Criminal Squad 2 (2025)

ÜBER DEN DÄCHERN VON… NIZZA?

6/10


© 2024 Constantin Film Verleih GmbH / Rico Torres


ORIGINALTITEL: DEN OF THIEVES 2: PANTERA

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: CHRISTIAN GUDEGAST

CAST: GERARD BUTLER, O’SHEA JACKSON JR., MEADOW WILLIAMS, JORDAN BRIDGES, EVIN AHMAD, SWEN TEMMEL, MICHAEL BISPING, SALVATORE ESPOSITO, ORLI SHUKA U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Das Genre des Buddy-Actionfilms hat einen langen Atem – derzeit mischen immer noch Martin Lawrence und Will Smith die Szene auf, früher waren das mal Eddie Murphy und Nick Nolte oder Mel Gibson und Danny Glover. Christian Gudegast gestaltet seinen abenteuerlichen Eventkrimi allerdings anders. Bei ihm sind es ein abgehalfterter Bulle wie er abgehalfterter nicht sein kann – und ein Gauner, der sich seit dem ersten Zusammentreffen in Criminal Squad 2018 wohl nicht oft hat bitten lassen müssen, diversen Genüssen zu frönen. O’Shea Jackson ist mittlerweile ein formatfüllender Brummbär mit Goldkette und Sonnenbrille, man möchte meinen, man hätte es mit einem arroganten Unsympathler zu tun, der sich später aber liebgewinnen lässt, weil er keinen Brutalo darstellt, sondern nur einen talentierten Gentleman, der bei Danny Ocean mitmischen könnte und der weiß, wie man wo an die große Beute gelangt. In Criminal Squad hat sich Gerard Butler dabei die Zähne ausgebissen. Big Nick, der verwahrloste Anti-Cop mit dem ungepflegten Äußeren, der gerne unschön wird, hat sieben Jahre später die Suche nach seiner Nemesis immer noch nicht aufgegeben. Dafür aber alles, was im Privaten Bestand haben sollte, verloren. So uferlos und haltlos der Mann auch sein mag, es reicht immer noch für den Ehrgeiz, den offenen Fall zu Ende zu bringen. Er erfährt, dass dieser Donnie an einem Coup in Antwerpen dabei war, bei welchem ein teurer Klunker aus einem Privatjet gestohlen wurden. Ein so ein fettes Steinchen gehört eigentlich der sardischen Mafia – wie sich später herausstellen wird, war das keine gute Idee, sich gerade diesen wertvollen Gegenstand im Zuge eines martialischen Täuschungsmanövers unter der Nagel zu reißen.

Alles trifft sich letztlich in Nizza – oder in einer Stadt, die im Film vorgibt, Nizza zu sein. Man weiß doch: diese Stadt an der Cote D’Azur hat Glamour und Charisma, die Reichen und Schönen treffen sich dort genauso wie in Cannes oder Monaco. In Criminal Squad ist Nizza aber eine auf mediterranen Karsthügeln errichtete Ansiedlung von schlichten Gebäuden, denen das gewisse Etwas fehlt – vom schmucken Boulevard am Meer, das man ohnehin nie sieht, ganz zu schweigen. Dieser generische Ort also beherbergt eines der wohl – zumindest laut Film – am besten bewachten Gebäuden in Europa. Auch das ist lachhaft, wenn man Filme wie Mission: Impossible kennt. Ein paar Monitore, ein paar Überwachungskameras und eine Handvoll Belegschaft, die lieber das Darby guckt als ihrem Job nachzugehen, entspricht jedem größeren Bankeninstitut. Es reicht aber für Christian Gudegast, O’Shea Jackson und Gerard Butler einzuschleusen, denn letzterer hat zwar den Most Wanted Man gefunden, will aber mit ihm und seinen Oceans Five gemeinsame Sache machen. Die werden angeführt von einer äußerst charismatischen Schauspielerin, nämlich der Schwedin Evin Ahmad – ein Casting-Schachzug, der sich bezahlt macht. Und selbst in Ahmads Gegenwart wird der grobschlächtige Butler dann doch noch ein bisschen wie ein kleiner James Bond, der zwischen den Stühlen sitzt und gerne wäre, was er nicht sein kann.

Criminal Squad 2 entspannt, unterhält und hat – und damit macht er schon vieles richtig – keinen nennenswerten Leerlauf. Es verhält sich auch so, dass man sich an dieses ungleiche Buddy-Duo doch noch gewöhnt, denn sie passen auf ihre Art gleichermaßen zusammen und auch nicht, eine erquickende Ambivalenz lässt sich hier finden. Den richtigen großen Wow-Effekt besitzt der Film damit aber nicht. Von allem mag gerade genug vorhanden sein, um sich am Ende einer Arbeitswoche von anspruchsloser, aber solider Thrillerkost berieseln zu lassen. Im Nachhinein soll es gerade noch keine verlorene Zeit gewesen sein.

Criminal Squad 2 (2025)

Don’t Move (2024)

BEWEGUNG IST LEBEN

7/10


DON’T MOVE© 2024 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: BRIAN NETTO, ADAM SCHINDLER

DREHBUCH: DAVID WHITE, T. J. CIMFEL

CAST: KELSEY ASBILLE, FINN WITTROCK, DANIEL FRANCIS, MORAY TREDWELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Es gibt doch dieses gruselige körperliche Phänomen, und ich weiß, es ist kein Phänomen, sondern fühlt sich nur so an als wäre es eines – nämlich das der Schlafparalyse. Die Muskeln des Körper sind, während wir träumen, sozusagen lahmgelegt. Manchmal kommt es vor, dass man nur halb aus einem Traum erwacht und eigentlich schon aufstehen will, doch es funktioniert nicht, denn diese Lähmung hält an. Meist geht das einher mit verstörenden Halluzinationen und auch mit Panik, bis sich langsam, aber doch, der Zustand normalisiert. Was ich damit sagen will: Bleibt einem die Bewegung versagt, auch wenn man noch so gerne aktiv werden will, dann ist das ein Albtraum. Oder ein Wachtraum. Oder ein Film namens Don’t Move. Denn dort passiert genau das: Eine Frau wird eines Tages von einem Serienkiller fast schon im wahrsten Sinne des Wortes aufs Kreuz gelegt – mit anderen Worten: paralysiert. Das passiert mit einem Mittelchen, dass die gesamte Muskulatur außer Gefecht setzt. Wie das lähmende Gift eines Kugelfischs, und der ist beileibe nicht die einzige Spezies aus dem Tierreich, die solche Mechanismen gegen ihre Feinde an den Tag legt. Diese Frau also, Iris heisst sie, weiß gar nicht, wie ihr geschieht, als sie eines Morgens, um den Kopf freizubekommen und um ein tragisches Schicksal, das ihr als Mutter wiederfahren ist, einen Schritt weiter zu verarbeiten, auf einen frühmorgendlichen Wanderer trifft. An sich nichts besonderes, denn es heisst ja: Im Frühtau zu Berge und so weiter und so fort.

Dieser Mann, zuerst voller Verständnis für die Gemütslage von Iris, die an diesem Morgen an dieser Klippe in der Wildnis ihr Innerstes offenbart, entpuppt sich als Psychopath par excellence, der seine Opfer gerne willenlos macht, um sich andernorts an ihnen zu vergehen. Pfui Teufel, kann man da nur sagen, und als Iris davon erfährt, hat sie das Zeug zwar intus, schafft  es aber zumindest noch einige Meilen durch den Wald, bevor ihr langsam die Motorik versagt. Zuerst die Beine, dann die Arme, dann überhaupt die Wahrnehmung. Wir ihr der Killer bereits prognostiziert hat: Irgendwann ist es dann auch mit der Atmung dahin, würde sie nicht ein Antiserum injiziert bekommen, das sie zumindest Luft holen lässt.

Der knackige, auf Zug inszenierte 90-Minüter Don’t Move präsentiert sich als spät im Jahr erschienenes Thriller-Highlight auf dem Streamer Netflix. Im Thriller-Genre ist schließlich alles schon mal dagewesen – ein Bus, der nicht langsamer werden darf, ein Jason Statham, der seinen Pulsschlag nicht unter ein gewisses Level bringen darf, mal steckt Ryan Reynolds im Sarg oder zwei Freundinnen auf einer kleinen Plattform in schwindelnder Höhe wie in Fall. Die Idee, die Protagonistin zu paralysieren und ihr dennoch die Chance zu geben, sich wie auch immer gegen den Aggressor zu wehren, ist ein kluges Gedankenspiel, straff umgesetzt als Survivalthriller der anderen Art, der weniger die Tücken der Natur herausfordert als die Tücken des menschlichen Körpers, um bewusst zu machen, wie sehr es notwendig ist, in Bewegung zu bleiben und wie sehr man sich selbst bewusst machen soll, was für ein Geschenk man genießt, hat man noch alle Extremitäten voll funktionstüchtig im Alltag im Einsatz.

Beim Mitfiebern in Don’t Move ertappt sich das Publikum selbst dabei, wie es körperlich mitgeht. Und weiß, zumindest aus Träumen, wie es ist, nicht vom Fleck zu kommen, obwohl man möchte. Mit diesem Horror spielen Brian Netto und Adam Schindler auf originelle, perfide und auch augenzwinkernde Weise. Die Unzulänglichkeiten und das, was man intuitiv und improvisatorisch daraus macht, ist die eigentliche Sensation des Films, wobei Kelsey Asbille (Yellowstone, Fargo) in Finn Wittrock ihre Nemesis gefunden hat – und umgekehrt. Klein und gemein präsentiert sich dieser morgendliche Ausflug, Wittrock darf so richtig fies sein, Asbille so richtig ihren Grips benutzen, um ihr Überleben zu sichern. Die moralische Tendenz des Films ist früh aus dem Sack, es ist bald sehr wahrscheinlich, wohin sich die Sache entwickeln wird und wem die Gunst des Schicksals natürlich gewogen bleibt und wem nicht. Dieser Zickzackkurs ist vorhersehbar, nicht aber das Wie. Und dieses Wie ist es dann auch, was Don‘t Move als sehenswertes, physisch eingeschränktes, aber psychisch in die Vollen gehendes, ungeahnte Kräfte mobilisierendes Duell so interessant macht.

Allerdings ist der im Befehlston gehaltene Titel Don’t Move bei genauerer Betrachtung irreführend. Schließlich geht es niemals darum, stillzuhalten.

Don’t Move (2024)

Azrael – Angel of Death (2024)

DER WALD ALS KREIS DER HÖLLE

7/10


Azrael© 2024 IFC Films

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: E. L. KATZ

DREHBUCH: SIMON BARRETT

CAST: SAMARA WEAVING, VIC CARMEN SONNE, NATHAN STEWART-JARRETT, SEBASTIAN BULL SARNING, EERO MILNOFF, VINCENT WILLESTRAND, PHONG GIANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 25 MIN


Was sich in den Wäldern alles abspielt, das will man gar nicht wissen. Ähnlich wie im Weltraum hört dich dort genauso wenig jemand schreien, der nicht gerade Holz fällt, Pilze sammelt, mit dem Bike durchs Gelände radelt oder forstliche Pflichten erfüllt. In den Tiefen der Wälder herrscht Anarchie, da gibt es kein Gesetz, nur jenes der Botanik, doch das tangiert den Menschen nicht, es sei denn, er verfängt sich im tropischen Dickicht, denn dort kann es deutlich gefährlicher werden als in den gemäßigten Breiten, wo sich vielleicht Bären und Wölfe an Menschen vergreifen, was wiederum seltener vorkommt als kolportiert. Es kann aber auch sein, dass, und da nehme ich mal an, deutlich häufiger, der Mensch des Menschen Wolf verkörpert – so gesehen im teuflischen Survivalschocker Azrael, der in einer unbestimmten, vielleicht postapokalyptischen Zukunft spielt, doch da legt sich der Film keinesfalls fest.

Wer Erklärungen und Ursachen für all das hier erwartet, was in knapp 80 Minuten erlebbar wird, muss sich darauf einstellen, den Symptomen eines Mysteriums zu folgen, in dessen Zentrum ein bekanntes Gesicht ums Überleben kämpft. Wir wissen, Samara Weaving hat längst Erfahrung darin, mordlüsternen Verfolgern zu entwischen. Sie hat sogar Erfahrung darin, wenn es sich dabei um die angeheiratete Familie handelt. Ready Or Not von Tyler Gillett und Matt Bettinelli-Olpin bläst zum Halali auf die Braut, und dabei geht es mit augenzwinkernd schwarzem Humor und einem Quäntchen charmantem Zynismus zur Sache. Dieser Humor, diese überzogene Leichtigkeit, lässt sich in Azrael nicht finden. Wie denn auch. Azrael selbst gilt zumindest im Islam als Engel des Todes, im Film ist es der Name einer wortlosen Protagonistin, die in einer wortlosen Welt kreuz und quer durch die Wildnis hirscht, auf der Flucht vor den Mitgliedern einer ebenfalls dem Schweigegelübde unterworfenen Gemeinschaft, die in der jungen Frau das ideale Opfer sieht für etwas ganz anderes, was den Wald beherrscht: Dunklen, ekelhaften, hässlichen Kreaturen, beurlaubt aus Dantes Hölle oder von Hieronymus Boschs gewalttätig-gotischen Bibelgemälden suspendiert. Sie sehen aus, als wären sie tatsächlich dem Feuer entstiegen, verbrannt, verkohlt und dürstend nach Menschenfleisch. Der Wald ist ihre Spielwiese, und wenn man sie nicht besänftigt, läutet die Mittagsglocke.

Wem der Plot nun zu dünn erscheint, mag mit seiner Kritik daran bald genauso verstummen wie (fast) alle, die in diesem Horror mitwirken. Auf dem Drehbuch von Simon Barrett (u. a. V/H/S) basierend, entwickelt Regisseur E. L. Katz einen zügellosen, ungemein archaischen Spießrutenlauf, der auf jegliche Dialoge verzichtet und die wilde Welt des Waldes als Vorhölle darstellt, in der die Bedrohlichkeit einer obskuren Esoterik-Sekte den gierigen Kohlemännchen, die da zwischen den Bäumen umherflitzen, um nichts nachsteht. Was die Anarchie noch verstärkt, ist die explizite Gewalt, literweise Blut und radikaler Naturalismus. Azrael ist eine Art Experiment, ein deftiges rohes Steak, ungewürzt und blutig, mit den Händen verschlungen und mit der Lust, noch mehr von dieser rohen Kraft zu vertilgen. 

Konsequent bis zum Ende, bietet Azrael allerdings nicht viel Abwechslung. Dafür aber auch keinerlei Langeweile oder Leerlauf. Das Phantastische ist stets das Böse, am Ende gibt’s den großen Twist wie bei M. Night Shyamalan. Die Welt erfährt dabei aber keinerlei Absolution. Vielleicht ist das ganze nur das Vorspiel für den Anfang vom Ende. Ein apokalyptischer Genuss, den man fast schon fühlt. Als würde man nackt durch dorniges Dickicht laufen.

Azrael – Angel of Death (2024)

Rebel – In den Fängen des Terrors (2022)

ABENTEUER DSCHIHAD

6,5/10


Rebel© 2022 Busch Media Group

LAND / JAHR: BELGIEN, LUXEMBURG, FRANKREICH 2022

REGIE: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH

DREHBUCH: ADIL EL ARBI & BILALL FALLAH, KEVIN MEUL, JAN VAN DYCK

CAST: ABOUBAKR BENSAIHI, LUBNA AZABAL, AMIR EL ARBI, TARA ABBOUD, YOUNES BOUAB, KAMAL MOUMMAD, FOUAD HAJJI, NASSIM RACHI U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Im Zuge gewaltiger Umbrüche und kriegerischer Aktivitäten im Nahen Osten ist nun auch das passiert: Syrien ist frei, frei von der Folterdiktatur eines Assad, der nun in Russland bei Busenfreund Putin Zuflucht sucht. Die Rebellen müssen nun zu einer gewissen Ordnung übergehen, die ein Staat benötigt, um zu funktionieren. Das Vorhaben wäre nicht möglich, hätten die bösen Buben des Islamischen Staats noch Gebietsansprüche zu vermelden.

Die Situation war in Syrien mal anders, und bildet auch den politischen Hintergrund eines engagierten Actionthrillers, der aber nicht nur Wüstensand aufstauben und bärtige Finsterlinge herumballern lassen will, sondern versucht, einen mehr oder weniger glaubwürdigen Einblick in den Alltag von Dschihadisten zu gewähren, die keinen Widerspruch darin sehen, westliche Errungenschaften dafür zu nutzen, dem verhassten Westen, und nicht nur dem, die Hölle heiß zu machen. Rebel – In den Fängen des Terrors beschreibt den IS als ein hierarchisch geprägtes, militantes Gebilde, in dem nicht wenige dazu gezwungen werden, dieses Spiel des Terrors mitzuspielen. Einer davon ist der in Belgien lebende Rapper und Social Media-Star Kamal (Aboubakr Bensaihi), der sich gezwungen sieht, zum Wohle der Allgemeinheit den Kriegsopfern in Syrien Beistand zu leisten. Also reist er, bewundert vom jüngeren Bruder Nassim, an den Ort des Geschehens – und wird, ehe er sich versieht, vom Islamischen Staat zwangsrekrutiert. Durch seine Fähigkeiten im Umgang mit dem Medium Film findet sich Kamal als begleitender Reporter bei terroristischen Einsätzen wieder. Was er nicht weiß: Sein Bruder bewundert ihn und hat ebenso vor, sich der Terrormiliz anzuschließen, wird er doch von sogenannten „Bekannten“ Kamals, die mit den Warlords in Syrien in Verbindung stehen, entsprechend manipuliert. Letztlich obliegt es der Mutter selbst, ihre beiden Söhne aus der Vorhölle herauszuholen. Doch die Lage spitzt sich zu, und für Kamal gibt es bald kein Zurück mehr.

Die erschütternde Chronik einer Familie, die in die Brüche geht, bleibt ein Hintergrundrauschen. Das Drama mag an die Nieren gehen, hätten die Belgier Adil El Arbi und Bilall Fallah darauf verzichtet, Kriegsreportern gleich vorzugsweise am Schlachtfeld mitzumischen, um die spektakulären Spitzen eines Heiligen Krieges einzufangen. Bei den beiden weiß man schließlich, woher der Wind weht. Auf ihre Kappe gehen die letzten beiden Sequels des Bad Boys-Franchise: Launige Actionkomödien im aalglatten Hollywood-Stil und auf befriedigende und unterhaltsame Weise schwarzweißgemalt. Dieser Wind aus dem Actionfilm-Genre weht auch zu Rebel hinüber, einem gekonnt plakativen Spektakel voller Thrill, Kriegsgeheul und militärisch-hierarchischer Problemagenda. Als überraschende Intermezzi, die das Geschehen von der harten Realität abstrahieren sollen, dienen Show- und Tanzeinlagen, die vielleicht auf den ersten Blick irritieren, im Nachhinein aber durchaus ins Gesamtbild passen.

Alles fühlt sich an, als wäre Jack Ryan nicht weit weg, denn vorrangig dient das Abenteuer, und hat es eine auch noch so grimmige Prämisse, zur spannungsreichen Unterhaltung. Filme wie diese haben, sofern sie sich in ihrem Werteverständnis klar positionieren, durchaus ihre Berechtigung. Rebel – In den Fängen des Terrors ist ein perfekt komponierter Kriegsfilm und leidenschaftliches Popcornkino mit effekthartem Blick auf die Weltpolitik und ihre fatalen Wucherungen. Dabei stürzt es sich tief in die deutlich zur Schau getragenen Empfindungen seiner Protagonisten.

Rebel – In den Fängen des Terrors (2022)

September 5 (2024)

DABEI SEIN IST ALLES

6,5/10


september5© 2024 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2024

REGIE: TIM FEHLBAUM

DREHBUCH: TIM FEHLBAUM, MORITZ BINDER

CAST: JOHN MAGARO, BEN CHAPLIN, LEONIE BENESCH, PETER SARSGAARD, COREY JOHNSON, RONY HERMAN, GEORGINA RICH, ZINEDINE SOUALEM, MARCUS RUTHERFORD U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Zeiten ändern sich. Am 11. September 2001 waren die Kameras bereits überall – fast so, als hätte man sie vorab in Position gebracht, um aus allen möglichen Blickwinkeln das Einstürzen der Twin Tower spektakulär genug festzuhalten. Die Geburtsstunde der Sozialen Medien ging dann mit dem taktischen Werbebewusstsein sämtlicher Terroristen einher, ihre Bekennerbotschaften, Parolen und Morde allesamt abzufilmen und online zu stellen. Bei den IS gibt es immer wen, der die ganzen Gräuel aufzeichnet. Damals, im Jahre 1972, war das noch nicht der Fall. Da hatten die mit Skimasken verhüllten Verbrecher noch keinerlei Ambition, ihre Taten medienwirksam in Szene zu setzen. Vielleicht aber interpretiere ich falsch und die Organisation des Schwarzen September kalkulierte den Ehrgeiz sämtlicher Fernsehsender, die sich um das olympische Dorf in München niedergelassen hatten, mit ein, jede Sekunde des Geschehens in eine Live-Show zu verpacken. Das Team des Sportkanals von abc war es dann schließlich auch, das im Nachhinein Fernsehgeschichte schrieb und es erstmals gelang, einen Terrorakt wie diesen vor laufender Kamera geschehen zu lassen.

Natürlich obliegt den Journalisten nicht die Verantwortung, eine Situation wie diese zu lösen. Dafür gibt es Verhandler, die Polizei, das Militär, den Geheimdienst. An diesem fünften September scheint es allerdings so, als wären Spezialisten für Situationen wie diese landesweit auf Urlaub, und nur das Fernsehen wäre imstande, entsprechend rasch zu reagieren. Keine hundert Meter vom Schauplatz des Geschehens fallen dann am Morgen des besagten Tages Schüsse, die nicht nur von Dolmetscherin Marianne Gebhardt, gespielt von Leonie Benesch (Das Lehrerzimmer), gehört und gleichsam richtig interpretiert werden. Was tut ein Nachrichtensender in diesem Fall? Er mobilisiert alles, was er hat, um Bad News wie diese ins Programm zu bringen. Unter der Führung des Fernsehproduzenten Roone Arledge erhält der aufstrebende Redakteur Geoffrey Mason, der sich schließlich profilieren will, die Regiegewalt über eine Ausnahmesituation, die sich so unberechenbar anfühlt wie eine Naturkatastrophe. Entsprechend hektisch, hastig und angespannt wird es an diesem Tag und der darauffolgenden Nacht auch zugehen.

Der deutsche Regisseur Tim Fehlbaum, der zuletzt den sehenswerten dystopischen Science-Fiction-Film Tides ins Kino brachte, orientiert sich am Genre des dokumentarischen Journalismus-Thrillers, wie ihn einst Alan J. Pakula (u. a. Die Unbestechlichen) inszeniert haben mag. September 5 fühlt sich in Folge wohl eher wie ein Film an, der nicht nur von den frühen Siebzigerjahren berichtet, sondern womöglich auch damals und zwar genauso hätte gedreht werden können. Die Ausstattung, das Setting, das Gefühl eines Zustands weit vor dem Informationszeitalter, das die Welt nachrichtentechnisch um vieles kleiner machen wird, geben ein immersiv-stimmiges Bild ab. Unterstützt wird dieser Stilwille vorallem auch durch eine Menge authentischen Bildmaterials, denn alles, was man auf den Fernsehschirmen sieht – mit Ausnahme des Moderators von abc – sind Filmdokumente von damals. Dadurch rückt September 5 näher an das Genre der Dokumentation heran. Und als ob dieser Fokus auf die wahren Geschehnisse aus der Sicht des Nachrichtenjournalismus nicht schon ausreichend eng gezogen wären: die Idee, das Ganze als Kammerspiel umzusetzen, macht das Szenario noch kribbelnder und panischer. Auf engstem Raum stauen sich nun Informationen und Emotionen, Druck, Stress und hundertzehn Prozent Aufmerksamkeit. Die Akkuratesse und die Anstrengung einer Live-Show, in der Anweisungen im Stakkato niederregnen und alle möglichen Leute für alles mögliche eingeteilt werden, während niemandem auch nur die kleinste Entwicklung der Geschehnisse entgehen darf – angesichts dieses unter Strom stehenden Arbeitsklimas schwirrt einem bald selbst der Kopf. Die vielen Namen, die vielen Wendungen, die vielen Fronten – Fehlbaum bündelt sie alle irgendwie und bricht sie auf ein Ensemble herunter, das im geschulten Teamwork miteinander synergiert.

Die Kritik an der Moral der Nachrichten und dem damit einhergehenden Missbrauchs menschlicher Katastrophen zum Nutzen der Quote kommt allerdings zu kurz. Ob die Terroristen zufälligerweise auch sehen, was abc in seiner Live-Show fabriziert, ist nur eine von wenigen hinterfragenden Überlegungen zur journalistischen Arbeit. Alles andere ist Berichterstattung, verständlicher Ehrgeiz, aber niemals die Absicht, mutwillig, für den eigenen Erfolg, die Lage zu verschlimmern oder gar über Leichen zu gehen. Übersehen lässt sich vielleicht so manche Grauzone, durch den Willen zur Information treibt manche Beteiligte zur Reflexion über das eigene Tun zwar etwas spät an, aber besser als nie. Dass das Drama von München 1972 derart eskalierte, lag wohl eher an der Überforderung der Behörden und an der Ratlosigkeit, mit Terror umzugehen. Somit ist September 5 keine Medienschelte wie Reporter des Satans, Network oder Nightcrawler – sondern schlicht und ergreifend ein emotionaler, aber akribisch aufgearbeiteter Tatsachenbericht ohne erwähnenswertem Tiefgang.

September 5 (2024)

The Last Stop in Yuma County (2023)

DYING IN THE DINER

7/10


laststopinyumacounty© 2024 Pandastorm Pictures


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: FRANCIS GALLUPPI

CAST: JIM CUMMINGS, JOCELIN DONAHUE, RICHARD BRAKE, NICHOLAS LOGAN, FAIZON LOVE, MICHAEL ABBOTT JR., GENE JONES, ROBIN BARTLETT, SIERRE MCCORMICK, CONNOR PAOLO U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Wir alle erinnern uns noch an die längst zum Kult gewordene Szene, mit welcher der Klassiker Pulp Fiction sein episodenhaftes Schauspiel eröffnet: Pumpkin und Honey Bunny finden sich als Bonnie & Clyde-ähnliches Räuberpaar in einem Diner wieder, um diesen auszurauben. „Everybody be cool, this is a robbery“ – so tönt Bill Roth durch den Konsumationsbereich. Nimmt man diese Szene und löst sie los von ihrem Film, variiert sie und nutzt sie als Prämisse für einen ganz anderen, dann könnte so etwas ähnliches entstehen wie The Last Stop in Yuma County, ein versteckt im Retail-Segment verbratenes kleines Juwel von einem Thriller, der die Faktoren Isolation, Abhängigkeit und einen begrenzten Spielraum für sich nutzt, um den Plot wie ein reißfestes Spinnennetz über eine von Gott verlasse Tankstelle am Rande von New Mexiko zu spannen – bevor es weitergeht nach Kalifornien, einem Bundesstaat, wo alle hinwollen. Denn in New Mexico hat keiner was verloren, das ist nicht erst seit Breaking Bad bekannt. Was aber, wenn die letzte Tankstelle für die nächsten hundert Meilen kein Benzin mehr hat, und der Tank des eigenen Autos gefährlich leer? Ums Auftanken kommt man nicht drum rum, also heisst es warten, bis der versprochene Nachschub eintrifft. Was aber, wenn der Tankwagen auch nicht kommt, sondern irgendwo auf dem Weg hierher im Straßengraben liegt, während der Treibstoff ins Erdreich plätschert?

Davon weiß keiner was, weder der Tankstellenbetreiber, der aus seinen wenigen Quadratmetern nicht herauskommt, noch die Bedienung im Diner, die hübsche Charlotte. Noch der verhaltensauffällige Handelsvertreter ohne Namen oder das ältere Ehepaar, dass die Mehlspeise des Tages konsumiert, um die Wartezeit nicht nur mit einem Nickerchen totzuschlagen. Sie alle warten. Und es wäre eine langweilige Warterei, wenn da nicht an diesem Tag auch noch ein Raubüberfall stattgefunden hätte und das Fluchtauto mit – wie kann es anders sein – leerem Benzintank ebenfalls hier parken muss. Die beiden zwielichtigen Kriminellen ändern den Status Quo der idyllischen Diner-Tristesse natürlich grundlegend. Was folgt, ist ein Geiseldrama als Kammerspiel, eine knackige sozialpsychologische Belastungsprobe, in die sich auch noch die Provinzpolizei mischt, die wohl den Polizeifunk nicht richtig abgehört hat.

Autorenfilmer Francis Galluppi hat sich zweifelsohne von den Werken Quentin Tarantinos inspirieren lassen, allerdings auch von den Arbeiten Sidney Lumets oder Ben Wheatleys. Die Betonung liegt dabei auf „inspirieren“, denn Galluppi trägt der blutigen Situationsironie seinen eigenen verqueren Stempel auf. Das liegt vorallem an den undurchschaubaren Charakteren, die sich hier versammeln. Jim Cummings als Salesman ist ohnehin nicht zu trauen, den jungen ungestümen und bewaffneten Turteltauben, die an Harrelson und Lewis aus Natural Born Killers erinnern, ebenso wenig. Selbst die Alten könnten anders sein, als sie vorgeben. Nur Charlotte hinter dem Tresen hofft hier noch auf die Harmonie eines ereignislosen Tages in der Gluthitze der Wüste, wenn das Standoff jedes Mal um neue, unerwartete Ereignisse oder Personen ergänzt oder reduziert wird. Faktoren wie Aktion und Reaktion unter Zeitdruck oder menschliche Verhaltensmuster in Ausnahmesituationen führen eine Dynamik herbei, von der man schon erwartet, dass alles in einem großen Knall enden muss. Und man ertappt sich dabei, wie erwartungsvoll man dem Desaster entgegenfiebert.

Als hundsgemeine Sarkasmusperle lässt sich The Last Stop in Yuma County genüsslich empfehlen. Galluppi lässt einen bescheidenen kleinen Weltuntergang über ein Nirgendwo hereinbrechen, der gleichsam überrascht und drohende Erwartungen erfüllt.

The Last Stop in Yuma County (2023)

Heretic (2024)

WER GLAUBT, STIRBT SELIG

5,5/10


heretic© 2024 Plaion Pictures


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: SCOTT BECK & BRYAN WOODS

CAST: HUGH GRANT, SOPHIE THATCHER, CHLOE EAST, TOPHER GRACE U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Über Gott und Religion lässt sich lang und breit und scheinbar endlos diskutieren. Noch dazu ist es ein Thema, zu welchem ich mich nicht lange bitten lasse, um meinen Senf dazuzugeben. Ich hoffte schon, dass Anthony Hopkins als Sigmund Freud und Matthew Goode als Narnia-Schöpfer C. S. Lewis das diskussionsentfachende Thema mitsamt seiner Essenz aufs Tapet bringen würden. Der Film Freud – Jenseits des Glaubens war allerdings eine Enttäuschung. Denn gerade dann, wenn es verbal spannend wurde, quälten den Psychoanalytiker seine gesundheitlichen Gebrechen. In die Tiefe ging dieses Wortduell nie. Dafür aber lässt sich in Heretic genau das finden, wofür in Freud eben kein Platz mehr war: Den Diskurs um Gott, Glaube und Religion, ausgetragen von einem desillusionierten und geläuterten Theologen namens Mr. Reed, der im enthusiastischen Präsentationswahn naiven Gläubigen Gott behüte nicht die Leviten liest, diesen aber anhand gewiefter Anschauungsbeispiele so manche Glaubenssätze auszutreiben gedenkt. Während in Morton Rues Die Welle ein ehrgeiziger Lehrer versucht, anhand eines Selbsttests die Entstehung eines faschistoiden Systems zu veranschaulichen, macht ein besserwisserischer Zyniker ganz ähnlich die Probe aufs Exempel, um herauszufinden, wie leicht oder wie schwer es sein mag, aus dem Stand eine Instant-Glaubensgemeinschaft mit Wundern, Prophezeiungen und Leidenswegen zu errichten. Diesen Mr. Reed gibt ein völlig gegen das Image besetzter Hugh Grant, der im Endeffekt alles andere besser kann als den Charmeur in irgendwelchen RomComs zu spielen.

In Guy Ritchies The Gentlemen war er als linker Hund schon großartig, in Heretic legt er in Sachen Süffisanz und Subversion noch eins drauf. Mit Sicherheit aber ist dieser Mr. Reed kein Antagonist im herkömmlichen Sinn. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten: Er ist gar keiner. Obwohl Hugh Grant im Interview mit cinema behauptet hat, in seiner Rolle das höfliche Gehabe gegenüber den beiden jungen Mormoninnen, die da in sein Haus schneien, um ihre Gemeinschaft zu bewerben, nur vorzutäuschen: Die Figur des Mr. Reed ist im Grunde eine, die ihre Überzeugung genauso lebt wie ihr Gegenüber. Höflichkeit und gelebte Diskussionskultur sind daher auch kein Grund, um nicht auch unorthodoxe Pläne zu schmieden. Dieser Anstand ist also ernst gemeint – und klar, Mr. Reed verbiegt die Wahrheit gerne zu seinen Gunsten, wenn es zum Beispiel darum geht, die Haustür nicht mehr öffnen zu können, da sie einem zeitgesteuerten Mechanismus unterliegt. Doch im Grunde verfolgt er eine Agenda, die all jene remissionieren soll, die missionieren wollen.

Das sind also die beiden Schwestern Barnes und Paxton, die während eines herannahenden Schneesturms das traute Heim eines Gelehrten aufsuchen, um diesen zu belehren. Der aber macht das, was alle religiösen Türklopfer dieser Welt womöglich fürchten: Er sucht die Diskussion. Es braucht dann auch nicht viel, um Religion als das zu enttarnen, was sie eigentlich ist. Dass man dafür das Gesellschaftsspiel Monopoly unterstützend heranziehen kann, beweist Heretic in einer seiner besten Szenen. Die erste Hälfte des Films ist es auch, die das Zeug hat, das Genre des intellektuellen Horrorfilms innovativ zu erweitern. Denn manchmal reicht nur die Wucht einer Performance, wie sie Hugh Grant hinlegt, und ein ausformuliertes Skript, dass es wirklich wissen will. Als Kammerspiel wäre Heretic schließlich spannend genug – als reines Wortduell, welches den Horror der Widerlegung eines Gottes bereits in sich trägt. Doch leider wollen Scott Beck und Bryan Woods (u. a. 65 bzw. mitverantwortlich für das Skript zu A Quiet Place) mehr – obwohl das alles schon genug wäre. Sie wollen einen Horror bemühen, der in drastischeren Bildern lediglich nachkaut, was sowieso schon durchexerziert wurde.

Vergessen wir all die schleichende Suspense der ersten Hälfte. Als wäre man in einem Escape Room für die Frommen, konstruieren die beiden Filmemacher ein Psychospiel ohne Überzeugungskraft. Beklemmende Kellerparty und gespenstische Gestalten, dazu die Stimme Grants aus dem Lautsprecher, um die beiden gemarterten jungen Frauen durch ein Exempel zu führen, dass sich so umständlich anfühlt wie eine Liturgie auf Latein. Der Rest passt dann auch nicht mehr zu Mr. Reeds Charakterbild, obwohl Grant versucht, seine Rolle konsequent durchzuspielen. Es gelingt ihm auch, selbst Sophie Thatcher und Chloe East sind motiviert genug, durch die Hölle zu gehen. Die Conclusio am Ende der blutigen Bibelrunde birgt dann aber eine Erkenntnis, die, um sie zu erlangen, den ganzen um die Ecke gedachten Zinnober nicht gebraucht hätte. Das Wort hätte Wirkung genug gehabt.

Heretic (2024)

Die Saat des heiligen Feigenbaums (2024)

DAS SYSTEM ENTWAFFNEN

7/10


saatdesheiligenfeigenbaums© 2024 Films Boutique / Alamode Film


LAND / JAHR: IRAN, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: MOHAMMAD RASOULOF

CAST: MISSAGH ZAREH, SOHEILA GOLESTANI, MAHSA ROSTAMI, SETAREH MALEKI, NIOUSHA AKHSHI, REZA AKHLAGHI, SHIVA ORDOOEI U. A.

LÄNGE: 2 STD 48 MIN


Wenn Filmemachen weitaus mehr bedeutet, als nur zu unterhalten und den großen Reibach zu lukrieren, hat das meistens etwas mit einer politischen Agenda zu tun – einem stark motivierten Ansinnen, einen Missstand in die Welt hinaus zu posaunen, der nur darauf wartet, behoben zu werden. Das Medium Kino hat dabei ordentlich Stimme, lauter noch als es Bücher vermögen. Lauter noch, als es in nüchterner und objektiver Sicht die Korrespondenz eines Nachrichtensenders zuwege bringt. Denn dort, wo die allgemeinen Fakten enden, beginnt das Einzelschicksal. Und womit nur lassen sich Verbrechen greifbarer schildern als anhand eines Anschauungsbeispiels, einer Probe aufs Exempel innerhalb des Systems Familie. Sie wird in Die Saat des heiligen Feigenbaums zum Versuchsobjekt und zur Metapher eines akuten gesellschaftspolitischen Dilemmas, das entsteht, wenn eine Nation es verabsäumt, agile Politik von statischer Religion zu trennen. Ersteres braucht Bewegung und Anpassung, um mit der Zeit und dem Willen des Volkes zu gehen. Zweiteres darf sich rühmen, auf ewig dieselben Gesetze zu verkünden, weil, so meint man, Gottheiten es so wollen. Oder noch besser: Weil Gottheiten es befehlen.

Beides, Politik und Religion, bringt man nicht zusammen. Was beide aber gemeinsam haben, ist, als Werkzeug für Macht und Kontrolle zu fungieren. Die Theokratie im Iran wird es niemals dulden, Frauen jene Freiheit einzuräumen, die es ihnen ermöglicht, in der Öffentlichkeit sie selbst zu sein. Grotesk ist es da schon längst, wenn der Hijab nicht sitzt und es Strafen regnet. Als staatliches Verbrechen muss man sehen, wenn die freie Meinung Tod und Verderben nach sich ziehen. Der Mensch ist auf die Dauer nicht dafür gemacht, derartige Ungerechtigkeiten zu erdulden. Was folgt, sind Demonstrationen, die immer mehr auf Widerstand stoßen. Und während der Widerstand wächst, wächst auch die Revolution – mit Worten, Gesten und unmissverständlichen Statements. Als die 22jährige Iranerin Jina Mahsa Amini von der islamischen Sittenpolizei verhaftet wird, weil ihr Kopftuch nicht richtig sitzt, und dabei ums Leben kommt, scheinen die Proteste kein Halten mehr zu kennen. In dieser Zeit, und das beschreibt nun Mohammad Rasoulofs Film, der im Geheimen gedreht und gerade noch fertiggestellt wurde, bevor der Filmemacher blitzartig das Land verlassen musste, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, wird Filmvater Iman (Missagh Zareh) zum Ermittlungsrichter befördert. Es winken ein größeres Heim, mehr Geld, mehr Ansehen und eine Dienstwaffe. Denn man weiß ja nie, was einem Richter widerfährt, der Demonstranten zum Tode verurteilen muss. Womit Iman nicht gerechnet hat, ist das Mehr an Verhaftungen, die es nun abzuarbeiten gilt. Und dabei sind nicht selten die Interessen anderen wichtiger als das humanitäre Recht des Angeklagten. Während dieses beruflichen Umbruchs muss Mutter Naijmeh (Soheila Golestani) ihren Töchtern einbläuen, sich von jedweder Demo fernzuhalten. Das wäre nämlich gar nicht gut für Papa, und sowieso ist die ganze Familie im Fokus des Regimes – kein Fehler darf erlaubt sein. Als wären diese Umstände nicht schon prekär genug, gewährt Tochter Rezvan (Mahsa Rostami) einer verletzten Demonstrantin Zuflucht, während Iman von heute auf morgen seine Pistole nicht mehr findet. Spätestens jetzt ist Gefahr im Verzug, denn der Verlust der Dienstwaffe würde zu Repressalien führen. Vielleicht auch zu Gefängnis.

Mohammad Rasoulofs Film ist alleine schon deswegen bemerkenswert, weil er andere Beweggründe nennt, um gemacht worden zu sein. Aufklärungsarbeit könnte man die Sache nennen, politisches Manifest und schmerzliches Gleichnis eines Überwachungsstaats, der seine Saat ausbringt, die an jene eines Feigenbaums erinnert. Und auch da wird klar: Ein Feigenbaum schafft es, seinem Wirt, um den er wächst, all seine Energie zu entziehen. Diese Form von Politkino rezitiert nicht nur Geschichte als betroffen machendes Abbild einer vielleicht vergangenen Notlage. Dieses Form von Politkino wird zum Instrument eines Aufstands, indem es deutlich macht, wie sehr die toxische Herrschaft des Ali Chamenei seine Paranoia schürenden Methoden bis in die letzten Winkel einer funktionalen Familie streut. Das System wuchert wie Schimmelpilz über den einzelnen und macht sich langsam und schleichend über den Patriarchen her, der, in die Ecke gedrängt, den politischen Horror übernimmt, um ihn gegen seine Liebsten einzusetzen.

Langsam, ganz langsam dreht Rasoulof den Schraubstock zu. Alltägliches wird zur Schandtat, deren Verursacher zur Rechenschaft gezogen werden muss. Immer tiefer dringt der Film in den Mikrokosmos von Vertrauen, Liebe und Gemeinschaft und korrumpiert so gut wie alle Werte, die dem freiheits- und friedliebenden Menschen so eigen sind. Anfangs wähnt man sich noch in einem gediegenen Familiendrama vor dem Hintergrund politischer Unruhen – wortgewandt, präzise und nüchtern wie ein Film von Michael Haneke. Später aber kippt das Werk in den Verfolgungswahn und wird zum Psychothriller, der längst verlässliche Normen aushebelt. Rasoulof führt eine scharfe Klinge, fast schon stoisch und distanziert. Dann aber kann er nicht anders, all die Emotionen brechen sich Bahn. Das Gleichnis wird vollzogen bis zur bitteren Konsequenz. Mag sein, dass Rasoulof dabei seinem Stil zwar treu bleibt, den Rhythmus und die Tonalität aber verändert, um die zersetzenden Symptome klarer erkennbar zu machen. Man wünscht, er hätte es bereits etwas früher getan, und hätte nicht so viel Zeit damit zugebracht, den Stein ins Rollen zu bringen. Verzetteln wäre ein Wort dafür, doch wenn es ganz plötzlich – und irgendwie hat man es auch kommen sehen – darum geht, das System zu entwaffnen, um einen Ausgleich zu schaffen, wird die entwendete Dienstwaffe zum Auge eines Tornados, in dessen tosender Energie eine Familie ins Chaos stürzt.

Die Saat des heiligen Feigenbaums (2024)

Kraven the Hunter (2024)

OH, THOSE RUSSIANS!

6/10


Aaron Taylor Johnson (Finalized)© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: J. C. CHANDOR

DREHBUCH: RICHARD WENK, ART MARCUM, MATT HOLLOWAY

CAST: AARON TAYLOR-JOHNSON, FRED HECHINGER, RUSSEL CROWE, ARIANA DEBOSE, ALESSANDRO NIVOLA, CHRISTOPHER ABBOTT, LEVI MILLER U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Das US-amerikanische Publikum macht sich mittlerweile eine Hetz daraus, das Sony’s Spider-Man Universe oder kurz SSU insofern zu verhöhnen, da es ihm keine Aufmerksamkeit schenkt. Warum genau ist das so? Liegt das wirklich an den schlechten Drehbüchern dieser Filme? Liegt es daran, dass Spider-Man zu hundert Prozent dem Mauskonzern gehört und Sony zum Resteverwerter degradiert wurde, der mit mehr oder weniger unbekannten Nebenfiguren Vorlieb nehmen muss, die im Grunde allesamt Antagonisten des einzig wahren Helden sind, des freundlichen Burschen aus der Nachbarschaft? Was soll Sony nur tun, wenn genau jene übrigbleiben, die man auch nicht unbedingt beim Turnunterricht als erstes in die Mannschaft wählt?

Sony versucht, das Beste daraus zu machen, schließlich sind diese Lizenzen kostenintensiv und man will Potenzial nicht verschleudern, wenn es nicht unbedingt sein muss. Das Zugpferd beim Restlessen ist natürlich Venom – den Burschen kennt man, neben dem Green Goblin womöglich der markanteste Bösewicht in Marvels Parallelwelt, die sich längst schon damit geoutet hat, nicht zur Zeitlinie des MCU zu gehören. Portale gehen auf und zu, Spider-Man ist niemals in Sicht und wird auch (fast) nie erwähnt. In dieser Welt gibt es ihn nicht, da gibt es nur die Schurken, die aber keine Schurken mehr sind, denn wer will schließlich Filme sehen, die sich an den Werten der Gesellschaft abarbeiten? Aus Venom wird also ein Guter, aus Morbius irgendwas dazwischen, Madame Web – nun, die ist da eine Ausnahme, mit ihrer Clique aus Jugendlichen Damen, und letzten Endes und um up to date zu bleiben rückt Kraven the Hunter nach. Auch ein Erzschurke, eine Nemesis für Spider-Man, nur der Lizenz-Deal verbietet es. Kraven mausert sich ebenfalls zu einem nicht ganz so finsteren Finsterling, der noch finstere Gesellen auf der Liste hat, um diese abzuarbeiten und alle, die grundlos Böses tun, über den Jordan zu schicken.

Dass Kraven The Hunter niemanden hinter dem Ofen hervorlockt oder von der hauseigenen Wohnzimmercouch schmeißt, um das laxe Fernsehpublikum, das sowieso damit rechnet, den Film alsbald streamen zu können, ins Kino zu zitieren, war fast zu erwarten. Die Säle bleiben leer, niemanden interessiert ein vom wilden Löwen gebissener Russe und Spross eines neureichen Drogen-Oligarchen, der seinen chamäloiden Bruder vor anderen bösen Russen beschützt. Man könnte vermuten: Vielleicht liegt es an den Russen? An Hauptdarsteller Aaron Taylor-Johnson womöglich nicht, der wird schließlich in ferner Zukunft zum neuen James Bond. Man könnte sich also schon mal an dieses Gesicht gewöhnen. An Fred Hechinger liegt es wohl auch nicht, der Charakterdarsteller hat Charisma und eine ganz eigene Ausstrahlung, das haben wir zuletzt in Ridley Scotts Gladiator II gesehen, da gab er Diktator Caraccala auf verschmitzt diabolische Weise. Und Russel Crowe? Wenn er mal nicht Exorzismus betreibt, schiebt er sich als Nebenfigur in so manchen Möchtegern-Blockbuster.

Also woran liegt es noch? Wohl kaum am Handlungsaufbau. Kraven the Hunter erzählt eine klassische und von daher auch wenig überraschende Origin-Story eines Antihelden mit kleinen logischen Fehlern, die sich dank der Drehbuchautoren von The Equalizer auch ungefähr so anfühlt – stets darauf ausgerichtet, kurzen Prozess mit denen zu machen, die die Schwachen drangsalieren. Es kommt noch afrikanisches Freiwild hinzu, und mit Hochgenuss lyncht Taylor-Johnson niederträchtige Trophäenjäger auf eine Art, die Genugtuung verschafft. Regisseur C. J. Chandor lässt sich viel Zeit für Zwischenmenschliches, fühlt sich kaum gestresst oder gedrängt dabei, seine Figuren auf eine Art ins Geschehen einzuführen, als hätte er alle Zeit der Welt – als hätte ihm das Studio einen weiteren Teil bereits zugesichert. Nur leider hat es das nicht, und leider darf trotz des relativ offenen Endes wohl kaum mit einer Fortsetzung gerechnet werden. Kravens Spuren verlaufen also im Sand – bis dahin aber verdient Kraven the Hunter deutlich mehr Respekt als unisono ausgebuht zu werden.

Das liegt schon allein an mehr als nur solide durchchoreographierten Actionsequenzen, die an Mission Impossible oder in Bond-Manier durchaus unterhält. Dafür beweist Chandor ein wahres Händchen. Und auch wenn Kreaturen wie The Rhino (den ersten eher lumpen Auftritt hatte Paul Giamatti in Spider-Man: Rise of Electro) oder Psychoschurken wie The Foreigner nur als Wegzehrung für einen dauerhungrigen Jäger herhalten müssen: Die Gründe für den Megaflop muss man woanders suchen. Bei unglücklicher Medienberichterstattung oder Vorschussmisstrauen; Mütterchen Russland oder gar beim frappanten Unbekanntheitsgrad einer Randfigur, die längst nicht so viel Teamgeist besitzt wie die Guardians of the Galaxy. Die waren damals wohl auch eher unbekannt. Dafür aber deutlich bunter.

Kraven the Hunter (2024)

Never Let Go (2024)

WENN ALLE STRICKE REISSEN

7/10


NEVER LET GO - LASS NIEMALS LOS / Ab 26. September 2024© 2024 Lionsgate


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: ALEXANDRE AJA

DREHBUCH: KC COUGHLIN, RYAN GRASSBY

CAST: HALLE BERRY, PERCY DAGGS IV, ANTHONY B. JENKINS, WILL CATLETT, MATTHEW KEVIN ANDERSON, STEPHANIE LAVIGNE U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Hütten und Häuser im Wald gibt es viele. Dort auszuharren bedeutet oft nichts Gutes. Entweder ist die Welt bereits den Bach runter, die Menschheit ausgelöscht oder ein Fluch hindert die darin Lebenden, ihre Existenzblase zu verlassen. Ob Evil Dead, The Cabin in the Woods oder Knock at the Cabin – irgendwo ist dabei immer das Böse einen Steinwurf entfernt und nur das bedächtige Verhalten einer Handvoll Überlebender entscheidet über Leben und Tod. Horror-Spezialist Alexandre Aja (u. a. Crawl, Oxygen) will Raimi oder Shyamalan weder kopieren noch parodieren noch sich gar vor ihnen verbeugen. Er schafft es, dank einer literarischen Vorlage, die den bekannten Versatzstücken entgeht, eine völlig anders geartete Variation des Haunted Cabin-Genres vorzulegen. Wir befinden uns dabei inmitten eines Waldes irgendwo in den Vereinigten Staaten, dort steht eine relativ alte Immobilie, die noch den Großeltern von Halle Berry gehört hat, die in Never Let Go eine traumatisierte Mutter gibt, die nichts mehr anderes in ihrem entbehrlichen Überleben antreibt als auf ihre beiden Söhne aufzupassen. Denn eines weiß sie: Eine niederträchtige Entität lauert jenseits des Grundstücks. Sie kann jedwede Gestalt annehmen und ihre Opfer zum Wahnsinn treiben, sobald diese berührt werden. Allerdings gibt es da eine Methode, um der Belagerung zu entgehen: Alle drei, Mutter und Söhne, müssen mit einem Strick stets mit dem Haus verbunden bleiben. Solange keine Abnabelung stattfindet, kann das Böse den Überlebenden nichts anhaben. Die Kinder zeigen sich, je älter sie werden, zunehmend skeptisch: Wie kann es sein, dass nur Mama das Böse sieht? Warum wir nicht? Und was, wenn alles gar nicht wahr ist und Mama längst in die Geschlossene gehört, weil sie was auch immer aus ihrer Vergangenheit nicht verarbeiten kann? Ist das Ende der Welt wirklich passiert oder liegt eine gänzlich andere Wahrheit irgendwo da draußen?

Wenn sich der Nachwuchs aus der elterlichen Fürsorge entwindet, um auf eigene Faust die Welt, in der er lebt, zu erforschen, mag das sehr viel mit Trial und Error zu tun haben, aber auch mit dem Erlernen notwendiger Selbstständigkeit. Es gibt Mütter und Väter, die das nur schwer zulassen können. Die sich viel zu sehr mit ihren Kindern identifizieren, ohne diese als autarke Persönlichkeiten zu betrachten. Wie monströs können Eltern werden, wie fanatisch, wenn juveniles Reifen nichts ist, was sich entwickeln darf. So sitzt Halle Berrys Figur wie eine Glucke auf den Brüdern Nolan und Samuel, lehrt sie, ihr Zuhause zu lieben und lehrt sie, niemals loszulassen. Der Titel ist dabei maßgeblich Programm. Und sagt vielleicht schon viel zu viel darüber aus, ob der Schutz vor der Außenwelt wirklich berechtigt ist oder nicht.

Dennoch belässt Aja die meiste Zeit des Films sein Publikum im Dunkeln, um nicht zu sagen: Fast die gesamte Laufzeit. Dieses Spiel mit Vertrauen, Misstrauen, Glaube und Aberglaube gerät zum dichten Reigen eines familiären Albtraums zwischen Einbildung, Angst und der klaren Sicht auf die Dinge, wie sie vermutlich sind. Never Let Go entwickelt dort noch Suspense, wo andere Filme längst aufgegeben haben und zur Tagesordnung eines Showdowns übergegangen sind. Mit The Village gelang Shyamalan – um einen Vergleich mit dem Regiekollegen dennoch zu bemühen – ähnliches. Dort konzentrierte sich dieser auf das fatale Dilemma rund um Verschwörung und Aberglaube, womit der Film mit Never Let Go einiges gemeinsam hat. Letzterer nimmt sich aber auch noch der Problematik elterlicher Erziehung an. Mag sein, dass Never Let Go letzten Endes zu viel will. Und ja, Aja stopft hier einiges in seine hundert Minuten, vor allem allerlei Symbolträchtiges und Allegorisches und verliert dabei vollends eine gewisse inhärente Logik aus den Augen, die den Nebel aus Halluzinationen, Tatsachen und Phantastischem teilen könnte.

Festhalten kann sich das Publikum nirgendwo. Was Never Let Go dann auch so beklemmend macht. Wenn es keine Wahrheit mehr gibt, schwindet der Boden unter den Füßen. Immer wilder wird der Ritt, wer hätte gedacht, dass Berry und zwei Jungdarsteller so ein Inferno entfesseln? Den rettenden Strohhalm gewährt Aja dann doch, aber erst dann, wenn jedwede Zuversicht schon aufgegeben scheint.

Never Let Go (2024)