Elio (2025)

SCIENCE-FICTION DURCH KINDERAUGEN

5/10


© 2025 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: MADELINE SHARAFIAN, DOMEE SHI, ADRIAN MOLINA

DREHBUCH: JULIA CHO, MARK HAMMER, MIKE JONES

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): YONAS KIDREAB, ZOE SALDAÑA, REMY EDGERLY, BRANDON MOON, BRAD GARRETT, JAMEELA JAMIL, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Sind wir allein? Kommt ganz drauf an. Sind wir allein auf dieser Welt? Mitnichten. Sind wir allein im Universum? Womöglich auch nicht. Lässt sich dann angesichts dieser Prämisse denn behaupten, man könnte gar in den Weiten des Kosmos einen Freund fürs Leben finden? Im Kino ist alles möglich. Da dienen Wurmlöcher und Warp-Antriebe dazu, extreme, rein theoretisch niemals überbrückbare Distanzen zu überwinden, um sich in die Arme zu schließen. Dem kleinen Waisenjungen namens Elio Solis gelingt das. Er genießt das seltene Glück, zu erkennen, dass der Mensch nur eine von vielen Lebensformen ist, die das Universum bevölkern. Die Tatsache versetzt ihn zwar mitunter in Staunen, so, als würde man zum ersten Mal auf den Rummel gehen oder in den Zirkus, doch man sieht auch – mit etwas anderem hat Elio eigentlich gar nicht gerechnet. Liegt es daran, weil er fest daran geglaubt hat?

In weiterer Folge werden wir dem lateinamerikanischen Knirps dabei zusehen, wie er als Botschafter der Erde versucht, einen martialischen Aggressor im Krustentier-Kostüm in die Schranken zu weisen. Die Seele eines Diplomaten steckt in unserem Titelhelden, noch dazu hat er das Glück, sich mit Glordon anzufreunden, dem Sohn des finsteren Oberbosses, der auch so gerne in den Reigen des Communiverse aufgenommen werden will, doch aufgrund seiner kriegstreibenden Gesinnung wohl eher außen vorgelassen wird. Das erinnert doch irgendwie an Putin und die Lage in Europa, oder nicht? Versteckt Pixar hier ein geopolitisches Gleichnis? Mag sein oder auch nicht: Diese Kränkung will der zähnefletschende Wurm nicht hinnehmen, und Elio hat alle kleinen Hände voll zu tun, eine Lösung zu finden, da der friedfertige Rest diverser Planetenbewohner keinerlei Ideen hat, wie man mit so jemanden umgeht.

Identitätsfindung vs. Weltenfrieden

Liest man die Reviews auf diversen Plattformen, ist von Entfremdung, Isolation und Anderssein die Rede; von Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Freundschaft. Uff, ja, schön und gut, einiges davon steckt in jedem noch so gearteten Familienfilm, der jemals von Disney und Pixar produziert wurde. Das alles steckt auch gefühlt in jedem anderen Kinderfilm, in jeder anderen Kinderserie, in jedem anderen Kinderbuch. Elio bemüht sich nicht einmal, diese juvenilen Bedürfnisse erzählerisch zu variieren, sondern liefert eine überraschend simple, ich will nicht sagen banale, aber herkömmliche Geschichte ab, die zu den vielleicht höher gesteckten Erklärungszielen wie Entfremdung und Isolation viel zu wenig zu sagen hat. Die aufkeimenden Konflikte sind absehbar, deren Lösung nicht minder vorhersehbar – für die ganz Kleinen bleiben eine Handvoll erhellende, gar tröstende Erkenntnisse, alles in kindgerechter Aufmachung, runden Formen und weichen Linien, mit ganz vielen Farben, jeder Menge Leuchten und Glitzern. Erwachsene ermüdet das schnell, da es nichts gibt, dass sich – bis auf ein paar dezente Filmzitate und markigen Gesten, die auf Klassiker der SciFi verweisen – an ein anderes Publikum richtet, das nicht mehr als zwölf Lenze zählt. Warum dieser extreme Schwenk in eine Richtung, die den kreativen Köpfen hinter diesem aufwendig animierten Streifen kaum Raum für tollkühnen Spirit bietet? Von Meisterwerken wie Alles steht Kopf, Soul oder Wall-E ist man weit entfernt – Filme wie diese handeln von abstrakteren, universelleren, auch zukunftskritischen Dingen, selbst die Toy Story-Abenteuer rund um liebgewonnenes Spielzeug bemühen sich um augenzwinkernde Geschichten, mit Gespür für Ironie, Herzlichkeit und unerwarteten Wendungen. Elio hat zwar jede Menge Feel-Good-Vibes, doch die großen narrativen wie emotionalen Ideen fehlen. Elio probiert Bewährtes, denkt nicht um die Ecke, lässt mehrdeutigen Humor zu großen Teilen vermissen.

Wie Elio zu Beginn des Films am Strand liegt und sich abholen lassen will, weil die Welt, in der er lebt, keinen Platz für ihn hat – genau dort findet Pixar noch nachhause, hier variieren die Macher die Themen Entfremdung und Deplatziertheit auf liebevolle Art und Weise. Spätestens beim Erscheinen einer ganzen Riege irdischer Tiefseekreaturen nachempfundener Wesenheiten, die generische Persönlichkeiten besitzen, außer eben Freund Glordon, der auf die Butterseite der Charakterentwicklung fiel, erfährt das Abenteuer eine gewisse Beliebigkeit, zeichnet eine wenig autarke Story zwischen Der Flug des Navigators (ein Jugendfilm-Highlight der 80er) und Guardians of the Galaxy. Gerade bei letzterem denke ich an Peter Quill aka Star Lord, der nach dem Tod seiner Mutter von Außerirdischen ähnlich abgeholt wird wie Elio. Marvel-Einflüsse sind unübersehbar, was zur Folge hat, dass Pixar sich wieder tiefer in den Schoß der Disney-Mutter kuschelt, zumindest in diesem Fall.

Das will nicht heißen, dass ich nun auf Alles steht Kopf 3 warte – sondern auf das Finden einer neuen Inspirationsquelle, auf erfrischendes Gedankengut und vielleicht auch auf ambivalentere Charaktere. Selbst Kindern, und gerade Kindern, ist sowas längst zuzumuten.

Elio (2025)

Last Contact (2023)

NAH AM WASSER GEBAUT

4/10


lastcontact© 2023 Weltkino


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ESTLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: TANEL TOOM

DREHBUCH: MALACHI SMYTH

CAST: KATE BOSWORTH, THOMAS KRETSCHMANN, LUCIEN LAVISCOUNT, MARTIN MCCANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Natürlich ist im Kino unsere Welt längst aus dem Gleichgewicht geraten. Aus dem Schneeball Erde ist dank unseres Zutuns und eines rasanten Klimawandels ein dampfender Wasserball geworden, der um die Sonne seine Runden dreht. Filmtechnisch hat man so ein radikales Szenario längst aufgegriffen: Für Kevin Reynolds war Waterworld allerdings ein Sprung in unbekannte Gewässer, und selten entwickelte sich ein Monumentalprojekt wie dieses, das, anstatt CGI einzusetzen, alles per Hand geschnitzt hat, so derart zum finanziellen Debakel, dass der Film mit Kevin Costner allein dadurch zum Kult wurde. Eine Katastrophe wie diese, inhaltlich wie produktionstechnisch, musste man irgendwann mal gesehen haben. Wer das noch nicht getan hat: Bitte nachholen. Denn qualitativ gesehen hat der dystopische Mad Max-Streifen zu Wasser durchaus seine Guilty Pleasure-Momente.

Filme mit ganz viel Wasser drumherum sind also ganz sicher nicht leicht auf die Beine zu stellen – es sei denn, man begnügt sich damit, das ganze Abenteuer in seiner Spielfläche erheblich einzuschränken. Statt ganze Wasserdörfer und rostige Öltankern wie die Exxon Valdez, auf der Dennis Hopper als einäugiger Smoker-Pirat sein Unwesen treibt, ragt in der postapokalyptischen Sci-Fi des estnischen Regisseurs Tanel Toom lediglich eine auf drei mächtigen Pfeilern errichtete, an ein Baumhaus erinnernde Plattform aus dem Wasser, die bewacht werden muss. Oder anders formuliert: nicht die Plattform selbst wird bewacht, sondern das, was im Inneren wohnt. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich dabei um eine Kernwaffe handeln könnte und ja, richtig – genau das ist es. Eine Bombe, die nur darauf wartet, gezündet zu werden, wenn die Chancen jener Partei, die seit gefühlten Ewigkeiten einen Krieg um die letzten Reste trockenen Bodens führt, zu schlecht stehen, um sie auf andere Weise wieder aufzubessern. Zu diesem Zweck sind eine Frau und drei Männer als militärische Sondereinheit dazu verdonnert, Wache zu schieben, den Außenposten zu warten und der baldigen Ablöse entgegenzuharren, denn je länger hier ein menschliches Gemüt der Monotonie eines wenig erquickenden Alltags ausgesetzt sein muss, je eher droht der Lagerkoller. Als der heiß ersehnte Stichtag zur Abreise endlich schwarz auf weiß am Kalender steht – tut sich nichts. Kein Schiff holt sie ab, keine Meldung gibt’s von jenseits der weiten Wasserwüste. Was tun angesichts einer wohl ewig andauernden Hölle des Wartens und Nichtstuns? Ein Disput scheint vorprogrammiert, und Kommandant Thomas Kretschmann einer, der sich dem militärischen Gehorsam verpflichtet hat, komme, was wolle. Eine Einstellung, die sonst niemand hier teilt, einsam und verlassen auf hoher See.

Ein Gefühl der Verlassenheit bemächtigt sich auch beim Betrachten eines Waterworld für Arme, der das psychologisch hochinteressante Dilemma der Ungewissheit einfach nicht nutzen will, um vielleicht eine wendungsreiche Geschichte zu erzählen. Was fehlt, sind nicht nur von außerhalb einwirkend höhere Mächte, wenn man mal von einer perfekten Welle absieht, die gleich zu Beginn des Films hereinbricht. Was fehlt, ist auch die Lust daran, sich angesichts dieses klaustrophobischen Settings soweit auszutoben, um vielleicht gar einen Psychothriller daraus entstehen zu lassen, der mehr zustande bringt als Maschinenöl, raue Seeluft, einen herrischen Machtmenschen und einem an der Tagesordnung stehenden Misstrauen gegen alles und jeden und überhaupt gegen eine Gesamtsituation, die sich schwertut, einer auf der Hand liegenden Initiative, die jeder noch bei Sinnen befindliche Mensch wohl ergriffen hätte, aus dem Weg zu gehen. Um diese Möglichkeit, die den Film wohl nach einer halben Stunde beendet hätte, zu vereiteln, konstruiert Tanel Toom einen unempfundenen Konflikt, dem sich der Zuseher stellen muss.

Die Gefahr eines Atomsprengkopfes erscheint vernachlässigbar angesichts einer globalen Katastrophe, so weit draußen im Nirgendwo. Die Gewichtung der Prioritäten schlägt fehl, und die Zuspitzung auf einen erwartbaren Showdown birgt die freudvolle Vermutung, die auf der Stelle tretende Gesamtsituation neu zu würfeln. Last Contact – oder im Original: Last Sentinel (eigentlich passt beides irgendwie) – mag handwerklich sauber inszeniert sein, und auch das stahlgraue Gesamtbild eines verlorenen Postens mag Freunde technisch-utopischer Soldatenfilme milde stimmen. Ein bisschen etwas versucht Toom aus dem Endzeit-Klassiker Das letzte Ufer zu übernehmen, diese strapazierte Hoffnung auf Erlösung und einen besseren Ort. Allein: Das Zusammenspiel von Bosworth, Kretschmann und Konsorten birgt keinerlei Zwischentöne, sondern lediglich formelhaftes Spiel.

Last Contact (2023)

The Black Hole (2024)

EXKURS IN DIE BALTISCHE TWILIGHT ZONE

8/10


© 2024 Amrion


ORIGINALTITEL: MUST AUK

LAND / JAHR: ESTLAND, FINNLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: MOONIKA SIIMETS

CAST: URSEL TILK, LINNA TENNOSAAR, REA LEST, DORIS TISLAR, ANNE REEMANN, EVA KOLDITS, KRISTO VIIDING, JEKATERINA LINNAMÄE, LAINE MÄGI, HANNU-PEKKA BJÖRKMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Erst kürzlich wurde bestätigt, dass in 124 Lichtjahren Entfernung der Planet K2-18b konkrete Anzeichen von Leben birgt. Ihn dafür als einen Ort zu betrachten, um auszusteigen, neu anzufangen und ein besseres Leben zu führen, mag noch etwas verfrüht sein. Vielleicht aber liegt das späte Lebensglück ja im Andromeda-Nebel. Obwohl deutlich weiter weg als K2-18b, wäre diese Vorstellung noch realistischer. Warum? Weil nicht wir dorthin müssen, sondern weil jene, die dort leben, zu uns kommen. Mag ja sein, dass sich dafür eine Mitfahrgelegenheit ergibt, ganz so wie beim jungen Peter Quill, dem späteren Star Lord der Guardians of the Galaxy. Doch von Marvel ist der kuriose Episodenfilm The Black Hole dann doch weiter entfernt als gedacht. Hier kommen ausnahmsweise mal nicht die Amerikaner in den Genuss einer Begegnung der dritten Art, sondern ganz normale Leute aus dem schönen Estland.

Ehrlich gesagt: Wie oft hat unsereins schon einen estnischen Film gesehen? Die Anzahl dieser Produktionen lässt sich an einer halben Hand erfassen. Doch was sich rar macht, kann, wenn es entdeckt wird, ungeahnt gut werden. Ausfindig machen lässt sich The Black Hole im Rahmen des frühlingshaften Slash ½ Filmfestivals, einer dreitägigen Vergnügungsreise in die Tiefen des fantastischen Genres, zu welchem auch Perlen aus dem Festival Crossing Europe, das jährlich in Linz abgehalten wird, dazustoßen können. The Black Hole ist so eine, und Regisseurin Moonika Siimets lässt dabei scheinbar verlorene Seelen des tristen estnischen Alltags dem Übernatürlichen, Paranormalen, Fremdartigen begegnen, wovon aber am Absonderlichsten gar nicht mal das Auftauchen tentakelbewährter, schleimiger Intelligenzbestien im wahrsten Sinne des Wortes ist, sondern vielleicht ein in krachlederne Tracht gezwängter Ur-Österreicher, der den Staubsauger des Jahrtausends an die nichtsahnende Mama bringen will, die daheim ihren introvertierten Sohn verköstigt, der wiederum eine sinnliche Femme fatale vergöttert, die ihr eigenes Süppchen kocht.

Derlei Dinge passieren, und auch die beiden reiferen Damen, die sich, so wie alle anderen hier auch, einfach nur danach sehnen, gebraucht zu werden, willigen gar ein, sich physikalisch scheinbar unmöglicher Experimenten zu unterziehen, die den Aliens hoffentlich die richtigen Erkenntnisse zur Spezies Homo sapiens bringen. Siimets bedient sich dabei den literarischen Vorlagen aus der Kurzgeschichtensammlung von Armin Kõomägi and Andrus Kivirähk. Ihr Film vermengt dabei drei dieser Stories miteinander, die jeweils inhaltlich aber nur wenig miteinander zu tun haben, dafür aber auf kluge Weise von einer Erzählung zur anderen überleiten – das muss auch chronologisch gar nicht akkurat sein, und genau durch diese zeitliche Aufhebung bekommt The Black Hole noch einen zusätzlichen dramaturgischen Drall, der dieses Filmerlebnis zu etwas Besonderem macht. Diese Wertschätzung erlangt die baltische Twilight Zone aber ganz alleine durch einen ungehemmt skurrilen, lakonischen Humor, der finnische Urstände feiert – gerade als Österreicher muss man sich mehrmals auf die gar nicht ledernen Schenkel klopfen, wenn das eigene Land so karikiert wird. Zwischen diesem schrägen Irrsinn gibt es aber immer wieder zarte Nuancen von Sehnsucht, Liebe und dem angenehm warmen Gefühl der Zugehörigkeit, und obwohl The Black Hole auch seine düsteren, gewalttätigen Seiten hat – die makabre Komik im Stile alter Jack Arnold-Filme, schmerzfreier Body-Horror, Portalreisende und kuschelige Arachniden, die nur begrenzt Spinnenangst hervorrufen, sind auf liebevolle, herzblutende Weise mit- und untereinander arrangiert.

Im Subtext lässt sich herauslesen, wie sehr Siimets ihre Gestalten gar nicht mehr so gerne in eine ungewisse Zukunft entlassen will, doch auch hier muss irgendwann Schluss sein, wie bei jedem kinematographischen Werk. Und The Black Hole weiß genau, wo das urbane Märchen sein Ende findet, und das nicht, ohne überall eine durch und durch und betont feministische Zuversicht zu streuen. Die Welt scheint nur darauf zu warten, dass das Paranormale über sie hereinbricht. Und wenn es nur ein Apfelkuchen ist, der den Andromeda-Nebel ein bisschen näher heranrücken lässt.

The Black Hole (2024)

The Assessment (2024)

TROCKENTRAINING FÜR ENDZEIT-ELTERN

6/10


© 2024 Number 9 Film Assessment Limited


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: FLEUR FORTUNÉ

DREHBUCH: DAVE THOMAS, JOHN DONNELLY

CAST: ALICIA VIKANDER, ELIZABETH OLSEN, HIMESH PATEL, INDIRA VARMA, CHARLOTTE RITCHIE, MINNIE DRIVER, LEAH HARVEY, NICHOLAS PINNOCK, BENNY O. ARTHUR, MALAYA STERN TAKEDA U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Wir ging der Spruch noch gleich? Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr. Erweitert auf das Dream-Team Eltern muss man in nicht allzu ferner Zukunft das längst abgedroschene Zitat leicht adaptieren, denn nennt man ein Kind sein eigen, ist der Rest eine unter der sengenden Sonne des fatalen Klimawandels zwar verdorrte, aber gemähte Wiese. The Assessment, kopflastige Science-Fiction von Debütantin Fleur Fortuné, macht Möchtegern-Eltern nämlich das Leben zur Hölle. Oder zumindest sieben Tage lang, denn während dieses einwöchigen Prozesses müssen sich aufeinander abgestimmte Paare einem langwierigen Test unterziehen, der diesen am Ende bestenfalls die Lizenz zur Elternschaft verleihen soll. Ausgetragen wird der Nachwuchs sowieso nicht mehr im Mutterleib, denn in dieser Zukunft, in der Pragmatismus, Effizienz und Einsparung soziale Agenden verdrängt, kommt das Baby tatsächlich mit dem Storch. Soweit aber wollen wir in diesem Szenario gar nicht denken. Es sind Mia und Aaryan, die wohl der Meinung sind, die besten Eltern von allen sein zu können. In einer nicht näher definierten, vom traurigen Rest der Welt abgekapselten Elite-Ökosphäre fristen beide recht isoliert nahe am Meer in einem Luxus-Bungalow ein recht langweiliges Leben und gehen dabei ihrer Arbeit nach. Kaum ist der Antrag auf Elternschaft durch, steht eines Tages Gutachterin Virginia vor der Tür – eine, wie es scheint, recht zugeknöpfte Strenge, die hohe Ansprüche stellt. Geschicklichkeitstests wechseln mit den Worst Case-Szenarien, in denen Tante Prüferin den Satansbraten gibt. Im Laufe dieses thrillerartigen Kammerspiels mit einigen Ausflügen an die stürmisch-triste Küste stellt sich heraus, dass die Dame denkbar ungeeignet scheint, um eine Prüfung wie diese zu leiten. Ganz andere Motive stehen dahinter, wenn es heisst, familienfreundlichen Paaren alles abzuverlangen.

Elternführerschein jetzt! Angesichts der Art und Weise, wie Erziehungsberechtigte oft ihre Kinder im Griff haben oder eben gar nicht, sondern selbige nur in die Welt setzen, um das eigene Image aufzupolieren, weil sie Job mit Familie für alle sichtbar spielerisch unter einen Hut bringen wollen, wären verpflichtende Fortbildungen angesichts frappierender Ahnungslosigkeit längst an der Zeit. The Assassment nimmt sich dieses Themas an, wenngleich nicht immer mit der notwendigen Präzision und Ernsthaftigkeit. Viele Fragen stehen im Raum, die allesamt faszinierend genug sind, um diesem eigenwilligen und betont düsteren Dreiecksdrama so manch zukunftskritischen Gedanken abzugewinnen. Im Vordergrund steht die im Kontext einer verlorenen Welt verortete Kompetenz, die Folgegeneration anzuleiten. Kindheiten wie diese sehen in Zukunft anders aus als jene, die wir selbst erlebt haben oder wir unmittelbar unserem Nachwuchs mitgeben konnten. Und dennoch kaspert sich Alicia Vikander als undurchsichtige Femme fatale mit profanen Rollenspielen durch einen angezettelten Nervenkrieg, in welchem „Scarlett Witch“ Elizabeth Olsen und Himesh Patel mit konservativem Hausverstand gerade noch mitfechten können. Fleur Fortuné liegt aber sichtlich mehr daran, die eigenen Egos gegeneinander auszuspielen als tatsächlich die Erziehungspolitik einer nahen Zukunft zu hinterfragen. Das merkt man, da das Skript einige Plot Holes mit sich bringt, die am Ende des Films für Verwunderung sorgen und die Plausibilität der Ausgangssituation deutlich in Frage stellen. Ist The Assessment dann eigentlich nur eine Metapher? Worauf genau?

Bevor Fortuné und ihre Skript-Autoren es vergessen, muss natürlich, um als zeitgeistiger Problemfilm nah am Puls der Entwicklungen zu stehen, die Komponente künstlicher Intelligenz genauso mitschwingen wie der sich längst überholt habende Klimawandel. Wie man als wohlbetuchtes Ehepaar mit Kinderwunsch in einer mit falschen Prioritäten überforderten Zukunft seinen Sinn findet, mag The Assessment in satten Interieur-und Landschafts-Settings mit Für und Wieder ausloten – die breit gefächerten Ambitionen lenken aber vom eigentlichen Thema ab, das gut und gerne und eigentlich ausschließlich tiefer hätte gehen können.

The Assessment (2024)

The Purge – Die Säuberung (2013)

EINMAL MÖCHTE ICH EIN BÖSER SEIN

8/10


© 2013 Universal / Blumhouse Productions


LAND / JAHR: USA 2013

REGIE / DREHBUCH: JAMES DEMONACO

CAST: ETHAN HAWKE, LENA HEADEY, MAX BURKHOLDER, ADELAIDE KANE, EDWIN HODGE, TONY OLLER, RHYS WAKEFIELD, ARIJA BAREIKIS, TOM YI, CHRIS MULKEY, TISHA FRENCH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Wieder einmal leben wir in einer Dekade, in der so manch kühne Dystopie und gellend in den Himmel schreiende Politsatire von der Realität eingeholt wird. Ganz besonders blendet das schwindende Licht einer regressiven Gesellschaft aus dem Westen, dort, wo der Absolutismus langsam zurückkehrt, und niemand auch nur ansatzweise ernstzunehmenden Widerstand bietet gegen jemanden, der den sozialen Fortschritt des Menschen mit Füßen tritt. Wir wissen längst: Macht korrumpiert den Mensch, eine missglückte Kindheit rächt sich ein Leben lang. Und überhaupt ist Homo sapiens am Ende der Nahrungskette ein Wesen, dass nichts auf der Welt lieber hat als in Ruhe in der eigenen Wohlstandsblase dahinzugammeln auf Kosten der Nachbarn und vor allem auf Kosten jener, die er oder sie sowieso niemals zu Gesicht bekommen, außer vielleicht in den Nachrichten, und die muss man ja nicht zwingend einschalten. Um das zu erreichen, dafür muss man Opfer bringen. Aber nicht die eigenen. All diese Faktoren zusammengenommen ergeben das Bild einer gewissenlosen, egoistischen, reuelosen Spezies, die zu allem bereit scheint, wenn es sich davon einen Vorteil verspricht. Dazu muss diese Spezies gar nicht mal im Kollektiv gehirngewaschen werden wie während der Nazi-Herrschaft oder dem Genozid in Ruanda. Querdenkende Geistesriesen haben im dystopischen Thriller The Purge – Die Säuberung die „Neuen Gründerväter“ eine Gesellschaft etabliert, die sich selbst bis auf einen einzigen Tag kaum mehr gegenseitig etwas antut. Friede, Freue, Eierkuchen 364 Tage lang. Am Tag X, dem Tag der Säuberung, der fast schon so gefeiert wird wie Thanksgiving, ist hingegen jede Gräueltat erlaubt. Und jeder, der mordet, foltert oder missbraucht, bleibt straffrei. Aktuell wäre die Umsetzung einer solch kruden Idee angesichts all der anderen Geistesblitze in Übersee durchaus denkbar.

James DeMonaco wird wohl damals, 2013, nicht unbedingt daran gedacht haben, wie sehr sein Land nach rechts driften wird. Damals dürfte er seine brillante Vision einer Nacht aus Mord und Totschlag vielleicht nur als perfiden Horrortrip betrachtet haben, vielleicht aber auch als beängstigendes Zerrbild einer Gesellschaft, die niemals sich selbst überlassen und nur unter Gesetzen, Regeln und Strafen erzogen werden kann. Der Mensch als unberechenbare Bestie – und scheinbar jede und jeder trägt so viel Aggression in sich, um diese ausleben zu müssen. Ob das Bild, das Monaco zeichnet, einen gewissen Realismus birgt? Die Anarchie, die The Purge lostritt, kurbelt den eigenen Denkapparat an. Wäre man selbst in so einer Lage, wäre man froh, ein Haus wie Ethan Hawke zu besitzen, der zum Gongschlag der Hardcore-Halloween-Nacht das traute Heim hermetisch abriegelt. Sollen die da draußen doch morden, die Familie hats gemütlich. Nun aber kommt die Gretchenfrage ins Spiel: Was, wenn jemand um Hilfe ruft und nirgendwo hin kann? Genauso eine Situation bringt diese Nacht, die Hawkes Familie schon so oft erlebt hat, diesmal gehörig aus dem Gleichgewicht.

Das Gewissen wird zur unsanften Herausforderung, der psychopathische Wahnsinn klopft an die Tür, die Home Invasion kann beginnen. Im strengen Thriller-Modus macht sich The Purge ans Eingemachte, ohne jemals auf sozialkritische Polemik zugunsten satter Gewalt zu verzichten. DeMonacos moderner Klassiker des Near-Future-Kinos hat mittlerweile einen ganzen Rattenschwanz an Fortsetzungen nach sich gezogen, die aber allesamt nur dem Symptom frönen, während das Original eigentlich längst alles gesagt und gezeigt hat, was man sagen und zeigen sollte. Um den Mensch endlich als das zu begreifen, was er ist: Verloren im freien Spiel der Kräfte.

The Purge – Die Säuberung (2013)

The Electric State (2025)

TECHNO-DYSTOPIE ALS KASPERLTHEATER

5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

DREHBUCH: CHRISTOPHER MARKUS, STEPHEN MCFEELY

CAST: MILLIE BOBBY BROWN, CHRIS PRATT, STANLEY TUCCI, GIANCARLO ESPOSITO, KE HUY QUAN, WOODY NORMAN, MARTIN KLEBBA, WOODY HARRELSON, ANTHONY MACKIE, BRIAN COX, JENNY SLATE U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Vom melancholisch-dystopischen Roadmovie zum versöhnlichen Robotermärchen: Der Weg von Simon Stalenhågs illustriertem Kultroman The Electric State zum Netflix-Möchtegern-Blockbuster, inszeniert von den Russo-Brüdern, denen die besten Werke des MCU gelungen sind, ist weit und verschlungen, sodass sich nicht mehr erkennen lässt, von wo der Film gestartet sein mag. Beide Werke haben fast nichts mehr gemeinsam, außer vielleicht so manches Bild, vor allem auch die schnabelförmigen VR-Helme, die der Menschheit den endgültigen Rest geben. Eine der wohl teuersten Netflix-Produktionen verschlang sage und schreibe 320 Millionen Dollar. Ordentlich viel Kohle für ein im Grunde seines Wesens wenig innovatives Werk, das eigentlich auch kein Interesse daran zeigt, Stalenhågs Vision einer untergegangenen Welt aufzugreifen. Wie Stalenhåg wohl selbst auf die Verfilmung seines Kunstbuches reagiert haben mag? Eine Stellungnahme hat der Schöpfer dystopisch-metaphysischer Roboterwelten noch nicht abgegeben. Ob im Kaufvertrag zu den Lizenzrechten zu The Electric State wohl eine Klausel vorgesehen ist, die ihm verbietet, sich vielleicht unmutig zu äußern? Vielleicht ist er auch mehr als glücklich darüber, dass die Russos und vorzugsweise die Drehbuchautoren Christopher Markus und Stephen McFeely, die auch das Skript zu Avengers: Infinity War vollbrachten, es geschafft haben, dieses ganze Roboterzeitalter aus der dunstigen Tristesse eines heftigen technologischen Hangovers zu schälen, um ein bisschen Mehr „Friede Freude Eierkuchen“ zu feiern.

In Anbetracht der Skepsis zum tsunamiartigen Fortschritt künstlicher Intelligenz-Tools scheint The Electric State in Filmform einen Weg gefunden zu haben, wieder dort anzuknüpfen, wo schon Steven Spielberg war, und zwar lange, lange Zeit vorher, genau genommen knapp ein Vierteljahrhundert, nämlich 2001. Sein Film A.I.: Künstliche Intelligenz, den Stanley Kubrick zu Lebzeiten noch verfilmen wollte, hat vieles, was The Electric State neu aufwärmt, zum Thema. Hier wie dort lautet die Frage: Wie menschlich sind Roboter? Ab wann ist KI als ein vollwertiges Bewusstsein und somit auch als vollwertige Person zu betrachten. Und wenn sie das ist, träumt sie dann von elektrischen Schafen? Womit wir bei Philipp K. Dick wären und seiner erwachsenen Welt rund um den Blade Runner. Isaac Asimovs Robotergesetze habe ich auch noch nicht erwähnt. Da kommt The Electric State reichlich spät, vor allem wird Russos Film wohl eher zum kauzigen Kasperletheater voller Merchandising-Testimonials, überdimensionalen Katzen und wandelnden Peanuts, mit dabei auch ein Baseball-Roboter und die gelbe Smiley-Grinsekatze Cosmo. Mit dem Winkelzug, die Welt Stalenhågs in den frühen Neunzigern zu verorten, mag die rostige Vintage-Technologie auch in das stilistische Konzept des Films passen. Jedoch nicht in jene des Buches.

Dort ist die Welt eine düstere, verlorene und verlassene. Nebel, wolkenverhangene Himmel, kein Sonnenstrahl dringt durch das gespenstische Grau. Gigantische Wracks kauern im Brachland, das industrielle Licht der Energiespeicher, die den Menschen ihren letzten Eskapismus gönnen, machen das Grauen komplett. Hätte sich Gareth Edwards statt seines durchwachsenen The Creator dieses Projektes angenommen, wäre etwas Bahnbrechendes entstanden. Etwas, das womöglich an Edwards Monsters erinnert, nur eben mit Robotern. Die Russos hingegen verpassen ihrem Werk den Stempel eines generischen Science-Fiction-Abenteuers, in welchem sich das Übel als Person manifestiert.

Stanley Tucci gibt einen von persönlichem Gram getriebenen Verschnitt aus Elon Musk und Jeff Bezos – einen Techno-Oligarchen, der den Menschen die virtuelle Welt schenkt, während sie alle vor die Hunde gehen. Nach einem kurzen Roboterkrieg, den Tuccis Figur gewonnen hat, steckt der wandelnde Schrott in einem Reservat, aus dem es kein Entkommen gibt. Das Mädchen Michelle, das ihrem verstorbenen Bruder nachweint und im Grinse-Roboter Cosmo den Geist ihres Bruders entdeckt, wagt natürlich das Abenteuer, in die Welt hinauszugehen, um des Bruders Körper zu finden, was sie in die verbotene Zone bringt, wo die Russos sich visuell dann auch austoben können. Schön anzusehen ist das Ganze, die idealisierte Story verliert aber so gut wie fast alles, was Stalenhågs Vision ausmacht. The Electric State mag trivial sein, kitschig und vorhersehbar, er hinterlässt aber wider Erwarten idealisierte Zwischentöne, welche die Hoffnung auf eine Koexistenz zwischen KI und Mensch erträumen. Dieses Versöhnliche wabert nach, diesen Mood kann man sich mitnehmen.

TV Media hat The Electric State als katastrophal in jeder Hinsicht beschrieben. Anders als die austauschbaren generischen Agenten-Actionfilme, die sich untereinander nicht mehr unterscheiden lassen, hat dieser Film hier zumindest eigene Bildwelten, wenn schon die Geschichte selbst die Chance auf ein progressives Filmerlebnis verschmäht und sozialphilosphischen Konzepten der Zukunft gnadenlos hinterherhinkt. Viel eher zu empfehlen ist statt The Electric State die auf Amazon Prime erschienene Stalenhåg-Verfilmung Tales from the Loop. Mysteriöse Kurzgeschichten, die von einer Technologie erzählen, die längst die Dimensionen sprengt. Ansehen!

The Electric State (2025)

Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume (2019)

ELTERNSCHAFT ALS ZWANGSARBEIT

7/10


© 2019 Leonine Pictures

LAND / JAHR: BELGIEN, IRLAND, DÄNEMARK, USA 2019

REGIE: LORCAN FINNEGAN

DREHBUCH: GARRET SHANLEY

CAST: IMOGEN POOTS, JESSE EISENBERG, JONATHAN ARIS, SENAN JENNINGS, EANNA HARDWICKE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Auf IMDB schrammt Lorcan Finnegans kosmischer Horror gerade mal an der 6 Punkte-Hürde vorbei. Ein passabler Schnitt bei 81.565 Bewertungen, allerdings nur eben das: passabel. Da wäre noch Luft nach oben, und diese Luft aber will keiner, der Vivarium gesehen hat, so richtig gerne verknappen, denn Filme, die das Bedürfnis des Publikums nach einer geordneten und rational zu begreifenden Welt nicht erfüllen, stoßen durchaus auf Ablehnung. Vivarium ist daher eines im Vorfeld ganz und gar nicht: Ein Wohlfühlfilm.

Es scheint, als hätten Edgar Allan Poe oder H. P. Lovecraft an dieser akkuraten Hölle ihre Ideen beigesteuert, oder besser gesagt: ihre Ängste, die sich in literarischen Visionen längst manifestiert haben. Vermengt mit den Elementen aus den Büchern und Filmen, die uns extraterrestrische Invasionen mit Schmackes veranschaulicht haben, greift das bizarre Szenario nur so um sich. Diesem ausweglosen Alptraum müssen sich, und so viel haben wir, woran wir uns festhalten können, zwei bekannte Gesichter unterordnen. Es sind dies Imogen Poots und Jesse Eisenberg, der zuletzt mit seiner Regiearbeit A Real Pain, ein tragikomischer Herzwärmer, reüssierte. Eisenberg aber ist hier – fast so wie in A Real Pain und auch in der Martial-Arts-Groteske The Art of Self-Defense oder aber in der Männlichkeits-Metapher Manodrome – ein anfangs stinknormaler und fast farbloser bis unsichtbarer Durchschnittsbürger, der im Grunde nichts anders mit sich anzufangen weiß als den Durchschnitt zu leben, den Normalo bar excellence, in dessen Innerem aber der eitle Wahnsinn brodelt. An seiner Seite Filmfreundin Imogen Poots (u. a. 28 Weeks Later), beide möchten als Gemma und Tom ein trautes Heim bald ihr eigen nennen. Immobilienmakler gibt es viele, doch leider müssen die beiden zu ihrem Unglück in jene Filiale reinschneien, die der seltsame Martin betreut. Ein gespenstischer Typ, der psychopathische Witz eines biederen Ladenhüters mit falschem Grinsen und womöglich feuchtem Händedruck. Ihm folgen sie per Automobil in eine abseits gelegene Reihenhaussiedlung, die den Begriff des Reihenhauses auch auf die Spitze treibt. Soweit das Auge reicht ein und dieselben vier Wände, nur ihre tragen die Nummer 9. Während Gemma und Tom sich umsehen, macht sich Martin aus dem Staub. Und wer nun glaubt, das Liebespaar findet den Weg ganz von allein retour, der irrt gewaltig. Sie müssen bleiben, und zwar eine ganze lange Zeit. Es gibt kein Entkommen, solange das seltsame Baby, das plötzlich in einem Pappkarton am Straßenrand liegt, nicht in deren Obhut aufwachsen kann.

What the Fuck? Sehnsüchtig wartet man auf eine Erklärung. Letztlich bleibt man so rat- und hilflos wie Gemma und Tom, die in absoluter Isolation und unter einem seltsam weltfremden Himmel, der aussieht, als wäre er von schlechter KI generiert, dahinfunktionieren. Finnegans Film hält sein Publikum insofern bei der Stange, da er Hoffnung sät. Jede weitere Szene könnte es soweit sein, und die beiden kommen dem Geheimnis auf die Spur.

Vielleicht gelingt es ihnen, vielleicht auch nicht: Verantwortlich für einen der bizarrsten Independentfilme der ausgehenden letzten Dekade zeichnet Garret Shanley – kennt man bereits sein Skript zum Rache-Horror Nocebo mit Eva Green, lässt sich erahnen, wie weit der Autor auch hier gehen wird können. Vivarium ist beklemmend und grotesk, strotzt vor verstörenden Ideen und genießt die Freiheit des fantastischen Kunstfilms, ohne auf das Einspiel Rücksicht nehmen zu müssen. Unter solchen Voraussetzungen erweitert das Kino seine kreative Palette und lukriert dabei ordentlich Courage, den Erwartungshaltungen des Mainstreams entgegenzutreten. Das gefällt nicht jedem, wenn die erzählerische Finsternis mit der Sehnsucht nach rationaler Ordnung Schlitten fährt.

Vivarium – Das Haus ihrer (Alp)Träume (2019)

In the Lost Lands (2025)

EIN TOURGUIDE FÜR DIE WUNSCHHEXE

5/10


© 2025 Praesens Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, KANADA, USA 2025

REGIE: PAUL W. S. ANDERSON

DREHBUCH: CONSTANTIN WERNER

CAST: MILLA JOVOVICH, DAVE BAUTISTA, ARLY JOVER, AMARA OKEREKE, FRASER JAMES, SIMON LÖÖF, DEIRDRE MULLINS, SEBASTIAN STANKIEWICZ, TUE LUNDING U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Der dunkle Turm, Fallout, Mad Max, Warhammer – das alles und noch viel mehr lässt sich dieser Tage im Paul W. S. Andersons neuem Endzeitspektakel In the Lost Lands wiederfinden, basierend auf einer Kurzgeschichte von GOT-Schöpfer George R. R. Martin, die dieser irgendwann in einem Anfall der Lust, die Postapokalypse mit verruchten Helden und Hexen zu bevölkern, womöglich innerhalb eines Abends auf ein Blatt Papier geschmiert haben könnte. Nun, Martin ist Martin, auch sowas verkauft sich und findet dann auch noch jemanden, der das ganze verfilmen will. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, den Niedergang unserer Welt sehen wir alle gerne, zumindest bannt dieses Subgenre vielleicht diverse Ängste, die zurzeit ohnehin massenhaft an die Oberfläche sickern.

Zu sehen ist ein verwüstetes Stück ehemalige urbane USA (was denn sonst), eingestürzte Wolkenkratzer machen sich immer gut, zum Glück verzichtet Anderson auf die Freiheitsstatue, denn die gibt’s ja schließlich schon anderswo. In dieser rauen Gegend, in welcher die Wüstenstürme toben und der Himmel dadurch in rostroten Farben strahlt, reitet ein einsamer Gunman in eine Stadt ein, die George Miller hätte entwerfen können. Oder aber auch in der Welt von Warhammer 40.000 zu finden gewesen wäre. Der bullige Revolvermann schiebt sein Konterfei bereits anfangs nah an die Kamera, um dem Publikum zuzuraunen, dass diese Geschichte keinesfalls ein Märchen sei, und ein Happy End gäbe es auch keines. Danke für den Spoiler an dieser Stelle, doch letztlich ist es egal, ob wir wissen, wie es ausgeht oder nicht. Wichtig ist Dave Bautista, die stiernackige Furchenstirn, und an seiner Seite Milla Jovovich, die immer noch eine gute Figur macht und vor allem als Hexe Gray Alys niemandem einen Wunsch abschlagen kann. Das ist ihr Credo, und dafür lebt sie – auch wenn sie vom alle Höllen überdauernden erzkatholischen Klerus zwischen jüdischem Hohepriestertum und Kreuzzug-Geilheit als Ketzerin gebrandmarkt und standrechtlich gelyncht werden soll. Lady Overlord, die Königin, schert das kein bisschen. Sie will Gray Alys in die Wüste schicken, damit sie einen Gestaltwandler heranschleppt, dessen magische Essenz sie absorbieren kann – um selbst die Macht des Tieres in sich zu tragen.

Also reiten Bautista und Jovovich als ungleiches Gespann auf ins Ungewisse, verfolgt von den klerikalen Schergen, um… was zu erleben? Abenteuer? Viele gibt es nicht, auch wenn über die Lost Lands als ein Ort ohne Wiederkehr nur hinter vorgehaltener Hand ehrfürchtig geflüstert wird. Durchs bildbearbeitete Nullachtfünfzehn-Ödland könnte sogar eine Schar Kinder reisen, sie müssten zumindest einen größeren Bogen um gewisse Orte machen, dann ist alles kein Problem. Das Drehbuch von Constantin Werner findet dabei sagenhaft serientaugliche Dialoge, vorhersehbare Wendungen und vor allem eines: ein konfuses letztes Drittel, dem man durchaus mehr Augenmerk hätte schenken können. Eine klare Sicht hat man bei diesem Sand im Getriebe dann längst nicht mehr, ein bisschen ratlos sieht man dabei zu, wie Milla Jovovich in ihrer Hexenrolle versucht, alle Wunscherfüllungen unter einen Hut zu bekommen. Es hapert immens an der Schlüssigkeit, doch die artifizielle Optik ist Anderson deutlich wichtiger. Was seinerzeit unter Zac Snyder im Spartaner-Epos 300 die Münder offen stehen hat lassen, erfreut das CGI-müde Auge gerade noch bei der ersten animierten Kamerafahrt vorbei am stahlgeschmiedeten Voest-Alpine-Kreuz hin zum totenkopfgeschmückten Overlord-Palast, angesichts dessen man He-Mans Greyskull-Zauberwort bereits in den Ohren hat. Später dann, nach dem wiederholten Schwenk und dem Closeup auf regennasse Totenschädel, ist der Spaß am phantastischen Trash-Kino keinesfalls ganz verklungen – er mag vielleicht in Langeweile umgeschlagen sein, dank einer gewissen visuellen wie erzählerischen Monotonie.

Das solide Kernstück bleiben Jovovich und Bautista – vielleicht reiten sie ja nochmal gen Sonnenuntergang, wie Lucky Luke, nur ohne Rantamplan, stattdessen eine klingenschwingende Madame Mim an seiner Seite – als diese noch ihre besten Jahre hatte.

In the Lost Lands (2025)

Mickey 17 (2025)

DER RECYCELTE MENSCH

7/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BONG JOON-HO

DREHBUCH: BONG JOON-HO, NACH DEM ROMAN VON EDWARD ASHTON

CAST: ROBERT PATTINSON, NAOMI ACKIE, MARK RUFFALO, TONI COLLETTE, STEVEN YEUN, ANAMARIA VARTOLOMEI, HOLLIDAY GRAINGER, CAMERON BRITTON, STEVE PARK, IAN HANMORE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 17 MIN


Bong Joon-Ho muss Vegetarier sein. Etwas anderes hätte man nach seinem Schweinehund-Märchen Okja schließlich ohnehin nicht annehmen können. Jetzt, mit Mickey 17, zementiert er ein weiteres Mal die Conclusio in sein Meinungsportfolio, dass niemand verwurstet gehört – weder Mensch noch Tier. Die Würde bleibt auch bei Tieren unangetastet, ob sie nun genau solche kognitiven Fähigkeiten besitzen wie unsereins oder nicht. Um ehrlich zu sein, ist der Mensch im Entschlüsseln tierischer Sprache keinen Schritt weitergekommen, lediglich Mutmaßungen führen dazu, dass das Vokabular von Hund, Wal oder Affe deutlich differenzierter sein könnte als angenommen. Ein ähnlicher Verdacht könnte auch angesichts der autochthonen Lebewesen auf fernen Planeten aufkommen – so gesehen zum Beispiel auf dem treffend benannten Himmelskörper namens Niflheim, angelehnt an die in den nordischen Mythen existierende Welt des Nebels, des Eises und der Finsternis. Um abzuklären, ob dieser Ort etwaige Gefahren für den Menschen birgt, wird einer wie Mickey Barnes in die winterliche Frischluft gestoßen. Er ist schließlich entbehrlich, all die anderen nicht. Warum? Der Kerl ist ein Expendable – der einzige Expendable auf einem Kolonialkreuzer, auf dem eine dorfgroße Gemeinde unter der Führung des an Elon Musk (und nicht an Donald Trump) erinnernden Möchtegern-Diktators Kenneth Mitchell und dessen saucen-affiner First Lady ein neues Reich gründen soll, vier Jahre Reisezeit von der längst zerstörten Erde entfernt. Als austauschbarer Billigmensch muss Mickey im plüschigen gemüts-Outfit eines Versuchskaninchens alle möglichen wissenschaftlichen und existenzsichernden Experimente über sich ergehen lassen. Ob tödliches Bakterium, kosmische Strahlung oder ein Sturz in eine Gletscherspalte: Mickey hat zwar Angst vor dem Tod, wird aber immer wieder recycelt, aus allen möglichen organischen Abfallprodukten, um erneut als systemerhaltende Ein-Mann-Exekutive für allerlei Drecksarbeit herhalten zu müssen. Da passiert es, dass der Sturz durchs Eis gar nicht mal so lethal ausgeht. Mickey Nummer 17 – nach 16 Toden – überlebt dank der Hilfe einer außerirdischen Spezies, abfällig bezeichnet als die Creeper, und muss seine Koje bald mit Mickey Nummer 18 teilen. Einziges Problem: Multiple Personen sind unter Mitchells Regime nicht erlaubt.

Edward Ashtons Roman Mickey 7 hat für den Protagonisten dieser schillernden Science-Fiction-Satire nur sechs vorangegangene Tode geplant. Bong Joon-ho treibt die vom System betriebene Entbehrlichkeit genussvoll auf die Spitze und webt in dieses Szenario gleich mehrere gesellschaftskritische Themen ein, die aber allesamt niemals mit dem erhobenen Zeigefinger fuchteln. Er verzichtet auch auf platte Vergleiche mit realen Umständen und verfremdet sie so weit, dass sie dennoch, wie in einem pädagogisch ausgefeilten Kinderbuch für gar nicht weltfremde Heranwachsende, verstanden werden können. Jean Ziegler stellte zum Beispiel in einem Buch die Frage: Wie kommt der Hunger in die Welt? Bong Joon-ho gibt zu bedenken, wer eigentlich in einer Gesellschaft wie dieser und der unseren das Werk am Laufen hält, ohne dafür jene Anerkennung und Wertschätzung zu bekommen, die diesen Menschen zustehen würde. Mickey ist die fleischgewordene Metapher für den systemrelevanten Austauscharbeiter, der sich im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode schuftet, während die oberen Gesellschaftsschichten mit aufsteigender Tendenz immer mehr dem Peter-Prinzip folgen und auf jene unter ihnen treten. Filme wie Der Schacht von Galder Gaztelu-Urrutia oder auch Joon-Hos genialer Revolutions-Actioner Snowpiercer thematisieren Ähnliches. Mickey 17 aber ist von all diesen Filmen der schrulligste, liebevollste und verspielteste. Dafür kann man dem leidenschaftlich agierenden Robert Pattinson in seiner (und das ist nicht nur eine Phrase) bislnag besten Rolle nicht genug danken. Er legt seinen von allen Seiten getretenen Mickey mit einer schlurfigen, verpeilten, naiven Gottergebenheit an, er macht ihn zum Nichtsnutz und zum Improvisateur bar excellence gleichermaßen. Zum sozial-menschlichen Ideal und zum gehorsamen Befehlsempfänger. Er ist der einfachste unter den Einfachen, durch seine Unvoreingenommenheit aber auch jener mit der größten sozialen Kompetenz. Skills, die alle anderen über ihm nicht besitzen. Auch wenn Pattinson dann zweimal zu sehen ist – der Mann weiß, wie er sein Verhalten differenziert, damit man beide spielerisch unterscheiden kann. Der übrige Cast kann sich ebenfalls sehen lassen. Ruffalo wiederum dürfte seine Performance des Chauvinisten aus Lanthimos Poor Things niemals so recht abgelegt haben.

Den größten Clou fährt Bong Joon-ho mit der Liebe zu anderen Arten ein. Nach dem nilpferdigen Okja sind es diesmal knuffige Mischwesen aus Assel, Elefant und Moschusochse mit einem Schuss Lovecraft’schem Cthulhu. Wesen, die genauso wertzuschätzen sind wie jeder einzelne Hominide, der hier als Alien-Rasse auftritt, um die Andersartigen aufgrund machtgieriger Inkompetenz auszulöschen. Diese Kreaturen aber schließt man ins Herz, man bewundert die Raffinesse der Filmemacher, diese zum Leben zu erwecken. Mickey 17 wird zur kauzigen Komödie, niemals zu albern, niemals zu schrill. Bong Joon-Ho beweist ein empathisches Gespür für seine Themen und seine Geschichte, er bleibt respektvoll selbst der respektlosesten Figur gegenüber. Dass man also mit Witz, Ironie und spektakulären Bildern das Genre innovativ erweitern kann, erfrischt das Gemüt nerdiger Phantasten genauso wie nachdenklicher Realisten. Und vielleicht, ja, vielleicht würde sich Bong Joon-ho mit seinem Herz für die Vielfalt des Individuums dazu überreden lassen, irgendwann das Star Wars-Universum zu bereichern. Ein Gedanke, der mit während des Films immer wieder kam.

Mickey 17 (2025)

The Gorge (2025)

BEZIEHUNG, DIE IN DIE TIEFE GEHT

6,5/10


© 2025 AppleTV+


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: SCOTT DERRICKSON

DREHBUCH: ZACH DEAN

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, MILES TELLER, SIGOURNEY WEAVER, SOPE DIRISU, WILLIAM HOUSTON, SAMANTHA COUGHLAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Liebhaber der Asterix-Comics werden sich bei Sichtung des neuen Apple-Starvehikels The Gorge an eine Ausgabe erinnert fühlen, der eine ähnliche Prämisse zugrunde liegt wie in diesem Film: Der Umstand eines großen Grabens. Nur: Bei den Galliern versinnbildlichte diese Kluft eine gespaltene Gesellschaft, während hier, im scheinbar mitteleuropäischen Nirgendwo zwischen Bergen und Wäldern die geographische Spaltung etwas verhindert, was eigentlich zusammengehört. Es scheint, als wären Anya Taylor-Joy und Miles Teller füreinander bestimmt. Punktgenau treffen sie zur selben Zeit am richtigen Ort aufeinander, das Tor der Hölle, das den beiden Scharfschützen zu Füßen liegt, mag den Austausch von Intimitäten oder geflüsterten Worten wohl verhindern. Kein Problem für einsame Seelen wie diese. Die müssen schließlich ein Jahr lang auf ihren Türmen ausharren und darauf achten, das nichts und niemand aus dieser wolkenverhangenen Spalte herauskommt. Was da unten abgeht, kann man nur erahnen oder in Albträumen mit grenzenloser Fantasiebegabung verarbeiten. Es wäre nicht Scott Derrickson am Werk, würden wir nicht nach halbstündiger Laufzeit bereits einen Vorgeschmack davon bekommen, was es mit den „Hohlen Männern“, die da unten Radau machen, auf sich hat.

The Gorge liefert dabei satte Action, aber auch ordentlich Suspense. Nicht zu vergessen: Romantisches liegt in der Luft. Das prickelnde Gefühl des Kennenlernens weicht bei Anya Taylor-Joy und Miles Teller aber eher einem Blind Date-Pragmatismus. Derrickson liegt die Atmosphäre aber deutlich näher als ein Sträusschen Wildblumen für die Angebetene. Über weite Strecken fällt nicht mal ein Wort – Reduktionen wie diese adeln gefühlt jeden Film, sowieso wird viel zu viel palavert, da lobt man den Gedankenaustausch mit bekritzelten Zeichenblöcken, die sich beide vor das jeweilige Binokular halten. Das Interesse füreinander wird bald so groß, dass sich ein Weg finden lässt, um die sinnbildlichen Differenzen zu überbrücken. Wo aber ein Wille, da manchmal ein Umweg: Die Schlucht kommt beiden näher, als ihnen lieb ist.

Spätestens da macht die genreübergreifende Mystery, die nicht zwingend als Young Adult-Fantasy angesehen werden kann, mit zugedrücktem Auge aber doch, einen Twist in eine Richtung, die verschwörungsumwobene Gefilde im Fahrwasser von Stranger Things verlässt und sich lieber dem Erdachten eines Schriftstellers wie Jeff Vandermeer widmet, der mit seiner Southern-Reach-Trilogie rund um eine biologisch abnorme Sphäre der Genre-Literatur neue Richtungen offenbart hat. Alex Garland hatte 2018 dann den ersten Band unter dem Titel Auslöschung kongenial verfilmt. Sein gespenstischer Abenteuerthriller mit Natalie Portman ist Wissenschafts-SciFi vom Allerfeinsten, doppelbödig, bizarr und philosophisch. The Gorge hat Ansätze dazu, liefert atemberaubende Bilder, wie gemalt und aus opulenten Visionen ins Medium Film hinübergerettet. Es lohnt sich, diese Schlucht, diesen Abgrund zu erkunden, gemeinsam mit zwei integren, motivierten Junior-Spezialisten, die durch Farbwelten taumeln und Morbid-Phantastisches erleben. All das zu den mitreissenden, geschmackvoll dreckigen Vibes von Trent Reznor und Atticus Ross.

Nach einem vielversprechenden Anfang und einem illustren Mittelteil gerät dann aber auch Derricksons Schluchten-Picknick für den Valentinstag ins Stocken. Sigourney Weaver als zwielichtige Führungskraft, die den Höllenschlund bewachen will, nichts ahnend, dass dies bereits Buffy Summers in ebendieser Serie getan hat, ist zwar immer wieder gern gesehen, bleibt aber mit ihrem banalen Steckbrief, den Antagonisten in Mainstreamfilmen häufig mit sich schleppen, ziemlich blass. Das Mysteriöse im Unklaren zu lassen ist wie der Horror Vacui – die Scheu vor der Leere. Hier ist es die Angst vor dem Unerklärlichen, die so manches US-Studio dazu verleitet, von allem den Schleier des Kryptischen zu nehmen. Und als wäre diese Ernüchterung nicht schon genug, lässt The Gorge auch nicht zu, seinen kritischen Science-Fiction-Ansatz weiterzuspinnen, zumindest dorthin wuchern zu lassen, wo die romantische Poesie des Schmerzlichen wohnt. Die kitschige Harmonie am Ende des Films vereitelt eine auf der Hand liegende, ambivalente Conclusio, die viel mehr Emotionen mit sich gebracht hätte als es schlussendlich der Fall ist.

The Gorge (2025)