Final Destination 6: Bloodlines (2025)

DETERMINISMUS MIT SIPPENHAFTUNG

6/10


© 2024 Warner Bros. Pictures, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: ZACH LIPOVSKY, ADAM B. STEIN

DREHBUCH: GUY BUSICK, LORI EVANS TAYLOR, JON WATTS

KAMERA: CHRISTIAN SEBALDT

CAST: KAITLYN SANTA JUANA, TEO BRIONES, RICHARD HARMON, OWEN JOYNER, RYA KIHLSTEDT, ANNA LORE, BREC BASSINGER, TONY TODD, GABRIELLE ROSE, APRIL TELEK, ALEX ZAHARA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Grüß Gott, ich bin der Tod: Wenn Gevatter dich auf dem Kieker hat, reicht es womöglich nicht, wenn man ihm, ganz so wie die legendäre EAV es besingt, einen Jagatee kredenzt. Doch der Sensenmann macht sich in Wahrheit gar nichts aus Hochprozentigem, dafür aber will er, dass die ganzen hundert Prozent derer, die auf seiner Liste stehen, auch über die Klinge springen. In der Horrorfilm-Reihe Final Destination hat der Tod auch nie ein Gesicht. Das, was die ganze Zeit so aussieht, als wären es unglückliche Zufälle, scheint eine höhere Macht, die das Leben und Ableben steuert. Der freie Wille ist nur Illusion. Diesem Determinismus zu entgehen, der uns alle gefangen hält, mag ein Ding der Unmöglichkeit sein. Das geht nur dann, wenn man Gevatter austrickst. Wie die alte Frau in ihrem Häuschen – wir alle kennen den Witz – die, auf die Tränendrüse drückend, einen Deal mit ihrem Schicksal eingeht und den Tod auch schwören lässt, er soll sie doch erst am nächsten Tag nochmal holen. Zur Erinnerung heftet sie den Vertrag an die Tür – und lebt womöglich heute noch.

Damals, 25 Jahre ist es her, sorgte der Horrorthriller Final Destination für schweißnasse Hände – der vorausgeahnte Flugzeugcrash ist mir in Erinnerung geblieben. Diese Katastrophe, vom Schicksal so vorausgeplant, bildete im Jahr 2000 den Auftakt für allerlei bizarre Ideen, wie ein Mensch auf die noch so absurdeste Art und Weise das Zeitliche segnen kann. Dabei zeichnete sich bereits ab: Hat man wohl einen Teil dieser Filmreihe gesehen, kennt man alle. Somit haben wir es hier mit reinstem Effektkino zu tun, das aber auch dazu steht, nichts anderes zu wollen außer den Effekt, den Kick, die blutige Schadenfreude, die Sensation, wenn junge Menschen abnippeln und dabei nicht selten den Kopf, das Rückgrat oder alle Extremitäten verlieren. Zumindest beim Original war die Idee eines vorbestimmten Plans einer alles steuernden Entität ein prickelndes, auch unbequemes Gedankenspiel. Doch was anfangs schon durch war, dient wohl des Weiteren kaum als inhaltliches Füllmaterial. Macht aber nichts. Filme, in denen der Zweck des garstigen Entertainments die Mittel heiligt, und wenn sie auch immer ähnlich sind, taugen zumindest so viel wie eine Achterbahnfahrt am Rummel. Auch die will man immer und immer wieder genießen, sofern schwindelfrei.

Nicht ganz so schwindelfrei mag wohl der eine oder andere Besucher eines dem Donauturm ähnlichen, schicken Luxus-Restaurants sein, genannt Skyview Tower. In den Sechzigern lässt sich Iris von ihrem Freund Paul zur Eröffnung dieser sensationellen Lokalität liebend gerne einladen, mulmiges Gefühl beim Einsteigen in den Fahrstuhl hin oder her. Und natürlich hat die junge Dame sogleich die Vision einer verheerenden Katastrophe, ausgelöst durch eine Münze, die in den Lüftungsschacht gerät. Wie Zach Lipovsky und Adam B. Stein die Materialschlacht mit zahlreichen Todesopfern inszenieren, kann sich sehen lassen. Das beste dabei: Wenn man glaubt, spektakulärer wird es wohl nicht, braucht man sich nur vorstellen, was passiert, wenn ein MRT-Gerät im nächstgelegenen Krankenhaus verrückt spielt. Das tut weh, höllisch weh. Abermals durften sämtliche kreative Köpfe im Ideenpool plantschen, damit es auch diesmal wieder Unfälle gibt, die man so noch nicht gesehen hat. Es verhält sich wie mit den Filmen der Saw-Reihe: Selbes Prinzip, selbes Muster, auch hier sollte sich bestenfalls keine der Foltermethoden wiederholen.

Final Destination 6: Bloodlines meldet sich also nach Jahren wieder zurück aus dem Scheintod und will diesmal auch mehr Story liefern. Mit Bloodlines ist sowieso schon alles gesagt: Folglich trifft es diesmal die Erben der dem Tode Entwischten. Auf kuriose Weise ist das nur logisch und auch durchdacht, wenngleich die Stringenz dabei im Laufe der Handlung verlorengeht und der Tod bald selbst seine eigenen Regeln nicht mehr befolgt. Anyway, bei Filmen wie diesen ist das egal. Blut muss fließen, Schädel müssen brechen, und Baumstämme sind schwer. Dass das ganze mehr zum körpersaftigen Hoppala-Overkill mutiert als zum unheilvollen Horror ausartet, ist auch kein Geheimnis. Wer’s mag, ist hier nicht fehl am Platz. Gesehen, schadenfroh grinsend geekelt und vielleicht vergessen. Es sei denn, man muss bald zum MRT.

Final Destination 6: Bloodlines (2025)

Misericordia (2024)

EIN FREUND DER FAMILIE

7,5/10


© 2024 Salzgeber


ORIGINALTITEL: MISÉRICORDE

LAND / JAHR: FRANKREICH, SPANIEN, PORTUGAL 2024

REGIE / DREHBUCH: ALAIN GUIRAUDIE

KAMERA: CLAIRE MATHON

CAST: FÉLIX KYSYL, CATHERINE FROT, JEAN-BAPTISTE DURAND, JACQUES DEVELAY, DAVID AYALA, SÉBASTIEN FAGLAIN, TATIANA SPIVAKOVA, SALOMÉ LOPES, SERGE RICHARD U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Ganz gemächlich schlingert die Landstraße durch den provinziellen Südosten Frankreichs – solche Kamerafahrten verheißen in Filmen oft nichts Gutes, man denke da nur an Stanley Kubricks Shining. Da kommt eine Bedrohung auf jemanden zu, nicht nur auf das zusehende Publikum, sondern auch auf so manche Figur in diesem Kriminalfilm, die genauso wenig wie wir damit rechnen wird, woher und wohin der Wind weht. Angenehm herbstlich ist es hier, im mittelalterlich anmutenden Städtchen Saint Martial im Department Ardèche, weit weg von urbanem Trubel, umgeben von Wald und dem Gefühl eines seltsamen Verwelkens. Diese eingangs erwähnte Landstraße ist ein Kerl entlanggefahren, der früher mal in diesem Städtchen gelebt und der als Teenager für den lokalen Bäckermeister gearbeitet hat. Dieser ist schließlich nun verstorben, deshalb ist Jérémie (Félix Kysyl) auch hier, um ihn, den er einst insgeheim geliebt hat, die letzte Ehre zu erweisen. Es wäre auch gar nichts weiter passiert, hätte Martine (Catherine Frot), die Witwe des Mannes, gegen den Willen ihres Sohnes Vincent den jungen Mann nicht dazu aufgefordert, doch hier zu übernachten, schließlich ist es schon spät. Jérémie willigt ein, und bald stellt sich heraus: Der seltsame, arbeitslose Niemand mit der undurchschaubaren Mimik ist gekommen, um zu bleiben. Vincent gefällt das gar nicht, denn er weiß: Jérémie ist nur hier, um sich in das Leben einer Familie zu schleichen, auf manipulierende Weise. Mit dieser offenen Zurschaustellung seiner Antipathie tut sich der argwöhnische Sohnemann keinen Gefallen – und bald ist er auch verschwunden.

Es ist kein Geheimnis in diesem Film, dass diesem Jérémie aus Toulouse bald schon Blut an den Fingern kleben wird. Das hindert ihn nicht daran, seine Chance auf ein neues Leben ohne Rücksicht auf Verluste zu ergreifen – und sind sie auch menschlicher Natur. Seine Identität wechselt der Mörder allerdings nicht, was man als Argument ins Feld führen kann, um den Vergleich mit Patricia Highsmiths kultigen Kriminellen Tom Ripley hinken zu lassen. Und dennoch: nicht von ungefähr drängt sich während der Betrachtung dieser Groteske das Bild jenes Mannes auf, der einst seinen Freund versenkt hat, um seine Identität anzunehmen. Man darf bei Misericordia (was so viel bedeutet wie Barmherzigkeit, Gnade) allerdings auch kein gewöhnliches Krimispiel erwarten, denn Autorenfilmer Alain Guiraudie schichtet sein bizarres Stelldichein in mehreren Ebenen übereinander, nur, um diese dann im Laufe der Erzählung ineinanderfließen zu lassen, damit eine lakonische, perplex machende Komödie entsteht, die den Witz gar nicht als solchen zu erkennen geben will. Die pragmatische Schrägheit ergibt sich aus einem Arrangement an Figuren, die zur richtigen oder falschen Zeit einander über den Weg laufen, und die jede auf ihre Art eine Abhängigkeit zur anderen entwickelt. Darunter Jacques Develay als obskurer Pater, der die Gabe der vielsagenden Blicke beherrscht; oder der bärige Walter (David Ayala), der mit den homosexuellen Avancen des Eindringlings völlig überfordert scheint.

Misericordia ist ein bizarres Schauspiel von einer solchen Unvorhersehbarkeit, dass es fast den Anschein hat, Guiraudie will das Genre des Landkrimis nicht nur parodieren, sondern diesem den Mut verleihen, auch mal tiefer zu graben – dort, wo die Morcheln wie Boten des Todes und der Niedertracht aus dem feuchten Waldboden schießen. Die titelgebende Gnade wiederum ist ein Geschenk, motiviert aus der Sehnsucht anderer, so wird gar das mit groben Strichen gezeichnete Ensemble zum unschuldigen Opfer seiner Gefühle und Bedürfnisse. Diese psychologische Betrachtungsweise  verdrängt gar den düsteren Krimiplot, der aber essenziell für die ganze Geschichte bleibt, und rückt näher an einen autochthonen, im Dämmerschlaf befindlichen Mikrokosmos heran, der durch externe Invasoren dazu mobilisiert wird, sich selbst zu finden. Misericordia ist ein feiner, verrückter, sonderbarer Film, voller Barmherzigkeit für einen wie Ripley. Und nicht nur für ihn.

Misericordia (2024)

The Woman in the Yard (2025)

DIE PSYCHE IM SONNENLICHT

4/10


© 2025 Blumhouse


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JAUME COLLET-SERRA

DREHBUCH: SAM STEFANAK

KAMERA: PAWEL POGORZELSKI

CAST: DANIELLE DEADWYLER, OKWUI OKPOKWASILI, PEYTON JACKSON, ESTELLA KAHIHA, RUSSELL HORNSBY U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Normalerweise beschäftigt sich Regisseur Jaume Collet-Serra eindeutig mehr mit hemdsärmeligen Actionthrillern, kunterbunten  Gehversuchen im DC-Universum oder halblustigen Dschungelfahrten. Auch der eine oder andere B-Movie-Horror geht auf seine Kappe – doch so etwas wie The Woman in the Yard ist im Grunde völlig fremdes Terrain. Was hat Collet-Serra also dort verloren, in diesem metaphysischen, spielfilmlangen Arthouse-Konstrukt, in dieser Homestory einer mysteriösen Heimsuchung, die sich trotz ihrer fantastischen Elemente ernüchternd profan gibt. Ein Psychothriller aus dem populärwissenschaftlichen Nachschlagewerk über psychologische Krankheitsbilder, gerne wohl einsortiert im wohnzimmerlichen Einbauschrank, falls mal irgendetwas mit Vater, Mutter oder Kind nicht stimmen sollte. Und ja, in diesen vier Wänden läuft vieles nicht mehr, wie es sollte, nachdem der gute Ehemann und Vater bei einem Autounfall ums Leben kam. Ramona (Danielle Deadwyler, u. a. Till – Kampf um die Wahrheit) stemmt mehr schlecht als recht den Haushalt und betreut ihre nun halbwaisen Kinder, Mädel und Bub, wobei letzterer seiner jüngeren Schwester immer wieder Angst einjagt.

Das aber wäre das geringste Problem, da die am Unfall beteiligte Mutter, selbst noch in der Rehabilitationsphase, den Alltag nur schwer auf die Reihe bekommt. Unbezahlte Rechnungen, ein desolates Auto und ein leerer Kühlschrank mobilisieren den Ausnahmezustand, Strom gibt’s auch keinen mehr und gerade in diesem Moment, wo man wirklich keine anderen Probleme mehr benötigt, bekommen die drei Besuch von einer Unbekannten. Unweit des Hauses, vor dem Zufahrtsweg, sitzt eine komplett in Trauerflor gehüllte Dame in einem eigens mitgebrachten Stuhl. Sie sitzt hier bei strahlendem Sonnenschein und wartet. Was das zu bedeuten hat, lässt sich nicht so recht in Erfahrung bringen. Ramona will die Verhüllte zur Rede stellen, doch diese spricht nur davon, dass dies nun endlich der Tag sei. Welcher Tag? Was wird passieren? Wie eine Prophetin aus einer anderen Dimension markiert sie als eine Botin des Schicksals den Wendepunkt einer Existenz voller Selbstvorwürfe, Schuldgefühle und ohnmachtsanfälliger Depressionsschübe.

Diese einer Ahnfrau nachempfundene Schreckensgestalt hat ein großes Problem: Sie ist nicht konsistent. Die Figur in ihrer Erscheinung passt nicht zu ihrem Handeln. Natürlich schaffen Drehbuchautor Sam Stefanak und Collet-Sera einen hohen Faktor des Unberechenbaren, doch genau darin wirkt The Woman in the Yard wenig durchdacht. Mal wirkt das Horrordrama wie moderner Gothic-Grusel, dann aber bemüht man psychologischen Surrealismus, der die bislang subtile Erzählweise in plakativer Bedeutungsschwermut übermalt und übertüncht. Als sinnbildliches Psychodrama will The Woman in the Yard zu viel abbilden und überlässt so gut wie nichts der eigenen Vorstellungskraft. Die generischen Charakterbilder einer vom Schicksal gebeutelten Familie genießen hier keinerlei Fine-Tuning, und so wird klar, dass Collet-Sera im Eigentlichen auf einer ganz anderen Klaviatur spielt, auf einer eher soliden, physisch und nicht psychisch starken. Die Schwäche in der Handhabung eines so schwerwiegenden Stoffs, für die es behutsame Dramaturgie braucht, verursacht ein vertracktes Durcheinander voller Budenzauber und langen Schatten – das ist weder neoromantisch noch empathisch, sondern vor allem verwirrend und allzu grob durch diverse Realitäten jagend.

The Woman in the Yard (2025)

Jurassic World: Die Wiedergeburt (2025)

INDIANA JONES UND DIE INSEL DER DINOSAURIER

6/10


© 2025 Universal Pictures. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: JURASSIC WORLD: REBIRTH

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: GARETH EDWARDS

DREHBUCH: DAVID KOEPP

KAMERA: JOHN MATHIESON

CAST: SCARLETT JOHANSSON, MAHERSHALA ALI, JONATHAN BAILEY, RUPERT FRIEND, MANUEL GARCIA-RULFO, LUNA BLAISE, AUDRINA MIRANDA, DAVID IACONO, ED SKREIN, BECHIR SYLVAIN, PHILIPPINE VELGE U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Aus der brillanten Vision einer Welt, in der die prähistorische Fauna erneut den Erdball besiedelt und mit uns, dem Homo sapiens, Seite an Seite existieren muss – nun, aus dieser Vision wurde nichts. Nur zaghaft hat sich Colin Trevorow 2022 mit Jurassic World: Ein neues Zeitalter an die Umsetzung dieses Szenarios herangewagt, einige wenige Szenen ließen gar einen tieferen Einblick in den Umgang des Menschen mit den Dinosauriern zu. Doch letzlich war das dem Studio viel zu düster, zu zivilisationskritisch – das Publikum lechzt wohl eher nach dem Abenteuer und benötigt auch nicht zwingend die alte Riege von damals – Laura Dern, Sam Neill oder Jeff Goldblum, denn diese Reminiszenz an die Anfänge des Dino-Hype war wohl auch mehr Zwangsbeglückung als intrinsische Notwendigkeit.

Wir wissen: Wenn man sich verfährt, kann man zurück zur Weggabelung, diese wäre ungefähr dort, wo sich Steven Spielberg und Drehbuchautor David Koepp an den Versatzstücken der Romane von unter anderem Jules Verne oder H. G. Wells orientierten, und wo es gelang, das perfekte Survival-Abenteuer für die ganze Familie aus dem Inseldschungel zu stemmen, natürlich mit sensationellen Sequenzen, die längst totgeglaubte Wunder der Natur wiederbelebt hatten, nicht nur zur Freude kleiner Jungs (und weniger der Mädchen), die in ihren Kinderzimmern ihre Regale mit Spielzeugminiaturen diversester Spezies vollgestellt wussten. Nach Vergessene Welt: Jurassic Park aus dem Jahr 1997 ist es aus narrativer Sicht nicht weit bis zum jüngsten Abenteuer, und ja, auch aktuell sieht man anhand des Skripts, dass David Koepp zwar damit beauftragt wurde, sich selbst eine neue, weitestgehend originäre Geschichte aus den Rippen zu leiern, diesem aber nicht wirklich viel anderes einfiel als das, was er ohnehin schon geschrieben hat.

Wir haben eine Insel, eine verbotene Zone, wir haben ein Team waghalsiger Abenteurer, die der Mammon lockt. Wir haben eine Familie, die natürlich nicht sterben darf, denn Universal Pictures ist ein familienfreundliches Studio und will niemanden verstören. Diese Familie kommt, wie seinerzeit die Kids im Original, unfreiwillig zum Handkuss und muss zwischen Faszination für das Urtümliche und Todesangst die Grenzerfahrung ihres Lebens bestreiten, während das Schicksal auf ihrer Seite steht. In der Jurassic World herrscht schließlich ein gerechter Dino-Gott, der die Moral predigt und die Niederträchtigen bestraft, während sogar jene überleben, die sich zu opfern bereit sind. Somit ist von Anfang an klar, wer heil bleibt und wer sterben wird. Koepp und Regie-Visionär Gareth Edwards würfeln die Spielrunde nicht neu, schon gar nicht bei den Figuren. Diese sind klar positioniert, als wäre eine KI mit allen bisherigen Jurassic Park- oder World-Filmen trainiert worden, nur um Charaktere auszuspucken, die ohne jegliche Grauschattierung so klischeehaft sind, dass sich selbst jene „Redshirts“, die als Dino-Futter auserkoren sind, klar zu erkennen geben. Und das Kind? Klar gibt es das. Und nein: es würde niemals, niemals, NIIIIEMALS gefressen werden. Weil sich der Dino denkt: Ach nööö, Kinder und Hunde (oder Babydinos), die sind tabu, da passe ich mich der gesellschaftlichen Moral des Homo sapiens natürlich an.

All diese Vermutungen werden sich bestätigen. Rechtschaffenheit, Anstand und Ordnung dürfen selbst in einer gesetzlosen, archaischen, wilden Welt wie diese, die so aussieht, als wäre sie Teil einer Hohlwelt im Herzen unseres Planeten (Das Godzilla-vs-Kong-Franchise lässt grüßen), nicht über Bord geworfen werden. Letztlich passiert das zumindest einigen der Abenteurer, die unterwegs sind, um die DNA noch lebender Giganten abzuzapfen, die wiederum in der Medizin, speziell für die des Herzens, pharmazeutische Geschichte schreiben soll. Natürlich ist der windige Auftraggeber (Rupert Friend) von Geldgier durchdrungen, Mahershala Ali als anständiger Kapitän seines Kahns nur dann draufgängerisch, wenn die Kohle stimmt und Scarlett Johansson eine, die zwar auch die Dollarscheine in den Augen hat, aber gerne vom einzigen Wissenschaftler in diesem Team eines Besseren belehrt werden wird. Vieles geht dabei schief; die schiffbrüchige Familie, die vom Mosasaurier attackiert wird, ist auch mit dabei. Alle schlagen sich durch die Botanik, um sich am Ende in einem Star Wars-Crossover wiederzufinden, das eine Dino-Mutation vermuten lässt, die so aussieht, als wäre sie aus Jabbas Palast entkommen.

Die Story ist so dermaßen mau, dass vor allem Johansson, die wohl ihre Rolle der Black Widow vermisst und sich als Lara Croft-Verschnitt daher doppelt gefällt, alle Hände voll zu tun hat, um zumindest der menschlichen Seite ein bisschen mehr Charisma zu entlocken. Was Gareth Edwards (u. a. Rogue One: A Star Wars Story) natürlich wieder sensationell gut hinbekommt, sind die Bildwelten, die Optik, die Wiederbelebung so sagenhaft schöner Wesen wie den Quetzalcoatlus oder den Titanosaurus, auch der Mosa schenkt uns eine atemberaubende Performance. Genau dafür geht man ja schließlich in einen Film wie diesen. Hat man mit Dinos nichts am Hut, sind das verlorene Stunden, so aber kann man sich nicht sattsehen an diesen exotischen Biomassen aus grauer Vorzeit, die mitunter ihre Nester in antike Urwaldtempel platzieren, die Indiana Jones wohl noch untersuchen müsste.

Wenn doch nicht alle so einen Radau machen würden während ihrer Tour of Duty durch den Dschungel einer Insel, die es so gar nicht geben kann. Dank eines mangelnden gesunden Menschenverstands lassen sich diverse Arten blicken, doch letztlich auch viel zu wenige. Jurassic World: Die Wiedergeburt besinnt sich der Anfänge, bleibt auf ausgetretenen Pfaden und fordert sein Publikum keine Sekunde, wenngleich es dem Film gelingt, selbst Offensichtliches so zu inszenieren, dass es zumindest nicht langweilig wird.

Jurassic World: Die Wiedergeburt (2025)

F1 – Der Film (2025)

TOP GUN AUF DEM ASPHALT

7/10


© 2025 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOSEPH KOSINSKI

DREHBUCH: EHREN KRUGER

KAMERA: CLAUDIO MIRANDA

CAST: BRAD PITT, DAMSON IDRIS, KERRY CONDON, JAVIER BARDEM, TOBIAS MENZIES, KIM BODNIA, JOSEPH BALDERRAMA, WILL MERRICK, SARAH NILES, SAMSON KAYO, SHEA WHIGHAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 36 MIN


Ein bisschen vermisse ich sie schon, die eingängigen Vibes von Harold Faltermeyer, die Top Gun so elegisch untermalt haben. Auch wenn Hans Zimmer diesmal nicht ganz so die Bässe bedient wie Faltermeyer, gleicht Vintage-Rock aus der Konserve den Mangel bestens aus. Mit dem immersiv-psychedelischen Hadern Whole Lotta Love von Led Zeppelin schmeißt sich schon zu Beginn die Reinkarnation von Steve McQueen ins enge Cockpit eines Boliden während des 24-Stunden-Rennens von Daytona – bei diesem aus der Zeit gefallenen Lenkrad-Boomer handelt es sich um Brad Pitt, der vorgibt, gerade mal 50 Lenze hinter sich gebracht zu haben. Als der fiktive Rennsportler Sonny Hayes schiebt er sich mit breitem Rücken, auf welchem sämtliche Konzerne bereits ihre Werbeplatzierungen sichern, vor die Kamera. Hayes hat nämlich schon alles gesehen, gefühlt den gesamten Rennsport einschließlich der Elite, nämlich der Formel 1. Diesem alten Hasen kann man nichts vormachen, er bekommt zwar sein eigenes Leben nicht in den Griff, dafür aber ist er der Weise unter den Weisen seines Fachs. Und das, obwohl er dreißig Jahre kein solches Rennen mehr fuhr, hat ihn doch sein letztes ordentlich zerlegt – wie Niki Lauda, nur ohne Feuer.

Dieser Hayes folgt der Bitte eines alten Kollegen, in diesem Fall Rennstallkönig Javier Bardem, der mit seiner ebenfalls fiktiven Marke APXGP kurz davor steht, so weit abzustinken, dass sein Unternehmen verkauft werden könnte. Hayes soll den Jungspund Joshua Pearce (Damson Idris) hosten und unterstützen, was der wiederum gar nicht gerne sieht. Natürlich nicht: Welcher millionenschwere Wagenlenker auf dem Weg zum Zenit des Erfolges will sich schon von einem teilinvaliden, fortschrittsignoranten Opa die Welt erklären lassen? Schon gar nicht, wenn dieser als Feschak wie aus dem Ei gepellt mit einer Arroganz hausieren geht, als gäbe es nichts zwischen ihm und Gott. Zugegeben: der andere, Pearce, macht das gleiche. Somit blähen zwei Gockel die Brüste, und zwar so lange, bis sie sich dann doch miteinander arrangieren, und ein Teamwork bilden, dass auf dem glühenden Asphalt zwischen wirbelnder Karosserie und qualmenden Gummi seinesgleichen sucht.

Sport im Film ist nicht Sport im Fernsehen

Natürlich mutet der Plot so an, als wäre er der Konsens zwischen all jenen, die F1 – Der Film auch nur irgendwie gesponsert, produziert und unterstützt haben. Ein aalglattes Unterfangen ohne Ecken und Kanten, auch wenn Brad Pitt als Sonny Hayes vorgibt, eine Biografie mit ebensolchen hinter sich herzuziehen. F1 – Der Film schmeckt jedem, der Motoren heulen hören will. Und jedem, der Geld hat, von Rolex über Dunlop bis Mercedes und darüber hinaus. Sie alle haben ihren Werbeplatz, und obendrauf der Superstar wie ein Wagenlenker aus einer Zeit, in der harte Kerle das Maskuline als Messlatte für überhaupt alles unreflektiert feierten. Zugegeben: Brad Pitt kann das gut, er ist das Klischee eines John Wayne, der gen Sonnenuntergang reitet, der seinen Schmerz zügelt und gleichermaßen auch den fahrbaren Untersatz. F1 – Der Film ist traditionelles, gefälliges, gelacktes Nobelkino, das es wiedermal schafft, trotz aller Stereotypen und trotz all dieser konstruierten, narrativen Elemente für das Subgenre des Sportfilms, nämlich den Rennsportfilm, erneut die Poleposition zu ergattern. Das Paradoxe dabei: Ich selbst habe keinerlei Interesse daran, auch nur irgendwann irgendeiner Live-Übertragung beizuwohnen, die über den Fernsehscreen flimmert. Im Kino aber wird Sport, und nicht nur dieser, zu etwas anderem. Das Medium schafft einen eigenen Zugang, holt auch den Mensch und sein Mindset hinter den Punkten, Sekunden und Ergebnissen hervor. Rush, Le Mans 66, ja sogar Gran Turismo können sich sehen lassen – F1 – Der Film schließt sich da an, liefert ab, vor allem auch visuell, denn wie Kameramann Claudio Miranda an den Rennwägen klebt und während mehreren hundert Stundenkilometern Raserei den Blickwinkel rotieren lässt, da bleibt einem dann doch die Spucke weg.

Obwohl nichts an F1 – Der Film überraschen wird, ist der Weg zu erfüllten Erwartung ein pathetisches Spektakel um Erfahrung, Teamgeist und dem frischen Wind eines Rookies, der die Hummeln im Hintern in Ehrgeiz für die Sache verwandelt. Ein prächtiger Sportfilm also, geschmeidig bis unter den Helm. Und auch wenn man selbst danach nur in seinen Škoda Octavia steigt, gibt Kosinskis Grand Prix-Elegie ein bisschen was mit von diesem Need for Speed, von diesem Traum vom Fahren, der bei der Zündung schon beginnt.

F1 – Der Film (2025)

Clown in a Cornfield (2025)

THE PURGE IN DER LANDEI-VERSION

6/10


© 2025 Constantin Film Verleih


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: ELI CRAIG

DREHBUCH: ELI CRAIG, CARTER BLANCHARD

KAMERA: BRIAN PEARSON

CAST: KATIE DOUGLAS, AARON ABRAMS, CARSON MACCORMAC, KEVIN DURAND, WILL SASSO, VINCENT MULLER, CASSANDRA POTENZA, VERITY MARKS, BRADLEY SAWATZKY U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Jürgen Drews sollte sein Bett im Kornfeld lieber räumen, es könnte ja sein, dass er ungebetenen Besuch erhält, was zur Folge hätte, dass die sommerliche Schlafstatt zur letzten Ruhestätte wird. In diesem uneinsichtigen, chaotischen Labyrinth an Maisstauden treiben sich schon seit jeher paranormale Gesellen herum, leicht verliert man die Orientierung und Panik macht sich breit. Wie wärs, so denkt sich Eli Craig (der den satirischen Splatter-Ulk Tucker & Dale vs. Evil zu verantworten hat), wenn man in diese Agrar-Wildnis vielleicht mal einen Clown setzt? Einen, der das Messer wetzt, oder die Mistgabel, oder überhaupt gleich die Kettensäge? Doch Clowns, die Böses im Schilde führen, gibt es eigentlich schon zur Genüge, oder nicht? Muss das jetzt wirklich noch sein? Vielleicht gerade deswegen. Denn vielleicht lassen sich die Motive dieser geschminkten Gesellen variieren, vielleicht könnten diese in einem erklärbaren Kontext stehen und nicht nur der blutigen Freude am Gemetzel wegen, wie es Art der Clown in Terrifier tut, die ihre sowieso schon abgestumpfte Zielgruppe mit neuen Aspekten aus der Ermüdung reissen.

Der eine Weg wäre, noch brutaler, noch grauslicher, noch entsetzlicher zu werden. Geht das überhaupt noch? Damien Leone will es demnächst versuchen. Eli Craig nimmt hingegen andere Wege. Er lässt den Jack in the Box in einem Provinzkaff aufpoppen, deutlich kleiner als Derry. Dieses Kaff mit dem Namen Kettle Spings teilt das Schicksal vieler anderer ähnlicher gesellschaftlicher Mikrokosmen: sie stehen und fallen mit ihrem Ertrag, den sie aus dem einzigen Wirtschaftszweig beziehen, der dort wächst. In Kettle Springs wäre es die Baypen-Maissirup-Fabrik gewesen – als Maskottchen hat dabei ein Clown namens Frendo stets die Werbetrommel gerührt. Doch mittlerweile steht die Ortschaft vor dem Ruin: Die Fabrik ist abgebrannt, Sirup gibt’s keinen mehr, der Clown ist nur noch Objekt von Häme, Parodie und Ignoranz – die Next Generation spekuliert mit anderen, weniger traditionellen Wegen. Doch wir sind hier in Missouri, im mittleren Westen, konservativ bis in die Knochen, und niemand  von den Älteren will hier das aufgeben, was seit jeher Tradition hat. Dazu zählen Kraftfahrzeuge mit Gangschaltung und Wählscheibentelefone – Dinge, mit denen die Jungen nichts anzufangen wissen.

Das Gestern als tödliche Falle

Aus dieser Diskrepanz zwischen Althergebrachten und der Aufbruchsstimmung der progressiven Jugend entsteht ein Vakuum aus Anarchie und Wahnsinn – kurzum: Maskottchen Frendo will die Dinge auf seine Art regeln, was ein bisschen an die dystopische Versuchsanordnung aus The Purge erinnert, nur diesmal in der kleinkarierten Landei-Version. Und ja, Eli Craig gelingt neben altbekannten Slasher-Szenen, die immer und immer wieder nur auf dieselbe Art unter Kreischalarm junger Menschen gar nicht anders inszeniert werden können als so, eine sehr wohl augenzwinkernde, federleichte Gesellschaftssatire, die ihre Stärken gelegentlich in den Tücken eines Alltags wiederfindet, der noch nie etwas von Social Media, KI oder gar Automatikgetriebe gehört hat. Diese Metaebene allerdings sucht Eli Craig nur gelegentlich auf, sehr ernst ist es ihm darum nicht. Priorität hat dennoch der zirkushafte Reigen eines oder gar mehrerer maskierter Schlächter, die wie frisches Popcorn hinter dem Staudenvorhang hervorquellen. Die Erwartungshaltungen der Genrefans werden erfüllt, das kreative Umdenken bei antagonistischen Stereotypen wie diese trägt durchaus Früchte, wenngleich sich Clown in a Cornfield unweigerlich dazu bekennt, die Motive der Niedertracht als Kritik auf Konservatismus und Intoleranz, sprich: auf den Trumpismus, nur zaghaft zu konturieren.

Schade um das Potenzial und den Biss, den Eli Craigs Film gehabt haben könnte. Letztlich bleibt sogar ein bisschen was von Batmans Erzfeind, dem Joker, haften, der diesmal hier nicht aufgrund eigener psychischer Probleme den Schurken gibt, sondern für ein reaktionäres Allgemeinwohl.

Clown in a Cornfield (2025)

28 Years Later (2025)

RABIAT-ANTHROPOLOGIE IM ENDSTADIUM

6/10


© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2025

REGIE: DANNY BOYLE

DREHBUCH: ALEX GARLAND, DANNY BOYLE

KAMERA: ANTHONY DOD MANTLE

CAST: AARON TAYLOR-JOHNSON, ALFIE WILLIAMS, JODIE COMER, RALPH FIENNES, EDVIN RYDING, CHI LEWIS-PARRY, JACK O’CONNELL, ERIN KELLYMAN, EMMA LAIRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Wenn der mit Jod getünchte Ralph Fiennes mit Bruce-Willis-Bluse im nächtlichen Schein des Feuers seinen kahlen Kopf senkt und raunend darüber sinniert, dass wir niemals vergessen sollen, sterblich zu sein, erinnert das an die letzten kultverdächtigen Momente aus Coppolas Vietnamkriegs-Wahnsinn Apocalypse Now. Während man dort aber erst im tiefsten Dschungel auf archaischen Absolutismus stieß, werden hier jene, die ihre Stiefel auf den Sandstrand Großbritanniens setzen, unmittelbar mit einem Gesamtzustand konfrontiert, der an die wildesten Auswüchse einer chaotischen Steinzeit erinnert.

Danny Boyle und Alex Garland haben mit ihrer Idee einer lokalen Apokalypse, die sich seltsamerweise immer auf die Zahl 28 fixiert, das Genre des Zombie-Films umgeschrieben und gleichzeitig ergänzt. Damals noch wusste keiner, was los war, nicht mal der junge Cillian Murphy, als er 2002 in einem leerstehenden Krankenhaus erwacht, nur um festzustellen, dass der Rest der Bevölkerung Londons ebenso entschwunden war. Die Endzeit war in 28 Days Later ausgebrochen, ein sogenanntes Wut-Virus hat sich der Gehirne zivilisierter Bürgerinnen und Bürger bemächtigt, um diese in rasender Tobsucht auf die letzten paar Unversehrten losgehen zu lassen, die ihrerseits im Hakenschlag versuchten, eine vom Militär gesicherte Zone zu erreichen. Was bei diesem Film sofort ins Auge fällt, ist Boyles visueller Filmstil, der sich Elementen des Avantgarde-Kinos bedient und im experimentellen Grunge-Look sowohl die Zombiefilm-Schwemme der Bahnhofkinos als auch die Videoclip-Ästhetik britischer Punk-Bands feiert. So rabiat ließ sich das Ende einer Zivilisation lange schon nicht mehr feiern. Juan Carlos Fresnadillo legte mit dem Sequel 28 Weeks Later sogar noch ein Quäntchen mehr an Nihilismus drauf.

Jetzt, keine 28, sondern 18 Jahre später, wollen Danny Boyle und Alex Garland ihr Universum weiterspinnen und mit einer Trilogie in den Kick-Off gehen, dabei aber tunlichst vermeiden, ins bereits gepflügte Fahrwasser von Walking Dead und Co zu geraten. Wie sehr sich 28 Years Later von bereits etablierten anderen Zombie- oder Virus-Apokalypsen in Film und Fernsehen unterscheidet, kann ich in Ermangelung einer Kenntnis über das Walking Dead-Universum nicht hundertprozentig beurteilen. Angesichts unzähliger Staffeln und Spin-Offs dürfte dort schon alles abgearbeitet sein, was sich zu Zombies, Epidemien und gesellschaftlichem Notstand nur sagen lässt. Was ich aber zugeben kann: Anders als The Last of Us ist der Plot des 28-Franchise dann doch. Und das nicht nur, weil Kameramann Anthony Dod Mantle eine virtuose Optik zustande bringt, die tief im körpersaftigen, erdigen Naturalismus wühlt und finale Zombie-Kills auch gerne mal mit Freeze Frames veredelt. Die Schnitttechnik ist genauso wutentbrannt wie all die nackten Infizierten, von denen man manchmal erwartet, dass sie von einer ganzen Kavallerie intelligenter Menschenaffen eingeholt und eingefangen werden. Doch das wird nie passieren, denn in einem Zeitraum von 28 Jahren haben sich selbst bei diesen wilden Humanoiden gewisse Hierarchien entwickelt, die Alphawesen an die Spitze marodierender Clans stellen. Ein Umstand, von dem Aaron Taylor Johnson als Vater Jamie natürlich weiß, der ihn aber nicht davon abhält, auf der Hauptinsel Großbritannien seinen zwölfjährigen Sohn Spike einem Initiationsritus zu unterziehen, der ihn direkt mit den blutrünstigen Horden konfrontieren soll. Die Mutter, Jodie Comer, schwerkrank auf einer vorgelagerten Insel-Enklave im Bett dahinvegetierend, ahnt derweil nichts von dieser Mutprobe – und auch nicht, dass sie sich nur Stunden später selbst, von ihrem Sohn im Schlepptau, auf dem Weg zu einem Arzt befinden wird, der als orange leuchtender, grotesk anmutender Eremit seinen Weg gefunden hat, das ehemalige Königreich und sich selbst ins Reine zu bringen.

Bewusst entfernen Sich Boyle und Garland von der bisherigen wüsten, völlig entfesselten Erzählweise der beiden Vorgängerfilme und legen ihre neue Geschichte weitaus epischer an. Das heisst, dass in der Ouvertüre der geplanten Trilogie zumindest mal die Schienen gelegt werden für das eigentliche Drama, dass hier noch mehr oder weniger auf dezenten, leiseren Sohlen daherkommt und nur als Fragment verfügbar ist. Da fragt man sich: Ist ein halber oder nur das Dittel eines Films wirklich schon die halbe Miete? Ist das genug für einen Standalone-Film, im Falle eines Falles, wenn in Ermangelung des nötigen Einspiels die anderen beiden Teile gar nicht mehr produziert werden? Kümmerliche Filmbausteine wie ein solches gibt es in der Filmhistorie viele, leider eine Sauerei der Studios. Was aber, wenn das auch hier passiert? Dann haben wir den Anfang von etwas, das im Nirgendwo endet, das alles offen lässt und gerade mal einen Epilog erzählt, der von der Sterblichkeit des Menschen handelt. Die ist auch immer noch auf natürlichem Wege vorhanden, dafür muss ein Wut-Zombie nicht gleich einen auf Predator machen.

In 28 Years Later, der natürlich jede Menge Blut, Beuschel und Rückgrat zeigt, geht’s vielmehr um Euthanasie, Respekt vor dem Leben und Pietät vor den Toten. Um das ritualisierte Aufräumen nach einer Schlacht, um einen Aftermath, obwohl der große Sturm vielleicht noch kommen wird. 28 Years Later setzt nicht auf Beschleunigung, sondern bremst sich als humanistischer Roadmap-Horror runter, um die Bausteine der Geschichte zu sondieren. Taktisch klug ist das nicht so, der Film endet, bevor er richtig begonnen hat. Vielleicht wäre das halb so wild gewesen, würde er nicht noch eine Tür öffnen, durch die man nicht treten darf. Gerade dadurch hinterlässt 28 Years Later das unbefriedigende Gefühl, zur Halbzeit aus dem Kino geworfen worden zu sein.

28 Years Later (2025)

Elio (2025)

SCIENCE-FICTION DURCH KINDERAUGEN

5/10


© 2025 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: MADELINE SHARAFIAN, DOMEE SHI, ADRIAN MOLINA

DREHBUCH: JULIA CHO, MARK HAMMER, MIKE JONES

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): YONAS KIDREAB, ZOE SALDAÑA, REMY EDGERLY, BRANDON MOON, BRAD GARRETT, JAMEELA JAMIL, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Sind wir allein? Kommt ganz drauf an. Sind wir allein auf dieser Welt? Mitnichten. Sind wir allein im Universum? Womöglich auch nicht. Lässt sich dann angesichts dieser Prämisse denn behaupten, man könnte gar in den Weiten des Kosmos einen Freund fürs Leben finden? Im Kino ist alles möglich. Da dienen Wurmlöcher und Warp-Antriebe dazu, extreme, rein theoretisch niemals überbrückbare Distanzen zu überwinden, um sich in die Arme zu schließen. Dem kleinen Waisenjungen namens Elio Solis gelingt das. Er genießt das seltene Glück, zu erkennen, dass der Mensch nur eine von vielen Lebensformen ist, die das Universum bevölkern. Die Tatsache versetzt ihn zwar mitunter in Staunen, so, als würde man zum ersten Mal auf den Rummel gehen oder in den Zirkus, doch man sieht auch – mit etwas anderem hat Elio eigentlich gar nicht gerechnet. Liegt es daran, weil er fest daran geglaubt hat?

In weiterer Folge werden wir dem lateinamerikanischen Knirps dabei zusehen, wie er als Botschafter der Erde versucht, einen martialischen Aggressor im Krustentier-Kostüm in die Schranken zu weisen. Die Seele eines Diplomaten steckt in unserem Titelhelden, noch dazu hat er das Glück, sich mit Glordon anzufreunden, dem Sohn des finsteren Oberbosses, der auch so gerne in den Reigen des Communiverse aufgenommen werden will, doch aufgrund seiner kriegstreibenden Gesinnung wohl eher außen vorgelassen wird. Das erinnert doch irgendwie an Putin und die Lage in Europa, oder nicht? Versteckt Pixar hier ein geopolitisches Gleichnis? Mag sein oder auch nicht: Diese Kränkung will der zähnefletschende Wurm nicht hinnehmen, und Elio hat alle kleinen Hände voll zu tun, eine Lösung zu finden, da der friedfertige Rest diverser Planetenbewohner keinerlei Ideen hat, wie man mit so jemanden umgeht.

Identitätsfindung vs. Weltenfrieden

Liest man die Reviews auf diversen Plattformen, ist von Entfremdung, Isolation und Anderssein die Rede; von Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Freundschaft. Uff, ja, schön und gut, einiges davon steckt in jedem noch so gearteten Familienfilm, der jemals von Disney und Pixar produziert wurde. Das alles steckt auch gefühlt in jedem anderen Kinderfilm, in jeder anderen Kinderserie, in jedem anderen Kinderbuch. Elio bemüht sich nicht einmal, diese juvenilen Bedürfnisse erzählerisch zu variieren, sondern liefert eine überraschend simple, ich will nicht sagen banale, aber herkömmliche Geschichte ab, die zu den vielleicht höher gesteckten Erklärungszielen wie Entfremdung und Isolation viel zu wenig zu sagen hat. Die aufkeimenden Konflikte sind absehbar, deren Lösung nicht minder vorhersehbar – für die ganz Kleinen bleiben eine Handvoll erhellende, gar tröstende Erkenntnisse, alles in kindgerechter Aufmachung, runden Formen und weichen Linien, mit ganz vielen Farben, jeder Menge Leuchten und Glitzern. Erwachsene ermüdet das schnell, da es nichts gibt, dass sich – bis auf ein paar dezente Filmzitate und markigen Gesten, die auf Klassiker der SciFi verweisen – an ein anderes Publikum richtet, das nicht mehr als zwölf Lenze zählt. Warum dieser extreme Schwenk in eine Richtung, die den kreativen Köpfen hinter diesem aufwendig animierten Streifen kaum Raum für tollkühnen Spirit bietet? Von Meisterwerken wie Alles steht Kopf, Soul oder Wall-E ist man weit entfernt – Filme wie diese handeln von abstrakteren, universelleren, auch zukunftskritischen Dingen, selbst die Toy Story-Abenteuer rund um liebgewonnenes Spielzeug bemühen sich um augenzwinkernde Geschichten, mit Gespür für Ironie, Herzlichkeit und unerwarteten Wendungen. Elio hat zwar jede Menge Feel-Good-Vibes, doch die großen narrativen wie emotionalen Ideen fehlen. Elio probiert Bewährtes, denkt nicht um die Ecke, lässt mehrdeutigen Humor zu großen Teilen vermissen.

Wie Elio zu Beginn des Films am Strand liegt und sich abholen lassen will, weil die Welt, in der er lebt, keinen Platz für ihn hat – genau dort findet Pixar noch nachhause, hier variieren die Macher die Themen Entfremdung und Deplatziertheit auf liebevolle Art und Weise. Spätestens beim Erscheinen einer ganzen Riege irdischer Tiefseekreaturen nachempfundener Wesenheiten, die generische Persönlichkeiten besitzen, außer eben Freund Glordon, der auf die Butterseite der Charakterentwicklung fiel, erfährt das Abenteuer eine gewisse Beliebigkeit, zeichnet eine wenig autarke Story zwischen Der Flug des Navigators (ein Jugendfilm-Highlight der 80er) und Guardians of the Galaxy. Gerade bei letzterem denke ich an Peter Quill aka Star Lord, der nach dem Tod seiner Mutter von Außerirdischen ähnlich abgeholt wird wie Elio. Marvel-Einflüsse sind unübersehbar, was zur Folge hat, dass Pixar sich wieder tiefer in den Schoß der Disney-Mutter kuschelt, zumindest in diesem Fall.

Das will nicht heißen, dass ich nun auf Alles steht Kopf 3 warte – sondern auf das Finden einer neuen Inspirationsquelle, auf erfrischendes Gedankengut und vielleicht auch auf ambivalentere Charaktere. Selbst Kindern, und gerade Kindern, ist sowas längst zuzumuten.

Elio (2025)

Echo Valley (2025)

DIE MAMA WIRD’S SCHON RICHTEN

5,5/10


© 2025 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: MICHAEL PEARCE

DREHBUCH: BRAD INGELSBY

CAST: JULIANNE MOORE, SYDNEY SWEENEY, DOMNHALL GLEESON, FIONA SHAW, KYLE MACLACHLAN, REBECCA CRESKOFF, AUDREY GRACE MARSHALL U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Flap Flap Flap – da rattert der elterliche Helikopter und umkreist seinen Nachwuchs, von welchem er glaubt, ihn überwachen zu müssen, damit ihm nichts passiert. Das wäre die eine Extreme, für die man Erwachsene gerne schütteln würde, um sie zur Besinnung zu bringen. Das andere Extrem ist, wenn die Großen den Kleinen nichts zutrauen. Wenn man als Vater oder Mutter andauernd die Pflicht verspürt, dem Kind jedwede Verantwortung abzunehmen, völlig entgegengesetzt dem Montessori-Leitsatz: Hilf mir, es selbst zu tun. Wäre Julianne Moore als fest im Sattel sitzende Muttergottes nicht so völlig davon überzeugt gewesen, dass ihre Tochter sich niemals selbst aus der Misere ziehen könnte, die man Leben nennt, wäre ein Film wieder dieser gar nicht erst entstanden. Echo Valley schiebt uns eine Prämisse unters Gesäß, die sauer aufstößt, weil Moore in ihrer Mutterrolle völlig versagt. Und das nicht, weil sie nichts für ihr Kind tun würde, sondern eben weil sie alles tut. Viel zu viel, aus manischer Fürsorge und mangelndem Zutrauen. Die Konsequenz ist ein verkorkstes jugendliches Leben, eine Drogensucht und eine fiese Instrumentalisierung der eigenen Eltern oder eben nur der Mutter, denn der Vater – Kyle McLachlan – schert sich einen Dreck. Auch er hat jeden Glauben an seine Tochter verloren, und ja, das rächt sich irgendwann.

Während Mutter Kate, so Moores Rolle, in trauter Einsamkeit ihre Pferdekoppel namens Echo Valley betreibt und mehr halbherzig als enthusiastisch Teenagermädels das Reiten beibringt, überkommt Tochter Claire wiedermal der Drang, daheim vorbeizusehen. Es braucht nicht lang und der Besuch eskaliert, Claire macht einen auf hysterisch und dampft ab – nur, um nach kurzer Zeit wiederzukommen, weil sie Mist gebaut hat, und Mama, davon geht sie mal aus, es richten wird, egal wie herausfordernd das Problem auch sein mag. Zugegeben, es ist ein durchaus ernstes, schließlich liegt ein Toter auf der Rückbank ihres Wagens, der grimmige Ausgang eine Drogengeschichte. Prinzipiell würde man als Erwachsener darüber nachdenken, nicht doch die Polizei zu alarmieren, denn nichts ist erzieherisch wertvoller, als den Kindern beizubringen, für ihre Fehler geradezustehen. Doch die Amis haben es nicht so mit der Exekutive, das wissen wir aus vielen Filmen. Keine Ahnung, was für ein schreckliches Schicksal sie dabei erwarten könnte, vermutlich fahrlässige Tötung oder eben Totschlag, noch dazu ist Papa Anwalt, der sicherlich einen Deal aushandeln könnte. So denke ich mir, während der Noch-Nicht-Thriller so dahinplätschert und Julianne Moore natürlich in ihrem mütterlichen Ehrgeiz, weil Tochter nichts auf die Reihe bekommt, das Falsche tut. Richtig ungemütlich wird es dann, wenn Domnhall Gleeson (endlich wieder gut) als schmieriger Drogendealer den Bildschirm verschönert – und ein Spiel um Schein und Sein einläutet, während das Mutter-Tochter-Drama in der Versenkung verschwindet.

Michael Pearce, der eine ausgezeichnete Arbeit mit seiner Psychothriller-Romanze Beast vorgelegt hat, lässt sich diesmal von einem durchwachsenen Krimiplot höchstselbst um den Finger wickeln. Die zweite Hälfte des direkt auf Apple TV+ erschienenen Star-Vehikels konstruiert auf Teufel komm raus ein falsche Fährten legendes Psychoduell, das eine Mutterfigur als Macherin mit harter Haut auf die eine Seite des Rings stellt, ihr gegenüber Blondschopf Gleeson. Dass der Plot eine unerwartete Wendung macht und ganz andere Ziele ansteuert, ist beim Film erfrischend willkommen, und dennoch fragt man sich inständig, ob dieser umständliche Handlungsbogen auch wirklich seine Mühe wert war. Im Hinterkopf bleibt immer noch Plan A, die richtige Entscheidung der Mutter. Andererseits: Auf diese Weise wird Moore zum „tapferen Schneiderlein“, das auf unberechenbar geistesblitzende Weise mehrere Fliegen mit einer Klappe erschlägt.

Echo Valley (2025)

On the Border – Europas Grenzen in der Sahara (2024)

EUROPA ALS FATA MORGANA

7/10


© 2024 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: GERALD IGOR HAUZENBERGER, GABRIELA SCHILD

KAMERA: THOMAS EIRICH-SCHNEIDER, GERALD IGOR HAUZENBERGER, HAJO SCHOMERUS, JOERG BURGER

MITWIRKENDE: RHISSA FELTOU, TILLA AMADOU, ACHMET DIZI U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Die Wüste ist kein Ort, an welchem man dauerhaft verweilt. Sie ist da, um sie zu durchqueren, um von A nach B zu gelangen. Sie ist ein offenes Feld, ein Vakuum, ein wilder Raum, Sehnsuchtsort, Abenteuerspielplatz und Glutofen. Und das schon seit jeher. Die Tuaregs, die wissen das. Denn sie wandern, wenn geht mit Passagieren und Gütern im Schlepptau, die sie an ihr Ziel bringen, meist für gutes Geld, um dann selbst zu überleben. Die Wüste und ihre Gesetze sind auch nichts, worin Europa reingrätschen sollte. Zumindest nicht so wie auf diese Art. Auf eigennützige, und nicht gemeinnützige Art. Mit leeren Versprechungen, schönen Worten und aufgeräumten Spezialistinnen und Spezialisten, die in der Stadt Agadez die geopolitischen Interessen Europas umsetzen und dabei die Bevölkerung instrumentalisieren, um ein Verbot durchzubringen, das die Migration von Ausländern untersagt. Das sind nicht die Gesetze der Wüste, das sind die Gesetze eines fernen Wohlstandskontinents, das keine Flüchtlinge mehr will. Was geht das Ganze Agadez an? Oder den Niger?

Das Regieduo Gerald Igor Hauzenberger und Gabriela Schild begeben sich in den von den Tuareg-Stämmen kontrollierten Norden, um die ganze Sache mal aus der Nähe zu betrachten. Sie tun dabei das, wovon ich selbst schon immer wieder mal geträumt habe, und zwar besuchen sie Agadez, den Handelsknotenpunkt weit nordöstlich der eigentlichen Hauptstadt Niamey – ein Name, der so verlockend, magisch und nach Fernweh klingt wie Timbuktu. Aus der Luft betrachtet ein homogenes Mosaik aus Lehmwürfeln, dazwischen ein labyrinthartiges Straßennetz, irgendwo in der Mitte eine aus Lehm erbaute Moschee mit einem Minarett, das aussieht wie das Kunstwerk eines Visionärs aus archaischen Urzeiten. Überall Wüstensand, der stete Wind bringt auch in die letzten Ritzen das kleinste Körnchen erdgeschichtlichen Klimawandel – und mit dem Wind kommt der Plastikmüll, der sich in den dornigen Ästen der Akazien und wüstenharten Bäume verfängt, als würden im Geäst ganze Schwärme schwarzer Vögel sitzen, die keinen laut von sich geben. Zu hören ist nur das Schlackern der Kunststofffetzen, dazwischen die melodische Stimme des Muezzins, und dann wieder Radio Nomad mit den aktuellen Nachrichten. Am Rande der Stadt Kamelherden, Pick-ups und Busse, völlig überladen mit Menschen, die zu ihrer Arbeit pendeln – oder an die Grenzen Libyens oder Algeriens wollen, warum auch immer. Dass hier noch Leute aus Schwarzafrika dabei sind, die an die Küste des Mittelmeers wollen? Dass das nicht mehr passiert, dafür hat Europa gesorgt. Wie die Leute darauf reagieren, und was sie zu sagen haben, fangen Hauzenberger und Schild über einen Zeitraum von fünf Jahren (2018 bis 2023) in geduldigen Interviews ein, sie lassen den Bürgermeister der Stadt, Rhissa Feltou, der später eine eigene Partei gründen wird, mit klugen, besonnenen Worten genauso zu Wort kommen wie die Radiomoderatorin und Journalistin Tilla Amadou und den Kleinunternehmer und Fremdenführer Achmet Dizi, der unzählige Sprachen spricht, darunter sogar Deutsch, und der ein Potenzial mit sich bringt, das jenes mancher gutsituierter Europäer bei weitem übersteigt. So einen Guide, den hätte man gern.

Europas leere Versprechungen

Durchwoben mit unvergesslichen Bildern einer völlig fremden, anderen Welt stoßen die Filmemacher, denen wirklich viel daran liegt, nicht nur so zu tun als ob, sondern tief in die Grundproblematik einer Gesellschaft einzudringen, auf die Weisheit der Wüste, die sich in wertebewussten und erfrischend vorausschauenden Worten so mancher Nigrer offenbart. Während Europa glaubt, ein ganzes Volk mit falschen Versprechungen zu ködern, denn darauf läuft es hinaus, haben jene, die es betrifft, längst überrissen, welches Spiel hier gespielt wird. Doch Hauzenberger und Schmid bleiben Beobachter, sie sind keine Aktivisten und sie rennen auch nicht verschlossene Türen ein. Ihr Konzept eines Dokumentarfilms alleine ergibt ganz wie von selbst eine bittere Conclusio.

Was dabei aber trotz der genauen Beobachtungsgabe außen vor bleibt, ist die Annäherung an die wirklich Armen, Besitzlosen, die jeden Tag ums Dasein ringen. Vielleicht wollten sie auch nicht vorgeführt werden, vielleicht ist es auch der selbstverständliche Respekt des Regie-Duos, der sie dazu zwingt, selbst niemanden zu instrumentalisieren. Wir sehen Agadez zwar aus einem ganz bestimmten Blickwinkel, nämlich aus jenem der beleseneren, weltoffenen Elite des Landes, allerdings räumt On the Border – Europas Grenzen in der Sahara mit so manchen Vorurteilen auf, die bis heute dazu beitragen, die Wüste als einen gesetzlosen, leeren Raum voller Banditen und Abenteurer wahrzunehmen, wie damals im romantischen Zeitalter der Entdeckungen rund um Heinrich Barth. Diese Epoche ist längst vorbei, die Wüste lebt, sie schläft nicht. Und weiß genau, wie die Welt sie in die Mangel nimmt.

On the Border – Europas Grenzen in der Sahara (2024)