Die Theorie von Allem (2023)

DAS TRAURIGE LOS VERKANNTER PHYSIKER

6/10


dietheorievonallem© 2023 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH, SCHWEIZ 2023

REGIE: TIMM KRÖGER

DREHBUCH: TIMM KRÖGER, RODERICK WARICH

CAST: JAN BÜLOW, OLIVIA ROSS, HANNS ZISCHLER, GOTTFRIED BREITFUSS, PHILIPPE GRABER, DAVID BENNENT, IMOGEN KOGGE, EMANUEL WALDBURG-ZEIL, PAUL WOLFF-PLOTTEGG, PETER HOTTINGER U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Johannes Leinert (Jan Bülow), seines Zeichens Physikstudent und unter der Fuchtel eines herrischen Doktorvaters, wäre wohl ein Kandidat für das Goldene Brett vorm Kopf gewesen. Pseudowissenschaftlicher Unfug, reinste Spekulation, nichts Handfestes; nicht mal eine Theorie, vielleicht eine Hypothese, doch mit Hypothesen kann niemand etwas anfangen. Was wohl den Inhalt seiner Arbeit darstellt: Nichts Geringeres als eine Formel zur Erbringung der Theorie von Allem – den mathematischen Schlüssel zur Welt, den Zahlenstairway to Heaven, und wenn das nicht hinhaut, dann zumindest der Beweis für die Existenz von Multiversen, die nicht nur neben, sondern innerhalb der uns bekannten existieren. Dieser Leinert, dem wird nicht nur einmal gesagt, er soll die Klappe halten und rechnen, denn Mathematik ist schließlich die Sprache der Wissenschaft. Sein Mentor, Dr. Julius Strathen (Hanns Zischler), hat den eifrigen Jungspund in die Schweizer Alpen mitgenommen, zu keinem futurologischen, aber physikalischen Kongress, an welchem bahnbrechende Erkenntnisse offengelegt werden sollen, die womöglich die Welt verändern könnten.

Nur: besagter Redner kommt nicht, die Veranstaltung verzögert sich, Leinert und Strathen entschließen sich zu warten. Ein Fehler? Ja und nein, zumindest für den Studenten verkompliziert sich die ganze Sache, denn nicht nur bekommt dieser seine Doktorarbeit zurückgeschmissen – er trifft auch auf eine rätselhafte junge Frau, die ihm seltsam bekannt vorkommt und die wiederum Dinge von ihm weiß, die sie nicht wissen kann. Der seltsamen Tatsache nicht genug, ziehen apokalyptisch anmutende Wintergewitter über Graubünden dahin, gesäumt von seltsamen Wolkenformationen. Das ließe sich vielleicht noch irgendwie erklären, aber nicht der Umstand, dass einer der Physiker, ein gewisser Dr. Blomberg, eines Tages tot aufgefunden wird, während er gleichzeitig andernorts aufschlägt. Wie kann das sein? Welche Anomalien sind da im Gange? Und was rumort denn so, unter dem Hotel?

Diese Mystery fängt so gut wie alle Motive ein, die in den letzten Jahren so im Dunstkreis trendiger Mindfuck-Science-Fiction Mode war. Portale in andere Welten, Multiversen, Zeitreisen und Personen, die doppelt oder gar dreifach verfügbar sind. Wer Dark gesehen hat, wird den Knoten im Kopf vielleicht noch gar nicht gelöst haben. Everything Everywhere All at Once trieb die Paralleluniversen-Hypothese bis zum ermüdenden Exzess, und das MCU lässt Loki und die TVA an den Zeitsträngen herumschrauben. Die beschauliche Kleinstadt Hawkins (Stranger Things) wiederum hat sich selbst als düstere Kehrseite zu bieten, mit allerlei Monstern darin. Timm Kröger ist aber nicht danach, xenomorphen Schrecken auf die Menschheit loszulassen. Ihm gefällt es, all diese Überlegungen lediglich anzudeuten und ein großes Mysterium daraus zu machen, dass als neoexpressionistischer Quantenkrimi im Sixties-Look klassische Paranoia-Motive bemüht, die in den Werken eines Franz Kafka zu finden wären. Seltsame Männer mit Hut, die grimmig dreinblicken, darunter ein dubioser Inspektor mit heller Stimme, dargestellt von Ex-Blechtrommler David Bennent, der bei Josef K‘s Prozess vermutlich dabei gewesen war. Ein bisschen Lovecraft, ganz wenig Lynch und ganz viel Conny & Peter-Albtraum in kontrastreichem, mitunter gruseligem Schwarzweiß, erdrückt vom dominanten Score eines Big Band-Orchesters, das mit der Tür ins Haus fällt.

Kröger liebt es, seiner Theorie von Allem diesen wilden Retro-Schliff zu verpassen und sich vor Alain Resnais Letztes Jahr in Marienbad auf die Knie zu werfen. Dieser zugegeben sperrige Kultfilm lässt sein Verwirrspiel ebenfalls in einem Hotel stattfinden, und auch dort sind so manche Identitäten längst nicht mehr mit sich allein. War der Stil dort aber von unterkühlter Ordnung geprägt, herrscht in diesem Film hier verwirrtes Chaos, und das Werk mag so tun, als trüge es die Offenbarung, die nicht mehr lange geheim gehalten werden kann, unter einem dicken, schwarzen Wintermantel. In Wahrheit aber sind all die gängigen Versatzstücke zu Zeit und Raum längst durchgewunken worden, während Kröger nicht wirklich viel davon mitbekommen hat. Ganz beglückt von seiner wuchtigen Bildsprache, in die er sein Herzblut leitet, merkt er kaum den Fahrtwind, den all die anderen Filme und Formate verursacht haben, die an ihm vorbeigerauscht waren. Was bleibt, ist ein nettes, atmosphärisch allerdings stimmiges Retrospektakel mit Film Noir-Romantik und schrägen Subjekten, viel zu dominanter Musik und einem kolportiertem Verständnis für Quantenphysik. Manch Mysteriöses scheint dabei weniger zu verbergen, als es den Anschein hat.

Die Schwurbeleien mal außen vorgelassen, könnte Die Theorie on Allem als Ballade vom verkannten Physiker noch viel besser funktionieren. Dieses traurige Los, der Wahrheit so nahe gekommen zu sein wie Ikarus der Sonne, und dabei nicht über den Tellerrand geblickt zu haben, ist vielleicht ein Umstand, den so einige Vertreter der Wissenschaft bisweilen schlaflose Nächte bereitet.

Die Theorie von Allem (2023)

Reptile (2023)

DIE DIABOLIK LEERER HÄUSER

6,5/10


REPTILE© 2023 Netflix


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GRANT SINGER

DREHBUCH: GRANT SINGER, BENJAMIN BREWER, BENICIO DEL TORO

CAST: BENICIO DEL TORO, JUSTIN TIMBERLAKE, ALICIA SILVERSTONE, ERIC BOGOSIAN, DOMENICK LOMBARDOZZI, FRANCES FISHER, MICHAEL PITT, ATO ESSANDOH, CATHERINE DYER, MATILDA LUTZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Wenn Benicio del Toro seinen Gedanken nachhängt, und die Kamera filmt ihn dabei, erzeugt das nicht wirklich ein gutes Feeling. Vielleicht, weil bei diesem Kaliber von Schauspieler der Eindruck entsteht, dass irgendetwas im Busch ist. Etwas, dass uns del Toro nicht sagen will. Etwas Abgründiges, vielleicht auch etwas kaum auf Dauer unterdrückbar Aggressives. Del Toros Rollen sind doppelbödig und undurchschaubar. Seine Handlungen unberechenbar, Vertrauen ein Schein, der trügt. Wenn der Mexikaner in Sicario von der völlig durch den Wind befindlichen Emily Blunt die Garantie ihrer Verschwiegenheit einfordert, läuft es einem eiskalt den Rücken runter. Mit del Toro will sich niemand anlegen. Scheint es nun, dass er auf der Seite des Gesetzes steht oder eben auch nicht. Die Grauzone schwappt auf beiden Seiten ans Ufer, und auch in Reptile, einem akkuraten Kriminalfilm, der ins Detail geht, gilt das Symbol der falschen Schlange, die Adam und Eva hinters Licht führt, nicht umsonst als Motto eines Thrillers, der sich in den Händen des Erzählers windet wie ein Aal und fast weniger wie ein Reptil, denn dieses zieht keine Schleimspur hinter sich her und kann dem festen Griff nicht entkommen, den Grant Singer über weite Strecken seines ersten Spielfilms letztlich ausübt. Singer hält die Zügel straff und konzentriert sich weniger auf Superstar Justin Timberlake, von dem wir wissen, dass er ganz gut schauspielern kann, sondern eben auf diesen maskenhaften unheimlichen Ermittler, den del Toro so scheinbar gelassen darzustellen scheint. Doch es ist eine Ruhe vor einem Sturm, der langsam aufzieht, im Tempo einer Geschichte aus Beobachten und Einschätzen, Vermuten und Bedrohen.

Denn schließlich ist Detektive Nichols, so Del Toros Rolle, verheiratet mit Alicia Silverstone, die lange nach ihrem Clueless-Durchbruch für Geschichten wie diese unerwartet geeignet scheint. Die Drohung, die Nichols als Meister des Understatements eben formuliert, lässt potenzielle Nebenbuhler schwer schlucken. Spätestens da weiß man ganz genau, woran man bei dieser melancholischen Humphrey Bogart-Variation eigentlich ist. Dieser Ermittler, bereits in Verruf geraten durch einen interdisziplinären Fall von Polizeikorruption, schleicht nun unter scharfsinniger Kombinationsgabe in einer zum Verkauf stehenden Immobilie herum, die ein mit mehreren Messerstichen malträtiertes Opfer beherbergt. Der Lebensgefährte, ebenfalls Makler, kann’s nicht gewesen sein, denn der hat ein Alibi. Nachbarn berichten von einem hinkenden Mann mit Hoodie, der sich Zutritt zum Anwesen verschafft haben soll. Ein Rätselraten hebt an, befragt werden alle, die mit Summer Elswick (Matilda Lutz) kurz vor ihrem Ableben noch zu tun hatten. Ausgewertet wird das Mobiltelefon, was Nichols in seinen Ermittlungen tatsächlich weiterbringt. Und da ist noch dieser schräge Typ mit den fettigen Haaren, der unserem Hardboiled-Detective immer wieder in die Quere kommt. Was er zu erzählen hat, kann man glauben oder auch nicht, sehr vertrauenswürdig wirkt Michael Pitt ganz bewusst nicht – so wie alle in diesem Film, der verstohlene Freude daran hat, die vermeintlich Guten oder zumindest die, die sich darum bemühen, Licht in stromlose, leerstehende Immobilien zu bringen, in denen es spuken könnte, straucheln zu lassen.

Da bleibt nur das grübelnde Antlitz Benicio del Toros, hinter Windschutzscheiben, Sonnenbrillen oder in leeren Räumen. Der Teufel steckt dann meist in den Zwischenräumen einer verschachtelten und komplexen Detektivgeschichte, die von Raymond Chandler oder Dashiell Hammett hätte kommen können. Immer dann, wenn Nichols gerne vernachlässigbare Korrelationen ins Bewusstsein dröhnen, und diese ihn an obskure Orte führen, könnte man Jack Nicholsons Figur des Jack Gittes aus Chinatown an del Toros Stelle sehen, nur ohne aufgeschlitzten Nasenflügel, denn den würde Nichols wohl selbst verursachen.

Reptile wäre bis zum Ende ein piekfeines Krimipuzzle geworden, wäre das Ende vielleicht ein solches, aus dem man selbst seine Schlüsse ziehen könnte. Dass Plots wie diese auserzählt werden müssen, ist längst kein geschriebenes Gesetz und auch kein guter Ton, denn gerade das Mysteriöse in Singers Misstrauensreigen hält so lange stand, bis sich die Katze aus dem verschnürten Sack kratzt und die feine Klinge einem profanen Showdown weicht.

Reptile (2023)

Les Meutes (2023)

DIE TOTEN VON CASABLANCA

6/10


lesmeutes© 2023 Ad Vitam


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH, MAROKKO, KATAR, SAUDI-ARABIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: KAMAL LAZRAQ

CAST: ABDELLATIF MASSTOURI, AYOUB ELAID, MOHAMED KHARBOUCHI, MOHAMED HMIMSA, ABDELLAH LEBKIRI, LAHCEN ZAIMOUZEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


In einer der Episoden aus Quentin Tarantinos Pulp Fiction mit dem Titel „Die Bonnie Situation“ schießt John Travolta als gelfrisierter Vincent Vega einem arglosen Informanten während einer Autofahrt versehentlich in den Kopf. In weiterer Folge muss Harvey Keitel als Mr. Wolf die ganze Sauerei irgendwie beseitigen. Wie man eine Leiche los wird, könnte so aussehen – oder vielleicht auch wie in vorliegendem Thriller aus dem schönen Marokko, das schließlich schon zu Zeiten von Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann für ein zeitloses Krimidrama namens Casablanca ausreichend Platz schuf.

Wir sind nun einige Jahrzehnte später dran, und wenn man sich in dieser Stadt am Meer von den Sehenswürdigkeiten entfernt und in die Suburbs vordringt, könnte man unter anderem dem Tagelöhner Hassan und seinem Sohn Issam begegnen, die nicht gerade auf die Butterseite des Lebens gefallen sind, sondern sich tagtäglich mit windigen kleinen Aufträgen die nächste Mahlzeit sichern. Männer für alles, könnte man meinen, und nicht so rausgeputzt wie Tarantinos Kult-Anzugträger Jules und Vincent. Boni gibt es keine, vielleicht manchmal den richtigen Auftrag, dann hat Oma daheim auch noch was davon. Und so müssen beide eines Tages einen Mann entführen. Gesagt getan, Kapuze über den Kopf und mit Gewalt in den Kofferraum des geliehenen Vans. Als es zur Übergabe kommt, ist der Entführte bereits tot, womöglich erstickt. Um diesen Fehler wieder gutzumachen, müssen Hassan und Issam die Leiche schleunigst loswerden, und das noch vor Morgengrauen, sonst gibt’s Zoff mit der Konkurrenz. Die Nacht hat sich bereits über die Wüste gesenkt, als die beiden alles Mögliche unternehmen, um den Schaden zu begrenzen. Normalerweise könnte ihr Vorhaben ja auch klappen, doch Les Meutes ist ein waschechter Film Noir. Die Schwierigkeiten häufen sich, irgendwo hakt es immer. Und kleine Hindernisse werden zu Barrikaden, die nur mithilfe alter Bekannter, die dann ebenfalls zum Handkuss kommen, beiseitegeräumt werden können.

Es ist gut, wenn man jemanden kennt, der wen kennt, der wen kennt. In Kamal Lazraqs nachtschwarzer Odyssee, getaucht ins ungesund gelbe Licht der Nachtlaternen, Neonröhren und KFZ-Scheinwerfer, stellt das Schicksal den beiden Underdogs mehr als nur ein Bein. So makaber die ganze Situation auch ist, diese Leiche ist ungefähr so anhänglich wie Alfred Hitchcocks Harry oder der gute alte, sonnenbebrillte Bernie. Schließlich spielt Les Meutes auch nicht in den USA, wo man die Toten ohne Federlesen verschwinden lässt – hier herrscht im Untergrund noch sowas wie Respekt vor den Verblichenen, sei es nun kulturell oder religiös bedingt. Um jeden Preis versucht zumindest Hassan, dem Toten die letzte Ehre zu erweisen, und das inmitten von Zeitdruck und Existenzangst. Dabei entsteht eine Eigendynamik, die sich, angereichert mit situationskomischen Wendungen und schadenfroher Bitterkeit, so anfühlt wie eine groteske Posse von eingangs erwähntem Tarantino, in der gar nicht so alltägliche Begebenheiten auf die Tücken des Alltags treffen. Das Ganze zieht seine Kreise, und die Prognose für das Glück der beiden behalten Propheten lieber für sich.

Mit Laien taucht Kamal Lazraq durch die urbane Dunkelheit, Abdellatif Mastouri wurde von der Straße weg engagiert – sein vernarbtes Konterfei macht nicht wenig Eindruck, und überhaupt tauchen in Les Meutes so einige markante Gesichter aus der Dunkelheit und verschwinden wieder darin. So mag auch diese im Grunde kleine Skizze einer gescheiterten Mission jenseits von Gesetz und Ordnung in einen Alltag aufgehen, dessen seltsame Anomalien bald in Vergessenheit geraten. Lazraq lässt dem Schicksal seinen Lauf, ohne seinen Thriller auf Krawall zu bürsten. Erschöpfung, Resignation und improvisierte Gelassenheit prägen seinen Film, und vielleicht mag diese Sichtweise Achterbahnfahrer im Thrillergenre letztlich enttäuschen. So wendungsreich das Family-Business auch durch ein Marokko inkognito driftet – die Kunst der Improvisation mag nicht ganz so erlernt sein. Der letzte Kick, der fehlt. Die Wendung bleibt aus. Das muss zwar nicht sein, wäre angesichts des genüsslich geschilderten Dilemmas aber eine rundere Sache geworden. Da hilft selbst der letzte kleine Twist nicht, der als irrealer Gag der finsteren Gaunerei kaum gerecht wird.

Les Meutes (2023)

Coup de Chance (2023)

DER ZUFALL GLÜCKLICHERWEISE

6/10


coupdechance© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: WOODY ALLEN

CAST: LOU DE LAÂGE, MELVIL POUPAUD, NIELS SCHNEIDER, VALÉRIE LEMERCIER, ELSA ZYLBERSTEIN, GRÈGORY GADEBOIS, GUILLAUME DE TONQUÉDEC, SARA MARTINS U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Den Jazz will Woody Allen einfach nicht loswerden, auch wenn diese Art von Musik so gar nicht zu seinem neuen Film passt. Der spielt nämlich in Paris, in der Stadt der liebe und des leichtfüßigen Chansons. Da hat Cantaloupe Island von Herbie Hancock so gut wie gar nichts verloren, wenngleich die Nummer natürlich weltbekannt und eingängig genug ist, um sie von der grundlegenden Story loszulösen. Und dennoch wollen die Klänge so niemals wirklich das aus Zufällen zusammenkonstruierte Geschehen unterstützend ergänzen. Aus Paris wird schließlich eine generische Großstadt im Herbst, Woody Allen erliegt nicht der Lust eines Städtebesuchers, auch nur irgendwelche Sehenswürdigkeiten dieser Metropole vor die Linse zu wuchten. Es ist irgendwann egal, ob Paris, London, Wien oder New York. Zumindest ist es Herbst – das passt zur tatsächlichen Jahreszeit wunderbar dazu. Und wie so oft beim Meister der Klarinette findet sich in Coup de Chance (was so viel heisst wie Glückstreffer) eine attraktive junge Frau, in diesem Fall Lou de Laâge (u. a. Die Tanzenden von Mélanie Laurent) in den Wirren eines glücklichen Zufalls wieder, indem sie einem alten Studienkollegen über den Weg läuft, der zugeben muss, seit damals, in den wilden Jahren, in denen die Zukunft noch alle Möglichkeiten offenhielt, schon in die schöne Fanny Fournier verliebt gewesen zu sein. Diese fühlt sich geschmeichelt, muss den leidenschaftlichen Schriftsteller aber in die Schranken weisen, ist sie doch glücklich, wie sie sagt, mit einem Finanzberater verheiratet, der die Reichen noch reicher macht und somit auch sie selbst. Doch ob teure Klunker, devote Haushälterin und verschwenderische Restaurantbesuche mit der Haute volée – im Grunde ihres Wesens hält Fanny nicht viel davon. Ganz im Gegenteil. Der Kollege von damals, Alain Aubert (Niels Schneider) weckt das freigeistige Studentenmädchen in ihr, die ungestüme Lust am Künstlerdasein, die Sehnsucht nach Freiheit und die bedingungslose Liebe ohne materielle Unterdrückung und Bindung. Aus der neuen alten Bekanntschaft wird, wir können es ahnen, bald deutlich mehr, und Ehemann Jean (Melvil Poupaud) im Zuge dessen deutlich misstrauischer. Kann es sein, dass Fanny, die ohnehin alles hat und alles bekommt, was ihr vorschwebt, ihm selbst Hörner aufsetzt? Ein Detektiv kommt in Spiel, und der gönnerhafte Machtmensch mit den lockeren Fingern fürs Zwielichtige zieht bald die nötigen Konsequenzen.

Woody Allen freut diese verzwickte Eskalation einer eloquenten, gar manchmal sehr redseligen Boulevardkomödie, die sich langsam, aber doch, zur Krimikomödie wandelt. Doch so vielschichtig und tragisch, wie in seinem Meisterwerk Matchpoint, wird es nie. Was Allen damals geritten hat, einen Film zu inszenieren, der seiner Mentalität so sehr zuwiderläuft, werden wir nie erfahren. Dieses Highlight seines Schaffens bleibt auch bis heute unerreicht, und auch Coup de Chance wird daran nichts ändern. Genau genommen ist sein jüngstes Werk lediglich eine souverän inszenierte Reminiszenz an sein eigenes Schaffen, an seinen gewohnten Themenkreis, an das flatterhafte Glück und den schicksalsschweren Umstand des Zufalls, der Gutes oder Schlechtes mit auf den Weg bringt. Ohne ihn wäre Coup de Chance auffallend banal, eine handwerklich versierte, aber grob geschnitzte Seitensprung-Romanze, wie sie rustikaler wohl kaum sein könnte. Mal gibt es dort ein paar komödiantische, fein zulaufende Spitzen kecker Ironie, anderswo vielleicht süffisanten Wortwitz mit einigen denkwürdigen Zitaten – doch im Grunde ist diese schwarzhumorige Herbstsonate nur eine weitere Fingerübung auf der Beziehungscouch, die diesmal als Parkbank genügen muss, auf die sich die Verliebten, im Dialog versunken, zu setzen haben – mit einem Sandwich in der Hand und das Mobiltelefon auf Laut, damit der Göttergatte keinen Verdacht schöpft.

Dieses Glück für Zwischendurch ist stellvertretend für einen Film, der nicht mehr sein will als er vorgibt. Woody Allens Lust, zu unterhalten und von sich selbst unterhalten zu werden, bringt eine Krimikomödie auf den Weg, die nur darauf wartet, das As im Ärmel des Übergangsmantels auszuspielen. Bis dahin macht das Ganze wirklich Spaß, es ist nicht so, dass man sich langweilt oder alles schon mal gesehen hat. Letzteres mag zwar der Fall sein, doch Allen arrangiert Bekanntes wiederum neu, das ist sein Können, sein großes Talent. Überraschend bleibt nur der Knalleffekt, alles andere war zu erwarten. Was dem Wesen des Zufalls dann doch widerspricht.

Coup de Chance (2023)

Catch the Killer (2023)

WAS GUT UND BÖSE GEMEINSAM HABEN

6/10


catchthekiller© 2023 FilmNation Entertainment


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: DAMIÁN SZIFRON

DREHBUCH: DAMIÁN SZIFRON, JONATHAN WAKEHAM

CAST: SHAILENE WOODLEY, BEN MENDELSOHN, JOVAN ADEPO, RALPH INESON, ROSEMARY DUNSMORE, MICHAEL CRAM, RICHARD ZEMAN, DUSAN DUKIC U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Eines vorweg: Mit Das Schweigen der Lämmer hat der kürzlich im Kino angelaufene Killerthriller nichts zu tun. Auch nicht mit Copykill, Sieben oder anderen finsteren Genrewerken – dafür verspielt Catch the Killer (im Original To Catch a Killer – warum nur hat man es nicht dabei belassen?) die Chance, einen Psychopathen ins Feld zu führen, dem es gelingt, in den eigenen finsteren Abgründen, im eigenen finsteren Unterbewusstsein zu stochern, wie Kevin Spacey als namenlose Todsünden-Vergeltungsmaschine. Anthony Hopkins hingegen, der zu einer Menschenleber gerne Chianti genießt, ist die Verbindung eines perversen Monsters mit einem so charismatischen wie klugen Kopf eingegangen. Das sind denkwürdige Auftritte aus der Filmgeschichte, die verfolgen einen bis heute. In Damián Szifrons urbaner Jagd nach einem vermeintlichen Waffennarr ist die Faszination für das Böse, so sehr man sich auch dagegen sträuben will, was aber gelungene Kriminalfilm-Perlen ausmacht, faktisch niemals vorhanden. Es bleibt selbstverständlich ein Täter X, den es zu fassen gilt, der in einer x-beliebigen Silvesternacht scheinbar wahllos wildfremde Menschen erschießt, die sich gerade mal in die freie Wildbahn der Balkone, Loggias und wandfüllender Fensterfronten begeben, um im nächsten Moment zum Schrecken aller anderen Beteiligten ganz plötzlich zusammenbrechen. Ein Schock, der in die Glieder fährt, denn mit solchen Schicksalsschlägen rechnet selten wer.

So kommt es, dass eines Abends – nämlich zu besagter Jahreswende, als der Killer 29 Opfer verzeichnen wird – die Streifenpolizistin Eleanor Falco, ähnlich wie Sergeant Powell im Stirb langsam-Original, zur falschen Zeit am falschen Ort weilt. Oder aber genau umgekehrt, denn es geht schließlich darum, Recht und Ordnung zu sichern. So mischt sie also mit und ist als erste Exekutiveinheit an Ort und Stelle. Es dauert auch nicht lang, da eruieren Ballistiker das Versteck des Schützen – eine Wohnung in einem Hochhaus gegenüber, die kurz darauf in Flammen aufgeht. Der konzentrierte FBI-Ermittler Lammark (Ben Mendelsohn, kürzlich in Secret Invasion zu sehen) wird den Fall schließlich an sich nehmen – und da ihm die Beobachtungsgabe der Möchtegern-Profilerin Eleanor sofort ins Auge sticht, wird sie auch Teil seines Teams. Warum ihre Analysen des Täters so treffsicher sind? Vielleicht, weil die ehemals drogenabhängige und mit einem Trauma aus der Kindheit hadernde Unglückliche ganz gut weiß, wie einsame Seelen, die ihren Frust irgendwie kanalisieren müssen, zu ticken haben.

Gut, denke ich mir, irgendwie wird Eleanors Einschätzung schon Hand und Fuß haben, wenn Lammark so begeistert scheint. Es setzt das Abenteuer der Investigation an, man findet Verdächtige und verhört alle, die Zugang zu besagter Wohnung hatten. Irgendeiner davon muss der Killer sein. Natürlich legt Szifron falsche Fährten und fährt mit der Kirche ums Kreuz, hinterdrein stets ein beeindruckender, seine Rolle mal ganz anders interpretierender Ben Mendelsohn und Shailene Woodley, die wohl gar nicht bemerkt, dass sie drauf und dran ist, ihre berufliche Karriere zu pushen – denn wer einmal fürs FBI gearbeitet hat, dürfte schon mal den Fuß in der Tür haben. Ein Wunschtraum, den sich der engagierte und stets verbissene Charakter unter subtilem Ehrgeiz erfüllen will. So gesehen könnte Catch the Killer fast schon die Pilotfolge zu einer neuen Crime-Show werden, in welcher Woodley in Zukunft den einen oder anderen kniffligen und vor allem psychologisch interessanten Fall lösen wird dürfen.

Catch the Killer ist solide inszeniert und scheut sich auch nicht davor, streckenweise ordentlich düster zu werden oder sich gar zur qualvollen Tragödie aufzubäumen, die in konsequenter Weise seine Opfer bringt, um auch entsprechend ernstgenommen zu werden. Doch gerade die Konfrontation des Killers (blass: Ralph Ineson) mit Mrs. Woodley erreicht niemals die Tiefe, die damals Jodie Foster mit Anthony Hopkins ausloten durfte. Mag sein, dass hier so einige Phrasen fallen, die psychoanalytischer klingen als sie sind und den Missstand unserer Zivilisation als Urgrund des Handelns von Gut und Böse wortreich aufs Tapet bringen – letztlich erscheinen sie als Worthülsen, da die Annäherung beider Parteien ein Vertrauen voraussetzt, dass niemals entstehen hat können. Dafür macht es sich Szifron am Ende zu einfach. Mit finsteren Momenten allein lässt sich das Defizit nicht kaschieren.

Catch the Killer (2023)

Gletschergrab (2023)

NAPOLEONS REISE NACH ISLAND

6,5/10


gletschergrab© 2023 Splendid Film


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ISLAND 2023

REGIE: ÓSKAR THÓR AXELSSON

DREHBUCH: ARNALDUR INDRIÐASON & MARTEINN THORISSON

CAST: VIVIAN ÓLAFSDÓTTIR, JACK FOX, IAIN GLEN, WOTAN WILKE MÖHRING, ÓLAFUR DARRI ÓLAFSSON, ADESUWA ONI, NANNA KRISTIN MAGNÚSDÓTTIR, SABINE CROSSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese Insel hoch im Norden steht wohl bei vielen Gutverdienern auf der Reiseliste: Island. Dort lässt sich am besten auf eigene Faust die Gegend erkunden; jede Menge Wasserfälle, Gletscherzungen und Küstenstriche laden als Hot Spots zum Verweilen ein. Die Geldbörse möge bitte prall gefüllt sein, denn kostspielig wird das ganze Abenteuer mit Sicherheit. Der finanzielle Aufwand würde sich noch mehr rentieren, hätte man das Glück, den einen oder anderen verborgenen Schatz zu finden. Nun, nicht zwingend einen, den Zwerge, Trolle oder Brunhild aus den Nibelungen irgendwo versteckt haben – sondern vielleicht einen, dessen Wert und Ursprung wohl eher in der Geschichte Europas liegt, insbesondere in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Dieser Schatz lässt sich zwar nicht in einen Goldesel umwandeln, der das nötige Kleingeld spuckt, sondern vielleicht in mediale Aufmerksamkeit, vielleicht in einen für ein paar Wochen anhaltenden kleinen Zeitungsruhm, verursacht durch Journalisten, die einen selbst peinlich befragen.

Dieser Schatz ist in der Bestseller-Verfilmung Gletschergrab ein Passagierflugzeug aus dem Nazi-Hangar, bruchgelandet gegen Ende des Krieges. Dank der Klimaerwärmung und der damit einhergehenden Gletscherschmelze wird das Dach eines mehrere Dekaden im Eis konservierten Vehikels sichtbar, und zwar über viele Kilometer hinweg, denn alles, was nicht so strahlt wie das drumherum befindliche Eis, zieht selbstredend die Aufmerksamkeit jener spärlichen Besucher des Vatnajökulls auf sich, die hier Sport betreiben. Einer davon ist Jetski-Fahrer Elias, dem es sogar gelingt, in das Flugzeugswrack einzusteigen und alles, was sich darin noch befindet, als Social Media-Reel abzufilmen, darunter die Leichen der Piloten mit US-Wappen an ihren Jacken – ein Umstand, der mit dem Hakenkreuz am Seitenleitwerk nur schwer vereinbar scheint. Ehe sich der Selfmade-Abenteurer versieht, tanzen seltsame Gestalten an, die Böses im Schilde führen – und Elias kurzerhand in ihre Gewalt bringen. Was sie nicht wussten: dieser Junge hat eine Schwester namens Kristin (Vivian Ólafsdóttir), die sich umgehend auf die Suche nach ihrem verschwundenen Bruder macht, und im Zuge dessen so einiges aufdecken wird, was irgendwie mit der supergeheimen Operation Napoleon zu tun hat. Keiner weiß, was das ist, womöglich nicht mal die, die diese Mission initiiert haben. Nur eines ist gewiss: Der US-Geheimdienst hat da ein Wörtchen mitzureden.

Das Beste an Gletschergrab ist nicht nur, dass dieser Verschwörungs- und Geheimdienstthriller deutlich mehr Zunder gibt als so viele überteuerten, stargespickten Eventfilme, die sich am Genre des stuntlastigen Agentenfilms versuchen. Das Beste an diesem Streifen ist auch, dass lange, wirklich erstaunlich lange niemand weiß, wobei es sich um diese ominöse Fracht, die einst mit dem alten Luftbrummer transportiert worden war und dann verschwunden ist, handeln könnte. Bei all dieser Geheimniskrämerei, diesem völlig im Dunklen tappen – angesichts dieser großen Frage, wofür all dieser Ärger, braucht sich niemand krämen und glauben, als einziger dumm sterben zu müssen, haben doch all die Protagonisten das gleiche Fragezeichen über der Stirn, im Gegensatz zu den sinistren Geheimdienstlern, darunter Game of Thrones-Star Iain Glen, der als eine Art verbissener und wenig zimperlicher Anti-James Bond im Roger Moore-Style die Interessen seiner Auftraggeber verfolgt. Durch die multinationale Besetzung verbreitet Gletschergab ähnliche Vibes, wie sie bei staatenübegreifenden Großproduktionen fürs Fernsehen ab und an zu spüren sind – gerade immer dann, wenn für einen besonderen Kriminalfall Expertisen aus aller Herren Länder gefragt sind – insbesondere aus europäischen. So kommt es, dass Óskar Thór Axxelsons Verfilmung des Romans von Arnaldur Indriðason wie ein teures, aber bodenständiges Fernsehspiel wirkt – was aber ausnahmsweise nicht zum Nachteil gereichen sollte. Vielleicht entsteht der Eindruck aufgrund einer mehr auf Dialogen und sozialer Konfrontation, und viel weniger auf kostspielige Schauwerte setzenden Erzählweise. Da reicht das Konstrukt des Fliegers im Eis, da reichen die Landschaften Islands, da braucht es keinen Mission Impossible-Overkill (der zugegeben stets perfekt inszeniert ist).

Mit dem Rätselraten um die Büchse der Pandora, mit der investigativen Suche nach Etwas, wovon keiner so genau weiß, was es ist, sichert sich Gletschergrab die Aufmerksamkeit seines Publikums. Das passiert immer dann, wenn die Charaktere im Film den selben Wissensstand haben wie wir. Das ist schließlich weder arrogant noch ignorant noch allzu gefällige Langeweile – sondern Thrillerkost auf Augenhöhe ohne Eitelkeiten, die kurzweilig bleibt und Spaß macht.

Gletschergrab (2023)

A Haunting in Venice (2023)

ALLES MIT RECHTEN DINGEN

5,5/10


A HAUNTING IN VENICE© 2023 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: KENNETH BRANAGH

DREHBUCH: MICHAEL GREEN, NACH DEM ROMAN VON AGATHA CHRISTIE

CAST: KENNETH BRANAGH, TINA FEY, MICHELLE YEOH, JAMIE DORNAN, KELLY REILLY, CAMILLE COTTIN, RICCARDO SCAMARCIO, JUDE HILL, KYLE ALLEN, ALI KHAN, EMMA LAIRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Zum Dritten Mal schon wagt sich Kenneth Branagh als Hercule Poirot ans Unmögliche. Ob im Zug – Mord im Orient-Express – oder während einer Flussschiffahrt mit der Hautevolee, so gesehen im Tod auf dem Nil: Immer sind es Fälle, bei denen man sich fragt: Wie kommt der Belgier denn überhaupt auf all diese, aus wildwachsenden Indizien zusammengeschusterten Theorien, die obendrein noch stimmen, denn eins und eins lässt sich ja bekanntlich zusammenzählen. Detektivischen Scharfsinn muss man schon besitzen, denn andernfalls gelingt es kaum, auch nur irgendwann im Laufe der Ermittlungen diesem Kauz einen Schritt voraus zu sein. Noch undurchsichtiger und noch schwerer nachvollziehbar gestaltet sich die Ergründung eines Todesfalls inmitten der Nacht zu Allerheiligen in den Gemächern eines scheinbar verfluchten und daher wahnsinnig interessanten Palazzos irgendwo an einem Kanal in der Altstadt Venedigs. Klarerweise zieht ein Sturm auf, es donnert, blitzt und prasselt in den letzten Stunden des Oktobers, bevor es richtig düster wird und der November kommt. Zeitlich sind wir um einiges früher dran als Donald Sutherland, der in den Siebzigern seiner verstorbenen Tochter im roten Regenmantel folgen wird, denn dann tragen die Gondeln Trauer und so mancher verliert den Verstand.

Hercule Poirot allerdings ebenso, das möchte man nicht glauben. Einem kühlen Kopf wie diesen lässt sich nichts vorgaukeln – oder doch? Wir befinden uns im Jahre 1947 und der obsessive Schnauzbartträger hat sich längst im höchsten und stattlichsten Gebäude von Venedig, wie es scheint, samt Leibwächter zur isolierten Ruhe gesetzt. Da passiert es, und eine alte Bekannte, die Schriftstellerin Ariadne Oliver (Tina Fey, bereits durch Only Murder in the Building mit Krimi-Erfahrung gesegnet) lädt den Eigenbrötler zu einer Halloweenparty mit anschließender Séance ein, denn das muss der alte Mann mal mit eigenen Augen sehen – und folglich zugestehen, dass das Übernatürliche durchaus existiert. Das Medium Mrs. Reynolds (Michelle Yeoh) sei da wirklich ein Phänomen. Und ehe sich Poirot versieht, darf er auch schon dem Unerklärlichen folgen, wenn der Geist der hierorts gewaltsam ums Leben gekommenen Tochter von Gastgeberin Rowena (Kelly Reilly) plötzlich zu sprechen beginnt, und mit ihr der Kakadu, der seit ihrem Ableben kein Wort mehr gekrächzt hat. Die Sache fliegt als Humbug auf, zumindest teilweise. Der Krimi wäre zu Ende und die gruseligste Nacht des Jahres ein ernüchterndes Varieté, käme da nicht ganz plötzlich jemand zu Tode. Die grauen Gehirnzellen des altehrwürdigen Schnüfflers werden reaktiviert, wenn auch nur sporadisch. Denn irgendetwas geht ganz und gar nicht mit rechten Dingen zu. Schatten, Erscheinungen und Gänsehaut-fördernde Stimmen, die nicht ertönen dürften, machen Poirot zu schaffen.

Dem Publikum hingegen weniger. Frei nach Agatha Christies Krimi Die Halloweenparty setzt Branagh seinen Whodunit-Zyklus fort und mixt ihn anscheinend mit den Zutaten diverser kauziger Gruselkrimis, die aus der Feder von Edgar Wallace stammen und in den Sechzigern haufenweise Schwarzweiß-Verfilmungen mit Stamm-Ensemble nach sich zogen. Edgar Wallace, das war schon was. Kuriose Titel machten neugierig auf kuriose Mystery, die wie bei den drei Fragezeichen anfangs um jeden Preis paranormal sein mussten, um sich letztlich den Gesetzen der uns bekannten Physik zu unterwerfen. Wie wird das bei A Haunting in Venice sein?

Branagh tut sich schwer mit dem Unheimlichen. Shakespeare mag zwar sein Steckenpferd sein, der Horror ist es nicht. Gediegen darf’s ein, nicht im Gewand eines kerzenhellen Gothic-Verwirrspiels, das zwar in ausladender Weitwinkeloptik üppige Gemächer ausleuchtet, den Geist im Spiegel aber dort einsetzt, wo ihn alle erwarten. Das Problem bei dieser Krimi-Ausgabe ist nicht das Ensemble, sondern vielmehr die Vernachlässigung von allerhand Details, die im Grunde ordentlich ins Gewicht fallen müssten, es aber nicht tun. Es ist der um alles in der Welt Agatha Christies durchzubringende Charakter des Poirot, der zwar seinen Augen und Ohren nicht mehr traut, der aber als oberste Instanz der Vernunft die Fahne hochhalten muss. Das nimmt dem Werk das Mysteriöse, und wenn auch dunkle Flure, feuchte Keller und verschlossene Türen alles mitbringen, um sich wohlig erschaudert zu fühlen: zu fahrig und unentschlossen prallen die Versatzstücke des Gruselkinos auf jene des Edelkrimis. Den Fluch rund um den Palazzo noch in Erwägung zu ziehen – davon lässt man bald ab. Ebenso vom Willen, Poirots Überlegungen zu folgen, denn das gelingt beim besten Willen nicht. Viel zu sehr wünscht man sich, dass das Paranormale dem distinguierten Herrn die Leviten liest.

Auf welche Art und Weise hätte sich Peter Ustinov wohl durch die knarzenden Räumlichkeiten geschoben? Es wäre zu einem Crossover mit Blacky Fuchsberger und Eddie Arendt, vielleicht auch Klaus Kinski gekommen. Frei nach dem Motto: Hier spricht… Agatha Christie!

A Haunting in Venice (2023)

Gone in the Night (2022)

GHOSTING NACH DEM WOCHENENDE

2/10


goneinthenight© 2022 Vertical Entertainment


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ELI HOROWITZ

DREHBUCH: ELI HOROWITZ, MATTHEW DERBY

CAST: WINONA RYDER, DERMOT MULRONEY, JOHN GALLAGHER JR., OWEN TEAGUE, BRIANNE TJU U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Wieder eine Hütte im Wald. Den Amerikanern müssen diese Orte langsam schlimmer vorkommen als die Hölle selbst. Die Einschicht ist der Horror, der vielleicht ausgehobene Keller unter dem rustikalen Bungalow birgt vielleicht okkulte Schätze, von denen man gefälligst die Finger lassen sollte. Sami Raimi weiß, wovon er spricht. Auch Chris Hemsworth und eine ganze Schar ins Gras beißender Mittzwanziger feierten die Hütte als Ort des inszenierten Grauens. Winona Ryder darf nun endlich auch aus dem Kaff namens Hawkins entkommen, um irgendwo anders verstörte Blicke auf Dinge zu werfen, die sie gar nichts angehen. Zugegeben, das kann sie gut. Und aufgrund ihrer nicht gerade bärbeißigen Physiognomie kommt ihr zugute, dass sie manchmal – oder des Öfteren – Personen darstellt, die unterschätzt werden. Niemand legt sich mit einer rehäugigen Otto Normalverbraucherin an, die im Thriller Gone in the Night einfach nur ein Wochenende in der Natur verbringen will.

Die Hütte, die sie und ihr Freund gemietet haben, ist aber leider schon besetzt. Ein schräges Paar in grünen Regenmänteln steht vor der Tür – und ringt sich dazu durch, die von weit her angereisten Turteltauben übernachten zu lassen, damit sie tags darauf frischen Geistes den Umkehrschwung wagen. So weit soll es aber nie kommen: Am nächsten Morgen ist Winona Ryders Lover verschwunden. Gemeinsam mit der Freundin des anderen. Ist natürlich doof und unschön, des weiteren könnte Kath sich ja dem Liebeskummer hingeben, aber nein: irgendwie steckt sie die Sache ganz gut weg, erliegt aber letzten Endes doch der Neugier – und sie macht sich auf die Suche nach Max, um ihn zur Rede zu stellen.

Es wäre allen, einschließlich mir, lieber gewesen, sie hätte das nicht getan. Wen interessiert schon dieser Max – im realen Leben wäre die Sache vom Tisch, spätestens dann, wenn der Typ sich ohnehin auf keinen Anruf mehr meldet. Doch nein: Eli Horowitz treibt Winona Ryders Neugier bis zum Äußersten. Das Repertoire ihrer Emotionen ist aber eher gering, auch das von Co-Star Dermot Mulroney, der stets so wirkt, als hätte man ihn kurz vor Dreh aus dem Bett geholt. So verschlafen wie seine Performance ist auch der ganze Thriller, der sich fortwährend in Dialoge verliert, von denen man eigentlich nie so genau weiß, wohin sie führen. Natürlich kommt das Beste immer zum Schluss – aber in diesem Fall ist die Krönung eines Mysteryfilms, der gern so wäre wie aus der Feder M. Night Shyamalans, so dermaßen an den Haaren herbeigezogen; ist der Plot so unglücklich konstruiert, dass man sich vielleicht gar ein bisschen darüber ärgert, wirklich bis zum Ende drangeblieben zu sein.

Gone in the Night (2022)

Das Rätsel (2019)

DER URHEBER ALS MELKKUH

7/10


dasraetsel© 2023 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2019

REGIE: RÉGIS ROINSARD

DREHBUCH: ROMAIN COMPINGT, DANIEL PRESLEY, RÉGIS ROINSARD

CAST: LAMBERT WILSON, ALEX LAWTHER, OLGA KURYLENKO, RICCARDO SCAMARCIO, SIDSE BABETT KNUDSEN, EDUARDO NORIEGA, ANNA MARIA STURM, FRÉDÉRIC CHAU, MARIA LEITE, MANOLIS MAVROMATAKIS, SARA GIRAUDEAU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN 


Was ist das beste Beispiel für einen Millionenbestseller, um den sich der ganze Erdball einen sprichwörtlichen „Haxen“ ausreißt, um vielleicht an einen Leak zu kommen? Natürlich Harry Potter. So eine Exklusiv-Challenge hat sogar Eingang in den Film Der Teufel trägt Prada gefunden. Was für Sicherheitsvorkehrungen bezüglich der Übersetzung in – so mutmaße ich – fast alle Sprachen der Welt (bis vielleicht auf den Buschmann-Dialekt) es da gegeben haben muss. Vielleicht sogar solche, die jenen im vorliegenden Film Das Rätsel vielleicht nahekommen. Oder waren da vermutlich unterschriebene Verträge mit zahlreichen Klauseln alleine schon genug, um illegale Previews zu unterbinden?

In diesem Literatur- oder Belletristik-Thriller reicht kein Papierkram, um die Angst des Verlegers zu stillen. Dieser, dargestellt von einem mit eiskaltem Pragmatismus ausgestatteten Lambert Wilson, sperrt seine Übersetzer aus Ländern mit dem prognostizierten größten Umsatz an Buchverkäufen in den Keller seines Anwesens. Er will den dritten Band der Trilogie Daedalus weltweit und zeitgleich auf den Markt werfen, daher müssen neun Übersetzerinnen und Übersetzer in penibel abgestimmten Arbeitsschritten bis zu einem Stichtag ihre Sprachversionen fertigstellen. Insgesamt soll diese Schaffensphase zwei Monate dauern – jede (elektronische) Verbindung mit der Außenwelt wird unterbunden, damit auch keiner der Anwesenden in Versuchung kommt, auch nur irgendeine Zeile aus dem Bunker zu schmuggeln. Verleger Eric Angstrom muss hier bereits schlechte Erfahrungen gemacht haben. Oder aber die Gier nach Umsatz ist ihm längst zu Kopf gestiegen. Trotz dieser extremen Vorsichtsmaßnahmen wird der Albtraum Realität: Ein anonymer Erpresser veröffentlicht die ersten zehn Seiten im Internet und droht mit den nächsten hundert Seiten, würden nicht beachtliche Geldbeträge den Besitzer wechseln. Angstrom stellt sein Ensemble zur Rede, will die Wahrheit gar erzwingen. Der Fall ist knifflig, und mutet an wie ein perfekt einstudierter Zaubertrick. Denn es scheint unmöglich, das so etwas hat passieren können.

Genauso unmöglich wie sämtliche Mordfälle aus der Feder Agatha Christies. Nur hier wird das Verbrechen nicht an einer Person, sondern an einem urheberrechtlich geschützten Werk begangen. Und an den Rechten, die Angstroms Verlag womöglich erlangt hat – oder auch nicht. Der Autor selbst nämlich hält sich bedeckt. Niemand kennt seine Identität, er arbeitet mit einem Pseudonym, was die verzwickte Situation noch erschwert. Das Publikum kann also im Laufe des recht eleganten Whodunit-Krimis Überlegungen anstellen und den Profiler geben, wenn die neun grundverschiedenen Charaktere ihren knapp gefassten Steckbrief an den Laptop heften. Das ist routiniertes Kino, aber insofern etwas anderes, da es keinen Mordfall und folglich auch keinen Mörder gibt. Régis Roinsard, der im Sommer letzten Jahres mit dem bittersüßen Psychodrama Warten auf Bojangles Virgine Efira zu Höchstleistungen antrieb, legt nun seine bereits vier Jahre alte Urheber-Moritat nach, dessen verspätete Erscheinung wohl kaum nur der Pandemie geschuldet sein kann, sonst wäre der andere Film genauso ein Nachzügler. Doch vielleicht ist der Grund dafür einfach nur jener, Prioritäten gesetzt zu haben. 

Vom Film selbst mag man sich anfangs vielleicht etwas gelangweilt fühlen, da die Figuren, welche sich selbst als sehr interessant empfinden, viel zu kalkuliert erscheinen. Ihre charakterlichen Besonderheiten mögen etwas aufgesetzt wirken, und auch der dem Leak nachfolgende Psychokrieg will prickelnder und mitreißender sein, als er letztlich ist. Was aber nicht heißen soll, dass Das Rätsel eine vergebliche Investition von 105 Minuten sein muss. Eigentlich ganz im Gegenteil, und all die Defizite räumt Roinsard letztlich vom Tisch.

Im letzten Drittel fügt dieser unerwartet geschickt so einige Story-Twists ein, die er schon am Anfang anteasert, von denen man aber nicht allzu viel erhofft. Sein Film ist dann kein Mysterykrimi von der Stange mehr, sondern eine Konfrontation des Urhebers mit seinem Nutznießer. Der Verlag wird zur parasitären Institution, zum blutsaugenden Zeck, der das geistige Eigentum an sich reißen möchte. Der Urheber wird zum Verfechter eben jenes abstrakten, unantastbaren Guts, das im Zeitalter der KI kurz davorsteht, aufgeweicht und hinterfragt zu werden, bis die Idee des Einzelnen dem Kapitalismus mit Haut und Haaren zum Opfer fällt. Dafür findet Das Rätsel am Ende nicht nur geistreiche Worte, sondern auch spannende Bilder, die die Frage, wie sich Erfolg definieren soll, auf eine zwar plakative, aber treffende und auch unmissverständliche Weise beantwortet.

Das Rätsel (2019)

In der Nacht des 12. (2022)

ERMITTELN À LA MÖBIUS

7/10


indernachtdes12© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2022

REGIE: DOMINIK MOLL

BUCH: DOMINIK MOLL, GILLES MARCHAND

CAST: BASTIEN BOUILLON, BOULI LANNERS, THÉO CHOLBI, JOHANN DIONNET, PAULINE SERIEYS, LULA COTTON-FRAPIER, JULIEN FRISON, CHARLINE PAUL, MATTHIEU ROZÉ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Die Zeiten sind anscheinend vorbei, in welchen sich Drehbuchautoren im Schreiben ihrer Krimi-Plots stets nach der Lauflänge ihrer Serien-Episoden richten mussten. Zugegeben: viele davon haben angesichts ihrer Plausibilität gleich vorweg die Flinte ins Korn geworfen. Andere, die vielleicht mehr Zeit für ihren Fall hatten, strapazierten das Sitzfleisch so mancher Zuschauer. Der Zufall wurde ausgereizt, das Glück des Ermittlers hielt sein Publikum oftmals für dumm. Im True Crime, dem Subgenre des Thrillers, lassen sich Fälle auf wesentliche Wendepunkte reduzieren oder Zeitsprünge wagen, welche die ganze Spannung aber auseinanderreißen können. So gesehen zuletzt in Boston Strangler, einem Versuch, den berüchtigten Mordfall aus den 60ern als Fakten-Entertainment zu verkaufen. Doch man muss als Filmemacher weder das eine noch das andere tun. Man kann Fiktives mit Dokumentarischem kombinieren und das Verhalten der Kriminologen in den Mittelpunkt stellen, die zunehmend daran verzweifeln, nichts zu Ende bringen zu können.

Dominik Moll, der seit jeher mit dem Mysteriösen liebäugelt und mich mit dem an David Lynch-Werke erinnernden Lemming so richtig beeindruckt hat, konnte letztes Jahr mit In der Nacht des 12. beeindruckende Besucherzahlen schreiben sowie den französischen Filmpreis César fast so oft einheimsen wie die beiden Daniels mit ihrer Multiversum-Oper. Molls Anti-Krimi, wie ich ihn bezeichnen würde, hat sein interessiertes Publikum nicht für dumm verkauft. Hat Erwartungshaltungen unterwandert und sich davor gescheut, sich allen anzubiedern. Wie er das geschafft hat? Er hat sein Werk nicht einem filmischen Zeitfenster angepasst, sondern dieses einfach ignoriert. Ist der Fall nicht gelöst, endet das Ganze ungelöst. Wie bei Eduard Zimmermann und seinem (längst nicht mehr von ihm gehosteten) Dauerbrenner Aktenzeichen XY. Das Mysteriöse, Ungeklärte blieb das Geheimnis eines Erfolges. Niemand will in Wahrheit wirklich wissen, wer‘s war, außer bei Agatha Christie vielleicht. Doch jeder will wissen, wer es hätte sein können. Filme wie diese sind ein Rätsel, welches seine Aufgaben stellt und den Zuseher selbst ermitteln lässt. Ein interaktives Mitarbeiten setzt ein. Und das macht Spaß. Auch wenn ein Fall wie dieser wirklich nicht dazu einlädt, beschwingt ans Recherchieren zu gehen.

Was In der Nacht des 12. In Grenoble geschieht, ist schließlich so grausam wie gespenstisch. Eine junge Frau namens Clara, gerade mal 21 Jahre alt, wird auf dem Nachhauseweg überfallen, mit Benzin übergossen und angezündet. Sie erliegt ihren Verbrennungen – tags darauf findet man die teils verkohlten Überreste in der Wiese nahe eines Sportplatzes. Polizeibeamter Yohan und sein älterer Kollege Marceau beginnen zu ermitteln. Das Ganze fängt natürlich damit an, den geschockten Eltern vom Ableben ihrer Tochter zu erzählen – harter Tobak. Als nächstes muss Claras Vertraute Nanie, die als letzte das Opfer lebend gesehen hat, einige Fragen beantworten, auch sie am Boden zerstört. Und so geht es weiter. Es stellt sich heraus, dass die junge, durchaus promiskuitive und gar nicht an feste Liaisonen interessierte Frau so manche Beziehungen hinter sich gehabt hat – mit den unterschiedlichsten Typen, die letztendlich alle, auf gewisse Weise, verdächtig sein könnten. Außer jene, die ein Alibi haben. Aber auch da heißt es zu hinterfragen.

Man folgt den beiden Ermittlern, die selbst so ihre privaten Probleme haben, kreuz und quer durch die Provinz. Dabei nimmt sich Moll genug Zeit für all seine Figuren, um in wenigen Minuten von jedem hier einen plausiblen Steckbrief zu zeichnen. Der eine: gewalttätig, der andere: opportunistisch. Der dritte wiederum: trotzt dem System. Welches Verhaltensmuster also ist die beste Voraussetzung dafür, einen Mord zu begehen? Vor allem einen auf diese Art? In der Nacht des 12. wird immer mysteriöser. Puzzleteile passen nicht ganz zusammen, andere versprechen, die richtige Spur zu ergänzen. Und dann bringt man sich als Publikum selbst ins Spiel. Überlegt, rätselt. Und dennoch quält es einen nicht, am Ende nichts zu wissen. Es muss nicht alles gesagt, nicht alles auserzählt sein. Dominik Moll hält nicht viel von bewährten Mustern des Genres. Er will das Thema neu andenken – und findet die Lösung, in dem er einfach loslässt.

In der Nacht des 12. (2022)