Fremont (2023)

DAS GLÜCK STECKT IM ANDEREN KEKS

7,5/10


fremont© 2023 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: BABAK JALALI

DREHBUCH: BABAK JALALI, CAROLINA CAVALLI

CAST: ANAITA WALI ZADA, GREGG TURKINGTON, JEREMY ALLEN WHITE, HILDA SCHMELLING, SIDDIQUE AHMED, TABAN IBRAZ, TIMUR NUSRATTY, EDDIE TANG, JENNIFER MCKAY U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Dieses Amerika, das wir hier sehen, ist ein Land aus einsamen Seelen. Es sind dies geschäftstüchtige Migranten, Flüchtlinge, die sich schuldig fühlen, ihren Wurzeln den Rücken gekehrt zu haben. Es sind dies glückssuchende Singles aus der Arbeiterklasse, melancholische Mechaniker und weinerliche Therapeuten, die sich selbst therapieren. In Fremont und darüber hinaus treffen diese Leute aufeinander, interagieren, sozialisieren, und sind dennoch allein auf weiter Flur. So zurückgezogen, so isoliert, so alleingelassen haben sich die Vereinigten Staaten schon lange nicht mehr angefühlt. Zuletzt vielleicht in Chloé Zaos Nomadland, dann aber nie wieder. Das Amerika, so wie wir es kennen, ist zwar längst nicht mehr der Ort, wo Träume wahr werden und Möglichkeiten unbegrenzt sind, aber immerhin noch einer, an dem Menschen, ihrem alten Leben entkommen, versuchen können, neu anfangen.

Blickt man nach Fremont, könnte man meinen, in einer Kleinstadt irgendwo in Finnland gestrandet zu sein. Wie ausgestorben scheint es hier, mit Menschen in ihren vier Wänden und auf du und du mit ihrem Schicksal. Jede und jeder geht der Arbeit nach, und meist ist diese recht monoton. Eine dieser Glückssuchenden – denn das tun schließlich alle – ist Donya (ausdrucksstark in ihrer Ausdruckslosigkeit: Anaita Wali Zada), eine junge Afghanin, die dank ihres Engagements bei der US Army als Dolmetscherin die Chance ergreifen konnte, in die USA auszuwandern. Da ist sie nun, ohne Familie und mit dem Hass der Taliban im Rücken. Dass sie schlecht schläft, schiebt sie natürlich nicht auf ebendiese Umstände, es ist ein Symptom ohne Grund, und daher sitzt sie Stunden beim Psychiater, der ihr aus Wolfsblut vorliest und Glückskeks-Texte schreibt. Das ist das, was Donya auch macht – sie arbeitet in einer Glückskeksfabrik, wo alles noch per Hand geschieht. Das Glück wird zwar jeden Tag neu verpackt – für Donya selbst bleibt da aber nichts übrig. Und so sucht sie, und nicht nur sie, nach Zweisamkeit, nach einem Menschen an ihrer Seite. Nach Vergebung und Erkenntnis, inmitten einer stillen, introvertierten, ein bisschen traurigen Welt, die ihren Humor aber noch nicht ganz verloren hat.

Aki Kaurismäki hätte Fremont kaum anders inszeniert. Ähnliches lässt sich mit Fallende Blätter in seinem Oeuvre auch verorten, allerdings mit viel mehr Alkohol im Spiel und einer gewissen Autoaggressivität, die Fremont fast zur Gänze fehlt. Bis ins Mark lakonisch sind beide Filme, sympathisierend mit ihren Figuren, deren Schicksal jedem egal ist, nur nicht dem Filmemacher. Die mit Enttäuschung über sich selbst und andere umgehen können, die sich, trotzdem es so scheint, im Trotz wiederfinden und einfach nicht unterkriegen lassen, weil die Suche nach dem richtigen Glückskeks meinetwegen ein ganzes Leben andauern kann. Solche zähen Charaktere, die jedoch immens fragil sind, haben sowohl Kaurismäki als auch Babak Jalali in ihre urbanen Mikrokosmen aufgenommen, in ihre verschrobenen, skurrilen Tagestraumwelten mit Geschmack und Understatement.

Jalali hat von Vorbildern viel gelernt, er hat deren Stil variiert und neu, geradezu amerikanisch uminterpretiert, wie Jim Jarmusch es in seinen frühen Filmen getan hat und mit Fremont ein tragikomisches Kleinod geschaffen, in dem feine Situationskomik mit den Ausdrucksformen der Nouvelle Vague korreliert. In dem die Bilder, in kunstvollem Schwarzweiß, aber ohne Künstlichkeit, sich selbst genügen, innehalten, wo andre Filme längst weiter sind; beobachten und Gedanken nachhängen, die wir nicht wissen müssen, aber erahnen können. Es ist ein subtiles Spiel mit Erwartungen und sozialem Skeptizismus, eine vorsichtige Annäherung ans Lebensglück, wofür all die Kekse die gefälligsten Metaphern sind. Am Ende hat Fremont sogar eines der schönsten Schlussbilder parat, die man in letzter Zeit gesehen hat. Spätestens in dieser einen, kurzen Szene lässt sich erkennen, dass Babak Jalali als Könner seines Fachs Nuancen spürt und mit indirekten Andeutungen viel mehr sagt als mit den üblichen tausend Worten, die man sonst so hört.

Fremont (2023)

No One Will Save You (2023)

IM STRENGEN LICHT DER INVASOREN

5,5/10


NO ONE WILL SAVE YOU© 2023 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: BRIAN DUFFIELD

CAST: KAITLYN DEVER, LAUREN MURRAY, GERALDINE SINGER, DANE RHODES, DARI LYNN GRIFFIN, DANIEL RIGAMER, ZACK DUHAME U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Wäre er nicht exklusiv auf Disney+ erschienen, hätte der experimentierfreudige Science-Fiction-Sonderling No One Will Save You wohl seinen fixen Platz im Programm diverser Fantasy-Filmfestivals. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, kam dem Streifen keine solche Ehre zuteil, maximal eine geringe, für drei Tage exklusive Auswertung in amerikanischen Kinos. Doch Disney will schließlich auch Exklusivität verkaufen – unter der Nebenschiene Star gerne auch Schauriges. Und ja: mitunter schaurig ist diese Home Invasion sehr wohl, und dabei sogar noch weniger in den Momenten, die sich im Haus der jungen Brynn (Kaitlyn Dever, Booksmart) abspielen, sondern da draußen, jenseits der vier Wände, wo vertrautes Umfeld einer gespenstischen Welt weicht, die dem Unerklärlichen ins Auge blicken muss.

Zugegeben, das klingt nun ein bisschen so, als wären wir in M. Night Shyamalans UFO-Grusler Signs gelandet: Kornkreise zeugen von Besuchern aus anderen Welten, die es nicht unbedingt gut mit Homo sapiens meinen – was genau sie wollen, weiß man logischerweise nicht. Zwei Welten – zwei Wahrnehmungen. Unter dieser kommunikativen Diskrepanz muss auch Brynn ihren nächtlichen Besucher zur Vernunft bringen, denn so unangemeldet mitten in der Nacht schneit man nicht, egal woher man kommt, in fremde Häuser. Dieser jemand – oder dieses Etwas – ist ein klassisches Weltraummännchen, entschlüpft aus frei zusammenfabulierten Bild- und Sun-Zeitungsberichten, aus Esoterikbüchern und obskuren UFO-Entführungsberichten: Schlaksiger Körperbau, kein Geschlecht, natürlich nackt und riesige Laktritze-Augen (oder ähnlichem) über einer kümmerlichen Mundpartie. Der Klassiker, wenn man so will. Und dieser Klassiker, der kramt in Brynns Küche herum, als diese aus dem Schlaf hochfährt und sich Minuten später im Katz und Maus-Spiel mit einer gutturale Laute ausstoßenden Kreatur wiederfindet, die irgendetwas will, vermutlich aber die Hausherrin entführen. Dinge, die Aliens eben mit uns tun wollen, dazu gehört auch das Schnallen auf Operationstische und das Einführen obskurer Sonden in den menschlichen Leib. Solchen Worst Case will die völlig isoliert lebende Junge Dame natürlich nicht über sich ergehen lassen, also gibt’s improvisierte Gegenwehr. Ein Szenario zwischen Steven Spielbergs Mystery-Lichterkonzert und eben Shyamalans Aluhut-Horror hebt an. Wo Fenster sind, fällt ungutes, gleißendes Licht in die Dunkelheit der Räume, ob rot, ob blau, ob gelb – egal, es ist kein gutes Leuchten.

Man könnte sich so bequem auf ein klassisches, gerne vorhersehbares UFO-Thriller-Szenario einlassen, ohne Out of the Box denken zu müssen. Wären da nicht einige Aspekte, die Regisseur und Drehbuchautor Brian Duffield (u. a. für Jane got a Gun, Underwater) unbedingt mit in sein exzentrisches Werk einbauen wollte. Es sind nicht nur periphere Versatzstücke, welche die Originalität eines prinzipiell mal wenig originellen Plots ankurbeln hätten sollen. Es sind grundlegende, neu gestreute Parameter. Wie zum Beispiel der Umstand, dass die wehrhafte Hauptdarstellerin Kaitlyn Dever (fast) kein einziges Wort spricht. Und nicht nur sie. Der ganze Cast bringt keinen Satz über die Lippen, somit ist No One Will Save You ein Stummfilm, der ausschließlich mit seinem Score und den exotischen, durchaus eindringlichen Geräuschen arbeitet, welche das invasive Volk und seine Technik so von sich gibt. Eine Zeit lang will man nicht wahrhaben, dass es wirklich so sein könnte, dass alle daran scheitern, sich zu artikulieren. Man wartet auf das erste Wort, doch es kommt nicht. Der Ausfall der verbalen Kommunikation lässt die Welt, in welcher Brynn als einsames Fifties-Girl ihr Dasein fristet, als eine gespenstische, unwirkliche Traumdimension erscheinen, die aber stets vermittelt, real zu sein.

Darüber hinaus gibt es noch eine andere Komponente: die von Brynns Schicksal. Der Tod ihrer besten Freundin, die Schmähung der trauernden Eltern, der Tod der eigenen Mutter, die Einsamkeit, vielleicht gar die nicht eingestandene Schuld? Es ist niemals so richtig klar, was unsere (Anti)heldin in diese Situation gebracht hat – man ist verwirrt, irritiert, überrascht. Duffields Film hat eine seltsame Aura, entwickelt einen einerseits kindlich naiven, dann wieder gespenstischen Sog, der an Nope erinnert. Dieses Experimentieren mit den Erwartungen und die Freude am Erproben genrefremder Versatzstücke wirken manchmal überfordernd, und öfters wie ein von Kindern intuitiv geformter Kuchen aus der Sandkiste. Ob Psychodrama, UFO-Thriller oder Kleinstadtsatire à la Don’t Worry Darling. Ob Selbstfindung, Home Invasion oder Lovecraft‘scher Monsterfilm: No One Will Save You will zu viel und gleichzeitig, drängt seine Ideen anderen, noch gar nicht entfalteten hinterher und kann sich schwer fokussieren. Vieles ist dabei, das sich lohnt, doch letzten Endes bleibt ein skeptischer Seitenblick auf ein sonderbar sperriges Kuriosum, schräg und gleichsam bieder.

No One Will Save You (2023)

Causeway

FLUCHT ZURÜCK NACH VORNE

5/10


causeway© Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: LILA NEUGEBAUER

CAST: JENNIFER LAWRENCE, BRIAN TYREE HENRY, LINDA EDMOND, JAYNE HOUDYSHELL, FRED WELLER, NEAL HUFF U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Mit einem tristen Indie-Drama wurde die Welt auf sie aufmerksam – zu einem tristen Indie-Drama kehrt Jennifer Lawrence nun zurück. Causeway ist ihr jüngstes Werk, und es erscheint in den dunklen Wintermonaten zeitgerecht auf dem Streamingdienst Apple TV+, denn dieser hat anscheinend ein Faible für Filme wie diese, die in unterschiedlicher Qualität einmal wirklich beeindrucken (wie das Sci-Fi-Drama Schwanengesang) oder lieber lethargisch bleiben, wie eben in diesem Fall. Ein Stück erarbeitete Lebensweisheit wie diese kann mitunter nur so tun, als hätte sie mehr auszusagen als ein kommerziell orientierter Comic-Blockbuster, denn diese sind ja schon allein aufgrund ihres Schwerpunkts auf Schauwerte gleich vorverurteilt, was Tiefe anbelangt. Sieht man allerdings genauer hin, können introvertierte Dramen wie dieses ihre wahre inhaltliche Ratlosigkeit auch nicht mehr kaschieren. Da kann Jennifer Lawrence noch so traumatisiert und emotional verkümmert ins Narrenkästchen blicken – der Film wird dadurch nicht griffiger oder gehaltvoller. Er bleibt zumindest inhaltlich von so geringer Spannkraft wie die Wasserspiegel der vielen Swimmingpools im feucht-tropischen Süden der USA, die Jennifer Lawrence alle reinigen muss. Doch warum nur tut sie das?

Lawrence spielt Lindsay, eine körperlich wie neuronal in Mitleidenschaft gezogene US Army-Ingenieurin, die bei einem Routineeinsatz in Afghanistan aufgrund eines Hinterhalts der Taliban schwer verletzt wurde. Der Unfall führte zu einer Gehirnblutung, die wiederum zur körperlichen Beeinträchtigung, die nur nach langen Monaten der Reha wieder so einigermaßen in den Griff zu bekommen war. Die Bilder des Schreckens von damals mindert das nicht – umso schwerer ist es, sich selbst genug zu motivieren, um, wieder daheim, zumindest vorübergehend ein neues Leben anzufangen, bis es wieder an die Front gehen kann. Denn das will sie, trotz oder gerade wegen dieser erschütternden Erlebnisse, die ein ziviles Dasein fast schon unmöglich machen. Dummerweise muss sie sich bei Muttern einquartieren – das Verhältnis zwischen den beiden pendelt zwischen zerfahren und vorsichtiger Annäherung, wobei schon einiges zu viel im Argen liegt, um länger in der Obhut der Vergangenheit bleiben zu wollen. Wie es der Zufall so will, trifft Lindsay auf den Mechaniker James (Brian Tyree Henry, zuletzt gesehen als Killer Lemon in Bullet Train), der ein ähnliches Schicksal mit sich herumträgt.

Klar wird aus dieser Begegnung mehr. Und auch aus der neuerlichen Zusammenkunft zwischen Mutter und Tochter. Causeway ist ein Aufarbeiten des Vergangenen und eine Suche nach einem Neuanfang. Für einen Indie-Film wie diesen klingt der Plot mittlerweile etwas abgenutzt und reicht gerade mal für eine Ausgangssituation, um unterschiedliche Ansätze darin zu entdecken. Das eindringliche Antikriegsdrama Brothers, ob als dänisches Original oder Remake mit Tobey Maguire und Jack Gyllenhal, ist ähnlich akzentuiert, entwickelt aber eine bedrohliche Eigendynamik. Die Tragikomödie Red Rocket von Sean Baker hat zwar keine traumatischen Kriegserlebnisse zu bieten, erzählt aber ebenfalls von Vergangenheit und Neuanfang auf erfrischend spitzbübische Weise. Familien spielen dabei immer eine Rolle, ob dysfunktional oder Geborgenheit bietend. Was Lila Neugebauer in ihrem ersten Langfilm daraus macht, scheint ein bisschen sehr gedankenverloren. Natürlich, Lawrence nimmt sich zurück und gibt sich ganz ohne Schminke und sonstige Accessoires bemüht natürlich. Brian Tyree Henry ist da schon chargierender, spontaner in seinen Emotionen, auch glaubhafter. Doch beide sind souverän in ihrer Arbeit, treten aber in der Entwicklung ihrer Figuren fast bis zuletzt auf der Stelle.

Für Langeweile sorgt Causeway aber dennoch nicht, was den beiden Darstellern geschuldet ist. Schauspielkino also für einen ruhigen Filmabend, der wenig Erhellendes bietet, seine Zuseher aber wissen lassen möchte, mit anscheinend viel Schwermut auch genug Gehaltvolles kommuniziert zu haben. Das lässt sich schnell glauben – in Wahrheit bringt das Thema für einen Langfilm viel zu wenig ins Rollen.

Causeway

Die Farbe des Chamäleons

DAS GLÜCK IN DER TASCHE

6/10


die-farbe-des-chamaeleons© 2022 Jürgen Klaubetz

LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2020

BUCH / REGIE: JÜRGEN KLAUBETZ

CAST: ARTJOM GILZ, CANAN SAMADI, KATRINE EICHBERGER, VINZENZ WAGNER, MATHIAS ERICH GRUBER, BORIS POPOVIC, AURELIA BURCKHARDT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Songcontest-Veteran Tony Wegas hat’s vorgemacht – und ging dafür ins Gefängnis: Er hat Handtaschen geklaut. Das ist nun wirklich kein Kavaliersdelikt, zugegeben sogar recht niederträchtig, doch was tun, wenn einer wie Paul Stern unbedingt wissen will, was andere so mit sich führen? All die Utensilien müssen schließlich wichtig sein, denn so eine Tasche, die trägt man nicht umsonst körpernah herum. Da ist alles drin, was den kleinen Notfall deckt und vielleicht auch das Defizit an Glück ausgleichen kann, denn wo man auch hinblickt: dies scheint bitter nötig. Um sich mit Taschendiebstählen den Kick zu geben, dafür muss dieser gewisse Paul Stern, der auf den Plakaten von Die Farbe des Chamäleons mit Gasmaske über Wien stehend die ganze Welt zu umarmen scheint, ziemlich aus der Bahn geworfen worden sein. Das trifft auch zu – bei einem Sportausflug ertrinkt sein bester Freund. Die nahezu letzten Worte: Glück ist wie Petersilie. Ist dem wirklich so? Nicht nach dem Filzen des Diebesguts, dafür aber kommen ganz andere Dinge zum Vorschein, die durchaus seltsam sind – oder auch nur erschreckend profan. Auf diese Weise schließt Paul Bekanntschaft mit zwei Frauen, die aufgrund ihres Lebenswandels sein Interesse wecken. Stehen sich die beiden ihrem Glück nicht selbst im Weg und wissen es gar nicht? Paul kann da nicht länger zusehen und interveniert. Das eigene Leben? Bleibt auf Standby und hat so wenig Eigenfarbe wie ein Chamäleon.

Das bereits 2020 auf den Hofer Filmtagen vorgestellte Debüt von Jürgen Klaubetz erlangt aktuell die Ehre, das Licht der österreichischen Leinwände zu erblicken. Inspiriert von eigenen tragischen Erlebnissen, die sehr wohl auch mit fremden Taschen und ihrem Inhalt zu tun haben, entwirft der Österreicher eine leicht erratische, sprunghaft erzählte Beziehungsdramödie, die, obwohl sie keinen Humor im herkömmlichen Sinn transportiert, nicht ohne einen gewissen Spott für seine anpassungsfähige Hauptfigur bleibt. Das Stöbern im Leben der anderen: spontan würde man hier Vergleiche mit der Parallelwelt auf Social Media ziehen. Da stellt sich aber die Frage, ob der neue Zeitgeist wirklich das ist, was Klaubetz mit ins Spiel bringen will. Hinzu kommt die Krux mit dem unerbetenen Engagement für andere. Dabei ist Paul Sterns bessere Welt nur für andere gedacht, niemals für sich selbst. Das Changieren zwischen unzähligen Leben, die in schnellen Schnitten die fahrige, unangreifbare Existenz des Rollenschlüpfers relativ gekonnt visualisieren, gerät nebst des versponnenen Beziehungsdreiecks zur sozialphilosophischen Charakterstudie, die etwas zu sehr ins Leere mündet. Irgendwo gegen Ende gibt es einen Punkt, da hätte die Parabel einer persönlichkeitslosen Felix Krull-Version einen Schlüsselmoment, der den Clou der Story besser hätte nachwirken lassen. Zu einem Ende wäre Die Farbe des Chamäleons aber auch da nicht gelangt – zu weit holt Klaubetz aus, um gleich drei Leben neu zu überdenken. Doch das Fragmentarische stört kaum – das, wodurch wir uns definieren, ist ohnehin wandelbar und zu Lebzeiten nicht endenwollend.

An inszenatorischen Hürden scheitert hat Die Farbe des Chamäleons kaum, vielleicht hapert‘s manchmal am Timing, jedoch selten am Engagement der Schauspieler (besonders faszinierend: Canan Samadi). Mag sein, dass die vielen Abblenden etwas über Gebühr ausgereizt sind und manche Stimmen aus dem Off, zum Beispiel wenn Stern mit den Bestohlenen telefoniert, zu aufgesetzt klingen. Trotz allem aber: Ein Gefühl für lakonische Identitäts-Abenteuer lässt sich bei Klaubetz sehr wohl entdecken, Ideen hat er dafür scheinbar genug.

Die Farbe des Chamäleons

Viking Vengeance

OH HAUPT VOLL BLUT UND WUNDEN

6,5/10


vikingvengeance© 2018 Indeed Film


LAND / JAHR: USA 2018

BUCH / REGIE: JORDAN DOWNEY

CAST: CHRISTOPHER RYGH, CORA KAUFMAN

LÄNGE: 1 STD 12 MIN


Lass den Kopf nicht hängen! – ein Imperativ, den man gestandenen Monsterjägern mit auf den Weg geben sollte. Doch jeder macht es, wie er möchte. Manche nehmen sich nur den stattliche Eckzahn aus der Kauleiste ihrer erlegten Kreatur, manche legen gleich den ganzen Kadaver vor die Füße ihres gerade regierenden Königs. Dieser Berserker hier hängt sich die Schädel all seiner Auftragsopfer fein säuberlich an die Wand seiner Hütte mitten im Wald, jeweils aufgespießt auf einen Pflock. Dann legt er seine formschöne Rüstung ab und heilt seine Wunden mit einer magischen Mixtur aus Erde, Wurzeln und sonstigem Gemansche. Und wartet. Auf das nächste tönende Halali, wenn es wieder heißt, in den Wald zu gehen und wütenden Besten zu zeigen, wo der Kriegshammer hängt. Nur eine Kreatur ist da nicht darunter: jene, die seine Tochter auf dem Gewissen hat. Also schwört der namenlose Eremit auf ewig Rache. Die er auch bekommt. Dumm nur, dass der Kopf dieses Wesens mit des Wikingers heilender Tinktur in Berührung kommt – und wieder zum Leben erwacht.

Was für eine krude Story. Aber zugegeben: nach dem letzten Met am Ende eines Ritterfests in irgendeiner pittoresken Burg, begleitet von den Klängen der Laute, entstehen angedudelte Ideen, die man nüchtern vielleicht gar nicht in den Kopf bekommt. Aber bitte, ich will hier niemanden der Schnapsidee verdächtigen, wenngleich sich Viking Vengeance so anfühlt. Und das wiederum ist gut so. Es gibt viel zu wenig verrückte Ideen im Kosmos des phantastischen Films, und da freut man sich tatsächlich, einem Kopf-an-Kopf-Rennen wie diesem in einer Mischung aus Neugier und selbst auferlegter Kriegsstimmung, wie sie LARPer allzu gerne aus dem Filzhut zaubern, beizuwohnen. Und wenn sich der namenlose Rächer seinen bis ins kleinste Detail liebevoll in Form gebrachten Lederhelm überstülpt, dann ist ganz offensichtlich, dass die Macher dieses Dark Fantasy-Slashers zumindest beim Kostüm keine Kosten gescheut haben. Was bleibt vom Budget dann noch übrig? Womöglich nicht viel. Den Wald, die Burg aus der Ferne, die gibt’s womöglich kostenlos. Wie aber den übrigen Plot visualisieren, ohne sich selbst in die Trash-Ecke zu drängen? Denn genau das ist Viking Vengeance auf den ersten und auch auf den zweiten Blick nämlich nicht: Trash. Das war auch Robert Rodriguez‘ El Mariachi nicht, der mit wenigen tausend Dollar inszeniert wurde und der den Mexikaner zur Berühmtheit machte. Das war auch Blair Witch Project nicht – ebenfalls wohlfeil umgesetzt, ohne Darlehen abbezahlen zu müssen. Der Künstler muss nur wissen, wie. Und improvisieren. Eine Challenge, die Jordan Downey auf professionelle Weise besteht.

Viking Vengeance (im Original: The Head Hunter) setzt auf Stimmung und Details – und natürlich auf das Outfit des Kopfjägers. Er setzt auf die bizarre Geschichte aus Horror und mittelalterlicher Phantastik. Er lässt sich von Andrzej Sapkowskis The Witcher genauso inspirieren wie von Prinzessin Fanthagiro – einem trickreichen Mehrteiler aus Italien. Nur hier ist Christopher Rygh allein auf weiter Flur unterwegs, ohne sonstigem höfischem Zinnober. Gut, man giert unweigerlich danach, dem Meister bei der Arbeit zuzusehen, doch außer Gebrüll und dem angestrengten Geächze von irgendwo außerhalb des Bildes bleibt die Action verborgen, und das mit Sicherheit aus Gründen mangelnder Ressourcen. Andererseits aber schafft der Film dadurch eine lakonische Mystery, die im Kopf passiert, und buttert seine Ideen geschickt in den großen Showdown, auf welchen das grimmige Solostück hinarbeitet. Downey macht das Beste draus – und befördert die erdige Groteske spätestens beim verblüffenden Schlusstwist weg von den ausgetretenen Pfaden herkömmlicher Heldenquests rein in den finsteren Forst garstiger Ironie.

Viking Vengeance

The Last Journey – Die letzte Reise der Menschheit

DA KOMMT WAS GROSSES AUF UNS ZU

5/10


thelastjourney© 2021 Tandem Films


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: ROMAIN QUIROT

CAST: HUGO BECKER, LYA OUSSADIT-LESSERT, PAUL HAMY, JEAN RENO, BRUNO LOCHET U. A.

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Und damit ist nicht Roland Emmerichs neuer Blockbuster gemeint (der mittlerweile schon im US-Boxoffice hinter den Erwartungen liegt). Sondern vielmehr eine ausstattungstechnisch recht verspielte Independent-Produktion aus Frankreich, die als schauspielerischen Support zumindest so jemanden wie Jean Reno verpflichten konnte. Einst als Leon eine Offenbarung, ist der Charakterdarsteller mittlerweile recht austauschbar geworden und zumindest mimisch gesehen so variantenreich wie Bruce Willis. Doch das macht nichts, viel Einfluss hat Reno hier ohnehin nicht – so wie fast die ganze Menschheit, die zusehen muss, wie ein fremder Himmelskörper, der zumindest genug Rohstoffe birgt, um das globale Energieproblem zu lösen, auf Terra zusteuert. Das ist natürlich gar nicht gut, und womöglich liegt der Zorn des roten Planeten darin, dass Homo sapiens, der ohnehin nichts anderes kann als fremden Boden auszubeuten, auch das gleiche mit ihm getan hat. Die Folge: Die Erde ist trockengelegt, Zentraleuropa eine Wüste. Und sobald irgendwo ein desolater Eiffelturm herumliegt, wird allen klar: Hier wütet die Endzeit. Die herrlich fruchtbare Heimat von Wein und Käse, durch die man sich sonst wie Gott in Frankreich fühlt, ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Und in dieser landschaftlichen Enttäuschung versucht gerade derjenige, der das Schicksal des Planeten als einziger noch abwenden kann, vor dem Rest der Welt zu fliehen.

Da bleibt Paul, wie er sich nennt, nicht lang allein, denn im Niemandsland gabelt er ein burschikoses Mädel auf, dass fortan an seiner Seite klebt. Jetzt sind beide auf der Flucht – nicht nur vor des Auserwählten Bruder, der paranormale Fähigkeiten besitzt, sondern auch vor kriegerischen „Judge Dredds“, die in ihren kessen Piratenoutfits mit Helm und künstlich verfremdeten Stimmen so manchen Wüstenfuchs aus Star Wars alle Ehre machen würden. In dieser phantastischen Aufmachung wirken die schwadronierenden Ordnungshüter etwas deplaziert und man wird dabei das Gefühl nicht los, gar nicht mal wirklich auf der Erde zu sein. Stets prangt das rote Rund am Firmament, der orange Staub dringt in jede Ecke des Bildschirms. Im Grunde ein nett ausgestattetes Szenario, dass zwar die ganze Welt tangiert, doch eigentlich recht lokal wirkt. Als wär‘s ein kleiner Film über ganz private Probleme. Und da der Hauptdarsteller noch dazu in eitler Unnahbarkeit durch die Gegend irrt, fühlt man sich mit seinem Schicksal nur schwer verbunden. Viel eher öffnet sich Mädel Elma (Lya Oussadit-Lessert), die sehr an die Schauspielerin Alicia Vikander erinnert. Ihr Klammern an einen Strohhalm der Hoffnung findet am Ende eine nette Metapher – sonst aber hinterlässt das Science-Fiction Drama auffallend wenig Eindruck. Wohl deswegen, weil in knapp 90 Minuten viel zu viele Themen und Meta-Ebenen, und als wäre das nicht schon genug, auch zwei Timelines miteinander zurechtkommen müssen. Am Ende ist sich die Ambition selbst im Weg.

The Last Journey – Die letzte Reise der Menschheit

The Cleanse

GASSI MIT DEM NEUROSEN-MONSTER

6/10


thecleanse© 2018 Netflix


LAND / JAHR: USA 2016

BUCH / REGIE: BOBBY MILLER

CAST: JOHNNY GALECKI, ANNA FRIEL, ANJELICA HUSTON, OLIVER PLATT, KEVIN J. O’CONNOR, KYLE GALLNER, DIANA BANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Er ist immer und überall mit dabei. Egal, wohin wir gehen, wo wir stehen, und was wir gerade tun: der uns allen wohlbekannte innere Schweinehund. Der Hemmschuh unserer Persönlichkeitsentfaltung, der Knüppel auf dem schütter behaarten Schädel unseres Selbstwertgefühls. Das, was uns runterzieht und depressiv werden lässt. Der Grund, warum wir glauben, nicht so recht zu können wie man wollen würde. Jetzt stellt euch mal vor, es wäre im Rahmen einer Gruppentherapie möglich, dieses obskure, fast schon amorphe Geschöpf aus unserem psychosomatischen Universum so weit zu extrahieren, dass es uns gegenübersitzt. Raunend, wimmernd, einem Häufchen Hundekot gleich, das uns ungefähr so staunend anglotzt wie der am Mond stehende Neil Armstrong, wenn er das Rund der Erde in sich aufnimmt. Sowas passiert wohl niemals wirklich, aber tatsächlich im Independentstreifen The Cleanse, was so viel heißt wie: Die Reinigung.

In dieser von Bobby Miller verfassten und auch inszenierten Fantasykomödie mit einem Schuss Horror und etwas Tragik stößt der sitzengelassene Paul eigentlich durch Zufall – oder wollte es das Schicksal so? – aus der tiefsten Ebene seines seelischen Kellergewölbes auf das Angebot einer Selbsthilfegruppe, die nichts weniger verspricht als eine Art Wiedergeburt ohne nagenden Ballast aus Alltag und vergangenen persönlichen Schicksalen. Paul bewirbt sich und sieht sich bald als Teil einer trauten Runde schräger Vögel, die das Wochenende im Wald verbringen. Die erste Aufgabe im dortigen Camp scheint nicht allzu schwer, denn mit dem Trinken von sechs Gläsern einer ominösen und logischerweise abscheulich schmeckenden Flüssigkeit wäre die Wiese außerdem schon halb gemäht. Was Paul und auch all die anderen Teilnehmer nicht wissen: das jeweils Innere kehrt sich plötzlich nach außen, und schon sitzt es da, das Unding, als erbärmliche Kreatur, die man eigentlich nur liebhaben kann, weil sie ja schließlich so arm aussieht.

Wer würde da wohl besser in die Rolle des sympathischen, intellektuellen Losers hineinfinden als Big Bang Theory-Frontman Johnny Galecki, den die Kinder der Neunziger bereits aus Roseanne kennen und der die blonde Penny dann doch noch erobert hat. Die Frage, was der kauzige Nerd denn damals so nebenher fabriziert hat, lässt sich mit The Cleanse aber nur zum Teil beantworten – was er jetzt wohl am Start hat, steht auf einem anderen Blatt Papier. Zumindest hier, in diesem kleinen, metaphorischen Psycho-Seminar, ist er der ungelenke Mittdreißiger, wie wir ihn alle kennen, mit Hang zum Staunen und der Kunst, angesichts paranormaler Umstände charmant zu improvisieren. Die kleinen dicken Mönsterchens mit Haaransatz und Kummermiene sind wirklich zum Erbarmen, doch es wäre nicht das Schwarze der eigenen Seele, würde der erste Eindruck nicht täuschen. Und so verbindet Miller seine originelle Idee mit Lagerromantik und Sozialschmarrn, lässt selten gesehene Stars wie Anjelica Huston oder Oliver Platt aufmarschieren – bringt aber den Funken nicht wirklich zum Überspringen. Das Gefühl, hier hätte der Konflikt mit dem inneren Schweinehund mehr Gewicht haben können, wird man nicht los. So bleibt die nette Monster-Mystery auf seiner Metaebene zwar tadellos nachvollziehbar, dramaturgisch gesehen ist The Cleanse die Katze am Schoß zu Feierabend näher als die Motivation, sich für die Gängelung des eigenen Ungeheuers anzustrengen.

The Cleanse

Save Yourselves!

INVASION DER FLAUSCHIS

5,5/10


saveyourselves© 2020 Bleecker Street


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: ALEX HUSTON FISHER & ELEONOR WILSON

CAST: SUNITA MANI, JOHN PAUL REYNOLDS, JOHN EARLY, JO FIRESTONE U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Wenn irgendetwas mit Fell die Absicht hat, fremde Welten zu erobern, wird es generell mal unterschätzt. Star Trek-Fans wissen, dass Kirk und Co die legendären Tribbles anfangs für harmlos hielten, bis sie sich ungebremst vermehrten. Oder die dauergrinsenden Critters. Im Grunde niedliche kleine Flauschkugeln, die aber nur eines im Sinn hatten: Fressen! Selbst die Ewoks aus Star Wars wurden unterschätzt, vor allem ihr Appetit auf Menschenfleisch, den nur ein goldener Roboter zügeln konnte. Was Fell hat, kann sich also gut hinter seinem Kinderzimmer-Stofftier-Klischee tarnen. Auch in diesem kleinen Independetfilm, der auf Sky seine Premiere hatte, sind mit Plüsch überzogene Fellhocker nicht das, was sie vorgeben zu sein. Denn sie bewegen sich – und können gehörigen Schaden anrichten.

Auch wenn Save Yourselves! ganz eindeutig eine Science-Fiction-Komödie im Stile von Gremlins oder den eingangs erwähnten Critters in die Wege leitet, will das Regieduo Alex Huston Fischer und Eleonor Wilson zusätzlich auch noch etwas ganz anders erzählen. Oder etwas ganz anderes austeilen. Und zwar einen Seitenhieb auf unser ach so bequemes Zeitalter der immanenten Erreichbarkeit und der sozialen Medien. Um sich diesen Druck auf Facebook, Instagram und Twitter und wie sie alle heißen zu entziehen, plant ein junges Ehepaar nach einigen beruflichen Niederlagen einen Neuanfang. Den startet man am besten damit, zumindest mal eine Woche alle mobilen Gerätschaften abzuschalten und das Internet daheimzulassen. Eine Woche nur Analoges, keine Calls von außerhalb, keine Likes, keine Postings. Nur eine Hütte in der Natur, ein Buch und massig Zeit, um sich als Paar wieder näherzukommen. Was sie demzufolge nicht mitbekommen, ist die Invasion der Flauschis. Aber auch nur so lang, bis plötzlich ein Möbelstück im Wohnzimmer steht, das vorher nicht da war.

Als dialogstarke Beziehungskomödie funktioniert Save Yourselves! ganz gut. Sunita Mani und John Reynolds agieren sehr natürlich. Wie für einen zeitgeistigen Independentfilm üblich gönnt sich auch dieser sozialkritische Untertöne und spickt diese mit alltagsrelevanten, knackigen Gesprächen, deren Themen wir alle ganz gut nachvollziehen können. Sobald die unheimliche Begegnung der dritten Art aber unweigerlich ins Haus steht, wird’s etwas unentschlossen. Woran das liegt? Vielleicht, weil diese Fellbommel längst nicht so eine Reproduktionsrate haben wie die Tribbles. Weil sie theoretisch relativ leicht in den Griff zu kriegen wären – die Apokalypse aber dennoch droht. Das Augenscheinliche und das Kolportierte will nicht so ganz zusammenpassen. Und auch die Verzichts-Challenge mit den sozialen Medien ist irgendwann nicht mehr wichtig, dazu gibt´s auch sonst nichts mehr beizusteuern, außer vielleicht die Empfehlung, doch irgendwie immer erreichbar zu sein. Es könnten ja Dinge wie diese passieren. Und da wäre es gut, zu wissen, was in den Nachrichten steht. Und was, wenn nicht? Die Antwort darauf wäre vielleicht noch interessanter gewesen als die letztendlich entworfene Grundsituation.

Save Yourselves!

Driveways

DER GUTE NACHBAR

6,5/10


driveways© 2020 Tobis Film


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: ANDREW AHN

CAST: HONG CHAU, LUCAS JAYE, BRIAN DENNEHY, CHRISTINA EBERSOLE, JERRY ADLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Ob in Cocoon, der liebevollen Jungbrunnen-Science-Fiction aus den Achtzigern, ob als Peter Greenaways todkranker Architekt in Rom oder gemeinsam mit James Caan in einer Alternativwelt aus Menschen und Aliens: der gute alte Brian Dennehy war für alles zu haben. Den integren Weißhaarigen mit dem verschmitzten Lächeln kann man gut und gerne als Charakter-Erbe eines Ernest Borgnine sehen, oder auch als Hollywoods Antwort auf Günther Strack, dem einen von beiden, die Fälle nur zu zweit lösen konnten. Der sympathische Filmbär hat selbige Welt aber leider schon verlassen – einer seiner letzten Filme war das vorliegende Independentdrama Driveways, das heuer eigentlich hätte in die Kinos kommen sollen, jedoch womöglich aus Platzgründen derzeit nur gestreamt werden kann. Macht aber nichts. Driveways ist ein kleiner Film für kleine Screens, das muss nicht zwingend im Kino sein, da passt es direkt ganz gut, in den eigenen vier Wänden ein leichtes Drama über ganz andere vier Wände zu sehen, die wiederum sehr viel über das Leben anderer erzählen. 

Dennehy spielt einen Witwer und Kriegsveteranen, der gern auf seiner Veranda sitzt und ansonsten allwöchentlich Bingo spielt. Da fährt eines Tages vor dem leerstehenden Nachbarhaus ein Auto in die Auffahrt – es ist die Schwester der verstorbenen Besitzerin. Auch ihr schüchterner Sohn ist mit dabei. Beide müssen das Haus entrümpeln, um es verkaufen zu können. Was sie nicht wussten: die Tante war ein Messie. Den vielen Dingen Herr zu werden kostet also mehr Zeit als geplant – was dazu führt, dass sich Cody mit dem alten Nachbar anfreundet. Und nicht nur mit dem. Bald merkt er, dass Sozialisieren zwar schwierig, aber genauso machbar scheint wie das Entrümpeln eines fremden Lebens.

Andrew Ahns Nachbarschaftsstudie lebt von stillen Momenten und leisen Tönen. Vom unaufgeregten menschlichen Verhalten und nicht minder von der entzückenden Performance des Jungdarstellers Lucas Jaye, der den zehnjährigen Cody mit einer ringenden Gefühlswelt aus Neugierde und Zerbrechlichkeit verkörpert. Mit angeberischer Klugheit und kleinen neurotischen Macken, die ihn so einnehmend sympathisch erscheinen lassen. Dennehys Filmfigur fährt voll auf ihn ab. Reserviert, aber höflich bleibt hingegen die Mutterfigur, die rückblickend damit hadert, so wenig Kontakt zu ihrer Schwester gehabt und somit nichts über ihr späteres Leben gewusst zu haben. Driveways schildert Versäumnisse und Verluste, aber auch die Freude an etwas Wiedergewonnenem. Das ist so überschaubar wie die Auffahrt des Nachbarn, aber so entspannt entschleunigt wie die kurze Rast nach einem Großeinkauf im Supermarkt, den man erfolgreich hinter sich gebracht hat. Wenn man dann noch mit einem Nachbar ins Gespräch kommt, den man sonst noch nie auf dem Radar hatte, trifft es ungefähr genau die Stimmung einer wahrhaftig empfundenen, menschelnden Alltagsgeschichte.

Driveways

The Cage – Die letzten Überlebenden

MENSCHHEIT AUF BEWÄHRUNG

5/10


thecage© 2021 Ucm.One


LAND / JAHR: VENEZUELA 2017

REGIE: JOSE SALAVERRIA

CAST: KARINA VELASQUEZ, ANANDA TROCONIS, LEÓNIDAS URBINA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Es gibt ihn, den Science-Fiction-Film aus Venezuela, waschecht aus südamerikanischen Landen. Um nicht zu sagen: Venezuelas erster und bislang einziger filmischer Blick in die unendlichen Weiten. Wer da nicht als Filmfan, der abseits des gängigen und vielbeworbenen Mainstreams herumkramt, diesen hier auf die Watchlist setzt, der hat von diesem Beitrag womöglich noch nie etwas gehört. Dabei eignet sich The Cage – Die letzten Überlebenden ideal für sämtliche Fantasy- und Science-Fiction-Festivals, die exotische Bringer wie diesen gerne ins Programm setzen. Doch womöglich passiert es, dass die Exklusivität der Herkunft die eigentliche Qualität des Films überschattet. Das Phänomen trifft auch hier zu, zumindest sieht man The Cage deutlich an, dass Autorenfilmer Jose Salaverria zwar viel Spaß an seiner Arbeit hatte, rundherum aber die Erfahrung dafür gefehlt hat, einen Streifen mit dem Content wie diesen nicht unbedingt aussehen zu lassen wie eine Telenovela.

Freunde von Filmen wie Quiet Earth – Das letzte Experiment finden an The Cage sicherlich Gefallen, denn dieser birgt einen ähnlichen Plot wie Geoff Murphys Last-Man-Vision. Während in Quiet Earth das Verschwinden der gesamten Menschheit hausgemacht zu sein scheint, fällt die Biomasse des Homo sapiens zumindest zu 99,9% der Invasion eines extraterrestrischen Raumschiffs zum Opfer. Einmal bitte lächeln – dann kommt der Blitz, und alle sind weg, so, als wären sie nie da gewesen. Ein Ehepaars überlebt, scheinbar auserwählt, denn die Unbekannten, die mit ihrem am Himmel schwebenden, schmucken Raumschiff das Landschaftsbild dominieren, wollen nicht, dass die Überlebenden zu Schaden kommen. Was also wollen sie noch? Kurze Zeit später taucht eine dritte Person auf, eine junge Frau. Somit haben wir – anders als in Quiet Earth – zwei Frauen und einen Mann. Eine Dreieckssituation, die sicher für Spannungen sorgen wird. Oder doch nicht?

Natürlich tut es das. Und da nehme ich wieder Bezug auf den geschmeidigen Rhythmus einer Telenovela, allerdings findet die vor einer innovativeren Kamera statt, die sich statt üblichen Studiotakes gerne an menschenleeren Orten umsieht. Salaverria zieht in einer ganz bestimmten Szene Vergleiche der tatsächlichen Umstände mit der Gesellschaftsstruktur eines Formicariums, einer Ameisenfarm – schon ahnen wir, worauf die Aliens eigentlich hinauswollen. Schon gelingt dem anfangs etwas ratlos abgefilmten Endzeitdrama die Bündelung seiner Ambitionen, etwas Kritisches zum globalen Status Quo beizutragen. Immer wieder jedoch überkommt den Machern diese flirrende Ratlosigkeit, die sich vor allem auch in der Wahl des Soundtracks niederschlägt, der mit allen möglichen Stilrichtungen, vorzugsweise mit preiswertem Synthie, atmosphärische Tendenzen abwürgt. 

Alles in allem gut gemeint, können noch so viele Raumschiffe am Firmament von der Luft nach oben nicht ablenken.

The Cage – Die letzten Überlebenden