Spacewalker

SCHRITT INS LEERE

7/10

 

spacewalker© 2017 capelight pictures

 

LAND: RUSSLAND 2017

REGIE: DIMITRI KISSELJOW

CAST: JEWGENI MIRONOW, KONSTANTIN CHABENSKI, WLADIMIR ILJIN, JELENA PANOWA U. A.

 

Ich kann mich noch sehr gut an Ron Howard´s filmgewordenes Tatsachen-Abenteuer eines gescheiterten Mondfluges erinnern – Apollo 13 mit Tom Hanks und Bill Paxton, ein perfekt skizziertes Stück Zeitgeschichte, eine Hommage an all die Wagemutigen, die auf diesen verhängnisvollen Trip gegangen – und mit einer ganzen Meute an Schutzengeln wieder zurückgekehrt sind. Viel früher noch, im Jahr 1983, inszenierte der Filmemacher Philip Kaufman ein dichtes, über drei Stunden langes Epos zur amerikanischen Geschichte der Raumfahrt – Der Stoff aus dem die Helden sind mit Ed Harris und Sam Shepard. Ein epischer und höchst aufschlussreicher Film. Und in Kürze wird Ryan Gosling in die Rolle von Neil Armstrong schlüpfen, um endlich auch fürs Kino den Mond zu betreten, und zwar ohne Aliens, Klone und sonstiger Bedrohungen. Gosling wird einfach nur der Mann sein, der als erster den kleinen Schritt für sich und den großen für die Menschheit gewagt hat. Ein Werk, welches ganz oben auf meiner Watchlist steht.

In Anbetracht dieses kleinen kinematographischen Rück- und Ausblicks könnte man ja fast meinen, dass die Erkundung des Weltalls bislang ein rein amerikanisches Unterfangen war. Natürlich stimmt das nicht, das wissen wir. Natürlich war der Russe Juri Gagarin der erste Mensch im Weltraum. Vor ihm als erstes Lebewesen sogar noch Schäferhündin Laika. Von Aleksej Leonow und Pawel Beljajew haben bislang womöglich nur die wenigsten gehört. Da nehme ich mich nicht aus, da muss mir der Mikromann gar nicht erst auf den Schlips treten, das hätte ich auch nach reiflicher Überlegung nicht gewusst, zumindest nicht vor Sichtung des russischen Tatsachendramas Spacewalker.

Für alle, die sich für die Eroberung des Weltalls und überhaupt für den technischen Wettlauf zwischen den USA und der UDSSR im Fahrtwind des kalten Krieges interessieren, sei Spacewalker oder Die Zeit der Ersten, wie sich das perfekt ausgestattete Epos im Original nennt, fast schon als Pflichtprogramm ans Herz gelegt, vor allem auch, wenn eingangs genannte Filme Gefallen gefunden haben. Das, was der großzügig budgetierte Film erzählt, ist die Mission des im März 1965 ins All beförderten Raumschiffs Woschod 2. Die metallische Kugel mit ausfahrbarer Luftschleuse war das Sprungbrett für den ersten Allspaziergang des Homo sapiens. Dabei war der Spacewalk mehr ein Schweben im Nichts, angeleint an die schützende Hülle russischer Technik. Wie es so weit kam, und mit welchen Schwierigkeiten diese Mission zu kämpfen hatte, das beschreibt Regisseur Dimitri Kisseljow in handwerklicher Perfektion und steht alten Hasen wie Ron Howard dabei um nichts nach. Die True Story der beiden wagemutigen Piloten  hätte natürlich auch semidokumentarischer, schlüssig recherchierter Purismus werden können, doch das wäre für diese gleichsam unaufgeregte wie mitreißende Heldenverehrung wohl zu wenig großes Kino gewesen.

Spacewalker setzt Astronaut Leonow gezielt in den Fokus, blickt zurück in irrlichternde Fragmente kindlicher Erfahrungen, verklärt die Sehnsucht des kleinen Aleksej in teilweise surrealer Poesie. Dazwischen das zugeknöpfte, äußerlich stoische Weltraumkommando im russischen Ground Control, fiebernd, bangend und um Lösungen ringend. Den größten Impact aber erwirken die Szenen im Weltall, die an Gravity erinnern, und sogar das abschließende Kapitel nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre ist von verblüffender, unberechenbarer Dramatik, die sich in der eiskalten Wildnis Sachalins abspielt.

Spacewalker ist eine akkurate Geschichtsstunde der Kosmonautik in klassisch-chronologischem Aufbau, klug getimt, spannend und nachvollziehbar. Die Mission: Impossible dieser Ausnahmepioniere macht in seiner Detailtreue und narrativen Klarheit der geschilderten Ereignisse Lust auf die unmittelbare Terra incognita jenseits unserer Stratosphäre, mit all seinen Anstrengungen, den Moonboot in der Tür zu lassen. Science-Fiction auf der Habenseite, ganz so, wie sie früher einmal war – und längst schon sich selbst überholende Realität ist.

Spacewalker

Dolmetscher

OPFER, TÄTER UND IRGENDWAS DAZWISCHEN

5/10

 

dolmetscher© Barbora Jancárová/Titanic, InFilm, coop99

 

LAND: ÖSTERREICH, TSCHECHIEN, SLOWAKEI 2018

REGIE: MARTIN ŠULÍK

MIT JIRÍ MENZEL, PETER SIMONISCHEK, ZUZANA MAURÉRY, ATTILA MOKOS U. A.

 

Irgendwann passiert es einfach. Und es lässt sich nicht verhindern. Die Opfer von früher treffen auf jene, die ihnen Böses wollten. Sind Opfer oder Täter von früher irgendwann nicht mehr, bleiben die Nachkommen. Doch auch als Filius eines Mörders ist ein solcher immer irgendwie noch jemand, der Schuld auf sich geladen haben muss. Und weiß man seine Eltern gemeuchelt im Massengrab unter der Erde liegend, prangt Opfer auf der Stirn des alten Waisen, der als Dolmetscher außer Dienst den Wohnsitz eben jenes Kriegsverbrechers heimzusuchen gedenkt, der das Leben von Mutter und Vater auf dem Gewissen hat. Der tschechische Filmemacher und Schauspieler JirÍ Menzel spielt diesen alten Herrn im Columbo-Gedächtnismantel und mit einem Profil, das frappant an Gunther Philipp zu seinen späten Kalauerzeiten erinnert, einzig die Ohrläppchen sind etwas kleiner. Da steht er also im Stiegenhaus eines Wiener Altbaus und läutet den völlig zerknitterten Georg Grabner aus dem vormittaglichen Müßiggang. Das hat erstmal nicht wirklich den gewünschten Effekt, den sich der alte Ali Ungar ausgemalt hätte, mit Schießeisen in der Manteltasche und den Memoiren von Papa Grabner im Koffer. Doch kommt Zeit, kommt Erkenntnis – und irgendwie finden sich die beiden plötzlich als Vertreter ihrer Past Generation im Auto wieder – quer durch die Slowakei, auf den Spuren politisch angeordneter Schwerverbrechen, auf aufklärerischen Pfaden, und auf der Suche nach dem Grab der Eltern – oder so ähnlich.

Denn irgendwie verzetteln sich die beiden. Gut, sie sind nicht mehr die Jüngsten, sie sollten sich ruhig Zeit nehmen. Kauzige Roadmovies mit ernstem Hintergrund haben schon Potenzial. Aber das heißt leider nicht, dass sich Regisseur Martin Šulík ebenfalls verzetteln muss. Dolmetscher ist sowohl die Geschichte einer Freundschaft, aber auch ein Gräuel-Dokument mit dem Holzhammer. Dieses Aussöhnen der Nachkommen, dieses Abklären der nachhaltigen Verantwortung und der Sippenhaft – diese Thematik findet sich auch in Chris Kraus´ schräger, ganz anders aufbereiteten Dramödie Die Blumen von gestern wieder. Da wurden sogar Enkelin und Enkel nicht mit ihrer Familiengeschichte fertig. Den Kraftakt muss Dolmetscher auch nicht auf knapp zwei Stunden hinbiegen, das ist etwas, das wohl niemals wieder richtig gut wird.

Die Annäherung von Täterkind Peter Simonischek an den völlig spaßbefreiten Ungar sind die besten Szenen des Filmes. Dieses Miteinander hätte schon Substanz genug gehabt, aus der ganzen nachhallenden Spurensuche ein streitbares Roadmovie durch ein so nahes und doch so unbekanntes Land zu skizzieren. Die von mir sehr geschätzte Burgtheaterlegende in Silbergrau hat noch immer ein bisschen den Toni Erdmann in den Knochen, kann aber auch sein, dass der Mann in diesem Film sehr oft einfach er selbst ist. Das macht ihn sympathisch, brummig und zugänglich – aber erinnert auch an einen Moderator aus einer Gedenktag-Doku. Menzel gibt mit seiner wandelnden, unfreiwillig schrulligen Tristesse in Beige da ordentlich kontra. Doch das und die nebelverhangenen Herbstlandschaften der Ostslowakei ziehen an einem Film vorbei, der eigentlich nur das Grauen der Nazizeit in der Slowakei aufarbeiten will. Das geht schwer zusammen, dafür ist auch zu wenig Platz in dieser Geschichte. Wenn in wenigen Momenten tatsächliche Zeugen auf alten Filmaufnahmen zu Wort kommen, dann ist das Aufarbeitung im Schnellverfahren – so viele schreckliche Details wie möglich in wenigen Minuten. Das kommt ein paar Mal vor. Und ist dann doch erzwungen reißerisch. Wenngleich der Versuch, der NS-Geschichte in den Tälern der Tatra Gehör zu verschaffen, von Regisseur Šulík durchaus ehrenhaft ist.

Dolmetscher weiß nicht, wie es mit all den Ansprüchen umgehen soll. Tragikomisch oder nur tragisch? Augenzwinkernd oder in trauernder Apathie? Neuanfang oder Nicht vergessen können? Natürlich darf Film Widersprüche vereinen, doch hier findet sich nicht mal Peter Simonischek ganz zurecht, den eigentlich mehr die Bilder von damals bewegen als alles andere. Im Grunde aber ist das Ganze ein unausgewogenes Drama, teils semidokumentarisch, teils das Reisevideo zweier Pensionisten, die unterschiedlicher nicht sein können. Zu wenig geht hier voran, zu viel will erledigt werden. Am Ende hat Martin Šulík sogar noch einen Story-Twist parat, der dann aber tatsächlich funktioniert, und die Figuren von Heute näher ans Ziel ihrer Bestimmung führt.

Dolmetscher

The Death of Stalin

DIE VOLLEN HOSEN DES DIKTATORS

6/10

 

deathofstalin© 2017 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2017

REGIE: ARMANDO IANNUCI

MIT STEVE BUSCEMI, JEFFREY TAMBOR, OLGA KURYLENKO, MICHAEL PALIN, JASON ISAACS U. A.

 

Da geht er hin, der letzte König des europäischen Abendlandes. Der letzte gottgleiche Pharao jenseits der Wolga. Der Menschenschinder und Verschwindenlasser. Und das unantastbare, unkaputtbare Monstrum namens Josef Stalin hat sich sogar noch selbst ans Bein gepinkelt. So zumindest finden ihn seine pseudopolitikmachenden Kettenhunde in geheuchelter Verzweiflung, in taktisch kalkulierter leidender Mine vor dem Unausweichlichen – und längst Herbeigesehnten. Es sind alle da – der devote und völlig zerstreute Generalsekretär Georgi Malenkow, der menschenverachtende und tötungsbeauftragte Geheimdienstchef Lawrenti Beria, der aussieht wie das Alter Ego des Pinguins auf Lebertranentzug. Der Außenminister Molotow, der uns dank effektiver Benzinbomben ewig in Erinnerung bleiben wird (Michael Palin geht in dieser Rolle sang- und klanglos unter – Monty Python ist sichtlich zu lange her). Und natürlich nicht zu vergessen – Nikita Chruschtschow im Pyjama, mit der deutschen Synchronstimme eines Spongebob, nervös zappelnd, unterschätzt und getarnt mit einer gespielten Berechenbarkeit, die Abhängigkeit von all den anderen vermittelt. Wie sie da in Stalin´s Datscha stehen, jeder für sich in seinem Denkapparat verhaftet, im Versuch, den bestmöglichen Benefit in diesem neu entstandenen Machtvakuum herauszuholen, ist feinstes Ensemblekino im Genre der politischen Satire. Die Suicide Squad des Nachkriegsrusslands, der dreckige Haufen zwar nicht von Navarone, aber von Moskau. Bemerkenswert ist dabei der lange verschollene Independent-Schauspieler Steve Buscemi. Als unterschätzter, händeringender Hampelmann Chruschtschow mit Latex-Kartoffelnase muss man erstens zweimal hinsehen, um den ehemaligen Tarantino-Sidekick zu erkennen. Und zweitens ist alleine sein Auftreten, auch wenn er nur so am Set herumsteht, schon alleine eine Parodie für sich. Da hat er tatsächlich so etwas saukomisch Physiognomisches wie der österreichische Komiker Ernst Waldbrunn, der einfach nur durch sein Schauen die Lacher auf seiner Seite hatte. Jeffrey Tambour in seiner Weltverdruss-Mimik ist auch so ein Gesicht, dass die Karikatur aus dem Dornröschenschlaf holt. Karikatur – das ist wohl der richtige Begriff für Iannuci´s Personenkult-Abgesang The Death of Stalin.

Fast sind wir bei den süffisanten Eskapaden eines Charlie Chaplin angelangt, der wie kein anderer den Oberdiktator mitsamt seiner erschütternden Weltpolitik auf treffende Art und Weise der Lächerlichkeit preisgegeben hat. In diese Tradition rückt die Ironisierung einer Politik, die dem Grauen eines Nazi-Deutschland um nichts oder um nur sehr wenig nachgestanden hat. Humor mag man hier als falsche Medizin ahnden. Und dennoch ist die politische Karikatur ein notwendiges Übel oder eine üble Notwendigkeit, den Mächtigen die sprichwörtliche Cremetorte ins Gesicht zu klatschen wie einst Hilmar Kabas, um die Irrungen und Wirrungen gesellschaftlicher Paradigmen aus einer immer bedeutungsloseren, heilsamen Entfernung zu betrachten, die den erschütternden Ernst des Lebens verzerrt. Das gelingt Iannuci vor allem zu Beginn des Filmes, und überhaupt so ziemlich die erste dreiviertel Stunde. Bestes Regierungstheater mit gnadenlos bitterem Nachgeschmack, wenn Geheimdienstchef Beria in den Folterkellern seine Abschusslisten verteilt. Clownesk das Gebärden der Minister, wenn sie versuchen, Haltung zu bewahren. Dann aber verliert The Death of Stalin seinen boulevardesken Drive. Irgendwann haben wir nur noch Politkino der chronologischen Art, ohne Extras und wenig Wortwitz. Die Figuren hat man sattgesehen, die Satire schwindet dahin wie das Brennen im Brustbereich nach einem Glas Wodka. Auf anfänglichem Niveau zu bleiben ist bei solchen Filmen zugegebenermaßen schwierig. Wäre schön gewesen, wenn es Iannuci aber gelungen wäre. Dann hätten wir vielleicht einen neuen Großen Diktator gehabt. Oder zumindest Teil zwei davon – The Great Dictator-Aftermath. Mit nicht weniger Angriffsfläche auf jene, welche die Fäden in der Hand haben. Und deren Gutdünken wir alle letzten Endes ausgeliefert sind.

The Death of Stalin

Verleugnung

DER PROZESS DES SCHWEIGENS

7/10

 

DENIAL, Tom Wilkinson, 2016. Ph: Laurie Sparham  / © Bleecker Street Media /Courtesy EverettPhoto: Laurie Sparham / © Bleecker Street Media /Courtesy Everett Collection

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: MICK JACKSON

MIT RACHEL WEISZ, TIMOTHY SPALL, TOM WILKINSON, ANDREW SCOTT U. A.

 

Erst kürzlich, vor einigen Tagen, erschien bei der Burschenschaft Germania ein Buch mit faschistoiden Liedertexten. Aber keiner, und vor allem einer, will irgendetwas davon gewusst haben. Neuerdings sollen Flüchtlinge konzentriert werden, und die rote Linie ist laut österreichischem Sportminister noch nicht überschritten. Was keiner merkt – die rote Linie – oder sagen wir: die braune Linie – wird unmerklich immer weitergezogen. Bis sich wieder vermehrt Tendenzen einschleichen, die nur jene, die genau hinsehen, als solche wahrnehmen. Wie die Sache mit dem Frosch in langsam kochendem Wasser. Der Trick dabei ist, kein Hehl aus seinem Nationalstolz zu machen, verbale Ausrutscher zu bagatellisieren und immer wieder und das vermehrt das rechte Bein zu stellen. Wie man sich sonst auch noch als Verfechter für Volk und Vaterland outen kann, ohne sonderlich aufzufallen, ist, die ganze Sache wissenschaftlich anzugehen. So einer war David Irving. Historiker, Populist und flammender Redner. Vor allem ein Wetterer gegen die erschütternde Wahrheit des Holocaust. Ein Leugner, und einer, der es besser wissen will.

Leugnen kann man im Grunde fast alles. Die Frage ist nur, wieviel Gehör man sich damit verschaffen kann. Die Nichtexistenz des Holocaust bewiesen zu haben ist so, als gäbe es Zweifel darüber, dass die Erde rund sei. Oder Zweifel darüber, dass der Mensch auf dem Mond gelandet ist (Übrigens eine Theorie, die sich bis heute hält.). Unglücklicherweise aber war der Holocaust so echt wie all die Tode, die in den Konzentrationslagern gestorben wurden. Ich wünschte, dieses Grauen hätte es tatsächlich nicht gegeben. Aber aus ganz anderen Gründen, nicht aus jenem Vorsatz heraus, den David Irving strategisch verfolgt hat. Gehört haben ihn viele, zu viele. Und natürlich kann dieses abwertende, rassistische Gedankengut des geradezu predigenden Geschichtsverzerrers nicht unkommentiert bleiben. Da gab es jemanden wie die jüdische Autorin und Uni-Dozentin Deborah Lipstadt, die den geifernden Hetzer in ihrem Buch Denying the Holocaust. The Growing Assault on Truth and Memory als das bezeichnet hat, was er ist. Bei soviel Wahrheit wird einem Mann wie David Irving dann doch plötzlich unwohl – und verklagt die Holocaust-Forscherin mitsamt ihres Verlages Pinguin Books mit Pauken und Trompeten wegen übler Nachrede. Taktisch klug lässt Irving den Prozess in Großbritannien stattfinden. Wohlwissend, dass nicht der Kläger Beweise für seine Klage, sondern der Geklagte Beweise für seine Rechtfertigung erbringen muss. Was sich ziemlich schwierig anstellt. Da man dem gnadenlosen Polemiker nicht mit herkömmlichen Mitteln beikommen kann. Das wissen Lipstadt´s Anwälte. Und planen eine Taktik, die erstmal alle vor den Kopf stößt.

Vor allem die Zeugen. Dass gerade sie schweigen müssen, ist zwar hart, aber dennoch klug. Da es in dem Prozess nicht um die Aufarbeitung der Traumata geht, und ehemalige Opfer emotional so dermaßen befangen sind, dass sie für Leute wie Irving Angriffsfläche genug bieten, um manipuliert zu werden, muss die Methode eine sein, die in ihrer kalkulierten Klarheit und Objektivität unangreifbar bleibt. Regisseur Mick Jackson, der den Blockbuster Bodyguard mit Whitney Houston und Kevin Costner für sich verbuchen konnte, hat sich dieser wahren Geschichte über die Blasphemie des Schmerzes und der Wahrheit mit kundgebendem Schulterschluss eines souveränen Ensembles angenommen. Mit Tom Wilkinson als glasklar denkenden Juristen und einem stark abgemagerten Timothy Spall als preisverdächtig subversivem Faschisten im Anzug hat Jackson grandios agierende Vollblutschauspieler für sein Projekt verpflichten können. Rachel Weisz als die jüdische Autorin Lipstadt könnte, auch wenn sie wollen würden, den beiden Herren kaum die Show stehlen.

In Zeiten des latenten Nationalismus und dessen Waffe des subversiven Populismus wäre es fast schon eine Pflicht des österreichischen Filmverleihs gewesen, Verleugnung ins Kino zu bringen. Das schlichte und konventionell erzählte, aber intensive Gerichtsdrama musste sich hierzulande mit dem Retail-Markt begnügen. Doch auch wenn die Besucherzahlen zu wünschen übrig gelassen hätten – Mick Jackson´s Film, beruhend auf unerhört beschämenden Ereignissen, hätte aufgrund seiner inhaltlichen Brisanz die Chance verdient, überall gesehen zu werden.

Verleugnung

Die Blumen von gestern

LERNEN SIE GESCHICHTE!

6/10

 

blumenvongestern© 2016 Dor Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE & DREHBUCH: CHRIS KRAUS

MIT LARS EIDINGER, ADÉLE HAENEL, HANNAH HERZSPRUNG, JAN JOSEF LIEFERS U. A.

 

Im Herbst 1945 richteten die USA anlässlich der bevorstehenden Nürnberger Prozesse ebenda das sogenannte Zeugenhaus ein. Sowohl Nazis als auch Opfer des faschistischen Regimes, insbesondere ehemalige KZ-Insassen, hatten sich dort zu versammeln, um auf den Moment ihrer Einvernehmung zu warten. Dieses Haus war bis 1947 aktiv, obwohl die Nürnberger Prozesse bis 1949 andauerten. Freilich beherbergten die Amerikaner beide Parteien nicht ohne Aufsicht und protokollierten akribisch das Mit- oder Gegeneinander während des langen Wartens.

Diese an der Kippe des Zumutbaren mäandernde Konstellation erfahren in Chris Kraus´ bizarrer Holocaust-Romanze Darsteller Lars Eidinger und Adéle Haenel zwar nicht aus erster Hand, aber zumindest tragen sie als Nachfahren von Opfer und Täter das zentnerschwere Bündel der Geschichte mit sich herum. Die eine Enkelin von KZ-Ermordeten, der andere Enkel eines Offiziers der Waffen-SS. Traumata, die sich wie die DNA der Erinnerung durch die Generationen bis ins Heute ziehen. Verstörende Schicksale und verbrecherische Entscheidungen, für welche allem Anschein nach die Sippe haftet – oder das Individuum, das damit leben muss, die Schuld der Machthabenden oder die Ohnmacht der Ungeschützten weitertragen zu müssen. Aber müssen sie das wirklich? In ihrem Verhalten, in ihrer Unfähigkeit, ein Leben in gesunden Normbereichen zu führen, gilt für Totila Blumen, einem Mitarbeiter der zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, und Zazie Lindeau, einer Praktikantin aus Frankreich, die Frage zu bejahen. Erstmal. Und als die beiden, die anfangs notgedrungen und eher spinnefeind miteinander arbeiten müssen, auf ein verblüffendes Crossover ihrer Familiengeschichten stoßen, beginnt sich der Lauf der Dinge und die Frage von Verantwortung, Sühne und Vergebung neu zu formulieren. 

Dabei gerät aber Chris Kraus´ darstellerisch intensive Nabelschau über das Gegenwartsbewusstsein zum Holocaust zum Beziehungsfilm der anderen Art. Der völlig hysterische, unberechenbare und aggressive Totila Blumen ist von Lars Eidinger mit Hingabe verkörpert. Adéle Haenel als nicht minder uneinschätzbare, Paroli bietende Grenzgängerin mit französischem Akzent gebärdet sich noch unnahbarer und schwerer zugänglich als der Gedenkinitiator Blumen himself. Beide okkupieren den Film für sich, was ja auch ihr gutes Recht ist – der brisante Background mitsamt seiner Täterkinder-Opferkinder-Allegorie tritt da ganze Filmlängen hindurch beschämt beiseite. Die Blumen von gestern will nicht nur durchgeknallte Beziehungskiste sein. Und da will die tragische Komödie oder komische Tragödie wieder zu viel. Wobei es nicht zu viel sein hätte müssen. Die Exaltiertheit und Verschrobenheit des Schauspielduos ist zu einnehmend, um beides zu wollen. Dadurch gerät der mahnende Anspruch und das Erinnern an das unerlebte Damals zum austauschbaren Platzhalter in einem dicht und dick schraffierten Psychodrama um familiäre Identitäten und Versäumnisse, mit denen die Generation von Schindlers Liste zu hadern hat. Das vererbte Gewissen ist kein sanftes Ruhekissen. Das ist der Kinosessel bei Die Blumen von gestern auch nicht. Viel zu nervös ist das Ganze, und nur leidlich packend, weil wir als Zuseher von außen in diesem intimen Drinnen irgendwie nichts zu suchen haben. Das macht den Film zumindest für mich zu einer sperrigen Performance, die eigentlich doch nur eine schräge Romanze bleibt.

Die Blumen von gestern

A United Kingdom

EIN HERZ UND EINE KRONE

6/10

 

unitedkingdom© 2017 Alamode Film

 

LAND: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: AMMA ASANTE

MIT ROSAMUNDE PIKE, DAVID OYELOWO, TOM FELTON U. A.

 

Es wäre eine Frage für den Ö3-Mikromann: Was wissen Sie über Botswana? Neben einigen Uuhs und Ääähs wird womöglich nicht sehr viel Wissenswertes zutage treten. Maximal erwischt Tom Walek einen Briefmarkensammler, der zumindest von wunderschönen zweidimensionalen Sammlerstücken mit Zackenrand schwärmt, die die Fauna des eigentlich relativ still vor sich hin existierenden Landes zeigen. Und damit hätten wir auch schon so ziemlich die Charakteristika Botswanas beschrieben – das Land im Süden Afrikas beherbergt das wohl größte und artenreichste Feuchtgebiet des gleichnamigen Kontinents – das Okavango-Delta. Großwild inklusive. Die erstaunliche Biomasse ist in mehrere Nationalparks unterteilt – ich selbst kenne jemanden, der Feldstudien zu den Pavianen des Landes betrieben hat. Noch Mitte des 20ten Jahrhunderts war die große Wildnis als Betschuanaland bekannt – und damals wussten ihre Einwohner noch nichts von den enormen Bodenschätzten, die sich unter der staubigen Savanne verbergen. Jede Menge Diamanten, die dem Land zu Wohlstand verholfen haben werden – bis heute. Botswana ist sauteures Pflaster, fast schon wie die Schweiz. Öko-Reisen dorthin kosten so manchen Monatslohn. Sehenswert wäre es ja, keine Frage. Und vielleicht verschlägt es mich ja irgendwann dorthin, wenn sonst genug Kleingeld überbleibt. 

Das Kleingeld für einen Film über die Geburt des demokratischen Staates Botswana war allerdings vorhanden. Die aus Ghana stammende Britin Amma Asante, eine Jugendfreundin von Naomi Campbell, hat sich einer politisch-romantischen Geschichtsstunde angenommen, die fast schon zu sehr aufwühlender Liebesroman zu sein scheint als eine wahre Geschichte. Dennoch ist genau das passiert, und zwar nach Ende des Krieges, Ende der 40er Jahre, zu einer Zeit, in der die britischen Kolonien am schwarzen Kontinent Land und Leute immer noch fest im Griff und keine Skrupel davor hatten, den angeeigneten Grund und Boden auszubeuten. Botswana hatte Glück, denn das Diamantenfieber ist erst nach Eintritt der Selbstverwaltung ausgebrochen. Weniger Glück hatte der Kongo, aber das ist eine andere, noch viel traurigere Geschichte. Auslöser der Zeitenwende von Betschuanaland war die Liebe des Thronfolgers Seretse Khama zu einer weißen Britin, einer Büroangestellten aus der gesellschaftlichen Mittelklasse. Klingt wahnsinnig schnulzig, ja geradezu ideal für eine Seifenoper im Fernsehen. Aber was will man machen, wo die Liebe hinfällt, fällt sie hin. Da gibt es kein Rassendenken mehr, keine Vorurteile, bei Liebe hört sich alles auf. Und das zu einer Zeit, in der sich die menschenverachtende Ausgeburt der Apartheid in Südafrika gerade erst im Begriff befand zu erstarken. Südafrika unter der National Party, der Knute der weißen Minderheit, in einem hauptsächlich von Schwarzen bevölkerten Land – war an schamloser Arroganz kaum zu überbieten. Na gut, vielleicht noch von Großbritannien. Doch das Großbritannien unter Churchill will sich das Buckeln vor dem herrischen Dämon ganz im Süden nicht ersparen. Letztendlich führte diese nutznießerische Verbundenheit der Länder, allerdings aber auch die Macht der Medien zu einem Paradigmenwechsel – und einer gesellschaftlichen Konstellation, die ihrer Zeit weit voraus war.

Das Liebespaar Ruth Williams und Seretse Khama sind ein Musterbeispiel für Prinzipientreue gewesen, für Durchhaltevermögen und gesundem, freien Denken. Vorreiterrollen, in der man gegen den Strom schwimmen muss. Man könnte meinen, dass ohne gegen den Strom zu schwimmen in der Geschichte der Menschheit überhaupt nie etwas weitergegangen wäre. Dem Unbequemen, Schmerzhaften erhobenen Hauptes zu begegnen, bereit, Opfer zu bringen für ein Ideal, dass vom Einzelnen auf die ganze Gemeinde überspringt – das kennen wir bereits seit der Zeit des Alten Testaments. Und finden wir im Laufe der Geschichte immer wieder. Und siehe da – Beharrlichkeit führt zum Ziel. 

Alleine die Geschichte des Landes Botswana und die Liebesgeschichte dahinter, die vieles verändert hat, ist es wert, Amma Asante´s Film A United Kingdom anzusehen. Allerdings – eine Dokumentation hätte es auch getan. Wenn es wirklich nur die Fakten in einem Film für Faszination sorgen, ohne filmisch zu begeistern, wäre besagtes Kleingeld vielleicht woanders besser aufgehoben gewesen. Das hausbackene Erzählkino schafft weder schauspielerisch noch dramaturgisch denkwürdige Momente. Der ähnlich konzipierte Film Der Stern von Indien, der von der Geburt des Milliardenstaates erzählt, mengt seinem Tatsachenbericht die fiktive Geschichte einer Romanze in den Unruhen des Umbruchs bei – und zaubert eine Mischung aus Bollywood-Nostalgie und Dokudrama. A United Kingdom kann sich eines Bollywood-Stils nur schwer bedienen – und weist somit kein spezielles Kolorit auf. Auf dem zwar durchdachten, aber konventionellen Niveau eines Fernsehfilms wird man Zeuge tragisch-hoffnungsloser wie hoffnungsvoller Ereignisse – wofür es den Film aber so nicht gebraucht hätte.

A United Kingdom

Der Stern von Indien

DAS FREIE SPIEL DER MÄCHTE

7,5/10

 

sternindien

LAND: GROSSBRITANNIEN, INDIEN 2017
REGIE: GURINDER CHADHA
MIT HUGH BONNEVILLE, GILIAN ANDERSON, MICHAEL GAMBON

 

Indien, 70 Jahre zuvor: Das Ende der britischen Kolonialherrschaft über den bevölkerungsreichen Subkontinent hatte die größte Massenmigration der Menschheitsgeschichte zur Folge. Und die Gründung des Staates Pakistan. Mit diesen Veränderungen einher überflutete eine Welle der religiös motivierten Gewalt ganze Teile Ost- und Westindiens. Wer Muslim war, und noch auf indischem Territorium, war seines Lebens nicht mehr sicher. Wer Hindu war und feststellen musste, nunmehr in einem muslimischen Staat zu leben, war besser dran, seine Sachen zu packen. Entwurzelt, vertrieben, getötet. Die Folgen dieser wiedergewonnenen Freiheit waren absehbar. Aber in diesem Ausmaß? Entstanden ist ein gigantisches Machtvakuum, ein freies Spiel der Kräfte. Dabei hat Großbritannien unter der Gesandtschaft des letzten Vizekönigs von Indien, Lord Louis Mountbatten, doch noch einen Silberstreifen am Horizont sichtbar gemacht. Einen Hoffnungsschimmer, die Millionenbevölkerung Indiens in einer gewissen Ordnung und vor allem unter einem gewissen Frieden in die Unabhängigkeit zu entlassen. Lord Mountbatton und seine Frau Edwina waren tatsächlich die beste Wahl. Ein integres, intellektuelles Politikerpaar. Mit sozialer Ader, einem gesunden Gespür für Menschen und mehr als nur eine Ahnung, wohin religiöse Diskrepanzen führen können.

Der Stern von Indien ist kraftvolles Politkino und anspruchsvolles Bollywood-Drama in einem. Die indische Regisseurin Gurinder Chadha, die mit Kick it Like Beckham Keira Knightley zum Durchbruch verholfen hat und mit klassischen Sari-Epen wie Lebe lieber Indisch auch in den Kinos des Westens mit Exotik und Rhythmen verlocken konnte, hat sich diesmal ordentlich viel  Geschichtsstoff aufgebürdet. Stoff, mit welchem sich normalerweise Regie-Altmeister wie David Lean oder Richard Attenborough auseinandergesetzt haben. Mit ordentlich viel Budget und einer unüberschaubaren Menge an Statisten. Monumentalfilme der alten Schule, die das Schicksal eines Volkes anhand von Einzelschicksal erleb- und begreifbar werden ließen. Gandhi mit Ben Kingsley ist da ein ähnlicher Film wie Der Stern von Indien. Nur trockener, epischer, britischer. Chadha´s Geschichtsdrama ist trotz all der Gesprächsszenen in dunkel getäfelten Kolonialzimmern und architektonisch beeindruckenden Aulen und Empfangshallen lebendiger, bewegter und emotionaler, vielleicht auch das eine oder andere Mal pathetischer. Das liegt in erster Linie an einer leidenschaftlichen Liebesgeschichte, die in den Wirren der Unabhängigkeit ihre Dramatik findet. Politische Ikonen wie Gandhi, Nehru oder Muhammad Ali Jinnah, den Verfechter für den Staat Pakistan geben sich ebenfalls die Türklinke in die Hand.

Für alle, die an der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts interessiert sind, kann Der Stern von Indien zu einer aufschlussreichen, informativen und teilweise packenden Geschichtsstunde werden, die den Luxus eines opulenten Kinofilms nicht missen lässt und mit einem überzeugenden Cast aufwartet. Vor allem bei Gillian Anderson staunt man nicht wenig – Akte X ist lange vorbei, ihre Rolle als weltoffene, distinguierte Lady bleibt in Erinnerung.

Der Stern von Indien

El Olivo – Der Olivenbaum

EINEN BAUM AUFSTELLEN

8/10

 

olivo

SPANIEN 2015
REGIE: ICÍAR BOLLAÍN
MIT ANNA CASTILLO, JAVIER GUTIÉRREZ, PEP AMBRÒS

 

Ein Jahrtausende alter Olivenbaum, dessen knorriger Stamm an ein schreiendes Gesicht erinnert. Der Ausverkauf beständiger Werte. Und ein alter Mann, der lange schon nicht mehr spricht. Selten hat das europäische Kino in den letzten Jahren so unmissverständliche Akzente gesetzt – in einer berührenden Allegorie über die Globalisierung Europas und den Verrat an der familiären Biografie. Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín, die schon 2010 über den Identitätsverlust der bolivianischen Urbevölkerung in dem beklemmenden Drama Und dann der Regen philosophiert hat, setzt nun alle Hebel ihrer Erzählkunst in ihrem eigenen Land in Bewegung – in Spanien. Ganz im Zentrum steht nicht nur das Objekt der Beständigkeit – der alte Baum – sondern ein junges Mädchen namens Alma. Sie ist die Enkelin des schweigenden alten Mannes, eines ehemaligen Olivenbauern. Beide haben eine innige Bindung zu diesem Baum. Zwei Generationen, Vergangenheit und Zukunft. Die Gegenwart aber, das Hier und Jetzt, sieht in der bizarren Olive lediglich verschenktes, monetäres Potenzial. Der Baum wird verkauft, zum Leidwesen des Vaters, und zum Leidwesen der Tochter. Und wofür? Für ein Restaurant am Strand, das kurze Zeit später bankrottgeht. Manipuliert, ungefragt und hintergangen, kennt der alte Mann seine Familie fortan nicht mehr – mit Ausnahme der rebellischen Alma. Sie ist es auch, die alles daransetzt, den Baum zurückzuholen – der jetzt in der Aula eines Energiekonzerns, inmitten von Glas und Stahl seine kleinen Blätter künstlichem Licht entgegenstreckt. Alma ist im Herzen eine Aktivistin. Das Wohlergehen ihres Großvaters setzt sie über allem. Und wenn es sein muss, werden selbst die besten Freunde mit Halblügen dazu motiviert, die Seele ihrer Kindheit, ihres Lebensmenschen und ihrer ureigenen Welt zurückzuholen.

El Olivo ist ein wunderbarer, charmant erzählter und energischer Appell, sich selbst, seiner Geschichte und seinen Werten treu zu bleiben. Dabei geht es weniger um traditionelle, nationale Werte. So könnte man den Film natürlich auch sehen – als ein Blut und Boden-Gleichnis mit dem Aufruf dazu, nationale Identität zu bewahren und bei Verlust notfalls darum zu kämpfen. Aber ich denke, dieses Nationalbewusstsein ist nicht Basis der Rebellion, die hier beschrieben wird. Es ist der Wert der eigenen Geschichte, der Quell der eigenen Kraft und des eigenen Lebens. Dass die Macht europäischer Konzerne die Bedürfnisse des Einzelnen mit Füßen tritt und dort verlockt, wo das Geld knapp ist, ist das eine Drama des Films. Das andere ist die Bedeutung der Familie. Und zuletzt die Bedeutung natürlicher Ressourcen. Dass gerade einer dieser gesichtslosen Energieriesen diesen alten Baum in sein künstlich geschaffenes Territorium holt, um nachhaltiges Denken zu signalisieren, ist ein trauriger Widerspruch in sich. Doch die Kraft, die ungebrochene Energie und die Beharrlichkeit der jungen Idealistin Alma lassen den Zuseher bis zuletzt hoffen, dass die Sache gut ausgeht.

El Olivo ist kein Märchen, und verspricht auch nicht das Unmögliche. Doch es ist eine Geschichte, die in ihrer Essenz an die metaphorischen Dramen eines Anton Tschechow erinnern. Die in ihrer warmherzigen Offenheit zumindest für kurze Zeit in einem selbst alles möglich erscheinen lässt. Auch die Erfüllung zum Guten, und die Wiederherstellung einer Ordnung, die auf Menschlichkeit setzt.

El Olivo – Der Olivenbaum

Dunkirk

BESTELLT UND NICHT ABGEHOLT

9/10

 

dunkirk

REGIE: CHRISTOPHER NOLAN
MIT HARRY STYLES, TOM HARDY, CILLIAN MURPHY, MARK RYLANCE, KENNETH BRANAGH

 

Ein scheinbar endloser Sandstrand bei Ebbe, stahlgraues, wütendes Meer, im Hintergrund die Rauchsäulen brennender Schiffe vor schweren Wolken. Auf dem Sand schwarze Silhouetten, zu Gruppen sortiert. Junge Männer, die auf etwas warten. Das ist der Moment in Christopher Nolan´s Weltkriegsdrama, an dem es kein Zurück mehr gibt. Weder für die britischen Soldaten, noch für mich als Zuseher. Diese Momentaufnahme des zeitlosen Bangens raubt jeden Funken Hoffnung. Beklommenheit kriecht wie die zurückkehrende Flut über das Wattenmeer. Es ist der Moment, in welchem Dunkirk seine ganze Wirkungskraft von der Leine lässt. Und mich mit aufs Boot nimmt.

Es gibt Kriegsfilme, bei denen abzusehen ist, was kommen wird. Mel Gibsons´s Hacksaw Ridge zum Beispiel ist ein gelungener, wenn auch gänzlich anders inszenierter Kriegsfilm, der aber so und nicht anders zu erwarten war. Ähnlich bei Fury – Herz aus Stahl, auch kein schlechter Film. Aber Kriegsfilme eben, die das Grauen dokumentieren müssen, vor allem den physischen Schmerz. Und es gibt Dunkirk. Ich hätte mir alles dazu erwartet – nur nicht das, was aus dem Stoff schlussendlich geworden ist. Wobei ich anfangs enttäuscht war. Unzugänglich, manieriert, allzu abgehoben. Vor allem verworren. Was sollte das mit den Zeitebenen? Die Mole – eine Woche, die Luft – einen Tag und die See – eine Stunde? Die Diskontinuität von Tageslicht und Wolken hat mich von den eigentlichen Geschehnissen mehr abgelenkt als ich abgelenkt werden wollte. Nolan, so dachte ich mir, hat sich diesmal wohl gründlich verspekuliert. Und dann das Erwachen. Verloren am Strand, schwarze Schlangen zum Meer hin. So, als würden all diese verlorenen Seelen ins Wasser wollen. Irgendwie hat es dann Klick gemacht. Und aus dem konfusen Trauerspiel wird ein fesselndes Drama in drei Akten, die nicht chronologisch, sondern gleichzeitig erzählt werden. Ineinander geschichtet, wie ein Satz neu gemischter Spielkarten. Erst sehr viel später eröffnet sich die Macht des Filmes, und nimmt auch rückwirkend die Ouvertüre mit. Dunkirk ordnet sich neu. Da ist plötzlich Hoffnung, wo keine war. Da ist Bewegung, wo zeitloser Stillstand die Geduld strapaziert hat. Nolan schafft es tatsächlich, einen Kriegsfilm zu inszenieren, den man so in keinster Weise erwartet hätte. Die Genialität des Streifens liegt darin, jenseits allen CGI- und 3D-Firlefanz die Gefühle der Protagonisten aufs Publikum zu übertragen. Es ist eine neue Art des cineastischen Expressionismus, erinnernd an einen ganz speziellen russischen Stil, zu dem sich seinerzeit Tarkovskij besonnen hat. Eine, die neben Denis Villeneuve augenscheinlich nur Nolan beherrscht. Indem er weitestgehend auf Blut und plakatives Grauen verzichtet, setzt er auf kühl arrangierte, stahlgraue Installationen, die den Kulissen eines modernen Theaters ähnlich sind. Meist ist da nichts, nur irgendwo eine Schiffsschraube, ein Boot. Das endlose Meer, und in der Mitte eine Reihe olivgrüner Helme, die sich wie die Tatstatur einer Schreibmaschine vor unsichtbarer Gefahr duckt.

Den Feind – man sieht ihn nicht. Hört ihn nicht reden. Der Feind – er ist abstrakt, stellvertretend für das Böse, für eine nicht zu ortende Gefahr. Keine Nazi-Schergen, keine Deutschen, die sich der Gerechtigkeit wegen Gehör verschaffen müssen. In Dunkirk ist der Feind gesichtslos, abstrakt. Wie bei Franz Kafka der Herr des Schlosses. Ja, Dunkirk hat was von Kafka. Absurd und verstörend dort, wo das Grauen aus der Distanz betrachtet wird. Wo Worte nichts verloren haben, spricht auch niemand. Wo Bilder für sich sprechen, reduziert Nolan alles Beiwerk auf einen minimalen Nenner. Doch sein Arrangement der drei Zeitebenen ist nicht weniger meisterhaft. Sind zu Beginn alle drei Akte noch weit voneinander entfernt, treffen sie sich in der Mitte zu einem atemlosen Stakkato, wo Vieles gleichzeitig passiert, um gegen Ende hin wieder auseinander zu gehen und Luft zu holen. Dunkirk, ein filmischer Doppler-Effekt. Diese Idee ist nicht minder ungewöhnlich wie Tarantino´s Episodenkarussel Pulp Fiction. Nach Interstellar lässt Nolan ein neues Werk des Staunens von der Filmspule. Wenn, dann könnte man Dunkirk ansatzweise mit Der schmale Grat vergleichen. Doch dort, wo Terrence Malick poetische Abhandlungen des Seins als Stimme aus dem Off tönen lässt, beharrt die Chronik des Wunders von Dünkirchen in epischem Schweigen, unterstrichen von getragenen, sphärischen Klängen, die manchmal etwas zu laut und zu viel, aber meist den Moment in seiner dramatischen Intensität be- und ergreifen. Dazwischen das Ticken der Zeit.

Dunkirk ist unerwartet, aufwühlend, und unberechenbar, trotz bekannter Tatsachen, die Geschichte geschrieben haben. Ein irritierendes Kriegsdrama, das Sehgewohnheiten durchbricht und das Erzählen neu erfindet. Schon jetzt die wohl beste Regiearbeit dieses Jahres.

Dunkirk

Hidden Figures

DER STOFF, AUS DEM DIE HELDINNEN SIND

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Die Apartheid der Vereinigten Staaten – das dunkelste Kapitel in deren Geschichte. Und längst keine Fußnote, sondern eine fürchterlich und quälend lange Epoche aus Unterdrückung und Erniedrigung über Jahrhunderte hinweg. Begonnen mit dem Deportieren westafrikanischer Menschen nach Übersee, offiziell beendet mit den Civil Rights Acts Ende der 60er Jahre. Allerdings, wenn man genauer hinsieht. herrscht mancherorts immer noch blanker Rassismus, der meist im Missbrauch einer faschistoiden Exekutive eskaliert und weitreichende Unruhen nach sich zieht. Ein Problem ist es also immer noch. Und dass die Vereinigten Staaten hier lange Zeit auf Regierungsebene tagtäglich Menschenrechtsverletzungen begangen haben, das ist etwas, womit das Land erst langsam klarkommen muss.

So bewusst geworden ist es zumindest dem amerikanischen Film vor allem in den letzten Jahren. Kein Academy Award-Wettbewerb, der nicht Filme unter den Kandidaten hat, die sich mit der Geschichte der Schwarzen in Amerika auseinandergesetzt haben. Regisseure und Drehbuchautoren gehen völlig unterschiedlich an die Sache heran – Quentin Tarantino zum Beispiel lieferte mit Django Unchained eine lautstarke Black Power-Hommage an den Italowestern ab. Steve McQueen mit Twelve Years a Slave bohrte mit dem Finger in den offenen Wunden, welche die beschämende Ära der Sklaverei hinterlassen hat. Und Selma erinnerte auf bewegende Weise an einen Moment in der jüngeren Geschichte des Landes, der Vieles verändert hat. Das sind nur einige wenige Beispiele, die mir spontan in den Sinn gekommen sind und einen gewissen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. Wir sehen, vor allem in der Kunst, und vor allem in jener der bewegten Bilder, engagiert man sich geradezu ruhelos, die Schmach der Vergangenheit aufzuarbeiten und den großen Teil der schwarzen Bevölkerung Amerikas zu rehabilitieren.

Auch das Jahr 2017 steht ganz im Zeichen dieses wichtigen Auftrages. Unter diesen Filmen findet sich auch ein klassisch erzähltes Tatsachendrama rund um den ersten Orbitalflug John Glenns im Jahre 1962. Nun, was hat die Geschichte der Raumfahrt mit der Rassentrennung zu tun? Ganz einfach: angestachelt vom Eifer der Russen, die Juri Gagarin bereits ein Jahr zuvor in den Himmel geschossen haben, ließ die NASA nichts unversucht, im Wettlauf um die Eroberung des Weltraums mitzuziehen. Dumm nur, dass damals die hellsten Köpfe am Weltraumcampus Afroamerikanerinnen waren. So wird aus einem geschichtlichen Thriller, der in seiner Erzählweise stark an Der Stoff aus dem die Helden sind erinnert und auch als eine ins Detail gehende Ergänzung gesehen werden kann, ein starkes Plädoyer für Gleichberechtigung, Vernunft und gemeinsamem Fortschritt. So konventionell auch die eine oder andere Szene des Filmes daherkommen mag – die Geschichte hat eine mitreißende, kraftvolle Wirkung, verschließt sich nicht vor seinem Publikum und lässt es teilhaben an all den Gefühlswelten der drei Protagonistinnen, die ihren Weg zwischen Ablehnung, Skepsis, Selbstbehauptung und überdurchschnittlicher Intelligenz bis zum erfüllenden, geradezu ruhmreichen Ziel ihrer Laufbahn als Mensch und Mitwirkende einer der größten Momente der Menschheit je gegangen waren. Hidden Figures führt jeden kleinkarierten, vorurteilsvollen Denkansatz ad absurdum, würdigt und beurteilt den Menschen für das, was er leistet. Und nicht, was er ist.

Regisseur Theodore Melfi (St. Vincent mit Bill Murray) hat einen wichtigen, aufschlussreichen und spannenden Film gemacht, der das Wissen und auch so manche Denkweise anhand dieses tatsächlichen großartigen Beispiels bereichern kann. Ein Wiedersehen mit dem souverän aufspielenden Kevin Costner ist übrigens ebenso garantiert wie die gern gesehene selbstironische Rolle von Jim „Sheldon Cooper“ Parsons, der das Zepter des allwissenden Superhirns – unfreiwillig aber doch – diesmal jemand anderem überlassen muss. 

 

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