Paddington in Peru (2024)

JÄGER DER VERLORENEN TANTE

5,5/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: DOUGAL WILSON

DREHBUCH: MARK BURTON, JON FOSTER, JAMES LAMOUT

CAST: BEN WISHAW, HUGH BONNEVILLE, EMILY MORTIMER, MADELEINE HARRIS, SAMUEL JOSLIN, JULIE WALTERS, OLIVIA COLMAN, ANTONIO BANDERAS, JIM BROADBENT, CARLA TOUS U. A.

SPRECHER (DEUTSCH): ELYAS M’BAREK

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Der nun mittlerweile zum jungen „Mann“ gereifte Bär aus peruanischen Landen mag in diesem Abenteuer zwar seinen Ursprung haben – seine Bestimmung aber dürfte in der schillernden Hauptstadt des British Empire zu finden sein, im Kreise der Familie Brown, die das heimatlose Fellknäuel zwei Filme zuvor bei sich aufgenommen hat, ganz so wie seinerzeit die Familie Tanner den verhaltensoriginellen Pelz-Alien namens Alf. Nur: Paddington oder Mr. Brown ist kein phantastisches, oft unartiges Wesen mit Sinn für weltliche Gelüste, sondern ein sprechender und denkender Bär, der vorzugsweise auf den Hinterbeinen wandelt und seltsamerweise nicht allzu viel Aufsehen erregt – so, als wäre es das Normalste auf der Welt, wenn eine lebendig gewordene Tierfabel so tut, als wäre sie ein Mensch. Diese märchenhaften Geschichten aus dem klassisch-bürgerlichen London von seiner schönsten Seite stammen aus der Feder von Michael Bond. Zweimal wurde der kauzige Sonderling, den man einfach ins Herz schließen muss, auch wenn er die Wohnung und so manche gesellschaftliche Gewohnheit auf den Kopf stellt, von Paul King auf erfrischende Weise verfilmt. Das Publikum war begeistert, also war alles nur eine Frage der Zeit, bis Teil Drei über die Leinwand flimmert.

Diesmal aber ist manches anders. Die Oberhoheit über den Familienbären hat King aus seinen Händen gegeben, womöglich war für den Filmemacher Zeit für Neues. Mit Paddington war er wohl durch, genauso wie Sally Hawkins (The Shape of Water), deren berührend-warmherziges Auftreten dem animierten Bären fast schon – oder tatsächlich auch – die Show gestohlen hat. Hawkins ist eine unvergleichlich reizende Person und war die ideale Bezugsperson für jemanden wie Paddington. Beide ergänzten sich prächtig, beide entwickelten Synergien, die dem guten alten, humorvoll-besinnlichen Erzählkino alle Ehre erwiesen. Anstelle von Hawkins übernahm Emily Mortimer. Und obwohl letztere durchaus ihr Metier beherrscht – der zarten, einnehmend emotionalen Britin kann sie nicht mal ansatzweise das Wasser reichen. Für Paddington in Peru ist das wohl der größte Verlust im Ensemble. Und schließlich merkt man auch: Regisseur Dougal Wilson ist schließlich auch nicht Paul King. Statt einem kauzig-schrägen Stadtabenteuer in London mit augenzwinkerndem Understatement liefert der zweite Aufguss eine kindgerechte Indiana-Jones-Schnitzeljagd quer durch den kindgerecht gezähmten peruanischen Dschungel, mitsamt pinkfarbener Vogelspinne und seltsamen Gewächsen, die ordentlich piksen.

Ach ja, der aalglatte Erlebnisfilm handelt von der Suche Paddingtons nach seiner Tante Lucy, die sich ihrerseits auf die Suche nach dem sagenumwobenen El Dorado gemacht hat. Die ganze Familie Brown ist mit von der Partie und muss mit einem zwielichtigen Reiseführer, den Antonio Banderas herzhaft überzeichnet verkörpert, genauso auskommen wie mit vermeintlich freundlichen Nonnen, die ebenfalls in eigenem Interesse tätig werden. So mancher Story-Twist wirkt dabei wie aufgelegt und absehbar, die Kinder aber mögen staunen, welche Haken der Trip durch den Dschungel hier schlägt. Doch letztlich ist das Abenteuer zu konstruiert, die Charaktere zu sehr angeleitet, der Humor berechnet. Die Seele von Michael Bonds Welt, sie mag im Dschungel etwas die Orientierung verloren haben.

Paddington in Peru (2024)

Der Brutalist (2024)

DAS LEBEN IST EINE BAUSTELLE

5/10


© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, UNGARN 2024

REGIE: BRADY CORBET

DREHBUCH: BRADY CORBET, MONA FASTVOLD

CAST: ADRIEN BRODY, GUY PEARCE, FELICITY JONES, JOE ALWYN, ISAACH DE BANKOLÉ, ALESSANDRO NIVOLA, RAFFEY CASSIDY, STACY MARTIN, EMMA LAIRD, MICHAEL EPP, JONATHAN HYDE U. A.

LÄNGE: 3 STD 35 MIN


Da stehe – oder besser gesagt sitze ich – im dunklen Kinosaal, und zwar so lange, dass mir der Allerwerteste schon schmerzt, vor einem Problem, das ich als Grundproblem bei der Betrachtung von Filmen erachte, die durch internationale Kritikerlorbeeren niemals auch nur anders betrachtet werden wollen als vollendet. Für zehn Oscars nominiert, begleiten Der Brutalist Pressestimmen, die wie folgt klingen: „Ein monumentales Meisterwerk von nahezu unendlicher Schönheit“, schreibt Christoph Petersen von filmstarts. „Der zehnfach nominierte Oscarfavorit ist jene Art von Film, wie es ihn nur alle paar Jahre im Kino gibt“, schreibt Jakob Bierbaumer im österreichischen Medienmagazin TV Media. „Ein Film voller Leidenschaft, der in seiner Kühnheit vertraute Sehgewohnheiten sprengt“, schreibt Ralf Blau in der aktuellen Ausgabe von cinema. Blau umschreibt den Film aber bereits schon etwas differenzierter und räumt ein, ihn sowohl minimalistisch als auch monumental zu erachten.

Bei solchen Lorbeeren wappnet man sich natürlich im Vorfeld, demnächst einem Kinoereignis beizuwohnen, das einem die Sprache verschlagen wird. Doch andererseits: Erreichen diese gezielt marketingtauglichen Lobhudeleien manchmal nicht genau das Gegenteil? Kann man denn glauben, was man liest? Macht dieser Review-Aktivismus Kinogeherinnen und Kinogeher, die diese Kunstform regelmäßig genießen und schon viel gesehen haben, nicht eigentlich skeptischer? Letzten Endes wäre Skepsis bei Sichtung eines minimalistischen Monumentalfilms wie Der Brutalist durchaus angebracht gewesen. Vielleicht, um nicht enttäuscht zu werden, wenn man im Vorhinein erwartet, künstlerisch und qualitativ, und das im positiven Sinn, geplättet zu werden. Filme wie Der Brutalist manipulieren und dekonstruieren die Erwartungshaltungen – die gibt es gerade hier in unterschiedlichsten Formen und Varianten. Letzten Endes ist Brady Corbets über einen langen Zeitraum erdachte und entwickelte Pseudo-Biographie genauso wie einer dieser brutalistischen Gebäude-Klötze, die der fiktive Flüchtling László Tóth bereits errichtet hat und errichtet haben wird: reduktionistisch, avantgardistisch, kühl und unnahbar. Tóth wird in Der Brutalist, der sich sonst allerdings vor historisch korrektem Hintergrund bewegt, in einer alternativen Realität zu einem weltweit angesehenen Zampano in Sachen Architektur. Das war er schon vor dem Krieg, und wird es wieder nach dem Krieg sein. Nur wo und wie, wird Corbet in diesem Film auf einer Länge von über dreieinhalb Stunden beantworten wollen. Ist diese Länge für diese Erzählung denn gerechtfertigt? Nein.

Während das letzte Dreistunden-Epos, nämlich Der Graf von Monte Christo, trotz seiner Laufzeit fast schon nicht mehr wusste, wohin mit seiner Handlung, erhält Brady Corbet, der bereits Natalie Portman in Vox Lux als schwer fassbare Operrolle inszenierte, für sein Werk genug Raum, um sich auszudehnen und seine psychosoziale Nachkriegsstudie aufzublasen. Das tut er auch, er kleckert dabei nicht, sondern klotzt im wahrsten Sinne des Wortes. Der Baugrund ist enorm, man blickt in alle Richtungen bis zum Horizont und noch weiter. Im Zentrum dieser Fläche soll das Einzelschicksal eines jüdischen Architektur-Genies errichtet werden, dass fast schon verloren wirkt und die Traumata des Konzentrationslagers, des Weltkriegs und der Flucht in sich trägt. Es werden diesem László Tóth ganz andere Betonblöcke in den Weg gelegt werden, nämlich jene des Neuanfangs, der Integration und der Selbstbehauptung. Was man dabei nicht vergessen darf: Es gibt auch noch Ehefrau Erzsébet und die rätselhafte, weil anfangs mutistische Nichte Zsófia, die Schwierigkeiten haben, auszureisen. Auf die beiden muss László jahrelang warten, währenddessen aber belohnt ihn das Schicksal in Gestalt eines wohlhabenden Unternehmers namens Harrison Lee van Buren, der seine Zeit braucht, um zu begreifen, welchen Nutzen der Jude für ihn haben kann – und diesen als Haus- und Hofarchitekt für ein Mega-Projekt nahe Philadelphia engagiert.

Der Brutalismus selbst mag ein Architekturstil sein, der ab 1950 mit mehreren Ausrufezeichen hintendran darum bemüht war, im Stechschritt Richtung Moderne alles Gestrige hinter sich zu lassen. Dieses Gestrige war schließlich hässlich genug, also auf zu neuen Ufern. Ob es ein Stil war, der breitenwirksam Gefallen gefunden hat? Wohl eher weniger. Dafür aber hat diese Andersartigkeit mit Sicherheit fasziniert, kann man bei solchen Konstrukten – ähnlich wie bei Unfällen – einfach nicht mehr wegsehen. Dieses Gestrige hat die von Adrien Brody meisterhaft gespielte Figur schon in Europa versucht, hinter sich zu lassen, jetzt schleppt er die Innovation im Doppelpack mit einem zerrütteten Altleben in die neue Welt – in eine Gesellschaft, die längst nicht mehr das Land unbegrenzter Möglichkeiten verkörpert und jüdische Immigranten wie diesen da maximal duldet, sofern sie von Nutzen sind. Dieses toxische Kräftemessen zwischen Neuanfang und etabliertem Establishment rückt Corbet in den Mittelpunkt, braucht dafür Platz und den künstlerischen Willen, sowohl das epische Erzählkino eines Sergio Leone (Es war einmal in Amerika) oder Bernardo Bertolucci (1900 – Gewalt, Macht, Leidenschaft) stilistisch aufzugreifen als auch mit den Methoden weitestgehend unabhängiger Autorenfilmer bewährte Erzählstrukturen aufzubrechen.

Beide Ansätze stehen sich im Weg. Monumental an Der Brutalist bleibt lediglich die Laufzeit, der Konflikt zwischen Brody und Guy Pearce, der meines Erachtens nach seiner diabolischen Rolle des übersättigten Machtmenschen nur schwer das nötige Charisma entlockt, ist so bruchstückhaft wie alle anderen szenischen Teile des Films. Anfangs gelingt Corbet noch ein dramaturgischer Aufbau, er bringt die Situation ins Rollen, die Thematik rund um Cousin Attila (Alessandro Nivola) gestaltet sich vielversprechend und deutlich interessanter, doch Nivola verschwindet von der Bildfläche viel zu früh, während Felicity Jones viel zu spät auf der Bildfläche erscheint – auch sie stets bemüht, ihrer Rolle Würde, Verletzlichkeit und Inbrunst zu verleihen. Das Timing des Erscheinens und Abtretens so manchen Charakters lässt immer wieder eine Leere zurück, die Brody auffüllen muss, daher wirken viele Szenen wie Bauelemente auf einem Grundstück, die schon mal da sind, aber noch nicht verarbeitet werden können. Dazwischen wortlastige Dialoge ohne driftigem Mehrwert, sie treiben den Film in die satte Überlänge, ohne Notwendigkeit.

Selbst epische Filme so wie wir sie kennen haben eine gewisse dramaturgische Topographie, doch Der Brutalist lässt diese tiefen Täler und reizvollen Höhepunkte vermissen. Auch will er alles Mögliche in sein Werk hineinpacken, darunter nicht unwesentlich Lászlós Drogensucht. So gesehen wird Der Brutalist immer mehr zum Drogendrama und schwächelt dabei als Künstlerdrama mit Migrationshintergrund. Schon klar, das eine kann nicht ohne dem anderen, doch unterm Strich möchte Der Brutalist sein Publikum nicht abholen, sondern will erarbeitet werden. Der Oscar-Favorit ist somit ein sperriges, klobiges Baustellenkino, unfertig und lückenhaft, ein hartes Stück Arbeit, kein einfaches Werk – und nein, das soll es auch gar nicht sein. Doch die Wahrscheinlichkeit, letztlich irgendwann nicht mehr an dieser „Oper im Dschungel“ mitkonstruieren zu wollen wie seinerzeit Fitzcarraldo, ist dementsprechend hoch. Dabei von „nahezu unendlicher Schönheit“ zu schwärmen – dafür fehlt mir die Sichtweise und auch die Vorstellungskraft. Der Brutalist ist manchesmal, und vorallem in der Wahl seines Scores, gewaltig und großformatig, lässt Adrien Brody vor Kraft nur so strotzen, gilt aber wahrlich nicht als schön, genauso wenig wie der Baustil selbst.

Der Brutalist (2024)

Blitz (2024)

IM SCHUTZ DER MUTTER

5/10


Blitz© 2024 Apple TV+


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: STEVE MCQUEEN

CAST: SAOIRSE RONAN, ELLIOTT HEFFERNAN, HARRIS DICKINSON, BENJAMIN CLEMENTINE, KATHY BURKE, PAUL WELLER, STEPHEN GRAHAM, LEIGH GILL, ALEX JENNINGS U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN 


Eben erst kann Saoirse Ronan im Alkoholiker- und Neuanfangsdrama The Outrun das Kinopublikum davon überzeugen, wie sehr ihre schauspielerischen Fähigkeiten durch die emphatische Vorgehensweise einer klugen Regie (in diesem Fall durch Nora Fingscheidt) ausgeschöpft werden können. Kann sein, dass hier zumindest eine Nominierung für welchen Preis auch immer winkt. Zeitgleich können Abonnenten auf der Streaming-Plattform des Apfel-Konzerns einem Jugendfilm folgen, der die unverwechselbare Irin ebenfalls auf seiner Casting-Liste weiß. Und niemand geringerer als Steve McQueen führt Regie, von welchem wir eine ganze Reihe unbequemer Filme gewohnt sind, darunter 12 Years A Slave. Das Sklavendrama, ich erinnere mich noch gut, spart dabei nicht mit Szenen, die lange im Gedächtnis bleiben. Elf Jahre später und nach dem Unterwelt-Thriller Widows aus dem Jahr 2018 begibt sich der Afroamerikaner auf Augenhöhe eines neunjährigen Jungen, der während des Zweiten Weltkriegs und der Phase des von den Deutschen initiierten Blitzkrieges von Mama getrennt werden soll, um irgendwo am Land zum eigenen Schutz einer temporären Pflegefamilie zugeteilt zu werden. Schweren Herzens muss Saoirse Ronan als ebendiese Bezugsperson des kleinen George eine emotional belastende Entscheidung treffen, denn hier im London des Jahres 1940/41 ist niemand mehr sicher, der nicht rechtzeitig nach Ertönen der Alarmsirenen in einem bombensicheren Keller Zuflucht finden kann. Klar wird: Diese Sicherheitszonen sind rar, oftmals dient nur die Untergrundbahn als Notlösung. Nichts für einen Jungen wie George. Als dieser, enttäuscht von seiner Mutter und überhaupt enttäuscht vom jungen Leben, im Zug Richtung Unbekannt sitzt, überkommt ihn der Impuls, einfach auszusteigen. Das tut er dann auch, und schlägt sich von der Provinz aus wieder nach London durch, um zurück zu seiner Mum zu gelangen, denn nur dort, so meint er, ist der sicherste Platz auf Erden.

Was dem Buben dabei widerfährt, erinnert fast schon an das Schicksal eines Waisenjungen namens Oliver Twist, niedergeschrieben von Charles Dickens. Den Krieg aus der Sicht eines Kindes zu erzählen – diese Idee hatte schon John Boorman in seinem 1987 veröffentlichten Drama Hope & Glory – Der Krieg der Kinder. Dort schildert der Regiemeister die Erlebnisse eines Jungen namens Bill, der den Blitzkrieg als spektakuläres Abenteuer wahrnimmt. Kenneth Branagh nimmt in Belfast seine eigene Kindheit während des Nordirlandkonflikts in den Sechzigerjahren zum Thema – auch dort ist die Sicht eines jungen Menschen auf ein für ihn teils unerklärbares Katastrophenszenario die oberste einzuhaltende Konsequenz, um Politik und Geschichte erfrischend neu zu erfassen.

Blitz geht diese Konsequenz leider nicht ein. Anstatt sich auf den neunjährigen George zu konzentrieren, setzt McQueen auf zwei Perspektiven. Jene der Mutter und natürlich des Kindes. Was dabei passiert, ist eine kompromissvolle Gratwanderung zwischen konventioneller Erzählweise über die Rolle von Londons Bevölkerung während des Bombardements im Zweiten Weltkrieg und den mit Kinderaugen wahrgenommenen, traumatischen Ausnahmezuständen zwischen Verdunkelung und Trümmerlandschaft. Durch den zweigeteilten Fokus hat keine der beiden Geschichten wirklich die Chance, tiefen- und gesellschaftspsychologisch relevant zu werden. Ganz im Gegenteil. Saoirse Ronan hat niemals die Chance, ihre Rolle zu vertiefen, auch ihre Storyline bleibt halbherziges Fernsehdrama, gut ausgestattet, aber flach. Die Sicht des George hat gute Ansätze, verliert sich aber im bemühten Szenario eines klassischen Erlebnisromans mit nur wenig Experimentierfreude. Als ausgesprochen biederer Kriegsfilm bereichert Blitz sowohl dramaturgisch als auch emotional das Genre nur geringfügig.

Blitz (2024)

Die Fotografin (2023)

DAS MODEL IN HITLERS BADEWANNE

6/10


diefotografin© 2024 Constantin Filmverleih


ORIGINALTITEL: LEE

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: ELLEN KURAS

DREHBUCH: LEM DOBBS, LIZ HANNAH, JOHN COLLEE & MARION HUME

CAST: KATE WINSLET, ANDY SAMBERG, ALEXANDER SKARSGÅRD, MARION COTILLARD, JOSH O’CONNOR, ANDREA RISEBOROUGH, NOÉMIE MERLANT, VINCENT COLOMBE, SAMUEL BARNETT, ZITA HANROT U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Als Charakterdarstellerin und als jemand, der biografischen Figuren Seele verleiht, ist Kate Winslet wohl nach wie vor und ungebrochen an der Spitze weiblicher Schauspielgrößen vorzufinden, die ihren Charakteren wie aus dem Ärmel geschüttelt eine ganze Biografie verleihen, ohne sie darstellen zu müssen. Da reichen Auszüge im Rahmen eines zweistündigen Dramas, die wissen lassen, dass davor schon eine ganze Menge passiert sein muss. Komplette Lebensgeschichten sind das geworden, eine komplette Lebensgeschichte wird auch die Chronik des Zweiten Weltkriegs aus der Sicht von Model, Künstlerin und Kriegsreporterin Lee Miller, die als eine der ersten und an der Seite der Alliierten die ganze grausame, himmelschreiende Wahrheit hinter dem Hitler-Regime dokumentieren konnte. Als Berufene und im Auftrag der Allgemeinheit ihre Pflicht erfüllende Reporterin leistete Miller ganze Pionierarbeit. Schließlich waren Frauen an der Front etwas Undenkbares, waren Frauen abseits des Lazaretts aus der Sicht der Männer entweder eine Gefahr für sich selbst oder eine Gefahr für andere. Miller setzte neue Maßstäbe, etablierte wohl einen ganzen weiblichen Berufszweig. Zeigte überdies Mut, Selbstbewusstsein und Leidensfähigkeit. Vor allem die der Psyche. Schließlich muss ein Mensch, reich an Werten und progressiv-humanistischen Idealen das unangekündigt Grausame, das hinter den Mauern der Konzentrationslager von Buchenwald und Dachau zum Vorschein kam, erstmal verarbeiten. Miller konnte das niemals so richtig, all diese Bilder begleiten sie bis ins hohe Alter. Zu diesem Zeitpunkt sitzt sie in ihrer Wohnung einem Journalisten gegenüber, der über ihr Leben so einiges wissen will. Auf einem Couchtisch ausgebreitet sämtliche Fotografien, ihm gegenüber Kate Winslet hinter missglückten Latexfalten, aber immer noch greifbar erfahren und müde von einem Leben voller menschlicher Dramen zwischen Kunst, Egomanie und höheren Aufgaben im Dienste der ganzen Menschheit.

Im Original betitelt Regisseurin Ellen Kuras, die als Kamerafrau wohl am Set von Eternal Sunshine of the Spotless Mind auf Kate Winslet traf und seither immer wieder mit ihr zusammenarbeitet, ihren Film schlicht als Lee. Die Art der Betrachtung einer Künstlerin wie Miller eine war, mag weder huldigend noch deutlich kritisch ausfallen. Die Selbstinszenierung in Hitlers Badewanne war, und das steht außer Frage, eine Aktion, die gemischte Gefühle hervorruft. Geschmacklos oder nicht: das Foto ist wohl als Triumph über das diktatorische Böse zu sehen. Körperpflege an Hitlers statt zu vollziehen, könnte aber auch als unbeabsichtigte Anbiederung durchgehen, sofern man Miller nicht auf diese Weise kennenlernt, wie Kuras es sich vorgenommen hat: Kettenrauchend, nonkonform und zäh genug für den Job, die Wahrheit im wahrsten Sinne des Wortes ans Licht zu bringen. Winslet portraitiert die Ikone souverän.

Wirklich nahe kommt man der Person aber dennoch nicht. Wenig greifbar bleiben auch all die anderen Nebenfiguren wie Alexander Skarsgård als Künstler Roland Penrose oder Andy Samberg als Millers Arbeitskollege David E. Scherman. Sie sind Gaststars im Laufe eines erfüllten Lebens, das dicht mit den Ereignissen um den Zweiten Weltkrieg verwoben ist und auch mit dazu beigetragen hat, das Schwarzbuch der Menschheit zu illustrieren. Als informativer biografischer Spielfilm macht Die Fotografin augenscheinlich nichts verkehrt. Vor allem jene Szenen, die das Entdecken der Konzentrationslager schildern, gehen unter die Haut, ertappt man sich doch dabei, unter furchterfüllter Neugier Miller auf dem Fuß zu folgen und über deren Schulter zu blicken, als wäre man selbst dabei. Darüber hinaus aber berührt der Film wohl weniger, als dass er Aufschluss gibt. Miller bleibt auf Distanz, es bleibt weitestgehend unklar, was sie bewegt oder antreibt. So gesehen fehlt die Lust an der Interpretation, letztlich sind es nur biographische Notizen eines Lebens, das in Filmform und mit weniger Fokus auf die Psyche nur schwer zu fassen ist.

Die Fotografin (2023)

Konklave (2024)

REFORMATION INMITTEN DES STILLSTANDS

7,5/10


konklave© 2024 Constantin Film


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: EDWARD BERGER

DREHBUCH: PETER STRAUGHAN, NACH DEM ROMAN VON ROBERT HARRIS

CAST: RALPH FIENNES, STANLEY TUCCI, JOHN LITHGOW, ISABELLA ROSSELLINI, CARLOS DIEHZ, LUCIAN MSAMATI, SERGIO CASTELLITTO, JACEK KOMAN, BRIAN F. O’BYRNE, MERAB NINIDZE, THOMAS LOIBL U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


„Es ist ein Krieg!“ In einer Szene des Films versucht Stanley Tucci als Kardinal Aldo Bellini seinem Amtskollegen Ralph Fiennes händeringend davon zu überzeugen, dass es bei diesem Konklave um mehr geht als nur darum, einen neuen Papst zu wählen. Tucci lässt das Publikum wissen, wie sehr sich seine Filmfigur dessen bewusst ist, was alles auf dem Spiel steht. Der Untergang des katholischen Imperiums, oder eben eine innere machtpolitische Evolution, die mit dem Trend einer progressiven Gegenwart mithalten kann. Beide, Tucci und der wunderbare Ralph Fiennes, sind dringend tatverdächtig, wenn es darum geht, eine mögliche Nominierung für einen Goldjungen zu erhalten. Mit feinem Minenspiel, disziplinierter Zurückhaltung und einer gelebten Aura der Erfahrenheit, was die Mechanismen des Klerus betrifft, führt vor allem Fiennes als jemand, dem Regisseur Edward Berger (Oscar für Im Westen nichts Neues) nicht mehr von der Seite weicht, in die sakralen Tiefen einer Institution, die ihre Identitätskrise dank eines unvorhergesehenen Todesfalls dem Allmächtigen sei es gedankt endlich beim Namen nennt. Es ist weniger etwas faul in diesem Kirchenstaat als längst überholt. Es schwelen weniger der Skandal und der Affront als vielmehr die Symptome einer Verkümmerung, die aus regressiven Glaubenssätzen über den Glauben entsteht.

Der Prunk, die Riten, das Prozedere – das alles mag an eine Monarchie erinnern, die glaubt, konstitutionell zu sein, ohne ihrer Pflicht nachzugehen, Dogmen und Weltbilder zu hinterfragen. Wann, wenn nicht bei einem Konklave, würde sich herausstellen, wer von den rotgewandeten Eminenzen nur sich selbst beweihräuchert anstatt einer Gemeinschaft des Glaubens zu dienen. Religion, das ist laut Karl Marx Opium für das Volk. Doch an diesen Grundsätzen wollte sich Autor Robert Harris nicht zu schaffen machen, vorausgesetzt, Edward Berger hat den Roman auch so verfilmt, wie er gemeint war. Oder aber er hat gewisse Aspekte aus der Geschichte ganz anders hervorgehoben, um eine Sanftmut in seinem Film walten zu lassen, die man so nicht hätte kommen sehen. Konklave, so hätte man vermuten können, würde die Kirche provozieren, die Gemeinschaft der Gläubigen brüskieren, den Skandal heraufbeschwören. Doch weder ist der Skandal der Story inhärent noch strebt Konklave auch nur irgendwie an, der Kirche eins auszuwischen. Ist diese Einstellung vertretbar? So, wie Edward Berger sie umsetzt, durchaus.

In diesem Konklave gibt es Begehrlichkeiten und Geheimnisse – wie überall in ähnlich politischen Phasen des Umbruchs. Dekan Lawrence, eben Ralph Fiennes, will sie rechtzeitig lüften, um zu vermeiden, dass der Heilige Stuhl unrechtmäßig an jemanden geht, der Dreck am Stecken hat. Da könnte man sagen: Ganz egal, wer. Der Katholizismus als Gesamtheit darf sich ruhig schämen. Über den Kamm geschoren, wäre die Ambitionen so manchen Reformators im Keim erstickt. Denn zerbrechen lässt sich die Kirche nicht mehr. Nur verändern. Das weiß Lawrence, er wächst über sich hinaus, verbiegt die strengen Gesetze während der Papstwahl, um an die Wahrheit zu kommen. Um ihn herum Querdenker, Ehrgeizler und Individualisten. Und Gott sei es gedankt: Ausnahmsweise treibt kein Antichrist sein Unwesen, der in den Kellergewölben des Vatikan den jüngsten Tag vorbereitet oder von Klosterschwestern geboren werden soll. Der Teufel hat diesmal nichts verloren in den heiligen Hallen. Das plumpe Böse findet sich hier nirgendwo, doch auch nicht das exaltiert Progressive wie in The Young Pope, einer Serie von Paolo Sorrentino, der dem Kirchenstaat mit scharfer Klinge die Leviten liest. Konklave sucht den Dialog und den Anstand, verurteilt weder Kirche noch den Klerus, will mit Diplomatie und Taktik eine Zeitenwende herbeiführen, stets auf Basis eines Bewusstseins, die Kirche als Notwendigkeit für den Glauben anzusehen. Obsolet ist das Wie, aber nicht das Was.

Wie Edward Berger es schafft, Polemik zur Gänze zu vermeiden und stattdessen das Ensemble auf menschliche Werte besinnen zu lassen, jenseits von Mitra, Soutane und Scheitelkäppchen, obwohl die noble Tracht für Blickfang sorgt, wird zum erstaunlich humanistischen, klugen Kunststück eines Kirchenfilms, der sich nichts sehnlicher wünscht als die selbstlose Erkenntnis eines Machtapparats. So sehr Konklave auch bedächtig anmutet und Vorsicht vor dem Rückschritt walten lässt, so machtvoll gibt der kongeniale Score von Volker Bertelmann den Winkelzügen Relevanz. Ergänzt durch eine epische, präzise komponierten Bildsprache, bleibt Konklave als ein gereiftes und reifes, intelligentes Stück Religionskino lange noch in Erinnerung. Es geht auch ohne Rundumschlag.

Konklave (2024)

Gladiator II (2024)

DIE HAIE DES ALTEN ROM

5/10


gladiator2© 2024 Paramount Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: DAVID SCARPA

CAST: PAUL MESCAL, DENZEL WASHINGTON, CONNIE NIELSEN, PEDRO PASCAL, FRED HECHINGER, JOSEPH QUINN, TIM MCINNERNY, DEREK JACOBI, ALEXANDER KARIM, LIOR RAZ, RORY MCCANN U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Jetzt hatte ihm doch glatt dieser Deutsche namens Roland Emmerich den optimalen Drehort weggeschnappt – die Cinecittà-Studios in Rom. Als ob das nicht schon genug des Schlittenfahrens mit einem alteingesessenen Regie-Veteran wäre – die Rede ist von Ridley Scott – will der Master of Desaster, nämlich Emmerich, dem Meister der Massenszenen auch noch die Show stehlen. Der hatte zu dieser Zeit schließlich die auf amazon längst feilgebotene Sandalen-Serie Those About To Die gedreht: Hickhack im Kolosseum oder im Circus Maximus, alles vor den Kulissen antiken römischen Polit-Geplänkels. Ridley Scott wollte das gleiche machen, hat aber woandershin ausweichen müssen, eben nach Malta und nach Marokko, auch keine schlechten Drehorte, da gibt es schlimmeres. Sein Kolosseum kann Scott auch woanders fluten, teilweise auch am Rechner, von dort peitscht schließlich auch das Mittelmeer an die numidische Festung und bringt den Tod auf Schiffen mit sich. Die größte von ihm gedrehte Schlachtenszene, will Ridley Scott schließlich bemerken. Was Besseres hat er, so meint er, noch nicht hinbekommen. Damit hat der Meister seines Fachs schon genug die Werbetrommel gerührt, denn wenn Scott von sich schon so beeindruckt ist, wie beeindruckend kann das Ganze dann fürs Publikum sein, welches die spektakulären Bilder der Schlacht von Austerlitz aus Napoleon noch taufrisch im Oberstübchen weiß. Die hat es schließlich gegeben, als Dreikaiserschlacht steht sie als Gamechanger in den Geschichtsbüchern.

Die Invasion unter Feldherr Justus Acacius hingegen gab es nie. Ridley Scott ist das egal, uns soweit eigentlich auch. Man kann davon ausgehen, dass diese Seeschlachten und Belagerungen ungefähr alle so aussahen wie zu Beginn des Schinkens Gladiator II, dem Sequel des vor einem Vierteljahrhundert das Genre des Historienfilms wiederbelebten Klassikers mit Russel Crowe, der unter den berührenden Klängen von Hans Zimmer den Sand der Arena kosten musste. Er und Joaquin Phoenix als unberechenbarer, charismatischer Diktator lieferten sich ein Duell der Extraklasse. Was war das nicht für ein großes emotionales Schauspielkino, das man bei Gladiator II leider vermisst. Jeder tut hier, was er kann, doch stets für sich, ohne durch ein ausgefeiltes Teamplay Synergien zu entwickeln, die packendes Kino eben ausmachen. Ridley Scott und sein Drehbuch-Buddy David Scarpa, der schon die Filmbiografie des kleinen Korsen verfasste, schicken allerhand vom Schicksal gebeutelte gute und verrückt-sardonische Böse ins Rennen um die Macht, um Ansehen und die Freiheit in einem Weltreich, das damals womöglich in einer ähnlichen Krise festsaß wie heutzutage so manche Supermacht.

Zwei Narren namens Caracalla und Geta (ja, die hat es gegeben) vergnügen sich mit Spielen und wenig Brot für die Untertanen, der spätere Konsul und Gladiatorenmacher Macrinus (hat’s auch gegeben) intrigiert sich an die Spitze und instrumentalisiert dabei den Numider Hanno, in Wahrheit Lucillas und Maximus‘ Sohn Lucius, den es namentlich zwar auch gegeben hat, aber eine völlig andere Rolle spielt. Diese Figuren also schicken Scott und Scarpa auf die Spielwiese ins Zentrum der ewigen Stadt, die auf verblüffende Weise wieder aufersteht und ein authentisches Gefühl dafür vermittelt, wie es damals zugegangen sein muss. Es schieben sich die Massen über das Forum Romanum, es lebt das landwirtschaftlich genutzte Umland, es brennen die Fackeln über den Köpfen einer Menge an aufständischen Bürgern, die in der Düsternis der abendlichen Metropole gegen die Diktatoren demonstrieren. Hier liegen Scotts Stärken, die er egal in welchem Film mit geschichtlichem Kontext stets auf vollkommene Weise ausspielen kann. Wie er das macht, und vor allem, wie effizient (Drehtage gab es lediglich knapp 50), ist erstaunlich. Und ja, da gibt es keinen zweiten, der ihm da das Wasser reicht. Und wenn doch, dann ist es vielleicht eingangs erwähnter Emmerich, der die brachiale Opulenz des Leinwandspektakels zwar nicht ganz so auf Hochglanz poliert wie sein britischer Kollege, aber zumindest weiß, wie er die ausstattungsintensiven Settings wieder kaputtmacht.

Wie bei Gladiator aus dem Jahr 2000 beginnt Gladiator II mit einem Schlachtengemälde, gesteckt voll mit überzeugenden Kulissen und selbstredend ohne historische Akkuratesse. Am Ende sammelt Ridley Scott wieder die Massen, es raubt einem den Atem, wenn die römischen Heere aufmarschieren, auch dort ohne Gewährleistung wissenschaftlicher Genauigkeiten. Experten raufen sich sowieso schon längst die Haare, vorallem, weil Scott hier noch weniger Acht gibt als er es sonst tut. Er nimmt sich aus der Geschichte, was er brauchen kann, und nur anlehnend an Tatsachen setzt er diese Elemente so zusammen, als wäre sie die freie Interpretation irgendwelcher Legenden. Das kann er machen, das tun so manche Serien (Vikings, Last Kingdom) ebenso. Streiten lässt sich darüber angesichts der Fülle an Fehlern irgendwann gar nicht mehr.

Zwischen den bildgewaltigen Szenen dümpelt allerdings ein inspirationsloses Popcornkino dahin, das Talente wie Paul Mescal (u. a. Aftersun), Pedro Pascal und Denzel Washington maximal routiniert aufspielen lässt. Mescal ist dabei erfrischend kaltschnäuzig dank seiner Situation des Kriegsgefangenen, der seine bessere Hälfte von den Römern ermordet weiß. Warm wird man mit ihm nie, auch Pedro Pascal bringt niemanden zum Erzittern. Er ist Figur durch und durch, lebt sie aber nicht. Washington erzeugt die meisten Vibes, während Connie Nielsen mit ihrer ambivalenten Figur der Lucilla völlig überfordert scheint. Sie sucht die flucht im flachen Spiel kolportierter Emotionen. Es scheint, als hätte Emmerich die Regie übernommen, wofür auch Haie bei der nachgestellten Schlacht von Salamis und räudige Paviane blutdürstend Zeugnis ablegen.

Geschichtskino kann Ridley Scott deutlich besser. Warum es ihn nicht losgelassen hat, unbedingt den Gladiator fortzusetzen, der niemals auch nur einmal danach verlangt hätte, mag mir ein Rätsel bleiben. Vielleicht ist es wieder nur das Geld, doch Scott ist mit seiner eigenen Produktionsfirma sowieso der Gunst des Publikums längst erhaben. Man kann nur hoffen, dass das Feintuning bei ihm wieder zurückkehrt, auch die Lust am filmischen Standalone eines Monumentalfilms ohne Drang nach Fortsetzung. Mit dieser Art von Film schließlich tut sich Scott seltsam schwer.

Gladiator II (2024)

The Outrun (2024)

EIN SELKIE AM TROCKENEN

6,5/10


theoutrun© 2024 Viennale


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

DREHBUCH: NORA FINGSCHEIDT, AMY LIPTROT, NACH IHREN MEMOIREN

CAST: SAOIRSE RONAN, PAAPA ESSIEDU, STEPHEN DILLANE, SASKIA REEVES, NABIL ELOUAHABI, IZUKA HOYLE, LAUREN LYLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Weibliche Charaktere, die aus dem sozialen Raster fallen oder am System vorbeiexistieren, liegen stets im Fokus der Filmemacherin Nora Fingscheidt, die mit ihrem radikalen Problemkind-Drama Systemsprenger weltweit auf sich aufmerksam machte. Netflix klopfte an und gab ihr die Regie für den Sandra Bullock-Streifen The Unforgivable, indem der Star eine ehemalige Straftäterin gibt, die im Alltag nicht mehr Fuß fassen kann. Ähnlich geht es nun in ihrem neuesten Werk The Outrun zu. Statt anarchischem Schreihals oder einer zutiefst depressiven Bullock färbt sich diesmal Saoirse Ronan die Haare blau. Wobei die Farbe Blau zumindest in unseren Kreisen hier gerne mit einem Zustand des völligen Kontrollverlusts einhergeht, der dann einsetzt, wenn man zu tief ins Glas geblickt hat. In diesem Film ist Filmcharakter Rona genau so jemand: Eine Alkoholikerin. Als wäre sie eine Kneipenkumpanin von Amy Winehouse gewesen, nur ohne deren Ruhm, war das Gift im Glas auch das Gift für ihre Beziehung, ihre Zukunft, ihr Studium. The Outrun zeigt aber nicht den Verfallsprozess einer jungen Frau, sondern knüpft eigentlich dort an, wo diese das Ruder herumreisst. Den Entzug bereits überstanden, macht sich Rona auf in Richtung Heimat ihrer Kindheit. Und die ist nicht im Londoner Umland, sondern viel weiter weg. Ganz weit draußen im Nordosten der Insel Großbritannien, zu Schottland gehörend und am Ende der Welt: Auf dem Orkney-Archipel.

Felsen, Strände, ganz viel Küste und sturmgepeitschte See. Wiesen, vereinzelte Steinhäuser und unter Mühsal betriebene Viehbetriebe, wie Ronas Eltern welche führen. Die sind wiederum getrennt, denn Papa ist aufgrund einer bipolaren Störung nicht unwesentlich daran beteiligt, dass seine Tochter so manches aus ihrer Kindheit mitnehmen musste, worauf sie lieber verzichtet hätte. Dennoch ist das Nirgendwo im Takt der Gezeiten genau jene Form von Reduktion, die jemanden wie Rona auch psychisch wieder rebooten kann. Einen Neuanfang unter extremen Witterungen und unter den Blicken der Kegelrobben, von denen manche tatsächlich Selkies sein könnten – Mischwesen aus Mensch und Tier, Gestalten aus der schottischen Mythologie. Wesen, die zwischen den Elementen wandeln, sich jedoch stets nach dem Meer sehnen.

Saoirse Ronan könnte so jemand sein, natürlich im übertragenen Sinn. Fingscheidt spielt mit dieser Mythologie und mit Ronans Haarfarbe, flechtet sie ein, nimmt sie als Metaebene in die Verfilmung eines autobiografischen Romans auf, den Autorin Amy Liptrot verfasst hat, um über ihre Sucht und die Überwindung selbiger zu schreiben. Mit Ronan mag da die richtige Besetzung gefunden worden sein – ihre Begeisterung für die ungebändigte Natur kann sie transportieren. Die Rolle der Süchtigen allerdings weniger. Dafür umschifft Fingscheidt den Absturz großräumig, streift auch deren Beziehung nur flüchtig. Im Trend liegt derzeit, und das merkt man auch hier, eine gegen die eigentliche Chronologie der Handlung gerichtete Abfolge an Rückblenden zu streuen. Bei The Outrun kommen diese entweder zu früh oder zu spät ins Spiel. Dass Ronans Figur und deren Entwicklung bei gezielterem Timing an Griffigkeit gewonnen hätte, bleibt zu vermuten.

Anfangs ist es auch so, dass Fingscheidts Drama Mühe hat, zu diesem Thema eine neue Perspektive zu finden. Erst sehr viel später, wenn sich auch die Familiengeschichte offenbart oder Ronan langsam, aber doch, das Trauma des Alkoholkonsums hinter sich lässt, um neue Horizonte zu erschließen, mag der Funke überspringen, mag die Selbstfindung dann auch mitreißen. Im Tosen der Wellen wird der Neuanfang schließlich zur Metapher in Form einer unbegrenzten, naturgebundenen Superkraft, die jeder mobilisieren kann. Vorausgesetzt, die Parameter des Umfelds stimmen.

The Outrun (2024)

Harvest (2024)

EIN DORF AM PRANGER

7/10


harvest© 2024 Viennale


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, DEUTSCHLAND, GRIECHENLAND, FRANKREICH, USA 2024

REGIE: ATHINA RACHEL TSANGARI

DREHBUCH: JOSLYN BARNES, ATHINA RACHEL TSANGARI

CAST: CALEB LANDRY JONES, HARRY MELLING, ROSY MCEWEN, ARINZÉ KENE, THALISSA TEIXEIRA, FRANK DILLANE, STEPHEN MCMILLAN, MITCHELL ROBERTSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 11 MIN


Als Dorf ist diese willkürliche Anordnung an Höfen, Ställen und Schuppen nur schwer zu bezeichnen. Eine Siedlung trifft es wohl eher, denn Infrastruktur hat dieses Konglomerat an freudlos wirkenden Bauwerken keine. Weder Kirche noch Rathaus noch Läden, weder Exekutive noch sonst eine institutionelle Ordnung lässt sich hier wiederfinden, im Nirgendwo irgendwo auf der Insel Großbritannien, womöglich eher im Süden gelegen, und das Meer ist nicht weit, obwohl Caleb Landry Jones als Walt noch nie dort gewesen war. Dennoch – eines hat die Gemeinschaft gewährleistet: Und zwar den Pranger. Für unruhestiftende Individuen und vorallem Fremde, die sich in näherer Umgebung niederlassen wollen und gleich mal verdächtigt werden, die Scheune des Gutsherrn in Brand gelegt zu haben. In einer Zeit wie dieser ist das Recht auf Verteidigung oder gar ein Prozess nur sinnlose Zeitverschwendung. Die beiden aufgegriffenen Fremden werden an den Pranger gestellt, für sieben Tage. Die Frau hingegen wird vertrieben, sie plant derweil ihre eigene Vergeltung. Inmitten dieser toxischen Gemeinschaft aus Argwohn, Aberglaube und Feigheit geistert Caleb Landry Jones gedankenverloren und vielleicht auch stoned durch die Gegend, nagt am Holz, streift durchs Feld und freundet sich mit einem weiteren Fremden an – einem Kartographen, den Jugendfreund Harry Melling wohl mitgebracht hat, um den Örtlichkeiten in dieser Umgebung endlich einen Namen zu geben. Dieser jedoch ist für viele ein böses Omen. Und es wird sich bewahrheiten: Die Dinge und Orte bei einem Namen zu nennen, ruft den eigentlichen Untergang herbei. In Gestalt eines arroganten Lords, der die Ländereien für sich beansprucht. Und das Volk vertreiben will.

Im Kino lief heuer das dänische Historiendrama Kings Land mit Mads Mikkelsen, der als Pionier das Wagnis eingeht, auf wenig fruchtbarem Moorboden eine fruchtbare Siedlung zu errichten – sehr zum Missfallen eines mächtigen Gutsherrn, der den Boden als sein Eigentum erachtet. Basierend auf Ida Jessens Roman, hat Nikolaj Arcel ein erdig-wuchtiges Epos im satten Realismus einer greifbaren Vergangenheit inszeniert. Die Griechin Athina Rachel Tsangari hat sich für ihr Blut- und Bodendrama eines Romans von Jim Grace angenommen und den Stoff, aus dem historisch-bäuerliche Dramen sind, isoliert, verfremdet und in ein abstrakt wirkendes, zeit- und raumloses Vakuum verfrachtet. Dabei wird besonders Tsangaris visueller Stil zu einer beharrlichen, selbstbewussten Vision. Sie taucht dabei ihre Bilder in Rot, Grün und Blau, die Gewänder der Dorfbewohner sind allesamt farblich aufeinander abgestimmt, dadurch entindividualisieren sie sich und wirken meist wie ein kollektives Bewusstsein. Eingebettet in eine ebenfalls farbreduzierte Umgebung, wirkt Harvest oftmals wie ein bewegtes Gemälde zwischen niederländischer Malkunst aus vorigen Jahrhunderten und einem der Spätromantik folgenden Realismus. Dörfliches Leben mit Mühlrad, Dorffest bei Feuer und dem Umgraben der Äcker. Wie beschaulich und stimmig könnte das alles nicht sein, gäbe es hier nicht diese dysfunktionale Dimension einer gesellschaftlichen Katastrophe.

Immer wieder erinnert Harvest an die Handschrift von Tsangaris Landsmann und Kollegen Yorgos Lanthimos. Wie sehr mag die Autorenfilmerin dabei eklektisch vorgegangen sein? Oder aber beide, Lanthimos und sie selbst, haben diesen Stil der weiten Winkel, der strengen Räume und opulenter Elemente in nüchternem Setting entwickelt haben? Bei Dogtooth oder Alpen hat Tsangari für Lanthimos als Produzentin fungiert – klar ist hier ein reger Austausch künstlerischer Ansichten entstanden. Und so mag auch Harvest aus dieser Ideenschmiede heraus entwickelt worden sein. Formal streng, sperrig und phlegmatisch agieren hier die Figuren. Das mag anstrengen, das mag fordern. Doch es bereichert den Zuseher auf seine seltsam-eigenwillige, experimentelle Art.

Mit Caleb Laundry Jones, zuletzt in Luc Bessons DogMan groß in Szene gesetzt, erhält Tsangari einen Protagonisten, der zwischen den Fronten schwebt, ein exponierter Einzelgänger, der den Lauf der Dinge beobachtet. So geht es dem Publikum ähnlich, es betrachtet Harvest als ein in sich geschlossenes, distanziertes antiquiertes Unikum, das gleichsam erschreckend progressiv erscheint.

Harvest (2024)

Monólogo Colectivo (2024)

ERST DER MENSCH, DANN DAS TIER

2/10


monologocolectivo© 2024 Viennale


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH / KAMERA: JESSICA SARAH RINLAND

MITWIRKENDE: MACARENA SANTA MARÍA LLOYDI, MAJO MICALE, ALICIA DELGADO, JUANITA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Heureka, ich habe ihn gefunden: Den womöglich missglücktesten Film dieses Jahres, der Zac Snyders Rebel Moon aus dem Vorjahr ablösen wird. Monólogo Colectivo, der sehr wahrscheinlich nur auf der Viennale hierzulande das Licht der Leinwand erblickt und wohl kaum ins reguläre Kinoprogramm aufgenommen werden wird, gibt vor, ein dokumentarischer Film zu sein, welcher die Kommunikation zwischen Mensch und Tier anhand von letzteren in temporärer Gefangenschaft beleuchten will. Will heißen: Lebewesen, die in Rehabilitationszentren und Auswilderungsstätten nur darauf warten, wieder Teil eines Ökosystems zu werden, welches nicht durch Menschenhand erschaffen wurde. Wie mit diesen zerbrechlichen, vulnerablen Tieren umgehen? Filmemacherin Jessica Sarah Rinland will darauf eine umfassende Antwort geben, die abendfüllend ausfallen soll. Erhellende Erkenntnisse, berührende Momente, Information. Nach den ersten Minuten jedoch drängt sich bereits beharrlich der Verdacht auf, im falschen Film zu sitzen.

Was ist hier los? Wir sehen Menschen, die aus altem Pappkarton, alten Zeitungen und Kleister eine Kuppel, einen Globus oder was auch immer errichten – um dieses Konstrukt im Dunkeln der hereingebrochenen Nacht abzufackeln. Schön und gut. Der Zweck und der Sinn bleiben einem, sofern man sich nicht mit argentinischer Folklore auskennt, verborgen. Noch mehr verborgen bleibt der Zusammenhang mit dem eigentlichen Thema. Der Verwirrung folgt aber bald ein Aufatmen, als eine junge Frau, eine Tierpflegerin möchte ich meinen, des Nächtens durch das Gehege von augenscheinlichen Klammeraffen streift. Streicheleinheiten durch die Gitterstäbe des Verhaus gehören da auch dazu. Und wir wissen: Ja, das könnte der Film um und mit Tieren sein. Mal sehen, wie sich das ganze weiterentwickelt.

Zu meiner großen Enttäuschung leider gar nicht. Monólogo Colectivo, dessen Titel sich mir genauso wenig erschließt wie das krude Konzept hinter diesem Machwerk, sättigt sich mit überflüssigem Filmmaterial und verbreitet dadurch eine lähmende Langeweile, die bald schon zu Frustration führt. Eine vage Struktur lässt sich erkennen, ein Schauplatzwechsel, Rinland führt diesen ungefähr zwei bis dreimal durch, für längere Zeit aber verweilt sie in kulturhistorischem Kontext zu einer Zoo-Anlage in einer argentinischen Großstadt, deren Skyline ich nicht erkenne, da Aufklärung ein Fremdwort bleibt. Weder erfahren wir, an welchen Orten wir uns befinden, noch wozu die Pflege der Tiere, mit Ausnahme jener des Zoos, führen soll. Wir erfahren nur sehr rudimentär, wer hier welche Agenden verfolgt, zwischen all der Informationsverweigerung lauschen wir logistischem Funkverkehr, während die Kamera sich weigert, das Wesen der Tiere einzufangen und lieber Belangloses filmt. Es kommt aber noch schöner. Unklar bleibt, welche Prioritäten Rinland hier setzt.

Wichtig sind wohl weniger die Tiere als der Mensch und seine Handwerkerqualitäten, wenn in Mitleidenschaft gezogener Stuck auf alten Zoogebäuden restauriert, Draht geflochten oder über die Seiten antiquarischer Zooaufzeichnungen gepinselt wird. All diese Szenen, die noch dazu quälend lange andauern, haben keinerlei Relevanz für ein Thema, von welchem ich erwartet hätte, dass sich Rinland diesem annimmt. Monólogo Colectivo versagt in erster Linie vorallem in der Auswahl seiner inhaltsleeren Bilder und uninteressanten Informationen.

Erst vor kurzem konnte ich die österreichische Dokumentation Tiergarten über den Zoo Schönbrunn genießen. Genau so macht man Filme über Arterhaltung, Tierliebe und der Sinnhaftigkeit solcher Institutionen für die Erhaltung von Ökosystemen. Hier stellen sich Personen vor, sagen was sie tun, zeigen dieses auch, sprechen zum Publikum. Hier gibt es Stoff und Entertainment, Wissen, das man sich mitnehmen kann. Monólogo Colectivo bietet das alles nicht. Es werden Tiere gefüttert, und zwar auf eine Weise, die diese abhängig vom Menschen macht, statt sie auf die Wildnis vorzubereiten. Es werden Brüllaffen gestreichelt, als wären sie das persönliche Haustier. Diese Sichtweise ist eine zutiefst anthropozentrische, Dialog auf Augenhöhe mit den Arten findet auch nicht mehr statt als anderswo – das macht wütend. Und wieder erfährt man nichts, außer die Tatsache, wie selbstverliebt ein Pseudo-Essay sein kann. Man erfährt auch, dass nicht jeder, der sich Filmemacher nennt, dieses Handwerk auch beherrscht.

Monólogo Colectivo (2024)

Wolfs (2024)

NACHTSCHICHT FÜR SCHÖNLINGE

3,5/10


Wolfs© 2024 Apple TV+


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: JON WATTS

CAST: GEORGE CLOONEY, BRAD PITT, AUSTIN ABRAMS, AMY RYAN, POORNA JAGANNATHAN, ZLATKO BURIĆ, RICHARD KIND U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


„Was ein Mann schöner is wie ein Aff‘, is ein Luxus.“, meinte einst Tante Jolesch. Folgt man dieser Weisheit, ist der Luxus in vorliegendem Film fast schon obszön. Denn was sind die beiden nicht für schöne Männer? George Clooney und Brad Pitt sind eine Augenweide, wohl die größten Augenweiden seit Sean Connery, der ja unangefochten und bis ins hohe Alter als der Sexiest Elder Man Alive gelten konnte. Jetzt rücken diese beiden Superstars nach, und sie sehen besser aus als je zuvor. Brad Pitt mit sechzig, Clooney mit dreiundsechzig Lenzen, und beide benötigen dringend einen Espresso, am liebsten aus dem Hause eines gewissen Schweizer Lebensmittelkonzerns. Wider Erwarten aber interessiert Kaffee hier niemanden die Bohne, obwohl sich Clooney und Pitt die ganze Nacht um die Ohren schlagen, anstatt irgendwo weitab lästiger Unbequemlichkeiten ihren Charme zu pflegen. Wolfs nennt sich die lederjackige, nokturne Krimikomödie, inszeniert von Spiderman-Reboot-Profi Jon Watts und dank eines kraftlosen Skripts entsprechend kraftlos in Szene gesetzt.

Ja, das kommt jetzt ein bisschen plötzlich. Gerade noch ergötze ich mich an der maskulinen Eleganz zweier Kino- und Werbelegenden, und dennoch reicht dieses Charisma im Doppelpack nicht aus, um mit Wolfs einen den Schauspielern adäquaten Kraftakt zu absolvieren. Wir sehen: Schönheit und Bekanntheit allein reichen nicht, um frappante Mängel eines Films zu kompensieren. Da wirken beide wohl eher verloren als gefordert, eher antriebslos als vom Sog einer schicksalsträchtigen Nacht mitgerissen. Vielleicht hätte man das Problem, mit welchem dieser Film hadern muss, vorab vermuten können: Die siegessichere Prämisse, dass Stars bereits die halbe Miete sind; die gemähte Wiese; der mächtige Brocken auf der Habenseite. Was soll da schon schiefgehen?

Zu Beginn des Films schon mal einiges, aber das ist wohl inhaltlicher Natur. In einem Hotelzimmer muss die New Yorker Staatsanwältin Margaret (Amy Ryan) erschrocken feststellen, dass ihr „Mann für gewisse Stunden“ aufgrund einer Überdosis Drogen plötzlich das Zeitliche gesegnet hat. Da liegt er nun, zwischen den Scherben eines Beistelltisches. Was also tun? Die völlig verstörte Dame klingelt bei George Clooney, der als gewiefter und akkurater Problemlöser dann auch vor Ort aufschlägt und sich an die Arbeit macht. Das alles wäre ein Routinejob, würde nicht auch noch Brad Pitt mit hoteleigenem Schlüssel ins Zimmer schneien. Obwohl der eine den anderen gerne hinauskomplimentieren möchte, müssen beide letzten Endes wohl zusammenarbeiten, um auch die Tasche voller Koksziegel wieder an den Absender zu bringen, um Komplikationen zu vermeiden, die das Hotelmanagement nicht haben will. Womit beide wohl nicht rechnen: Der tote Gigolo ist vielleicht gar doch nicht so tot wie angenommen. Für den Rest des Abends gibt’s für Zusatzjobs wohl kein Zeitfenster mehr.

Gentlemen wie Clooney und Pitt können noch so tun, als würden sie sich nicht ausstehen können – ihr ewiger Hickhack, der sich anfühlt, als würden sich Spencer Tracy und Katherine Hepburn necken, obwohl sie sich lieben, fällt viel zu zahnlos aus, um daraus einen privaten Konflikt zu entwickeln, der vielleicht diesen fadenscheinigen Plot gerettet hätte. Viel tut sich nicht in dieser einen Nacht, und ob nun heiße Ware ihren Besitzer findet oder nicht, tangiert nicht im Geringsten. Als Thriller, der sich mit einer Konkurrenz von hunderterlei ähnlichen Filmen messen muss, versagt die seichte Angelegenheit völlig. Ob Kroaten, Albaner oder sonst wer, die hinter dem Stoff und vielleicht auch hinter Clooney und Pitt her sind – sie alle sind verschenkte Stereotypen.

Wer die beiden feschen Superstars, die sich kaum anstrengen und genau wissen, was ihre Ausstrahlung hergibt, mehr oder weniger an die Wand spielt, ist Austin Abrams (u. a. Scary Stories to Tell in the Dark) als von seinem Drogentrip Genesender, der erst langsam, aber doch, die Gefahr wittert, in der er sich befindet. Für so einen Film aber zwei Idole zu verschleudern, die sichtlich unterfordert nur darauf warten, am Ende der Nacht dann doch noch ihren Espresso zu genießen, ist verlorene Liebesmüh.

Wolfs (2024)