Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (2023)

DIE NARRENFREIHEIT EINER JUGEND

7,5/10


wannwirdeswiederso© 2023 Frédéric Batier/Komplizenfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, BELGIEN 2023

REGIE: SONJA HEISS

BUCH: SONJA HEISS, LARS HUBRICH, NACH DER AUTOBIOGRAPHIE VON JOACHIM MEYERHOFF

CAST: DEVID STRIESOW, LAURA TONKE, ARSSENI BULTMANN, CAMILLE LOUP MOLTZEN, POLA GEIGER, ANDREAS MERKER, CLAUDE HEINRICH, NIKOLAI WILL, AXEL MILBERG, MERLIN ROSE U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Devid Striesow war noch nie so gut. So dermaßen gut. Wenn er, als Hermann Meyerhoff, seines Zeichens Anstaltsdirektor und Hochschullehrer und überhaupt intellektuell über den Dingen stehend, ohne arrogant zu wirken, dem norddeutschen Sturm trotzt und es genießt, fast schon zu fliegen – im nächsten Moment aber mit traurigen Augen in eine Zukunft blickt, die nicht mehr die seine ist, dann sind das Momente des deutschen Kinos, die muss man gesehen und auch so empfunden haben. Wie Ende letzten Jahres, in Was man von hier aus sehen kann – ebenfalls die Verfilmung eines Romans, und ebenfalls gesegnet mit Momenten, die für mich persönlich in die Geschichte des deutschen Films eingehen könnten, ganz problemlos.

Das deutsche Kino hat mittlerweile so seine Stärken gefunden. Die liegen nicht im Actionkino, auch nicht unbedingt in der Komödie oder gar im Genre des Phantastischen. Die liegen viel eher in der chronologischen Aufbereitung zusammenhängender Schicksale, so zum Beispiel in Familien mit dem gewissen Etwas, oder in kleinen Dorfgemeinschaften. Was da Zwischenmenschliches passiert, gerät im deutschen Kino aufs Silbertablett, und so wird es auch serviert: Melancholisch, humorvoll und selten aufgesetzt – skurril wie bei Amelie, tagträumerisch und zwischen den Zeilen lesend. Metaphysisch wie bei Kieslowski, und dann wieder mit einem Humor, den man zuletzt in den feinen satirischen Sketchen eines Loriot gesehen hat.

Mit dieser Art des kunstvollen Augenzwinkerns und des lakonischen Wortwitzes punkten die nun sehr behutsam auf die Leinwand gebrachten Erinnerungen des ehemaligen Burgschauspielers Joachim Meyerhoff, dem ich, zugegeben, niemals wirklich und auch nicht in Zeiten meines intensiven Theaterkonsums, gewahr wurde. Dafür aber jetzt, und das mit Wohlwollen, denn was der Mann zu erzählen weiß, mag zwar nicht bedeutender sein als die Familiengeschichte anderer Leute – aber vielleicht um eine Komponente bunter.

Wir wissen: Joachims Vater war Direktor einer Nervenheilanstalt, ähnlich des Wiener Sanatoriums am Steinhof. Das Aufwachsen inmitten all der Patienten mit den unterschiedlichsten Krankheitsbildern war somit zwangsläufig, und hat den kleinen Joachim bereits früh mit dem Verständnis für alles gesegnet, was außerhalb der Norm existiert. Da gibt es den Glöckner, einen Riesen, der schlurfenden Schrittes bimmelnd übers Gelände marschiert. Da gibt es die hochgradig depressive Marlene, Joachims erste Liebe. Das gibt es das Spinnenmädchen oder Patient Jesus. Sie alle gehen bei Meyerhoffs ein und aus, sie sind Teil einer Welt voller Geheimtüren und unentdeckter Blickwinkel. Und Vater Hermann – der führt seine fünfköpfige Familie an mit entspanntem Gemüt, kleinkünstlerischem Wortwitz und brummiger Freundlichkeit. Die Mutter träumt von Italien und hört Al Bano und Romina Power. Die Brüder sind deutlich älter und haben den jungen Joachim ziemlich oft auf der Schaufel, der dann seine Ausraster hat und nur auf der rüttelnden Waschmaschine wieder zur Ruhe kommt.

Alles ausgedacht? Alles so gewesen, wenn man der zugrundeliegenden Autobiographie Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war Glauben schenkt. Natürlich tu ich das. Ein Leben wie dieses, so nah am Nonkonformismus, so nah am Irrsinn und am Selbstmord – das ist Stoff, aus dem großes Kino entstehen kann. Und es passiert. Sonja Heiss (u. a. Hedi Schneider steckt fest) verfolgt keine komplexe Geschichte, schürt keine Spannung, sondern beobachtet nur. Es sind Erinnerungen und Anekdoten, berührende wie saukomische Momente, gleichzeitig märchenhaft und ernüchternd tragisch. Aus diesem cineastischen Fotoalbum einer Familie, die sich in allen Aggregatzuständen präsentiert, lässt sich so einiges mitnehmen fürs eigene Verständnis vom Zustand einer Menschenwelt und von der Möglichkeit, Dinge anders anzugehen als üblich. Durch die Bank grandios besetzt, sind vor allem die Jungdarsteller Camille Loup Moltzen und Arsseni Bultmann richtig bei der Sache, und Laura Tonke ist zwischen Wut, Träumerei und Traurigkeit greifbar und nahbar.

Ein feines Coming of Age-Drama, eine lupenreine Tragikomödie, die ein Farbspektrum nutzt, das selten verwendet wird, weil vielleicht nicht so attraktiv wie knallrot oder zuckerlrosa – und gerade dadurch andere Erinnerungen bei einem selbst weckt als üblich.

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war (2023)

O Beautiful Night (2019)

MIT DEM TOD EINEN TRINKEN

3/10


obeautifulnight© 2019 NFP marketing & distribution GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: XAVER BÖHM

BUCH: ARIANA BERNDL, XAVER BÖHM

CAST: NOAH SAAVEDRA, MARKO MANDIĆ, VANESSA LOIBL, EVA-MARIA KURZ, JOHANNA POLLEY, PETER CLÖS, GERHARD BÖS, SVEN HÖNIG, SOOGI KANG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Normalerweise, wenn der Tod an die Tür klopft, wird, wenn es nach der mittlerweile leider in Rente gegangenen Austro-Band EAV geht, etwas zu trinken geben. Zum Beispiel Jagatee. Am besten etwas, wonach man nach dem vierten oder fünften Nachschlag nicht mehr so ganz den Überblick hat. Wie passend für eine Wesenheit, die arme Seelen abholen will ins Jenseits, und dann nicht mehr weiß, wer nun als nächstes ins Gras beißen soll. Den Tod kann man auch ganz leicht überlisten, wie jenes alte Mütterchen, das den Gevatter innigst darum bittet, morgen wiederzukommen, und dieser sein Ehrenwort noch dazu an die Tür des Hauses kritzelt. So lebt die Alte ewig, und der Sensenmann muss klein beigeben.

Im Falle dieser nachtaktiven Tragikomödie mit Mystery-Touch kommt der Tod für einen Angsthasen wie Juri (Noah Saavedra, u. a. Egon Schiele: Tod und Mädchen) gerade recht, ist dieser doch fest davon überzeugt, dass seine Albträume, die einen unmittelbar bevorstehenden Herzinfarkt ankündigen, sehr bald wahr werden. Die Furcht vor dem Leben lähmt ihn – doch der Tod, das Objekt der Furcht schlechthin, weicht in O Beautiful Night von seiner eigentlichen Aufgabe ab. Eines Nachts erscheint er dem schlotternden Hypochonder wie aus dem Nichts, um ihn mitzunehmen. Zuvor aber soll der, der eigentlich nie wirklich erfahren hat, was es heißt, zu leben, das Dasein nochmal genießen. Vom Tod würde man sowas nicht erwarten. Man würde aber auch nicht erwarten, dass dieser in Gestalt eines mit slawischem Akzent sprechenden Vagabunden hier aufschlägt. Statt bleichgesichtig und schwarz ummantelt wie bei Ingmar Bergman ist dieser in Feierlaune und holt den verängstigten Juri aus seinem Schneckenhaus, um ihn durch die Nacht zu geleiten. Dabei ist ein Besuch bei Stripperin Nina, jener Frau, der Juri sein Herz geschenkt hat, mit inbegriffen.

O Beautiful Night hätte so werden können wie Jan-Ole Gersters Berlin-Ballade Oh Boy mit Tom Schilling als orientierungsloser Tagedieb, der durch die Facetten einer Großstadt mäandert. Doch Xaver Böhm, der auch am Drehbuch mitschrieb, verfängt sich in einer Episodenhaftigkeit, die zum Stückwerk wird. Vielleicht liegt es dabei auch an der Darstellung der Figur eines angreifbaren Todes, welcher der Slowene Marco Mandić ein allzu weltliches Gesicht gibt. Dafür frönt dieser viel zu sehr den irdischen Gelüsten, und jede Szene, in der Mandić performt, schreit danach, niemals anzunehmen, dass es sich dabei um eine Entität wie den Tod handeln könnte. Als Teufel wäre die Figur, die wie Lucifer aus gleichnamiger Serie den Lastern des Lebens nicht abgeneigt ist, nachvollziehbar genug. Der Tod aber ist etwas anderes. Zwar auch nicht unbedingt so, wie Neil Gaiman sich diesen in der Serie Sandman vorstellt, aber weiser, ruhiger und doch irgendwie anders als wir Menschen, die nur so umherirren in ihrem beschränkten Radius der eigenen Wahrnehmung. Mandić verleiht der Figur bis auf kleine Ausnahmen keinen größeren Radius, vielleicht weiß er manchmal mehr als andere und taucht ganz plötzlich dort auf, wo er vorher noch nicht gestanden hat. Sonst aber fällt es mir schwer, dieser Figur ein gewisses Maß an Respekt entgegenzubringen.

Wenn schon dieser Tod die recht sperrigen Episoden nicht auf einen Nenner bringen kann – wer tut es dann? Eigentlich niemand. Weder Noah Saavedra, der als Anti-Jedermann in Sachen Hedonismus ziemlich verloren wirkt und sich vom Tod herumschubsen lässt, noch die unnahbare Vanessa Loibl, die völlig unmotiviert zu den beiden schrägen Vögeln ins Auto steigt. Was bei O Beautiful Night nicht funktioniert, sind die nur in Ansätzen vorhandenen Charakterbilder der Figuren, die nicht zu dem werden, was sie eigentlich sein sollten. Die nicht den Film tragen wollen, der aber genau darauf setzt. Saavedra und Loibl lassen sich treiben, währen Mandić als Tod seinen Job scheinbar satthat. Die feine Klinge blitzt manchmal auf, wenn der Bote des Jenseits mit ein paar Russen ebensolches Roulette spielt. Doch auch in diesen Szenen ist die Motivation für das große Ganze zu selbstgefälliges Kunstkino, das seine einzelnen Szenen liebt, seine Figuren aber halbfertig auf eine existenzialistische Tour schickt, die sich niemals so anfühlt, als ginge es um Leben und Tod.

O Beautiful Night (2019)

The Middle Man – Ein Unglück kommt selten allein (2021)

ZUERST DIE SCHLECHTE NACHRICHT

6,5/10


the-middle-man© 2020 BULBUL FILM / THE MIDDLE MAN FILMS INC / PANDORA FILM


LAND / JAHR: NORWEGEN, DEUTSCHLAND, DÄNEMARK, KANADA

REGIE: BENT HAMER

BUCH: BENT HAMER, NACH DEM ROMAN SLUK VON LARS SAABYE CHRISTENSEN

CAST: PÅL SVERRE HAGEN, TUVA NOVOTNY, ROSSIF SUTHERLAND, KENNETH WELSH, PAUL GROSS, TROND FAUSTA, NINA ANDRESEN BORUD, BILL LAKE, AKSEL HENNIE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Renovierungsbedürftige Fassaden, bröckelnder Verputz. Schimmel, Wasserflecken und vergilbte Tapeten. Ein Inventar wie vom Flohmarkt, Aktenordner, die das Chaos in einem Büroraum bestimmen, der wohl mehr als Notlösung für ein heruntergekommenes Archiv herhalten kann als für ein zum Wohlbefinden der Mitarbeiter evaluierter Arbeitsplatz. In dieser von sozialer wie finanzieller Unterstützung benachteiligten Kleinstadt Karmack inmitten des größten Industriegebietes der USA, dem sogenannten Rust Belt, ist der wortwörtliche Rost, der Siff und der Verfall fast schon eine Art Sehenswürdigkeit – nämlich auf eine Weise, wie Bent Hamer sie zelebriert. Als dekoratives Element zur Versinnbildlichung einer lange an der seelischen Gesundheit seiner Figuren kratzenden Vergänglichkeit. Denn Karmack ist ein Ort des Schreckens. Oder besser gesagt: ein Epizentrum des Unglücks. So hat diese leicht kafkaeske Kleinstadtbürokratie auch den Platz eines Middle Man vorgesehen, der die unangenehme Aufgabe übernehmen soll, an den Türen der Bürger zu läuten, um diesen das Ableben ihrer Angehörigen zu verklickern. 

Frank Farelli ist der einzige Bewerber für diesen Job. Seine phlegmatische Ausstrahlung und das rationale Verhalten, welches er an den Tag legt, könnten der Sache dienlich sein. Doch vor allem ist endlich wieder Arbeit angesagt, und noch dazu macht ihm Sekretärin Blenda schöne Augen. Doch wie es der Zufall will, scheint Karmack plötzlich von Unheil verschont zu bleiben. Zumindest vorerst. Um dann mit Anlauf zuzuschlagen und eine Kettenreaktion auszulösen, die damit beginnt, dass sein bester Freund Steve im Rahmen einer Auseinandersetzung unglücklich stürzt und so ins Koma fällt. Nun muss er die traurige Nachricht dessen Vater überbringen. Auch kein leichtes Unterfangen. Und der asoziale Irre, der das ganze Schlamassel verursacht hat, läuft frei herum, ohne dafür belangt werden zu können.

Über Bent Hamers skurriler 50er Jahre-Schrulle Kitchen Stories ist zwar auch schon etwas Gras gewachsen, doch zumindest ist mir diese noch in Sachen Stimmung und Setting gut in Erinnerung geblieben. Man kann also meinen, Norwegen ist überall, wenn man nur genauer hinsieht. So ist es diesmal besagtes Industrieviertel – und selten noch ist es einem Film wirklich gelungen, Amerika nicht so aussehen zu lassen wie Amerika, sondern wie eine völlig autarke, in Brauntönen kolorierte Örtlichkeit. All die Figuren, die da auftreten, erinnern mitunter an die starren Pop-Up-Individuen aus Roy Anderssons bühnenhaften Kunstwerken. Bei Hamer ist die Geschichte aber nicht episodenhaft, sondern durchgehend und lebendiger, vielleicht auch weniger schräg als vermutet, dafür umso kummervoller. Der Fokus liegt auf dem sozial etwas ungelenken Unglücksraben Frank, dargestellt von Pål Sverre Hagen, der vor allem durch seine Performance als Thor Heyerdahl in Espen Sandbergs und Joachim Rønnings Kon-Tiki Insidern des Euro-Kinos bekannt sein könnte. Ein bisschen was von Rita Falks Eberhofer könnte er auch aufgeschnappt haben, und wie bei den bayrischen Provinzkrimis geht es auch in The Middle Man – Ein Unglück kommt selten allein vorrangig um soziale Absonderlichkeiten des Alltags, um gesellschaftliche Automatismen und einer gewissen, allen Anwesenden inhärenten Unaufgeräumtheit. Daraus entstehen seltsame Situationen und kuriose Zufälle, die aber alle neben der Spur passieren. The Middle Man ist Tragikomik mit versponnenem Lokalkolorit, ist mit penibel arrangierten Versatzstücken urbaner Verwahrlosung ausgestattet und recht langsam erzählt. Letzten Endes könnte fast schon ein Thriller daraus geworden sein, doch so weit würde ich nicht gehen. Dafür ist das Frustpotenzial in diesem lakonischen Film doch eher endenwollend, was The Middle Man aber nicht schlechter, sondern vielleicht nur sympathischer macht. Und weniger schadenfroh.

The Middle Man – Ein Unglück kommt selten allein (2021)

Raymond & Ray (2022)

BUDDELN BIS ZUM INNEREN FRIEDEN

7/10


raymond-and-ray© 2022 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: RODRIGO GARCIA

CAST: ETHAN HAWKE, EWAN MCGREGOR, SOPHIE OKONEDO, MARIBEL VERDÚ, VONDIE CURTIS-HALL, TOM BOWER, TODD LOUISO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Oft hört man bei Begräbnissen die in den Abschiedsfloskeln eingearbeiteten, ironischen Zeilen: Bis zur nächsten Leich‘, da sehen wir uns wieder. So makaber sich das anhören mag – irgendwie stimmt es auch. Jeder hat sein eigenes Süppchen am Kochen, und nur selten ist auch die blutsverwandte Familie auch wirklich darüber hinaus miteinander verbunden. Ein paar halbgare, in die Stille fehlender Worte hineingesprochene Einladungen, die man kurzerhand gleich wieder bereut, sind das einzige Zugeständnis an die Sippe. Man kann auch im selben Elternhaus aufgewachsen sein, man mag vielleicht in jungen Jahren miteinander durch Dick und Dünn gegangen sein – das Erwachsenenleben kappt die Schnur zur Vergangenheit durchaus gerne. Vor allem dann, wenn die gemeinsamen Erziehungsberechtigten Methoden an den Tag gelegt haben, die jedes spätere Selbstbewusstsein im Keim erstickten. Zum Glück für Ewan McGregor und Ethan Hawke ist das nächste Begräbnis keines, dass sie zwangsläufig mit ihrem alten Herrn wieder auf Tuchfühlung gebracht hätte. Sondern es ist die Einsegnung des Tyrannen selbst.

Trotz all des Widerwillens ist das Blut immerhin noch dick genug, um die Brüder Raymond & Ray dazu zu bewegen, den letzten Willen ihres schrecklichen Vaters anzunehmen. So schlägt der eine – ein biederer Familienvater mit klarer Tendenz, aufgrund seiner in den Tag hineingelebten Langweile die eigene Ehefrau zu vergraulen – beim brüderlichen Windhund auf. Ein bindungsloser, Drogen und Alkohol nicht abgeneigter Tagedieb mit Lust auf schnellen Sex. Lange nicht mehr haben die beiden miteinander kommuniziert, doch jetzt ist die Erlösung von dem Bösen endlich da, und schließlich ist es immer noch der eigene Vater, dem man zumindest einen Stinkfinger hinterherschicken kann, wenn dieser in die erdige Tiefe hinabgelassen wird. Das Sonderbare daran: die paar Kubikmeter Erdloch müssen erst gebuddelt werden – so steht’s im Testament. Und zu allem Überdruss sind die beiden nicht die einzigen, die den Begräbnis-Workshop am Friedhof absolvieren müssen – plötzlich sind da ganz andere, wildfremde Leute, die den Alten ganz anders in Erinnerung hatten als die beiden Brüder. Apropos Brüder: Auch in dieser Sache wird’s noch die eine oder andere Überraschung geben.

Hawke und McGregor – zwei schauspielerische Kapazunder – nehmen für die exklusiv auf AppleTV+ veröffentlichte Tragikomödie den Spaten in die Hand. Wer einem Begräbnis wie diesem schon irgendwo irgendwann mal beigewohnt hat, kann sich zur Randgruppe zählen. Die meisten werden sich bei einer Do it yourself-Beerdigung doch reichlich wundern – und unsere Stars in diesem Film tun das gleich mit. Wobei anfangs alles nach einem konventionellen Independentdrama aussieht, dass sich mit der Aufarbeitung familiärer Vergangenheit beschäftigt, indem sich später alle zum verbalen Showdown treffen. Natürlich peilt Drehbuchautor und Regisseur Rodrigo Garcia (u. a. Four Good Days) an besagter Thematik nicht vorbei. Klar gehts um Entbehrungen aus der Kindheit und darum, herauszufinden, worauf es ankam, um nun der Mensch zu sein, der man geworden ist. Überraschenderweise ist der Schauplatz dafür nicht das geerbte Eigenheim von damals, sondern das offene Gelände einer Ruhestätte, auf welchem alle aufeinandertreffen, die nur irgendwie mit dem Verstorbenen zu tun hatten. Während gebuddelt wird, kommt nicht nur die Erde hoch, sondern die ganze Wut, der ganze Frust, die ganze Traurigkeit von damals. Sie trifft auf andere Sichtweisen und seltsame Widersprüche, auf weise Stehsätze des Predigers und neugierige Blicke einer völlig unbekannten Restfamilie. Raymond & Ray ist zwar längst nicht so schwarzhumorig und bittersüß wie zum Beispiel die britische Groteske Sterben für Anfänger oder überhaupt Vier Hochzeiten und ein Todesfall. Das schweißtreibende Begräbnis von Rodrigo Garcia ist im Gegensatz zu diesen Beispielen von einer ganz besonderen Sorte, fühlt sich an wie ein seelisches Workout und kippt gerne ins Bizarre – wie Beerdigungen es manchmal tun, wenn sie nicht nach Plan laufen. Dieser Anarchie des Bestattens erreicht nicht nur Tiefe als Loch im Boden, sondern auch als zutage geförderte, heilsame, vielleicht unschöne Wahrheit. In diesem menschelnden Chaos, in diesem Ausnahmezustand zwischen befremdender Aufbahrung und Patronenhülsen aus dem Revolver, die wie Rosen auf den Sargdeckel kullern, hat eine kleine, geschlossene Gesellschaft gerade den richtigen Riecher, um Bilanz zu ziehen.

Raymond & Ray (2022)

Oskars Kleid

ELTERN MACHEN PROBLEME

6/10


oskarskleid© 2022 Warner Bros. Pictures Germany


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2022

REGIE: HÜSEYIN TABAK

BUCH: FLORIAN DAVID FITZ

CAST: FLORIAN DAVID FITZ, LAURÌ, AVA PETSCH, MARIE BURCHARD, KIDA KHODR RAMADAN, SENTA BERGER, BURGHART KLAUSSNER, JUAN CARLOS LO SASSO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Eltern sind sehr schnell mit ihrem Latein am Ende. Was Kinder wollen, was Kinder brauchen und wie Kinder die Welt sehen: All das und noch viel mehr ist für den, der es zumindest mal geschafft hat, ein lebendiges Wesen in die Welt zu setzen, wie ein Buch mit sieben Siegeln, das über all diese Feinheiten der Kindererziehung Aufschluss geben würde. Nur: Wir Eltern können diesen wuchtigen Wälzer leider nicht öffnen – und müssen mit der eigenen Erfahrung arbeiten, die sich aus einer Kindheit schöpfen läßt, die eine Generation zurückliegt und von einer Epoche gefärbt scheint, die längst schon überholt ist.

In der dritten Dekade des neuen Millenniums jedoch wacht unsere Gesellschaft langsam auf. Viele Staaten liegen da noch tief im Schlummer eines totalitären Mittelalters, Menschen schießen sich auf Geheiß machtkorrumpierter Persönlichkeiten immer noch tot, während mehr Gespür für das eigene Ich längst schon seine Äuglein geöffnet hat. Und Dinge, die über Jahrhunderte totgeschwiegen wurden, wie der sensible Umstand der eigenen sexuellen Identität, kommen zur Sprache. Transgender, nonbinär, LQBTIA+ – Wörter, die vor einigen Jahrzehnten noch nicht zu verstehen waren, nun aber der oder dem einzelnen so viele Freiheiten einräumen, dass diese zumindest in einigen europäischen Ländern und vielleicht auch in einigen amerikanischen Bundesstaaten ihrem psychosozialen Wohlbefinden nachgehen können. Modetrend? Wohlstandserscheinung? So einen Verdacht äußert Florian David Fitz als Filmvater Ben nicht nur einmal. Wäre da was dran? Womöglich nicht. Denn nicht zu wissen, ob man Frau oder Mann oder gar nichts von beidem ist, ob man vielleicht im falschen Körper steckt und als Bub eigentlich gerne ein Mädchen wäre – das birgt viel zu viele Erschwernisse, und später noch richtige Hürden, die zu bewältigen sind, um hier einfach spaßhalber einem Trend zu folgen. Freiwillig ausgesucht hat sich das niemand.

Einer dieser Buben, die gerne ein Mädchen wären, ist Oskar. Der trägt liebend gern sein dottergelbes Sommerkleid und nennt sich Lili. Schwester Erna (Ava Petsch, auch zu sehen in Was man von hier aus sehen kann) hat damit keinerlei Probleme, weil Kinder sich nicht so einen Kopf machen wie Erwachsene. Auch die Mama weiß Bescheid, und sogar die Schule, auf welche Lili geht – wissen doch all die Mitschülerinnen und -schüler längst nicht, dass das Mädchen im Grunde biologisch gesehen anderen Geschlechts ist. Einzig Papa Ben fällt aus allen Wolken, tut dieses abnormale Gehabe als Spleen ab und will sich auf keine Diskussionen einlassen, als dieser aufgrund der Schwangerschaft seiner Ex-Frau die beiden Kids mit zu sich nach Hause nimmt. Auf die Reihe bekommt dieser Ben allerdings nichts so wirklich. Das eigene Ego, verkrustete Ansichten und fehlende Offenheit einer sich in der Umgestaltung befindlichen Gesellschaft gegenüber werfen dem strauchelnden Polizisten allerlei Knüppel zwischen die Beine. Dann legt er sich auch noch mit seinem Rivalen an und muss hinnehmen, dass seine eigenen Eltern dem neuen Liberalismus mehr Verständnis entgegenbringen als er selbst.

Oskars Kleid ist nicht der erste Transgender-Familienfilm, aber womöglich der erste deutsche. Mit Mein Leben in Rosarot hat schon der Franzose Alain Berliner 1997 das gleiche Thema angeschnitten. Später dann, 2018, gaben Claire Danes und „Big Bang Theory“-Star Jim Parsons in Ein Kind wie Jake mehr schlecht als recht das sorgenvolle Elternpaar eines Mädchens im Körper eines Jungen. Da wie dort liegt der Fokus weniger auf den schwierigen Umstand, die eigene queere Identität als Kind anzunehmen als vielmehr auf das hilflose Tamtam der Erwachsenen, die ohne all diese Blickwinkel aufgewachsen sind und gerne der Tendenz folgen, aus allem ein Problem zu machen, um dieses dann erfolgreich zu lösen. Eine Taktik, die sich bald als relativ unpraktisch darstellt.

Florian David Fitz, Publikumsliebling und charmanter, fürs Tragikomische gerne besetzter Comedian, hat für Oskars Kleid das Drehbuch verfasst und sich so seine Gedanken darüber gemacht, wie es ihm selbst wohl dabei ginge, wenn der „Thronfolger“ plötzlich lieber Lidschatten und Krönchen trägt. Dabei kann er nicht anders, als seine Figur mit ordentlich aggressiver Männlichkeit auszustatten, dessen gewalttätiges Potenzial man als schmunzelndes Publikum nachzusehen hat. Sein „Problempapa“ bleibt den Stereotypen aus Schweiger- und Schweighöfer-Filmen leider treu, was vielleicht etwas zu gefällig erscheint und aus einem sehr reizvollen Thema eine Komödie machen will, die bewährten Mustern folgt. Das wäre auch zur Gänze passiert, würde Filmdebütant Laurì als Oskar/Lili durch sein zurückgenommenes, sensibles Spiel, das oft ohne Worte auskommt, der ganzen, sich steigernden Turbulenz einen nachdenklichen Kontrapunkt setzen, von welchem aus das ganze Durcheinander mehr Tiefe erlangt als abzusehen gewesen wäre.

Mehr Schwerpunkt auf Laurìs Performance wäre willkommener gewesen, die stillen Momente mit ihm und Filmvater Fitz erreichen manchmal eine ungeahnte Stärke, während sich der stressige Familienalltag und das Abarbeiten elterlicher Benimmregeln angesichts queerer Umstände in einem manchmal zu simplen Kosmos verlieren, der zugunsten eines breiten Publikums vereinfacht wird. Natürlich ist die Ambition dahinter eine, einem breiten, berührungsängstlichen Publikum ein so heikles wie sensibles Thema wie dieses näherzubringen. Bei allen anderen, die damit von vornherein klarkommen, rennt Florian David Fitz längst offene Türen ein.

Oskars Kleid

Was man von hier aus sehen kann

VOM ENDE UND SEINEN ANFÄNGEN

8,5/10


WasManVonHierAusSehenKann© 2022 Studiocanal GmbH / Frank Dicks


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2022

BUCH / REGIE: ARON LEHMANN, NACH DEM ROMAN VON MARIANA LEKY

CAST: LUNA WEDLER, CORINNA HARFOUCH, KARL MARKOVICS, ROSALIE THOMASS, PETER SCHNEIDER, BENJAMIN RADJAIPOUR, AVA PETSCH, COSMO TAUT, HANSI JOCHMANN, JOHANNES ALLMAYER, GOLO EULER, THORSTEN MERTEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Irgendetwas ist anders. Ja, stimmt, wir befinden uns im Genre der Tragikomödie nicht im Frankreich der Fünfzigerjahre, sondern in einem kleinen Dorf im Westerwald, in welchem die Zeit stillzustehen scheint, wo keine Smartphone-Technik die verschrobenen Verhaltensweisen der Bewohner verzerrt oder sonst ein Trend den Lauf der Dinge vorwegnimmt. Dieses Dorf gibt es nicht, kann es nicht geben, in seiner Schlichtheit und Unmissverständlichkeit, die sich bereits an den Schildern über den Geschäften manifestiert. Da gibt es einen Optiker, einen Buchladen, ein Eiscafé. Hier ist alles so, wie es ist. Man möchte fast meinen, in einem Sammelsurium aus Janoschs Feder einzutauchen, nur ohne Bären und ohne Tiger, sondern mit charakterlich unverwechselbaren Menschen, die einmal griesgrämig, dann traurig oder einfach sehnsüchtigen Herzens sind. Es ist eine Welt wie aus einem Märchen von Roald Dahl, und dann wieder wie aus dem bizarren, ins Metaphysische eintauchenden Panoptikum von Jean Pierre Jeunets fabelhafter Welt der Amelie. Im Zentrum steht die Liebe, doch die ist nicht so zu verstehen, wie wir sie kennen, nämlich als Schnulze, Romanze oder kitschige Lovestory. In Was man von hier aus sehen kann sind die in den Herzen getragenen Träumereien und Wahrheiten fast schon offene Geheimnisse, deren Verbalisierung gar nicht vonnöten scheint, die sich nur durch Taten zu erkennen geben und meist zum richtigen Zeitpunkt erscheinen. Dabei wird so viel positive Energie freigesetzt, dass man als Zuseher, zu Tränen gerührt, auch noch ein großes Stück davon abbekommt.

Dieses kleine Dorf also, mit seinen seltsamen Bewohnern wie der notorisch miesgelaunten Marlies, dem jähzornigen Palm oder der abergläubischen Elsbeth, gerät in muntere Panik, wenn Oma Selma mal wieder von einem Okapi träumt. Was das bedeutet? Nun, meist ereignet sich dann Tags darauf ein Todesfall. Aber was heißt; meist. Immer. So ist es verankert. So funktioniert diese Welt. Und immer dann, wenn das Okapi seinen Auftritt hatte, wird den Bewohnern das Ende ihres Lebens bewusst. Sie versuchen, den Tag zu leben, als wäre er ihr letzter. Inmitten dieser Ereignisse steht Luise (Luna Wedler, u. a. aus Je suis Karl bekannt), die auf zwei Zeitebenen so ihre Erfahrungen macht. Einmal als Kind, dann als junge Erwachsene. Auch sie wird von Visionen heimgesucht, die aber anderer Natur sind und manchmal das Ableben ihres Hundes Alaska illustrieren. Wie Luise also ihren Platz im Leben findet, und wie jede der hier in diesem versponnenen Lummerland existierenden Seelen das Prinzip des Miteinanders zu verstehen lernt – davon erzählt der wohl beste deutsche Film des Jahres 2022, der noch so kurz vor Ende eines ereignisreichen Kinojahres über die Leinwände hereinschneit.

Wer hätte gedacht, dass das Genre der leichtfüßigen Tragikomödie nicht nur den Franzosen vorbehalten bleibt. Mittlerweile scheint es, als könne es das deutsche Kino genauso. Denn Was man von hier aus sehen kann beweist diesen Umstand dank der Fähigkeit, weit um platten Kitsch herumzuschiffen und Kino-Poesie, wie man sie selten sieht, in all ihrer bescheidenen Strahlkraft einzufangen. Bescheiden deswegen, weil sich Poesie wie diese zwischen den Zeilen liest. Die anders sichtbar wird, die aber von einem Ensemble getragen werden muss, dass keinerlei Vorbehalte untereinander hat. Aron Lehmann (Highway to Hellas, Jagdsaison) kann sich voll und ganz auf Schauspielgrößen wie Corinna Harfouch oder Karl Markovics verlassen. Beide liefern Glanzleistungen ihrer Karrieren ab und schaffen so nebenbei einen der schönsten Kinomomente der letzten Jahre. Beide harmonieren so wunderbar miteinander, dass sie den Film wohl ganz allein getragen hätten. Mit schillernden Nebenrollen wie die von Rosalie Thomass oder Peter Schneider aber ist das gar nicht notwendig. Sie bereichern den Ensemblefilm um so skurrile wie melancholische Nuancen. Alle gemeinsam bestücken einen Film, der nicht unbedingt einen dicken roten Erzählfaden durch das Gesehene hindurchführt, sondern der mehrere Blickwinkel zugleich bedient, fast zeitlos, und die allesamt auf eines hinauslaufen: Auf das Glück im Leben, nicht allein sein zu müssen. Diese Zweisamkeiten gelingen in der stillen Betrachtung am Besten; ohne viel Worte, mit vielen Geheimnissen, die es zu bewahren gilt. Bis ans Ende eines Lebens, wenn sich neue Anfänge eröffnen, wo das Alte in sich zusammenfällt und bislang Verborgenes sichtbar wird. Und man kann gar nicht anders, als seine Liebsten, die man mitgenommen hat in diesen Film, schon während des Abspanns in den Arm zu nehmen. Wenn Kino die Nähe so sehr triggert, dann ist das etwas ganz Besonderes.

Was man von hier aus sehen kann

Mrs. Harris und ein Kleid von Dior

KLEINE LEUTE KOMMEN IN MODE

7/10


MrsHarrisundDior© 2021 Ada Films Ltd – Harris Squared Kft


LAND / JAHR: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN, UNGARN 2022

REGIE: ANTHONY FABIAN

CAST: LESLEY MANVILLE, ISABELLE HUPPERT, LAMBERT WILSON, ALBA BAPTISTA, LUCAS BRAVO, ROSE WILLIAMS, JASON ISAACS, ELLEN THOMAS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Das Kino tischt uns Märchen auf. Und ja, das soll es. Der Pflicht, uns über alle möglichen offenen Wunden zu informieren, die wir bereits hinterlassen haben oder gerade hinterlassen, kommt das Medium Film ohnehin mehr nach als uns lieb ist. Um Probleme zu wälzen braucht man kein Kino, Unglück gibt’s so nämlich auch genug. Warum nicht wieder das Glück suchen wie damals, während des Krieges oder in der Nachkriegszeit, noch vor dem Wirtschaftswunder, wo noch niemand satt wurde und die alliierten Mächte Europa derweil noch besetzt hielten? Da war das Kino noch ein wunderbarer Ort des Eskapismus. Dank Inflation, Klimawandel, Menschenrechte und Krieg ist es wieder an der Zeit, die heile Welt auf den Plan zu rufen – die aber, wenn man genauer hinsieht, gar nicht so heil daherkommt. Es ist nur eine, die hinbekommt, woran wir verzweifeln. Wo alles gut wird, während wir in manchen Dingen noch kein Licht am Horizont ausmachen können.

Die Hoffnung stirbt womöglich zuletzt im dunklen Kinosaal. Oder auch nie. Vielleicht muss man nur seinen Wünschen nachhängen, seinen Idealen und noch so absurden Träumen. Ja, ich weiß, es klingt kitschig, aber die kleine, aufgeweckte und stets höfliche Mrs. Harris, die hält solche Binsenweisheiten für einen löblichen Versuch, einen Schritt dorthin zu tun, wo noch nie ein Normalsterblicher mit dem Gehalt einer Putzfrau hingekommen ist: In die Welt des Establishments. Genauer gesagt: In die Welt von Christian Dior.

Mrs. Harris goes to Paris – der charmante Reim geht in der deutschen Übersetzung leider verloren – beruht auf dem Roman des Schriftstellers Paul Gallico und wurde bereits zweimal verfilmt. Allerdings in Dekaden des 20. Jahrhunderts, in welchen ich diesen Stoff wohl nicht eingeordnet hätte, atmet der doch, wie eingangs erwähnt, die Luft der Zuversichtlichkeit neu gewonnener Freiheiten der 50er Jahre. Doch zumindest tritt in einer der beiden vorangegangenen Werke Angela Lansbury auf, in der anderen Inge Meysel. Diese Version hier, mit Leslie Manville als wirklich bezaubernde ältere Dame mit ganz viel Power im Herzen, beglückt womöglich auch ein zynisches und weltkritisches Publikum, zumindest wird diesem vielleicht etwas wohliger in seinen gepolsterten Kinositzen, und der Verzicht auf die zwei, drei Ballkleider, den unsere niederösterreichische Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner zwecks Inflationsoffensive empfehlen würde, ließe sich vielleicht nochmal überdenken. Ein solches Kleid könnte Frau ja besitzen, einfach, um sich dabei besser zu fühlen. Und die soziale Untersicht, der man zwar dankbar ist, die man jedoch nicht wirklich wertschätzt, könnte ein bisschen am Luxus schnuppern.

So fliegt Mrs. Harris das Glück in Form von wundersamen Finanzspritzen regelrecht in die Geldbörse. Eine satte Fußballwette und die Witwenrente des im Krieg verstorbenen Mannes machen es möglich, dass die resolute Dame plötzlich bei einer Fashion Show in den heiligen Hallen der Pariser Dior-Nähstätte reinschneit. So jemand ohne Klasse wird von oben herab beäugt, und selbst Isabelle Huppert als Diors rechte Hand weiß nichts mit der selbstbewussten Putzfrau anzufangen. Doch der Himmel ist ihr auch hier gewogen – und das Kleid ihrer Träume rückt näher, während draußen auf den Straßen die Müllabfuhr streikt und die Wirtschaft den Bach runtergeht.

Diesen dezent kritischen Seitenhieb auf den gegenwärtigen Zustand von Haben und Nichthaben leistet sich dieses auf noble Art konservative Märchen trotz all den Sternen, die man Lesley Manville vom Himmel holt. Selbst in einem Film wie diesen ist nicht alles eitel Wonne, und oft passiert es und das eigene Glück ist in Wahrheit das eines anderen. Wie Manville also von der unterschätzten Haushaltskraft zum funkelnden Stern aufblüht, ist fast ein bisschen My Fair Lady, fast ein bisschen Aschenputtel. Prinzen gibt es aber nur für andere, wie zum Beispiel für die sagenhaft schöne Alba Baptista (Warrior Nun), denn alles kann Mrs. Harris auch nicht haben. Die Genügsamkeit im Träumen selbst ist schon mal ein guter Anfang, um von der Welt nicht allzu sehr enttäuscht zu werden, wenn manches nicht klappt. Dass Mrs. Harris und ein Kleid von Dior lediglich den Klassenkampf zu einem guten Ende bringen will, ist Grund genug, der so entrückten wie naiven Schicksalskomödie als neuen Trend im Kino eine Chance zu geben. Ein guter Mensch soll ja auch was davon haben, gut zu sein, oder nicht?

Mrs. Harris und ein Kleid von Dior

Der Sommer mit Anaïs

GELEGENHEIT MACHT LIEBE

7,5/10


sommermitanais© 2022 Filmladen


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: CHARLINE BOURGEOIS-TACQUET

CAST: ANAÏS DEMOUSTIER, VALERIA BRUNI TEDESCHI, DENIS PODALYDÈS, JEAN-CHARLES CLICHET, ANNIE MERCIER, ANNE CANOVAS, CHRISTOPHE MONTENEZ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Kann es nicht sein, dass wir den Schlimmsten Menschen der Welt bereits in der norwegischen Tragikomödie selben Titels gesehen haben? Möglich, doch vielleicht irren wir uns. Es ist zu vermuten, dass die von Renate Reinsve dargestellte Julie Aus Joachim Triers filmischem Gefühlschaos mit Anaïs Demoustier den Rang abgelaufen bekommt. Zumindest aber sind beide ungefähr gleich auf in ihrem Streben, sich nirgendwo festlegen und alles auskosten zu müssen, was das Leben eben so hergibt, dabei aber jedwede Bodenhaftung verlieren, die für innere Gelassenheit wohl wichtig wäre. Sowohl Julie als auch Anaïs sind Freigeister mit Körper und Seele, und Anaïs hat zum Beispiel gar kein Problem damit, eine ungeplante Schwangerschaft einfach abzubrechen, denn das würde ihr Leben unweigerlich in eine Richtung lotsen – für welche die experimentierfreudige Mittdreißigerin längst noch nicht bereit ist. Da gibt’s noch ganz andere Erfahrungen, die Frau machen muss. Zum Beispiel die einer Beziehung zu einem deutlich älteren Buchverleger (Denis Podalydès), der Anaïs gleich ganz für sich beanspruchen will, was diese natürlich wieder in eine Ecke drängt. Anaïs nimmt abermals Reißaus, es treibt sie hierhin, es treibt sie dorthin, und dann weckt die Ehefrau dieses älteren Ex, eine bekannte Schriftstellerin, ihr Interesse. Im Rahmen eines Literatursymposiums in einem Landhotel vergisst Anaïs ihre studentischen Pflichten und quartiert sich genau dort ein, wo die reifere Emilie (Valeria Bruni Tedeschi) ihre Vorträge hält. Langsam entsteht so etwas wie ein sommerlich leichter Flirt zwischen den beiden, die einerseits in ihrer Mentalität unterschiedlicher nicht sein können, andererseits aber vieles gemeinsam haben. Vielleicht auch die Lust am Abenteuer und am Unberechenbaren; an verspielten, ungebundenen Affären und vielsagenden, koketten Blicken.

So einen Augenaufschlag, verbunden mit gewinnendem Lächeln, weiß Anaïs Demoustier famos zu beherrschen. Die eindrucksvolle Schauspielerin wurde seinerzeit, nämlich 2003, von niemand anderem als Michael Haneke entdeckt, der sie 2003 für sein Endzeitdrama Wolfzeit besetzt hat. Jetzt, so viele Jahre und unzählige Filme später, darunter auch Werke von Quentin Dupieux, beeindruckt sie genauso Liebhaber der frankophonen Romantik wie Virginie Efira oder Juliette Binoche es tun. Mit klugem Wortwitz und kreativer Starrköpfigkeit, aber auch mit einer fast schon kindlichen Sehnsucht nach Nähe und dem Mysterium sich anbahnender Liebschaften in genau diesem Stadium verdreht sie selbst ihrem Publikum den Kopf.

Charline Bourgeois-Tacquet lässt sich von dieser Ausstrahlung nur so weit vereinnahmen, dass sie sich nicht mit der Kamera ausschließlich auf Anaïs Demoustier stürzt und alles andere drumherum vergisst, sondern immer noch mit einer zurückgelehnten Entspanntheit eine charmante zwischenmenschliche Konstellationen beobachten kann, die sich nicht auf Druck in irgendeiner aufgeräumten Message kanalisieren müssen. Es ist, als hätten die beiden Schauspielerinnen viel freie Hand gehabt, um manches zu improvisieren oder für anderes wiederum eigene Worte zu finden. Dieses leise und immer stilvolle Abenteuer unter französischer Sommersonne spart nicht mal Tragik ganz aus, weiß aber so gut damit umzugehen wie eben Joachim Trier. Es ist ein Genuss, den Sommer mit Anaïs zu verbringen, zumindest die paar strandwarmen Momente voller Understatements, deren dahingleitende Figuren sich nicht nur einander, sondern auch selbst überraschen. Das Genre des französischen Liebesfilms: stets darauf bedacht, Wirbelwinden wie Anaïs niemals die Chance zu nehmen, irgendwo und irgendwann alle Prinzipien über Bord zu werfen und jeden Moment neu anzufangen.

Der Sommer mit Anaïs

Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten!

REVOLTE AM ABSTELLGLEIS

7/10


wasdeinherzdirsagt© 2022 Jérôme Prébois – ADCB Films


LAND / JAHR: FRANKREICH 2020

BUCH / REGIE: ALBERT DUPONTEL

CAST: VIRGINIE EFIRA, ALBERT DUPONTEL, NICOLAS MARIÉ, JACKIE BERROYER, PHILIPPE UCHAN, BASTIEN UGHETTO, MARILOU AUSSILLOUX, TERRY GILLIAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Was das Herz begehrt, Wo die Liebe hinfällt – und jetzt auch noch das: Was dein Herz dir sagt. Aber ich empfehle allen  Kitschverweigerern gleich vorweg, sich in diesem Fall nicht unbedingt abschrecken zu lassen. Wir wissen ohnehin, dass so manche deutschsprachige Titelvergabe für internationale Filme am eigentlichen Thema vorbeigehen. Aber ein kleines Zugeständnis zum Original gibt es: Adieu, ihr Idioten (eine Floskel, die man derzeit auf viele Teilbereiche der Politik und Gesellschaft anwenden kann) ist zumindest erhalten geblieben. Und trifft die Seele dieser kleinen, bezaubernden Anarcho-Tragikomödie viel eher. Und hier sieht man wieder: Frankreich ist nach wie vor ungeschlagener Meister darin, Komödien zu inszenieren, die in keiner auch nur sonst wie banalen Szene zum Femdschämen einladen oder lächerlich wirken. Sie haben Charme, Tiefe und eine unnachahmbare Leichtigkeit, von welcher alle Höhen und Tiefen eines Films profitieren. Hollywood kann da immer noch lernen, Deutschland ebenso. Österreich – hätten wir unsere Kabarettisten nicht, sähe es traurig aus. Doch die im Film lebendig gewordenen Aussteiger-Franzosen verabschieden sich nicht mit einem Stinkefinger wie vielleicht anderswo, sondern mit einem Understatement, das Stil besitzt.

Hier, in Albert Dupontels selbst verfasster und immer nur dezent ins Absurde abgleitenden Komödie, in der er auch selbst die Hauptrolle spielt, treffen drei vom Leben betrogene Individuen aufeinander, die keinen Platz mehr in einer Welt des Fortschritts finden. Die am Abstellgleis gelandet sind, im Dunkeln sitzen, sich von Haarspray vergiften haben lassen oder durch Jungspunde frisch aus dem Studium ersetzt werden. Ja, so läuft es derzeit. Und jene, die das ganze so weit kommen lassen, trösten sich selbst mit heuchelndem Altruismus. Schließlich sind wir alle sowas von sozial. Suze Trappet, gespielt von Virginie Efira, wird an einem Lungenleiden sehr bald das Zeitliche segnen. Bevor dies aber geschieht, hat sie noch ein Ziel: Ihren damals zur Adoption freigegebenen Sohn finden. Wie es der Zufall so will, trifft sie auf den ausrangierten IT- und Sicherheitsexperten Cuchas, der sich so gut wie überall auf diesem Planeten hineinhacken kann und nun seinen Platz als Koryphäe auf seinem Gebiet räumen muss. Er will seinem Leben ein Ende machen, doch dieses Vorhaben geht schief. Zu guter Letzt komplettiert ein blinder Archivar (begnadet komisch: Nicolas Marié) das schräge Trio, der im Übrigen die meisten Lacher in diesem Film für sich beanspruchen kann und ja, man muss sagen: Witze über Blinde sind keinesfalls politisch korrekt. Doch wie Marié hier die Kunst des Slapsticks zelebriert, kommt den kuriosen Eskapaden eines Stan Laurel relativ nah. So sind die drei also unterwegs quer durch ein verfallenes, teils futuristisches Frankreich in einer Grauzone zwischen Vergangenheit und Moderne. Weinen ihrer Habenseite nach und trotzen einer unbestimmten Soll-Zukunft. Man könnte sagen, Was dein Herz dir sagt – Adieu ihr Idioten! ist eine skurril-sympathische, urbane Spazierfahrt mit dem Herzen am rechten Fleck. Gut, auch das ist eine Floskel. Doch lassen sich damit die Ambitionen der drei nur zu gut verstehen, und wenn man beobachtet, wie der unmöglich zu lösende Schicksalsknoten dennoch aufgeht und wir damit fast schon in einer metaphysischen, märchenhaften Dimension der Tragikomödie angelangt sind, dann schüttelt man nicht den Kopf ob so vieler Unglaubwürdigkeit, sondern nimmt diese Abgehobenheit mit einer fast schon zärtlichen Zuneigung an.

Und es ist, wie es ist: Virginie Efira ist, wie schon Huppert, Binoche oder Marceau, eine sinnliche Persönlichkeit, eine mit feinem erotischem Charisma. Liebevoll und warmherzig und man möchte sie in den Arm nehmen und knuddeln, und dazu auch vielleicht gleich die anderen beiden Loser, die eigentlich gar keine sind. Dupontel hingegen widmet den Film dem verstorbenen Monty Python-Mitglied Terry Jones und lässt sogar Terry Gilliam in einem kleinen, frechen Cameo den Screen passieren. Warum er das tut? Jones war ein großer Fan seines Regiedebüts Bernie, das schien Dupontel viel bedeutet zu haben. Den grotesken Humor der Briten aber übernimmt er ganz und gar nicht, obwohl sich einer wie John Cleese perfekt in das Setting eingefügt hätte. Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten! bleibt französisch und trifft daher mit nicht ganz so schwarzem, aber dunkelgrauem Humor ins Ziel. Bringt zum Lachen und erwärmt an so nebelgrauen Tagen wie diesen das zu allen Schandtaten bereite Gemüt, wenn es heißt, sich nicht unbedingt so verhalten zu müssen, wie die anderen es wollen.

Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten!

The Banshees of Inisherin

FREUNDSCHAFT IST EIN VOGERL

7,5/10


bansheesofinisherin© 2022 20th Century Studios All Rights Reserved.


LAND / JAHR: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: MARTIN MCDONAGH

CAST: COLIN FARRELL, BRENDAN GLEESON, KERRY CONDON, BARRY KEOGHAN, SHEILA FLITTON, PAT SHORTT, JON KENNY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Von Juni 1922 bis in den Mai des Folgejahres tobte auf Irland ein verlustreicher Bürgerkrieg zwischen jenen, die den Irischen Freistaat befürworteten, und jenen, die natürlich dagegen waren. Das hieß auch, dass ein Teil Nordirlands immer noch unter britischer Hoheit blieb. Ein Kompromiss, den viele nicht eingehen wollten. Diesen entbrannten Bruderkrieg konnte man von den vorgelagerten Inseln Irlands manchmal beobachten – und auch hören. Explosionen, donnernde Salven. Auf Inisherin, einer der irischen Küste vorgelagerte, fiktive Insel in der Galwaybucht, hat laut Martin McDonagh (Three Billboards outside Ebbing, Missouri) der Krieg scheinbar wenig Einfluss. Das Leben nimmt dort seinen Lauf, ein Tag folgt dem anderen und endet im Pub an der Steilküste. Es wird musiziert, dann, nächsten Morgen, wird das Nutzvieh versorgt, und pünktlich um 14 Uhr am Nachmittag holt einer wie Padraic seinen besten Freund von zuhause ab, um gemeinsam ein oder mehrere Guinness zu heben. Viel mehr passiert hier nicht. Langweilige Menschen tun langweilige Dinge. Aber das ist schön so. Und vertraut. Und jeden Tag aufs Neue Grund genug, dafür aus den Federn zu kommen. Doch eines Tages, es ist der erste April des Jahres 1923 – der Krieg am Festland liegt in den letzten Zügen – ist alles anders. Padraics Freund Colm kündigt die Freundschaft. Einfach so. Das dumme Gerede des einen, so meint er, stehle ihm viel zu viel Zeit für die wesentlichen Dinge des Lebens. Für Kunst. Und Musik. Padraic versteht das nicht, da er nichts getan hat, was sein Gegenüber so harsch und gemein werden lässt. Doch für Nettigkeit ist noch niemand in die Geschichte eingegangen, so Colm. Padraic lässt jedoch nicht locker. Will wissen, was da vorgeht und kann es nicht akzeptieren, dass der brummige Geigenspieler einfach nur seine Ruhe haben will. Wer nicht locker lässt, provoziert. Und der Krieg jenseits des Meeres scheint auf die Gemüter der beiden Sturköpfe abzufärben.

Mit The Banshees of Inisherin (Banshees sind weibliche Geister aus der irischen Mythologie) hat McDonagh wohl einen der ungewöhnlichsten Filme über Freundschaft geschaffen, die man sich nur vorstellen kann. Und obendrein gleich noch eine Allegorie gesetzt, die das Wesen des Krieges widerspiegeln soll, wie Schatten auf einer Höhlenwand. In Wahrheit gibt es keinen Grund für Konflikte, es sind lediglich die Folgen von Ignoranz, Kränkung und fehlender Weitsicht. Von krankhafter Sturheit und fehlendem Respekt. Dabei wird klar: Die Absenz der Nettigkeit hat vieles verursacht, was sich locker hätte vermeiden lassen. Sowohl im Kleinen als auch in der Weltpolitik. McDonagh sucht die Wurzel des Übels im Kleinen und zaubert daraus einen zutiefst komischen, aber auch so richtig makabren Schwank, der in herzhaften Dialoggefechten und dann wieder lakonischen Szenen seine Vollendung findet. The Banshees of Inisherin ist so urtümlich irisch wie der St. Patricks Day, suhlt sich in grünen Landschaften, irischer Volksmusik und jeder Menge Schwarzbier. Lässt die Brandung an die Felsen brechen und das Vieh ins Haus. Blut wird fließen, grimmige Konsequenzen durchgezogen, als wäre Verbohrtheit ein hehres Ziel. Und bei diesem Duell zwischen dem Harten und dem Zarten laufen nach Brügge sehen… und sterben die beiden Vollblütakteure Brendan Gleeson und Colin Farrell zur Höchstform auf. Bei Gleeson war mir ohnehin längst klar: dieser Mann war nicht nur als Harry Potter-Einauge Mad Eye Moody eine Offenbarung, sondern viele seiner Filme – vorrangig das Priesterdrama Am Sonntag bist du tot – wurden erst durch die Wucht seines Schauspiels nachhaltige Werke. Bei Colin Farrell ist nach dieser Performance nun auch jeder ZWeifel ausgeräumt: der diesjährig bei den Filmfestspielen von Venedig ausgezeichnete Brite setzt uns seine bislang beste und eingängigste Leistung vor. Der verstörte, ungläubige Blick, als Padraic erfährt, dass ihn Colm nicht mehr mag, zählt jetzt schon für mich zu den stärksten Interpretationen eines emotionalen Zustands. Und dann dreht er nochmals auf – ist wütend, resignierend, in seiner Einfältigkeit liebevoll charmant und dann wieder herausfordernd. Bis alle Stricke reißen. Wenn das passiert, ist der Bürgerkrieg einfach so auch in dieser beschaulichen Idylle angekommen. Und über allen Absurditäten wandelt eine Banshee die Wege und Hügel entlang, wie eine der Hexen aus Shakespeares Macbeth, die in die Zukunft sehen können.

The Banshees of Inisherin ist ein Buddy-Movie der besonderen Art. Nicht nur kauzig, schräg und so schwarz wie der tägliche Ausschank, sondern auch auf mehreren Ebenen eine zu Herzen genommene Zurschaustellung einer Menschenwelt, die ohne Respekt und Achtsamkeit nicht funktioniert.

The Banshees of Inisherin