Her Will Be Done (2025)

BETEN AUF TEUFEL KOMM RAUS

5,5/10


© 2025 WTFilms


ORIGINALTITEL: QUE MA VOLONTÉ SOIT FAITE

LAND / JAHR: FRANKREICH, POLEN 2025

REGIE / DREHBUCH: JULIA KOWALSKI

KAMERA: SIMON BEAUFILS

CAST: MARIA WRÓBEL, ROXANE MESQUIDA, WOJCIECH SKIBIŃSKI, KUBA DYNIEWICZ, JEAN-BAPTISTE DURAND, RAPHAËL THIÉRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Warum ich lieber in der Stadt lebe als am Land? Abgesehen davon, dass ich nicht ein bis zwei Stunden mit dem Auto fahren muss, um in ein Kino zu gelangen, wird das Urbane zum Schmelztiegel allerlei gesellschaftspolitischer Strömungen, die natürlich nicht immer progressiv sind, die sich aber mit all dem Regressiven die Waage halten und wo das Morgen nicht nur mit dem Hahnenschrei assoziiert wird. Gut, das mag vielleicht etwas polemisch sein, aber nicht von ungefähr greifen Filmemacher in der Darstellung ruraler Umstände auf einen Status Quo zurück, der in längst vergangene und niemals zu hinterfragende Traditionen tief einzementiert jegliche Progression als etwas Schädliches erachtet, während das Schädliche und Diskriminierende einfach, weil es „immer schon so wahr“ die Ewigkeit überdauern muss. Beharrlichkeit und Konservativismus ist Gift für den psychosozialen Fortschritt – kein Wunder, dass die Landflucht in Andreas Prohaskas neuem Gesellschaftshorror Welcome Home Baby, in welchem störrische, altvaterische Mystik auch gerne den Opfertisch bereitet, zur unheilvollen Metapher und das Aussterben dörflicher Mikrokosmen als Albtraum inszeniert wird. Kein Wunder auch, dass Ari Aster in Midsommar zum sonnenhellen Horror ruft oder Brigitte Hobmeier in Elisabeth Scharangs Wald als heimkehrende Städterin vor allem auf toxische, männliche Skepsis trifft. In solchen Gemeinden ist bis zum heutigen Tag die patriarchale Ordnung immer noch jene, gegen die sich niemand aufzulehnen hat. Rollenbilder sind klar verteilt, die Macht liegt beim physisch Stärkeren, und das sei der Mann.

Angstfiguren der Selbstbestimmung

Dem „starken“ Geschlecht, selbst seinem Sexualtrieb unterworfen, war die Unterwerfung der Frau nur genehm. Widerworte oder andere Weltsichten mussten schließlich verteufelt werden, womit wir bei den Hexen wären. Forderte eine Frau ihre Rechte, und willigte nicht ein, zu tun, was der Vater, der Bruder oder der Mann befahl, brach die dörfliche Ordnung zusammen, die Inquisition trat an den Richtertisch, die Ächtung schritt fort. Alles nur schreckliche Vergangenheit? In dieser Systematik vielleicht, nicht aber in der übergriffigen Selbstüberschätzung derber Trunkenbolde, die in Her Will Be Done mit Tunnelblick und erbsengroßem Hirn während den letzten Zuckungen folklorer Feierlichkeiten den Geschlechtsakt gewaltsam einfordern wollen. Doch das ist ein Moment in Julia Kowalskis Coming of Age-Mystery, der bereits schon, irgendwo in der Mitte des Films, den Wendepunkt markiert, den Anfang vom Umsturz verknöcherter Strukturen.

Unterdrückung des Ausbruchs

Im Zentrum des Geschehens, irgendwo in der französischen Provinz an einem Bauernhof, muss die junge Nawojka (Maria Wróbel) damit klarkommen, das Erbe ihrer Mutter in sich zu tragen – nämlich das Böse, den Teufel, den Antichrist – kurz: alles Hexische, was letztlich zu deren Tod geführt hat. Was tut man schließlich, um diese ketzerischen Impulse zu unterdrücken? Man betet und kniet auf Teufel komm raus, muss unter Krämpfen und muskelzehrenden Anfällen dagegen ankämpfen, damit die Dunkelheit den juvenilen Geist nicht übermannt. Alles nur Einbildung oder ist da tatsächlich was dran? Die Brüder und der Vater achten schon darauf, das Nawojka ihre Pflichten erfüllt – schließlich ist dieses Familie eine patriarchal geführte, und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen – an die lässt sich gar nicht denken. Bis Sandra auftaucht, die Erbin des Nachbarhofs – unkonventionell, verführerisch, selbstbestimmt. Ein No-Go für alle Männer, die Frauen gerne unter ihrer Kuratel haben wollen. Zwischen Sandra und Nawojka entstehen Synergien, die das unvermeidliche Verhängnis heraufbeschwören, allerdings auch einen Befreiungsakt, der nicht unblutig vonstatten geht.

Mit Konservativem gegen das Konservative

Julia Kowalski, längst nicht fertig mit den erzkonservativen Strukturen ihrer elterlichen Heimat, nämlich Polen, hat mit ihrer feministischen Mystery notwendige Akzente gesetzt – ganz klar müssen solche Filme richtig interpretiert werden, eine konservative Zielgruppe kann mit solchen Werken wohl gar nichts anfangen und fühlt sich im Handeln des traditionellen Mobs wohl in den eigenen Ansichten bestätigt. Für alle anderen, die den Paradigmenwechsel in unserer Geschlechtergesellschaft befürworten, mag Her Will Be Done nicht nur offene Türen einrennen – die Idee, der Aufbau und die narrative Struktur der Geschichte gerät mitunter etwas zögerlich, situationsverliebt, der Stimmung und des Settings verhaftet.

Aller Anfang ist bei Filmen stets schwer, nicht weniger als das Finden eines runden Abschlusses. Kowalski muss sich bemühen, um ihre Parabel des Aufbegehrens und der Identitätsfindung auf die richtigen Schienen zu setzen. Wie die Verhältnisse stehen, wird bald klar, eher noch, als Kowalski sich dabei gemüßigt fühlt, die Sondierung der Umstände als vollendetes erstes Kapitel abzuschließen und die Essenz des Ganzen freizulegen. Dabei ist selbst in der Darstellung des Abgesangs auf den Konservativismus eben genau das Konservative zu finden; klassische bildliche Allegorien, viel Hexenspuk und die finsteren Mächte der Natur. Das wirkt letztlich allzu bieder, das Konfrontieren der Alteingesessenen mit nackten Tatsachen wird der Höhepunkt eines milden, grobkörnigen Gesellschaftsthrillers, der zwar aufschreit, aber nur leise – damit niemand den Hahnenschrei überhört, der den falsch verstandenen Morgen einkräht.

Her Will Be Done (2025)

Kazakh Scary Tales (2025)

KRABBELSPUREN IM STEPPENSAND

5/10


© 2025 Short Brothers


LAND / JAHR: KASACHSTAN 2025

REGIE / DREHBUCH: ADILKHAN YERZHANOV

KAMERA: YERKINBEK PTYRALIYEV

CAST: KUANTAI ABDIMADI, ANNA STARCHENKO, DINARA BAKTYBAYEVA, AZIZ BEISHENALIEV, SHAKH MURAT ORDABAYEV U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Man könnte ja meinen, man stehe in der kasachischen Steppenlandschaft, weit und breit kein Berg, und würde, sofern man den Rundumblick innehält, nichts auch nur annähernd übersehen, was vielleicht auf einen zukommen oder das monotone Landschaftsbild stören könnte. In dieser Steppe, in der mangelnder Regen das Gras verdorren lässt und der graue Staub zwischen den Zähnen knirscht, auch dann, wenn kein Wind weht; in dieser Steppe fühlt sich Filmemacher Adilkhan Yerzhanov wie zuhause. Schließlich ist es sein Land und es sind seine Bedingungen. Als Verfasser eines Manifests zum kasachischen Partisanenkino liegt dem Künstler wohl sehr daran, dem gängigen staatlichen Mainstreamfernsehen und auch dem ähnlich gelagerten, unverfänglichen und einlullenden Themenkino zu entsagen und stattdessen lieber, ohne jegliche staatliche Förderung, seine eigenen Visionen umzusetzen. Das mögen welche sein, die nicht allen schmecken, doch noch ist es nicht so weit wie im Iran, in dem Filmemacher eben längst nicht mehr mitteilen können, was auf deren Zunge brennt.

Dale Cooper und der Schamanismus

Yerzhanov, längst in der Branche bekannt, kann sich’s leisten. Er pfeift aufs Geld und auf den Einfluss von Behörden, die ausschließlich politisch, aber nicht künstlerisch und schon gar nicht progressiv denken. Er macht Filme wie zum Beispiel Steppenwolf – einen knallharten, dystopischen Actionthriller über eine Mutter auf der Suche nach ihrem Sohn. Begleitet wird sie dabei von einem Ex-Polizisten, der keine halben Sachen macht und gerne den Hammer schwingt. Yerzhanov macht aber auch Fernsehen, und dabei ist der Entwurf einer mehrteiligen, paranormalen Kriminalgeschichte entstanden, deren erste drei Folgen zu einem spielfilmlangen Triple-Feature zusammenmontiert wurden. Verschmolzen und neu geschnitten für die Leinwand, trägt das Konstrukt nun den Titel Kazakh Scary Tales – was ein bisschen nach Arbeitstitel klingt, allerdings aber auch ein gewisses Versprechen für Grusel und Horror gibt. Vor allem dann, wenn man weiß, womit der fantastische Reigen eigentlich beginnt. Denn dem Erscheinen des abgehalfterten Klischee-Kommissars aus der Stadt, der wie eine Mischung als FBI-Agent Dale Cooper aus Twin Peaks und Inspektor Columbo wirkt, gehen schockierende Todesfälle in einer Geburtsklinik voraus. Birzhan, so der Name des Polizisten, der samt Familie in die öde Provinz Kataras versetzt wurde, muss sich mit den lokalen Ordnungshütern herumschlagen, die überhaupt nicht bereit sind, dem übereifrigen Fremden unter die Arme zu greifen. Ganz im Gegenteil – die Fälle seltsamer Kindstode sollen lieber nicht weiter verfolgt werden, schließlich sind hier, und das weiß die unmotivierte Gruppe streitsüchtiger Polizisten, ganz andere Mächte im Spiel. Mächte, die nicht von dieser Welt sind. Zum Glück stößt Birzhan auf eine Hellseherin, einem Medium, das sich in der Mythologie des Ortes auskennt, und bald den Verdacht hegt, es könnte alles mit einem Fluch zu tun haben – dem Fluch von Albasty.

Fernsehen ist nicht gleich Kino

Zugegeben, das klingt alles sehr schön rätselhaft, auch skurril, man lernt Neues über Mythen aus einem Teil der Welt kennen, der sich in den Nachrichten rar macht. Der Einblick in die zentralasiatische Twilight-Zone beschert neuen Input für Liebhaber des Übernatürlichen, und mit Yerzhanovs Ambition, sowohl Kino als auch Fernsehen zu bedienen, mag das staubgeborene Wunderding eines horrorhaften, bizarren Thrillers eine sichere Bank sein. Letztlich aber entwickelt sich Kazakh Scary Tales zu einem nicht unanstrengenden, weil angestrengten Unterfangen. Dem Werk ist deutlich anzusehen, dass der narrative Aufbau deutlich den Regeln einer Fernsehserie folgt. Und wir wissen längst: Geschichten im Kino oder eben im Fernsehen zu erzählen – das sind zwei Paar Schuhe. Yerzhanov will alle zwei Paar anprobieren, letztlich passt nur jenes Paar für das Kleinformat daheim. Bei einer Serie kann sich die Geschichte Zeit lassen – vor allem dann, wenn nach drei Episoden noch längst nicht das Ende kommt. In Kazakh Scary Tales ist irgendwann des Rätsels Lösung zwar gefunden, öffnet aber weitere Türen in die Zwischenwelt, und ja, es wird klar, da kommt noch was.

So gesehen mag der Film eine gestreckte Pilotfolge sein, alleine, um Charaktere einzuführen und die Parameter erst einmal zu setzen, bevor man tiefer vordringt in das Unheilvolle dieser Provinz. Dabei entstehen, am Stück genossen, vertrödelte Nebensächlichkeiten, Entschleunigung dort, wo Yerzhanov dringender hätte vorwärtskommen sollen. Der absurde Witz, der an den im deutschen Sprachraum wohlbekannten österreichischen Ermittler Kottan von Peter Patzak erinnert, hat zwar sein eigenes Kolorit und verträgt sich gut mit dem Aberglauben und der Verschrobenheit der lokalen Bevölkerung, doch der Spannung tut das keinen Gefallen. Als Thriller plätschert Kazakh Scary Tales vor sich hin, bleibt selten am Punkt, verstrickt sich in kausalen Zusammenhängen, die den morbiden, wenig kinderfreundlichen Spuk nur noch mehr ausbremsen. Kompliziert erzählt ist also halb verloren, so reizvoll sich die Synopsis auch anhört, so eintönig zieht sie sich hin, passend zum grasbewachsenen Nirgendwo, in das man starren kann. Und vielleicht spielen die Sinne dabei ja Streiche. Doch das setzt nur bedingt versprochene Reize.

Kazakh Scary Tales (2025)

Welcome Home Baby (2025)

NICHT NUR DIE KIRCHE IM DORF LASSEN

5/10


© 2025 Lotus Film / Petro Domenigg


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: ANDREAS PROCHASKA

DREHBUCH: CONSTANTIN LIEB, DANIELA BAUMGÄRTL, ANDREAS PROCHASKA

KAMERA: CARMEN TREICHL

CAST: JULIA FRANZ RICHTER, REINOUT SCHOLTEN VAN ASCHAT, GERTI DRASSL, MARIA HOFSTÄTTER, GERHARD LIEBMANN, INGE MAUX, LINDE PRELOG U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Es ist wieder soweit! Nach einem kurzen Vorgeschmack im Frühling, der sich Slash ½ nennt, senken sich mit der herbstlichen Düsternis auch allerlei bizarre Visionen, krude Ideen und verrückte Innovationen aus der Filmbranche auf die Wienerstadt hernieder. Für zehn Tage beschert das Filmcasino und das METRO Kinokulturhaus Genreliebhabern und solchen mit Hang zu Schrecklichem Gustostückerln aus der Independent-Sparte, darunter auch manches, dass nicht ganz so nischig ist, sich aber genauso anfühlt. Wie zum Beispiel der neue Film von Andreas Prochaska, österreichischer Vorreiter und Experte, was vor allem Filme betrifft, die nicht nur auf Subventionen aus der Filmförderung angewiesen sind, weil sonst keiner ins Kino geht.

Bei Prochaska schrauben sich Besucherzahlen in die Höhe, was vielleicht auch daran liegen mag, dass in seinen Filmen Emotionen getriggert werden, die nicht gleich in erster Linie einen auf gesellschafts- und weltpolitische Betroffenheit machen. Was Prochaska kann, das ist Entertainment, das ist griffig-spektakuläres Mainstreamkino mit Hand zum Autorenfilm, bestes Beispiel wohl Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott – ein Knaller unter den österreichischen Komödien, böse, schelmisch und auf intellektuelle Weise infantil genug, um ordentlich abzukassieren. Neben diesem Ausflug ins Komödienfach musste man Jahre zuvor nur bis drei zählen, schon war man tot: Ein Horrorthriller und sein Sequel sorgte damals, in den 10er Jahren des neuen Jahrtausends, für Furore. Nicht zu vergessen Tobias Moretti und Sam Riley in der Corbucci-Westernhommage Das finstere Tal. Alles Genrefilme: klar konturiert, famos strukturiert, und handwerklich sowieso erste Liga.

Landfluch gegen Landflucht

Sein neuestes Werk, Eröffnungsfilm des eingangs erwähnten herbstlichen SLASH Festivals, kommt dabei deutlich vom Weg ab und holt sich die dörfliche Diabolik aus In 3 Tagen bist du tot wieder ans Set – nur diesmal geht Prochaska noch einen Schritt weiter und orientiert sich an Parametern, die in Stephen Kings Pennywise-Kleinstadt Derry, Lynchs Twin Peaks und in Zach Creggers neuestem Streich Weapons – Die Stunde des Verschwindens zu finden sind. Eine gute Überdosis Mystery injiziert der Filmemacher seinem undurchschaubaren, schleichenden Alptraum, der sich über weite Strecken nicht erklären lässt und der sich, je weiter Schauspielerin Julia Franz Richter (u. a. Rubikon) darin versinkt, immer unmöglicher scheint, dass dieser jemals entwirrt werden könnte. Von der ersten Sekunde an setzt Prochaska auf eine phlegmatische, skeptische Düsternis, die noch durch die desolate Ohnmacht einer durch eine Autobahnbrücke unterjochte Dörflichkeit unterstrichen wird.

Hier, im österreichischen Nirgendwo, soll die im Kindesalter weggegebene Judith den Nachlass ihres verstorbenen, aber unbekannten Vaters übernehmen – ein altes, mehrstöckiges Jagdhaus, in dem es zu spuken scheint und doch auch wieder nicht, in dem so scheinbar gutmütterliche Gestalten wie Tante Paula darauf warten, das verloren geglaubte Dorfmitglied wieder in ihre Arme zu schließen. Doch Obacht: die phänomenale Gerti Drassl ist diesmal nicht so herzlich und aufopfernd, wie sie anfangs scheint. Selten zuvor hat Drassl eine so perfide Rolle verkörpert wie hier. Die Finsternis steht ihr gut, auch Maria Hofstätter schickt mitunter Seitenblicke, da läuft es einem kalt über den Rücken. Und Inge Maux – Ihr Grinsen ist gespenstisch. So tragen diese drei Frauen und noch viel mehr von der Sorte Mensch dazu bei, dass sich Judith zusehends unwohl fühlt, und mehr darüber wissen will, warum sie seinerzeit im Stich gelassen wurde. Das Stochern im Vergangenen bringt eine diffuse Verschwörung an die Oberfläche, die sich kein einziges Mal deklariert, sich niemals zur Gänze offenbart und in der Mutmaßung und reinen Theorie verharrt, ohne dass Welcome Home Baby jemals für Klarheit sorgt.

Symbolism Overkill

Ein Umstand, der als ein höchst unbefriedigender zumindest anfangs ein freudloses Mysterydrama prägt, angereichert mit traumartigen Visionen über Ertrinken, Schwangerschaft und Feuertode im Wald und mit der leisen Metapher auf drohende Landflucht. Mit Symbolik weiß Prohaska nicht wirklich umzugehen, lieber macht er Nägel mit Köpfen. Bei einem polanskischen Suspense-Horror wie diesem entgleiten ihm die Versatzstücke, poltern viel zu viele Genre-Imitate durchs Bild, und als wäre das nicht schon genug, füttert er sein unklares Treiben mit versteckten Gängen, Totenköpfen und hexischem Treiben. Dieses Zuviel an bigotter Tarnung, Verwunschenheit und symbolistischer Traumata beschert Prochaska keine eigene Handschrift mehr, das meiste wirkt auffallend arrangiert, wenig originär, sondern inspiriert durch andere Vorbilder wie Rosemary’s Baby oder Aris Asters Midsommar. Ein zuviel kann folglich auch übersättigen, und ist man übersättigt, wird man müde, und so zieht Welcome Home Baby in behäbiger, viel zu entschleunigter Bedrohlichkeit, die den Verve von In 3 Tagen bist du tot vermissen lässt, hin zu einem überladenen Folk-Horror-Brimborium, das sich in seiner behaupteten Metaphysik nur noch übernimmt.

„Wie ist es, auf der anderen Seite?“, fragt im Flüsterton die bettschwere Linde Prelog – einer der unheimlichsten Momente des Films. Nun, das werden wir nie erfahren. Alles hier schöpft doch nur aus diesseitigen Quellen.

Welcome Home Baby (2025)

Sketch (2024)

VON DER SEELE GEZEICHNET

7,5/10


© 2024 Kinostar Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: SETH WORLEY

KAMERA: MEGAN STACEY

CAST: TONY HALE, D’ARCY CARDEN, BIANCA BELLE, KUE LAWRENCE, KALON COX, JAXEN KENNER, GENESIS ROSE BROWN, RANDA NEWMAN, ALLIE MCCULLOCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


„Was hast du denn da Schönes gemalt?“ In unendlicher Verzückung stehen Eltern oftmals vor dem allerersten wilden Gekritzel ihres Nachwuchses, meist iterierende Kreise, weit über den Blattrand hinaus. Es kommt auch vor, dass die Erwachsenen dabei schon das eine oder andere Quäntchen an Talent aufblitzen sehen, sind diese Kunstwerke doch stets bei weitem besser als die der anderen. Später kommt das figürliche Zeichnen dazu, es werden Eltern, Familienmitglieder, Haustiere oder Freunde abgebildet, die meisten proportional so verbaut, dass sie gruselig genug sind, um dankbar zu sein, sie nicht tatsächlich in den eigenen vier Wänden willkommen zu heißen. Wenn die Fantasie dann sprießt und Aggressionen künstlerisches Ventil finden, entstehen Monster und Kreaturen, blutrünstige Ausweidungen und martialische Schlachten. Immer noch wunderschön, meinen die Eltern. Wenn auch mit verstörtem Blick.

Mittlerweile gibt es ja Tools, die dank künstlicher Intelligenz zum Beispiel Tierzeichnungen von Tafelklässlern plastifizieren und in ein natürliches, fotorealistisches Umfeld setzen, wobei sie selbst zum fotorealistischen Ungetüm werden. Wie creepy ist das denn? Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, aus dieser Erweckung kreativer Konstrukte einen Film zu machen, schade schließlich um das Potenzial, das so eine Geschichte haben könnte. Mit Sketch von Seth Worley war es dann soweit. Kinder zeichnen, und sie zeichnen Monströses. Warum sie das tun, liegt in der Psyche von Mädchen Amber, die als Halbwaise den Tod ihrer Mutter verarbeiten muss. Ihrem Bruder geht es damit nicht wirklich besser. Während er seinen Frust nicht kanalisieren kann, hat Amber zumindest Papier und Farbstift, um sich ihre Ohnmacht von der Seele zu zeichnen – Leittragender dabei ist der gleichaltrige Klassenkollege und Störenfried Bowman, der zumindest vorerst auf zweidimensionalem Wege geopfert wird. Soweit so gut, soweit noch juveniles Psychodrama. Doch dann kommt die Wende. Denn inmitten eines Wäldchens gibt es einen See, der alles lebendig macht (oder zumindest repariert), was man hineinwirft. Als Folge diverser Umstände darf sich auch Ambers wertvolles Monsterbuch mit dem magischen Wasser vollsaugen – was dann folgt, kann sich das Publikum im wahrsten Sinne des Wortes ausmalen. Und nein, es sind keine niedlichen Geschöpfe, die da durch die Botanik hirschen.

Es sind Kreaturen aus Alpträumen, die zwar bunt gekritzelt aussehen, aber Verheerendes im Schilde führen, da Amber all ihre negativen Gefühle zu Papier gebracht hat. Ein Horror der besonderen Art wuchert also in erschreckendem Expansionsdrang durch die dreidimensionale Welt, und es ist definitiv nicht Kinder jüngeren Semesters anzuraten, sich dieser Bedrohung auszusetzen. Sketch ist Young Adult- oder aber Jugendhorror, von der Intensität her ähnlich wie der österreichische Haunted House-Grusler Das schaurige Haus. Auch dieser darf sich im Subgenre gemächlicher Hasenfuß-Nägelbeisser wiederfinden, wobei die wüste Invasionsszene mit den augenfressenden Äuglingen weit über das Niveau eines skurrilen Ghostbusters-Horror hinausgeht. Sketch bewegt sich mit erwachsenem Ernst durch sein beklemmend buntes Abenteuer, lässt sogar einen Killer auf den armen Bowman los. Und dennoch: Worley übertreibt oder überhöht seine Story kein einziges Mal, folgt einer erquickend schaurigen Tonalität und lässt dabei seine kindlichen Helden kein einziges Mal so aussehen, als würden sie die Challenge, der sie ausgesetzt sind, nicht bewältigen.

Mit dieser Chuzpe im Rücken und einem aufgeweckten Erfindungsreichtum ist diese sanftmütige, allerdings überraschend spannende Stranger Things-Version manchmal nicht weniger packend als sein Erwachsenen-Vorbild, emotional greifbar und düster genug, um fast schon an J. A. Bayonas Sieben Minuten nach Mittenacht oder Pans Labyrinth anzuecken, allerdings ohne dessen opulent-mystischen Metaebenen-Überbau. Sketch bleibt seiner Dimension verhaftet, das Paranormale ist Teil dieser Welt, ausgestülptes Sprachrohr der Psyche, Befreiungsakt und metaphorisches Abenteuer, ohne sich gewohntem Vokabular großer Studios anzubiedern.

Sketch (2024)

Freakier Friday (2025)

SICH SELBST MIT ANDEREN AUGEN SEHEN

6/10


© 2025 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: NISHA GANATRA

DREHBUCH: JORDAN WEISS

KAMERA: AMIE DOHERTY

CAST: JAMIE LEE CURTIS, LINDSAY LOHAN, JULIA BUTTERS, SOPHIE HAMMONS, MANNY JACINTO, MAITREYI RAMAKRISHNAN, ROSALIND CHAO, CHAD MICHAEL MURRAY, MARK HARMON, VANESSA BAYER, CHRISTINA VIDAL MITCHELL, HALEY HUDSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


„Ich bin alt!“ Eine kleine Sternstunde der Situationskomik war das damals, als Jamie Lee Curtis vor dem Spiegel es nicht fassen konnte, wie sie aussah. Dazu muss man wissen, dass in ihrem Körper die siebzehnjährige Lindsay Lohan steckte, zumindest im Drehbuch war das so vorgemerkt, dass beide – Mama und Tochter – über Nacht ihrer eigenen physischen Hülle verlustig wurden und stattdessen die der jeweils anderen bekamen. Jetzt, mehr als zwei Dekaden später, ist Mark Waters launiger Erfolg von 2003 eine Prachtkuh, die man, wenn es nach dem Disney-Konzern geht, der stellvertretend für Hollywood steht, immer noch melken kann. Der Trend der Aufgüsse, Remakes und Sequels reißt nicht ab. Viele Projekte tauchen an den 2000ern vorbei bis tief in die Achtziger – zuletzt fand man dort Die nackte Kanone, demnächst Running Man oder gar Spaceballs. Rick Moranis soll wieder vor die Kamera. Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Hier allerdings, in Freakier Friday, genießt die wunderbare Jamie Lee Curtis nach ihrem Oscar für Everything Everywhere All at Once ihren zweiten Karrierefrühling und macht das Beste daraus.

Meiner Meinung nach verhält es sich dabei so: Wenn Curtis draufsteht, ist Curtis drin, und wir wissen, sie ist eine Vollblutkomödiantin, da gibt es aus meiner Sicht kein Wenn und Aber. In ihr steckt diesmal nicht die Tochter, sondern die zwangsbeglückende Patchwork-Schwester von Lohans leiblicher Tochter. 22 Jahre kann viel Veränderung bringen – und ja, die gute Lindsay ist nun kein kindlicher Teenie mehr, sondern eine erwachsene Karrierefrau, die die Dosierung ihres Lip-Fillers besser einschätzen kann als Nicole Kidman. Sie verliebt sich in Manny Jacinto (u. a. in The Acolyte als Antagonist zu sehen), der ebenfalls eine Tochter hat. Beide gehen an die selbe Schule, und beide können sich nicht ausstehen. Wenn dieser Patchwork dann auch noch mit einem Bodyswitch doppelt vernäht wird, ist das Chaos perfekt. Schließlich steckt die Tochter wieder in der Mutter und umgekehrt. Turbulenzen, Missverständnisse und jede Menge cringe Situationskomik, die entsteht, wenn das Mindset der Älteren mit der agilen Physis der Jüngeren gesegnet wird, lassen sich in einem maßgeschneiderten Drehbuch finden, das nichts dem Zufall überlässt. Im Film ist das eine sichere Bank für ein Publikum, das bekommen will, was es sich erwartet und keinerlei Überraschungen duldet. Freakier Friday ist Familiencomedy, Teenie-Turbulenz und Generationen-Clinch, dazu ein Hauch Mystery und die übliche Mechanik, die leise Sitcom-Melancholie mit gehetztem Wohlstands-Klamauk verbindet. Angenehm vertraut kommt einem das Ganze vor, tatsächlich so wie damals, als Curtis und Lohan die einzigen waren, die ihre Diskrepanzen miteinander hatten.

Da Nisha Ganatra (Late Night mit Emma Thompson und Mindy Kaling) den Plot von damals mehr oder weniger dupliziert, muss vieles in dieser Komödie auch parallel laufen. Ab und an verliert man dabei den Überblick und hetzt von der einen Notlage zur anderen. Irgendwie schafft es Ganatra aber doch, die Verwirrung im Zaum zu halten. Wenn man sich darauf konzentriert, wer nun wer ist, macht das Guilty Pleasure doppelt Spaß, und es lässt sich dabei auch gut erkennen, wie gut oder weniger gut manche Besetzung ihren Bodyswitch auch umsetzen kann.

Frei nach dem Motto „Versetz dich mal in meine Lage“ setzt Freakier Friday den Blickwechsel zum besseren Miteinander als emotionale Ebene ein, auf welcher der durchaus herzliche Spaß seine Ausdauer probt. Unterm Strich weiß man mit einer erfrischend engagierten Lohan und natürlich der prächtigen Curtis so einiges auf der Habenseite. Ob da noch ein Teil in Aussicht steht, liegt wiedermal am Einspiel. Kino ist schließlich ein Geschäft ohne Risiko. Vielleicht aber sollten sich die Studios mal in die Rolle des Publikums versetzen, denn das Klingeln der Münzen ist nicht alles. Neuer Input wäre umso mehr.

Freakier Friday (2025)

Together – Unzertrennlich (2025)

SCHMELZPUNKT LIEBE
6/10


© 2025 Leonine Studios


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, USA 2025

REGIE / DREHBUCH: MICHAEL SHANKS

KAMERA: GERMAIN MCMICKING

CAST: ALISON BRIE, DAVE FRANCO, DAMON HERRIMAN, JACK KENNY, SUNNY S. WALIA, KARL RICHMOND, TOM CONSIDINE U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In Liebe vereint kann so romantisch klingen. Zwei Herzen im Gleichklang, oder gar: Ein Herz und eine Seele. Was aber, wenn man diese melodischen Phrasen wörtlich nimmt? Wenn diese willentliche Vereinigung zum physischen Phänomen wird, zum kreatürlichen Mysterium einer Abhängigkeit? Der semiromantische Beziehungs-Horror Together – Unzertrennlich will das austesten. Und hebelt dabei körperliche Grenzen aus.

Die Beziehung wird zum gemeinschaftlichen Schengenraum der Liebe, die zur Selbstaufgabe strebt. Das aber, so Regisseur und Autor Michael Shanks, nur widerwillig. Denn Dave Franco und Alison Brie (GLOW, Mad Men) sind immer noch Personen ihrer eigenen Biografie, und nur bedingt Bestandteil der jeweils anderen. Millie scheint mit sich selbst im Reinen und ihre Profession als Grundschulpädagogin wirklich zu lieben. Tim hingegen schleppt so allerhand familiäre Traumata mit sich herum, die, so erfahren wir im Laufe der Geschichte, bei weitem nicht ohne sind. Das hat letztlich dazu geführt, dass der von Dave Franco (u. a. The Disaster Artist) verkörperte Möchtegern-Musiker so gut wie nichts auf die Reihe bekommt und mit seinen Minderwertigkeitskomplexen, die mit egozentrischem Selbstmitleid den Dreivierteltakt üben, Alisons Bries Toleranzgrenze kitzelt. So richtig gesund wirkt die Beziehung nicht – ein Tapetenwechsel und Umzug aufs Land könnte da Abhilfe schaffen. Von Horrorfilmen aber wissen wir: Umzüge aufs Land haben oftmals einen Haken, siehe unter anderem: The Conjuring. Hier aber ist es eine mysteriöse Höhle unweit der neuen eigenen vier Wände, in die die beiden während eines abenteuerlichen Spaziergangs hineinstürzen. Franco trinkt, geplagt vom Durst, aus einer Quelle und verwandelt sich dabei zwar nicht in ein Reh so wie bei Brüderchen und Schwesterchen aus Grimm’schem Märchenschatz, sondern entwickelt einen Beziehungsmagnetismus, der unschöne Symptome zeigt.

Das ist aber erst der Anfang. Alison Bries Körper wird zum Gravitationszentrum für Franco, alles scheint er von seiner besseren Hälfte absorbieren zu wollen, und zwar so lange, bis die bessere Hälfte zur der seinen wird. Bald ist es auch umgekehrt, und man kann getrost sagen, dass sich hier die Gegensätze anziehen, nämlich Mann und Frau, zwei unterschiedliche Komponenten, der Plus- und der Minuspol. Michael Shanks bringt die störrische Liebesbeziehung zu ihrem neuen Schmelzpunkt, und es wäre vielleicht nur akkurater Body-Horror im Spiel, der kurios erscheint, würde Shanks nicht auch das eine oder andere mal Momente beängstigenden Grusels heraufbeschwören, die aber nur peripher mit der eigentlichen Parabel über Einheit, Abhängigkeit und Individualismus zu tun haben. Ganz besonders die nur aus dem Augenwinkel betrachtete Kindheit von Francos Figur, die in schauderhaften Jumpscare-Träumen verarbeitet wird, verläuft im Sand, ganz ohne nennenswerte Relevanz. Hätte Shanks dieses Element noch mehr in seine Story verwoben, wäre der Schocker perfekt – so aber führt uns Together bald auf erwartbare Pfade ohne Richtungswechsel. Das Unvermeidliche ist in dieser mehr oder weniger als Drei-Personen-Stück definierten Romantik-Groteske bald absehbar, das Gewebe-Crossover manchmal recht plump, das nächtliche Ziepen an den Haaren von Alison Brie hingegen wieder ein Gänsehautmoment, der gelingt.

Man kann Beziehungen eben auch anders analysieren – und den Optimal-Zustand einer Paar-Existenz in plakativen Monstrositäten hinterfragen. Eine Challenge, die Together gerne annimmt, auch ordentlich Spaß daran hat und sich nicht davor scheut, die Spice Girls akustisch mit ins Boot zu holen, die auf nichtsahnend prophetische Weise die Mystery des Films längst vorweggenommen haben. Die Pointe sitzt am Ende dann doch, während auf dem Weg dorthin das eine oder andere Mal die Anziehungskraft auf das Publikum gelegentlich nachlässt.

Together – Unzertrennlich (2025)

The Life of Chuck (2024)

VOM WERT DER BLOSSEN EXISTENZ

9/10


© 2025 Tobis Film


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: MIKE FLANAGAN

DREHBUCH: MIKE FLANAGAN, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON STEPHEN KING

KAMERA: EBEN BOLTER

CAST: TOM HIDDLESTON, CHIWETEL EJIOFOR, KAREN GILLAN, ANNALISE BASSO, MARK HAMILL, MIA SARA, BENJAMIN PAJAK, JACOB TREMBLAY, CARL LUMBLY, Q’ORIANKA KILCHER, CODY FLANAGAN, DAVID DASTMALCHIAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Dieser Film erzählt von einem Leben. Einem wichtigen Leben. Er erzählt jedoch nicht von einem Diktator, einem Präsidenten. Nicht von einem Feldherren, einem Heiligen, einem Popstar. Es ist jemand, den wir alle nicht kennen. Den selbst jene im Film nicht kennen, während sie sich fragen: Wer um alles in der Welt ist Chuck Krantz? Richtig. Um Alles in der Welt. Darum geht es. Denn dieser schlichte, ganz normale, unauffällige Mensch, der noch dazu den wohl wenig spektakulären Beruf eines Buchhalters ausübt: für ihn ist sein Leben tatsächlich alles in der Welt. Und die Welt, die sich ihm offenbart, genau das: Eine, die nur existiert, weil Chuck Krantz eben alles ist.

Die Welt, die ich wahrnehme, ist meine ganz eigene. Manchmal fühlt sie sich an wie ein Film mit spektakulären Schicksalsschlägen, dann wieder wie eine Serie, bestehend aus mehreren Staffeln, in denen der Cast ständig wechselt und nur manche als dauerhafte Charaktere in den Hauptrollen verweilen. Andere treten ab, neue kommen hinzu, und einige, die mir flüchtig begegnen, verschwinden wieder. Eine ganze Welt ist das, ein einziges, individuelles, persönliches Universum. Das Universum meiner Existenz ist nur eines von mehreren Milliarden, und jedes ist mit jedem anderen nicht zu vergleichen. So ist auch das von Chuck Krantz einzigartig, und der Mensch selbst, der dieses beherrscht, etwas ganz Besonderes.

Ein Leben, auf jede Weise gut

Wie sich Stephen King anhand einer mysteriösen Kurzgeschichte darauf einlässt, zu vermitteln, was ein Mensch für sich selbst (und andere) bedeutet, bietet abermals genug Stoff für einen Film, der allerdings sehr leicht in sentimentale Schieflage geraten hätte können, wäre nicht einer wie Mike Flanagan (u. a. Spuk in Hill House, Doctor Sleeps Erwachen) so versiert genug, dieses Leben eines völlig Unbekannten nicht als tränendrüsiges Kalenderspruch-Melodrama in fettreicher Zubereitung seinem Publikum zuzumuten. Stattdessen ist der Wert der Bescheidenheit neben dem der Akzeptanz und der Menschenwürde ein nobles Gut vor allem im Film. Und gerade in einem wie diesen.

Denn das Leben des Chuck Krantz ist kurz, leidgeprüft, karg, in der Dämmerung seines Daseins von Krankheit gezeichnet. Schließlich wird er gerade mal 39 Jahre alt. Doch das wissen wir anfangs noch alles gar nicht. Der Anfang ist in The Life of Chuck das Ende – gekonnt und souverän montiert Flanagan Kings Geschichte chronologisch verkehrt, was rückwirkend viel mehr Sinn macht – und dank dieser Anordnung geht die Rechnung mitsamt ihrer Botschaft letztlich auch auf. Am Anfang, da schickt sich die ganze Welt an, unterzugehen. Schrittweise versagt die Infrastruktur, das System bricht zusammen. Jene, die sich lieben, kommen zueinander. In diesem Fall Chiwetel Ejiofor und Karen Gillan. Und wie bei King dennoch zu erwarten, ist die Welt hier ähnlich die eines rätselhaften Traumes. Surreal, gespenstisch, voll der letzten Worte und Gedanken. Später sehen wir Tom Hiddleston, der im Erwachsenenalter als ganz normaler Buchhalter den musikalischen Moment genießt, die Essenz des Lebens inhaliert, diesem einen Sinn verleiht. Am Ende ist Chuck ein Waisenjunge, der bei seinen Großeltern lebt, in einem viktorianischen Gemäuer, dessen Turmzimmer nicht betreten werden darf. In diesem schlummert ein Geheimnis, das Opa Mark Hamill vehement bewacht.

Im Kopf ein Universum

All diese Mysterien, all diese Leidenschaften und Entbehrungen, all das Glück und die Traurigkeit formieren sich zu einem unprätentiösen Kanon einer Existenzbetrachtung, die in hingebungsvoller Bedachtsamkeit und mit viel Respekt das Hier und Jetzt als einzige Dimension versteht, in der wir uns allem bewusst sind. Womöglich ist Stephen King einer, der über den Tod hinaus an nichts mehr glaubt. Umso mehr erinnert The Life of Chuck an den unverhandelbaren Wert des Selbst; an die Erkenntnis, dass das ganze Universum, solange wie leben, eigentlich nur in uns selbst schlummert, weil wir selbst nichts anderes sein können als der Mittelpunkt dessen.

In Zeiten wie diesen müssen wir genügen, leisten und mithalten, wir sind voller Selbstzweifel und Ängste. Und dann kommt ein sich selbst reflektierender Film daher, der mit diesem Chuck Krantz auf geradezu fürsorgliche Weise all die Agenden seines Charakters und im Zuge dessen vielleicht auch ein bisschen unsere eigenen ins Reine bringt. Zwischen Nachruf und beschwingtem Jubiläum feiert Flanagan das Menschsein als humanistisches Triptychon. Nach Die Verurteilten, ebenfalls auf einer Kurzgeschichte Kings beruhend und das Prinzip Hoffnung sezierend, setzt The Life of Chuck nun auf den Lebenssinn alleine durch die Existenz – das ist kathartisch, sich selbst genügend und erfrischend. Besser lässt sich King kaum ins Kino bringen.

The Life of Chuck (2024)

Brick (2025)

DAS TRAUMA VOM LOCKDOWN

6/10


© 2025 Sasha Ostrov / Netflix


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: PHILIP KOCH

KAMERA: ALEXANDER FISCHERKOESEN

CAST: MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, RUBY O. FEE, FREDERICK LAU, MURATHAN MUSLU, SALBER LEE WILLIAMS, SIRA-ANNA FAAL, ALEXANDER BEYER, AXEL WERNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Wir können uns alle noch gut daran erinnern, wie Corona die Welt in ihrer Mangel hatte und der eine oder andere Lockdown über uns kam wie das Schwert es Damokles. Ein Spaß war das keiner. Einschränkungen, sinnvoll oder nicht, wo es nur ging. Ab 21 Uhr gab’s Ausgangssperre, Besuchsverbot sowieso und so weiter und so fort. Und manchmal, da überkam einem doch das Gefühl, eingemauert zu sein, isoliert von aller Welt. Der Mysterythriller Brick mit Matthias Schweighöfer und Frederick Lau in den Hauptrollen lässt das Gefühl des Eingesperrtseins auf plakative Weise Gestalt annehmen. Was das Ensemble in diesem Film am Weiterkommen hemmt, ist eine geheimnisvolle Mauer, die Fenster und Türen umgibt – das ganze Haus also, in dem Tim mit seiner Freundin Olivia wohnt. Letztere will sich nach einem unaufgearbeiteten Schicksalsschlag von ihrem Partner, einem verbissenen IT-Nerd, gerade trennen, da scheint ihr gar nicht mal der Wille, es durchzusetzen, im Wege zu sein, sondern eben etwas Physisches – eine anthrazitgraue, in unterschiedlich große Segmente gegliederte Wand, die ihr den Weg versperrt. Und nicht nur ihr: Auch die Nachbarn sind zumindest innerlich aus dem Häuschen und tun sich zusammen, um herauszufinden, wie man diese Sperre im wahrsten Sinne des Wortes unterwandern kann. Zwischen Trial und Error offenbart sich eine Art Escape Room, der seine Opfer fordert und nicht jeden so erscheinen lässt, wie er wirklich ist.

Beschützer oder Aggressor?

Matthias Schweighöfer arbeitet gern für Netflix. Das tut Philipp Koch auch. Der hat vor einigen Jahren die vielversprechende postapokalyptische Serie Tribes of Europa mit Henriette Confurius und Oliver Masucci aus dem genretechnisch nicht unbedingt flexiblen deutschen Filmboden gestampft, Perlen wie Dark sind da wohl eher eine Ausnahme. Die durchaus gelungene Staffel endete mit einem Cliffhanger – und wird auch nie wieder fortgesetzt werden. Eine Methode, mit der Netflix seine Abonnentinnen und Abonnenten gerne sekkiert. Zum Glück ist Brick keine Serie, sondern ein Film, und ja, vom Plot her wären mehrere Episoden auch gar nicht vonnöten. Kochs Film ist, was es ist. Und Schweighöfer? Lässt sich von einem wie Murathan Muslu die Stirn bieten – der österreichische Schauspiel-Export darf in dieser Science-Fiction-Mystery die gehaltvollste Rolle verkörpern. Einen undurchschaubaren Bären von Mann mit graumelierter Mähne und unangenehm beobachtendem Blick. Ein John Goodman, der von der großen Katastrophe spricht und in 10 Cloverfield Lane Mary Elizabeth Winstead zum Ausharren in seinem Bunker verdonnert. Unterm Strich agiert das Ensemble durchaus situationsadäquat, das Skript strengt sich zwar nicht an, lässt aber, was das Tempo betrifft, nicht allzu viel anbrennen. Straight nennt man so eine Inszenierung. Und ein bisschen naiv, wenn man glaubt, die Wände und Böden eines Altbaus wären so widerstandsfähig wie Papiermaché. Nimmt man diese adaptierte physikalische Tatsache als Basis, könnte man sich die Kiste Bier für die unter der Hand engagierten Renovierer demnächst sparen. Mit Bohrmaschine und Vorschlaghammer geht schließlich alles.

Zu viel Science-Fiction, zu wenig Mystery?

Hat man mit dieser Prämisse aber dennoch Probleme, bleibt immerhin noch der Vergleich, der uns sicher macht. Vor Jahren lief auf dem Slash Filmfestival der Horrorstreifen Lockdown Tower. Ähnliche Ausgangssituation, andere – radikalere – Lösung. Menschen in einem Hochhaus werden zwar nicht von einer Mauer, sondern lediglich von einem schwarzen Nichts daran gehindert, ihre vier Wände zu verlassen. Brick ist da wesentlich harmloser, obwohl auch blutig. Wohl eher lässt sich das Netflix-Zuckerl als Mieterschutzversion von Cube betrachten – nur statt den Würfeln sind es Wohnungen, durch die man sich ackert und immer wieder auf neue Leute trifft, darunter Opa Axel Werner als jemand, der erfrischen nuanciert den Altersdurchschnitt hebt.

Man kann von der Auflösung halten, was man will. Die Tendenz geht eher in Richtung Ernüchterung, da Koch weder mit den Wahrnehmungen spielt noch ans Unterwandern von Erwartungen denkt. Den Twist verkraftet man ebenfalls ganz gut, denn es gibt keinen. Zumindest ich habe keinen entdecken, doch vielleicht sehe ich den Durchgang vor lauter Wänden nicht.

Brick (2025)

The Old Guard 2 (2025)

DIE ZEIT HEILT KEINE WUNDEN

3/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: VICTORIA MAHONEY

DREHBUCH: GREG RUCKA, NACH SEINER GRAPHIC NOVEL

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: CHARLIZE THERON, KIKI LAYNE, UMA THURMAN, MATTHIAS SCHOENAERTS, HENRY GOLDING, CHIWETEL EJIOFOR, MARWAN KENZARI, VERONICA NGO, LUCA MARINELLI U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Im Wartezimmer für Dummverkaufte sitze ich hier und kann es kaum glauben, dass The Old Guard 2 mich hier einfach so mir nichts dir nichts aus dem Couch-Auditorium wirft. Nach bescheidenen 104 Minuten ohne Schmackes, sehr viel serientypischem Gerede und einer in die Länge gezogenen Handlung komplettieren Netflix und Skydance einen halbfertigen Film, der nichts anderes zuwege bringt als den Unmut der Betrachter auf sich zu ziehen. Ist das nun die neue Methode zur Kundenbindung? Zur Geldmacherei? Um kreative Defizite zu einem Thema zu übertünchen, indem man ein Abenteuer so dermaßen ausdünnt, dass es für zwei Filme reichen soll? The Old Guard 2 fühlt sich so an, als würde man einen verlängerten Verlängerten bestellen, mehr Wasser als Kaffee, ein Gschloder auf gut wienerisch, weil sonst nichts mehr da ist von dem guten gemahlenen Bohnenzeugs.

Dabei war 2020 noch alles relativ eitel Wonne. The Old Guard lieferte während der Covid-Lockdowns Eventkino für die eigenen Mattscheiben-Quadratmeter, mit einer überzeugend sportlichen und agilen Charlize Theron, die sich in die Rolle der Jahrtausende alten Andromache so gut wiederfand, als wäre sie tatsächlich älter als sie vorgibt zu sein. Sie war eine der Unsterblichen, einer Handvoll Auserwählter, die im Laufe der Menschheitsgeschichte dem Wohl unserer Spezies dienen und als Aufpasser fungieren, natürlich mit dem Benefit, jeden noch so gearteten Todesfall heillos zu überstehen. Die Comics von Greg Rucka, die als Vorlage dienten, sind dabei explizit gewalttätig, intensiv und akkurat konzipiert, Regisseurin Gina Prince-Bythewood (The Woman King) brachte das martialische Ensemble, das gerne auch mit mediävalen Waffen um sich wirft, souverän in den Live Act. Mit von der Partie auch Matthias Schoenaerts und KiKi Layne (If Beale Street Could Talk) sowie Chiwetel Ejiofor – bekannte Gesichter also, die ähnlich den Eternals aus dem MCU so manche Geschicke lenken. The Old Guard handelt von Leben, Tod und dem Geschäft mit der Wunderheilung, es geht um Liebe und Vertrauen und der Unmöglichkeit, das Werte wie diese tatsächlich die Jahrhunderte überdauern können. Im folgenden Aufguss, wofür auch diesmal wieder Greg Rucka das Drehbuch lieferte und keiner weiß, warum auf diese Art, mag der von den USA gerne bediente niedere  Motivator der Rache das Feld dominieren. Uma Thurman, die sich nur zaghaft zurück ins Filmbiz bewegt, darf als erste Unsterbliche nichts aus ihrer langen Lebenszeit gelernt und wiedermal bewiesen haben, dass Erfahrung noch keinen weisen Menschen macht. Ihr Ego-Trip wird für alle zum Verhängnis, einstmalige Verräter werden wieder zu Verbündeten und eine lange verschollene Bekannte von Andromache, unfähig zur Aussprache, kocht ihr eigenes Süppchen. Stereotype Verhaltensweisen also in einem gedehnten Stück Fantasy-Action, in dem lange Rede kurzen Sinn ergibt.

Wie hätte man den Film nicht straffen können. Was wäre falsch daran gewesen, das Finale Grande der Storyline nicht auch noch in The Old Guard 2 zu packen? Man sieht, wie konstruiert und bemüht das Fragmentieren eines Filmes wirkt. Heruntergekürzt auf 104 Minuten, wären hier locker zweieinhalb Stunden drin gewesen, eine normale Länge heutzutage für einen hochbudgetierten Blockbuster. Weniger Leerlauf, mehr Spannung und das dramatische Ende obendrauf – fertig eine abgeschlossene Geschichte zur Befriedigung aller. Ein ganzer, kompakter Film, vielleicht nicht ganz perfekt, aber rund – und nicht so, als hätten andere absichtlich getrödelt, um das Zeitfenster zu verpassen. Den Trend der mutwilligen Dehnung sieht man schon bei 28 Years Later, der einem Rausschmiss des Publikums nach der Halbzeit gleichkommt. Erfüllend ist das nicht, und noch weniger, wenn keiner mehr einen Hehl daraus macht, aus keiner Notwendigkeit heraus einen Film zu stückeln, dessen Fortsetzung sowieso, wie bei Netflix üblich, ungewiss scheint. Schlimmstenfalls hätte man ein Fragment, das keiner braucht, eine Unsitte in der Filmbranche. Vom großen Kino ist man da weit entfernt.

The Old Guard 2 (2025)

The Woman in the Yard (2025)

DIE PSYCHE IM SONNENLICHT

4/10


© 2025 Blumhouse


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAUME COLLET-SERRA

DREHBUCH: SAM STEFANAK

KAMERA: PAWEL POGORZELSKI

CAST: DANIELLE DEADWYLER, OKWUI OKPOKWASILI, PEYTON JACKSON, ESTELLA KAHIHA, RUSSELL HORNSBY U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Normalerweise beschäftigt sich Regisseur Jaume Collet-Serra eindeutig mehr mit hemdsärmeligen Actionthrillern, kunterbunten  Gehversuchen im DC-Universum oder halblustigen Dschungelfahrten. Auch der eine oder andere B-Movie-Horror geht auf seine Kappe – doch so etwas wie The Woman in the Yard ist im Grunde völlig fremdes Terrain. Was hat Collet-Serra also dort verloren, in diesem metaphysischen, spielfilmlangen Arthouse-Konstrukt, in dieser Homestory einer mysteriösen Heimsuchung, die sich trotz ihrer fantastischen Elemente ernüchternd profan gibt. Ein Psychothriller aus dem populärwissenschaftlichen Nachschlagewerk über psychologische Krankheitsbilder, gerne wohl einsortiert im wohnzimmerlichen Einbauschrank, falls mal irgendetwas mit Vater, Mutter oder Kind nicht stimmen sollte. Und ja, in diesen vier Wänden läuft vieles nicht mehr, wie es sollte, nachdem der gute Ehemann und Vater bei einem Autounfall ums Leben kam. Ramona (Danielle Deadwyler, u. a. Till – Kampf um die Wahrheit) stemmt mehr schlecht als recht den Haushalt und betreut ihre nun halbwaisen Kinder, Mädel und Bub, wobei letzterer seiner jüngeren Schwester immer wieder Angst einjagt.

Das aber wäre das geringste Problem, da die am Unfall beteiligte Mutter, selbst noch in der Rehabilitationsphase, den Alltag nur schwer auf die Reihe bekommt. Unbezahlte Rechnungen, ein desolates Auto und ein leerer Kühlschrank mobilisieren den Ausnahmezustand, Strom gibt’s auch keinen mehr und gerade in diesem Moment, wo man wirklich keine anderen Probleme mehr benötigt, bekommen die drei Besuch von einer Unbekannten. Unweit des Hauses, vor dem Zufahrtsweg, sitzt eine komplett in Trauerflor gehüllte Dame in einem eigens mitgebrachten Stuhl. Sie sitzt hier bei strahlendem Sonnenschein und wartet. Was das zu bedeuten hat, lässt sich nicht so recht in Erfahrung bringen. Ramona will die Verhüllte zur Rede stellen, doch diese spricht nur davon, dass dies nun endlich der Tag sei. Welcher Tag? Was wird passieren? Wie eine Prophetin aus einer anderen Dimension markiert sie als eine Botin des Schicksals den Wendepunkt einer Existenz voller Selbstvorwürfe, Schuldgefühle und ohnmachtsanfälliger Depressionsschübe.

Diese einer Ahnfrau nachempfundene Schreckensgestalt hat ein großes Problem: Sie ist nicht konsistent. Die Figur in ihrer Erscheinung passt nicht zu ihrem Handeln. Natürlich schaffen Drehbuchautor Sam Stefanak und Collet-Sera einen hohen Faktor des Unberechenbaren, doch genau darin wirkt The Woman in the Yard wenig durchdacht. Mal wirkt das Horrordrama wie moderner Gothic-Grusel, dann aber bemüht man psychologischen Surrealismus, der die bislang subtile Erzählweise in plakativer Bedeutungsschwermut übermalt und übertüncht. Als sinnbildliches Psychodrama will The Woman in the Yard zu viel abbilden und überlässt so gut wie nichts der eigenen Vorstellungskraft. Die generischen Charakterbilder einer vom Schicksal gebeutelten Familie genießen hier keinerlei Fine-Tuning, und so wird klar, dass Collet-Sera im Eigentlichen auf einer ganz anderen Klaviatur spielt, auf einer eher soliden, physisch und nicht psychisch starken. Die Schwäche in der Handhabung eines so schwerwiegenden Stoffs, für die es behutsame Dramaturgie braucht, verursacht ein vertracktes Durcheinander voller Budenzauber und langen Schatten – das ist weder neoromantisch noch empathisch, sondern vor allem verwirrend und allzu grob durch diverse Realitäten jagend.

The Woman in the Yard (2025)