Crossing: Auf der Suche nach Tekla (2024)

ALLES IM FLUSS AM BOSPORUS

7/10


crossing© 2024 Polyfilm


LAND / JAHR: SCHWEDEN, TÜRKEI 2024

REGIE / DREHBUCH: LEVAN AKIN

CAST: MZIA ARABULI, LUCAS KANKAVA, DENIZ DUMANLI, NINO KARCHAVA, LEVAN BOCHORISHVILI, NINO TEDORADZE, GIGA SHAVADZE U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Dass die türkische Regierung unter der Führung des Hardliners Erdoğan es queeren Menschen ermöglicht, ihrer Orientierung frei nachzugehen, ohne dafür zur Kassa gebeten, eingesperrt, gefoltert oder hingerichtet zu werden, hat mich nach der filmischen Exkursion ins etwas andere Istanbul dann doch überrascht. Ich wäre der Meinung gewesen, das kleinasiatische Land, aufgeteilt auf zwei Kontinente, würde wie Russland, Ägypten, Uganda oder Saudi Arabien Homosexualität unter (Todes)strafe stellen, doch in der Türkei lässt sich tatsächlich noch in individueller Freiheit leben. So ist auch die transsexuelle Szene in der Hauptstadt eine schillernde, die sich sogar juristisch vertreten fühlen kann. Die mitnichten eine Existenz im Verborgenen leben muss, die auf Akzeptanz und Toleranz stößt. Doch vielleicht lebt man das Anderssein auch nur in Metropolen wie dieser, denn Istanbul ist schließlich ein Knotenpunkt, ein Portal für Reisende, ein Schmelztiegel der Kulturen und kosmopolitisches Füllhorn an Ansichten und Einsichten. Ein Miteinander, mit anderen Worten, so, als wäre Istanbul ein eigener Staat im Staat. Jenseits der urbanen Gefilde mag es anders zugehen, insbesondere in der Provinz. Doch das ist eine andere Geschichte. In Crossing: Auf der Suche nach Tekla von Levan Akin (Als wir tanzten) wird die Stadt am Bosporus zum einnehmenden Ort der unverhofften Begegnungen.

Wie der Subtitel des Films schon vorwegnimmt, ist das Verschwinden einer gewissen Tekla wohl ein Umstand, der die unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammenbringt. Da ist die pensionierte Geschichtsprofessorin Lia (Mzia Arabuli), deren verstorbenen Schwester ihr das Versprechen abgenommen hat, Tochter Tekla wieder nachhause zu bringen. Erste Spuren lassen sich in Georgien verorten, doch dann führt der Weg weiter nach Istanbul – im Schlepptau der älteren Dame ein Junge namens Achi, der in der großen Stadt sein Glück versuchen will und bei Lias Nachforschungen zumindest versucht, hilfreich zur Hand zu gehen. Und da ist da noch Transfrau und Juristin Evrim (faszinierend: Deniz Dumanli), die sich für die rechtlichen Interessen ihrer Community einsetzt. Bis Evrim den beiden Besuchern aus dem benachbarten Georgien begegnet, vergeht eine gewisse Zeit. Warum Akin aber dieser Figur in seinem Film so auffallend viel Raum gibt, bleibt ob ihres nur temporären Einflusses auf die Handlung verwunderlich. Bis dahin beobachtet Crossing das Leben mancher Charaktere in parallelen Bahnen. Doch irgendwann kreuzen sich auch diese Wege, es entwickelt sich ein bereicherndes Miteinander, welches Synergien freisetzt, welche die pulsierende Metropole sofort wieder absorbiert, um sie in einladende Vibes zu verwandeln, denen sich kaum jemand – zumindest keiner der drei – wirklich wieder entziehen kann.

Dabei erzählt Akin keine große Geschichte, bleibt bescheiden in seinen Betrachtungen, will auch die queere Subkultur nicht wirklich zum Thema machen, sondern nur als Zeichen der Vielfalt erwähnen, hält sich zurück und gibt nur häppchenweise Biographisches aus den Leben von Lia, Achi und Evrim preis, will sie weder outen noch zu lebensverändernden Entscheidungen nötigen. Was Crossing im Sinn hat, ist das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Leben, bald ist die Suche nach Tekla nur noch ein abstrakter Motivator, um den eigenen Status Quo zu überdenken und dem individuellen Leben die eine oder andere überraschende Wendung abzuverlangen.

In authentischen und gerade durch ihre unverklärte Betrachtung auf ein fremdes und unerschlossenes Istanbul entstandenen poetischen Bildern widmet sich Crossing einem Lebensgefühl, das all die Suchenden zu umarmen gedenkt. Diese erfrischenden Momentaufnahmen erinnern an Tony Gatlifs kraftvoll-lebendigen Musikfilme (Vengo, Djam), welche ebenfalls dem Kolorit einer kulturellen Gemeinschaft nachspüren; die nicht viel erzählen wollen, sondern nur von gesellschaftlichen Entwürfen berichten, deren inhärente Energie dazu da ist, das Publikum aus seinen Stühlen zu heben, um es diesen Rhythmus, mal schnell, mal langsam, spüren zu lassen.

Crossing ist da natürlich gediegener, aber in Ansätzen versprüht Akins nachdenklich-schöne Erfahrung ebenfalls einige dieser Funken, nur bescheidener, zurückhaltender. Gerade durch diesen Schritt zurück ist daraus ein kontaktfreudiger, weltoffener Film geworden.

Crossing: Auf der Suche nach Tekla (2024)

King’s Land (2023)

ERNTEN, WAS MAN SÄT

8/10


kingsland© 2024 Henrik Osten, Zentropa


ORIGINALTITEL: BASTARDEN

LAND / JAHR: DÄNEMARK, SCHWEDEN, NORWEGEN, DEUTSCHLAND 2023

REGIE: NIKOLAJ ARCEL

DREHBUCH: NIKOLAJ ARCEL, ANDERS THOMAS JENSEN, NACH DEM ROMAN VON IDA JESSEN

CAST: MADS MIKKELSEN, SIMON BENNEBJERG, AMANDA COLLIN, GUSTAV LINDT, KRISTINE KUJATH THORP, MORTEN HEE ANDERSEN, MELINA HAGBERG, FELIX KRAMER, SØREN MALLING U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Mads Mikkelsen auf die Heide zu schicken ist ein weiser Entschluss. Der Däne verspricht stets großes Kino, seine Performances sind konstant professionell, in einigen Filmen durchbricht er gar das Level seiner Leistungen nach oben hin. Seine Gefühlsregungen sind dezent, feuchte Augen und eine gerade noch aufrecht erhaltene stoische Mimik sind alles, die darüber informieren, dass der Mann da vor der Kamera einem Orkan an Gefühlen ausgesetzt sein muss, so sehr reißt es ihn hin und her. Eine schauspielerische Differenziertheit wie diese passt perfekt ins europäische Arthouse-Kino. Als Leibarzt der Königin hat er schon mal bewiesen, wie sehr ihm Geschichte zu Gesicht steht. Auch da durfte ihn Nikolaj Arcel inszenieren, hineingeworfen in ein mit satten, dunklen Farben ausgestattetes Drama authentischen Ursprungs. Noch erdiger, noch intensiver und so richtig blutig wird in King’s Land Zwietracht gesät. Das neue dänische Meisterwerk ist ein Kriegsfilm auf begrenzter Fläche, eine wilde Tragödie um Grund und Boden, noch dazu um einen Boden, der nicht viel hergibt. Die Rede ist vom dänischen Heideland, einer nährstoffarmen Region, die sich Mitte des achtzehnten Jahrhunderts nicht und nicht kolonisieren lässt, so sehr viele auch versucht haben, dort etwas anzubauen, um Titel, Geld und Ansehen zu erlangen. Ludvig Kahlen, ein ehemaliger Hauptmann, kehrt aus Deutschland zurück in seine Heimatund will beweisen, dass es mit der notwendiger Hartnäckigkeit und zähem Willen und natürlich dem Know-How eines Gärtners durchaus möglich ist, den großen Jackpot zu knacken: Nämlich Land urbar zu machen, welches nichts wert scheint. Der König nickt dieses Vorhaben ab, und Kahlen, als Bastard eines Gutsherrn in die Welt gesetzt und um seine gesellschaftliche Anerkennung gebracht, macht sich auf in die Unwirtlichkeit, um ein Projekt auf die Beine zu stellen, welches bald den Argwohn des skrupellosen Gutsherrn De Schinkel weckt. Der ist schließlich der Meinung, dass die ganze heidekrautbewachsene Ödnis ihm gehört – und Kahlen somit als Pächter vorstellig werden muss. Der sieht das nicht so, sitzt aber ganz offensichtlich am kürzeren Ast, wenn es darum geht, politischen wie wirtschaftlichen Einfluss ins Spiel zu bringen, um den anderen zu vernichten.

Der feuchte Boden, der dichte Nebel, die Kargheit einer menschenfeindlichen Landschaft, darin zwei Feinde, die sich bis aufs Blut sekkieren: Das epische, schmutzige Dänenkino ist zurück, so düster wie ein schweres, herannahendes Unwetter, welches Hagel bringt und das Zeug hat, ganze Ernten zu vernichten. Die schwelende Anspannung legt sich wie Fieber über das Fehdedrama, in welches man gut und gerne paranormale Verwünschungen gut aufgehoben fände, so wie Robert Eggers diese in The Witch gepflanzt hat. Der Aberglaube, das harte Los der Pioniere und das freie Spiel der Kräfte drehen einen Strick um Mads Mikkelsens Kehle – und dennoch sind da emotionale Feinheiten in diesem Werk, welche zu Tränen rühren und die sich niemals so lange ihrem Selbstmitleid hingeben, um in sentimentalen Kitsch auszuufern. Stets weiß Arcel immer genau, wann Schluss sein muss mit den Gefühlen, wann die wettergegerbten Hände wieder in der Erde wühlen, Ziegen geschlachtet und angeheuerte Ungeheuer getötet werden müssen.

Es ist ein hartes, erbarmungsloses Leben auf diesem Land des Königs – Arcels Film, der sich im Original Bastarden nennt, spielt trotz seines mit Bürden angereicherten Kraftakts die klassische Klaviatur eines nach vertrauten Parametern angeordneten Historienepos und nähert sich seinem Publikum dadurch an, indem er Bilder auf die Leinwand wirft, die wie eine Sonderausstellung dänischer Landschaftsmaler aus absolutistischen Zeiten anmuten. Witterungsreich, den Blick in die Weite, schwer arbeitendes Volk. Herzzerreissender Lichtblick in diesem Opfergang ist die kleine Melina Hagberg als elternlose Sintezza, die das Wertebewusstsein des beharrlich nach Erfolg strebenden Mads Mikkelsen hinterfragt. Seine Figur muss erst lernen, worauf es im Leben ankommt – ob er je zur Einsicht gelangt, mag man – nein, sollte man in diesem mitreißenden Filmerlebnis unbedingt ergründen.

King’s Land (2023)

Colonos (2023)

LEICHEN PFLASTERN IHREN WEG

6,5/10


colonos© 2023 MUBI


LAND / JAHR: ARGENTINIEN, CHILE, DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, FRANKREICH, SCHWEDEN, TAIWAN, GROSSBRITANNIEN 2023

REGIE: FELIPE GÁLVEZ HABERLE

DREHBUCH: FELIPE GÁLVEZ HABERLE, ANTONIA GIRARDI

CAST: CAMILO ARANCIBIA, MARK STANLEY, BENJAMIN WESTFALL, SAM SPRUELL, MISHELL GUAÑA, ALFREDO CASTRO, MARCELO ALONSO, LUIS MACHIN, MARIANO LLINÁS, AUGUSTÍN RITTANO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Selbst in den entlegensten Winkeln am Ende der Welt, oder eben gerade dort, wo sonst keiner hinkommt, regiert gut und gerne das, was Homo sapiens zu einem fürchterlichen Monster werden lässt. An diesen entlegensten Winkeln regiert in selbem Zug genau das nicht, was den Menschen menschlich bleiben lässt: Kontrolle. Am südlichsten Zipfel Südamerikas, in einer unwirtlichen, windumtosten, braungrünen Wildnis aus Nässe, Düsternis und büscheligem Gras, ist der Indigene Mensch genauso viel wert wie auch überall sonst wo auf der Welt: nämlich gar nichts. Eine gewisse Arbeitstauglichkeit lässt Gnade vor Unrecht ergehen. Nutzen sie nicht mal dazu, oder stören gar den Frieden der Schafherden, die der Großgrundbesitzer José Menéndez (ja, den gab es wirklich) in gewisser Weise über ganz Feuerland weiden lässt, geht‘s ans große ethnische Reinemachen. Um das Gebiet bis an die Atlantikküste zu sichern, beauftragt der König von Patagonien, wie er genannt wird, einen ausrangierten Leutnant der britischen Armee, verstört durch den Krieg, gewalttätig, grausam, böse. Allein reitet das „rote Schwein“, wie man ihn später nennen wird, allerdings nicht los – im Schlepptau hat er einen Texas-Ranger, der die Eingeborenen mehrere Kilometer gegen den Wind riechen kann. Und das Halbblut Segundo, der das Glück hat, dem Großgrundbesitzer als tauglich zu erscheinen und darüber hinaus ganz gut schießen kann. Ihr Ritt zieht eine Schneise der Verwüstung durchs Land, Unschuldige müssen dran glauben. Kinder werden getötet, Frauen vergewaltigt. Misstrauen befällt das Trio, Segundo muss die Gräuel an seinen Landsleuten mitansehen, wehrt sich gegen dieses Übermaß an Verbrechen, sinnt nach Rache, bleibt jedoch ohnmächtig angesichts dieser Aggression, die von den Weißen ausgeht. Dem Wahnsinn nicht genug, soll es noch schlimmer kommen.

Und als Zuseher fragt man sich natürlich das eine oder andere Mal: Warum in aller Welt suche ich Zerstreuung nicht lieber in einem weniger belastenden Film, in einer Komödie oder abgehobener Fantasy? Andererseits: Filme wie diese bedienen mehrere Genres. Sie sind lebendige Geschichte, sie tragen den Mythos des knochentrockenen, beinharten Italowesterns mit sich herum, sie erzählen ein Abenteuer, dass seinen Reiz dadurch ausspielt, den unberechenbaren Schrecken einer Terra incognita zu entfesseln – und den Menschen darzustellen als einer, der destruktive Weltbilder erschafft. Colonos, zu deutsch Die Siedler, wäre Stoff für Werner Herzog gewesen. Würde Klaus Kinski noch leben, er wäre prädestiniert dafür.

Ähnlich wortkarg und grimmig trottet der raue Thriller durch die abweisende Landschaft. Über den Hügeln finstere Wolken, kalte Luft, karges Feuer. Gehässiger und finsterer als all die Weisen blicken nur noch die Indigenen, die nichts haben, womit sie sich wehren können, außer ihren Stolz und ihre Zähigkeit, das Schlimmste zu überleben. Colonos von Felipe Gálvez Haberle ist harter Stoff, gibt sich in einer Art Agonie einem eiskalten Kolonial-Nihilismus hin, dem man so zuletzt in Lars Kraumes Vermessenen Mensch gesehen hat. Wo dort aber der Genozid an die Herero und Nama als pittoreskes Bilderbuch ein vertrautes Vokabular bedient, wird die grausame Behandlung der Ona zu einem erbarmungslosen Albtraum, der an die finsteren Illustrationen Goyas erinnert, angereichert mit dampfendem Naturalismus und defätistischer Hoffnungslosigkeit. Colonos besticht zwar durch seine visuelle Pracht, durch seine unmittelbare Wahrnehmung der Gegend, behält aber durch seine verschlossenen, abweisenden Figuren die nötige Distanz und schafft zu keiner Zeit irgendeine Identifikation. Neben dieser Ablehnung, dieser Furcht vor der Begegnung, dieser immerwährende Bedrohung lässt sich obendrein noch ein stampfender, theatralischer Score erlauschen, der, komponiert von Harry Allouche, so klingt, als wäre er von Morricone, was dem Szenario noch einmal mehr die Aura eines lebens- und weltverneinenden Grunge-Westerns verleiht. Schließlich muss man eine Reise wie jene, die in Colonos angetreten wird, erfahren – und aushalten wollen. Die rare Thematik wäre ein Grund dafür, den Blick zu riskieren. Für jene, die nicht wegsehen wollen, was die Geschichte alles angerichtet hat, bietet Haberles Regiedebüt einen zynischen Rückblick im Stile unheilbringender Abenteuergeschichten.

Colonos (2023)

Eineinhalb Tage (2023)

ROADMOVIE AUS DEM SETZKASTEN

4/10


eineinhalbtage© 2023 Netflix Inc.


LAND / JAHR: SCHWEDEN 2023

REGIE: FARES FARES

DREHBUCH: FARES FARES, PETER SMIRNAKOS

CAST: FARES FARES, ALMA PÖYSTI, ALEXEJ MANVELOV, ANNIKA HALLIN, STINA EKBLAD, ANNICA LILJEBLAD, RICHARD FORSGREN, BENGT C. W. CARLSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Was haben Aki Kaurismäkis lakonisches, vielfach ausgezeichnetes Sozialmärchen Fallende Blätter und das Regiedebüt des schwedischen Schauspielers Fares Fares gemeinsam? Die Schauspielerin Alma Pyösti, die 2020 mit Tove, der Filmbiografie nämlicher Künstlerin, erstmals einem breiteren Publikum bekannt wurde. Seit September letzten Jahres wird sie auf Netflix als Krankenpflegerin Louise eines schönen Tages von Artan, ihrem Ex-Ehemann, heimgesucht, der, bewaffnet und emotional im Ausnahmezustand, einfach beschließt, die Mutter seiner Tochter als Geisel zu nehmen. Menschen wie Artan werden zum Unsicherheitsfaktor schlechthin, inmitten eines sicheren Europas, wo die Exekutive noch zeitnah heranrückt, wenn irgendwo einer beschließt, anderen den fremden Willen aufzuzwingen. So eine unschöne Situation lässt sich durch geschulte Verhandler entsprechend entschärfen, nur die Zeit drängt, und das Spezialkommando lässt sich bitten. Fares Fares ( u. a. Die Nile Hilton Affäre, Die Kairo Verschwörung) höchstselbst gibt den Exekutivbeamten, der in rechtschaffener Selbstlosigkeit dem aufgelösten Familienvater entgegentritt. Es gelingt ihm gar, das Geiseldrama ins Innere eines Polizeiwagens zu verfrachten, weg von all den Schaulustigen und Betroffenen, weg von möglichen Kollateralschäden, rauf auf die Bundesstraße – es bleiben Louise, Artan und der Polizist, unterwegs zu den Schwiegereltern des Mannes, dessen Tochter dort in deren Obhut weilt. Das Roadmovie kann beginnen.

Wie der Titel schon verrät, sind alle drei einen knappen Tag lang, eine Nacht und wieder einen halben Tag unterwegs. Stets hintendrein: Ein Konvoi an Polizeiwägen. Kommt einem dieses Szenario bekannt vor? Natürlich. Zwar liegt der Klassiker schon einige Jahrzehnte zurück, doch Sugarland Express von Steven Spielberg fasziniert immer noch. Allein schon wegen Goldie Hawns famoser Darstellung der Lou Jane Poplin, die ihren Mann aus dem Gefängnis befreit, einen Polizeiwagen samt Beamten kapert und diesen zwingt, die Pflegeeltern ihres kleinen Sohnes aufzusuchen. Sowohl Spielbergs Roadmovie-Klassiker als auch Fares Fares‘ Familiendrama auf vier Rädern beruhen auf wahren Begebenheiten – letzterer wohl mehr oder weniger nur sehr vage. Eher diente eine ähnliche Gesamtsituation, die es nicht mal in die internationalen Medien schaffte, als Inspiration für einen Film, bei dem man sich fühlt, als führen Opfer, Täter und Verhandler im Kreisverkehr, ohne abzubiegen. Der gebürtige Russe Alexej Manvelov punktet anfangs zwar mit einer beunruhigend nervösen Art, die aber auf Dauer keine Variationen zulässt und im Laufe des Films, der gottseidank keine eineinhalb Tage dauert, zusehends nervt. Alma Pöysti daneben auf der Rückbank hat wenig Text, gibt die Eingeschüchterte und auch sie kann ihre Figur im Laufe der Handlung kaum durch neue Erkenntnisse bereichern.

Nicht jeder, der schauspielern kann, ist auch im Regiefach bestens aufgehoben, geschweige denn als Drehbuchautor geeignet. Fares Fares hat für Eineinhalb Tage schließlich alles übernommen – und zumindest beim Skript auf vertraute Strukturen gesetzt. Ein Konzept wie dieses, auf engstem Raum und überschaubaren Plot, eignet sich bestimmt für ein Debütprojekt. Da Fares sich aber dramaturgisch nicht weiter aus dem Autofenster lehnt wie nötig, wechseln im braven Rhythmus die Interaktionen unter den dreien wie beim Bällewerfen – einmal mehr, dann wieder weniger emotional. Überraschungsmomente gibt es keine, die Geschichte ist vorhersehbar, und irgendwann ist man froh, diesen Artan losgeworden zu sein und überhaupt diese ganze bleierne Autofahrt hinter sich gebracht zu haben.

Eineinhalb Tage (2023)

Die Kairo Verschwörung (2022)

WIE MAN EINEN ENGEL REKRUTIERT

6/10


kairoverschwoerung© 2022 Atmo-X-VerleihAG


LAND / JAHR: SCHWEDEN, FRANKREICH, FINNLAND, DÄNEMARK 2022

BUCH / REGIE: TARIK SALEH

CAST: TAWFEEK BARHOM, FARES FARES, MOHAMMAD BAKRI, MAKRAM KHOURY, MEHDI DEHBI, RAMZI CHOUKAIR, JAWAD ALTAWIL, SHERWAN HAJI, AHMED LAISSAOUI U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Wie sieht es denn eigentlich hinter den Kulissen des bei Touristen wohl beliebtesten islamischen Landes aus? Pyramiden, die Sphinx und unzählige archäologische Sights sind Geldquellen für einen Staat, der Religion und Politik ungern trennt und gerne Einfluss hat auf die an den Lehrstätten geführte Tonalität der Koran-Exegese. Die wird in den ehrwürdigen Hallen und Plätzen der Al Azhar-Universität betrieben, einer islamisch-wissenschaftlichen Institution von internationalem Rang. Wer hier sein Studium beginnt, kann sich glücklich schätzen. Es ist die intellektuelle Elite, und der Imam eine einflussreiche Person, die wohl vorgibt, welche Art Auslegung des Islam in Zukunft gelebt werden wird. Als glücklich kann sich auch Adam schätzen, der Sohn eines bescheidenen Fischers. Als er der Willkommensrede des Oberhaupts beiwohnt, geschieht das Unfassbare: Der Imam muss seinen Text unterbrechen, kurze Zeit später verstirbt er.

Der Imam ist tot, es lebe der Imam – das Vakuum, das plötzlich vorherrscht, ist dem eines Königshauses ohne bestimmten Nachfolger nicht ganz unähnlich. Der Neue soll zumindest einer sein, der mit den politisch-gesellschaftlichen Ansichten des Staates d’accord geht. Da es aber drei Kandidaten gibt, die für das Amt infrage kommen, muss die Staatsicherheit aktiv werden – und einen Spitzel rekrutieren, der das Zeug hat, das Verhalten der Kommilitonen zu manipulieren und die Voraussetzungen für die Wahl des einzig richtigen Imams zu steuern. Ob er will oder nicht, kommt Adam zum Handkuss. Er wird, als sein Vorgänger auffliegt, zum neuen „Engel“ ernannt, der nun tun muss, was sein Auftraggeber, der ambivalente und wenig zimperliche Ermittler Ibrahim (Fares Fares), ihm befiehlt. Scheich Omar Bewlawi muss die Wahl gewinnen, komme was wolle. Adams Leben und das seines Vaters stehen auf dem Spiel, und bald erschüttert ein Mord die ehrwürdigen Arkadengänge der Universität.

Tarik Saleh, ein schwedischer Filmemacher mit ägyptischen Wurzeln, hatte schon 2017 einen Film über das Land seiner Ahnen hingelegt, der nicht nur mit den Wassern des Nil, sondern sonst auch mit allen anderen gewaschen war. Die Nile Hilton Affäre ist ein intensives Agentendrama vor politischem Hintergrund – brisant, authentisch und spannend. Ägypten ist für Saleh wohl nicht irgendein Thema – seine Auseinandersetzung mit dem Land setzt jede Menge Know-How und gewissenhaft erledigte Hausaufgaben voraus, damit nicht Mutmaßliches kolportiert wird. Der Trailer zu Die Kairo-Verschwörung wirbt damit, seinem Publikum noch nie dagewesene Einblicke zu gewähren. Es geht direkt ins Herz der islamischen Lehre, ohne aber die Religion selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Es sind die Mechanismen der Staatsgewalt und die Bereitschaft, über Leichen zu gehen, um das Wohl Ägyptens zu sichern. Der unbescholtene und arglose Adam ist da das Opfer par excellence. Wie er versucht, seine Hürden zu meistern, ist bedächtiges Politkino, das sich nicht um Eile bemüht, sondern sehr viel beobachtet.

Es ist die Location, der Platz, die Architektur des legendären Gebäudes. Es sind die in Kaftan gewandeten Studenten mit rotweißem Fes, die Tarik Saleh immer und immer wieder ins Bild rückt. Ja, die islamische Kultur als Hort des Wissens hat Anmut, Stil und übt eine Faszination aus, der man sich nur schwer entziehen kann. Wenn manch ein stimmlich versierter Student zum Rezitier-Wettbewerb aus dem Koran antritt, könnte man dem Sprechgesang (dessen Intonation aber nicht melodisch sein darf) stundenlang zuhören. Zwischen diesen Reizen liegt ein nüchterner Thriller aus einem fernen und isolierten Umfeld. Interessant ist das richtige Wort für Die Kairo-Verschwörung (internationaler Titel: Boy from Heaven), die auf den letztjährigen Filmfestspielen in Cannes den Preis fürs beste Drehbuch erlangt hat. Saleh überlässt nichts dem Zufall in seinem genau recherchierten Film – zumindest hinterlässt er den Eindruck, dass all das, was man sieht, genauso passieren könnte. Und doch bleibt die Schicksalsballade politisch motivierter Infiltration erstaunlich trocken, dafür aber sachlich und gefasst, was so einige Aufmerksamkeit erfordert. Das wiederum kann ermüdend wirken. Irgendwann manipuliert jeder jeden, und die Chronik einer nicht ganz so überraschenden geheimen Agenda wird zum Psychodrama eines menschlichen Werkzeugs für höhere Ziele. Die Kairo-Verschwörung ist spezielles Kino für Interessierte, und ja – mich gewinnt dieses Genre prinzipiell immer.

Doch so auf Zug und mit Elan inszeniert wie sein letzter Ägypten-Film ist dieser hier nicht geraten. Vielleicht liegt es daran, dass die im Hintergrund laufenden Machenschaften wenig überraschen oder gar verwundern. Dass die Politik in autoritären Ländern wie diesen zu solchen Mitteln greift, ist gefühlt nichts Neues. Und auch das Schicksal des Protagonisten scheint vorhersehbar.

Die Kairo Verschwörung (2022)

Sick of Myself (2022)

DIE SYMPTOME DER GELTUNGSSUCHT

6/10


sickofmyself© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN 2022

BUCH / REGIE: KRISTOFFER BORGLI

CAST: KRISTINE KUJATH THORP, EIRIK SÆTHER, FANNY VAAGER, FREDRIK STENBERG DITLEV-SIMONS, SARAH FRANCESCA BRÆNNE, INGRID VOLLAN, STEINAR KLOUMAN HALLERT, ANDREA BRAEIN HOVIG U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


So mancher und so manchem wird dieses Gefühl vielleicht fremd sein – ich selbst aber kenne das von früher, als ich noch nicht wusste, worum es im Leben eigentlich gehen sollte: Das Gefühl einer selbstwertgefährdenden Niederlage, die daraus resultiert, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Alles dafür getan zu haben, aber doch nicht wichtig genug zu sein. In einer Gesellschaft, in der man den Wert des Menschen eigentlich nur über seine Leistung definiert, und wenn nicht darüber, dann über das Geld, sollte man sich selbst genug sein. Das schützt vor so mancher Schmach oder dem Umstand, dass einem beim Versuch, alle Blicke auf sich zu ziehen, die Puste ausgeht. Andere wollen um jeden Preis – und wirklich um jeden Preis – die Aufmerksamkeit aller. Wollen bewundert, und wenn nicht bewundert, dann bemitleidet werden, weil sie ein Opfer bringen oder Opfer von irgend etwas anderem geworden sind. Das ist schon pathologisch. Und diese Art krankhafte Geltungssucht, die hat nun ein Gesicht. Und zwar ein entstelltes.

In der norwegischen Psychosatire Sick of Myself kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn klar wird, dass dieser betriebene Exzess zugunsten eines zweifelhaften Ruhms durchaus realistisch sein kann. Im Mittelpunkt – und dieser wird ihr den ganzen Film hindurch nicht genommen – steht eine junge Frau namens Signe, die mit ihrem Freund zusammenlebt, der in der Kunstszene schon zu einigem Renommee gekommen ist. Das schmeckt Signe, die „nur“ in einer Bäckerei arbeitet und sonst kaum Hobbys hat, gar nicht. Auch sie will gesehen, gehört und bewundert werden, so wie ihr Freund. Und sobald sich alles um ihn dreht, findet sie Mittel und Wege, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das beginnt noch mit kleinen, perfiden Spielereien, wie zum Beispiel dem Vortäuschen einer Lebensmittelallergie. Als das auch nicht mehr zieht, beschafft sie sich auf illegalem Wege obskure russische Medikamente, die bei kontinuierlicher Einnahme zu horrenden körperlichen Schäden führen. Sprich: Der Weg zum Quasimodo ist geebnet, Signe macht sich, wie der Titel schon prophezeit, selbst krank und tut so, als käme diese Pein aus heiterem Himmel. Ihr Gesicht ist vernarbt, der Körper voller Flecken. Der Freundeskreis ist, so wie wir im Publikum, abgestoßen und fasziniert zugleich. Zeigt Mitleid und Bewunderung, wie Signe es meistert, damit umzugehen. Bald schon erscheint ein Artikel in der Zeitung, doch das ist unserer „Patientin“ nicht genug. Sie will noch mehr Aufmerksamkeit. Sie will den Ruhm und die Wichtigkeit, die andere haben, nur nicht sie. Wohin das führt? Zur Frau im Essigkrug.

Die Idee des bei den letztjährigen Cannes Filmfestspielen in der Kategorie Un Certain Regard gezeigten Werks des Autorenfilmers Kristoffer Borgli ist eine, deren filmische Umsetzung recht reizvoll erscheint, ist doch das Thema eines, das den Zeitgeist trifft und das Phänomen Social Media auf seine Grundmotivationen herunterbricht. Die Freakshow um einen Minderwertigkeitskomplex und seine Folgen zieht in seinen Bann, man kann nicht wegschauen, man kann nur verblüfft staunen, wie sehr ein flüchtiger Wert wie Ruhm ein Leben ruinieren kann. Und dennoch ist Sick of Myself etwas einseitig geraten. Wir beobachten Signes selbstkreierten Leidensweg lediglich aus ihrer Sicht, ihr Lebensentwurf ist der einzige, der im Film zur Verfügung steht. Somit sucht die Satire keinen Diskurs, sondern wirkt selbst wie ein Beipackzettel für ein Medikament, dass hochgradig suchtgefährdend ist. Auf die Dauer wird die Chronik der Ereignisse redundant, und nur vereinzelt gibt es erhellende Spitzen. Im ähnlich positionierten Satiredrama Not Okay von Quinn Shephard mit Zoey Deutch als Lügenbaronesse findet der moralische Konflikt viel effizienter statt, während Sick of Myself kaum Wert auf ein Echo legt. In Not Okay gibt eine alternative Weltsicht kontra und lädt zur vehementen Auseinandersetzung mit den Prioritäten des Lebens. Das mag vielleicht gefälliger sein, dafür aber eingängiger. In der norwegischen Groteske allerdings entbehrt die Gesellschaft keine helfende Hand, und auch den Unterschied zwischen Realität und Fiktion muss man erst erlernen, führt die Mixtur aus beiden anfangs zu einiger Konfusion. Später hat man den Dreh raus, nur Signe nicht. Für Erkenntnis bleibt kein Platz, doch immerhin hat der Freak seine Blase gefunden.

Sick of Myself (2022)

Der Mann, der seine Haut verkaufte (2020)

DIE FREIHEIT DER KUNST

6/10


dermannderseinehautverkaufte© 2020 eksystent filmverleih


LAND / JAHR: TUNESIEN, FRANKREICH, BELGIEN, DEUTSCHLAND, SCHWEDEN 2020

BUCH / REGIE: KAOUTHER BEN HANIA

CAST: YAHYA MAHAYNI, DEA LIANE, KOEN DE BOUW, MONICA BELLUCCI, RUPERT WYNNE-JAMES, HUSAM CHADAT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Wenn man länger drüber nachdenkt, verwundert es einerseits nicht – andererseits fühlt es sich nicht ganz richtig an: Dass Kunstwerke mehr wert sind als ein Menschenleben. Vielleicht, weil diese Kunstwerke immer nur Unikate sind. Und der Mensch nicht als Individuum, sondern nur als ein Exemplar immer derselben Spezies betrachtet wird, und das alleine deswegen, weil man nichts über die Biographien der jeweiligen Menschen kennt. Dann würde sich herausstellen, dass jeder von ihnen genauso einzigartig ist wie eines dieser um Millionen Euro gehandelten Exponate, die frei von irgendwelchen Beschränkungen durch die Welt tingeln, ohne Angst haben zu müssen, ausgestoßen, zurückgewiesen oder misshandelt zu werden. Immerhin sind diese Werke hoch versichert.

Doch machen wir mal die Probe aufs Exempel. Mit einem Film, der 2021 für den Oscar als bester ausländischer Film nominiert war: Der Mann, der seine Haut verkaufte. An dieser Stelle bemühe ich stets gerne die gesellschaftskritische Philosophie des französischen Dadaisten Marcel Duchamp, der seinerzeit die Dreistigkeit besaß, ein herkömmliches Pissoir zum Kunstwerk zu deklarieren. Das soll nicht bedeuten, dass dies den Wert des Menschen spiegeln soll, sondern nur die Relation zum Wertebegriff und worauf es ankommt, etwas in seinem Wert zu steigern oder zu senken. Duchamp ist das gelungen, selbst Picasso hat im Zenit seines Ruhms einfach nur Servietten mit seiner Signatur bekritzeln müssen, schon war dieses Stück Stoff mindestens einen ganzen Lotto-Jackpot wert. Was stimmt hier nicht, dass Menschen um ein besseres Leben ringen müssen und Pissoire unbezahlbar werden? Was aber, wenn man beides zusammenbringt? Der syrische Flüchtling Sam Ali, der aufgrund unbedachter und aus dem Zusammenhang gerissener Aussagen im Libanon ein neues Leben beginnen musste, fernab aller erträumten Möglichkeiten, schließt Bekanntschaft mit einem weltberühmten Künstler namens Jeffrey Godefroy, einem Belgier. Der akzentuiert geschminkte Mann mit dem gefälligen Sprech eines Mistopheles überredet den jungen Mann dazu, seinen Rücken für ein formatfüllendes Tattoo zu Verfügung zu stellen. Er will aus Sam Ali ein Kunstwerk machen, und zwar versehen mit dem Artwork des heiß begehrten Schengen-Visums. Dafür soll dieser reichlich Geld und eine Aufenthaltsbewilligung in Belgien bekommen, unter der Bedingung, für jedwede Kunstaktion oder Ausstellung zeitgerecht zur Verfügung zu stehen.

Die Idee der tunesischen Filmemacherin Kaouther Ben Haina ist originell, vielschichtig und inspirierend. Die Freiheit der Kunst als eine Parabel dieser Art zu interpretieren, ist fast schon genial. Mit Betonung auf fast. Denn obwohl der Umgang der Wohlstandgesellschaft mit ihren Werten in so manchen Szenen satirisch hinterfragt wird, gefällt Ben Haina die nebenherlaufende Beziehungsgeschichte zwischen ihrem als Exponat verschacherten Protagonisten und seiner großen Liebe, die sich für ein besseres Leben in den Westen verheiratet hat, deutlich mehr. Die Kritik an Kunst und Prestige fällt zu zaghaft aus, der Vorwurf eines Solidarität heuchelnden, aber letztlich hilflosen Establishments will gar nicht so laut erklingen. Im Vergleich dazu hat Ruben Östlund mit seiner Brachialsatire The Square die satirischen Klingen viel mehr geschärft als Ben Haina es tut. Ihr Anti-Held ist zwar ein Kunstwerk, ein wandelndes und aufmüpfiges Kunstwerk, was an sich schon bizarr genug ist ­– sein Sinneswandel im Laufe des Films fällt aber zu konzeptionell aus, was heißen will, dass Der Mann, der seine Haut verkaufte oft nicht genau weiß, ob es versöhnliches Märchen sein will oder eine zeitgemäße Kritik, auch wenn mitunter punktgenaue Zitate wie die umgekehrte Sage des Pygmalion die Entscheidung schwerfallen lassen. Es scheint aber, dass der Idealismus vehementer durchschimmert, dass elitäre Kunst seine Daseinsberechtigung haben soll und dass die Heimat dem kapitalistischen Westen immer noch vorzuziehen wäre, wenn irgend möglich. Mit der Realität hat der Film dann immer weniger zu tun, die Romanze obsiegt.

Der Mann, der seine Haut verkaufte (2020)

Holy Spider (2022)

DER ZWECK HEILIGT DIE MITTEL

6/10


holyspider© 2022 Alamode Film


LAND / JAHR: DÄNEMARK, DEUTSCHLAND, SCHWEDEN, FRANKREICH 2022

REGIE: ALI ABBASI

BUCH: ALI ABBASI, AFSHIN KAMRAN BAHRAMI

CAST: ZAR AMIR EBRAHIMI, MEHDI BAJESTANI, ARASH ASHTIANI, FOROUZAN JAMSHIDNEJAD, ALICE RAHIMI, SARA FAZILAT, SINA PARVANEH, NIMA AKBARPOUR U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Das älteste Gewerbe der Welt gibt es immer noch, und zwar überall. Das wird es so lange geben, solange es Männer gibt. Denn Männer haben einen Sexualtrieb, dem sie nachgehen müssen. Da lässt sich noch so beschämt in die Runde blicken – die Natur gibt, was sie eben gibt, um die Art des Homo sapiens zu erhalten. Wohin also mit den Trieben? Genau deshalb gibt es die Prostitution, es ist ein Knochenjob, es ist weder erquickend für die, die es anbieten, noch sinnlich oder befriedigend. Es ist körperliche Arbeit, es ist Erduldung und Erniedrigung, für die letztendlich etwas Geld rausspringt, damit der entbehrliche Alltag noch finanziert werden kann. Prostitution entsteht aus sozialer Not und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Männer wie Saeed Hanaei, beseelt durch den heiligen Imam Reza, hätte diesen Frauen in der heiligen Stadt Maschhad durchaus einfach nur das Geld geben brauchen, damit sie nicht anschaffen müssen. Er hätte sie vielleicht auffangen, woanders hin vermitteln können. Saeed ist schließlich niemand ohne Kontakte. Doch der Humanismus ist solchen Leuten suspekt. Sie sehen nur die Symptome, die da sind: sich für Geld zum Sex anzubieten.

Das macht Männer wie Saeed Hanaei wütend, vielleicht auch aus verstecktem Selbsthass und der Ohnmacht, ein Mann zu sein, dessen Geschlechtsgenossen dieses Gewerbe überhaupt am Laufen halten. Also wählt der verheiratete Zimmermann und Vater zweier Kinder die so grausame wie plumpe Methode, um seine Heimatstadt vor dem Verfall der Sitten zu bewahren: er bringt die Frauen eine nach der anderen um. Lädt sie zuerst zu sich nachhause ein, um sie dann zu strangulieren und die Leichen wegzuschaffen, an irgendeinen anderen Ort, um nicht in Verbindung damit gebracht zu werden.

Dieser als Spinnenmörder Anfang der 2000er Jahre berüchtigte Verbrecher hat tatsächlich so gewütet – und war sich bis zuletzt keinerlei Schuld bewusst. Um den Fall zu untersuchen, reist die (fiktive) junge Journalistin Arezu Rahimi an den Ort des Verbrechens, um dem Mörder auf die Spur zu kommen. Sie interviewt die Polizei, sie folgt den Aussagen von Zeugen und geht sogar, in Ermangelung investigativer Erfolge, sogar so weit, sich selbst als Prostituierte auszugeben, um Saeed inflagranti zu erwischen. Letzten Endes wird ihr das auch gelingen, trotz subversiven Widerstandes und den Einschüchterungen der örtlichen Polizei. Es wäre womöglich kein muslimisches Land, würde der Sinn für Recht und Unrecht klar unterschieden, Saeed verurteilt und seiner Strafe zugeführt werden. Hier, in einem Land, in welchem das lockere Tragen eines Kopftuches für Frauen gefährlich werden kann, wo Frauen nicht alleine reisen oder überhaupt frei agieren können, ohne die so strafenden wie lüsternen Blicke der Männer auf sich zu ziehen, herrscht eine verkehrte moralische Welt, die mit zweierlei Maß misst und die Tötung von Menschenleben umjubelten Vororte-Jihads gleichsetzt, die das nötige Prestige einbringen.

Ali Abbasi, ein nach Dänemark ausgewanderter iranischer Filmemacher, der zuletzt mit dem skandinavischen Fantasy- und Mythendrama Border für Aufsehen sorgte, begibt sich nun wieder zurück an den Ursprung – und zwar in den zumindest im Film dargestellten Iran (gedreht wurde tatsächlich in Jordanien), um anhand dieses True Crime-Szenarios die viel zu hemmungslos nutzbaren Mechanismen der Ermordung anderer zu erörtern, die den heiligen Lehren zuwiderlaufen. Wie bei Hanekes Das weiße Band, wo die Ursprünge des Faschismus einer Wurzelbehandlung unterzogen wurden, wühlt Abbasi mit Leichtigkeit im vertrockneten Sumpf der Moralvorstellungen Strenggläubiger herum und sieht bereits in deren Nachwuchs das nächste Problem. Da ist es fast schon egal, ob es gegen die Sitte oder den Unglauben geht. Die Bereitschaft, den Islam reinzuhalten, duldet radikale Mittel. Und so staunt man als Zuseher nicht schlecht, und es wird einem seltsam anders zumute, wenn der sechzehnfache Mörder als Held gefeiert wird. Holy Spider zeichnet eine kranke, vor allem frauenfeindliche Welt, die schon in den ersten Szenen des Films ihre Ablehnung auf alles Weibliche offenbart. Klar gibt es Ausnahmen, wenn Bildung und Aufklärung greifen. Doch wer hat die schon, können diese Faktoren autoritären Regimes schließlich gefährlich werden. Holy Spider, brisanter denn je, macht aus seinem Stoff aber keine Parabel, sondern bedient sich des Genres eines klassischen Thrillers im kalten Schein der Halogenlampen, billigen Reklamelichter und unter wummernden Klängen. Er wirft Sahra Amir Ebrahimi, Gewinnerin der goldenen Palme als beste Schauspielerin, dem Patriarchat fast schon zum Fraß vor.

Die Zeitschrift cinema meint, Holy Spider hätte nichts mit einer gewissen Religion zu tun oder gar mit einer Kritik an den Staat selbst. Letzteres mag stimmen, bei ersterem bin ich anderer Meinung: Gerade dieses Verständnis für Sitte und Anstand wurzelt im Moralkodex eines religiösen Extremismus, und selbst die Ehefrau Saeeds kann, als sie von den Straftaten ihres Mannes erfährt diese nicht verurteilen. Das ist es, was zutiefst irritiert, doch Ali Abbasi nutzt das Medium Kino, in dem alles möglich sein kann, nicht dafür, die True Story insofern zu verzerren, um eine noch bizarrere Zukunftsvision zu errichten, vor welcher selbst der muslimische Mann zusammengezuckt wäre. Abbasi zeigt zwar drastische Bilder und lässt auch so manche Sexszene nicht unbeobachtet, besinnt sich aber dennoch einer kühlen, recht nüchternen Erzählweise, wie Asghar Farhadi sie in seinen Filmen gerne nutzt, dabei aber erzählerisch dichter wird. Vielleicht hätte ich mir gerne mehr persönliches Statement erwartet, vielleicht auch eben diese Radikaldystopie, die aus den Opfern letztendlich belangbare Täter macht und umgekehrt. Hier begnügt sich der Filmemacher damit, die Volksmoral von der Moral der staatlichen Institution zu trennen. Und das fiel mir letztendlich zu verhalten aus, vielleicht gar zu versöhnlich.

Holy Spider (2022)

Godland

ISLAND SEHEN… UND STERBEN?

8,5/10


godland© 2022 Jour2fête


LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, FRANKREICH, SCHWEDEN 2022

BUCH / REGIE: HLYNUR PÁLMASON

CAST: ELLIOTT CROSSET HOVE, INGVAR EGGERT SUGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, VICTORIA CARMEN SONNE, JACOB LOHMANN, WAAGE SANDØ U. A. 

LÄNGE: 2 STD 23 MIN


Keine Ahnung, wohin die eigentliche Reise geht, aber jene durch die Nachmittagstermine der diesjährigen Viennale hat gestern ihr Ende gefunden. Es ergibt sich daraus eine schmucke kleine Landkarte, die in Südkorea begonnen hat, über die Ostküste der USA, Belgien bis nach Irland ging und von dort bis in den Norden reichte – nach Island. Weiter geht’s diesmal nicht, und besser wird es ebenso wenig werden: Godland ist mein persönliches Highlight der von mir frequentierten Wiener Festspiele und lässt das lange vergangene Abenteuerkino eines Werner Herzog genauso aufleben wie die gemeinsame Geschichte Dänemarks und Islands, die bis fast in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts hineinreichte und die vulkanische, unwirtliche, aber allseits beliebte Insel, eben weil sie so besonders ist, zu einem Schauplatz werden lässt, an welchem sich das europäische Festland in Gestalt eines Verlorenen die Zähne ausbeißen wird. Das bezieht sich auf die Art des Lebens, das kompromisslose Gesetz von Wind und Wetter und die menschenverachtende Wildnis, in die sich nur eingliedern kann, wer sich ihr hingibt. Wer mit alten Dogmen hier aufkreuzt, mit einem Sinn für Werte, der hier oben weder geschärft noch eingesetzt werden kann, stößt bald an seine eigenen Grenzen. Von so einem Kommen und Sehen, so einem Scheitern und Straucheln, von diesem Dilemma der Bezwingung radikaler Urkräfte – davon berichtet Hlynur Pálmason in seiner für ihn typischen Manier des distanzierten Betrachtens tragischer Umstände, die in wechselnden Witterungen stets andere Bedeutungen erlangen.

Im Zentrum des Geschehens steht ein dänischer Priester, der im 19. Jahrhundert, als Island noch unter der Fuchtel des dänischen Königshauses stand, dafür auserwählt wird, eben dorthin zu reisen, um im gottvergessenen Südosten der Insel eine Kirche zu bauen, am besten noch vor dem Winter. Um Land und Leute kennenzulernen und sich in seine neuen göttliche Aufgabe einzufügen, nimmt er eine Reise quer durch die Insel auf sich, begleitet von einem Vollblut-Isländer namens Ragnar (Ingvar Eggert Sigurðsson, der bereits auch in Pálmasons Weißer weißer Tag die Hauptrolle spielt und in der Netflix-Mystery Katla zu sehen ist), der alles Dänische skeptisch beäugt und den verknöcherten Festland-Geistlichen bis an seine Grenzen bringen wird. Für diesen verbissenen und niemals wirklich ausgetragenen Konflikt zwischen der längst nach Autonomie lechzenden Insel und dem arroganten, immer wieder in die Einsamkeit einfallenden Dänemark stehen die beiden grundverschiedenen Männer stellvertretend im Regen, für den es in Islands Sprache unzählige Bezeichnungen gibt. Der Trip durch eine fremde Welt, konfrontiert mit unorthodoxem Gedankengut, lässt Priester Lucas den Glauben an sich selbst verlieren und ihn alles verraten, was stets für ihn von Wert war.

Wie Werner Herzog eben, bis zum Äußersten. Mit einer Laufzeit von zweieinhalb Stunden lädt das im Format 4:3 gefilmte, elegische Drama zu einer faszinierenden Kurzweile ein, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Großzügig teilt Pálmason die Faszination für seine Heimat, dessen Bewohner als in sich ruhende Menschen ihre Autarkie feiern und von einer dogmatischen Person, wie Lucas sie darstellt, nichts erwarten wollen. Godland wird durch diese Prämisse zum teils nüchternen, dann wieder auf experimentelle Weise epischen Streifen, der die Fassungslosigkeit des aversiven Priesters bis zur rabiaten Wut steigert. Es ist die Nutzlosigkeit seiner Mission und die Beiläufigkeit seiner Entbehrungen, die wie Aguirre oder Fitzcarraldo den Wahnsinn bringt. Die Wucht einer in sich geschlossenen, genügsamen Welt vermittelt Pálmason in langsamen Kameraschwenks und im nüchternen Bobachten der Vergänglichkeit alles Lebens. Düstere Bilder, mystische Gleichnisse und das zündende Knirschen frischer Lava über begrüntem Boden – aus all dem entsteht ein Kino des Sich-darin-Vergessens, welches einen aus dem Auditorium holt, hinein in ein Szenario aus Entbehrung und Erkenntnis. Dinge, die eine Reise fernab von etablierter Ordnung eben mit sich bringen.

Ob dieser Film Aufnahme ins reguläre Kinoprogramm finden wird, ist fraglich. Doch wenn doch, dann sei hier diese ungewöhnlich erzählte, klassische Geschichte eines Mannes, der sich mit wimmerndem Zorn gegen ein ganzes Land stemmt, unbedingt zu empfehlen.

Godland

Triangle of Sadness

REICHTUM IST (K)EINE SCHANDE

6/10


triangleofsadness© 2022 Alamode Film


LAND / JAHR: SCHWEDEN, GROSSBRITANNIEN, USA, FRANKREICH, GRIECHENLAND, TÜRKEI 2022

BUCH / REGIE: RUBEN ÖSTLUND

CAST: HARRIS DICKINSON, CHARLBI DEAN KRIEK, WOODY HARRELSON, DOLLY DE LEON, ZLATKO BURIĆ, IRIS BERBEN, SUNNYI MELLES, VICKI BERLIN, OLIVER FORD DAVIS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 27 MIN


Equality, Gender Pay Gap, Kapitalismus, Kommunismus und Rüstungsindustrie. Opportunismus, Klassenkampf, das Model-Biz und die Inhaltsleere von Social Media. Hab ich etwas vergessen? Die Gier der Reichen vielleicht? Oder gleich alle Todsünden? Nein, mit diesen hat Ruben Östlund in seinem Cannes-Gewinner nichts am Hut. Maßlosigkeit und Völlerei finden wir im Monty Python-Klassiker Der Sinn des Lebens wieder, und spätestens beim Minzplätzchen im schicken Restaurant braucht der Zuseher vielleicht selbst einen Kübel, denn da bringt die Komikertruppe ihr gesellschaftskritisches Fass im wahrsten Sinne des Wortes zum Überlaufen.

Bei Östlund sind es die Klos auf einer Luxusyacht, welche die mangelnde Seefestigkeit ihrer steinreichen Passagiere nicht mehr kompensieren können. Und ja: das kann passieren, ist aber keine Strafe für gelebten Reichtum. Denn Reichtum per se ist keine Schande. Menschen wie jene, denen auf diesem Narrenschiff das große Kotzen kommt, haben nun mal Geld und Einfluss. Doch sie sind weder gierig noch gemein noch maßlos. Vielleicht etwas blasiert, sonst aber nur unfassbar naiv. Wie Kinder in der Heileweltblase eines Spieleparadieses mit Bällchenbad. Wie Ludwig XVI. in seinem Versailles, umringt von Speichelleckern und einer angekrochen kommenden Entourage, die jeden Wunsch von den Augen abliest. Das Geld macht alles heil und jeden willig. Das Geld ist die Schaumstoffmatte beim Fall aus geringer Höhe, ist das einlullende Schlaflied am Ende des Tages. Seltsame Leute, so weltfremd und kleinkariert, und doch so erfolgreich. Wie passt das zusammen? Östlund seziert dieses Dilemma. Er will dies mit feiner Klinge tun, so wie er dies bei seinem Erstling Höhere Gewalt getan hat. Akkurat, mit kühlem Kopf, und aus sicherer Distanz, um der Lawine an Einsichten nicht zu nah zu kommen.

Bei Triangle of Sadness – die Kummerfalten im Südbereich der Stirn, knapp über den Augen und ungeeignet für eine Modelkarriere – hat Östlund viel zu sagen, und es gefällt ihm anscheinend gar nicht, wohin sich die Gesellschaft entwickelt hat. Alle Menschen scheinen ihm zuwider, aber doch nicht in einem Ausmaß, der ihnen unangenehm werden könnte. Man kann ja da und dort ein bisschen triezen, mit dem moralischen Finger in die Leistengegend der anderen stochern. Während die Reichen, denen der Reichtum in den Schoß gefallen zu sein scheint, ihren Überfluss hinnehmen wie eine Magenverstimmung, will Östlund mit seinem Überfluss an belangvollen Themen keines so wirklich präferieren. Der von Woody Harrelson und Zlatko Burić so zitatenreich ins Feld geführte Kommunismus schwappt also auf den Film über. Marx hätte mit Triangle of Sadness wohl seine Freude gehabt, er hätte sich spätestens dann köstlich amüsiert, wenn die Umkehr der Hierarchien die Nutzlosigkeit des profitgeilen Establishments zum Vorschein bringt. 

Doch bevor es so weit kommt, und bevor die uns allen längst bewusst gewordene globale Unfairness in handzahmen satirischen Spitzen, die offene Türen einrennen, ihren Ausgleich sucht, kreiert die erste von drei zusammenhängenden, aber unterschiedlich platzierten Episoden im schnell verfassten Plauderton alltagsparadoxen Kabarettstoff für die Kleinkunstbühne, der aber kaum die Wucht hat, um szenenlang über Gleichberechtigung und den Wert des Geldes zu polemisieren. Im Mittelteil wird das groteske Drama dann so richtig zum Östlund-Anarchismus, und wenn diesmal auch nicht der Affenmensch die eitle Gesellschaft sprengt, ist es die gemarterte Sunnyi Melles, die mit ihrer bizarren Brechdurchfall-Performance (Hut ab vor so viel inszenierter Selbsterniedrigung) die kleinen, obskuren Eitelkeiten mit dem magensauren Wischmopp beiseitefegt. Ja, dieses Spiel mit den Erwartungen ist Östlunds Stärke. Dieses Vorführen eines sich in Sicherheit wiegenden Publikums.

Was Östlund noch tut: Er weigert sich, seine Figuren zu verzerren. Stattdessen verzerrt er ihr Umfeld und das, was ihnen geschieht. Durch diese Diskrepanz entsteht ein subversives Echo – bei The Square war dies am stärksten, bei Triangle of Sadness ist das Umfeld der Figuren ein überraschend geradliniges Worst Case Szenario, was auch der Grund sein mag für ein schleppendes letztes Drittel. Eine Insel-Mystery á la Lost, die das System hinterfragt, aber auf der Stelle tritt. Den Östlund‘schen Bruch gibt es nur einmal – dass dieser seine Satire nochmal auf die Spitze treibt wie beim Versenken seiner Luxusjacht, würde man sich vielleicht wünschen – oder auch nicht. Letzten Endes lässt sich der Cannes-Doppelsieger aber zu keinen neuen Sichtweisen mehr motivieren.

Triangle of Sadness