind zwar von Schauspielern besetzt, doch selbst da hat Ben Hania Ideen, wie sie die realen Personen vor die Kamera bekommt. Faktenmaterial trifft so auf die akribische Nachstellung nervenzerrender Abendstunden, das Kammerspiel wird zu einem Kino des Zuhörens und der Vorstellungskraft, der man aber nicht unbedingt nachgeben will, denn die Realität drängt alles Gespielte an den Rand.

Ein Schicksal für alle

Kriegsberichte aus den Nachrichten lassen einen irgendwann abstumpfen und resignieren, The Voice of Hind Rajab gelingt es aber dadurch, dass sie einem der unzähligen Opfer eine Stimme, ein Gesicht, und ein Leben gibt, dem Verheerenden einer zerstörten Zukunft Relevanz zu verleihen. Auf eine Weise erinnert dieses Schicksal an Anne Frank, durch dessen aufgeschriebenes Einzelschicksal der unschätzbare Wert eines Menschenlebens nicht mehr nur so dahingesagt bleibt.

Mit dieser echten Stimme gelingt es Ben Hania, nicht nur einen weiteren Film gemacht zu haben, der durch die Darstellung eines Übels betroffen machen soll. Diese echte Stimme hebt den Schleier zwischen Narrativem und der eigenen Convenience-Blase, in der man sich befindet. Das ist keine Erzählung. Das ist wahrer Schmerz.

The Voice of Hind Rajab (2025)

Oxana – Mein Leben für Freiheit (2024)

OBEN OHNE GEGEN PUTIN

5/10


© 2024 X Verleih AG


LAND / JAHR: FRANKREICH, UKRAINE, UNGARN 2024

REGIE: CHARLÈNE FAVIER

DREHBUCH: DIANE BRASSEUR, CHARLÈNE FAVIER, ANTOINE LACOMBLEZ

KAMERA: ERIC DUMONT

CAST: ALBINA KORZH, MARYNA KOSHKINA, LADA KOROVAI, OKSANA ZHDANOVA, YOANN ZIMMER, NOÉE ABITA, MARIIA KOKSHAIKINA, OLESYA OSTROVSKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Das Kino nimmt nicht nur zeitgemäße, sondern auch längst überfällige Agenden ernst. Und keine davon erfährt derzeit mehr Unterstützung quer durch alle Genres wie jene, die zum Ziel hat, die Frau dem Mann endlich gleichzustellen. Das beginnt stets immer damit, erstmal darüber zu berichten, was alles jahrhunderte- und jahrzehntelang im Argen lag. Das beginnt bei historischen Werken wie dem italienischen Familienepos Vermiglio und reicht mit Arbeiten wie Wunderschöner proaktiv und zukunftsweisend bis in die direkte Gegenwart, die gar keine Gegenwart mehr sein will, sondern eine zuversichtliche Zukunft, in der vieles längst besser gemacht und so manch diskriminierender Gap fast schon überwunden scheint. Weil alle zusammenhalten, alle Frauen, und vielleicht auch ein paar Männer.

Dazwischen gibt es biographische Werke wie Oxana – Mein Leben für Freiheit. Deutschsprachige Titel-Anhängsel wie diese sind meist zu generisch, um wirklich mehr Aufschluss darüber zu geben, worum es in diesen Filmen eigentlich geht. Für ein Publikum, das sich schon seit jeher interessiert und aufgeschlossen hinsichtlich feministischer Bestrebungen gezeigt hat, braucht es das nicht, da reicht der Name Oksana Schatschko und der Überbegriff Femen, um zu wissen, welche gesellschaftspolitische Wissenslücke hier geschlossen werden kann. Bei Femen weiß man vielleicht noch so ungefähr, dass hier Aktivistinnen mit textilfreier Oberweite konservativen Apparatschniks das Leben schwer gemacht hatten, natürlich gewaltfrei und bereit dafür, selbst Gewalt zu erleiden, denn abgeführt wurden sie immer. Dann aber war das Ziel bereits erreicht – europäische Medien und auch jene darüber hinaus hatten, was sie brauchten. Femen wurde weltbekannt, der Finger lag in den offenen Wunden, die Saat zum Aufstand war ausgebracht. Hinter all diesen Bemühungen, Entbehrungen und offener Rebellion stand Oksana Schatschko als Gründungsmitglied einer Initiative, die das Zeug hatte, starre patriarchale Krusten aufzubrechen.

Ihr schenkt Regisseurin Charlène Favier ein filmisches Denkmal, chronologisch geordnet und gleichsam auch wieder nicht, denn was wiegt schon schwerer als das Datum des freiwillig herbeigeführten Todes? Dabei präsentiert sich Oksana nicht als Opfer für den guten Zweck, nicht als Märtyrerin oder gar moderne Heilige, die bis zur letzten Sekunde für die gute Sache kämpft. Favier stellt die junge Ukrainerin, die sich mit 31 Jahren das Leben nahm, vorallem als Künstlerin dar, die mit der Eigendynamik ihrer mitersonnenen aktivistischen Idee letztlich nicht klarkommen konnte.

Als Künstlerin oder Künstler ist man vorrangig mit sich selbst beschäftigt, der Geltungsdrang und die Selbstbestätigung durch die Bewunderung anderer ist die Ernte, die man einfahren will. Da geht es weniger um die Sache an sich als um das Ego, das im Mittelpunkt bleiben will. Seltsamerweise hätte, zumindest laut Film, Oksana dank ihrer virtuosen Darstellung provokanter Ikonen nur durch offene Türen treten müssen, um nochmal ganz groß durchzustarten – das Problem aber lag offensichtlich woanders. Eine Dunkelheit, die Favier scheinbar ausspart und nicht näher ergründen will. Somit bleibt Oxana – Mein Leben für Freiheit sehr an der Oberfläche, scheint fast schon Furcht davor zu haben, das Kind beim Namen zu nennen. Viel anderes muss hier in diesem Leben schiefgelaufen sein, doch das Psychodrama bleibt außen vor. Als Biografie, die sich in den letzten Lebenstag des 23. Juli 2018 einbettet, bleibt Oxana – Mein Leben für Freiheit konventionell und routiniert. Die Ukrainerin Albina Korzh gibt der Femen-Ikone ein hübsches Gesicht, doch das ist auch schon alles. Bewegend mögen, wie so oft in Biografien, die Fakten sein, der Bezug zur jüngeren Geschichte Europas, die in einer Dokumentation aber genauso zu finden sind.

Oxana – Mein Leben für Freiheit (2024)