Gladiator II (2024)

DIE HAIE DES ALTEN ROM

5/10


gladiator2© 2024 Paramount Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: DAVID SCARPA

CAST: PAUL MESCAL, DENZEL WASHINGTON, CONNIE NIELSEN, PEDRO PASCAL, FRED HECHINGER, JOSEPH QUINN, TIM MCINNERNY, DEREK JACOBI, ALEXANDER KARIM, LIOR RAZ, RORY MCCANN U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Jetzt hatte ihm doch glatt dieser Deutsche namens Roland Emmerich den optimalen Drehort weggeschnappt – die Cinecittà-Studios in Rom. Als ob das nicht schon genug des Schlittenfahrens mit einem alteingesessenen Regie-Veteran wäre – die Rede ist von Ridley Scott – will der Master of Desaster, nämlich Emmerich, dem Meister der Massenszenen auch noch die Show stehlen. Der hatte zu dieser Zeit schließlich die auf amazon längst feilgebotene Sandalen-Serie Those About To Die gedreht: Hickhack im Kolosseum oder im Circus Maximus, alles vor den Kulissen antiken römischen Polit-Geplänkels. Ridley Scott wollte das gleiche machen, hat aber woandershin ausweichen müssen, eben nach Malta und nach Marokko, auch keine schlechten Drehorte, da gibt es schlimmeres. Sein Kolosseum kann Scott auch woanders fluten, teilweise auch am Rechner, von dort peitscht schließlich auch das Mittelmeer an die numidische Festung und bringt den Tod auf Schiffen mit sich. Die größte von ihm gedrehte Schlachtenszene, will Ridley Scott schließlich bemerken. Was Besseres hat er, so meint er, noch nicht hinbekommen. Damit hat der Meister seines Fachs schon genug die Werbetrommel gerührt, denn wenn Scott von sich schon so beeindruckt ist, wie beeindruckend kann das Ganze dann fürs Publikum sein, welches die spektakulären Bilder der Schlacht von Austerlitz aus Napoleon noch taufrisch im Oberstübchen weiß. Die hat es schließlich gegeben, als Dreikaiserschlacht steht sie als Gamechanger in den Geschichtsbüchern.

Die Invasion unter Feldherr Justus Acacius hingegen gab es nie. Ridley Scott ist das egal, uns soweit eigentlich auch. Man kann davon ausgehen, dass diese Seeschlachten und Belagerungen ungefähr alle so aussahen wie zu Beginn des Schinkens Gladiator II, dem Sequel des vor einem Vierteljahrhundert das Genre des Historienfilms wiederbelebten Klassikers mit Russel Crowe, der unter den berührenden Klängen von Hans Zimmer den Sand der Arena kosten musste. Er und Joaquin Phoenix als unberechenbarer, charismatischer Diktator lieferten sich ein Duell der Extraklasse. Was war das nicht für ein großes emotionales Schauspielkino, das man bei Gladiator II leider vermisst. Jeder tut hier, was er kann, doch stets für sich, ohne durch ein ausgefeiltes Teamplay Synergien zu entwickeln, die packendes Kino eben ausmachen. Ridley Scott und sein Drehbuch-Buddy David Scarpa, der schon die Filmbiografie des kleinen Korsen verfasste, schicken allerhand vom Schicksal gebeutelte gute und verrückt-sardonische Böse ins Rennen um die Macht, um Ansehen und die Freiheit in einem Weltreich, das damals womöglich in einer ähnlichen Krise festsaß wie heutzutage so manche Supermacht.

Zwei Narren namens Caracalla und Geta (ja, die hat es gegeben) vergnügen sich mit Spielen und wenig Brot für die Untertanen, der spätere Konsul und Gladiatorenmacher Macrinus (hat’s auch gegeben) intrigiert sich an die Spitze und instrumentalisiert dabei den Numider Hanno, in Wahrheit Lucillas und Maximus‘ Sohn Lucius, den es namentlich zwar auch gegeben hat, aber eine völlig andere Rolle spielt. Diese Figuren also schicken Scott und Scarpa auf die Spielwiese ins Zentrum der ewigen Stadt, die auf verblüffende Weise wieder aufersteht und ein authentisches Gefühl dafür vermittelt, wie es damals zugegangen sein muss. Es schieben sich die Massen über das Forum Romanum, es lebt das landwirtschaftlich genutzte Umland, es brennen die Fackeln über den Köpfen einer Menge an aufständischen Bürgern, die in der Düsternis der abendlichen Metropole gegen die Diktatoren demonstrieren. Hier liegen Scotts Stärken, die er egal in welchem Film mit geschichtlichem Kontext stets auf vollkommene Weise ausspielen kann. Wie er das macht, und vor allem, wie effizient (Drehtage gab es lediglich knapp 50), ist erstaunlich. Und ja, da gibt es keinen zweiten, der ihm da das Wasser reicht. Und wenn doch, dann ist es vielleicht eingangs erwähnter Emmerich, der die brachiale Opulenz des Leinwandspektakels zwar nicht ganz so auf Hochglanz poliert wie sein britischer Kollege, aber zumindest weiß, wie er die ausstattungsintensiven Settings wieder kaputtmacht.

Wie bei Gladiator aus dem Jahr 2000 beginnt Gladiator II mit einem Schlachtengemälde, gesteckt voll mit überzeugenden Kulissen und selbstredend ohne historische Akkuratesse. Am Ende sammelt Ridley Scott wieder die Massen, es raubt einem den Atem, wenn die römischen Heere aufmarschieren, auch dort ohne Gewährleistung wissenschaftlicher Genauigkeiten. Experten raufen sich sowieso schon längst die Haare, vorallem, weil Scott hier noch weniger Acht gibt als er es sonst tut. Er nimmt sich aus der Geschichte, was er brauchen kann, und nur anlehnend an Tatsachen setzt er diese Elemente so zusammen, als wäre sie die freie Interpretation irgendwelcher Legenden. Das kann er machen, das tun so manche Serien (Vikings, Last Kingdom) ebenso. Streiten lässt sich darüber angesichts der Fülle an Fehlern irgendwann gar nicht mehr.

Zwischen den bildgewaltigen Szenen dümpelt allerdings ein inspirationsloses Popcornkino dahin, das Talente wie Paul Mescal (u. a. Aftersun), Pedro Pascal und Denzel Washington maximal routiniert aufspielen lässt. Mescal ist dabei erfrischend kaltschnäuzig dank seiner Situation des Kriegsgefangenen, der seine bessere Hälfte von den Römern ermordet weiß. Warm wird man mit ihm nie, auch Pedro Pascal bringt niemanden zum Erzittern. Er ist Figur durch und durch, lebt sie aber nicht. Washington erzeugt die meisten Vibes, während Connie Nielsen mit ihrer ambivalenten Figur der Lucilla völlig überfordert scheint. Sie sucht die flucht im flachen Spiel kolportierter Emotionen. Es scheint, als hätte Emmerich die Regie übernommen, wofür auch Haie bei der nachgestellten Schlacht von Salamis und räudige Paviane blutdürstend Zeugnis ablegen.

Geschichtskino kann Ridley Scott deutlich besser. Warum es ihn nicht losgelassen hat, unbedingt den Gladiator fortzusetzen, der niemals auch nur einmal danach verlangt hätte, mag mir ein Rätsel bleiben. Vielleicht ist es wieder nur das Geld, doch Scott ist mit seiner eigenen Produktionsfirma sowieso der Gunst des Publikums längst erhaben. Man kann nur hoffen, dass das Feintuning bei ihm wieder zurückkehrt, auch die Lust am filmischen Standalone eines Monumentalfilms ohne Drang nach Fortsetzung. Mit dieser Art von Film schließlich tut sich Scott seltsam schwer.

Gladiator II (2024)

The Outrun (2024)

EIN SELKIE AM TROCKENEN

6,5/10


theoutrun© 2024 Viennale


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

DREHBUCH: NORA FINGSCHEIDT, AMY LIPTROT, NACH IHREN MEMOIREN

CAST: SAOIRSE RONAN, PAAPA ESSIEDU, STEPHEN DILLANE, SASKIA REEVES, NABIL ELOUAHABI, IZUKA HOYLE, LAUREN LYLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Weibliche Charaktere, die aus dem sozialen Raster fallen oder am System vorbeiexistieren, liegen stets im Fokus der Filmemacherin Nora Fingscheidt, die mit ihrem radikalen Problemkind-Drama Systemsprenger weltweit auf sich aufmerksam machte. Netflix klopfte an und gab ihr die Regie für den Sandra Bullock-Streifen The Unforgivable, indem der Star eine ehemalige Straftäterin gibt, die im Alltag nicht mehr Fuß fassen kann. Ähnlich geht es nun in ihrem neuesten Werk The Outrun zu. Statt anarchischem Schreihals oder einer zutiefst depressiven Bullock färbt sich diesmal Saoirse Ronan die Haare blau. Wobei die Farbe Blau zumindest in unseren Kreisen hier gerne mit einem Zustand des völligen Kontrollverlusts einhergeht, der dann einsetzt, wenn man zu tief ins Glas geblickt hat. In diesem Film ist Filmcharakter Rona genau so jemand: Eine Alkoholikerin. Als wäre sie eine Kneipenkumpanin von Amy Winehouse gewesen, nur ohne deren Ruhm, war das Gift im Glas auch das Gift für ihre Beziehung, ihre Zukunft, ihr Studium. The Outrun zeigt aber nicht den Verfallsprozess einer jungen Frau, sondern knüpft eigentlich dort an, wo diese das Ruder herumreisst. Den Entzug bereits überstanden, macht sich Rona auf in Richtung Heimat ihrer Kindheit. Und die ist nicht im Londoner Umland, sondern viel weiter weg. Ganz weit draußen im Nordosten der Insel Großbritannien, zu Schottland gehörend und am Ende der Welt: Auf dem Orkney-Archipel.

Felsen, Strände, ganz viel Küste und sturmgepeitschte See. Wiesen, vereinzelte Steinhäuser und unter Mühsal betriebene Viehbetriebe, wie Ronas Eltern welche führen. Die sind wiederum getrennt, denn Papa ist aufgrund einer bipolaren Störung nicht unwesentlich daran beteiligt, dass seine Tochter so manches aus ihrer Kindheit mitnehmen musste, worauf sie lieber verzichtet hätte. Dennoch ist das Nirgendwo im Takt der Gezeiten genau jene Form von Reduktion, die jemanden wie Rona auch psychisch wieder rebooten kann. Einen Neuanfang unter extremen Witterungen und unter den Blicken der Kegelrobben, von denen manche tatsächlich Selkies sein könnten – Mischwesen aus Mensch und Tier, Gestalten aus der schottischen Mythologie. Wesen, die zwischen den Elementen wandeln, sich jedoch stets nach dem Meer sehnen.

Saoirse Ronan könnte so jemand sein, natürlich im übertragenen Sinn. Fingscheidt spielt mit dieser Mythologie und mit Ronans Haarfarbe, flechtet sie ein, nimmt sie als Metaebene in die Verfilmung eines autobiografischen Romans auf, den Autorin Amy Liptrot verfasst hat, um über ihre Sucht und die Überwindung selbiger zu schreiben. Mit Ronan mag da die richtige Besetzung gefunden worden sein – ihre Begeisterung für die ungebändigte Natur kann sie transportieren. Die Rolle der Süchtigen allerdings weniger. Dafür umschifft Fingscheidt den Absturz großräumig, streift auch deren Beziehung nur flüchtig. Im Trend liegt derzeit, und das merkt man auch hier, eine gegen die eigentliche Chronologie der Handlung gerichtete Abfolge an Rückblenden zu streuen. Bei The Outrun kommen diese entweder zu früh oder zu spät ins Spiel. Dass Ronans Figur und deren Entwicklung bei gezielterem Timing an Griffigkeit gewonnen hätte, bleibt zu vermuten.

Anfangs ist es auch so, dass Fingscheidts Drama Mühe hat, zu diesem Thema eine neue Perspektive zu finden. Erst sehr viel später, wenn sich auch die Familiengeschichte offenbart oder Ronan langsam, aber doch, das Trauma des Alkoholkonsums hinter sich lässt, um neue Horizonte zu erschließen, mag der Funke überspringen, mag die Selbstfindung dann auch mitreißen. Im Tosen der Wellen wird der Neuanfang schließlich zur Metapher in Form einer unbegrenzten, naturgebundenen Superkraft, die jeder mobilisieren kann. Vorausgesetzt, die Parameter des Umfelds stimmen.

The Outrun (2024)

Harvest (2024)

EIN DORF AM PRANGER

7/10


harvest© 2024 Viennale


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, DEUTSCHLAND, GRIECHENLAND, FRANKREICH, USA 2024

REGIE: ATHINA RACHEL TSANGARI

DREHBUCH: JOSLYN BARNES, ATHINA RACHEL TSANGARI

CAST: CALEB LANDRY JONES, HARRY MELLING, ROSY MCEWEN, ARINZÉ KENE, THALISSA TEIXEIRA, FRANK DILLANE, STEPHEN MCMILLAN, MITCHELL ROBERTSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 11 MIN


Als Dorf ist diese willkürliche Anordnung an Höfen, Ställen und Schuppen nur schwer zu bezeichnen. Eine Siedlung trifft es wohl eher, denn Infrastruktur hat dieses Konglomerat an freudlos wirkenden Bauwerken keine. Weder Kirche noch Rathaus noch Läden, weder Exekutive noch sonst eine institutionelle Ordnung lässt sich hier wiederfinden, im Nirgendwo irgendwo auf der Insel Großbritannien, womöglich eher im Süden gelegen, und das Meer ist nicht weit, obwohl Caleb Landry Jones als Walt noch nie dort gewesen war. Dennoch – eines hat die Gemeinschaft gewährleistet: Und zwar den Pranger. Für unruhestiftende Individuen und vorallem Fremde, die sich in näherer Umgebung niederlassen wollen und gleich mal verdächtigt werden, die Scheune des Gutsherrn in Brand gelegt zu haben. In einer Zeit wie dieser ist das Recht auf Verteidigung oder gar ein Prozess nur sinnlose Zeitverschwendung. Die beiden aufgegriffenen Fremden werden an den Pranger gestellt, für sieben Tage. Die Frau hingegen wird vertrieben, sie plant derweil ihre eigene Vergeltung. Inmitten dieser toxischen Gemeinschaft aus Argwohn, Aberglaube und Feigheit geistert Caleb Landry Jones gedankenverloren und vielleicht auch stoned durch die Gegend, nagt am Holz, streift durchs Feld und freundet sich mit einem weiteren Fremden an – einem Kartographen, den Jugendfreund Harry Melling wohl mitgebracht hat, um den Örtlichkeiten in dieser Umgebung endlich einen Namen zu geben. Dieser jedoch ist für viele ein böses Omen. Und es wird sich bewahrheiten: Die Dinge und Orte bei einem Namen zu nennen, ruft den eigentlichen Untergang herbei. In Gestalt eines arroganten Lords, der die Ländereien für sich beansprucht. Und das Volk vertreiben will.

Im Kino lief heuer das dänische Historiendrama Kings Land mit Mads Mikkelsen, der als Pionier das Wagnis eingeht, auf wenig fruchtbarem Moorboden eine fruchtbare Siedlung zu errichten – sehr zum Missfallen eines mächtigen Gutsherrn, der den Boden als sein Eigentum erachtet. Basierend auf Ida Jessens Roman, hat Nikolaj Arcel ein erdig-wuchtiges Epos im satten Realismus einer greifbaren Vergangenheit inszeniert. Die Griechin Athina Rachel Tsangari hat sich für ihr Blut- und Bodendrama eines Romans von Jim Grace angenommen und den Stoff, aus dem historisch-bäuerliche Dramen sind, isoliert, verfremdet und in ein abstrakt wirkendes, zeit- und raumloses Vakuum verfrachtet. Dabei wird besonders Tsangaris visueller Stil zu einer beharrlichen, selbstbewussten Vision. Sie taucht dabei ihre Bilder in Rot, Grün und Blau, die Gewänder der Dorfbewohner sind allesamt farblich aufeinander abgestimmt, dadurch entindividualisieren sie sich und wirken meist wie ein kollektives Bewusstsein. Eingebettet in eine ebenfalls farbreduzierte Umgebung, wirkt Harvest oftmals wie ein bewegtes Gemälde zwischen niederländischer Malkunst aus vorigen Jahrhunderten und einem der Spätromantik folgenden Realismus. Dörfliches Leben mit Mühlrad, Dorffest bei Feuer und dem Umgraben der Äcker. Wie beschaulich und stimmig könnte das alles nicht sein, gäbe es hier nicht diese dysfunktionale Dimension einer gesellschaftlichen Katastrophe.

Immer wieder erinnert Harvest an die Handschrift von Tsangaris Landsmann und Kollegen Yorgos Lanthimos. Wie sehr mag die Autorenfilmerin dabei eklektisch vorgegangen sein? Oder aber beide, Lanthimos und sie selbst, haben diesen Stil der weiten Winkel, der strengen Räume und opulenter Elemente in nüchternem Setting entwickelt haben? Bei Dogtooth oder Alpen hat Tsangari für Lanthimos als Produzentin fungiert – klar ist hier ein reger Austausch künstlerischer Ansichten entstanden. Und so mag auch Harvest aus dieser Ideenschmiede heraus entwickelt worden sein. Formal streng, sperrig und phlegmatisch agieren hier die Figuren. Das mag anstrengen, das mag fordern. Doch es bereichert den Zuseher auf seine seltsam-eigenwillige, experimentelle Art.

Mit Caleb Laundry Jones, zuletzt in Luc Bessons DogMan groß in Szene gesetzt, erhält Tsangari einen Protagonisten, der zwischen den Fronten schwebt, ein exponierter Einzelgänger, der den Lauf der Dinge beobachtet. So geht es dem Publikum ähnlich, es betrachtet Harvest als ein in sich geschlossenes, distanziertes antiquiertes Unikum, das gleichsam erschreckend progressiv erscheint.

Harvest (2024)

Monólogo Colectivo (2024)

ERST DER MENSCH, DANN DAS TIER

2/10


monologocolectivo© 2024 Viennale


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH / KAMERA: JESSICA SARAH RINLAND

MITWIRKENDE: MACARENA SANTA MARÍA LLOYDI, MAJO MICALE, ALICIA DELGADO, JUANITA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Heureka, ich habe ihn gefunden: Den womöglich missglücktesten Film dieses Jahres, der Zac Snyders Rebel Moon aus dem Vorjahr ablösen wird. Monólogo Colectivo, der sehr wahrscheinlich nur auf der Viennale hierzulande das Licht der Leinwand erblickt und wohl kaum ins reguläre Kinoprogramm aufgenommen werden wird, gibt vor, ein dokumentarischer Film zu sein, welcher die Kommunikation zwischen Mensch und Tier anhand von letzteren in temporärer Gefangenschaft beleuchten will. Will heißen: Lebewesen, die in Rehabilitationszentren und Auswilderungsstätten nur darauf warten, wieder Teil eines Ökosystems zu werden, welches nicht durch Menschenhand erschaffen wurde. Wie mit diesen zerbrechlichen, vulnerablen Tieren umgehen? Filmemacherin Jessica Sarah Rinland will darauf eine umfassende Antwort geben, die abendfüllend ausfallen soll. Erhellende Erkenntnisse, berührende Momente, Information. Nach den ersten Minuten jedoch drängt sich bereits beharrlich der Verdacht auf, im falschen Film zu sitzen.

Was ist hier los? Wir sehen Menschen, die aus altem Pappkarton, alten Zeitungen und Kleister eine Kuppel, einen Globus oder was auch immer errichten – um dieses Konstrukt im Dunkeln der hereingebrochenen Nacht abzufackeln. Schön und gut. Der Zweck und der Sinn bleiben einem, sofern man sich nicht mit argentinischer Folklore auskennt, verborgen. Noch mehr verborgen bleibt der Zusammenhang mit dem eigentlichen Thema. Der Verwirrung folgt aber bald ein Aufatmen, als eine junge Frau, eine Tierpflegerin möchte ich meinen, des Nächtens durch das Gehege von augenscheinlichen Klammeraffen streift. Streicheleinheiten durch die Gitterstäbe des Verhaus gehören da auch dazu. Und wir wissen: Ja, das könnte der Film um und mit Tieren sein. Mal sehen, wie sich das ganze weiterentwickelt.

Zu meiner großen Enttäuschung leider gar nicht. Monólogo Colectivo, dessen Titel sich mir genauso wenig erschließt wie das krude Konzept hinter diesem Machwerk, sättigt sich mit überflüssigem Filmmaterial und verbreitet dadurch eine lähmende Langeweile, die bald schon zu Frustration führt. Eine vage Struktur lässt sich erkennen, ein Schauplatzwechsel, Rinland führt diesen ungefähr zwei bis dreimal durch, für längere Zeit aber verweilt sie in kulturhistorischem Kontext zu einer Zoo-Anlage in einer argentinischen Großstadt, deren Skyline ich nicht erkenne, da Aufklärung ein Fremdwort bleibt. Weder erfahren wir, an welchen Orten wir uns befinden, noch wozu die Pflege der Tiere, mit Ausnahme jener des Zoos, führen soll. Wir erfahren nur sehr rudimentär, wer hier welche Agenden verfolgt, zwischen all der Informationsverweigerung lauschen wir logistischem Funkverkehr, während die Kamera sich weigert, das Wesen der Tiere einzufangen und lieber Belangloses filmt. Es kommt aber noch schöner. Unklar bleibt, welche Prioritäten Rinland hier setzt.

Wichtig sind wohl weniger die Tiere als der Mensch und seine Handwerkerqualitäten, wenn in Mitleidenschaft gezogener Stuck auf alten Zoogebäuden restauriert, Draht geflochten oder über die Seiten antiquarischer Zooaufzeichnungen gepinselt wird. All diese Szenen, die noch dazu quälend lange andauern, haben keinerlei Relevanz für ein Thema, von welchem ich erwartet hätte, dass sich Rinland diesem annimmt. Monólogo Colectivo versagt in erster Linie vorallem in der Auswahl seiner inhaltsleeren Bilder und uninteressanten Informationen.

Erst vor kurzem konnte ich die österreichische Dokumentation Tiergarten über den Zoo Schönbrunn genießen. Genau so macht man Filme über Arterhaltung, Tierliebe und der Sinnhaftigkeit solcher Institutionen für die Erhaltung von Ökosystemen. Hier stellen sich Personen vor, sagen was sie tun, zeigen dieses auch, sprechen zum Publikum. Hier gibt es Stoff und Entertainment, Wissen, das man sich mitnehmen kann. Monólogo Colectivo bietet das alles nicht. Es werden Tiere gefüttert, und zwar auf eine Weise, die diese abhängig vom Menschen macht, statt sie auf die Wildnis vorzubereiten. Es werden Brüllaffen gestreichelt, als wären sie das persönliche Haustier. Diese Sichtweise ist eine zutiefst anthropozentrische, Dialog auf Augenhöhe mit den Arten findet auch nicht mehr statt als anderswo – das macht wütend. Und wieder erfährt man nichts, außer die Tatsache, wie selbstverliebt ein Pseudo-Essay sein kann. Man erfährt auch, dass nicht jeder, der sich Filmemacher nennt, dieses Handwerk auch beherrscht.

Monólogo Colectivo (2024)

Wolfs (2024)

NACHTSCHICHT FÜR SCHÖNLINGE

3,5/10


Wolfs© 2024 Apple TV+


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: JON WATTS

CAST: GEORGE CLOONEY, BRAD PITT, AUSTIN ABRAMS, AMY RYAN, POORNA JAGANNATHAN, ZLATKO BURIĆ, RICHARD KIND U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


„Was ein Mann schöner is wie ein Aff‘, is ein Luxus.“, meinte einst Tante Jolesch. Folgt man dieser Weisheit, ist der Luxus in vorliegendem Film fast schon obszön. Denn was sind die beiden nicht für schöne Männer? George Clooney und Brad Pitt sind eine Augenweide, wohl die größten Augenweiden seit Sean Connery, der ja unangefochten und bis ins hohe Alter als der Sexiest Elder Man Alive gelten konnte. Jetzt rücken diese beiden Superstars nach, und sie sehen besser aus als je zuvor. Brad Pitt mit sechzig, Clooney mit dreiundsechzig Lenzen, und beide benötigen dringend einen Espresso, am liebsten aus dem Hause eines gewissen Schweizer Lebensmittelkonzerns. Wider Erwarten aber interessiert Kaffee hier niemanden die Bohne, obwohl sich Clooney und Pitt die ganze Nacht um die Ohren schlagen, anstatt irgendwo weitab lästiger Unbequemlichkeiten ihren Charme zu pflegen. Wolfs nennt sich die lederjackige, nokturne Krimikomödie, inszeniert von Spiderman-Reboot-Profi Jon Watts und dank eines kraftlosen Skripts entsprechend kraftlos in Szene gesetzt.

Ja, das kommt jetzt ein bisschen plötzlich. Gerade noch ergötze ich mich an der maskulinen Eleganz zweier Kino- und Werbelegenden, und dennoch reicht dieses Charisma im Doppelpack nicht aus, um mit Wolfs einen den Schauspielern adäquaten Kraftakt zu absolvieren. Wir sehen: Schönheit und Bekanntheit allein reichen nicht, um frappante Mängel eines Films zu kompensieren. Da wirken beide wohl eher verloren als gefordert, eher antriebslos als vom Sog einer schicksalsträchtigen Nacht mitgerissen. Vielleicht hätte man das Problem, mit welchem dieser Film hadern muss, vorab vermuten können: Die siegessichere Prämisse, dass Stars bereits die halbe Miete sind; die gemähte Wiese; der mächtige Brocken auf der Habenseite. Was soll da schon schiefgehen?

Zu Beginn des Films schon mal einiges, aber das ist wohl inhaltlicher Natur. In einem Hotelzimmer muss die New Yorker Staatsanwältin Margaret (Amy Ryan) erschrocken feststellen, dass ihr „Mann für gewisse Stunden“ aufgrund einer Überdosis Drogen plötzlich das Zeitliche gesegnet hat. Da liegt er nun, zwischen den Scherben eines Beistelltisches. Was also tun? Die völlig verstörte Dame klingelt bei George Clooney, der als gewiefter und akkurater Problemlöser dann auch vor Ort aufschlägt und sich an die Arbeit macht. Das alles wäre ein Routinejob, würde nicht auch noch Brad Pitt mit hoteleigenem Schlüssel ins Zimmer schneien. Obwohl der eine den anderen gerne hinauskomplimentieren möchte, müssen beide letzten Endes wohl zusammenarbeiten, um auch die Tasche voller Koksziegel wieder an den Absender zu bringen, um Komplikationen zu vermeiden, die das Hotelmanagement nicht haben will. Womit beide wohl nicht rechnen: Der tote Gigolo ist vielleicht gar doch nicht so tot wie angenommen. Für den Rest des Abends gibt’s für Zusatzjobs wohl kein Zeitfenster mehr.

Gentlemen wie Clooney und Pitt können noch so tun, als würden sie sich nicht ausstehen können – ihr ewiger Hickhack, der sich anfühlt, als würden sich Spencer Tracy und Katherine Hepburn necken, obwohl sie sich lieben, fällt viel zu zahnlos aus, um daraus einen privaten Konflikt zu entwickeln, der vielleicht diesen fadenscheinigen Plot gerettet hätte. Viel tut sich nicht in dieser einen Nacht, und ob nun heiße Ware ihren Besitzer findet oder nicht, tangiert nicht im Geringsten. Als Thriller, der sich mit einer Konkurrenz von hunderterlei ähnlichen Filmen messen muss, versagt die seichte Angelegenheit völlig. Ob Kroaten, Albaner oder sonst wer, die hinter dem Stoff und vielleicht auch hinter Clooney und Pitt her sind – sie alle sind verschenkte Stereotypen.

Wer die beiden feschen Superstars, die sich kaum anstrengen und genau wissen, was ihre Ausstrahlung hergibt, mehr oder weniger an die Wand spielt, ist Austin Abrams (u. a. Scary Stories to Tell in the Dark) als von seinem Drogentrip Genesender, der erst langsam, aber doch, die Gefahr wittert, in der er sich befindet. Für so einen Film aber zwei Idole zu verschleudern, die sichtlich unterfordert nur darauf warten, am Ende der Nacht dann doch noch ihren Espresso zu genießen, ist verlorene Liebesmüh.

Wolfs (2024)

Kryptic (2024)

FINDE DICH SELBST

5,5/10


Kryptic© 2024 XYZ Films

LAND / JAHR: KANADA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: KOURTNEY ROY

DREHBUCH: PAUL BROMLEY

CAST: CHLOE PIRRIE, JEFF GLADSTONE, PAM KEARNS, JASON DELINE, ALI RUSU-TAHIR, JENNA HILL, JANE STANTON, JENNIFER COPPING U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Vorsicht, es könnte eklig werden! Kryptic, das Regiedebüt der Kanadierin Kourtney Roy, steckt toxische Männer in übergroße Vaginas, und nicht nur die: Auch die auf dem Selbstfindungstrip befindliche Kay (Chloe Pirrie, u a. in der SerieHanna zu sehen) dürfte – man weiß es nicht so genau – mit einem pelzigen Ungetüm, einem sogenannten Sooka, nicht nur Geschlechtsverkehr gehabt haben, sondern auch eine auf diversen geistigen Metaebenen liegende Verbindung eingegangen sein. Es ist, als hätte Kay nicht nur die Identität einer dem Bigfoot ähnlichen Kreatur angenommen, sondern auch die Identität jener, auf deren Spuren sie wandelt. Dabei handelt es sich um die bereits längere Zeit verschollene Kryptozoologin Barb Valentine (ebenfalls Chloe Pirrie), die auf der Suche nach dem Kryptid spurlos verschwand.

Dabei hat die junge und sozial recht inkompetente, weil schüchterne Kay nur an einer geführten Wanderung auf den Kryptic Peak teilnehmen wollen, mit nicht viel mehr dahinter, als in die Natur hinauszugehen. Der Guide jedoch bringt mit seiner Erzählung dessen, was sich damals ereignet hat, die junge Frau auf die Idee, sich auf eigene Faust umzusehen. Dabei entdeckt sie Spuren von Valentine – und schließlich auch das Monster. Danach ist – wie bei David Lynch – von einem Moment auf den anderen alles anders. Der Samen fließt (frage nicht!), Kay weiß nicht mehr, wer sie zu sein scheint, und stiefelt nun mit falschem Namen durch British Columbia, wobei sie auf eine schräge Rezeptionistin, kauzige Eremiten und Augenzeugen trifft, die mit dem Sooka schon zu tun hatten. Manche von ihnen verschwinden nach der ersten Begegnung spurlos. Manche outen sich damit, ebenfalls von einer obskuren Macht beseelt zu sein.

Was immer auch in dieser Waldgegend abgeht, es entwickelt sich zu einem obskuren Mindfuck, dem es gelingt, fast so geschickt wie Lynch selbst Zeit und Raum zu einer Möbiusschleife zusammenzuzwirbeln. Es wäre ein durchaus beeindruckend konzipiertes Werk geworden, hätte sich Kourtney Roy nicht zusätzlich bemüßigt gefühlt, das Trauma sexueller Gewalt und den Ekel vor dem Koitus mitsamt den dabei entstehenden Körperflüssigkeiten zu verarbeiten. Der Schleim zieht sich wie eine Schneckenspur durch einen Film, der viel zu bedeutungsschwer ein sonst verspieltes Mystery-Abenteuer vermantscht.  

Schließlich ist die narrative Zeitebene tatsächlich das gelungen Kernstück eines prinzipiell geheimnisvollen, metaphysischen Gespinstes – wie Kourtney Roy den Bogen spannt zu einem Story-Twist, der verblüfft, ist entweder dramaturgischer Zufall oder wirklich präzise durchdacht. Angesichts mangelnder Stilsicherheit und einer derben Üppigkeit, mit welcher die sexuell aufgeladene, peripher besiedelte Waldwildnis sein Publikum verwirrt, vermute ich gar ersteres. Der Knopf bezüglich besagter, ineinander verflochtener Ereignisse und Identitäten wird nicht aufgehen. Und auch wenn: Die Legende des Sooka traut sich zu zaghaft ans Genre des Monsterhorrors heran, der angedeutete radikale Feminismus und der Schrecken der Fleischeslust wirken so befremdend wie die plötzliche Begegnung mit einem Exhibitionisten. Warum nur hätte Roy nicht dem Pfad durch den Wald weiter folgen können, warum ufert ihr Film aus in kaum zweckdienliche Brutalität – es ist, als würde sich die Filmemacherin eine schreckliche Erfahrung von der Leber inszenieren, als würde sie auskotzen, was ihr selbst widerfahren sein mag. Währenddessen schillert die Möbiusschleife wie ein vergessenes Element im Hintergrund herum, um dann doch noch aufgegriffen zu werden. Der Knoten im Hirn löst sich langsam, am Ende mag manches klarer sein, aber längst nicht alles.

Kryptic (2024)

Timestalker (2024)

VOM TOPF, DER NICHT ZUM DECKEL PASST

6/10


Timestalker© 2024 HanWay Films


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: ALICE LOWE

CAST: ALICE LOWE, ANEURIN BARNARD, NICK FROST, JACOB ANDERSON, KATE DICKIE, TANYA REYNOLDS, MIKE WOZNIAK U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Die Conclusio von gefühlt jeder Romantikschnulze lautet vermutlich so: Liebe überdauert alle Zeiten. Damit sind die guten und die schlechten zu zählen, sofern man das Vermählungsgelübde abgelegt hat. Damit sind vielleicht gar politische Wirren oder natürliche Katastrophen gemeint oder der Moment, wenn das Vertrauen wird auf die Probe gestellt wird. Geographische Distanz ist auch so ein Faktor, den man wacker bestreiten will. Im Film Timestalker überdauert die Liebe sogar diverse Lebenszeiten. Sprich: Ist die Tatsache einer Reinkarnation eine bewiesene, lässt sich somit auch der Lebensmensch über den Tod bringen, über den Stix schippern und in der neuen Existenzblase erneut ausfindig machen. Doch was, wenn dieser Lebensmensch gar nicht will? Wenn es gar nicht Liebe ist, sondern Obsession, die nur von einer Seite ausgeht und nicht erwidert wird? Stalken und Begehren über Raum und Zeit hinweg – was für absurde Ausmaße das Ganze annehmen kann, schildert die Comedian Alice Lowe in ihrer zweiten, zwischen Herz und blutigem Schmerz angesiedelten Regiearbeit. Die Britin selbst kennt man wohl am ehesten noch aus Ben Wheatleys Sightseers – einer urbritischen, schwarzhumorigen Version der Natural Born Killers, nur ohne Medienrummel. Slash-Festivalgeher ordnen ihr vielleicht noch den Schwangerschafts-Slasher Prevenge zu, der 2016 ebendort Premiere feierte.

Lowe setzt sich selbst als Mittelpunkt ihres Schaffens prominent in Szene, es ist ein Film für sie, mit ihr und von ihr. Timestalker lässt die Künstlerin in diverse Epochen eintauchen, vom 17. Jahrhundert der Häresie aufwärts bis in die nahe Zukunft, in der Unruhen das gesellschaftliche Leben bestimmen. Eine Frau namens Agnes liebäugelt dabei immer und jeweils in einer der Zeit angepassten Kluft mit dem ihr fremden Alex, der aber, so will es das Schicksal, immer wieder kurz davorsteht, sein Leben zu verlieren, würde Agnes nicht beharrlich intervenieren und statt seiner die Patschen strecken. Es wäre alles halb so wild, muss die von dieser besagten Liebe auf den ersten Blick gemarterte Lebenskünstlerin nicht alles wieder von neuem beginnen. Und wieder trifft sie auf Alex, mal als Prediger, mal als Bandit, mal als Rockstar. Für Agnes ist es Bestimmung, für den jungen Mann allerdings nicht. Eine Qual ist das, und es gibt keine Möglichkeit, die Balance zwischen dieser Figurenkonstellation auszugleichen oder aber die Paarbindung zu stärken. Erschwerend kommt hinzu, dass Nick Frost als herrlich provokanter Ungustl eine ähnliche Obsession für Agnes hegt, diese aber in toxischen Männlichkeitsfantasien auslebt, mit der das Objekt der Begierde nichts anfangen kann – ganz im Gegenteil. Und noch etwas: Im Hintergrund flammen lesbische Sehnsüchte auf, auch diese bleiben unerwidert. Lowe öffnet damit eine Kiste der im wahrsten Sinne des Wortes halbherzigen Beziehungen, der hoffnungslosen Bewunderungen, deren Energie ins Leere läuft.

Lowe reichert dabei ihre episodenhafte Anti-Romanze mit einigen blutigen Szenen an, die zum guten Ton schwarzhumorig-makabrer Light-Grotesken aus Britannien zählen, denn nicht nur einmal verliert Agnes den Kopf wahrlich nicht nur aus Liebe. Hinter dem, den sie so heiß begehrt, steckt einer, der so aussieht wie Sam Riley, tatsächlich aber als Aneurin Barnard bekannt ist und bereits schon bei Nolans Dunkirk mitgewirkt hat. Das Ensemble ist also in einem vergnüglichen Einklang vorzufinden, die Episoden selbst strahlen eine gewisse bühnenhafte Kauzigkeit aus, was vielleicht auch daran liegt, dass Lowe nicht auf Zug inszeniert. Gemächlich erscheint ihre immergleiche Grunddynamik der einzelnen Geschichten, ganz im Sinne der Idee dahinter fühlt sich vieles so an, als wäre es redundant. Kein Wunder, wenn die Figur der Agnes immer wieder gegen ihren Willen diesen einen Mann will, der im Grunde nichts für sie übrighat. Dieses Dilemma des Anhimmelns setzt Lowe in den Kontext gesellschaftlicher Marotten und Absonderlichkeiten der jeweiligen Zeitalter (schon wieder die Achtziger!), doch stets bleibt der Spaß in seiner Andeutung verhaftet, ohne in diesem Schicksalsspiel wirklich herumzurühren. Als ganz nett könnte man Timestalker bezeichnen – doch ist das nicht das Verheerendste, was einem Film wiederfahren kann, wenn man ihm diese Eigenschaft verleiht?

Nein, Timestalker ist bei weitem kein Reinfall. Doch als großen Wurf würde ich diese Reinkarnations-Komödie, die manchmal an Time Bandits erinnert und die ewige Schnulze der deterministischen großen Liebe in liebevoller Gehässigkeit hinterfragt, auch nicht bezeichnen. Der Twist am Ende macht immerhin vieles wieder wett, was vielleicht zu lange gedauert hat.

Timestalker (2024)

The Substance (2024)

WAHRE SCHÖNHEIT KOMMT VON INNEN

7/10


THE SUBSTANCE© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: CORALIE FARGEAT

CAST: DEMI MOORE, MARGARET QUALLEY, DENNIS QUAID, HUGO DIEGO GARCIA, GORE ABRAMS, MATTHEW GÉCZY, DANIEL KNIGHT, PHILIP SCHURER U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


Nur nicht alt werden! Dabei ist laut Johann Nestroy Altern die einzige Möglichkeit, länger zu leben. Und die Sache mit dem Jungbrunnen, von welchem die Kosmetikbranche verspricht, dass man darin baden könne, erschließt sich auch nicht ganz. Somit bleibt die Sehnsucht nach ewiger Jugend, einem knackigen Körper und dem daraus resultierenden Wohlwollen einer Gesellschaft, die sich aus Bequemlichkeit ihrem Konservativismus hingibt und somit auch Werte weiterträgt, die längst schon obsolet sein sollten. Wie die des schlanken, makellosen Frauenbildes, auch wenn manche Konzerne in ihrem Marketingplan ein Herumrudern in eine liberalere Richtung versuchen. Allein: es wirkt nur bedingt. Zumindest das Showbiz ist hier gnaden- wie rücksichtslos. Und füttert die Dysmorphophobie, wo es nur geht.

The Substance ist ein Schreckgespenst für alle jene, die ihr Äußeres nicht für gut genug befinden. Das muss nicht zwingend mit dem Alter zusammenhängen, doch Coralie Fargeat (Revenge) sieht das größte Problem darin, den eigenen, der Entropie unterworfenen Körper nicht mehr lieben zu wollen. In ihrer Angst bestätigt würden sich Betroffene mit The Substance wohl nicht sehen, dafür macht sich das Werk allzu plakativ über Körperlichkeiten lustig und den unbeholfenen Drang, gefallen zu müssen. Der Mediengesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, und zwar in der freakigen Gestalt einer grenzenlos überzogenen Groteske, das könnte gelingen. Und tut es auch. Ein ganz klassisches Cannes-Highlight ist Fargeats Film schließlich geworden, erinnernd an Titane, nur gleich in mehreren anderen Genres wütend, während Titane viel schwieriger einzuordnen ist als dieses durchgetaktete und stampfenden Gym-Rhythmen unterworfene Gerangel zwischen altem und jungem Ich in ein und derselben Person, dargestellt durch die lange auf der Leinwand abstinente Demi Moore und Beauty Margaret Qualley. Ein leidenschaftlicheres Duo hätte Fargeat nicht finden können. Leidenschaftlich und auch bereit, sich in gewisser Weise aufzuopfern für eine Agenda, die schon Robert Zemeckis in den 90er verfolgt hat: dem Schönheitswahn eins auszuwischen.Der Tod steht ihr gut nannte sich die kecke Komödie mit Meryl Streep und Goldie Hawn, die ebenfalls dank einer Substanz die Möglichkeit der ewigen Jugend am Schopf packen. Bruce Willis als schwächelnder Männlichkeit blieb da nur, hilflos zuzusehen, wie gewiefte Spezialeffekte die Leiber der beiden Star-Ikonen ramponierten.

Nun beweist Demi Moore, wie sehr sie die Kunstfertigkeit von State of the Art-Maskenbildner über sich ergehen lassen kann – während Qualley mit strahlendem Sex-Appeal im Aerobic-Einteiler die Popbacken zucken lässt und das männliche Publikum dazu bewegt, ihren Male Gaze auszupacken. Anders als die beschwingte Screwball-Kritik von damals malt The Substance den Teufel an die Wand und bannt das Hässliche in ihre grell bebilderte, höchst freie Interpretation eines ganz anderen Stoffes: Oscar Wildes Dorian Gray durchläuft eine ähnliche Läuterung wie Elisabeth Sparkle aka Sue, die mit sich selbst, ihrem Äußeren und ihrem Erfolg niemals zufrieden sein kann. Man sieht: Neu sind Fargeats Überlegungen alle nicht, aber ernüchternderweise immer noch zeitgemäß und fürchterlich akut. So gibt sich Demi Moore eben dank der Empfehlung eines Unbekannten die volle Dröhnung okkulter Mittelchen, und noch ehe der Ex-Medienstar den Verdacht äußern kann, man hätte es hier mit Homöopathie zu tun, schält sich ein jüngeres Ich aus der in Stasis befindlichen Älteren, um für sieben Tage auf den Spuren längst vergangener Erfolge zu wandeln. Danach wechselt Alt gegen Jung und so weiter und so fort. Die Rechnung würde aufgehen, würde Sue (eben Qualley) nicht mit dem Gedanken spielen, ihr älteres Ich hinzuhalten – immer mehr und immer länger. Die Folgen sind absehbar, die Moral von der Geschichte tadelt die Gier nach Jugend in drastischen Bildern und wunden Details.

Irgendwann, nachdem The Substance längst ihren Höhepunkt erreicht und Demi Moores Körper alle möglichen Stadien des Verfalls durchgemacht hat, erreicht der Film einen Moment, wo er hätte enden können, denn schließlich ist alles erzählt, jede Metaebene angekommen. Die Sache liegt klar auf der Hand, der Twist ein erwartbar expliziter. Doch Fargeat gibt sich damit nicht zufrieden. Genauso wenig, wie ihre Figuren nicht wissen, wann sie aufhören sollen, weiß es die Regisseurin. Ganz im Sinne des Exploitation-Genres treibt sie das Jungbrunnen- und Schönheitsdilemma wie eine gesengte Sau durchs Dorf, nach dem Bodyhorror ist vor dem Bodyhorror, Carpenters The Thing lässt grüßen. Die Extreme nehmen zu, haben aber nur noch wenig Mehrwert. Der Rest der Groteske macht den Catwalk frei für eine zum Selbstzweck verkommenen Freakshow, um noch eins und dann noch eins draufzusetzen. Im Kino, im Film, da ist alles möglich, da muss man keinen Schlussstrich ziehen, vielleicht ist die vollständige Überdrehung ins Surreale letztlich das Mokieren über gesellschaftliche Parameter, die niemand ändern will.

Für schwache Mägen ist The Substance nicht geeignet. Wer mit Deformierungen nicht klarkommt und David Cronenbergs Fliege als bereits auf die Spitze getrieben betrachtet, wird hier eines Besseren belehrt. Merkwürdig ist die andauernde Reminiszenz an Stanley Kubrick, fraglich auch die wenig ausgearbeitete Rolle von Dennis Quaid, der als platter Männerwitz die Pointe nicht findet. Wer nicht nur den Exzess sucht, sondern durch unorthodoxen Kino-Expressionismus so sehr erfrischt werden will, dass er die althergebrachte Conclusio im besten Sinne herrlich verstört mitträgt, wird diese Filmerfahrung zu schätzen wissen. Als Auftakt für das Slash-Filmfestival ein idealer Blockbuster.

The Substance (2024)

The End We Start From (2023)

HINTER MIR DIE SINTFLUT

5/10


the-end-we-start-from© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: MAHALIA BELO

DREHBUCH: ALICE BIRCH, NACH DEM ROMAN VON MEGAN HUNTER

CAST: JODIE COMER, JOEL FRY, KATHERINE WATERSTON, GINA MCKEE, NINA SOSANYA, MARK STRONG, BENEDICT CUMBERBATCH, SOPHIE DUVAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese Woche soll es endlich wieder mal ordentlich regnen. Zumindest hier, im staubtrockenen, glutheissen Wiener Becken, waren all die verzweifelten Regentänze für die Fische. Unter solchen Umständen wandern Filme, die sich mit Klimawandel und noch dazu mit dem heiß ersehnten Niederschlag auseinandersetzen, die Watchlist höher. Eines dieser neuen Werke ist jener Streifen, der Jodie Comer als frischgebackene Mutter durch ein teilweise überflutetes und vollends dem Ausnahmezustand anheimgefallenes Großbritannien schickt. Durch das London an der Themse lässt sich nur noch per Boot manövrieren, zum Glück haben eine Frau ohne Namen und ihr Mann rechtzeitig Haus und Heim hinter sich gelassen, zum Glück hat diese Frau auch rechtzeitig ihr Baby zur Welt gebracht. Es scheint, als wäre das Schicksal dieser frischgebackenen Familie gewogen, denn Papas Eltern leben überdies in höhergelegenen Gefilden am Land, mit jeder Menge Vorrat, um gut durch die Krise zu kommen. Diese dauert aber länger als gedacht, es scheint, als wäre die Flutkatastrophe sowas wie einer Zombieapokalypse gewichen, nirgendwo gibt es mehr Nahrung, und selbst im Haus der Großeltern leert sich der Keller. Das Schicksal meint es also doch nicht gut, als ein Unglücksfall dem anderen folgt und Jodie Comers Charakter plötzlich ganz allein dastehen muss, den Säugling vor die Brust geschnallt und ums Überleben kämpfend. Die Suche nach Papa muss verschoben werden. Die Zukunft ist ungewiss.

Aus gefühlt jedem Katastrophenzustand wird im Kino gerne eine Endzeit generiert. Auf ein zivilisiertes Danach lässt sich in vielen Fällen einfach nicht mehr hoffen. Meist ist das Elysium ein am Horizont vage manifestierter Lichtblick, ein Ideal, ein Hoffnungsschimmer oder Motivator, der die hartnäckig Suchenden nicht resignieren lässt. The End We Start From ist nicht viel anders und fühlt sich an wie ein Spin Off von The Last of Us, nur ohne den toxischen Pilzsporen anheimgefallene Mutanten. Hier ist das Hochwasser schlimm genug, um die gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln zu heben. Dass man in Zeiten wie diesen dann doch noch eine neue Generation in eine ungewisse, äußerst instabile Zukunft schicken soll, versucht der nach einem Roman von Megan Hunter inszenierte melodramatische Streifen zu illustrieren. Und lässt sich dabei zu einem mitunter elegischen Kaffeekränzchen für Mamas hinreissen, das mit einer Engelsgeduld, die der Zuseher vielleicht nicht hat, den pflegetechnischen Alltag von Jodie Comer und dann auch noch Katherine Waterston, die sich ebenfalls um ihr Kleinkind bemüht, in den Fokus nimmt. Das mutet in jedem Fall recht empathisch und gefühlvoll an, reizt die Thematik aber zu sehr aus, während sich der rote Faden in den Wirren der nicht näher beleuchteten Katastrophe verliert, die überdies das Gefühl vermittelt, nicht ganz schlüssig zu sein. Geht’s mal nicht um das Erfüllen mütterlicher Pflichten, setzt Mahalia Belo Jodie Comers Konterfei breitenwirksam in Szene – nachdenklich, rückblickend, sehnsüchtig. Und dann nochmal: nachdenklich, rückblickend, sehnsüchtig, vielleicht gar schwelgend in Erinnerungen mit Partner Joel Fry, der stets so aussieht, als würde er nicht nur in den Fluten, sondern auch im Selbstmitleid ertrinken.

Es ist schon gut erkennbar, worum es der Story um Mutterschaft angesichts extremer Umstände wohl gehen mag: Um den Verlust gesicherter Existenzgrundlagen und die Erschaffung neuer Parameter. Was es dafür braucht, ist letztlich die gesamte leidgeprüfte Familie. Mahalia Belo lässt sich mit dieser redundanten Erkenntnissuche aber viel zu viel Zeit, The End We Start From hat mitunter ermüdenden Leerlauf und fühlt sich dem Melodramatischen sehr zugetan. Ein Endzeitdrama light mag hier gelungen sein, für all jene, die The Road mit Viggo Mortensen als unzumutbar erachten, derweil ist dieser düstere Streifen einer der „schönsten“ und aufrichtigsten Filme um das Ende der Welt, die bisher gedreht wurden. The End We Start From weiß nicht so recht, wieviel es seinen Figuren zumuten will. Als Schonprogramm zwischen Krabbelstube und Existenzanalyse mag dieser gemächliche Paradigmenwechsel wie weichgespült wirken, auch wenn, wie es scheint, die Insel sich mutwillig selbst aufgibt.

The End We Start From (2023)

The Dead Don’t Hurt (2023)

ALLEIN MIT DEN MÄNNERN DES WESTENS

5,5/10


thedeaddonthurt© 2023 Marcel Zyskind_Alamode Film


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, MEXIKO, DÄNEMARK 2023

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION / MUSIK: VIGGO MORTENSEN

CAST: VIGGO MORTENSEN, VICKY KRIEPS, GARRET DILLAHUNT, SOLLY MCLEOD, DANNY HUSTON, NADIA LITZ, W. EARL BROWN, JOHN GETZ U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Seit Der seidene Faden von Paul Thomas Anderson, wo sie an der Seite des großen und längst in Schauspielrente gegangenen Daniel Day Lewis gestanden hat, ist die Luxemburgerin Vicky Krieps eine begehrte, weil extravagante Schauspielerin, die sich schwer in irgendein Schema einordnen lassen will und einen ganz eigenen Charme versprüht, ohne dabei irgendwelchen Vorbildern, sofern es welche gäbe, nacheifern zu müssen. Diese Besonderheit wollte „Aragorn“ Viggo Mortensen in seiner zweiten Regiearbeit gewährleistet wissen, völlig beeindruckt von dieser unkonventionellen Ausstrahlung und diesem extra für diesen Film einstudierten französischen Akzent. Ein feministischer Western sollte es werden, rund um Hoffnung, Grauen, Schicksal und Tod. Legenden der Leidenschaft im Format einer rustikalen Farmhouse Story, einer Lebensgeschichte ohne kitschiges Pathos. Fackeln im Sturm im Spin Off, ein Hauch von Eastwoods Erbarmungslos und sonst auf autorenfilmischen, weil emanzipierten Künstlerpfaden unterwegs. Mortensen sollte niemand vorschreiben, wie er seine Vision umzusetzen hat. Keine großen Studios, kein Über-die-Schulter-blicken, sondern die freie Idee eines romantischen Klageliedes im Staub natürlicher Landschaften, die Mortensen in atemberaubenden Kalenderbildern einfängt. Zwischendurch jedoch sind die toxischen Stereotypen von Männlichkeiten aller Art jene Bürden, die Vicky Krieps als selbstbestimmte, smarte Frankokanadierin Vivienne auferlegt werden. Sie werden ihr nacheinander den Traum eines guten Lebens nehmen. Und sie so weit herausfordern, bis gar nichts mehr geht.

Mortensen selbst, der Regie, Skript und auch die Produktion übernommen hat, sieht sich selbst sehr oft und gerne in der Rolle eines eigenbrötlerischen Außenseiters, eher ungepflegt, von der Sonne gegerbt, doch männlich, charmant, auf ruppige Art liebevoll. Ein Gesamtpaket, das Vivienne, die eines Tages zufällig an diesem Mann vorbeispaziert, sofort überzeugt. Es folgt ein Szenenwechsel, und das zerzauste Landei hat bereits die Gunst der selbstbewussten Dame gewonnen, wacht er doch nächsten Morgen gleich in ihrer Bettstatt auf. Die Figur des Holger Olsen ist die erste Ausgestaltung eines Männlichkeitsbildes, das zwischen Progressivität und konservativem Pflichtbewusstsein versucht, eine Balance zu finden. Letztlich obsiegt der Drang, als Mann tun zu müssen, was man als Mann eben tun muss: Während der Sezessionskriege sieht Olsen schließlich keinen anderen Weg, als einzurücken – und lässt Vivienne, die sich längst damit abgefunden hat, gemeinsam mit ihrer großen Liebe im Nirgendwo auf einer verstaubten Farm ihr Dasein zu bestreiten, allein zurück. Man weiß: In diesen Zeiten ist weibliche Selbstbestimmtheit nichts, was Frau ausleben können. Vivienne tut aber ihr Bestes, will ihr eigenes Geld verdienen, will ihre Meinung sagen und sich nichts gefallen lassen. Vicky Krieps ist die Avantgarde einer späteren, resoluten Weiblichkeit. Auch wenn Olsen die Sache eher skeptisch sieht.

Die andere Seite der Männlichkeit ist die verheerende. Da gibt es diesen Weston Jeffries, psychopathischer und gewaltaffiner Sohn eines reichen Landbesitzers, der gerne Leute krankenhausreif prügelt und Kinder über den Haufen schießt. Das Recht, alles haben zu dürfen, wonach ihm der Sinn steht, schließt die aparte Vivienne mit ein. Und so kommt es zu einer verheerenden Tragödie, die das Leben der Zurückgelassenen um hundertachtzig Grad in eine Richtung dreht, welche den Anfang vom Ende einläuten wird. Vom Ende einer Idee, was es heisst, ein glückliches Leben als Frau zu führen.

Viggo Mortensen will um seine Chronik des Scheiterns einer Frau im Wilden Westen keinen klassischen Erzählbogen spannen. Er beginnt mit dem Dahinscheiden seiner Protagonistin, um dann die Geschichte weiterzuerzählen, während sich in längeren Intervallen zwischendurch eine Lovestory zu verankern versucht, die in ihren eigentlich kurzatmigen Szenen nicht jene Gestalt annehmen kann, für welche sich Vicky Krieps offensichtlich vorbereitet hat. Mortensen weiß nicht so recht, in welchem Rhythmus und nach welcher narrativen Logik er seine Zeitebenen durchmischt, die Struktur des Films erscheint daher beliebig. Was The Dead Don’t Hurt fehlt, ist sein Fokus auf das Wesentliche. Die Garnitur klassischer Westernszenen und -charaktere umrahmt den ambitionierten Kern des Films in klischeehafter Dicke, irgendwann hat man das Gefühl, Mortensen will zu viel und alles gleichzeitig. Viel Drama, viel Schicksal, viel Gut und Böse auf simple Weise. Was bleibt, ist Vicky Krieps gehemmtes Spiel und viel Landschaft.

The Dead Don’t Hurt (2023)