Final Cut of the Dead (2022)

DER FILMDREH ALS OLYMPISCHER GEDANKE

8,5/10


finalcutofthedead© 2022 Filmladen / Lisa Ritaine


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

REGIE: MICHEL HAZANAVICIUS

BUCH: SHIN’ICHIRÔ UEDA, MICHEL HAZANAVICIUS

CAST: ROMAIN DURIS, BÉRÉNICE BEJO, FINNEGAN OLDFIELD, MATILDA LUTZ, GRÉGORY GADEBOIS, SÉBASTIEN CHASSAGNE, RAPHAËL QUENARD, LYES SALEM, SIMONE HAZANAVICIUS, JEAN-PASCAL ZADI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Eines gleich vorweg: One Cut of the Dead, das japanische Original aus dem Jahr 2017, kenne ich nicht – ein Low Budget-Zombiefilm, der bei genauerer Betrachtung eigentlich gar keiner ist, oder eben nur zum Teil. Schließlich handelt das unkonventionelle Machwerk ja eher darum, wie leicht oder schwer es fallen mag, einen Genrefilm wie diesen, und sei er auch nur eine halbe Stunde lang, im Kasten zu haben. Die besondere Erschwernis bei diesem Vorhaben ergibt die Anforderung, dass dieses online und gleichermaßen live zu erscheinende Horrorschmankerl eine einzige Plansequenz sein muss. Will heißen: Ein One oder Single Cut, was beinhaltet, dass kaschierte Schnitte wie bei Alejandro Gonzáles Iñárritus Birdman gar nicht mal in Frage kommen. Sollte möglich sein, oder? Theoretisch schon. Wie das beim Filmemachen eben so ist, gibt es dabei viel zu viele Variable, mit denen man rechnen kann oder auch nicht, die das Projekt versenken können – oder das leidenschaftliche Improvisationstalent aller Anwesenden herausfordert.

Die schier kongeniale Originalität des Drehbuchs darf sich Michel Hazanavicius nicht an die Fahnen heften. Das ist schließlich nicht sein Verdienst, sondern der von Shin’ichirô Ueda und Ryoichi Wada. Aus Japan winken schließlich so einige Ideen, auf die man im Westen womöglich nie gekommen wäre. Wer würde sich auch erlauben, einen Zeitreisefilm wie Beyond the Infinite Two Minutes zu erzählen? Wer würde es auch nur wagen, das Genre so dermaßen zu verbiegen, um etwas Neues entstehen zu lassen, auf die Gefahr hin, das zahlende Publikum zu irritieren? Generell ist da Ostasien der Vorreiter und bietet westlichen Filmemachern die Chance, in einer Neuinszenierung ihr eigenes Couleur darüberzutünchen. Hazanavicius, einstmals mit The Artist groß gefeiert und Wegbereiter für die Karriere von Jean Dujardin, hat genau das gemacht: Dasselbe nochmal inszeniert. Als Liebeserklärung fürs Filmemachen stellt Final Cut of The Dead Damien Chazelles Babylon – Rauch der Ekstase in den kinematographischen Museumswinkel, obwohl ich auch dort kaum etwas über die orgiastische Filmdrehsequenz inmitten der kalifornischen Wüste kommen lasse, die aus dem Chaos wahre Wunder des frühen Stummfilms entstehen lässt.

Final Cut of the Dead schlägt diese Liebeserklärungen scheinbar alle. Begeisterungen für den Film und für die Handhabung des künstlerischen Mediums gibt es genug, zuletzt ließ sich auch in Pan Nalins Das Licht, aus dem die Träume sind ganz gut nachvollziehen, was den eigentlichen Antrieb für die Leidenschaft zum bewegten Bild darstellen kann. Dieser Film hier geht aber noch einen Schritt weiter. Und offenbart seinem nicht weniger leidenschaftlichen Publikum mit schierem Aberwitz eine ganze Handvoll Wahrheiten hinter der Illusion, die wir alle niemals oder nur ansatzweise vermutet hätten.

Dabei erhalten wir, die im Auditorium des Kinos sitzen, zuallererst mal die Warnung, dass wir wohl dem schlechtesten Zombiefilm aller Zeiten beiwohnen, nach einer halben Stunde aber das ganze Unding besser verstehen und sowieso nicht ahnen werden, was da für Überraschungen auf uns zurollen. Und tatsächlich: Die erste halbe Stunde ist ein Film-im-Film-Trash mit ganz viel Kunstblut und obskuren Dialogen, die wohl The Room-Maestro Tommy Wiseau erfreut hätten. Es wird schlecht gekreischt, europäische Schauspieler tragen japanische Namen und das Timing ist zum Vergessen. Doch irgendwie hat das Ganze Charakter, als wäre es eine durchgetaktete parodistische Komposition auf das Genre schlechthin. Was dann folgt, ist die Entstehung des Ganzen, das Zusammenbringen der Crew und Einblicke ins Privatleben von Regie-As Rémi (Romain Duris als energischer Wirbelwind). Man ahnt schon: mit diesem Haufen unmotivierter, aber auch sich selbst überschätzender Fachidioten lässt sich schwer einen One Cut drehen, ohne nachher nicht aus dem Fenster springen zu wollen. Oder ist gerade diese Ansammlung unpässlicher Nerds der Garant für das Gelingen so einer Sache? Die Antwort liefert das letzte Drittel, wo wir die erste halbe Stunde als Making Of betrachten können. Und es fällt tatsächlich wie Schuppen von den Augen, wenn uns Filmkonsumenten gewahr wird, was eigentlich alles gar nicht mal im Drehbuch stand.

Hazanavicius (und natürlich auch Ueda) feiern nicht nur das Filmemachen, sondern vor allem auch den Teamgeist. Zu dieser Gruppe will man gehören, von dieser schrägen Begeisterung will man sich anstecken lassen. So ein Abenteuer will man unbedingt mal selbst erleben. Final Cut of the Dead ist zum Brüllen komisch und wohl einer der lustigsten Filme der letzten Zeit. Er bringt die spielerische Improvisation und die Not, aus der allerlei Tugenden entstehen, auf Augenhöhe zu unserem Alltag und lässt sie nicht als elitäre Blase unserer Wahrnehmung entfleuchen. Es lässt sich danach greifen, es lässt sich nachfühlen, wie so vieles eigentlich gar nicht (und auch im Wahrsten Sinne) in die Hose gehen kann, weil alle an einem Strang ziehen, um das künstlerische Ziel zu erreichen. Final Cut of the Dead ist wie der Blick hinter die Illusionskunst eines Zauberers, ohne aber dessen Magie zu entreißen. Er steht für Begeisterung, Hysterie, Träumerei und Enthusiasmus. Aber auch für alles, was nur schiefgehen kann. Gerade diese Fehler, das Unerwartete und Missglückte – kurzum: der Zufall und der sich daraus ergebende kollektive Willen, es hinzukriegen, machen Filme erst lebendig. Geahnt haben wir das immer schon – so offen wie hier wurde uns das aber noch nie demonstriert.

Final Cut of the Dead (2022)

Ant-Man and the Wasp: Quantumania (2023)

AVENGERS IM WUNDERLAND

7,5/10


ANT-MAN AND THE WASP: QUANTUMANIA© 2023 Marvel Studios


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: PEYTON REED

BUCH: JEFF LOVENESS

CAST: PAUL RUDD, EVANGELINE LILLY, KATHRYN NEWTON, JONATHAN MAJORS, MICHELLE PFEIFFER, MICHAEL DOUGLAS, BILL MURRAY, KATY O’BRIAN, COREY STOLL, WILLIAM JACKSON HARPER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


In der Quantenwelt ist alles möglich. Und auch nichts. Aber das wiederum gleichzeitig, weil all das, was dort stattfindet, nicht beobachtet wird, und sich erst durch Messung definiert. Spannend, was dort so abgeht. Nähergebracht erst letztes Jahr durch Österreichs Nobelpreis-Physiker Anton Zeilinger, der diese raffinierten Quanten erst durch die Tatsache der Verschränkung auf frischer Tat ertappen hat können. Näher gehe ich an dieser Stelle aber nicht mehr auf die Materie ein, denn erstens habe ich im Grunde keine Ahnung davon und zweitens beglückt mich einfach diese Tatsache, dass diese mysteriöse Welt wirklich existiert, genauso wie Marvel-Mastermind Kevin Feige, ohne dabei aber den Anspruch wahren zu müssen, akkurates Wissen zu vermitteln.

Zeit, Raum und die Gesetze des Lebens, die das sichtbare Universum prägen, sind dort, im wilden Raum der Wissenschaft, für alles zu haben. Und so kann es passieren, dass sich Anton Zeilinger, Alice-Schöpfer Lewis Carrol und vielleicht auch George Lucas unter der Begleitung von Hieronymus Bosch in dieser Quantenwelt auf ein Bier treffen, um über einen Film zu brainstormen, der genau das beinhalten soll: Phantastische Abenteuer im Nirgendwo und Überall. Was dabei entstehen könnte? Ungefähr so etwas, wie es nun über die Leinwand flimmert. Wie Ant-Man and the Wasp: Quantumania. Verrückt-phantastisch wie Alice im Wunderland, aufregend wie eine Space Opera und hirnakrobatisch wie die Fieberträume eines Physikers. Ergänzt wird das Ganze vom gotischen Meister der Phantasmagorien, eben besagter Bosch, der mit Kreaturen aller Art seine Darstellungen von Himmel und Hölle dicht bevölkert hat. Der Einstand der MCU-Phase 5 ist ein Abenteuer, das die rotzfreche Buntheit der Guardians oder Waikikis Thor-Abenteuer in einem Sinne übertrumpft, der nicht unbedingt witziger sein muss, aber trotz all der Fülle an Schauwerten weniger verpeilt und deutlich stringenter scheint. Sagen wir: ungefähr wie Doctor Strange in the Multiverse of Madness.

Und das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. Das MCU ist seit jeher darum bemüht, im Grunde eine einzige, riesengroße, zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Diese temporären, losen Enden, die dabei entstehen, wedeln aber viel zu lange sehnsüchtig nach Anschluss, daher gibt es seit WandaVision auf Kino-Niveau ausgearbeitete Serien, die all die Standalone-Kinoevents besser miteinander verknüpfen sollen. Wie schon beim letzten Doctor Strange-Abenteuer erhält dieser Film viel mehr Bedeutung und Tiefe, wenn man das vorhin erwähnte Serienschicksal von „Scarlett Witch“ Wanda Maximoff kennt. Sie sind der Unterbau für Benedicts Cumberbatchs Expeditionen ins Multiversum. Für Ant-Man and the Wasp: Quantumania wäre es dienlich, die erste Staffel von Loki zu kennen – um überhaupt zu verstehen, was es mit Kang dem Eroberer, der als neuer Erz-Nemesis die neue Phase dominieren soll, auf sich hat.

Für jene, die sich die Serie ersparen wollen, hol ich hier mal etwas aus. Alle anderen bitte am Spoiler vorbeilesen, der – Achtung – jetzt beginnt: Am Ende des Show-Formats mit Tom Hiddleston gelangt Thors missratener, aber superwiffer Bruder, nachdem er nach seinem Timeline-Fluchtversuch in Avengers: Endgame von der TWA – der Time Variance Authority – in Gewahrsam genommen wurde, nach langem Hin und Her ans Ende aller Zeiten, wo er auf Jenen, der bleibt trifft. Eine Version des späteren Kang, den wir nun in diesem neuen Film hier sehen, der es aber geschafft hat, die Multiversen unberührt voneinander in Griff zu behalten. Dummerweise und trotz aller Vorwarnungen tötet Loki diesen Mann, was ordentlich Chaos anrichtet und die vielen Parallelwelten aufeinander einstürzen lässt. Nur dadurch ist es überhaupt erst dazu gekommen, dass Ant-Man and the Wasp: Quantumania seine Geschichte erzählen kann. Spoiler Ende.

Und nun passiert das: Die ganze Familie Pym inklusive Scott Lang alias Ant-Man und dessen Tochter Cassie werden in die Quantenwelt gesaugt, als würden sie dem weißen Kaninchen folgen. Dort angekommen, sieht es aus, als wären wir in Strange World gelandet, aber dann doch auch wieder nicht, denn diese Welt jenseits des Erfassbaren ist wiederum ein Universum für sich, bevölkert von mindestens so vielen unterschiedlichen Spezies, wie sie im Star Wars-Universum versammelt sind. Da wir Marvel-Kenner wissen, dass Hope van Dynes Mutter Janet (Michelle Pfeiffer, äußerst gut in Form) 30 Jahre an diesem Ort gefangen war, ist sie dort auch keine Unbekannte mehr. Und rückt so nach und nach mit der Wahrheit raus, was es mit der Gefährlichkeit dieser Welt eigentlich auf sich hat. Epizentrum des Übels ist dieser Kang, der die Völker der Quantenwelt unterjocht und auf die Rückkehr der Ant-Man-Dynastie wartet, um seine eigene auf die gesamte Existenz loszulassen.

Verdammt noch eins! Dieses dritte, wieder von Payton Reed inszenierte Fantasy-Spektakel lässt in Sachen Bildgewalt nichts anbrennen, dabei ist diese Flut an absurden Ideen (u. a. ein Wesen, dass aussieht wie Brokkoli oder einem Blubber ohne Löcher) niemals Selbstzweck, sondern teil eines großen, ganzen, irren Universums, die locker Verwendung finden, ohne vor den Latz geknallt zu wirken wie unlängst in Thor: Love and Thunder. Für manche mag das sicher zu viel sein und daher flach wirken. Was viele aber überraschen wird: Marvel Comics, die Vorlage all dieser Superheldenfilme, sind so. Überbordend, knallbunt, hemmungslos und vor allem eins: selbstironisch.

Geht man auf die Machart des Films ein, so sind die CGI-Welten absolut geglückt, und die agierenden Stars davor scheinen auch nicht so, als wären sie ihr eigener Layer. In dieser Quantenwelt verschmilzt alles irgendwie miteinander, und wie schon erwähnt, sind hier unterschiedlichste Ansätze am Werk – von enthusiastischer Experimentierfreude aus der Wissenschaft bis zum mittelalterlichen Inferno. Die ehrwürdigen Altstars Michelle Pfeiffer und Michael Douglas haben auffallend viel Spielzeit und bleiben genauso ihren augenzwinkernd-lakonischen Charakterbildern treu wie Paul Rudd oder Evangeline Lilly als die beiden Avengers, die dieser Wunderwelt mit der nötigen ausgleichenden Portion an Pragmatismus begegnen. Jonathan Majors wiederum wirkt umso bedrohlicher, je ruhiger er spricht.

Dabei schießt den schrägen Vogel die wohl absurdeste Figur aus dem ganzen Marvel-Kosmos ab, deren Aha-Identität ich hier aber nicht preisgeben möchte. In welchem anderen Film als in diesem wäre dieser Fan-Liebling wohl besser aufgehoben als in einem so packenden wie quirligen Event, in welchem sich der rote Faden der Storyline endlich wieder ein gehöriges Stück weiterbewegt.

Ant-Man and the Wasp: Quantumania (2023)

Meine Stunden mit Leo (2022)

SEX IST, WORÜBER MAN SPRICHT

7/10


meinestundenmitleo© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: SOPHIE HYDE

BUCH: KATY BRAND

CAST: EMMA THOMPSON, DARYL MCCORMACK, ISABELLA LAUGHLAND

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Emma Thompson war schon immer zum Hinknien. In diesem so klugen wie temperamentvollen Kammerspiel tut sie das sogar selbst. Wie sonst soll Fellatio auch anders gehen? Meine Stunden mit Leo ist nichts, was ein prüdes Publikum gerne hören oder sehen will. Oder vielleicht doch? Vielleicht gibt ein Film wie dieser Anlass genug, um endlich mal ganz ehrlich zum jeweils eigenen Status Quo sexueller Erfüllung zu stehen. Im Hinblick auf die natürlichste Sache der Welt hat dieses Bedürfnis dank eines biochemischen Belohnungseffekts eine jede und ein jeder. Und das Beste: egal in welchem Alter. Somit sondiert hier, in diesem generischen, aber noblen Hotelzimmer, unser längst aus vielen Filmen lieb gewonnener Star anfangs noch recht zögerlich die neue Umgebung. Ähnlich skeptisch, kam ich nicht umhin, mir die Frage zu stellen, was ein Zwei-Personen-Film wie dieser denn wirklich Bereicherndes verspräche, außer eben Emma Thompson, die laut Trailer mit ein bisschen Alkohol und simplen Tanzschritten aus sich herauszugehen vermag. Im Nachhinein muss ich feststellen: Ich hätte den Film falsch eingeschätzt. Und ich hätte mir Meine Stunden mit Leo womöglich auch nicht auf meine Watchlist gesetzt, wäre mir dieser nicht von mehreren Seiten empfohlen worden. Da ich den Empfehlungen meiner Leser und natürlich auch die meiner Freunde gerne nachgehe, konnte diese kleine filmische Begegnung aus Geben und Nehmen dann doch nicht an mir vorbei. Und gut war’s.

Denn es ist nicht so, als wären diese Stunden, die Emma Thompson alias Nancy Stokes mit dem attraktiven Callboy Leo Grande verbringt, nur gefüllt mit Small Talk und hemdsärmeligen, erotischen Stellungsversuchen, bis beide endlich ihre Hüllen fallen lassen. In Wahrheit ist es so, dass Nancy Stokes sich nicht nur der Textilien entledigen will, sondern auch einer lange herumgetragenen Wahrnehmung von sich selbst und der Welt, deren Entwicklung scheinbar spurlos an ihr vorübergegangen sein muss. Um den Blickwinkel mal zu wechseln, muss Frau neues ausprobieren. Also bucht sie Leo (charmant und attraktiv: Daryl McCormack, u. a. aus Pixie bekannt), einen Mann für gewisse Stunden, der aber nicht nur zwingend für Sex zu haben sein muss, sondern auch für bereichernde Partnerschaften auf Zeit. Ganz billig dürfte dessen Service nicht sein, doch immerhin scheint Nancy zu bekommen, was sie erwartet hat. Nur weiß sie anfangs selbst nicht, was das ist. Ob es die Erwartungen anderer sind, Leos Erwartungen oder die ihrer Freunde und Familie – jedenfalls nicht die ihren. Und so wird aus anfänglichem Zögern und dem üblichen Kennenlernen in solchen Situationen ein auf beiden Seiten ausgetragener, niemals peinlich für den oder die andere werdender Seelenstriptease, der zutage fördert, was beide in ihren Bedürfnissen hemmt. Geben und Nehmen drehen sich um, und die Frage nach dem Sex löst sich dadurch ganz von allein.

Ja, Emma Thompson ist auch hier zum Hinknien. Uneitel, natürlich und ganz und gar selbstbewusst steht sie irgendwann vor dem Spiegel, nackt wie Gott sie schuf. Um dieses „Ja, so bin ich – und das ist gut so“ überhaupt zu erreichen, dafür bedarf es das Hinterfragen umständlicher Tabus und gesellschaftlicher Enge, aus der man sich befreien sollte, will man sich im Alter nicht mehr über alles den Kopf zerbrechen müssen. Der Weg in die Natürlichkeit ist gepflastert mit knackigen Dialogen und einer zielsicheren Dramaturgie, die sich nicht zu lange mit Monologen aus den Erinnerungen der beiden Schauspieler aufhält. Viel wichtiger ist das Aufbrechen alter Strukturen gerade beim Thema Sexualität. Regisseurin Sophie Hyde und die englische Comedian Katy Brand, die das griffige, gerne auch mal erotische Drehbuch verfasst hat, fallen zum Glück nicht mit der Tür ins Haus. Sie wissen beide sehr wohl, dass das Thema eines von jener Sorte bleiben darf, die man nicht in alle Welt hinausposaunt, sondern dass einer eigenen, lockeren Handhabung bedarf. Nämlich einer aus Respekt und gesunder Selbstliebe.

Meine Stunden mit Leo (2022)

Der perfekte Chef

DAS WOHL DER UNTERGEBENEN

4,5/10


derperfektechef© 2022 Alamode Film


LAND / JAHR: SPANIEN 2021

BUCH / REGIE: FERNANDO LEÓN DE ARANOA

CAST: JAVIER BARDEM, MANOLO SOLO, ALMUNDENA AMOR, ÓSCAR DE LA FUENTE, SONIA ALMARCHA, FERNANDO ALBIZU, TARIK RMILI U. A.

LÄNGE: 2 STD


Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. So heißt es doch, oder? Klar ist aber, dass in Wahrheit der eine Umstand den anderen bedingt. Ergänzend wäre also zu sagen: Geht’s uns gut, geht’s der Wirtschaft gut. Denn wer nicht um seine Existenz bangen muss, wer glücklich durchs Leben geht oder wenn daheim der Haussegen nicht schief hängt, der hat auch Freude daran, für das Große und Ganze genug Motivation an den Tag zu legen. Wenn das Management diese Dynamik überreißt, ist das schon die halbe Miete. Julio Blanco, Erbe des traditionellen Familienunternehmens Blanco, welches schon seit Generationen Präzisionswaagen aller Art produziert, ist so einer dieser vorausschauenden und nachhaltig agierenden Wunderknaben, der geschickt Ziele des Unternehmens mit den Bedürfnissen seiner Mitarbeiter kombinieren kann, sieht er diese doch längst als seine Familie an und schenkt den Problemen seiner Untergebenen stets ein offenes Ohr.

Was kann bei so einem angenehmen Arbeitsklima denn noch schiefgehen? Und worüber bitte sollte man bei so einer geschmeidigen Ausgangssituation noch eine Satire auf allzu joviale Betriebswirtschaft aus dem Hut zaubern? Gibt es das denn? Lässt sich ein Betrieb aufgrund menschelnder Parameter an den Rand des Abgrunds führen? Natürlich gibt es das. Wenn die Chefetage keinerlei Distanz mehr wahrt und trotz einer gewissen Betriebshierarchie so tut, als wäre sie auf Augenhöhe mit allen, die ihre Existenz diesem Betrieb verdanken, schrillen die Alarmglocken. Doch anfangs scheint es, als wäre Julio Blanco ganz und gar aufrichtig damit, wenn es heißt, sich den privaten Problemen seines Teams zu widmen. Überdies steht eine neue Auszeichnung fürs Unternehmen ins Haus, und dafür wird sich in den nächsten Tagen eine ausgewählte Jury selbst ein Bild machen wollen. Also: Unter 100% Engagement ist bis auf weiteres ein Ding der Unbill, und da wir längst wissen, dass, wenn es uns gut geht, es der Wirtschaft ebenfalls gut geht, muss Julio Blanco die eine oder andere private Misere selbst ausbügeln. Dass er dabei manchen näher tritt, als beiden Parteien lieb gewesen wäre, könnte sich nicht zwingend positiv auf die Zukunft der Fabrik auswirken.

Die gemächliche Groteske auf heuchlerische Führungseliten hielt letztes Jahr mit 20 Goya-Nominierungen den Rekord bei den spanischen Oscars. Gewonnen hat der Streifen dann fünf der begehrten Preise, unter anderem auch für Javier Bardem, der sein komödiantisches Potenzial nutzt, um den Geist zwischen sozialem Spürsinn und unternehmerischer Härte zerrissener Machtmenschen mit reichlich Understatement darzustellen. Der Film selbst weiß allerdings nicht so zu überzeugen. Da sind die satirischen Klingen in der französischen Industrie-Farce Der Querkopf mit Louis de Funès um einiges schärfer gewetzt als in Der perfekte Chef. Vielleicht liegt es daran, dass Regisseur Fernando León De Aranoa zu bedächtig durch seinen Film schlendert und mal hier, mal dort den Untergebenen mal erfolgreich, mal weniger erfolgreich aus der Patsche hilft. Wenn Bardem als apotheotischer Überboss bald gar nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf steht und ihm seine eigene Jovialität bis hin zu erotischen Stelldicheins den Überblick nimmt, geschieht das immer noch mit Handbremse. So richtig de Nerven verliert Bardem nie, so richtig aus dem Ruder läuft letzten Endes auch nichts, und in keinem Moment steht das Überleben der Firma auf der Kippe. Aranoa hätte das ganze Konvolut aus schmeichelnden Intrigen und herrischer Ordnung mehr an den Rand des Abgrunds schieben können, um die angedeuteten moralischen Diskrepanzen viel kontrastreicher ausfallen zu lassen.

Da Der perfekte Chef eigentlich niemanden so recht opfern will und wenn dann doch auf dem Schlachtfeld des guten wirtschaftlichen Ansehens der Bauer an die Front geschickt wird, so schlägt selbst das keine allzu großen Wellen. Der Arbeitsalltag unter besonderen Umständen fällt zwar nicht unbedingt zu versöhnlich, aber garantiert zu phlegmatisch aus. Die Arbeit geht weiter, wie sie es immer tut. Denn die Katze beißt sich schließlich in den Schwanz, wenn nicht.

Der perfekte Chef

Operation Fortune

ROUTINE FÜR DEN MACHO MAN

5,5/10


operation-fortune© 2023 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: JASON STATHAM, AUBREY PLAZA, BUGZY MALONE, JOSH HARTNETT, HUGH GRANT, CARY ELWES, EDDIE MARSAN, MAX BEESLEY, LOURDES FABERES U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Wenn man Jason Statham auf eine Mission schickt, egal, wie schwierig sie sein mag, dann zeigt sich stets das gleiche Bild: Böse Buben räkeln sich am Boden, wenn sie nicht schon mit einer Kugel zwischen den Augen keinen Mucks mehr geben. Die Action-Glatze mit Dreitagebart richtet sich das Sakko, während seine saloppen Sprüche über das Schlachtfeld wehen. Niemand kann Statham beugen, geschweige denn brechen. Das liegt daran, dass niemand Statham anders sehen will als so. Als das Erbe von Chuck Norris, mit tief versteckten Emotionen, als männlicher Stereotyp, als Vertreter des mit Action gesättigten Hard Boiled-Krimis.

Klar, solche Rollen darf und soll das Kino haben. Fern der Realität, unkaputtbar, eine Konstante in einer volatilen Werte-Entwicklung, die über das Kino hinwegbläst. Guy Ritchie mag das. Er besetzt Statham nicht das erste Mal, aber das erste Mal kommt es einem so vor, als wüsste er mit seinem Star nichts mehr Neues anzufangen. Und das im Rahmen einer Geschichte, die sich in ihrer Austauschbarkeit verliert und nur gelegentlich das Zeug dazu hat, Ritchies Vorliebe für Krimi-Understatement auszuspielen. Zum Glück hat dieser noch Hugh Grant an Bord, der in fortgeschrittenem Alter nichts lieber macht, als sein Image zu persiflieren. Und das beherrscht er gut. Sehr gut sogar. Diese süßelnde Süffisanz, die Bedrohliches verbirgt, liefert die nötige Würze für eine seichte Agentenkomödie, die nicht minder unterhält, obwohl Guy Ritchie gerade mit diesem Werk in einer kreativen Auszeit zu stecken scheint, wovon in stilsicheren Meisterwerken wie The Gentleman noch überhaupt gar nichts zu erahnen gewesen wäre.

Dabei ist selbst die mit auffallenden akustischen Extras unterlegte Eingangssequenz so vielversprechend wie Hugh Grant am Filmplakat. Wir hören klackenden Schritte auf glattem Marmor, wenn Cary Elwes ins Büro des Chefs vom MI6 eilt. Diese vermengen sich Sekunden später mit anderen, musikalischeren Rhythmen, das Geklacke geht in ein rockiges Stampfen über, dabei gibt es Szenen von Stathams letzten Einsatz. Das hat was, und die Vorfreude auf weitere solche Spielereien hängt greifbar im Auditorium.

Plot hin oder her, wen interessiert hier eigentlich noch wirklich, wer wem was verkaufen will? Ob die Russen mitmischen oder der deutsche Geheimdienst. Ob dieses Objekt der Begierde, dass da für schlappe 10 Milliarden Dollar feilgeboten wird, nun eine Festplatte mit Daten darstellt, eine diabolische KI oder Plutonium. Ob die Sicherheit der Welt auf dem Spiel steht oder eben nicht. Plots, die wir schon zu Genüge inhaliert haben, und die nun auch in der neuen Flatrate-Staffel von Jack Ryan auf amazon prime ähnlich ausgebreitet auf dem Tisch liegt. Um diesen Deal also abzufangen, engagiert der MI6 eben Orson Fortune, den Mann fürs Grobe mit Erfolgsgarantie von 100%, die pfiffige und nicht auf den Mund gefallene Hacker-Schönheit Aubrey Plaza und den lakonischen Sniper-Experten JJ, gespielt von Rapper Bugzy Malone. Dieses Trio holt sich Josh Hartnett als öligen Macho-Schauspieler Danny Francesco unter ihre Fittiche, der einem trojanischen Pferd gleich den Weg in die heiligen Hallen des Waffenhändlers und Multi-Milliardärs Greg Simmons ebnen soll, ist dieser doch größter Fan des eitlen Actionstars. Simmons, der hat mit diesem weltbewegenden Deal so einiges zu tun, und schon bald hackt und schleicht und schlägt sich das charmante Agententrio durch ein Mission Impossible-Abenteuer mit vielen Namen und Figuren, die sich das Publikum alle merken soll, aber nicht unbedingt will.

Wie gesagt: Wer wen wann reinlegt, ist nur das Libretto für plakativen Spaß, der auch ohne geistigem Rasterplan vom Who is Who des Films funktioniert. Statham haut zu, und Aubrey Plaza macht Hugh Grant schöne Augen, der so leidenschaftlich aufspielt, dass es dem Film manchmal verziehen sei, dass Ritchie überhaupt nicht so genau gewusst hat, welchen seiner filmtechnischen Extras er nun einsetzen will. Konsequent bleibt da gar nichts, so was wie in der Anfangssequenz kehrt auch nicht wieder, während dazwischen immer mal wieder völlig deplatzierte Kameraeinstellungen eingesetzt werden, die den Film zur Makulatur für die richtige Farbmischung degradieren. Und dann plötzlich das: Wenn die Schnitttechnik versagt, und während Aubrey Plaza noch ihren Text zu Ende sprechen will, schneidet ein Szenenwechsel ihr Wort ab. Das passiert dann noch ein zweites Mal – und wirkt so schlampig und gehudelt wie manche Sequenz im Film.

Operation Fortune lässt also an manchen Stellen und in seiner Kontinuität so richtig aus. Dafür entschädigt eben der Ex-Romantikstar Grant für einige dramaturgische Fehler, und Statham-Kenner bekommen das, worauf sie längst vertrauen können.

Operation Fortune

The Guardians of the Galaxy Holiday Special

SCHENKEN IST WAS SCHÖNES

6,5/10


guardiansholiday© 2022 Marvel Studios / Disney+


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: JAMES GUNN

CAST: DAVE BAUTISTA, POM KLEMENTIEFF, CHRIS PRATT, KEVIN BACON, SEAN GUNN, KAREN GILLAN, BRADLEY COOPER, VIN DIESEL, MICHAEL ROOKER U. A.

LÄNGE: 45 MIN


Sie sind zwar kein Must-See, aber das Guilty Pleasure für jedes Franchise: Holiday Specials. Dem Star Wars-Ableger aus den Siebzigern habe ich mir bis heute verkniffen, doch als leidenschaftlicher Fan sollte ich mich vor Fremdscham nicht fürchten. Kevin Feige hat da schon alle Peinlichkeiten umschifft, denn mit James Gunn auf dem Regiestuhl sind Albernheiten so salonfähig wie nie zuvor. Jener Künstler, der das DC-Universum mit The Suicide Squad aus der pathetischen Schwermut eines Zack Snyder erretten konnte und dort nun auch als kreatives Mastermind die neue Richtung vorgibt, will seine Guardians, die er von der ersten Stunde an mit der nötigen Umsichtigkeit durchs Universum gesteuert hat, natürlich nicht aus der Hand geben. Das Ende kommt früh genug, und es soll nächstes Jahr passieren, mit dem Abschluss einer Trilogie, die so formschön, bunt und praktisch daherkommt wie Weltraum-Fantasy eben auszusehen hat. Bevor wir aber alle eine Träne verdrücken ob des Nimmerwiedersehens mit dem schrägen Haufen an Menschen und Aliens, gibt es noch ein kleines Stelldichein exklusiv für Abonnenten der Disney+-Schiene. Wer Marvel-Fan sein will, darf an diesem Streamingdienst nicht vorbeisparen – es geht nicht anders. Viele zu viele Extras warten dort auf den Nerd, und will man Weihnachten mit Marvel verbinden, muss auch das Holiday Special der Guardians her.

Dort, in der Schädel-Zuflucht Nowhere irgendwo in den Weiten des Alls, sinnieren der drollige Drax und die süße Mantis darüber nach, wie sie Star Lord eine Freude bereiten können, trauert der doch seit Endgame seiner Geliebten Gamora nach. Da kommt ihnen das irdische Weihnachten in den Sinn, das anscheinend gerade vor der Tür steht. Dieses Fest dürfte in den Weiten des Alls ein Exklusivrecht haben oder gar schon zu den physikalischen Grundgesetzen zählen. Vielleicht sind es die Werte aus Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt, die universell erscheinen. Das erkennt sogar die zynische Nebula, einst Antagonistin unter dem Zepter des finsteren Thanos. Mantis und Drax planen also, dem guten Peter Quill ein Geschenk zu machen. Aber eines, das lange nachhält, das nicht ausgepackt und weggelegt wird. Wie wärs mit einer Ikone aus dessen Jugend? Wie hieß das Musical noch mal, von welchem der kleine Peter so ein Fan war? Footloose. Und sein Star? Kevin Bacon. Also nichts wie rüber nach Terra, den gut gealterten Schauspieler mitnehmen und bestenfalls gleich einpacken lassen. Klar, dass dieser so einiges dagegen hat und den beiden Gutmensch-Aliens sogar die Polizei auf den Hals hetzt.

Die ulkige Naivität des pink tätowierten Hünen, gespielt von Dave Bautista, sorgt immer noch für Schmunzeln – hinzu kommt das nicht weniger einfach gestrickte Gemüt der Halb-Celestial Mantis: Und schon haben wir sowas wie Dick und Doof des MCU, die in ihrem von Nächstenliebe motivierten Eifer für Slapstick, Chaos und skurrile Momente sorgen. James Gunn weiß, wo er ansetzen und wo er aufhören muss, damit das Ganze nicht lächerlich oder bemüht wirkt. Mit dem Faktor Kevin Bacon bewegt er sich dennoch manchmal aufs Glatteis und wirkt in seinen Bemühungen etwas einfältig, doch wir Zuseher sind die Charaktere schließlich alle schon gewohnt, und sowieso war es längst an der Zeit, bei Groot, Rocket und Co nochmal vorbeizuschauen, bevor das Jahr zu Ende geht. Dass Gunns liebevoll errichteter Punsch-Stand an kauzigen Details und musikaffinen Aliens ungefähr so viel Mehrwert hat wie ein Besuch am Adventmarkt, dürfte bei einem Holiday Special klar sein. Der Dreiviertelstünder fühlt sich an wie der kostspielige Pop-Up-Weihnachtsgruß vom Dienstleister, in schmucker CI und mit allerlei Branding. Damit man sich daran erinnert, dass das MCU noch vieles hat, was gerne gut verkauft werden will.

Vergnüglich bleibt das Special aufgrund rockig-smoother Weihnachtssongs, von denen sogar Bacon höchstselbst eines zum Besten gibt. Und aufgrund der kuriosen Details am Rande. Knuffig, wenn sich Drax einen aufblasbaren Elf wünscht. Oder die Guardians ihre Bescherung erleben. Das ist witzig, versöhnlich und irgendwie auch wehmütig, wenn man an den guten alten Yondu denkt.

The Guardians of the Galaxy Holiday Special

Violent Night

WEIHNACHTEN WIRD DER HAMMER

6,5/10


violentnight© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: TOMMY WIRKOLA

BUCH: PAT CASEY, JOSH MILLER

CAST: DAVID HARBOUR, LEAH BRADY, JOHN LEGUIZAMO, BEVERLY D’ANGELO, ALEX HASSELL, ALEXIS LOUDER, EDI PATTERSON, CAM GIGANDET, ANDRÉ ERIKSEN, BRENDAN FLETCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Wo Tommy Wirkola draufsteht, ist auch Tommy Wirkola drin. Das zumindest könnte man annehmen, und ja, genau diesen Stoff bekommt man auch, schön verpackt in rotweiß gestreiftem Geschenkpapier mit grüner Schleife. Wirkola hat schon Hänsel und Gretel als wehrhafte Hexenjäger in den dunklen Tann geschickt – warum nicht auch den von Coca-Cola so vehement distributierten, stämmigen Wohlfühl-Opa, der gar nichts mehr gemein hat mit dem guten Mann aus Smyrna, der ja trotz seiner guten Taten Zeit seines Lebens lieber unentdeckt geblieben wäre.

Den Weihnachtsmann oder Santa Clause, den sollte vor allem der Nachwuchs nicht zu Gesicht bekommen. Am Christtag dann, so bleibt zu hoffen, sind dann die Kekse gegessen und die Milch getrunken. Doch was, wenn der kauzige Typ mit den Rentieren gar keine Milch mag, sondern lieber auf den Hochprozentigen schielt, der im Regal der reichen Oma steht? Santa Claus bleibt also ein Mythos, und zu Beginn des Films Violent Night scheint es, als wäre dieser tatsächlich nur ein des Geldes wegen zelebrierter Auftritt, dessen Gelingen erst ein paar Bier als Basis braucht. Der Unwille erinnert an Billy Bob Thorntons Auftritt in Bad Santa. Nur „bad“ ist dieser Weihnachtsmann hier, verkörpert von Stranger Things-Star David Harbour, nur dann, wenn all die Unartigen dem Mann aus dem Norden auf die Nerven fallen. Einer dieser Finsterlinge ist ein Verbrecher namens Scrooge (John Leguizamo), der die gesamte Familie Lightstone mitsamt der kleinen Trudy in seiner Gewalt hat. Das schmucke Anwesen der eingangs erwähnten Oma (Beverly D’Angelo, bis zur Unkenntlichkeit umoperiert) birgt nämlich satte 300 Millionen Dollar im Keller, und die will Scrooge haben, koste es, was es wolle. Die Entourage des bösen Buben hat sich zeitgerecht als Catering-Service an Heiligabend eingeschleust, und so ist es ein leichtes, die Bude auf Stirb langsam umzukrempeln. Womit die Jungs (und zwei Damen) wohl nicht gerechnet haben, das ist der Knüppel zwischen ihren Beinen: besagter Santa Claus, der eigentlich keinen Ärger will, jedoch lang genug provoziert wird, um zum Hammer zu greifen. Diesen zu schwingen beherrscht er ganz gut, war er doch nicht immer der, für den man ihn heutzutage hält.

Violent Night (was sich genauso singen lässt wie Silent Night) gibt dem eher müden Konkurrenzprodukt Fatman aus dem Vorjahr mit Mel Gibson keinerlei Überlebenschancen – David Harbour hat’s besser drauf. Auch die kauzig-schrulligen Attitüden stehen dem desillusionierten Geschenkebringer aus Wirkolas Film deutlich besser als dem abgebrühten Gibson. Was noch hinzukommt: Diese Version hier greift das Konzept der ersten beiden Stirb Langsam-Filme auf, die ebenfalls beide an Heiligabend spielen und in denen Bruce Willis als unbekannte Variable die Pläne einer fiesen Entourage durchkreuzt. Genauso handhabt das ein von der Habgier der Kinder mürbe gewordenes, mythologisches Überwesen, an welches kaum mehr jemand glaubt, das aber in besagter Trudy seinen Kevin findet: Bruce Willis und Macaulay Culkin – heute sind es David Harbour und die kleine Leah Brady, die diesen Joint Venture begehen, dieses Crossover sozusagen. Was sich streckenweise auch ziemlich schmissig, herzlich und blutig anfühlt, denn Wirkola ist natürlich wenig zimperlich und agiert, was Gewalt angeht, mit ledernen Fäustlingen. Hier fliegen die Zähne und knacken die Knochen, hier klatscht das Blut in guter Tonqualität auf Parkett und Asphalt. Diese Mischung ist’s, worauf es ankommt, zwischen selbstironischer Fantasy und eindeutigen Reminiszenzen an zwei Weihnachtsklassikern, die alle Jahre wieder nicht fehlen dürfen. Will man sich beide Filme sparen, tut Violent Night ein gutes Werk.

Doch im Grunde sieht man Weihnachtsfilme lieber daheim im kerzenbeleuchteten Kämmerlein mit LED-Rentier auf dem Balkon – ist es nicht so? Selten, dass ich mich in diesem Genre zum Kinobesuch hinreißen lasse. Der letzte war wohl der mit Kevin. Als zweiter ist es nun dieser hier: eine Vermöbelungsfest ohne Tiefgang, einfach als Guilty Pleasure zum Abreagieren nach dem unsäglichen Gedränge am Weihnachtsmarkt. Auch wenn sich der Film ungern, aber doch den amerikanischen Moraltabus unterwirft und am Ende die Pflichtminuten an versöhnlichem Kitsch aussitzt, lässt Harbour dennoch den guten alten Tim Allen wissen, dass dieser sich schon bald wärmer anziehen kann. 

Violent Night

See How They Run

DER KRIMI IM KRIMI

4/10


seehowtheyrun© 2021 20th Century Studios All Rights Reserved


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: TOM GEORGE

BUCH: MARK CHAPPELL

CAST: SAM ROCKWELL, SAOIRSE RONAN, ADRIEN BRODY, DAVID OYELOWO, RUTH WILSON, HARRIS DICKINSON, SHIRLEY HENDERSON, PEARL CHANDA U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Schlagen wir mal das Buch der Rekorde auf. Unter der Rubrik Theater und Schauspiel wäre auch in der allerneuesten Guinness-Ausgabe folgender Eintrag zu finden: Agatha Christies Die Mausefalle gilt als das am längsten ununterbrochen laufende Theaterstück der Welt (abgesehen von der überall gesetzten Pause durch Covid-19).

Da kann selbst die Lindenstraße klein beigeben, denn Christies Stück holt sich bereits seit 1952 den Applaus von der Bühne ab, selbstredend in unterschiedlicher Besetzung, wie bei Dr. Who, nur eben als Live-Event. Im Dunstkreis dieser Bühnen-Hommage auf einen klassischen Whodunit bettet Regie-Newcomer Tom George mit der nostalgischen Komödie See How They Run einen Krimi in einen Krimi. Ein bisschen erinnert mich die Sache an den Miss Marple-Klassiker Vier Frauen und ein Mord, einer der vier schwarzweißen Ausflüge von Margaret Rutherford, welche eine Theatertruppe infiltriert, um einem Mörder auf die Schliche zu kommen. Und ja – auch dort segnet so manches Opfer das Zeitliche vorort, auf den Brettern der Welt, jedoch nicht während der Vorstellung wie in diesem nagelneuen Streifen, der aber weniger erfrischend anmutet wie das zum Vergleich von mir herangezogene Samstagnachmittag-Guilty Pleasure von George Pollock aus dem Jahre 1964.

Es passiert also ein Mord. Und der beginnt gar nicht mal aus der Sicht eines wortlosen Beobachters, der quasi das Publikum darstellt, sondern aus der Sicht des Mordopfers. Siehe da, es ist Adrien Brody – zuletzt als Arthur Miller in Blond zu sehen. Dieser spielt hier den Filmemacher Leo Köpernick, der irgendwann in den Fünfzigerjahren und anlässlich der 100. Aufführung von Die Mausefalle den Stoff für einen Film adaptieren soll. Um sein kreatives Know-How einzubringen, fallen ihm einige Adaptionen ein, die das Werk für die Leinwand wohl spannender und griffiger gestalten würden, wofür Produzent John Woolf allerdings keinerlei Interesse zeigt. Der sich selbst überschätzende, zur Gala-Aufführung geladene Köpernick baggert zum Leidwesen des jungen Richard Attenborough noch dazu dessen Ehefrau an, um kurze Zeit später in der Garderobe hinter der Bühne tot aufgefunden zu werden. Wer hat’s getan?, stellt sich der zerknitterte und trinkfreudige Ermittler, Inspektor Stoppard, die Frage. Ihm zur Seite wird ihm – natürlich zu seinem anfänglichen Leidwesen – Constable Stalker gestellt, eine wissbegierige, neugierige und übermotivierte junge Frau, die alles, was ihren Horizont erweitert, in sich aufsaugen möchte – und gar oft voreilige Schlüsse zieht.

Es fällt schwer, die Handlung dieser Krimikomödie länger in Erinnerung zu behalten als bis zu dem Zeitpunkt, zu welchem ich hier diese Review verfasse. Interessanterweise tummeln sich in diesem Film sämtliche historische Persönlichkeiten der britischen Kulturszene, angefangen eben von Richard Attenborough über besagten Produzent Woolf bis Agatha Christie, die selbst eigentlich noch nie in einem Kinofilm dargestellt wurde, nicht mal in der Ermittlerfarce Ein Leiche zum Dessert, was ich fast vermutet hätte. Diese schillernde Gesellschaft macht Tom Georges Debüt aber auch nicht besser. Einen Whodunit kann man so knackig inszenieren wie Rian Johnson mit Knives Out. Oder aber man inszeniert ihn so völlig ohne Belang wie See How They Run. Sam Rockwell und Saoirse Ronan sind gut, Liv Lisa Fries und Volker Bruch aus Babylon Berlin sind besser. All diesen vielen Figuren mangelt es nicht nur an biografischer Tiefe – auch sind sie nur so weit charakterisiert, soweit ihr Auftritt reicht. Und das, obwohl Rockwells Rolle mehr mit dem Fall verbunden sein will als man vielleicht vermutet hätte. Das macht den Fall aber auch nicht relevanter, sondern noch zerfahrener als er ohnehin schon ist. So schleppt sich das Ensemble durch eine hausbackene Regie, das sich schwertut, selbst die zum Verklären einladenden Fifties entsprechend attraktiv ins Bild zu rücken.

See How They Run (die Bedeutung des Titels erschließt sich mir nicht) bemüht sich, ein Gespür für Krimis besitzen zu wollen, wie Agatha Christie eins hatte. Nur leider setzt Tom George selten die richtigen Schwerpunkte, um den Murder Mystery so richtig den Suspense abzuringen.

See How They Run

Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten!

REVOLTE AM ABSTELLGLEIS

7/10


wasdeinherzdirsagt© 2022 Jérôme Prébois – ADCB Films


LAND / JAHR: FRANKREICH 2020

BUCH / REGIE: ALBERT DUPONTEL

CAST: VIRGINIE EFIRA, ALBERT DUPONTEL, NICOLAS MARIÉ, JACKIE BERROYER, PHILIPPE UCHAN, BASTIEN UGHETTO, MARILOU AUSSILLOUX, TERRY GILLIAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Was das Herz begehrt, Wo die Liebe hinfällt – und jetzt auch noch das: Was dein Herz dir sagt. Aber ich empfehle allen  Kitschverweigerern gleich vorweg, sich in diesem Fall nicht unbedingt abschrecken zu lassen. Wir wissen ohnehin, dass so manche deutschsprachige Titelvergabe für internationale Filme am eigentlichen Thema vorbeigehen. Aber ein kleines Zugeständnis zum Original gibt es: Adieu, ihr Idioten (eine Floskel, die man derzeit auf viele Teilbereiche der Politik und Gesellschaft anwenden kann) ist zumindest erhalten geblieben. Und trifft die Seele dieser kleinen, bezaubernden Anarcho-Tragikomödie viel eher. Und hier sieht man wieder: Frankreich ist nach wie vor ungeschlagener Meister darin, Komödien zu inszenieren, die in keiner auch nur sonst wie banalen Szene zum Femdschämen einladen oder lächerlich wirken. Sie haben Charme, Tiefe und eine unnachahmbare Leichtigkeit, von welcher alle Höhen und Tiefen eines Films profitieren. Hollywood kann da immer noch lernen, Deutschland ebenso. Österreich – hätten wir unsere Kabarettisten nicht, sähe es traurig aus. Doch die im Film lebendig gewordenen Aussteiger-Franzosen verabschieden sich nicht mit einem Stinkefinger wie vielleicht anderswo, sondern mit einem Understatement, das Stil besitzt.

Hier, in Albert Dupontels selbst verfasster und immer nur dezent ins Absurde abgleitenden Komödie, in der er auch selbst die Hauptrolle spielt, treffen drei vom Leben betrogene Individuen aufeinander, die keinen Platz mehr in einer Welt des Fortschritts finden. Die am Abstellgleis gelandet sind, im Dunkeln sitzen, sich von Haarspray vergiften haben lassen oder durch Jungspunde frisch aus dem Studium ersetzt werden. Ja, so läuft es derzeit. Und jene, die das ganze so weit kommen lassen, trösten sich selbst mit heuchelndem Altruismus. Schließlich sind wir alle sowas von sozial. Suze Trappet, gespielt von Virginie Efira, wird an einem Lungenleiden sehr bald das Zeitliche segnen. Bevor dies aber geschieht, hat sie noch ein Ziel: Ihren damals zur Adoption freigegebenen Sohn finden. Wie es der Zufall so will, trifft sie auf den ausrangierten IT- und Sicherheitsexperten Cuchas, der sich so gut wie überall auf diesem Planeten hineinhacken kann und nun seinen Platz als Koryphäe auf seinem Gebiet räumen muss. Er will seinem Leben ein Ende machen, doch dieses Vorhaben geht schief. Zu guter Letzt komplettiert ein blinder Archivar (begnadet komisch: Nicolas Marié) das schräge Trio, der im Übrigen die meisten Lacher in diesem Film für sich beanspruchen kann und ja, man muss sagen: Witze über Blinde sind keinesfalls politisch korrekt. Doch wie Marié hier die Kunst des Slapsticks zelebriert, kommt den kuriosen Eskapaden eines Stan Laurel relativ nah. So sind die drei also unterwegs quer durch ein verfallenes, teils futuristisches Frankreich in einer Grauzone zwischen Vergangenheit und Moderne. Weinen ihrer Habenseite nach und trotzen einer unbestimmten Soll-Zukunft. Man könnte sagen, Was dein Herz dir sagt – Adieu ihr Idioten! ist eine skurril-sympathische, urbane Spazierfahrt mit dem Herzen am rechten Fleck. Gut, auch das ist eine Floskel. Doch lassen sich damit die Ambitionen der drei nur zu gut verstehen, und wenn man beobachtet, wie der unmöglich zu lösende Schicksalsknoten dennoch aufgeht und wir damit fast schon in einer metaphysischen, märchenhaften Dimension der Tragikomödie angelangt sind, dann schüttelt man nicht den Kopf ob so vieler Unglaubwürdigkeit, sondern nimmt diese Abgehobenheit mit einer fast schon zärtlichen Zuneigung an.

Und es ist, wie es ist: Virginie Efira ist, wie schon Huppert, Binoche oder Marceau, eine sinnliche Persönlichkeit, eine mit feinem erotischem Charisma. Liebevoll und warmherzig und man möchte sie in den Arm nehmen und knuddeln, und dazu auch vielleicht gleich die anderen beiden Loser, die eigentlich gar keine sind. Dupontel hingegen widmet den Film dem verstorbenen Monty Python-Mitglied Terry Jones und lässt sogar Terry Gilliam in einem kleinen, frechen Cameo den Screen passieren. Warum er das tut? Jones war ein großer Fan seines Regiedebüts Bernie, das schien Dupontel viel bedeutet zu haben. Den grotesken Humor der Briten aber übernimmt er ganz und gar nicht, obwohl sich einer wie John Cleese perfekt in das Setting eingefügt hätte. Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten! bleibt französisch und trifft daher mit nicht ganz so schwarzem, aber dunkelgrauem Humor ins Ziel. Bringt zum Lachen und erwärmt an so nebelgrauen Tagen wie diesen das zu allen Schandtaten bereite Gemüt, wenn es heißt, sich nicht unbedingt so verhalten zu müssen, wie die anderen es wollen.

Was dein Herz dir sagt – Adieu, ihr Idioten!

Wendell & Wild

MIT HAARWUCHSMITTEL ZUM DÄMONEN-STARTUP

5/10


WENDELL & WILD© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: HENRY SELICK

BUCH: HENRY SELICK, JORDAN PEELE, CLAY MCLEOD CHAPMAN

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): KEEGAN-MICHAEL KEY, JORDAN PEELE, LYRIC ROSS, ANGELA BASSETT, JAMES HONG, VING RHAMES, TAMARA SMART, GARY GATEWOOD, GABRIELLE DENNIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Jordan Peele ist längst dafür bekannt, dem Genre des Mystery- und Horrorfilms wie einst David Lynch komplett neue Facetten verliehen zu haben. Gleich dieses Jahr veröffentlichte er mit Nope sein aus meiner Sicht bestes Werk voller Genre-Zitate und unheilvoller Phantastik. Was wäre also, wenn Peele, der ja hinlänglich dafür bekannt ist, auch als Synchronsprecher oder Stand up-Komödiant ganz gut dazustehen, mit jemandem wie Henry Selick gemeinsame Sache macht? Wer Selick ist, wissen Liebhaber der Stop Motion spätestens seit seinem Meisterwerk Coraline und frühestens seit The Nightmare before Christmas mit der legendären und zu Halloween immer wieder gern personifizierten Figur des Jack Skellington, einer Mischung aus Kürbis und Skelett. Einige würden womöglich immer noch annehmen, dass dieser Stop-Motion-Klassiker von Tim Burton inszeniert wurde – Irrtum. Burton hat den Film lediglich produziert, auf Basis seiner Idee. Für die Stop-Motion durfte dann Selick ran. Jetzt, sage und schreibe dreizehn Jahre nach Coraline, gibt’s ein neues Werk: Wendell & Wild. Wie kann es anders sein, zeitgerecht zur Halloweentime, wenn uns die Toten aus dem Jenseits einen Besuch abstatten und wir alle in unseren Verkleidungen bei diesen für Verwirrung sorgen.

Wieder mal in erlesener, analoger Animationstechnik inszeniert, ist dieser neue Puppentrickfilm eben auch der Fantasie eines Jordan Peele entsprungen. Und weil eben dieser Beitrag noch nicht reicht, übernahm er überdies gleich die Synchron für eine der beiden Dämonenbrüder, die als Wendell & Wild der Unterwelt den Rücken kehren und in der Welt der Menschen einen Rummelplatz errichten wollen, der ungefähr so aussehen soll wie jener des Oberdämonen Buffalo Belzer, der natürlich an den Teufel höchstpersönlich erinnert und der all die verlorenen Seelen in seiner klingelnden Hölle aufs Ringelspiel schickt. Der voluminöse Riese allerdings hat ein kleines Problem: er leidet unter Haarausfall, und Wendell & Wild sind dazu ausersehen, dafür zu sorgen, Belzers schicker Frisur Beständigkeit zu verleihen. Das machen sie mithilfe eines als Pferd zweckentfremdeten Bärtierchens und einer Wundercreme, die das Haar wieder spießen lässt. Um in die Welt der Menschen zu gelangen, ist das nonkonforme Waisenmädchen Kat, welches ihre Eltern bei einem Autounfall verloren hat, gerade die richtige. Was sie dafür verlangt? Sie will ihre Eltern wieder zurück. Den Tod zu überlisten ist allerdings etwas, was kaum ein magisches Wesen beherrscht. Auf Umwegen aber könnte das Unterfangen dennoch gelingen. Und mit ganz viel Haarwuchsmittel.

Wendell & Wild bietet auch diesmal wieder eine ganze Palette an liebevoll gestalteten Puppen, Kreaturen und einem ganz eigenwilligen Charakterdesign, das manchmal zweidimensional wirkt, als hätte man mit Filz oder Buntpapier die Gesichter gelegt. Diese Optik allein beschert dem Film schon mal eine ganze extreme expressive Komponente. Nichts an diesem visuellen Stil fühlt sich aber geschmeidig an, beruhigend oder harmonisch. Die Figuren sind eckig, kantig und sperrig, Emotionen und Mimik lassen sich aber immer noch gut ablesen. Das war bei Coraline anders. Dort ließ Selick einer gewissen melancholischen, albtraumhaften Atmosphäre freien Lauf. In Wendell & Wild weicht der düstere Schrecken einer gespenstischen alternativen Welt einer aufgekratzten Hypernervosität, die es nicht zulässt, sich den Figuren anzunähern. Selbst das Mädchen Kat bleibt unnahbar, stille Emotionen haben keine Möglichkeit, der Geschichte Tiefe zu verleihen. Alles ist schrill und schnell und fahrig, noch dazu ist die zusätzliche erzählerische Komponente rund um ein fieses Unternehmerpärchen viel zu plump und profan angelegt, um als Zuseher darauf warten zu wollen, dass dieses der Gerechtigkeit zugeführt wird.

Was sich Peele und Selick da erdacht haben, ist ein konfuses Konstrukt aus morbider Fantasy und Coming of Age-Abenteuer, das sich selbst keinerlei Ruhe gönnt und an einer ausgewogenen Dramaturgie vorbeikaspert. Gute Stop-Motion ist leider doch nicht alles.

Wendell & Wild