Tragic Jungle

DER DSCHUNGEL IST WEIBLICH

7/10


tragicjungle© 2021 Netflix


LAND / JAHR: MEXIKO 2020

REGIE: YULENE OLAIZOLA

CAST: INDIRA ANDREWIN, GILBERTO BARRAZA, ELIGIO MELÉNDEZ, LÁZARO GABINO RODRÍGUEZ, MARIANO TUN XOOL, DALE CARLEY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Es gibt wohl kaum einen anderen Ort auf der Welt, an dem man so sehr seine menschlichen Parameter über Bord wirft als im Ökosystem Dschungel. Dort gelten Gesetze, die ein zivilisationsverwöhntes Individuum auf dessen Werkseinstellungen zurückwirft. Wenn das nichts hilft, macht der Wahnsinn all den vergeblichen Versuchen, Würde zu bewahren, ein Ende. Freilich gibt es Ausnahmen, vermehrt jedoch – und vor allem in den narrativen Künsten – ist das Verderben die letzte Instanz eines Prozesses, der klar macht, wie sehr wir uns von Mutter Natur entfernt haben. Aguirre, der Zorn Gottes, hatte völlig den Verstand verloren. Selbst das Vorhaben von Harrison Ford in Mosquito Coast war zu viel Ideologie als praktische Vernunft. Ebenso Daniel Radcliffe. Der war am Ende von Jungle auch viel mehr eins mit dem Humusboden, um noch als Mensch zu gelten. Und so könnte man die Liste fortsetzen. Jüngster Beitrag zu dieser veranschaulichten Diskrepanz ist das auf der letztjährigen Viennale ausgezeichnete filmische Lebenszeichen aus Mexiko mit dem so schlichten wie treffenden Titel: Tragic Jungle.

Schauplatz ist das umwucherte Grenzgebiet zwischen Britisch-Honduras (Belize) und Mexiko. Regenwald, soweit das Auge reicht, durchzogen von Flüssen, dominiert vom kehligen Gebrüll der Affen und dem täuschend fröhlichen Gezwitscher diverser Vögel. Das grüne Chaos durchbrechen drei Menschen – zwei Frauen und ein knorriger alter Mann. Die drei sind auf der Flucht, nur der Mann weiß, wo’s lang geht. Alsbald werden sie  eingeholt – von einem adretten Engländer mit kantigem Gesicht und kalten Augen. Anscheinend will sich Agnes, eine der Frauen, um nichts in der Welt mit diesem feudalen Snob vermählen. Ein Affront, der bestraft werden muss – mit dem Tod. Kurze Zeit später werden alle erschossen – bis auf Agnes eben, die mit dem Leben davonkommt. Oder doch nicht? Gefunden wird sie von einer Gruppe Kautschuk-Bauern, die, erstmal ganz betört von ihrer Schönheit, die junge Frau als ihren Besitz betrachten. So wie den Dschungel eben. Nur: wer kann sich dieses Besitzanspruches würdig erweisen? Mit der Gefangennahme von Agnes setzt die grüne Hölle eine Verkettung von unglücklichen Zufällen in Gang, die gar nicht so zufällig sein können.

Herzlichen Dank an dieser Stelle an Netflix dafür, dass der Streamingriese immer mal wieder Festivalperlen wie diese in sein Sortiment aufnimmt. War schon Nobody Knows I’m Here aus Chile eine Entdeckung oder I’m No Longer Here über den mexikanischen Cumbia-Tanz, ist Tragic Jungle ein weiterer, kinematographisch beeindruckender Ausflug nach Lateinamerika. Irgendwie fühlt es sich auch an, als hätte ein zur Höchstform aufgelaufener Werner Herzog seinen neuesten Film gedreht. Natürlich im Dickicht des Waldes, natürlich an der Grenze zum Irrsinn, natürlich spielend mit der Wahrnehmung. Der Dschungel ist hier beseelt von transzendenten Wesen, von unsichtbaren Geistern, die manchmal sichtbar werden, um ein gerechtes Exempel zu statuieren. In Tragic Jungle verarbeitet Regisseurin Yulene Olaizola Gedichte über ein mythisches Wesen, einem weiblichen Dämon namens Xtabay, der aus den Legenden der Maya entspringt. Über das feuchtheiße, sirrende Grün legt sich die Stimme des Erzählers in Ich-Form, der über Xtabay resümiert – gleichzeitig aber sehen wir die völlige Hilflosigkeit gieriger Männer, die der metaphysischen Macht nichts entgegensetzen haben. Der Dschungel ist weiblich, so Olaizola, und gegen diese Weiblichkeit hilft weder sexuelle Nötigung noch der Drang, diese Weiblichkeit besitzen zu wollen. Entsprechend drakonisch ist die Antwort dieser Manifestation, gleichzeitig aber auch magisch, betörend und manipulativ. Tragic Jungle ist ein zugleich feministisches wie ethisch-moralisches Märchen über unrechtmäßige Aneignung und impulsivem Machtgehabe. Hier regiert die Tugend einer niemals einschätzbaren Entität.

Tragic Jungle

Beasts of No Nation

KRIEG ALS ERZIEHUNG

7,5/10


beastsofnonation© 2015 Netflix

LAND / JAHR: USA 2015

REGIE: CARY JOJI FUKUNAGA

DREHBUCH: CARY JOJI FUKUNAGA, NACH DEM GLEICHNAMIGEN ROMAN VON UZODINMA IWEALA

CAST: ABRAHAM ATTAH, IDRIS ELBA, EMMANUEL NII ADOM QUAYE, KURT EGYIAWAN, JUDE AKUWUDIKE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Für den ersten Netflix-Originalfilm in der Geschichte nämlichen Streaming-Gigantens, der zumindest in den USA sowohl im Kino als auch auf den wohnzimmertauglichen Geräten lief, hätten sich manche durchaus etwas anderes vorgestellt. Etwas, das man mehr abfeiern hätte können. Etwas mehr Unterhaltsames vielleicht, für eine breite Zielgruppe. Doch Beasts of No Nation ist alles andere als das. Beasts of No Nation tut weh. Und erschüttert. Gleichsam aber fasziniert es auf eine Art, auf welcher man fremde Riten und Gebräuche bewundert, sie aber hinten und vorne nicht versteht. Auf eine Art, auf welcher man Serienkiller als ein Kuriosum betrachtet, weil sie so wenig der Normalität entsprechen. Ein Panoptikum des Grauens, wenn man so will. In etwa so wie Apocalypse Now – mehr als nur ein puristischer Kriegsfilm, mit einer ganzen Abhandlung zur Bestie Mensch im Gepäck.

Die Bestie Mensch lässt sich auch problemlos in diesem Film hier finden. Für dessen Regie zeichnet Cary Fukunaga verantwortlich, der mittlerweile nicht mehr nur aufgrund von True Detective, einer qualitativen Neuorientierung im Seriendschungel, bekannt ist. Fukunaga durfte auch den brandneuen James Bond inszenieren. Begonnen hat der Sohn einer Japanerin und eines Schweden allerdings mit der Verfilmung eines Buches von Uzodinma Iweala, der die Erlebnisse eines Kindersoldaten in einem nicht näher definierten, westafrikanischen Staat schildert. Dort lernt der Ich-Erzähler Agu Mord und Totschlag kennen, Missbrauch und Drogen. Warum genau will man so etwas eigentlich sehen? Ist es, weil es so dermaßen viel Aufschluss gibt darüber, wie der Mensch funktioniert oder eben nicht funktioniert? Wie er selbst sein größter Feind sein kann? Ist es, wie eingangs erwähnt, einfach die bizarre Exotik eines Horrors, der sich fast schon anfühlt wie ein pittoresker Abenteuerfilm? Farbintensiv ist das Ganze, voller Dschungelgrün und dem Blutrot sterbender und darüber gar sehr überrascht dreinblickender Menschen. Lateritrot die Erde, golden die tiefstehende Sonne. Darf es in so einem Paradies überhaupt so viel Grauen geben? Das hat sich Francis Ford Coppola auch gefragt. Das fragt sich der gerade mal zwölfjährige junge Agu ebenso, dessen glückliches Leben schlagartig enden muss, als eine Regierungseinheit schwer bewaffneter Soldaten das Dorf stürmt. Vater und Bruder sterben, die Mutter flieht mit ihrem Neugeborenen in die Hauptstadt. Agu versteckt sich im Dschungel, wird aber alsbald von einer archaischen Rebellengruppe aufgegriffen, die frappant an die ugandische LRA erinnert und bis an die Zähne bewaffnet und so bunt gekleidet ist wie ein Stamm Indigener für eine Folklore-Show. Deren Anführer nennt sich Commandante (charismatisch und gefährlich: Iris Elba in einer seiner besten Rollen), und der nimmt den Kleinen unter seine Fittiche. Dabei wird er zum Krieger ausgebildet, darf töten und metzeln, muss seinem Mentor Liebesdienste erweisen. Betäubt sich mit Schießpulver als Drogenersatz. Verliert seine Kindheit.

Mit Krieg als Erziehung lassen sich Menschenleben ruinieren. Fukunaga zeigt, wies geht. Und das ist heftig, verstörend und traurig. Wenn Agu das erste Mal mit einer Machete ausholt, unter den motivierten Zurufen des Commandante, und dem „Feind“ den Schädel spaltet, ist das Individuum fort, ist das Kind nur noch Maschine. Ein Prozess, den Darsteller Abraham Attah famos vor die Kamera bringt – diese bleierne Müdigkeit, diese gefühllose Lethargie, die, völlig übermannt von den schrecklichen Dingen, jeglichen Funken Zuversicht tilgt. Die Verrohung des Menschen steht in Beasts of No Nation explizit im Mittelpunkt, dabei ist das, was hier gezeigt wird, wohl locker auf mehrere zentralafrikanische Staaten umzulegen. Am Ende bleibt bei dieser Tragödie, in der zwischendurch immer wieder ganz andere Werte aufflackern, so, als wären sie das Glimmen eines niedergebrannten Feuers, das sich wieder entfachen ließe, kein aus den Wassern neugeborener König des Dschungels als nihilistische Prämisse zurück. Am Ende gibt es gar Hoffnung auf so etwas wie einen Neuanfang. Doch der Weg dorthin ist wieder ein ganz anderer Krieg.

Beasts of No Nation

Army of the Dead

ZOMBIE’S ELEVEN

6,5/10


armyofthedead© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ZACK SNYDER

CAST: DAVE BAUTISTA, ELLA PURNELL, OMARI HARDWICK, ANA DE LA REGUERA, THEO ROSSI, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, NORA ARNEZEDER, RAÚL CASTILLO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Abriegeln ist auch eine Möglichkeit, um nicht den gesamten virusverseuchten Pöbel abzubekommen. Glück im Unglück, würde ich’s fast nennen, und eine preisverdächtige Geistesgegenwart in Sachen Sofortmaßnahmen. Dran glauben muss in diesem Fall das Glücksspielparadies Las Vegas. Diese Örtlichkeit inmitten der Wüste wird in Zac Snyders brandneuem Spektakel zum geografisch verortbaren Geschwür aus zigtausenden blutdürstenden Untoten, und es wäre dieser Zustand eigentlich halb so interessant, gäbe es nicht einen Haufen toller Hündinnen und Hunde, die es so tun wollen wie Johnny und seine Spießgesellen – wie das Rat Pack, die Oceans Eleven: nämlich den Geldspeicher eines Casinos plündern. Dafür braucht es einen Leader, einen Safeknacker, eine Hubschrauberpilotin, einen Guide, der die Regeln des Zombiespiels kennt und sonstiges schießwütiges und wehrhaftes Gefolge. Auftraggeber ist ein zwielichtiger Japaner, der natürlich einen seiner Männer als Aufpasser mitschickt Alle sind sie bis an die Zähne bewaffnet, es dominieren coole Sprüche, einzig Brummbär Dave Bautista versucht, bei der Sache zu bleiben. Ein sympathisch einsilbiger Hüne übrigens, mit dem Herzen am rechten Fleck. Ihm folgt man gerne auf eine Reise ohne Wiederkehr, vor allem, weil man sich hinter seiner Schrankfassade gut verstecken kann.

Mit seinem George A. Romero-Schocker Dawn oft he Dead hat Snyder sein Händchen für apokalyptische Horrorszenarien bewiesen. In Army of the Dead geht es entschieden weniger bedrohlich zur Sache, dafür mit Ironie und Scheißdirnix-Attitüde. Allerdings erinnert sein filmischer Blockbuster-Coup, der bislang wohl das fetzigste an großem Streaming-Kino fürs heurige Jahr darstellt, frappant an den südkoreanischen Zombie-Action-Reißer Peninsula, der das Sequel des wunderbar ausgewogenen Genrethriller Train to Busan darstellen sollte. Gemein hat dieser Film mit seinem Original allerdings nichts, außer das selbe Universum und die selbe Epidemie. Auch hier heißt es, Geld sicherzustellen, dass sich in einem Transporter inmitten der längst aufgegebenen Stadt Seoul befindet. Auch hier: eine Gruppe zäher Haudegen, die bald um ihr Leben kämpfen. Bei Snyder sind die Figuren allerdings weitaus illustrer – und auch differenzierter angelegt. James Cameron hat mit Aliens – Die Rückkehr ein genau ähnliches Konzept entworfen. Eine zusammengewürfelte Zweckgemeinschaft gegen eine wabernde Bedrohung – auf das Charisma der Beteiligten kommt es dabei an. Und das haut hin. Überraschend ausgeschlafen und überaus komisch zelebriert sich RomCom-Spezialist Matthias Schweighöfer als deutscher Panzerknacker Dieter. Na bitte – geht doch! Filme wie dieser lassen Schweighöfers überzeichnetes Getue in einem anderen Licht erscheinen. Der Mann sollte für die nächste Zeit mal das Genre wechseln. Das Zusammenspiel mit Buddy Omari Hardwick gehört zu den schönsten Momenten des Films. Darüber hinaus verleiht Snyder seinen tödlichen Kreaturen weniger das Flair einer Zombie- als manchmal vielmehr einer Horde Höhlenorks aus Mittelerde. Diese Zombies hier haben es mehr oder weniger geschafft, sowas wie eine gesellschaftliche Ordnung zu bilden, die allerdings über eine plumpe Monarchie nicht hinausgeht. Der kreischende Endgegner hinter Stahlhelm und auf seinem Zombiepferd atmet fast schon die Luft eines High Fantasy-Abenteuers für das erwachsene Publikum.

Zweieinhalb kurzweilige Stunden Netflix-Kino bieten projektilschwere Action, dass es nur so kracht, splittert und blutet. Selbst bei so einem Schlachtfest weiß Snyder mit Ästhetik umzugehen – seine Vorliebe für kurze Brennweiten zeugen von profunden photographischen Kenntnissen, die mittlerweile Snyders Handschrift sind. Ich mag das, so bleiben selbst platzende Köpfe und aus offenen Halsschlagadern schießendes Blut eine Reminiszenz an wohlkomponierte Comicpanels. Wer allerdings überraschende Wendungen sucht, wartet vergebens. Dieses Heist-Movie beschreibt Eventkino nach Plan, und wer beim wiederholt rabiaten Durchboxen durch Zombiemassen nicht das fade Auge bekommt, wird bestens unterhalten.

Army of the Dead

Oxygen

ATMEN ALS WERTVOLLSTES GUT

7/10


oxygen© 2021 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH, USA 2021

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: MÉLANIE LAURENT, MATHIEU AMALRIC, MALIK ZIDI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Zumindest verbraucht hier das Licht nicht den guten Sauerstoff – im Gegensatz zu Ryan Reynolds Feuerzeug in Buried – Lebend begraben. Dieses Licht hier in Oxygen, dem neuen Streifen von Horror-Spezialist Alexandre Aja (u. a. Crawl), ist kalt und klar und synthetisch. Die 20% an Sauerstoff, die gehören voll und ganz einer eben erst erwachten und ziemlich orientierungslosen Mélanie Laurent, die überhaupt keine Ahnung hat, wer sie ist, wo sie sich befindet und warum sich diese vermaledeite Cryokapsel (das zumindest weiß sie) einfach nicht öffnen lässt. Die vorerst Namenlose ist in einen organisch gewebten Overall gezwängt und hängt an diversen Schläuchen. Panik macht sich augenblicklichst breit – zum Glück gibt’s die recht kommunikative KI, die für diese High-Tech-Nussschale den Hausmeister gibt. Richtig viel Auskunft geben kann sie aber nicht, das Teil öffnen ebenso wenig – hierzu bräuchte es einen Administratorcode, welcher der frisch Erwachten mit Gedächtnis-Hangover partout nicht einfallen will. Vielleicht ist das auch besser so. Oder doch nicht? Nichts weiß man, nur, dass der Sauerstoff stetig zur Neige geht. Ein Umstand, der sich für den biologischen Apparat namens Mensch relativ ungesund auswirken könnte.

Klaustrophobiker sollten sich, wenn möglich, nicht auf die hier dargestellte Situation des Eingesperrtseins konzentrieren. Am besten wäre es, gemeinsam mit unserer bangenden Protagonistin tief durchzuatmen, ruhig auszuatmen, aber auch wiederum nicht zu viel zu atmen, sonst rutscht die Luftanzeige schneller nach unten als einem lieb ist. Vielleicht wäre es gut, sich auch auf etwas Schönes zu konzentrieren, so wie es unsere Unbekannte tut. Deren Erinnerungen sind vage, aber assoziative Eindrücke wie eingestreute Gegenlicht-Inserts von Wiesen und Baumkronen gibt es dennoch. Das macht die Situation etwas leichter. Wenn man in so einer Situation überhaupt Erleichterung schaffen kann. In seinem souverän beklemmenden, gut durchdachten Szenario lässt Alexandre Aja nämlich so gut wie nichts anbrennen. Mélanie Laurent allerdings auch nichts unversucht. Es kommt in Filmen ja selten vor, dass man als Zuseher der Meinung ist, genauso zu handeln wie die Heldin oder der Held – im Falle von Oxygen hätte ich persönlich nichts hinzuzufügen, denn unter Stress ist alles, was hier abgeht, durchaus plausibel. Nach dem Motto: Was geht, geht – was nicht geht, könnte funktionieren. So atmet und fuchtelt und telefoniert Laurent um ihr Leben, während Aja keinen Leerlauf zulässt. Auch dann nicht, nachdem die Katze aus dem Sack ist. Ich weiß schon, bei kleinen, dreckigen Independent-Filmen schüttelt man solche Twists gerne zum Grande Finale aus dem Ärmel – Oxygen findet seinen erhellenden Peak allerdings schon viel früher. Was aber nicht heissen soll, die Luft wäre dann draußen. Stattdessen bekommt Aja erstaunlich gut die Kurve und baut seinen kleinen, subversiven High-Tech vs. Biomasse-Thriller ganz plötzlich zu so etwas ähnlichem aus wie epischer Science Fiction.

Oxygen

The Woman in the Window

WENN DAS DIE NACHBARN WÜSSTEN

3,5/10


womaninthewindow© 2021 Twentieth Century Fox / Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JOE WRIGHT

DREHBUCH: TRACY LETTS, NACH DEM ROMAN VON A. J. FINN

CAST: AMY ADAMS, GARY OLDMAN, JULIANNE MOORE, ANTHONY MACKIE, WYATT RUSSELL, FRED HECHINGER, JENNIFER JASON LEIGH, TRACY LETTS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Wenn ich schon vermute, dass die verschrobene Dame von vis a vis andauernd rüberäugt, werde ich mir a) entweder Vorhänge zulegen oder b) einfach die Jalousien runtertun. Kann ja kein Problem sein. Aber nein: aufgrund eines vagen exhibitionistischen Drangs sieht die Familie von gegenüber, die womöglich einige Geheimnisse birgt, keinerlei Notwendigkeit dazu. Ein höchst obskures Verhalten – und schon mal ein sehr offensichtlicher Fehler im von Schauspieler Tracy Letts verfassten Drehbuch, der auch hier – ohne in den Credits erwähnt zu werden – Amy Adams‘ Therapeuten gibt. Die wiederum leidet als Anna unter Agoraphobie und würde einen Lockdown überhaupt nicht spüren, gäbe es einen. Sie hütet also das Haus, und nicht nur die Wohnung, denn Adams besitzt eine mehrgeschossige Immobilie, in der gerade mal ein Junggeselle (Wyatt Russell aus The Falcon and the Winter Soldier) zur Miete wohnt. Adams Figur wirkt ziemlich durch den Wind – was sie den ganzen Tag macht, weiß keiner. Oder vielleicht doch – nämlich aus dem Fenster sehen und mit Fotoapparat und Binokular das Treiben im Haus gegenüber ausspionieren. Vielleicht ist es, so wie bei James Stewart aus Das Fenster zum Hof, einfach aus einer situationsbedingten Langeweile heraus, die sie vors Fenster bannt. Eine kleine Abwechslung bietet das Auftauchen des Sohnes von gegenüber und auch dessen Mutter, gespielt von Julianne Moore, die so wirkt als wäre sie auf einem glückseligmachenden Drogentrip – dauergrinsend und überdreht. Eines weiteren schönen Tages allerdings beobachtet Anna das Unvermeidliche: einen Mord an just jener Frau, die erst kürzlich zu Besuch war. Das passiert natürlich schön vor dem Fenster, damit die ganze Nachbarschaft das Ereignis mitbekommt. Schockschwerenot, die Polizei muss her! Und schon ist nichts mehr, weder die Wirklichkeit noch sonst was, wie es vorher war. Eigentlich kein Wunder, suhlt sich die Kinderpsychologin außer Dienst doch tagtäglich in einem Mix aus Wein und rezeptpflichtigen Tabletten, die additiven Alkohol grundlegend verneinen.

Hitchcock, schau runter! Wie sehr erinnert dich dieser Film wohl an deinen eigenen? Und für wie gut würdest du ihn finden? Du würdest vielleicht mal auf der Habenseite die wandelbare Amy Adams sehen. Das stimmt – als vom Schicksal gezeichnete, psychisch ziemlich in Mitleidenschaft gezogene Housesitterin wandelt sie durch ihre Gemächer, an der einen Seite die Katze, an der anderen das Weinglas. Die Grundlage für ein Kammerspiel mit doppeltem Boden wäre geschaffen. Auch all die anderen Co-Stars wie Gary Oldman, der gefühlt auch keine Angebote mehr ausschlägt wie seinerzeit Christopher Lee, liefern saubere Arbeit. Wofür sie sich jedoch bemühen, ist ein relativ überschaubares, wenn nicht gar enttäuschendes Soll. Dabei sitzt Joe Wright im Regiestuhl, von welchem man bereits einige souveräne Arbeiten kennt. Im Falle von The Woman in the Window ließe sich noch so gut Regie führen – es würde alles nichts helfen, wenn der Plot nicht will. Denn dieser hier bremst sich selbst aus. Das macht er, indem er nicht nur einen Psychothriller alter Schule erzählt (mit ganz eindeutigen, auch visuellen Referenzen an Hitchcocks Klassiker), sondern auch Amy Adams‘ Leidensgeschichte. Ein knackiger Thriller konzentriert sich auf den expliziten Schrecken seines Verbrechens und den nachhaltig verstörenden Folgen. The Woman in the Window tut sich schon von Beginn an schwer, dramaturgisch aufzuräumen, damit alles seinen Lauf nehmen kann. Stattdessen nimmt er den eigentlichen Storytwist vorweg, irgendwann in der zweiten Hälfte des Films, um dann nochmal einen weiteren, wenig plausiblen Twist zu bemühen, der das längst zum Stillstand gekommene Szenario noch retten soll.

Vor kurzem gab es einen ähnlichen Film – Stunde der Angst mit Naomi Watts. Auch sie psychisch sichtlich angeschlagen, verlässt sie die Wohnung nicht und fürchtet sich vor einem Serienkiller, der in der Gegend sein Unwesen treibt. Hier arbeitet Alistair Bank Griffins ganz bevorzugt mit dem seelischen Dilemma der Protagonistin, während sich der Krimi-Plot begleitend unterordnet. Auch kein Meisterwerk, aber deutlich besser als dieses leider in den Keller krachende Konstrukt eines versuchten Selbstbeweises in Sachen Suspense.

The Woman in the Window

Das schaurige Haus

WENN’S DIE JUNGEN GRUSELN SOLL

5/10


schaurigehaus© 2020 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: DANIEL PROHASKA

CAST: LEÓN ORLANDIANYI, BENNO ROSSKOPF, JULIA KOSCHITZ, MARII WEICHSLER, LARS BITTERLICH, INGE MAUX U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


In Horror- und Gruselfilmen werden Kinder stets als die Neugierigen voraus ins Feld geschickt – und kommen folglich schön brav zum Handkuss. Sie werden dabei zum Medium oder ganz einfach hinter die Mattscheibe eines Röhrenfernsehers gezogen, wie es anno dazumal der gute alte Poltergeist getan hat. Meist sitzen die Kids dann in rotierenden Betten oder sind die ersten, die aufgrund ihrer kindlichen Unbedarftheit und Unreife am leichtesten Zugang haben in die Welt des Paranormalen. Kinder sind dabei aber nie die Zielgruppe, die ihren Altersgenossen dabei zusehen dürfen, wie sehr sie mit dem Spuk auf Tuchfühlung gehen. Das ist fast schon unfair. Und das meine nicht nur ich, sondern auch Buchautorin Martina Wildner, die mit ihrem Provinzgrusler Das schaurige Haus den Leseplan an den gymnasialen Unterstufen beeinflusst. Anders als bei den 3 Fragezeichen sind diese Satzzeichen immerhin zu viert und noch dazu tatsächlich mit etwas Übernatürlichem konfrontiert, was bei Justus, Peter und Bob letzten Endes leider niemals der Fall war. Nobel, den Nachwuchs dazu zu bringen, sich auf die Wirklichkeit zu verlassen – doch ein bisschen Faktor X schadet nie. So auch hier nicht. Und es hat auch nicht lange gedauert, bis Das schaurige Haus auf die Leinwand kam. Dank Corona war eine Kino-Auswertung fast nicht möglich – folglich hat sich Netflix (wer sonst?) die Vertriebsrechte geholt, mit dem Wermutstropfen, dass diese für Minderjährige adäquate Dosis des Schaurigen im dunklen Kino wohl weitaus besser zur Geltung gekommen wäre als daheim in vertrauter Umgebung des Wohnzimmers. Doch vielleicht ist das besser so. Dann muss die Elternschaft des Nächtens nicht mit dem Nachwuchs aufs Klo.

Dabei fühlt sich anfangs wirklich alles an wie ein klassisches Jugendabenteuer zwischen Enid Blyton und den Goonies. Schauplatz ist – anders als im Roman – das österreichische Bundesland Kärnten, und im beschaulichen Dorf Bad Eisenkappel bezieht der Halbwaise Hendrik mit Mutter und Bruder ein wenig einladendes Gemäuer – als Zwischenlösung wohlgemerkt. In diesem Gemäuer ist, wie der Titel schon sagt, gar nichts auch nur irgendwie koscher – und folglich legt der kleine Bruder schon bald seltsame Anwandlungen an den Tag. Es dauert nicht lange, da sind die neugierigen Nasen einem düsteren Geheimnis auf der Spur, der die verblichenen Vermieter des Hauses einfach nicht ruhen lässt.

Regisseur Daniel Prohaska, bislang vorwiegend im TV vertreten, und da wiederum vorrangig als Filmeditor, hat für diesen durchaus zum Gruselthriller ausbaubaren Stoff einen entsprechenden Kompromiss geschlossen. Auch hier heisst es: gebt den Horror mit Kindern den Kindern selbst. Klarerweise sind da nicht die Jüngsten gemeint, sondern angehende Teenies, die nicht unbedingt die große Herausforderung suchen, die vielleicht Stephen Kings Es bieten würde. Prohaska streut bewusst nur wenige zarte Schocks (eigentlich gar keine) und setzt vermehrt auf Schauermomente, die anstatt Jumspscares einfach eine stimmige Atmosphäre erzeugen. Das gelingt durchwegs – weniger prickelnd und viel mehr in sperriger Phlegmatik versunken sind die Jungdarsteller. Selbst Julia Koschitz bleibt enttäuschend blass, so, als wären Geister das Alltäglichste auf der Welt. Skurriles Sahnehäubchen des Films ist Lars Bitterlich mit Brille und Howard Wolowitz-Gedächtnisfrisur, der stellvertretend für alle den Spirit einer motivierten Clique atmet, die das Abenteuer ihres Lebens besteht. Vielleicht hat sich Prohaska zu sehr darauf konzentriert, eben diese gefundene Balance tunlichst zu halten, damit der Grusel nicht zu sehr in Richtung Horror kippt. Nebelschwaden, schwarze Augen und obskures Gekrakel an den Wänden sind da die Hauptattraktionen des paranormalen Jugendkrimis, das Übrige gerät zum Üblichen aus dem serienstilistischen Fernsehfundus für das routinierte Nachmittagsprogramm.

Das schaurige Haus

Kodachrome

EIN ANALOGES LEBEN

7,5/10


kodachrome© 2018 Netflix


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: MARK RASO

CAST: ED HARRIS, JASON SUDEIKIS, ELIZABETH OLSEN, DENNIS HAYSBERT, BRUCE GREENWOOD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Den Ploppverschluss öffnen, den Film aus dem kleinen schwarzen Plastikzylinder holen, in die Kamera rückseitig einlegen, mit der Spule verzahnen, die Kamera schließen, dann zweimal aufziehen – schon lassen sich wieder rund 36 Fotos schießen. Zu sehen waren diese natürlich noch nicht – dazu musste das ganze ins Labor. Aber wem erzähl ich das. Die meisten meiner Leser werden noch wissen, wie das funktioniert hat. Doch diese Zeiten sind so gut wie vorbei – bis auf einige wenige Enklaven der analogen Fotografie werden Bilder nur noch digital gebannt. Und da lässt sich knipsen was geht, und was die Speicherkarte von mehr als einem Dutzend Gigabyte hergibt. Das Ende einer Ära? Das Ende der liebevoll gerahmten Dias? Allerdings. Das Ende für manche Fotografen? Womöglich auch. In diesem Fall ist es das bevorstehende Ableben des berühmten, allerdings fiktiven Bildermachers Ben Ryder, der Zeit seines Lebens in der Weltgeschichte unterwegs gewesen war, mit Unmengen an Filmen in der Tasche.

Der alte Mann leidet an Krebs im Endstadium, hat aber noch vier unentwickelte Filme zu Hause, Kodachrome wohlgemerkt, die noch rechtzeitig ins letzte noch offene Fotolabor nach Kansas müssen, genauer gesagt in Dwayne’s Photoladen (den es tatsächlich gab und der auch die Grundlage war für den New York Times-Artikel For Kodachrome Fans, Road Ends at Photo Lab in Kansas aus dem Jahr 2010). Sein Sohn soll ihn dort hinfahren. Das Problem: der Sohn kann den Vater nicht riechen. Warum sollte er auch: letzterer war ein Draufgänger, wie er im Buche steht. Erziehungsauftrag? Was für ein Erziehungsauftrag? Aber sei’s drum – Sohn Matt willigt dann doch ein. Und zu dritt – inklusive Bens persönlicher Pflegerin – sind sie im Cabrio unterwegs durch die Provinz.

Netflix hat hier eine ganz spezielle und wirklich erfahrenswerte kleine Filmperle versteckt gehalten. Und die ist nicht nur für Foto-Nostalgiker sehenswert, die spätestens gegen Ende dann einen Kloß im Hals spüren. Danach werden sie vermutlich nach verbliebenen Filmspulen suchen, die noch zu entwickeln wären. Kodachrome ist ein Vater-Sohn-Melodram der alten Schule, was ja auch passend scheint – überdies zelebriert Ed Harris als knorriger, verlebter und von Krankheit gezeichneter Ex-Abenteurer ein versöhnliches Psychogramm des Endes einer ganzen Ära, eines gelebten Ideals und eines ganz anderen Handwerks. Das Gestern gebärdet sich hier in einer überraschend friedfertigen Agonie, will nur aufräumen und in guter Erinnerung bleiben. Wehmut macht sich breit, später auch bei Jason Sudeikis als Sohn mit Ehrgeiz und Prinzipien, der das bisschen Kindheit wiederfindet, das ihn mit der nur in assoziativen Resten übriggebliebenen Vaterfigur verbindet. Sonst vorwiegend in Komödien zu sehen, gibt der Kill the Boss-Spezi eine durchaus achtbare Performance ab, auch Elizabeth Olsen agiert fernab ihres exaltierten Wanda-Franchise angenehm ungekünstelt. Und Harris? Der ist nicht umsonst einer jener charismatischen Schauspieler, bei denen man, findet man ihren Namen im Cast, kurz mal freudig jauchzt. Die Rolle des alten Fotografen passt gut zu seinem unrasierten Konterfei, obendrauf ein breitkrempiger Hut und stets die Kamera geschultert. Wenn er dann mit zitternden Fingern seinen letzten Film einlegt, bewegt das nicht nur eingefleischte Fotografen und Nostalgiker, sondern auch jene, die Wert legen auf handwerklich erlesenes, mit feiner Musik unterlegtes Besinnungskino.

Kodachrome

Things Heard & Seen

GEISTER, DIE ZUR HAND GEHEN

4/10


thingsheardandseen© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SHARI SPRINGER BERMAN & ROBERT PULCINI, NACH DEM ROMAN VON ELIZABETH BRUNDAGE

CAST: AMANDA SEYFRIED, JAMES NORTON, NATALIA DYER, F. MURRAY ABRAHAM, RHEA SEEHORN, KAREN ALLEN, MICHAEL O’KEEFE, ALEX NEUSTAEDTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ich bin zwar keiner, der das Horrorgenre zu seinem liebsten zählt, aber zumindest jemand, der Filme wie Das Waisenhaus oder The Others sehr zu schätzen weiß. Weil sie das Parapsychologische ernst nehmen, und nicht nur auf Angst setzen, wie es gefühlt 99 Prozent all dieser anderen Filme tun. Das wäre für mich zu platt – viel interessanter ist stattdessen der relativ wertfreie Zugang in ein längst nicht wissenschaftlich untermauertes Mysterium an interdimensionalen Interaktionen, deren Ursachen und vielleicht auch deren Heilung. Die eingangs erwähnten beiden Filme sind aus meiner Sicht schwer zu erreichende Meisterwerke, in sich stimmig und wunderbar auserzählt. Das kribbelnde Unwohlsein, dass in diesen Werken entsteht, ist auf den Zustand des Nichtwissens zurückzuführen, die damit einhergehende sprichwörtliche Gänsehaut geradezu etwas Schönes, Bereicherndes, weil sie so eng mit kindlicher Neugierde verbunden ist. Ich will vor diesem Mysterium nicht davonlaufen müssen, sondern die Möglichkeit haben, den Mut dafür aufzubringen, diesem zwischenweltlichen Intermezzo entgegengehen zu dürfen.

Diesen Mut muss man allerdings bei Things Heard & Seen nicht aufbringen. Dies wäre vielleicht zu vermuten, doch am Ende der Nacht mit all seinen Spukgestalten ernüchtert die Erkenntnis, dass dieser Film ganze Dimensionen weit davon entfernt ist, die Klasse von Das Waisenhaus oder The Others zu erreichen – obwohl das Potenzial zumindest anfangs gegeben wäre. Denn wir haben, was das Setting betrifft, den für einen Gruselfilm wohl besten Ort gefunden: ein altes Gebäude, am besten im Nirgendwo und abseits von urbanem Geschehen. In so ein Gemäuer zieht Künstlerin Catherine (mit staunenden Augen, aber sehr souverän: Amanda Seyfried) gemeinsam mit ihrer Familie, weil Gatte George in der naheliegenden Uni eine vielversprechende Professur als Kunsthistoriker ergattert hat. Es scheint alles eitel Wonne zu sein, das Haus wird renoviert und geputzt – allerdings nicht gründlich genug, denn einige Zeit später findet Catherine das völlig staubfreie (wie das?) Exemplar einer alten Bibel, in denen die Namen der verstorbenen Bewohner aufgelistet sind. Einige davon sind durchgestrichen, mit dem Vermerk: Verdammt! Jetzt wird’s paranormal. Denn Catherine beginnt, die titelgebenden Dinge zu sehen, zu riechen und zu hören. Gediegene Geistererlebnisse mit allen Sinnen. Wie gesagt: vielversprechend, wenn es nun tatsächlich darum geht, steinalte Flüche zu bannen oder Seancen abzuhalten. Gothic-Grusel für retroaffine Neuzeitler.   

Doch sobald sich das Gefühl Bahn bricht, es nicht mit rechten Dingen zu tun zu haben, ist das Feeling auch schon wieder verschwunden. Was ist passiert? Ehrlich gestanden: je länger der Film dauert, umso weniger hat man eine Ahnung, wohin das ganze Szenario hinstrebt. Dem nicht zwingend böswilligen Vier-Wände-Horror schenkt das Regieduo Shari Springer Berman und Robert Pulcini viel zu wenig Beachtung, dafür aber schlagen sie sehr bald die Richtung hin zu einem an den Nackenhaaren herbeikonstruierten, relativ altbackenen Home-Terror-Thrillers ein, in dessen Mittelpunkt James Norton als Vater, Ehemann und ehrgeiziger Kunstkenner eine punktgenau unsympathische Filmfigur abgibt. Das große Problem an Things Heard & Seen ist aber nicht er, sondern die Plausibilität menschlichen Verhaltens. Die ist nicht gegeben. Es entsteht zwar während der Sichtung eine gewisse Kurzweil, und ja: man wartet von Minute zu Minute immer dringender auf die Auflösung des ganzen. Die hintereinander einfallenden, platten (und szenenweise ernüchternd vorhersehbaren) Wendungen jedoch verwirren das Gruselstelldichein, das eigentlich gar keines sein will, zusehends. Das Flüstern des Geistes, dessen Inhalt zur Klärung des Sachverhaltes vielleicht beitragen würde, ist so gut wie nicht zu verstehen, das nebulöse Durcheinander an Normalem und Paranormalem und Abnormalem verknotet sich zu einem hilflosen Ringen um Stil und Atmosphäre. Die metaphysische Allegorie als Schlusspunkt frohlockt dann nur noch mit hausierender Geheimniskulisse. Einzig Amanda Seyfried kämpft sich aus der verschwurbelten Tragödie und bleibt in guter Erinnerung, während der ganze unbefriedigende Rest am Ende dieser Nacht nur noch auf den Geist geht.

Things Heard & Seen

Fremd in der Welt

SELBSTJUSTIZ FÜR DUCKMÄUSER

7/10


fremdinderwelt© 2017 Netflix

ORIGINALTITEL: I DON’T FEEL AT HOME IN THIS WORLD ANYMORE

LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: MACON BLAIR

CAST: MELANIE LYNSKEY, ELIJAH WOOD, GARY ANTHONY WILLIAMS, ROBERT LONGSTREET, JANE LEVY, DEVON GRAYE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Für jene, die Peter Jacksons Muttermord-Meisterwerk Heavenly Creatures nicht gesehen haben (nachholen!), kennen sie vielleicht aus der Sitcom Two and a half Men: Melanie Lynskey. Dort war die Gute Onkel Charlies wohl einzige richtige Freundin und nicht nur eine Bettgespielin. Melanie Lynskey bekommt man dieser Tage viel zu selten zu Gesicht, was eigentlich schade ist, denn die Schauspielerin ist weder nur dem komödiantischen Genre zugetan, noch ausschließlich dem dramatischen Fach. Am besten gelingt ihre Performance, wenn beides im Spiel ist. Tragikomik sozusagen. Oder schwarzhumorige Thriller. So wie diese kleine Independent-Produktion aus dem Jahr 2017, die auf dem Sundance Festival den großen Preis der Jury erhielt. Dabei fällt mir auf: Nicht nur Lynskey wurde durch Peter Jackson erst so richtig bekannt – auch ihr Co-Star in diesem Film, nämlich „Frodo“ Elijah Wood, der um Gottes Willen nicht mehr mit diesem Hobbit in Verbindung gebracht werden will. Dafür sind mittlerweile allerhand Psychopathen sein Ding. Zugegeben, auch hier haucht er einer Gestalt Leben ein, die man auf offener Straße wohl nicht einfach so ansprechen würde. Jedoch – Vorurteile helfen da nicht weiter, weder im tatsächlichen Leben noch in diesem Autorenfilm, denn auch wenn man so aussieht, als wäre man fremd in der Welt, kann das doch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Fremd in der Welt – oder im Original: I Don’t Feel at Home in This World Anymore ist das Regiedebüt von Macon Blair, einem Schauspieler, dessen Name einem womöglich nichts sagt, den man aber, wenn man ihn sieht, sofort dem einen oder anderen bereits gesichteten Film zuordnen kann. Hier, in seinem eigenen Werk, gönnt er sich gar einen kleinen, fiesen Cameo-Auftritt an der Seite seiner resoluten Heldin. Diese nennt sich Ruth, eine Krankenpflegerin, die vom Leben mal grundlegend enttäuscht ist. Oder, um genauer zu sein: von all ihren Mitmenschen. Eine gewisse Weltverdrossenheit macht sich breit, der Alltag zeigt sich von der ignoranten Seite und um der beginnenden Mieselsucht noch eins draufzusetzen, wird in ihrer Wohnung sogar eingebrochen. Die Polizei nimmt alles auf, ausrichten kann (und will) sie jedoch nichts. Das ist Ruth eindeutig zu wenig. Mit Unterstützung ihres ebenso eigenbrötlerischen Nachbarn will sie sich ihr Eigentum zurückholen – und die Verbrecher zur Rede stellen.

Der Vergleich mag zwar ein bisschen hinken – aber irgendwie ist das Konzept zumindest Daumen mal Pi ein ähnliches: Fremd in der Welt ist wie die Underdog-Version von John Wick. Nicht nur der Alltag, auch Verbrecher nerven ungemein, und wenn die Hutschnur platzt, blicken diese nicht mehr sehr weit in die Zukunft. Was nicht heißt, dass Lynskey und Wood bis an die Zähne bewaffnet ins Feld ziehen. Wir dürfen nicht vergessen, sie sind fremd in der Welt; entrückte Außenseiter, die versuchen, die Dinge ganz anders zu klären als es zähe Actionhaudegen jemals tun würden. Die Zähigkeit dieser durch den gesellschaftlichen Rost gefallenen Frohnaturen ist anderer Art – und macht den Reiz dieses lakonischen Thrillers aus, der zwischen blutig-brutal und situationskomisch hin und herpendelt, beileibe aber keine zynische Komödie sein will, sondern ein eigener grotesker, gar nachdenklicher Hybrid dazwischen. Für sowas eignet sich die selten durchschaubare und sympathisch-naive Melanie Lynskey wohl am besten. Ein kleiner Film also, der so tickt wie seine Protagonisten – der nicht groß auffällt, den man leicht übersieht – der aber gut vertragen kann, wenn man auf ihn aufmerksam wird.

Fremd in der Welt

Die Mitchells gegen die Maschinen

ALEXA LÄUFT AMOK

6/10


mitchells© 2021 Netflix / Sony


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MICHAEL RIANDA, JEFF ROWE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): DANNY MCBRIDE, MAYA RUDOLPH, ABBI JACOBSON, OLIVIA COLMAN, ERIC ANDRÉ, JOHN LEGEND U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Seit geraumer Zeit macht sich ein gewisser Trend bemerkbar. Romantische Cinderella-Geschichten sind mehr und mehr out, komödiantische Hetero-Herzblattshows zumindest im familientauglichen Mainstream-Kino angesichts einer immer liberaleren Beziehungswelt längst nicht mehr der universelle Plot. Da war Die Eiskönigin noch eine Art Relikt, bevor die mutigen Coming-Of-Age Heroen (vorwiegend weiblich) aus Mulan, Raya und der letzte Drache oder Die bunte Seite des Monds nicht um ihre Liebe, sondern um die Familie und überhaupt um den ganzen Erhalt einer harmonisch funktionierenden Gesellschaft kämpfen. Wobei Familie in Hollywood sowieso immer schon wichtig war. Und vor allem auch bei Disney: mal in penetranten Soll-Lettern, und dann wieder auf einer gepflegten Meta-Ebene. Sony findet da auch seinen Weg.

In Die Mitchells gegen die Maschinen ist zumindest keiner der Familienmitglieder – vorzugsweise der Eltern – eines außertürlichen Todes gestorben. Meist ist auch diese Schablone bei Jugendfilmen gern gesehen, um die oder den Protagonisten vom übrigen Co-Cast klarer abzugrenzen. Hier, in der von Sony produzierten und animierten Komödie, die mangels möglicher Kinoauswertung an Netflix verkauft wurde, haben wir es anfangs mit einer Allwerweltsfamilie zu tun, die sich selbst sehr schräg vorkommt – insbesondere Tochter Katie, die ihre Leidenschaft für Filme in selbstgemachten Videos zelebriert und kurz davorsteht, in einer Filmschule neu durchzustarten. Zwischen Vater und Tochter hängt da leider der Haussegen schief, und um die Beziehung wieder in richtige Bahnen zu lenken, entscheidet sich Papa Rick, seine Tochter höchstpersönlich an den neuen Schulort zu geleiten – per Automobil und der ganzen Familie, versteht sich. Das kann ja heiter werden. Und wird es auch, da ziemlich zeitgleich eine künstliche Smartphone-Intelligenz a la Alexa die Weltherrschaft an sich reißen will und dafür ganze Roboterarmeen aussendet, um Homo sapiens einzufangen. Dieser böse Plan geht auch auf – nur hat die K.I. nicht mit der Schlagfertigkeit der letzten freien Familie gerechnet, die ihre Diskrepanzen überwindet, um den Planeten zu retten.

Da ein Szenario wie in H.G. Wells Krieg der Welten wohl fürs Familienpublikum undenkbar wäre, werden wir, die Menschen, kurzerhand einfach nur eingesammelt. Das funktioniert und schafft damit dennoch eine wohlig beklemmende Endzeitstimmung, die auch den jüngst geeigneten Nachwuchs nicht dazu nötigt, bei den Eltern einzuschauen. Abgesehen davon ist diese schrille, vierköpfige Familie samt Hund viel zu situationskomisch, um hier die positiven Vibes nicht abzukriegen. Die Mitchells gegen die Maschinen fühlt sich an wie Pixars Die Unglaublichen – nur ohne Superhelden-Attitüde und statt Baby gibt’s den Mops, der für die meisten Lacher sorgt, nebst des grobschlächtigen Vaters, dessen Charakter am schönsten beschrieben wird. Klar, es gibt jede Mange hyperaktives Chaos, Geplärre und Hektik – das hätte Pixar womöglich um einige Dezibel runtergeschraubt. Allerdings nimmt sich das von Chris Lord und Christopher Miller (Oscar für Spider-Man: A New Universe) produzierte Abenteuer gerade anfangs erstaunlich viel Zeit, um die liebe Familie mit all ihren Eigenheiten und eingebettet in ihren Alltagsrhythmus vorzustellen. So macht man das, bei Endzeit- oder Katastrophenfilmen, auch wenn sie animiert und kindertauglich sind.

Den völlig aus dem Ruder laufenden Overkill hätte es am Ende zwar nicht gebraucht, aber dennoch: dieser Genremix unterhält. Dank der kleinen, originellen Details, die geschickt in die Handlung eingeflochten sind – und diese auch vorantreiben. Denn wer hätte gedacht, dass es mal gut sein kann, einen Vierkant-Schraubenzieher mit rutschfestem Griff dabeizuhaben. Ja, gut, MacGyver vielleicht…

Die Mitchells gegen die Maschinen