Finch

LOVE, DOGS AND ROBOTS

6/10


finch© 2021 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: MIGUEL SAPOCHNIK

CAST: TOM HANKS, CALEB LANDRY JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Hätte Will Smith in I am Legend ein bisschen mehr technisches Verständnis an den Tag gelegt – wäre er gar ein technophiler Bastler gewesen, hätte er sich einen Roboter bauen können, der nicht nur ihn, sondern auch seinen Hund beschützt. Wir wissen, es lief anders. Und Tom Hanks, der weiß es wieder besser. Denn der ist einer von den ganz Guten, einer mit Herz für Mensch und  Tier. Und für Roboter. Im brandneu auf Apple TV+ erschienenen dystopischen Streifen Finch tüftelt nämlicher Einzelgänger tief unter der Erde in einem sagen wir mal Labor an einem Meilenstein technischen Fortschritts – ein humanoider Droide mit dem eingespeisten Wissen der Welt soll in Zukunft auf Finchs Hund aufpassen. Persönliche Gründe sind nicht wichtig, denn einen Freund braucht Finch keinen, lebt der doch sowieso lieber allein, was angesichts der Weltlage keine Kunst ist. Wir schreiben eine nicht allzu ferne Zukunft und durch eine Sonneneruption hat sich fast die ganze Ozonschicht verabschiedet. Die Folge: unsägliche Hitze und eine UV-Strahlung zum Krankwerden. Dennoch muss Finch aus dem Bunker raus und nach Westen ziehen, wo es sich vielleicht noch leben lässt. Ist der Roboter mal fertig, wird das Nötigste eingepackt und schon brettert ein Wohnwagen im Mad Max-Look durch eine atemberaubend verwüstete Landschaft.

So eine Endzeit hat schon was Faszinierendes. Nicht, dass man in ihr leben würde wollen, das ganz und gar nicht. Aber von außerhalb und geborgen vor dem Bildschirm mit dem Kühlschrank in Reichweite, da lässt sich die Verheerung zwischen pittoresken Sandverwehungen und desolaten Fahrzeugen durchaus genießen. So eine Endzeit hat etwas Melancholisches, direkt Melodisches. Dazu kann man sich gut Chris Reas Road to Hell vorstellen. Tom Hanks hört aber lieber vergnüglichere Klassiker wie American Pie. Aber gut, immerhin dürfen die Talking Heads Road to Nowhere über die KFZ-Boxen schmettern. Passt auch besser zu einem sehr melancholischen Tom Hanks, der James Stewart der Gegenwart, wie immer äußerst souverän und dezent im Spiel. Noch dazu unrasiert und stets verschwitzt, was auch keinen wundert, denn es hat stets um die 60 Grad Celsius. Fragt sich nur, was für eine großartige Klimaanlage dieser Van haben muss, und woher Finch diesen grenzenlosen Vorrat an Wasser hat. Wieso eigentlich diese enorme Hitze weder Hund noch Mensch nicht noch mehr in Mitleidenschaft zieht. Dem von Caleb Laundry Jones im Motion Capture-Verfahren dargestellten Roboter kann das egal sein – der träumt nur wie ein Mensch, spürt aber sonst nichts. Miguel Sapochnik, Regisseur von Repo Men mit Jude Law und mit einem Emmy ausgezeichnet für die Serie Game of Thrones, innerhalb dieser er einige Folgen inszeniert hat, weiß, wie man eine Robinsonade mit optischer Brillanz veredeln kann. Dabei wäre zu überlegen, Sapochnik nicht doch auch mal für Star Wars zu verpflichten. Oder für Netflix‘ Anthologieserie Love, Death and Robots. Wäre Finch um zwei Drittel kürzer, wäre die Science-Fiction-Solonummer ein idealer Kandidat dafür. Überraschenderweise wäre das sogar möglich, denn den Plot, den bekommt man auch in einer knappen halben Stunde unter. Dadurch lässt sich vieles, was redundanten Leerlauf genießt, einfach streichen und die Dreiecksgeschichte zwischen Mensch, Roboter und Hund ordentlich straffen. Ich bin mir sicher, die Stimmung behält der Film auch so, und die ist ja ganz gut. Vor allem dank Tom Hanks, der längst weiß, wie es ist, wenn man in kargen Zeiten alles selbst machen muss. Nur diesmal sind es keine Kokosnüsse und Fische, sondern Hundefutter und Schmieröl.

Finch

Eternals

MARVELS JAGD AUF MENSCHHEITSMYTHEN

6,5/10


eternals© 2021 Marvel Studios / The Walt Disney Company


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CHLOÉ ZHAO

CAST: GEMMA CHAN, RICHARD MADDEN, LIA MCHUGH, SALMA HAYEK, ANGELINA JOLIE, KUMAIL NANJIANI, BARRY KEOGHAN, BRIAN TYREE HENRY, LAUREN RIDLOFF, MA DONG-SEOK, KIT HARINGTON U. A.

LÄNGE: 2 STD 37 MIN


Kevin Feige hat mit seiner Marvel-Schmiede deshalb so viel Erfolg, weil er offen dafür ist, Neues auszuprobieren. Damit sind nicht die uns wohlbekannten Geschichten rund um mittlerweile unzählige Superhelden, Gefahren aus dem Weltall und dergleichen gemeint, sondern das Neue hinter der Kamera. Immer wieder lässt Feige Regisseure ran, die man nicht gerade mit fantastischem Mainstreamkino verbindet. Manchmal sind es Neulinge, frischer Wind. Und dann sind es Autorenfilmerinnen und -filmer, die ihr Können längst bewiesen, vielleicht auch noch einen Oscar gewonnen haben – und sich selbst nach Neuem umsehen wollen. Wie zum Beispiel Chloé Zhao. Wir erinnern uns: der Oscar an den besten Film und an die beste Regie ging heuer an den semidokumentarischen Neowestern Nomadland. Zuvor wurde Zhao bekannt für ihren ebenfalls sehr authentischen Streifen The Rider. Beides zeitgenössische Heimatfilme, die das uramerikanische Bewusstsein sorgfältig sezieren. Marvel hat die gebürtige Chinesin mit Sinn für elegische Landschaftsszenarien nun rekrutiert. Entstanden ist der nächste Schritt tief hinein ins neue MCU (Marvel Cinematic Universe). Entstanden ist auch ein neuer Stil, ein neuer Rhythmus. Ganz neue Figuren, ohne Bezug zum bisherigen Kanon. Man fragt sich, ob Zhao die richtige Wahl dafür war. Man fragt sich auch, wie denn Eternals nun in das bisherige Ganze mit all seinen lose herumwirbelnden roten Fäden, die alle noch weiter und zu Ende geführt werden wollen, hineinpassen will. Kein einziger dieser Erzählstränge wird aufgegriffen, stattdessen werden gleich noch eine Handvoll neue geschaffen.

Und doch ist es so, dass Chloé Zhaos womöglich einziger Ausflug in das Superheldenkino mit einer Humanistin wie ihr grundsätzlich gut beraten war. Eternals widmet sich antiker Mythologie und will anhand eines sehr klassisch-abenteuerlichen Ensemblestücks am besten gleich für alle uns umgebenden Legenden aus der Bronzezeit bis ins Mittelalter deren wahren Kerne postulieren. Die Götter der Griechen sind wieder im Spiel, auch Helden aus einer Zeit, in der Babylons blaues Ishtar-Tor der Hingucker schlechthin war. Bei all diesen Mythen standen die Eternals dahinter, über Jahrtausende hinweg. Ikarus, Athena, Gilgamesch… nun gibt’s ein Come Together, nach 7000 Jahren des Zusehens und Raushaltens (es sei denn, man hat es mit den Deviants zu tun gehabt), um ein verheerendes Schicksal Marke Roland Emmerich von unserer lieben runden Erde abzuwenden, für das die ebenfalls aus den Mythen entstiegenen Giganten – die Celestials – verantwortlich wären, würde es soweit kommen. Nicht mit uns, meinen die glorreichen Zehn, da sie die Erde selbst und ihre Bewohner über alles lieben. Das sind zutiefst altruistische Gedanken, und ziemlich selbstlos, wenn so Kolosse wie der Celestial Arishem ob dieses Ungehorsams durchaus genervt sein könnten.

Creature Designer hatten grünes Licht, sich wieder mal vollends auszutoben, denn die bösen, anfangs noch mit tierischen Instinkten ausgestatteten Deviants sind eine Augenweide für Monsterfans mit Sinn für Ästhetik. Auch Chloé Zhao durfte so manche Freiheit genießen – man erkennt klar ihren Stil: Landschaften und Menschen in natürlichem Licht ohne viel üppigem Firlefanz. Wohldosiert fährt Eternals seine Effekte hoch – feine, goldene Linien, die sich an menschlichen Körpern entlangräkeln wie Efeu, hat was von Jugendstil und ist das High Tech in dieser – man möchte fast meinen – alternativen Zeitlinie zum übrigen Marvel-Universum. Aber das ist es nicht, der Infinity War hat stattgefunden. Woran man allerdings erkennt, dass Zhao so, wie sie es hier getan hat, lieber nicht weitermachen sollte, ist der Fokus auf ein Charakterdrama aus pathetischen Dialogen und Liebesbekundungen, die sich andauernd wiederholen und dem ohnehin schon gedehnten Abenteuer immer wieder seinen Schwung nehmen. Verlorene Blicke im Gegenlicht, die hatte schon Francis McDormand ausgiebigst innegehabt. Hier ist dasselbe mal zehn. Obendrein will jeder noch seine Biographie. Da wird das Publikum dann doch, so nach der Halbzeit, immer öfters ungeduldig. Seltsam auch, dass vollkommene Wesen wie die Eternals körperliche Defizite wie Mutismus aufweisen oder einer davon immer ein Kind bleiben muss. Hinterfragen darf man nicht zu viel, und ausgeschlafen sollte man ebenfalls sein, sonst wird der viel zu lange, aber anspruchsvolle und anmutig designte Mythologieparcour zu einer verschwurbelten Meditation des Wegnickens.

Übrigens: Die Post Credit Scenes (derlei zwei) sind womöglich nur für sehr eingefleischte Comicfans zu verstehen, die die ganze Bandbreite der Marvel-Bibliothek kennen. Für Kevin Feige zum Beispiel – für mich leider nicht.

Eternals

Night Teeth

ZÄHNEFLETSCHEN AM RÜCKSITZ

5,5/10


nightteeth© 2021 Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ADAM RANDALL

CAST: JORGE LENDEBORG JR., DEBBY RYAN, LUCY FRY, ALFIE ALLEN, RAÚL CASTILLO, ALEXANDER LUDWIG, MEGAN FOX U. A. 

LÄNGE: 1 STD 47 MIN


Längst sind sie da, wir wissen es nur nicht: Vampire – verfluchte Untote mit Stil, Tischmanieren und Intellekt.Urvater Dracula legt natürlich die Latte hoch. Der war schließlich ein Graf und klug genug, sich stets Vorteile zu verschaffen. Oder eben Kompromisse einzugehen. So einen Pakt schlossen in diesem erst kürzlich auf Netflix veröffentlichten Eckzahn-Thriller Blutsauger mit Menschen bereits schon vor 100 Jahren. Bislang haben sich noch beide Parteien an die Abmachungen gehalten, ganz nach dem Motto: du kommst mir nicht in die Quere, und ich dir nicht. Und ja, wir wissen auch – es reicht immer ein Einzelner, um das ganze mühsam errichtete Gefüge zum Einsturz zu bringen. Dieser Einzelne ist Vampir Victor, der sich als möglicher Clanleader hintergangen fühlt und aus Trotz und Eitelkeit gleich die ganze Stadt übernehmen will. Hierfür schickt er zwei seiner Mädels in den nächtlichen Großstadtdschungel, um den partyfeiernden, blutschlürfenden Pöbel, der ihm in die Quere kommen könnte, auszumerzen. Die wiederum buchen dafür einen Chauffeur, der zufällig auch den Menschenclan vertritt: der Mexikaner Jay. Dumm nur, dass Jay an diesem Abend ganz andere Termine wahrnehmen muss, währen der kleine Bruder Benny die ganze rote Blutsuppe alleine auslöffeln muss, sehr zu seinem Missfallen.

Bei Night Teeth schien man wohl recht unschlüssig, für welches Zielpublikum diese teils handzahme, teils ganz vergnügliche, teils ein bisschen blutige Neu- und Uminterpretation von Michael Manns Taxi-Thriller Collateral mit Tom Cruise wohl geeignet sein kann. In diesem Bemühen, das breite Spektrum der Young-Adults abzudecken, gerät der Film in eine unausgegorene Zwangslage: nämlich dem Wunsch, zu zeigen, was man nicht zeigen darf, auf unwillige, aber resignative Weise zu wiederstehen. Ach würde man doch den Blutkonsum so ausufernd zelebrieren können wie im handfesten Reißer Daybreakers oder im eiskalten Polarnacht-Horror 30 Days of Night. Zumindest aber dürfen Vampire ihrem klassischen Steckbrief mehr entsprechen als die im Sonnenlicht glitzernden Convenience-Vampire aus Twilight. Bis heute lässt sich diese Blutverdünnung nur schwer verzeihen.

Die beiden Darstellerinnen Debby Ryan (Letztendlich sind wir dem Universum egal) und Lucy Fr, die bereits mit Vampire Academy Erfahrung im Blutsaugergenre sammeln konnte, schwören auf ihre zudringlichen Skills und präsentieren auch auf recht elegante Weise ihren Bonus an der Kauleiste. Ihre Rollen verkörpern sie tatsächlich mit Spaß am Spiel, irgendwo zwischen Joss Whedons Buffyverse und Teenieromanze. Fragen wie: Was würdest du tun, wenn es deine letzte Nacht wäre, kokettieren mit Zweideutigkeiten und lenken das urbane Roadmovie in die entsprechende Richtung. Wuschelkopf Jorge Lendeborg (Bumblebee) tut was er kann, um verzweifelt zu wirken, während er versucht, den Mut eines Slackers aus dem Hut zu zaubern. Das Dreieck stimmt, alles andere ist halbgar, vom Lack- und Lederfetischismus aus den Underworld-Filmen gibt es keine Spur, denn die Vampire, die haben sich eben noch besser in den Alltag integriert als in Beckinsales strenger Kammer. Vieles sonst scheint fehlbesetzt, wie zum Beispiel Alfie Allen, der gerne die Rolle mit Megan Fox hätte tauschen sollen. Ihr überraschend kurzer, schicker Cameo enthält das Potenzial für einen ganzen Film. Sie als Endgegnerin hätte man als Gutmensch zwar nicht haben wollen, wäre aber für die Qualität des Films die bessere Option gewesen.

Night Teeth

Titane

LIEBE GEHT DURCH DEN WAGEN

7,5/10


titane© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2021

BUCH / REGIE: JULIA DUCOURNAU

CAST: AGATHE ROUSSELLE, VINCENT LINDON, GARANCE MARILLIER, LAÏS SALAMEH, BERTRAND BONELLO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Im niederösterreichischen Krems konnte man diesen Sommer im Rahmen einer bemerkenswerten Ausstellung über Patricia Piccinini Mutationen aus Mensch, Tier und anorganischen Elementen begegnen. In einem Raum widmete die australische Künstlerin ihr Werk der Hybris zwischen Mensch und Automobil. Seltsame Wesen aus Fleisch und Karosserie, kaum mehr als Organismus erkennbar. Dennoch schienen sie zu atmen.

Wer die Idee hinter Piccininis Werk verstehen kann, dürfte auch einiges mit dem diesjährigen Gewinner der Goldenen Palme von Cannes anfangen können: Titane von Julia Ducournau. Doch selbst dann, wenn der Zugang und das Verständnis für das Abnorme gegeben wäre, wird dieser Film sein überschaubares Zielpublikum längst nicht durch die Bank begeistern. Gefallen wird Titane vermutlich niemanden. Aber faszinieren. Zugegeben: mich hat er fasziniert. Und ja, ich konnte mich für dieses bizarre Werk, das im Grunde seines Wesens mit nichts anderem herumexperimentiert als mit dem Mythos von Frankensteins Monster, zu meinem eigenen Erstaunen ganz gut erwärmen.

Wie schon in Ducournaus vorherigem Werk Raw steht auch hier eine junge Frau im Zentrum, die nicht der Norm entsprechen und daher freilich auch ihren Platz in der Gesellschaft nicht finden kann. Warum sie das nicht tut, liegt an einem Autounfall aus Kindertagen, der dazu führte, dass Alexia eine Titanplatte im Kopf herumträgt. Seit diesem Zeitpunkt fühlt sie sich zu fahrbaren Untersätzen auf seltsame Weise hingezogen. Gut, jedem sein Fetisch, doch Alexia hat eigentlich ein ganz anderes Problem: sie mordet all jene, mit denen sie auf die eine oder andere Weise in sexuellen Kontakt gerät. Von der Polizei gesucht, taucht sie unter – und schafft es, die Identität eines Jungen anzunehmen, der seit vielen Jahren von seinem Vater, einem Feuerwehrhauptmann, vermisst wird. Und es kommt noch dicker: Denn nach dem Geschlechtsakt mit einem Auto (ja, ihr habt richtig gelesen) ist Alexia obendrein noch schwanger – und kann diesen Umstand bald nicht mehr verbergen.

In Anbetracht dieser anderen Umstände erscheint David Cronenbergs Crash geradezu hausbacken. Soweit ich mich erinnern kann, holen dort Holly Hunter und James Spader ihren sexuellen Kick bei Belastung der Knautschzone. In Titane wird der Partner einfach durch die Maschine selbst ersetzt. Ganz klar geht es aber vorrangig nicht darum. Sondern um den Zustand, als missgestaltetes Wesen in einer Welt aus Ablehnung und Erniedrigung Nähe zu finden. Diesen Zustand des Aufbäumens setzt Ducournau in drastische Bilder um, die mit Gewaltspitzen irritieren und physische Entstellung mit gebannten Blicken voller Abscheu betrachten. In Raw war es das Heranreifen vom Mädchen zur Frau. In Titane ist es der Prozess der Schwangerschaft. Mit beiden scheint Dacournau zu hadern, und sicher nicht von ungefähr ist das Automobil die Metapher einer brutalen Welt voller Ecken und Kanten, die eine Fusion mit der menschlichen Physis verlangt, um weiteren Verletzungen zu entgehen. Titane scheint ein sehr persönlicher, Vieles verarbeitender Film zu sein, der einer akuten Furcht vor körperlichen Handicaps entgegentreten muss.

Titane ist überdies eine Suche nach Identitäten, die bereits schon bei der Bestimmung der eigenen Spezies mehrere Antworten entdeckt. Durch die Titanplatte im Kopf beginnt Alexia, zu einer anderen Art zu transformieren. Die nichtbinäre Autorin, Fotografin und Schauspielerin Agathe Rousselle verkörpert diese oscarverdächtige Rolle und auch diesen Weg der Erkenntnis mit schmerzlicher Opferbereitschaft, mit Zärtlichkeit und psychopathischer Brutalität. Erinnerungen an Hilary Swanks Spiel in Boys Don’t Cry werden dabei wach, nur ist es hier um einiges monströser. Vincent Lindon als kaputte Vaterfigur brilliert ebenfalls und belastet in seinem Schmerz die Grenze des Erträglichen.  

Das schonungslose Drama wird vielen nicht gefallen. Titane ist abstoßend, schwer nachvollziehbar und extrem körperlich. Andererseits aber auch ästhetisch, mitreißend impulsiv und regelrecht spürbar. Bereit für diese filmische Grenzerfahrung kann man aber niemals sein. Für abenteuerliche Kinogänger, die Piccininis Arbeit mit Verständnis begegnen würden, ist es ein lohnenswerter Trip in die mit Wut hingeworfene Vision einer neuer Ordnung. Wer oder was man selbst ist, scheint darin nicht mehr wichtig. Die Nähe zu wem auch immer ist das, was in einer Welt der Einzelgänger zum seltenen Gut wird.

Titane

Benedetta

KLOSTERTREIBEN DURCHS GUCKLOCH

5,5/10


benedetta© 2021 Viennale – Vienna International Film Festival


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

REGIE: PAUL VERHOEVEN

CAST: VIRGINIE EFIRA, DAPHNÉ PATAKIA, CHARLOTTE RAMPLING, OLIVIER RABOURDIN, LOUISE CHEVILOTTE, LAMBERT WILSON, CLOTILDE COURAU U. A. 

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Mein Gott, dieser Paul Verhoeven. Kein Mann der leisen Töne, und auch einer, der in seinen Werken wenig zimperlich zur Sache geht. Deftig deftig, das Ganze. Immer schon gewesen. Sei es Robocop, Basic Instinct oder Starship Troopers. Explizite Gewalt und viel nackte Haut. Entweder beides gemeinsam oder eines von beiden. Die Intention: Polarisieren!

Auf der Viennale lief sein neuestes Werk Benedetta. Und diesmal muss Virginie Efira wie vormals Sharon Stone die Hüllen fallen lassen. Nacktheit wird in Verhoevens Arbeiten oft großgeschrieben. Manchmal genügt es, dass diese Freizügigkeit, eben wie in Basic Instinct, als Teil der Geschichte unabdingbar ist. Manchmal aber wird offensichtlich, wie sehr die blanke Oberweite attraktiver junger Frauen für einen erfahrenen Filmemacher wie Verhoeven zum persönlichen Striptease wird. Da kann er nicht genug davon bekommen und entdeckt ein bisschen zu vehement einen kleinen, quengelnden Lüstling in ihm. Verhoeven kann nicht anders, und so sehen auch wir, in der biographischen Aufarbeitung des Lebens der Nonne Benedetta Carlini aus dem 17. Jahrhundert, sehr viele Brüste.

Wie wohl Verhoeven zu diesem Stoff gekommen sein mag? Zumindest war es die Historikerin Judith Cora Brown, die in den Achtzigern auf 350 Jahre alte Akten stieß, die den seltsamen Fall der Ordensschwester und späteren Mutter Oberin dokumentierten. Daraufhin schrieb sie ein Buch, auf welchem wiederum Verhoevens Film basiert. Darin erfährt die bereits in jungen Jahren ins Theatiner-Kloster gesteckte Nonne das Wunder der Stigmatisierung, gemeinsam mit kruden Visionen eines Jesus Christus, der Benedetta zur Frau nimmt. Das sorgt im Kloster von Pecia für allerlei Aufsehen. Während die einen in der jungen Frau ein von Gott geleitetes Medium sehen, die die Pest abwenden kann, sind andere skeptisch. Es dauert nicht lange, da gelingt Benedetta der Aufstieg zur Äbtissin – und lebt dabei gemeinsam mit ihrer „rechten Hand“ Bartolomea ihr sexuelles Verlangen aus. Klar bleibt das nicht unbemerkt, und der florentinische Nuntius findet sich als Inquisitor in den heiligen Hallen ein.

Der Skandal mit der Kirche wäre vorprogrammiert – und beabsichtigt. Kann aber auch sein, dass so etwas niemanden mehr hinter dem Altar hervorholt. Da wurde schon für Filme wie Die letzte Versuchung Christi genug Energie verschwendet, um sich zu echauffieren. Hier wird man maximal nach der gefühlt hundertsten (immerhin geschmackvollen) Nacktaufnahme von Efira und Daphné Patakia die Augen rollen. Vor allem deshalb, weil Verhoevens Film so offensichtlich sexualisiert. Da ist der aus einer Marienskulptur geschnitzte Dildo nur die Glans eines unfreiwillig komischen Dramas, das manchmal seltsam lächerlich wirkt. Macht sich Verhoeven lustig? Will er Benedettas Schicksal absichtlich ironisieren? Virginie Efira hingegen nimmt die Sache ernst und agiert sehr hingebungsvoll, und die Wahrheit ob ihrer metaphysischen Connections wird von sehr viel Weihrauch und Kerzenqualm umnebelt.

An einen Film wie Agnes – Engel im Feuer kommt Benedetta nicht heran. Auch in Norman Jewisons Stigmata-Drama mit Jennifer Tilly geht’s um Glauben, Imagination und Wunder. Eine voyeuristische Beichte wie Benedetta ist das aber keine – diese wiederum weiß nicht so recht, womit sie seine ambivalente Protagonistin Buße tun lassen will. Im Endeffekt ist das egal. Die nackten Tatsachen sind die, die zählen.

Benedetta

Land of Dreams

FÜHL‘ DICH WIE ZUHAUSE

6/10


landofdreams© 2021 Viennale – Vienna International Film Festival

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: SHIRIN NESHAT, SHOJA AZARI

CAST: SHEILA VAND, MATT DILLON, WILLIAM MOSELEY, ANNA GUNN, CHRISTOPHER MCDONALD, ROBERT BARTLET, ISABELLA ROSSELLINI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Erstmals ist es mir gelungen, einem Filmfestival beizuwohnen. Und zwar der diesjährigen Viennale, die Ende Oktober über die Leinwand ging. Höchste Zeit war das, denn Filme regulär oder im Rahmen einer speziellen Veranstaltung zu sehen, sind zweierlei Dinge, und letzteres eine bereichernde Erfahrung. Anders als mein lieber Kollege Filmkürbis, der zumeist mehr als ein Dutzend der gezeigten Filme wahrnehmen kann, bin ich schon froh, einen Nachmittag lang das Kino in einem anderen Kontext zu genießen. Noch dazu im Beisein zweier Gaststars wie der gebürtigen Iranerin Shirin Neshat und niemand Geringerem als Matt Dillon, die beide ihr jüngstes Werk Land of Dreams erklärten und auch für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung standen.

Dabei hätte die Fragestunde wohl bis in den Abend hineingehen müssen, um Land of Dreams wirklich verstehen zu wollen. Shirin Neshat, die für ihren für mich leider etwas zähen Women without Men 2009 den Silbernen Löwen gewann, lässt in ihrem Roadmovie auf der Suche nach den Träumen der amerikanischen Bevölkerung Ex-Vampirin Sheila Vand (A Girl Walks Home Alone at Night) bizarre Szenarien beobachten, bei denen der Verdacht aufkommt, es permanent mit einer vom Sandmännchen geleiteten Reise zu tun zu haben, in die natürlich sämtliche Eindrücke aus der realen Welt einwirken. Wie das eben so ist bei Träumen, die in ihrer Essenz nichts anderes als das Erlebte aus der Realität widerspiegeln und neu interpretieren. Und wenn wir schon beim Irrealen, aber nicht zwingend Surrealen sind, ist auch der Plot ganz klar einer, der sich dem Science-Fiction-Genre zuordnen lässt.

Denn hier, in diesem Amerika der nahen Zukunft, gibt es das sogenannte Census-Büro, dessen Aufgabe es ist, die Träume der Leute aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten aufzuzeichnen und zu dokumentieren – zu deren eigenen Sicherheit. Warum das so ist, wird man nie erfahren. Muss man auch nicht. Die Iranerin Simin, Census-Mitarbeiterin im Außendienst, macht ihre Arbeit gut, gibt sich allerdings auch einem höchst eigenwilligen Hobby hin, nämlich nach Feierabend in die Rollen all ihrer Interviewpartner zu schlüpfen. Davon weiß natürlich niemand was. Von ihrer Vorgesetzten (Breaking Bad-Star Anna Gunn) ob ihres Outputs gelobt, bekommt sie einen kniffligen Auftrag zugeteilt – und einen Bodyguard (eben Matt Dillon). Auf geht’s in die Wüste New Mexikos, wo angeblich eine iranische Kolonie versteckt sein soll.

Shirin Neshat und ihr Kameramann finden teils karge, teils üppige Bilder, die in ihrer Anordnung an die späteren Fotografien des deutsch-australischen Künstlers Helmut Newton oder an die Malereien Edward Hoppers erinnern. Insbesondere die Anfangsszene, in der Simin ein neureiches Ehepaar beim virtuellen Zeitvertreib stört, wirkt wie ein von Newton arrangiertes Setting. Das geht auch so weiter, und die bleiche Wüste, die einsame kleine Tankstelle oder die zerklüftete Architektur eines Künstlerateliers sind gleichsam futuristisch und die Metapher eines einsamen Amerikas, wo jeder mit seinen Träumen allein bleibt. Womöglich empfindet auch Shirin Neshat so. Womöglich sucht sie dieses Verlorene bei all jenen, die den Weg ihres autobiographischen Alter Egos Simin kreuzen, ebenfalls, um zumindest auf dieser Ebene einen gemeinsamen Nenner zu finden. Das gestaltet sich sehr subjektiv, sehr assoziativ und höchst persönlich. Schwer, ohne Neshats persönlichen Kontext eine Antwort auf diesen Film zu finden. Aber das ist ungefähr so, wie die Träume eines anderen erklären zu wollen.

Land of Dreams

The French Dispatch

DAS KLEINGEDRUCKTE IM FILM

5/10


frenchdispatch© The Walt Disney Company Germany


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, USA, FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: WES ANDERSON

CAST: BILL MURRAY, OWEN WILSON, BENICIO DEL TORO, LEA SEYDOUX, ADRIEN BRODY, FRANCES MCDORMAND, TILDA SWINTON, TIMOTHÉE CHALAMET, MATHIEU AMALRIC, EDWARD NORTON, WILLEM DAFOE, SAOIRSE RONAN, CHRISTOPH WALTZ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Die Gefahr, Wes Andersons Filme mit anderen zu verwechseln, geht gegen null. Werke wie diese nachzudrehen, erfordern außerdem viel zu viel Kleinarbeit. Der Einzige, der an diese Art des Filmemachens noch rankommt, ist der zumindest phonetisch namensgleiche Schwede Roy Andersson (zuletzt mit Über die Unendlichkeit im Kino). Beide verbindet die Liebe zum Tableau, zum akkuraten Arrangement, und zum genau kalkulierten, punktgenauen Auftreten der Figuren, die dann genauso punktgenau wieder die Bühne verlassen. Doch um ehrlich zu sein, findet im Gegensatz zu Wes Anderson Namensvetter Roy den richtigen Ausgleich zur visuellen Exzentrik – er reduziert das gesprochene Wort und lässt stattdessen seine Arrangements sprechen. Der andere Anderson hingegen tut das nicht, oder sagen wir: immer weniger. Sein neuestes Werk The French Dispatch begeht überdies den Fehler, keine durchgängige Geschichte zu erzählen, sondern in sich abgeschlossene Miniaturen zu errichten, die das Kleinteilige nochmal zerkleinern und sich als vollgestopfte Setzkästen in dafür vorgesehene Setzkästen sortieren. Eine Fülle, in der sich Menschen mit Sammlerwut vielleicht zurechtfinden können – alle anderen, die gerne sammeln, das aber nicht exzessiv betreiben, sind versucht, manches in diesem Film gar nicht mehr wahrnehmen zu wollen.

Die Handlung eines solchen Streifens lässt sich auch kaum in ein paar Sätze packen. Einerseits tut sich auffallend viel, andererseits sind das Ereignisse, die aufgrund ihrer durchaus eitlen, artifiziellen Darstellung auf der Stelle treten. Die Basis dieser Episodensammlung bildet das Verlagshaus der Zeitschrift The French Dispatch in der fiktiven französischen Stadt Ennui-sur-Blasé. Chefredakteur und Gründer Arthur Howitzer (gespielt von Bill Murray) ist eben verschieden. Seinem letzten Willen nach soll es der Verlag seinem Gründer gleichtun. Für eine letzte Ausgabe finden sich eine Handvoll Journalisten ein, die für Howitzer geschrieben haben – vom radfahrenden Reporter bis zum Schreiberling für kulinarische Kostbarkeiten. Bevor diese allerdings einen Nachruf formulieren können, zeigt uns Wes Anderson, wer von diesen Leuten genau was zu Papier gebracht hat, jeweils anhand eines Artikels. Der Film „liest“ sich dann auch dementsprechend, hat insgesamt 75 Seiten und behält seine vage rote Linie dadurch, dass zwischendurch immer wieder Szenen aus dem Verlagshaus durchsickern, die Howitzer beim Lesen des eben inszenierten Geschriebenen zeigen.

Wie schon im Film Grand Budapest Hotel, der zumindest eine stringente Geschichte erzählt und dadurch auch deutlich griffiger erscheint, stehen auch hier namhafte Stars allein schon für einen Cameoauftritt Schlange. Die Liste ist lang, und leicht lässt sich der eine oder die andere übersehen, weil der andauernde Kommentar aus dem Off niemals Ruhe gibt. Das sind gewaltig viele Worte, und gleichzeitig aber gewaltig viele detailreiche Bilder, die auch noch beachtet werden wollen. Kaum glaubt man, mit all dem Input à jour zu sein, bröckeln die Episoden ins Tausendste. The French Dispatch ist ein Film, der dazu verleitet, einiges, nach eigenem Ermessen für nicht sonderlich relevant Befundenes in Klammer zu setzen. Anderson treibt es auf die Spitze, denn sein exzentrisches Herumblättern ist nicht nur ein verfilmtes Magazin mit all seinen Beiträgen, sondern auch mitsamt des Glossars, den Fußnoten und dem Quellennachweis, den das Publikum auch noch lesen muss.

The French Dispatch

The Ice Road

THE FROST AND THE FURIOUS

6/10


theiceroad© 2021 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JONATHAN HENSLEIGH

CAST: LIAM NEESON, LAURENCE FISHBURNE, MARCUS THOMAS, BENJAMIN WALKER, AMBER MIDTHUNDER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Wenn´s so richtig kalt ist, wird man wieder munter. Das lässt sich ganz gut am Schauspiel Liam Neesons erkennen, der nach zwei eher müden Produktionen wieder fest am Sattelschlepper sitzt. Honest Thief ist ja generell gut gemeint, aber etwas zäh. The Marksman setzt dem schaumgebremsten Spiel und auch der drögen Inszenierung noch eins drauf und lässt den Altstar auffallend oft einer gewissen Schläfrigkeit unterliegen. Neeson ist zwar noch längst keine 90 wie Clint Eastwood, tut aber manchmal so, als wäre er es. In The Ice Road ist er putzmunter, gibt Gas und zeigt eine Geistesgegenwärtigkeit, die wiederum Clint Eastwood gerne hätte. Es bleibt ihm prinzipiell auch nichts anderes übrig, denn in Jonathan Hensleighs hemdsärmeligem Survival-Abenteuer geht’s über blankes Eis, noch dazu mit drei tonnenschweren Trucks. Wo Vin Diesel und Co mit ihren fahrbaren Untersätzen Pirouetten drehen, bleibt Liam Neeson zumindest auf der Spur. Und hofft, dass es nicht taut.

Immerhin haben wir in The Ice Road schon April, und normalerweise sind diese legendären Straßen im hohen Norden Kanadas, die übers Meer führen, für die Überfahrt bereits gesperrt. Im Normalfall, wohlgemerkt. Hier geht es allerdings um mehr, denn die Kumpel einer Diamantenmine werden verschüttet, und so braucht es spezielle Bohrköpfe, um an die 26 Überlebenden ranzukommen, bevor diesen die Luft ausgeht. Die sind so schwer, das schafft kein Hubschrauber. Kleines Detail am Rande: natürlich hat der böse Bergbaukonzern seine Finger mit im Spiel, opfert sein Moralbewusstsein kapitalistischer Gier und will natürlich vertuschen, dass trotz Methanvorkommen weitergeschürft wurde. Wie macht er das? Mit Sabotage. Davon wissen Liam Neeson und sein kriegsinvalider Bruder allerdings nichts, als sie von Laurence Fishburne angeheuert werden, um den riskanten Job zu erledigen. Es ist ein Schlittern auf Zeit, und man muss ganz genau wissen, wie schnell oder langsam man fährt, um das Eis unter den Rädern gütlich zu stimmen.

The Ice Road überrascht mit Spannung. Da möchte man meinen: keine Kunst, denn ob das Eis bricht oder nicht, ist alleine schon ein Fifty-Fifty-Ringen um so kleinliche Umstände wie Leben oder Sterben. Würde man diesen Spannungsbonus auch noch vergeigen, hätte man auf dem Regiestuhl wirklich nichts verloren. Doch Jonathan Hensleigh, der bislang auf eine eher überschaubare Filmographie zurückblicken kann und unter anderem The Punisher mit Thomas Jane inszeniert hat, weiß, was er auf der Habenseite hat. Dazu kommt ein Sympathieträger wie eben Liam Neeson, der wie schon gesagt ausgeschlafen genug ist, um in nimmermüder Agilität hünenhafte Kerle aus dem Wasser zu ziehen oder gebrochene Nasen zu verpassen. Zwischendurch quälen ihn und uns erstaunlich platte Dialoge, mit denen Hensleigh egal welches Publikum auf provozierende Weise unterschätzt. Wenn Neesons Figur plötzlich einleuchtet, wer oder was all diese Hürden zu verantworten hat, dann ist das ein Meilenstein platter Dialogregie. Neeson tut was er kann, um diese Peinlichkeit zu überbrücken. Das sollte nicht die letzte gewesen sein, da kommen noch einige. Doch abgesehen davon passieren immer wieder Szenen, die durchaus packen.

Die Rechtschaffenen sollen es schaffen. Ein schlichter Imperativ, der in einem recht schlichten Abenteuer zwischen Frost und Frust immerhin (fast) ausschließlich mit Echtschnee auskommt. Dafür gibt’s abseits des Thermometers ein Plus.

The Ice Road

Gaia – Grüne Hölle

PILZSAISON FÜR QUERDENKER

5,5/10


gaia© 2021 Leonine


LAND / JAHR: SÜDAFRIKA 2021

REGIE: JACO BOWER

CAST: MONIQUE ROCKMAN, ANTHONY OSEYEMI, CAREL NEL, ALEX VAN DYK

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Wir werden alle kontrolliert, gegängelt, gefügig gemacht. Wir sind nur noch Sklaven des Profits und willenlose Befehlsempfänger für entweder Echsen aus dem Outer Space oder einigen wenigen Mächtigen, die uns mit der Covid-Impfung Mikrochips in die Blutbahn jagen. Verschwörungstheorien gibt es viele. Und meist ist es der Mensch, der dem Menschen auf lange Sicht etwas antun will. Was aber, wenn die mutmaßliche Verschwörung von einer Macht ausgeht, der wir von Anfang an auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sind? In Gaia zum Beispiel braut sich im südafrikanischen Urwald ein unbemerkt aufziehendes Gewitter zusammen. Ein Schrecken, der noch perfider zu sein scheint als jener, den die Natur bereits mit Corona auf den Weg gebracht hat: Todbringende Pilzsporen.

Dabei fängt alles so an, wie normalerweise Krokodil-Slasher anfangen. Ein Boot unterwegs in der Wildnis, das Boot kentert, das Schuppentier frühstückt. Ganz so ist es dann doch nicht. Rangerin Gabi kundschaftet mit einer Drohne den flussnahen Wald des Tsitsikamma Nationalparks aus, als das Elektroteil von etwas Unbekanntem irgendwo im Dickicht zu Boden gerissen wird. Sie geht der Sache nach – und landet prompt in einer steinzeitlichen Bolzenfalle. Wenig später erwacht sie in der Hütte von zwei Aussteigern – einem Vater und seinem Sohn. Die beiden haben der Zivilisation und allem, was dazugehört, den Rücken gekehrt. Wie Ben Foster und Thomasin McKenzie in Leave No Trace, nur noch radikaler. Zurück zum Ursprung heißt es, und damit auch zurück zu einem Glauben, der dem von indigenen Naturvölkern gleicht, und die eine Entität anbeten, die eins zu sein scheint mit Baum, Pilz und Boden. Was ist da dran, fragt sich Gabi. Und stößt bald auf sichtbare Anzeichen einer alles verschlingenden und absorbierenden Biomasse.

Man könnte ja meinen, dass die eigentliche Gefahr von den beiden seltsamen Hinterwäldlern ausgeht, die – ausgemergelt, mit Schlamm beschmiert und in ihrem Verhalten etwas entrückt – einen auf Wrong Turn machen könnten. Die Möglichkeit eines ausbrechenden Wahnsinns, der sich gegen die Frau von außerhalb richtet, hängt wie das Damoklesschwert über der grünen Szenerie, die wie ein selbst denkendes, kollektives Bewusstsein Motive aus Stanislav Lems Solaris oder Jeff VanderMeers Southern Reach-Trilogie variiert. Im Science-Fiction Film Auslöschung gerät Natalie Portman ebenfalls in einen extraterrestrisch umgekrempelten Evolutionsmechanismus, der die Physis mancher Spezies neu zusammensetzt. In Gaia (= die Erdgöttin, die dem Urchaos entsprang) macht selbige ähnliches, nur scheint dieses aggressive Verhalten vorsätzlich und gezielt, wie das Schwarz aus den DC-Comics rund um Swamp Thing. Auch dort mutiert der Pflanzenwuchs und nimmt mitunter menschliche Gestalt an. Wer die Eigenschaften von Myzelien schon seit jeher eher abstoßend und unheimlich fand, wird sich im Film von Jaco Bower hin- und herwinden. Pilzesammeln ist hier nur der Anfang artig drapierter Wucherungen, die als parasitäre Vorhut einer von der Erd- zur Kriegsgöttin umgesattelten Furie den Body-Horror bedienen.

Leider jedoch kokettiert Jaco Bower viel zu sehr mit der esoterischen Komponente seines Öko-Thrillers. Traumsequenzen und surreale Einsprengsel hindern den Film am Vorwärtskommen. Viel zu oft verweilen die wenigen Gestalten in müder Stagnation, ahnen und fürchten sich vor etwas, dass so langsam daher kriecht wie Efeu am Verputz. Das Creature-Design der sogenannten Fungus ist hingegen recht ansprechend und erinnert an Guillermo Del Toros Stil. Diese formschön schrecklichen Aggressoren werden von konspirativem Geschwurbel zu sehr in die Ecke gedrängt, wenngleich man nicht sicher sagen kann, wie das ganze Abenteuer letztlich enden wird. Dafür bleibt genug Suspense, und trotz einiger dramaturgischer Abstriche gerät die faszinierende Welt der Pilze genussvoll und fast schon auf der eigenen Haut spürbar auf die schiefe Bahn.

Gaia – Grüne Hölle

Venom: Let There Be Carnage

DU HAST DA WAS ZWISCHEN DEN ZÄHNEN

4,5/10


venom2© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH; MARVEL and all related character names: © & ™ 2021 MARVEL


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ANDY SERKIS

CAST: TOM HARDY, WOODY HARRELSON, MICHELLE WILLIAMS, NAOMIE HARRIS, REID SCOTT, STEPHEN GRAHAM, PEGGY LU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Jack Lemmon und Walter Matthau hatten seinerzeit die Junggesellenbude gerockt wie kaum ein anderes Filmpaar. Ähnlich machen es Eddie Brock und sein extraterrestrischer Bruder im Geiste, das amorphe Lakritzemonster mit dem Dauergrinser – Venom. Dabei könnte das Monster überall seine nutznießerischen Fertigkeiten ausleben – beim Journalisten mit dem Hang zum Chaos stimmt jedoch auch die Wellenlänge. Vielleicht, weil sich Gegensätze erst dann anziehen, wenn sie groß genug sind. Als Venom ein paar Jahre zuvor das Licht der Leinwand erblickt hat, waren die besten Szenen jene, die keinesfalls aufs Abenteuer fixiert waren, sondern den Dauerclinch der beiden genussvoll beobachtet hatten. Das macht Andy Serkis im Sequel genauso. Ist also nichts Neues mehr und fühlt sich an wie aufgewärmt, obwohl man auch da hin und wieder schmunzeln muss. In Erwartung, abgesehen von dieser Bestandsaufnahme eines seltsamen Paares ein sattes Extra an innovativ Weitergedachtem serviert zu bekommen, macht sich stattdessen die etwas träge Erkenntnis breit, dass die bewährten Extras leider auch zu fortgeschrittener Laufzeit das gleiche Liedchen spielen wie bei Ruben Fleischers Erstling. Ein psychopathischer Antagonist wie Woody Harrelson, der ein bisschen an seinen Eskapaden aus Natural Born Killers herumprobiert, wird dabei in einer leicht bezwingbaren Stippvisite verschenkt.

In knappen hundert Minuten ist auch nicht sonderlich viel Platz für reichlich Charakterentwicklung, also konstruiert Autorin Kelly Marcel (u. a. Fifty Shades of Grey) eine sehr einfache Geschichte rund um ganz viel CGI, wüstem Kirchenvandalismus und hanebüchenen Gefahrenlagen herum. Wie schon erwähnt, haben Brock und Venom langsam genug voneinander, und nach einem Disput, der eine Wohnungsrenovierung nach sich zieht, gehen beide ihrer Wege. Währenddessen soll Serienkiller Cletus Kasady hingerichtet werden, nachdem Brock all dessen vergrabenen Leichen gefunden hat. Zum Abschied im Kittchen gibt’s einen Biss in die Hand – und schon dürstet ein weiterer Venom im Körper des Bösen nach menschlichen Gehirnen. Der allerdings ist Rot und heißt Carnage. Kasady und Carnage tun sich zusammen, weil beide ähnliche Ziele verfolgen. Klar, dass die Helden des Films erneut einen Schulterschluss bilden müssen.

Venom: Let There Be Carnage fühlt sich wie das ungeliebte Stiefkind des Marvel-Universums an. Was bei Disney nahe an der Perfektion veröffentlicht wird, sumpert bei Sony eher halbgar vor sich hin. Bei den Marvel Studios sind ganz andere Spezialisten am Werk, angeführt von einem wie Kevin Feige, der als wandelndes Comic-Lexikon weiß, wovon er spricht. Sony hat so etwas nicht. Weiß womöglich zwar, dass Venom besser beim Konkurrenten aufgehoben wäre, will die Fratze mit Klasse aber lieber behalten. Leider die falsche Entscheidung. Auch kann Gollum Andy Serkis (bei Marvel als Ulysses Klaue vertreten) zwar Regie führen, als Motion Capture-Spezialist beweist er aber eindeutig mehr Talent. In Venom: Let There Be Carnage fuchtelt Serkis sehr ungestüm herum und hofft dabei, dass die Trickschmieden den Ausgleich bringen. Dabei dehnen sich die Aliens in Rot und Schwarz wie zäher Kaugummi in alle Himmelsrichtungen, brüllen und züngeln und prügeln auf sich ein. Leider ist das kein Fight, für den man Schlange steht. Wenn Michelle Williams dann plötzlich von einem Tentakel aufgewickelt wird, dreht sich scheinbar irgendwo Ed Wood im Grabe um. Knapp am Trash eifern und geifern Venom und seine Nemesis bis zur Selbstparodie – von der Leine lässt man sie nicht. Überdies ist klar erkennbar, wann und wo das X-Rating der Schere zum Opfer fiel, dabei drängt sich Marvels Wechselbalg ja geradezu dafür auf, als blutrünstiger Splatter den Hunger der Hardcorefans nach expliziten Comic-Eskapaden zu stillen. Tut man ja mit Deadpool genauso.

Ein Knüller ist Venom: Let There Be Carnage also keiner. Darf nur von ganz weit weg der kommenden Phase des MCU zuwinken, vielleicht mit Wehmut. Es kann aber durchaus sein, dass das verlorene Schaf gefunden wird – die Post Credit Scene gibt Aufschluss.

Venom: Let There Be Carnage