Beverly Hills Cop: Axel F. (2024)

NEVER CHANGE A WINNING TEAM?

4/10


Beverly Hills Cop: Axel F© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: MARK MOLLOY

DREHBUCH: TOM GORMICAN, WILL BEALL, KEVIN ETTEN

CAST: EDDIE MURPHY, TAYLOUR PAIGE, JUDGE REINHOLD, JOHN ASHTON, KEVIN BACON, PAUL REISER, BRONSON PINCHOT, JOSEPH GORDON-LEVITT, MARK PELLEGRINO, PATRICIA BELCHER, LUIS GUZMÁN U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Irgendwie ist es peinlich, wenn Filmhelden wie zum Beispiel Axel Foley in ihrer persönlichen Entwicklung über dreißig Jahre lang stagnieren und immer noch so tun wollen, als wären sie unorthodoxe Troubleshooter in den knackigen Zwanzigern oder Dreißigern, die sich dank ihrer agilen Lebensphase gegen den herkömmlichen Trott gesellschaftlicher Prozedere stellen können. Mit über sechzig Lenzen darf Eddie Murphy, zumindest was seine Erscheinung betrifft, seine markante Zahnlücke breit grinsend zum Besten geben. Die Jahrzehnte scheinen, hat man keinen direkten Vergleich, an dem 80er-Star fast schon spurlos vorbeigegangen zu sein. Es ist wie die ewige Jugendlichkeit eines Tom Cruise, der fast so alt ist wie Murphy, aber immer noch einen Sprint hinlegt als wäre er ein knackiger Jungspund.

Murphy, der nun schon zum vierten Mal zur Detroit-Jacke greift, scheint in einem Elan vor die Kamera zu hirschen, den Showbiz-Veteranen, die längst von ihren Tantiemen leben, an den Tag legen, wenn sie sich durch klatschenden Da Capo-Beifall nochmal auf die Bühne bequemen müssen. Der Comedian kann dieser aufgewärmten Popkultur-Reminiszenz durchaus etwas abgewinnen, er flegelt sich sympathisch durch ein als Prolog angedachtes Verbrechen, bevor der wahre Plot erst so richtig losgeht. Dann, ja dann erfreuen wir Kinder der Achtziger uns an den nostalgischen Elektrobeat-Klängen eines Harold Faltermeyers, die so unverkennbar Videothekencharme atmen, etwas aufgepeppt durch zeitgemäßere Sound-Würzungen. Doch es scheint auf den ersten Blick, dass im Flow der Krimikomödien-Dramaturgie vieles ganz gut zusammenpasst. Erst dann, wenn Beverly Hills als Klischee-Parade wie aus der hierzulande enervierenden Lutz Möbelhaus-Kampagne das ganz so wie seine Hauptfigur stagnierende Image einer zeitlosen Glamour-Parade präsentiert, fallen einem dramaturgische Schnitzer in den Schoß, die die abgekaute Problematik korrupter Polizisten so austauschbar sein lässt wie so mancher Spruch der Quasselstrippe.

Denn Axel Foley, der ist schließlich Vater einer längst erwachsenen Tochter, die als Juristin pro Bono einen angeblichen Copkiller vertritt. Diese Tochter, die will vom schnippischen Papa eigentlich nichts wissen, hat der doch jahrelang nichts von sich hören lassen. Dem Unwillen des Nachwuchses zum Trotz schneit der Bulle aus Detroit dennoch vorbei, und zwar aufgrund der Bitte eines alten Kollegen, des Sidekicks Judge Reinhold, der, nunmehr Privatdetektiv, einem ordentlichen Korruptionsfall auf der Spur ist – und plötzlich verschwindet. Auch wenn die Familie dysfunktional erscheint – Foley Senior und Tochter müssen sich zusammenraufen, um Kevin Bacon, der einen aus allen Poren nach Bösewicht stinkenden Drogenfahnder abgibt, das Handwerk zu legen.

Wirklich viele Unterschiede zu Actionfilmreihen wie zum Beispiel Bad Boys gibt es nicht. Nur anstatt zu zweit durch Dick und Dünn zu gehen, schiebt sich Eddie Murphy, unterstützt durch farblose Sidekicks (erschreckend dröge: Joseph Gordon-Levitt), durch den Sumpf verbrecherischer Machenschaften. Der Plot ist dabei so abgetragen wie die jahrzehntelang in Verwendung befundene Uniform eines Streifenpolizisten. Allerdings wäre das Konstrukt eines Neuaufgusses oder Da Capo-Filmchens wie dieses zu retten gewesen, hätte sich Mark Molloy und seine Drehbuchautoren an einem Konzept orientiert, welches in der Peter Falk-Krimireihe Columbo regelmäßig zum Einsatz kam: Die Schmackhaftmachung der Story. Wie wir wissen: Jeder Columbo beginnt damit, den Mordfall als solchen zu zeigen und damit die Verbindung der Zuseher mit den Figuren der Episode zu verknüpfen. Bei Peter Falk selbst braucht das keiner mehr machen. Bei Axel Foley sowieso auch nicht. Hätten die Macher dieses Films als einführende Sequenz jene Szene inszeniert, auf welche die Story immer wieder Bezug nimmt, wäre Beverly Hills Cop: Axel F. um Straßenschluchten interessanter geworden – obendrein griffiger, substanzvoller und nicht so austauschbar. Wen juckt schon ein Umstand, den man durch Hörensagen erfährt. Also bleibt der Fokus auf den Popkultur-Bausteinen und der nochmal aus dem Dämmerschlaf mobilisierten Originalbesetzung, die nur dazu da ist, um ihre Phrasen von damals zu wiederholen.

Ein leeres Stück solides Actionkino ist das geworden. Zwar unterlegt mit motivierendem Score, der Rest aber bleibt belanglos.

Beverly Hills Cop: Axel F. (2024)

Im Wasser der Seine (2024)

HAIE DER GROSSSTADT

7/10


ImWasserderSeine© 2024 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: XAVIER GENS

DREHBUCH: XAVIER GENS, YANNICK DAHAN, MAUD HEYWANG, YAËL LANGMANN

CAST: BÉRÉNICE BEJO, NASSIM LYES, LÉA LÉVIANT, ANNE MARIVIN, AURÉLIA PETIT, NAGISA MORIMOTO, SANDRA PARFAIT, AKSEL USTUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Die Zoologen, Hai-Experten und Wissenschaftler dieser Welt gehen auf die Barrikaden. Im Wasser der Seine von Xavier Gens ist Mist oberster Güte, da sei selbst Meg mit Jason Statham, so das Echo, noch logischer. Ehrlich wahr? Wie logisch kann Meg wohl sein, wenn Superactionhero Statham einem Megalodon ins Maul tritt und im Alleingang einer prähistorischen Naturgewalt die Leviten liest? Das ist genauso Edeltrash wie Im Wasser der Seine. Und am besten sind Hai-Horrorfilme genau dann, wenn sie genau das sind: hanebüchener Tierhorror jenseits der Verhaltensforschung, der seinen Zenit in Filmen wie Sharknado erreicht – denn gegen Sharknado ist Im Wasser der Seine ja fast schon akribisch recherchiertes Wissenschaftskino. Und auch wenn es das nicht ist – und natürlich ist es das nicht – gelingt Xavier Gens etwas Kurioses. In diesem wild fuhrwerkenden Szenario, das dazu steht, nicht der Realität entsprechen zu wollen, sondern eher einem irrealen Albtraum, dem man hat, wenn man rein intuitiv, impulsiv und subjektiv über Hai-Horror nachdenkt, finden Mako-Haie, die ja grundlegend auch dafür bekannt sind, zu den gefährlichsten Knorplern zu gehören, die wir kennen, ihren Weg in die Stadt der Liebe. Warum das so sein kann? Nun, die Evolution schläft nicht, und muss sich in Zeiten des Klimawandels, des Raubbaus der Meere und der sonstigen Unwägbarkeiten, die das Anthropozän so mit sich bringt, neu erfinden. Da kann es sein, dass sie auf Express umschaltet und Begebenheiten möglich macht, die Tierkundler zur Verzweiflung bringen.

Eine davon ist Sophie, gespielt Bérénice Bejo, die seit dem Neo-Stummfilm The Artist von Michel Hazanavicius kein unbeschriebenes Blatt mehr ist. Der Horrorthriller beginnt mit einem desaströsen Ausflug in den Pazifik, genau dorthin, wo der verstörende „Müllkontinent“ vor sich hintreibt. Vor der Kulisse eines Schandflecks, den wir Menschen verursacht haben, ist die Natur klarerweise mehr als gewillt, ein Exempel zu statuieren – und löscht Sophias ganzes Team aus. Besagter Mako-Hai hat zugeschlagen – ein dicker, fetter, großer. Genau dieser flosselt gemächlich und Jahre später in der Seine herum, gerade zu einer Zeit, als die Bürgermeisterin der Stadt einen Triathlon organisiert, der zum Teil auch in fließendem Gewässer stattfinden soll. Sophia und Polizeibeamter Adil (Nassim Lyes, bekannt aus Xavier Gens Actionfilm Farang) gehen haarsträubenden Gerüchten nach, da ja prinzipiell nicht sein kann, dass ein Räuber aus dem Salzwasser hier sein Unwesen treibt. Sie werden bald eines Besseren belehrt, und ein Wettlauf mit der Zeit bricht sich Bahn, während der Knorpler frühstückt, als gäb‘s kein Morgen mehr. Dieses Morgen allerdings, steht wirklich bald auf der Kippe.

Man sollte sich dieses Szenario selbst ansehen. Man darf sich wundern und an den Kopf greifen. Und dennoch macht Im Wasser der Seine insofern Laune, da es keinen Jason Statham gibt, der alles richtet. Doch immerhin: Die ignorante Bürgermeisterin, die Wissenschaftlerin, auf die keiner hört, die Öko-Aktivistin, die ihr eigenes Ding durchzieht – im Film wimmelt es von Stereotypen und Rollenklischees. Was diesen bewährten Mustern aber passiert, ist das Konterkarieren ihrer Selbst. Xavier Gens lässt sie alle bluten, es wirbeln Köpfe und Gliedmaßen, da gerät Deep Blue Sea zum Kindergeburtstag. Und der urbane Mensch, ob auf logischem Wege oder auch nicht, wird endlich mal wieder dorthin verwiesen, wo sein Platz ist. Und der ist nicht zwingend am Ende der Nahrungskette.

Im Wasser der Seine (2024)

The Power (2021)

STROMSPAREN FÜR ANGSTHASEN

5/10


thepower© 2022 capelight pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2021

REGIE / DREHBUCH: CORINNA FAITH

CAST: ROSE WILLIAMS, MARLEY CHESHAM, NUALA MCGOWAN, ANJELICA SERRA, SARAH HOARE, EMMA RIGBY, THEO BARKLEM-BIGGS, CHARLIE CARRICK U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Orte, an denen es spukt, sind meist jene, an denen jede Menge Leute zu Tode gekommen sind. Was kommt da sofort in den Sinn? Natürlich Krankenhäuser. Lars von Trier hat aus dieser einleuchtenden Prämisse eine ganze Serie kreiert, sie nennt sich The Kingdom – Hospital der Geister – dänisch, düster und grotesk. Als britische Antwort auf das Paranormale an einem Ort des Leidens und leider nicht Genesens könnte The Power herhalten, eine Independentproduktion und ein Film von Corinna Faith, die dieses Szenario auch selbst ersonnen hat. Kinoauswertung fand der Streifen keine, stattdessen durfte der Streamingdienst Shudder sein Portfolio durch einen Grusel aufpolieren, der mit Isolation, Traumata und der Angst vor dem Dunkel spielt, in welcher die eigene Fantasie gerne Streiche spielt und das seit Kindertagen vorhandene und nur leidlich unterdrückbare magische Denken fördert. In so einem Setting findet sich die Pflegeaspirantin Val (Rose Williams) wieder – reichlich ungelegen zu einer Zeit, als das Royal Imfirmary Hospital die meisten seiner Patienten längst woanders hin, in andere Stadtteile Londons, ausgelagert hat, da es hier, im Osten der Metropole, aufgrund von Arbeiterstreiks und Kosteneinsparungen der Regierung immer wieder zu systematischen Stromabschaltungen kommt. Der politische Hintergrund des Films ist keine Fiktion, sondern verifizierte Geschichte – diese rigorosen Einsparungsmaßnahmen gab es in den Siebzigerjahren tatsächlich. Während eines Energie-Lockdowns wie diesen muss dennoch manche Ordnung gewährleistet werden, so auch in besagter Klinik, die immerhin noch Langzeitpatienten zu betreuen hat, die nicht unbedingt an elektronischen Geräten hängen.

Val wird bereits zu Beginn ins kalte Wasser geworfen. Dunkelschichten werden ihr aufgebrummt, und nur mit einer Petroleumlampe ausgestattet, als befänden wir uns im vorigen Jahrhundert, muss sie durch finstere Gänge hindurch ihre Runden ziehen und nach dem Rechten sehen. Es wäre kein Horrorfilm, gäbe es in diesem Gemäuer nicht eine obskure Präsenz, die titelgebende Power – eine unheimliche Macht, die sich Val bemächtigen will.

Warum sie das will, das muss die angstgepeinigte junge Frau erst herausfinden, um vielleicht diesen Spuk loszuwerden, der ihr im Genick sitzt wie ein Nachtmahr. Und es ist ja nicht nur das Unerklärliche hier in diesem Krankenhaus – es sind auch die werten Kolleginnen und Kollegen, die denken, in der Anarchie der Dunkelheit und des Blackouts gäbe es keine sonst wie gearteten moralischen Regeln. Alles zusammengenommen ergibt The Power also einen altmodischen Grusel in blassen Bildern und mit vielen Schatten. Corinna Faith versucht mit allerlei Versatzstücken des Genres eine unmittelbare Stimmung zu erzeugen, die ihr Wirkung aus der Unberechenbarkeit des Mysteriösen bezieht – wenn sie das denn wäre. Doch The Power strengt sich in jeder Hinsicht an, ihren Schrecken in allen nur erdenklichen Aspekten zu begründen. Dieses Überkonstrukt an Deshalbs und Darums, diese eigene Furcht davor, Begebenheiten unerklärt zu lassen, denn es könnte ja ein Defizit im Storytelling sein, bremst The Power allzu oft aus.

The Power (2021)

A Killer’s Memory (2024)

WAS SICH ÄNDERN LÄSST UND WAS NICHT

6,5/10


akillersmemory© 2024 DCM Film Distribution

ORIGINALTITEL: KNOX GOES AWAY

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: MICHAEL KEATON

DREHBUCH: GREGORY POIRIER

CAST: MICHAEL KEATON, JAMES MARSDEN, AL PACINO, MARCIA GAY HARDEN, RAY MCKINNON, SUZY NAKAMURA, JOHN HOOGENAKKER, DENNIS DUGAN, JOANNA KULIG U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Was tun mit Demenz? Das Beste draus machen. Oder den eigenen Nachwuchs aus der Affäre ziehen. Während Michael Keaton sein Leben abhandenkommt, obwohl er nicht das Zeitliche segnet, tut er doch noch alles, um zumindest jene zu retten, die sich dank derselben Blutlinie zwar als Familie bezeichnen lassen, jedoch nicht wirklich viel für einen Mann übrighaben, der seinen Lebensunterhalt damit bestreitet, andere über den Jordan zu schicken. Denn Michael Keaton ist ein Mann fürs Grobe, ein pragmatischer Auftragsmörder, dessen Zerstreutheit und mangelnde Konzentration anfangs noch etwas ist, das man gut und gerne mit dem fortschreitenden Alter abtun hätte können. Leider Gottes folgt nach einem Besuch beim Arzt eine ganz andere Diagnose: Knox wird die Erinnerung an sein Leben verlieren, schließlich ist er an Creutzfeldt-Jacob erkrankt, einer Degeneration des Gehirns. Irgendwann, und zwar schon sehr rasch, wird das Ich verschwinden, klare Momente werden eine Seltenheit sein, bis auch diese dem Vergessen anheimfallen. Mit so einer Prognose muss man erstmal umgehen lernen, doch Knox scheint es wegzustecken. Wer anderen das Leben nehmen kann, wird wohl auch selbst das Eigene bereits freigiebiger aufgeben als jemand, der das Recht auf Leben und Leben lassen anders betrachtet.

In diesem Zustand des Übergangs klopft plötzlich sein Sohn Miles an die Tür, den Knox aus Gründen mangelnder Akzeptanz eines Killers in der Familie Jahrzehnte nicht mehr gesehen hat. Diesmal aber scheint selbst der Filius seinem Papa nachgeeifert zu haben, allerdings nur im Affekt. Den Vergewaltiger seiner Tochter scheint er auf dem Gewissen zu haben, mit mehreren Messerstichen hat er ihn zu Boden gestreckt. Was Papa da wohl richten kann? Und wie sehr könnte zur Lösung des Problems die eigene fortschreitende Demenz in die Hände spielen? Was folgt, ist ein routiniertes Kriminaldrama mit Anleihen an Christopher Nolans Memento, nur ohne dessen Rückwärtsgang, und des belgischen Thriller Totgemacht – The Alzheimer Case, natürlich in ganz klassischem Sinne, routiniert inszeniert von Michael Keaton selbst, der sich mit ausreichend Gespür für seine eigene Rolle als einen, der sich auflösen wird, in Szene setzt. Knox goes Away heisst sein Film übrigens im Original – was es wohl besser trifft als A Killer’s Memory ein viel zu austauschbarer Titel. 

Bemerkenswert an diesem mit jazzig-melancholischen Klängen unterlegten Krimi ist Keatons sichtliche Freude an der Freiheit, seine Figur so anzulegen, wie er sie selbst gerne hätte. Ein bisschen Bird- und Batman schwingen mit, Keaton orientiert sich in der Darstellung des Erkrankten natürlich auch an Klassikern des Gefühlskinos wie Zeit des Erwachens oder gar The Father mit Anthony Hopkins. Keaton ist ein gewinnender, charismatischer und in sich ruhender Darsteller, seine unaufgeregte, stets eher stoische Spielweise unterstreicht die Film Noir-Komponente. Mit pragmatischer Gelassenheit wägt seine Figur des John Knox das Unausweichliche und das Veränderbare gegeneinander ab. Doch manchmal etwas zu gelassen. Raffiniert ist dabei die zwar reichlich konstruierte, aber durchdachte Trickserei rund um die Vertuschung eines Mordfalls und das Legen falscher Fährten. Leerlauf hat A Killer’s Memory keinen, zu richtig großem Kino gereicht das auf den letztjährigen Toronto Filmfestspielen erstmals gezeigte Kriminaldrama trotz schillernder Sidekicks wie Al PAcino aber nicht. Keaton ist ein kleiner, aber komplexer Film gelungen, der den Umstand einer fatalen Erkrankung, die an sich schon für ein ganzes Drama reichen würde, fast ein bisschen banalisiert.

A Killer’s Memory (2024)

Atlas (2024)

J.LO IM CGI-GEWITTER

6/10


atlas© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: BRAD PEYTON

DREHBUCH: LEO SARDARIAN, ARON ELI COLEITE

CAST: JENNIFER LOPEZ, SIMU LIU, STERLING K. BROWN, MARK STRONG, LANA PARRILLA, GREGORY JAMES COHAN, ABRAHAM POPOOLA, ZOE BOYLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Eine Zeitenwende wie diese, in der wir uns gerade befinden, kommt niemals ohne Skepsis aus. Die Etablierung der KI ist dabei nur eine Frage der Zeit, und die Frage, ob gut oder schlecht für die Menschheit, eine offene. Vor Jahrzehnten schon hatte James Cameron diese seine Fiebervision von einem Killerroboter, der Menschen jagt, genannt der Terminator. Ausgebaut zu einem eigenen Filmuniversum mit wenig fruchtbaren Boden enthält dieses allerdings die Prämisse einer autarken, künstlichen Intelligenz, die sich gegen ihre Schöpfer auflehnt – genannt Skynet. Ja, so könnte es enden, dem Planeten an sich wäre es egal, weil Homo sapiens ohnehin am Ende der Nahrungskette steht oder irgendwo außerhalb selbiger. Uns selbst bereitet so ein Horrorszenario Kopfzerbrechen, und deswegen gibt es auch jenseits des Cameron-Franchise jede Menge Hightech-Grusel, die Roboter-Egomanen beinhalten, die sich nicht an Asimovs Regelwerk halten. Neuester Beitrag ist der auf Netflix erschienene Science-Fiction Film Atlas, wobei sich der Titel natürlich nicht auf die griechische Mythologie bezieht, sondern auf Jennifer Lopez, die im Film zwar nicht das ganze Firmement, aber immerhin genug Verantwortung tragen wird, was das Fortkommen der Menschheit betrifft. Atlas ist eine Koryphäe auf dem Gebiet Künstlicher Intelligenz, hält dieser aber weder für vertrauenswürdg noch berechenbar. Mit dieser Ablehnung dem Fortschritt gegenüber finden Jennifer Lopez und Regisseur Brad Peyton vor dem Bildschirm sicherlich jede Menge Gesinnungsgenossen, mehr noch als damals in den Achtzigern und frühen Neunziger. Skynet wurde damals noch belächelt, der neue Heerführer der Apokalypse, eine KI namens Harlan (Simu Liu), wird da schon anders betrachtet.

Dieser Schaltkreis-Schurke hat in einer nicht ganz so weit entfernten, aber doch in Anbetracht unseres tatsächlichen Status Quos völlig in den Sternen stehenden Zukunft einen globalen Vernichtungskrieg auf dem Gewissen. Nach dessen Niederlage zieht sich der Finsterling auf einen fremden Planeten zurück, um sich neu zu formieren. Wie er das bewerkstelligt hat, wird nicht näher erläutert, denn in dieser Zukunft ist selbst das Reisen in den Andromeda-Nebel, sprich in eine andere Galaxie, so einfach wie das Busfahren quer durch den Heimatbezirk. Die Ausgangssituation ist also alles andere als plausibel, da haben sich die Skriptautoren in kindlicher Fabulierlust allerlei Motive bedient, die ja ganz nett zusammenpassen und die vielleicht die angsterfüllte Skepsis jener aufgreifen, die in ganz anderen Dekaden hineingeboren wurden und schon beim Verlust des Wählscheibentelefons Wehmutsgefühle verspüren.

Zugegeben, es funktioniert. Trotz und vielleicht gerade wegen Superstar Jennifer Lopez, die ich wohl wirklich nicht als jemanden gesehen hätte, der sich in die Miniaturausgabe eines Pacific Rim-Kamproboters zwängt, um als Möchtegern-Actionheldin einem Overkill zu frönen, der sich von der Schwemme mäßig animierter Future-Action-Billigfilme mitreißen lässt. Es stellt sich die Frage, warum J.Lo diese Art Genrefilm denn nötig hat. Netflix und gutes Geld könnten die Antwort sein, auch, weil ihr Streaming-Eventfilm The Mother trotz durchwachsener Kritiken unschlagbar gute Zugriffszahlen aufwies. Ob Lopez in diesem Effektgewitter einen anderen Mehrwert sieht als nur den, als Superstar in der Spur zu bleiben? Dass die Sängerin, die gerne loud wird, auch schauspielern kann, hat sie vor Jahrzehnten schon in Steven Soderberghs Out of Sight bewiesen – immer noch ihre beste Rolle. Interessant ist, zu beobachten, wie sich die mittlerweile 54jährige Künstlerin bei einem Film ins Zeug legt, der in moralisch integrer Vorhersehbarkeit eigentlich jemanden wie sie nur als Lockvogel benötigt, um gut abzuschneiden.

Es scheint, als sähe J.Lo in ihrem Engagement mehr als nur das. Anfangs scheint es noch so, als wäre sie fehl am Platz. Mit verstrubbelter Montagmorgen-Frisur und asozialem, bisweilen als hölzern durchgehenden Gebaren ihren CO-Stars gegenüber könnte man gar einen Film vermuten, der irgendwann zu trivial wird. Als Expertin, die sich an einer Mission beteiligt, um Harlan dingfest zu machen, mag sie nur bedingt glaubwürdig sein. Wenn sie dann aber auf einem wilden Planeten landet und auf Gedeih und Verderb mit einer KI namens Smith paktieren muss, die vorgibt, dass das Vertrauen in diese keine verlorene Liebesmüh darstellt, überzeugt die Dame dann doch mit situationsadäquater Verzweiflung, mit Wut und Verlustangst.

Atlas (2024)

Wolfsnächte (2018)

SO FINSTER DIE WILDNIS

6,5/10


wolfsnaechte© 2018 A24 / Netflix


ORIGINALTITEL: HOLD THE DARK

LAND / JAHR: USA 2018

REGIE: JEREMY SAULNIER

DREHBUCH: MACON BLAIR, NACH DEM ROMAN VON WILLIAM GIRALDI

CAST: JEFFREY WRIGHT, RILEY KEOUGH, ALEXANDER SKARSGÅRD, JAMES BADGE DALE, MACON BLAIR, JONATHAN WHITESELL, JULIAN BLACK ANTELOPE, ERIC KEENLEYSIDE, SAVONNA SPRACLIN U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Dass in den Wäldern Nordamerikas längst finstere Mächte ihre Spiele spielen und den vulnerablen Geist der den Gesetzen der Natur unterworfenen Bewohnern ordentlich zusetzen, ist nicht erst seit dem Mystery-Serienjuwel Twin Peaks bekannt. Dass Homo sapiens in der Einschicht des Waldes und der Wildnis zu Entsetzlichem fähig ist, durfte Burt Reynolds am eigenen Leib erfahren, da er unter John Boormans Regie beim Sterben der erste war. Im Fahrwasser dieser finsteren Backwood-Ausgeburten ächzen mittlerweile jede Menge geistige wie körperliche Missgeburten seelenquälend durchs Gehölz, auch das Necronomicon findet sich in einer Hütte im Wald. Es zu lesen, entfesselt nichts Gutes. In dieser Finsternis aus allerlei Abgründen und bedrohlicher Waldesruh darf man als Wanderer durch den Tann natürlich nicht vergessen, dass auch die lokale Tierwelt gerne mal zu Eskapaden neigt. In diesem Fall sind es Wölfe, und ja, Isegrim ist auch in Österreich wieder auf dem Vormarsch, sehr zum Leidwesen diverser Viehhöfe, die gar nicht mehr damit nachkommen, ihre Schafe und Lämmer zu Grabe zu tragen. Der Wolf tut dabei nur das, was er tun muss. Ihn abzuschießen, ist längerfristig wohl keine gute Lösung – es wäre wegen dem Arterhalt. Wenn sich dann aber – wie in Jeremy Saulniers Horrorthriller Wolfsnächte – der Wolf an einem Menschen vergreift, ist es Schluss mit lustig. Ein kleiner Junge wird vermisst, der Spross der sonderbaren Medora Sloane, die den Wolf-Experten Russel Core (Jeffrey Wright) inständig darum bittet, der Sache nachzugehen und ihren Jungen wiederzufinden, wurde er doch zuletzt beim Spielen am Fluss gesehen, um kurz darauf vom Erdboden verschluckt zu werden. Für Core ein sonderbarer Umstand, doch er erklärt sich bereit, den „Maneater“ aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Was er dabei entfesselt, sind eingangs erwähnte archaische Mächte, das Öffnen eines Tores in eine metaphysische Welt, in der Mensch und Tier plötzlich gar nicht mehr so verschieden sind, in welcher der Instinkt und nicht der Verstand über Taten entscheidet. Die überdies erschreckend sind.

Im Gegensatz zu Wolfsnächte sind The Grey mit Liam Neeson oder Mörderischer Vorsprung mit dem legendären Sidney Poitier ja fast schon wie winterliche Pauschalabenteuer. Jeremy Saulniers Verfilmung des Thrillers von William Giraldi ist zwar längst nicht so verspielt albtraumartig wie das, was in David Lynchs Kleinstädtchen Twin Peaks passiert, dafür aber sind die Bandagen um einiges fester angelegt – und konkreter. Alexander Skarsgård will dabei ähnlichen Schrecken verbreiten wie sein Bruder Bill als Pennywise. Dieser Vernon Sloane ist zwar nicht das Böse höchstselbst, dafür aber besessen von archaischen Dämonen. Und nicht nur er: Riley Keough, Enkelin von Elvis und Priscilla Presley, begegnet der feuchtkalten Winterstimmung Alaskas mit unheilvollen Maskenmotiven aus uralten indianischen Mythologien. Vieles ist finster und bedrohlich in dieser vollmundigen, phantastisch angehauchten Mystery. Und dennoch lässt die manische Überlegenheit – wenn nicht gar Überheblichkeit – der mit den Schattenseiten der Natur im Bunde stehenden Figuren eine gewisse Unzufriedenheit hochkommen. Demgegenüber steht die bedauernswerte Ohnmacht einer desillusionierten, mit allen Mitteln eine gewisse Ordnung gewährleistenden Provinz-Gesellschaft, die dem verheerenden Zynismus krimineller Ausgeburten wenig entgegensetzen kann. Man selbst als Zuseher fände das eine oder andere Mal weitaus effizientere Lösungen mit weniger Kollateralschäden, und die Gewissheit, es letztlich besser gemacht haben zu können, und verbunden mit der Wut auf diese Arroganz der Bösen, die glauben, mehr zu wissen als der Rest der Welt, bleibt die Faszination für diesen durchaus nihilistischen Düsterthriller endenwollend. Man würde sich wünschen, die Finsternis eines besseren zu belehren. Eine Sehnsucht, die leider nicht gestillt wird.

Wolfsnächte (2018)

Argylle (2024)

COME ON, LET´S TWIST AGAIN!

6,5/10


Argylle© 2024 Apple TV+


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE: MATTHEW VAUGHN

DREHBUCH: JASON FUCHS

CAST: BRYCE DALLAS HOWARD, SAM ROCKWELL, HENRY CAVILL, BRYAN CRANSTON, CATHERINE O’HARA, SAMUEL L. JACKSON, JOHN CENA, ARIANA DEBOSE, DUA LIPA, SOFIA BOUTELLA, RICHARD E. GRANT, TOMIWA EDUN, STANLEY MORGAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Bryce Dallas Howard hat längst bei mir einen Stein im Brett. Das liegt wohl weniger daran, dass die Tochter des Regie-Veteranen Ron Howard in den letzten Jurassic World-Filmen allerhand Abenteuer überstehen hat müssen. Das liegt für mich als Star Wars-Fan der ersten Stunde wohl daran, dass die Dame verantwortlich zeichnet für die eine oder andere Episode des Mandalorian und sie somit ihre Liebe für das epische Franchise bewies. Weit weg von Science-Fiction und Dinosauriern, aber immer noch im Bereich unmöglicher Fiktion, darf Howard in Matthew Vaughns neuem Film, der hierzulande in Österreich nicht mal in den Kinos lief, zu einer Art Joanne K. Rowling des Spionageromans werden – zu einer freundlichen, etwas biederen, aber ideenreichen Autorin namens Elly Conway, die gerne Lesungen gibt und einen Roman nach dem anderen zum Bestseller werden lässt. Argylle nennt sich ihr Superagent, im monochrom-futuristischen Zweiteiler und mit einem Bürstenhaarschnitt, der an die Frisuren der Achtziger gemahnt. In diese dankbare Rolle schlüpft Henry Cavill, diesmal glattrasiert und mit Sinn für Humor und Selbstironie. Ihm zur Seite steht einer wie John Cena im Hawaiihemd – beide erleben ein Abenteuer, das tatsächlichen Ereignissen frappant ähnelt. Was zur Folge hat, dass eine Geheimorganisation namens Division, angeführt von „Walter White“ Bryan Cranston, hinter ihr her ist. Oder besser gesagt, hinter Agent Aidan Wilde, gespielt von Sam Rockwell, der zu wissen glaubt, warum Conways Geschichten so authentisch klingen. Seine Aufgabe ist es nun, die Autorin, die nicht weiß, wie ihr geschieht, vor den Zugriffen der sinistren Bande zu schützen.

Man weiß, wie Agentenfilme ablaufen. Alle Klischees, Versatzstücke und Stereotypen sind seit James Bond, der Dr. No gejagt hat, hinreichend bekannt. Und parodiert wurde das Ganze auch schon. Ob Mike Myers grenzdebile Austin Powers-Reihe, Rowan Atkinson als Johnny English oder Jean Dujardin Als Agent 0SS 117 – im Grunde wäre alles schon gesagt, alles durch den Kakao gezogen und alle Plot-Holes bereits verlacht: Matthew Vaughn legt zwar nicht unbedingt eins drauf, und erfindet das Rad auch nicht neu, parodiert aber in erster Linie jenes Must Have des Genres, das als Plot-Twist die Handlungen in neue Richtungen lenkt. Statt Vaughn selbst hat Jason Fuchs das Drehbuch verfasst, dieses wiederum beruht auf einem Roman, dessen Pseudonym tatsächlich Elly Conway lautet – der Verdacht, Taylor Swift hätte das ganze geschrieben, löste sich aber bald in Luft auf. Mit diesem Stoff, so Vaughn, könnte man den Agentenfilm in neue Dimensionen befördern. In Wahrheit aber ist Argylle vor allem eins: ein Twist-Gewitter ohne Rücksicht auf Verluste oder gar inhaltlicher Notwendigkeiten, die zu diesen Wendungen führen. Das macht aber nichts, in Filmen wie Argylle muss nicht alles hinterfragt werden, denn zum Glück nimmt weder das ganze Start-Ensemble des Films als auch Matthew Vaughn auch nur im Entferntesten die Sache ernst. Ob es Apple dabei genauso geht, in Anbetracht des mageren Einspielergebnisses an den Kinokassen? Dies mag der Grund dafür sein, dass der Konzern den Film in manchen Ländern gleich direkt streamen lassen wird. Ob es Fortsetzungen geben wird? Auch das ist fraglich.

Dem Unterhaltungswert der turbulenten Actionkomödie, die im Universum von den Kingsmen angesiedelt ist und im Minutentakt die Karten neu mischt, tut das eigentlich keinen Abbruch. Argylle ist pures, knallbuntes Zickzack-Entertainment ohne Tiefgang, dafür aber rasant, kurzweilig und so heillos übertrieben, dass es manchmal richtig weh tut. Als PR-Vehikel für den unlängst ausgegrabenen Beatles Song Now and Then könnte die eigentliche Legitimität des Films beinhalten – und zugegeben, die Einarbeitung in den Score gelingt. Katzenliebhaber kommen ebenfalls auf ihre Kosten, denn Elly Conways Stubentiger, halb animiert, halb Live-Act, ist stets mit dabei. Der Rucksack mit dem Bullauge, in dem das Haustier herumgetragen wird, hat das Zeug zum Kult-Accessoire.

Argylle (2024)

Still: A Michael J. Fox Movie (2023)

HALLO MCFLY, JEMAND ZU HAUSE?

7/10


stillmichaeljfox© 2023 Apple TV+


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: DAVIS GUGGENHEIM

IM INTERVIEW MIT: MICHAEL J. FOX

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Als ob es ihm wichtig wäre angesichts seiner Popularität: Dieser Mann genießt ohne Ablaufdatum mein Wohlwollen. Selten hat ein Sympathieträger wie er das Film- und Fernsehgeschehen so aufgemischt wie der ewige Junge aus der Nachbarschaft – und damit ist nicht Spiderman gemeint, denn Tom Holland punktet zwar ebenfalls mit einer gewissen Natürlichkeit, kommt aber an den one and only Michael J. Fox einfach nicht heran. Ehrlich gesagt: Das tut niemand. Hätte ich die Chance, mit einem Hollywood-Star befreundet zu sein, dann wüsste ich, es wäre er. Ich wüsste, er wäre es auch, wäre er nicht berühmt. Und auch wenn diese fiese Krankheit genannt Parkinson ab den Neunzigern sein Leben und seine Präsenz auf der Leinwand maßgeblich eingeschränkt hat: Unterkriegen lässt er sich davon bis heute nicht.

Diese Lust am Leben vermittelt interessierten Zusehern das exklusiv auf Apple TV+ erschienene, abendfüllende und dokumentarische Portrait eines aufgeweckten „Marty McFly“, der sein ganzes zurückliegendes Leben mit Staunen und ironischem Humor betrachtet. Natürlich bleibt bei Filmen wie diesem die Frage offen: Will Michael J. Fox nur so gesehen werden, wie ihn alle kennen, um ein für alle Mal mit Mutmaßungen und pressetauglichen Fehlinformationen reinen Tisch zu machen – oder lebt er dieses Jetzt-erst-recht-Motto tatsächlich?

Die besondere Kunst des Michael J. Fox lag immer darin, sein sich für ihn begeisterndes Publikum wissen zu lassen, dass das, was er vor die Kamera bringt, ungefähr jener Mentalität gleichkommt, die der Mann auch im Privatleben anwendet. Schließlich gibt es auch Koryphäen des Unterhaltungsfachs wie zum Beispiel Robin Williams, der die Komödien der Achtziger und Neunziger prägte, der aber auch ernst konnte – und tatsächlich aber, und vor allem in den späteren Jahren, wohl ein zutiefst unglücklicher Mensch gewesen sein muss, der seinem Leben durch die eigene Hand ein Ende setzte. Hier in Österreich brachte in den 60er und 70er-Jahren einer wie Maxi Böhm ganze Auditorien durch humorvolle Improvisation zum Brüllen – letztendlich starb er an gebrochenem Herzen. Michael J. Fox macht deutlich, dass gerade seine Authentizität in diesen Dingen, die Mitnahme seines Weltempfindes auf die Leinwand und ins Fernsehen, ihn deshalb so resilient gegenüber allen Widrigkeiten des Lebens werden ließ – und sei es auch das Handicap einer schweren Schüttellähmung, die eisernes physiotherapeutisches Training erfordert und einen unbändigen Willen, so zu bleiben, wie er immer war, zu sich zu stehen und es auszuhalten bis zum Ende, das noch lange nicht kommen muss. Schließlich ist Michael J. Fox nicht allein, hat er doch, und das zeigt Davis Guggenheim auf fast schon idealisierte Weise, die Beständigkeit einer treuherzigen Familie hinter sich.

Unter solchen Bedingungen lässt sich der Blick zurück auf eine Zeit, als alles noch wirklich richtig gut war und der eigene Körper das machte, was er tun soll, auch aushalten. So nimmt sich Dokufilmer und Serienmacher Davis Guggenheim, dessen von Al Gore moderierte Warnung Eine unbequeme Wahrheit 2006 schon in weiser Voraussicht den Klimawandel thematisierte, genug Zeit, um mit den im Geiste junggebliebenen und scharfsinnigen Kultschauspieler über Gewesenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges zu philosophieren. Der Werdegang, die ganze Karriere und der Ruhm, der ihm auch nie zu Kopf gestiegen war, erzählt sich schließlich wie das Soll eines Hollywood-Traums, angefangen von der Sitcom Family Ties (hierzulande bekannt unter Familienbande) bis zu den legendären Auftritten zu den Jahrestagen von Zurück in die Zukunft, gemeinsam mit Freund Christopher Lloyd. Solche Momente rühren dann doch, und zur Gänze schönreden lässt sich die missliche Lage eines gequälten Körpers dann auch nicht mehr. Michael J. Fox nimmt sie hin, er zeigt, was Sache ist, er zeigt auch, dass Parkinson nicht mit Alzheimer zu verwechseln ist. Er zeigt, dass er will, und meistens sogar kann. Er macht auch klar, dass das, was die Habenseite ausmacht, viel mit Zufriedenheit zu tun hat. Immer noch mehr zu wollen wäre fatal, also wählt Fox den Weg der Akzeptanz und des Stolzes. In Still: A Michael J. Fox Movie müssen Taschentücher nicht griffbereit liegen, niemals ergeht sich dieser sich selbst so achtende Öffentlichkeitsmensch in Selbstmitleid. Man könnte Guggenheims Film auch als Suche nach einer Form des Glücks betrachten – nach jenem der Fülle. Die Pro- und Contra-Liste von Fox‘ Leben ist lang, doch nur in einer der beiden Spalten häufen sich lebensbejahende Argumente, die ihm keiner mehr nehmen kann. Nicht mal Parkinson.

Still: A Michael J. Fox Movie (2023)

Lohn der Angst (2024)

LASTERHAFTE WÜSTENSAFARI

1,5/10


lohnderangst2© 2024 Netflix Inc.


ORIGINALTITEL: LE SALAIRE DE LA PEUR

LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: JULIEN LECLERCQ

DREHBUCH: HAMID HLIOUA, NACH DEN SKRIPT VON GEORGES ANAUD

CAST: FRANCK GASTAMBIDE, ALBAN LENOIR, ANA GIRARDOT, SOFIANE ZERMANI, BAKARY DIOMBERA, ASTRID WHETTNALL, ALKA MATEWA, SARAH AFCHAIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Lohn der Angst könnte man angesichts dieser filmischen Arbeit auch ganz anders interpretieren: Lohnt es sich denn, trotz Furcht vor einer bereits in den ersten Filmminuten auf Verdacht prognostizierten Niete weiter dranzubleiben? Ähnliches denke ich mir, als Julien Leclercqs Verwurstung eines fast schon selbstfahrenden Action-Plots, weil so absurd und radikal, über den Flachbildschirm flimmert. Zu sehen sind knochenharte Französinnen und Franzosen, die Nerven wie Stahlseile besitzen und, verfolgt von hasserfüllten Abziehbild-Terroristen, wie man sie in Wüstengegenden Nordafrikas oder dem Nahen Osten eben anzutreffen glaubt, um ihr Leben brettern, das ihnen selbst wohl wenig wert zu sein scheint, da sie so tun, als wären sie Dolph Lundgren, Jean-Claude van Damme oder Arnold Schwarzenegger. Als wären sie Sly Stallone mit seiner Entourage an Söldnern aus der Expendables-Reihe, die nichts zu fürchten brauchen, außer, dass ihnen vielleicht der Himmel auf den Kopf fallen könnte, wären sie denn gläubig.

Wie mit Charakteren mitfiebern, die selbst nicht fiebern, und dass trotz eines ihnen auferlegten Himmelfahrtskommandos? Mal sehen, was aus ihnen wird, im Laufe der Handlung. B-Film-Schauspieler Franck Gastambide gibt einen Möchtegern-Jason Statham, dem, so wird behauptet, viel daran liegt, die Familie seines Bruders und auch den Bruder selbst in Sicherheit zu bringen. Letzterer, Sprengstoffexperte außer Dienst, sitzt wegen der Geldgier des anderen im Knast. Für einen Spezialauftrag winkt dem zum Handkuss gekommenen Bruder völlige Straffreiheit plus das nötige Kleingeld, um woanders neu anzufangen. Natürlich, als stoische harte Socken, wie sie alle sind, und die nichts und niemand mehr erschüttern kann, machen alle mit. Auch Ana Girardot (nicht verwandt mit Annie Girardot) als die Verkörperung weiblicher Härte mit Lust auf Entspannungssex ohne Bedeutung, die gleich zu Beginn des Films mal zeigt, wie der Hase rammelt, ist mit von der Partie. Sie müssen – das wissen wir aus Henri Clouzots Klassiker und William Friedkins Remake aus den Siebzigern – kiloweise Nitroglyzerin über unwegsames Gelände rund 800 Kilometer an ihren Zielort bringen, um eine brennende Ölquelle zum Versiegen zu bringen, die, würde sie weiter lodern, ein ganzes von Flüchtlingen besiedeltes Areal in den Untergang reißen wird. Sie haben dafür zwanzig Stunden Zeit, und die bösen Terroristen sitzen ihnen im Nacken, die gleichzeitig auch die Exekutive eines x-beliebigen Klischee-Militärstaates verkörpern.

Als ob die Eindämmung der Katastrophe nicht auch im Interesse der Schurken wäre, doch solcherlei zu hinterfragen, davor hütet sich Leclercq genauso wie vor dem menschlichen Drama, welches der eigentliche Katalysator, der feurige Antrieb für einen Actionthriller wie diesen sein sollte. Lohn der Angst führt sich selbst ad absurdum, weil es all die Laufzeit lang darauf verzichtet, seine Helden Angst empfinden zu lassen. Abgesehen davon, dass das schauspielerische Engagement gerade mal für einen soliden B-Movie-Reißer reicht, dessen Macher nur wollen, dass innerhalb des prognostizierten Zeitfensters alles im Kasten ist, was im Kasten sein muss, um keine Unkosten zu haben, ist das Trio viel zu abgebrüht und hartgesotten, um auch nur eine Sekunde lang nicht imstande zu sein, diese hochexplosiven Flüssigkeiten auch im Knight Rider-Boost völlig problemlos an ihren Zielort zu bringen. Die Steine, die Leclercq ihnen in den Weg streut, sind lediglich Kieselsteine, die vielleicht im Schuh drücken – mehr nicht. Wie wenig man die Spannungsschraube anziehen, wie lustlos die Fahrt über holpriges Gelände gestaltet werden kann, auf welchem es nicht mal eine Hängebrücke gibt, die in Friedkins Version ein szenisches Highlight darstellt, zeigt dieser Fehlversuch einer Neuinterpretierung, deren Gefahrenguttransport sich so packend gestaltet, als wäre man auf einer frisch asphaltierten Autobahn unterwegs, und nur die statistische Wahrscheinlichkeit eines Auffahrunfalls verursacht die notwendigen Schweißperlen auf der Stirn.

Lohn der Angst (2024)

In the Land of Saints and Sinners (2023)

DAS VOLKSLIED VOM GUTEN KILLER

5/10


landofsaintsandsinners© 2023 Samuel Goldwyn Films


LAND / JAHR: IRLAND 2023

REGIE: ROBERT LORENZ

DREHBUCH: MARK MICHAEL MCNALLY & TERRY LOANE

CAST: LIAM NEESON, KERRY CONDON, JACK GLEESON, COLM MEANEY, CIARÁN HINDS, SARAH GREENE, DESMOND EASTWOOD, NIAMH CUSACK, CONOR MACNEILL, SEAMUS O’HARA U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN 


Liam Neeson zur Abwechslung mal im Original genießen? Sein Irland-Thriller In the Land of Saints and Sinners, der exklusiv statt im Kino auf Amazon Prime startet, bietet die passende Gelegenheit, auf die originale Tonspur umzustellen, wirkt doch die deutsche Synchronisation so sehr dem dargestellten Szenario, dem Setting und dem Plot entgegengesetzt, dass es kaum aushaltbar scheint, Neeson im gelangweilten, generischen Theaterdeutsch dabei zu begleiten, wie er zum wiederholten Male und diesmal auf heimischem Boden finstere Gesellen auseinandernimmt, um endlich, und das auch zum wiederholten Male, seinen Ruhestand zu genießen. Liam Neeson ist mit seinen über 70 Lenzen vorrangig Action-Opa mit Ermüdungserscheinungen, die seine Filmgegner oft als Schwäche auslegen und damit den Iren mit dem markanten Profil stets unterschätzen. Gerade dieser Drang zur Bequemlichkeit und das Zelebrieren selbiger entfacht in Neeson ungeahnte Aggressivität ohne Kommentarfunktion. Einer wie er muss eben tun, was getan werden muss. Und ein bisschen mehr. Nur nicht so viel, damit Neeson seine Rollenfindung nicht schwieriger gestalten muss als notwendig.

Es ist wie Autofahren: Einsteigen, zünden, losfahren, wenn geht noch mit Automatik. Ungefähr so sind Liam Neesons Rollen angelegt. Und leicht zu stemmen. Zwischendurch gibt es Ausreißer, ganz besondere Rollen, wie jene des Jesuiten in Marton Scorseses Silence – dabei ist der Durchbruch des Schauspielers einer dem derzeitigen Genre-Profil völlig konträr gelegenen Performance zu verdanken – die des Oskar Schindler. Demnächst soll er ja in die Fußstapfen von Leslie Nielsen treten, wenn die Kanone wieder nackt sein darf, und zwar als Frank Drebin. Das könnte gelingen. Und den Mann ins Komödienfach katapultieren, wo er sich selten herumtreibt.

Blacklight, Memory, Marlowe, RetributionIn the Land of Saints and Sinners ist endlich mal ein Filmtitel, der nicht nur mit einem Einzelwort daherkommt. Das lässt sich völlig unreflektiert mit höherem Anspruch konnotieren. Vielleicht auch, weil das übrige Ensemble mit Ciarán Hinds, Colm Meaney und der oscarnominierten Carrie Condon erlesen besetzt ist. Und wenn man genauer hinsieht, lässt sich in einer tragenden Nebenrolle auch Game of Thrones-Ekelkönig Jack Gleeson erkennen, der als zappeliger Killer-Kollege von Neeson durchaus Profil hat.

Etwas weniger davon hat das akzentschwache Thrillerdrama aber selbst, und da kann auch der ganze schillernde Cast nichts dafür, wenn Rollen zu besetzen sind, die wenig Tiefe besitzen. Die aus dem Kontext ihrer Vita herausgerissen scheinen und leider oft nur Schablonen sind, auch wenn sie so tun, als würden sie an ihre Grenzen gehen. Robert Lorenz tut das nicht. Robert Lorenz ist einer, der erst spät ins Regiefach gewechselt und davor all die Filme unter Clint Eastwoods Regie produziert hat. Da Clint Eastwood altersmäßig nur mehr bedingt mitzieht und als Action-Opa bald auch nicht mehr durchgeht, entspricht Liam Neeson noch am ehesten dem Profil des im Spätsommer des Lebens angekommenen, doch immer noch wehrhaften Selbstjuristen. So wurde dieser bereits in Lorenz‘ The Marksman besetzt, als uramerikanischer Hüter der Grenze zu Mexiko. Ein einschläfernder Film übrigens, und man kann von Glück sagen, dass dieser irische Möchtegern-Abgesang auf hemdsärmelige Männer fürs Grobe diesem Dämmerzustand des Vorgängers nicht ganz so folgt.

Zwar liegen diesem bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführten Werk fremdenverkehrstaugliche Ambitionen zugrunde, die die grüne Insel von ihrer landschaftlich bemerkenswerten Seite zeigen – sonst jedoch wagt In the Land of Saints and Sinners keinerlei Hürden zu nehmen, die es aus einem Einheitsbrei lokalkolorierter Unterwelt-Dramen hervorheben würden. Martin McDonagh, verantwortlich für das bitterbös-schwarzhumorige Freundschaftsdrama The Banshees of Inisherin, hätte deutlichere Kontraste gesetzt als Robert Lorenz. Dieser fürchtet vielleicht, Liam Neeson in seinem Image zu kompromittieren. Von daher fehlt, ziehe ich das Resümee, reichlich Substanz für einen anfangs zwar geschickt konstruierten, im Laufe seiner Handlung aber sich selbst verwässernden, dank der gern gesehenen Gesichter aber ganz netten Irland-Western ohne nennenswerter Spitzen, die wohl den entsprechenden Eindruck hinterlassen hätten.

In the Land of Saints and Sinners (2023)