Ma Rainey´s Black Bottom

WEIT MEHR ALS NUR MUSIK

8/10


blackbottom© 2020 David Lee/NETFLIX

LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE C. WOLFE

CAST: VIOLA DAVIS, CHADWICK BOSEMAN, COLMAN DOMINGO, GLYNN TURMAN, MICHAEL POTTS, TAYLOUR PAIGE, JEREMY SHAMOS U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Gut möglich, dass der erschreckend früh verstorbene Chadwick Boseman zu ähnlichen Ehren kommen könnte wie seinerzeit Heath Ledger für seinen Joker. So eine posthume Auszeichnung könnte sein Schaffen gebührend veredeln, und es wäre ja nicht nur eine Anerkennung aus rein respektvollen Gründen. Es wäre auch absolut verdient. Denn Chadwick Boseman, der als Black Panther natürlich schon eine gute Figur gemacht hat, konnte in seiner allerletzten Rolle als Trompetenspieler Levee dann doch noch alle Register seines Könnens ziehen – und eine Performance hinlegen, bei der man, während sie so dynamisch und expressiv abgeht, zweimal hinsehen muss, um den Schauspieler dahinter wiederzuerkennen, obwohl 20er-Jahre-Haircut und Schnauzer eigentlich nicht wirklich viel in die Irre leiten sollten. Nein, es ist ganz einfach sein Spiel, sein knorriges, impulsives, verletzliches Auftreten, dieser naive Idealismus. Eigenschaften, die Bosemans Rolle erfüllen muss und die ihn so anders erscheinen lassen. Der gerade mal 43 Jahre alt gewordene Künstler ist hier nicht allein auf der Bühne – mit donnernden Schritten stakst eine charismatische Erscheinung in dieses kleine Aufnahmestudio, mit schillerndem Kleid, geölter Haut, bis unter den Haaransatz geschminkt – aufgedonnert wie eine stattliche Diva, die keinen Snickers-Riegel abbekommen hat: Viola Davis. Sie verkörpert die authentische Figur der Ma Rainey, die tatsächlich als Mutter des Blues gilt und scheinbar den sentimentalen, aber gleichzeitig aufmüpfigen Rhythmus dieser Musikrichtung in glamourösem Ausmaß interpretiert hat.

Beide zusammen – Boseman und Davis – sind ein Gespann, dass sich nicht ausstehen kann, weil sie beide für einen Ist-Zustand der schwarzen Bevölkerung stehen, allerdings jeweils auf unterschiedlichen Sprossen der Leiter. Bosemans Levee ist – wie schon gesagt – Trompeter im Ensemble der Ma Rainey, die im Süden längst große Erfolge feiert und nun, weiter im Norden, von ihrem Manager dazu genötigt wird, eine Platte aufzunehmen. Die Musiker treffen natürlich vorher ein, sammeln sich im Keller, um sich einzugrooven. Trompeter Levee zeigt allen sofort, dass er was ganz anderes vorhat. Eigene Kompositionen, eigene Interpretationen. Er will sein eigenes Ding drehen. Die anderen Musiker belächeln ihn, lauschen aber seiner Erzählung einer schrecklichen Vergangenheit, währenddessen, von funkelnden Allüren umgeben, die Diva heranrauscht und ihren Neffen, der stottert, mit auf die Platte bringen will. Das ist Nährboden für Zwistigkeiten, elende Wartezeiten, Missverständnissen und Kränkungen, Ego-Trips und Geldgier. In diesen kleinen, engen Räumen nimmt sich Levee, was er bekommt – während Ma Rainey mehr einfordert als möglich scheint.

Ma Rainey´s Black Bottom stammt aus der Feder des Bühnenautors August Wilson, der auch schon die Vorlage für das großartige Familiendrama Fences lieferte. In ihrem Grundton sind beide Filme ähnlich, in beiden Filmen ist die Zukunft einer aufstrebenden Generation Schwarzer trotz immensem Potenzial eine verlorene. In George C. Wolfes Verfilmung des Musik-Kammerspiels ertönt der Blues dazu, das melodische Sprachrohr einer klagenden und gleichsam sich aufraffenden Gesellschaft im Nachteil. Niemand sonst, kein Weißer, kann den Blues so interpretieren. Das weiß Ma Rainey, das weiß Levee, das weiß Wilson und C. Wolfe. In diesem selbstbewussten Kosmos aus Schweiß, Tränen und Blut – und zwischendurch auch kleine rührende Erfolge – entsteht nach anfänglichen, einleitenden Dialogen des ersten Aktes ein dichtes Kräftemessen zwischen Gegenwart und Zukunft. Denzel Washington, der auch in Fences brillierte, wusste, worauf er sich einließ, als er diesen Film hier produzierte. Könnte gut sein, dass er diesmal auf die Liste der Academy kommt, als Beitrag für den besten Film.

Ma Rainey´s Black Bottom

Uncle Frank

… AND WHAT I AM NEEDS NO EXCUSES

7/10


unclefrank© 2020 Amazon Studios

LAND: USA

DREHBUCH & REGIE: ALAN BALL

CAST: PAUL BETTANY, SOPHIA LILLIS, PETER MACDISSI, JUDY GREER, STEVE ZAHN, MARGO MARTINDALE, STEPHEN ROOT U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Erst diesen Herbst lud „Sheldon“ Jim Parsons alle seine Freunde zu einer Geburtstagsparty. Je später der Abend, desto mehr wurde das Ganze zur Gruppentherapie einer ganzen Schar Homosexueller (und einem Heterosexuellen), die sich ihrer schwierigen sozialen Lage mehr als bewusst wurden. The Boys in the Band ist übrigens ein ausgesprochen sehenswerter und berührender Film. Nicht weniger berührt Paul Bettany, der bei Jim Parsons nicht geladen war, der allerdings wunderbar diese Gruppe ergänzt hätte. Paul Bettany, bekannt als Vision aus den Marvel-Filmen und als Dryden Vos aus Solo – A Star Wars Story, gibt in diesem auf amazon prime veröffentlichten Drama eben jenen titelgebenden Uncle Frank, der sich Anfang der Siebzigerjahre mehr oder weniger von seiner Familie distanziert hat, da keiner wissen soll, dass auch er mehr auf Männer als auf Frauen steht. Der Vater, ein forscher Patriarch, dürfte schon so was geahnt haben, da er sich Frank gegenüber distanziert verhält. Als dieser stirbt, entschließt sich Frank, im Rahmen des Begräbnisses und inmitten seiner Familie sein Coming Out einzuplanen. An seiner Seite: Nichte Sophia Lillis (u. a. Es, Hänsel und Gretel), die in Frank so etwas wie ihren Seelenverwandten sieht und das ganze sensible Drama auch aus ihrer Sicht schildert.

Paul Bettany war nie besser. Wirklich nicht. Als New Yorker Literaturprofessor mit stilsicherem Oberlippenbart und gewinnendem Lächeln, der sich in urbanen Gefilden auch nicht davor scheut, sich zu seiner Beziehung mit einem Mann zu bekennen, mit der übermächtigen Figur seines Vaters allerdings zu kämpfen hat, entwickelt der Schauspieler ein nuanciertes Arrangement an Gefühlen, zeigt sich verletzlich und erschüttert. Tatsächlich lässt sich die Gefühlswelt von Uncle Frank lesen wie in einem offenen Buch, lässt sich die vernichtende Ablehnung der Vaterfigur nachspüren wie ein Amboss auf den eigenen Schultern. Gegen diese Ablehnung, gegen diese Mauer der Verachtung kämpft sich Bettany tränenreich und seine Scheu überwindend vor Richtung Akzeptanz, Toleranz und vielleicht auch Wohlwollen. Dazu braucht es Mut, gerade angesichts des fehlenden elterlichen Vertrauens ins eigene Kind. Alan Ball hat hier mit sehr viel Sorgfalt dieses emotionale Coming Out umschrieben und auch inszeniert, dank des gewinnenden und engagierten Casts ist das eine schöne, menschliche und nur in wenigen Momenten auch sentimentale Geschichte geworden, die letzten Endes manches dann vielleicht zu glatt zeichnet. Man könnte auch Zuversicht dazu sagen, und was wäre da dann verkehrt daran?

Uncle Frank

The Bad Batch

ZURÜCK IN DIE KOMFORTZONE?

7,5/10

 

thebadbatch© 2017 Netflix / Darren Michaels, S.M.P.S.P.

 

LAND: USA 2017

REGIE: ANA LILY AMIRPOUR

CAST: SUKI WATERHOUSE, JASON MOMOA, GIOVANNI RIBISI, KEEANU REEVES, JIM CARREY, DIEGO LUNA, YOLONDA ROSS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 59 MIN

 

Als absolutes No-Go, also für Homo sapiens, ist der Verzehr seiner eigenen Spezies. Das wird niemals salon- oder gesellschaftsfähig werden, dafür haben Karnivoren genug andere Quellen, um sich zu bedienen. Ausnahmefälle gibt es. Mir fällt hier sofort der 90er-Katastrophenfilm Überleben! von Frank Marshall ein: eine Footballmannschaft stürzt mit dem Flugzeug in den Anden ab. Hätten die im Schnee liegenden Leichen nicht die notwendige Energie geliefert, wären vermutlich alle gestorben. In der amerikanischen Wüste im Süden von Texas kann es neuerdings passieren, dass umherstreunende Menschen zum kulinarischen Freiwild werden. Warum? Weil in Ana Lily Amirpours Vision einer nahen Zukunft Problemfälle der Vereinigten Staaten von Amerika kurzerhand verbannt werden. Da gibt es einen Zaun, und jenseits des Zaunes existiert kein Gesetz mehr. Niemandsland also. Der jungen Arlen passiert genau das. Sie muss sehen, wo sie bleibt, unter sengender Sonne und eben gejagt von Kannibalen. Gut, manche werden jetzt sagen: The Bad Batch ist vermutlich sicher so ein Horrorslasher mit ganz viel Blut, Gore und verstörenden Bildern. Überraschenderweise ist dieser Film, der so klingt wie astreiner Splatter, zwar manchmal leicht verstörend, aber im Großen und Ganzen überhaupt nicht das, wofür man ihn hält. Es kommt immer darauf an, wie ein Tabuthema wie dieses dargestellt wird. Und auch: in welchem Kontext die Schlachtplatte serviert wird, die zum Glück eben keine ist.

Was Amirpour hier entwirft, ist eine Gesellschaft, die sich, auf ihre Werkeinstellung zurückgeworfen, neu zu organisieren versucht. Da bleibt Kannibalismus die bequemste Methode, um an Nahrung zu gelangen, denn in der Wüste wächst und lebt sonst nichts. Da stellt sich die Frage: wirklich nicht? Den Hintern bekommen die Gestrandeten nicht hoch, es ist ihre Bequemlichkeit, die sie zu Monstern macht. Betrachtet man die Fähigkeit des Menschen, aus dem Nichts heraus einen ganzen Planeten beherrscht zu haben, erscheint das Kentern der traurigen Filmfiguren als ein Schatten dieser Erfolgsstory. Die Abwesenheit von proaktivem Überlebenswillen zaubert so manchen Machtnutzer auf die Bühne, das Fußvolk blickt auf, lässt sich bezirzen und beschallen, an einem Ort namens Comfort. Diese Bequemlichkeit birgt das Ende der Selbstbestimmung und öffnet Tür und Tor für Manipulation. Der angestrebte Traum einer besseren Welt ist wie die Dauerberieselung billiger Fernsehshows, selbst die Statue of Liberty geistert durch eine stagnierende Unbeholfenheit. Aber es wäre nicht ein zutiefst menschlicher Film, ein zutiefst wertesuchender ebenso, wenn unsere Heldin nicht mit wütender Kraft und trotz schwerwiegenden körperlichen Handicaps diese verlorengegangenen Skills finden möchte.

The Bad Batch ist überdies ein enorm körperlicher Film. Die brutalen Szenen der „Fleichverwertung“ sind nie explizit zu sehen. Der Verlust der Extremitäten ist der Verlust von Selbstbestimmung. Der Verzehr ebensolcher im Prinzip das gleiche. Amirpours Film ist ein bemerkenswertes Kunstwerk. Sehr lakonisch, mit staubtrockenem Humor verfeinert. Die teils surreale Bildsprache (vor allem der gigantische, leuchtende Ghettoblaster), so manch ungewöhnlicher Auftritt bekannter Stars und ein eingängiger Sampler erzeugen eine rätselhafte Stimmung, die zwischen Pop Art und filzigem Italowestern einen sonderbaren Umweg einschlägt, um das zu erreichen, was als ungenutztes Potenzial ohnehin schon die ganze Zeit da war.

The Bad Batch

Ein ganz gewöhnlicher Held

EINMAL GANDHI ZUM MITNEHMEN

7/10


ganzgewoehnlicherheld© 2019 Koch Films


LAND: USA 2018

BUCH & REGIE: EMILIO ESTEVEZ

CAST: EMILIO ESTEVEZ, ALEC BALDWIN, JEFFREY WRIGHT, CHRISTIAN SLATER, TAYLOR SCHILLING, JENA MALONE, MICHAEL K. WILLIAMS, GABRIELLE UNION U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Die Zeit des karitativen Bewusstseins hat längst wieder Einzug gehalten bei denen, die es sich leisten können, anderen zumindest kurzfristig die Existenznot zu nehmen. Kick-off dieses Bewusstseins: der 11. November, Martinstag. Besagter Martin hat ja bekanntlich seinen Mantel geteilt, um einem armen Schlucker vor dem Erfrieren zu bewahren. Nun, so lange das Geben und Teilen nicht den Vorschriften widerspricht, ist ja alles schön und gut. Sobald aber Zeichen gesetzt werden, die Verordnungen zuwiderlaufen, haben Menschenrechte das Nachsehen. So gesehen in vorliegendem Film von Emilio Estevez, der auch schon lange Zeit nichts mehr von sich hören ließ. Sein letzter Film war glaube ich jener über den Jakobsweg, in der Hauptrolle sein eigener Altvorderer Martin Sheen. Jetzt hockt der ehemalige Breakfast-Clubber zwischen den vollbeschlichteten Buchregalen einer städtischen Bibliothek, gemeinsam mit einer ganzen Schar Obdachloser, die vor einer Forstnacht Zuflucht suchen. Das ist der Stoff, aus dem besinnliche Filme über Nächstenliebe gemacht sind. Ich könnte mir ganz gut Jimmy Stewart in dem ganzen Szenario vorstellen. Aber Estevez in seiner Rolle als einer, der, selbst mal ohne Dach über dem Kopf, nun die Nöte der zusammengewürfelten Gruppe wohl am besten versteht, weiß die Begrifflichkeit der Menschenwürde nicht zu einem pathetischem Gloria zu überhöhen.

Worum es also geht: Estevez gibt den Bibliothekar Stuart, der in winterlichen Zeiten wie diesen wärmesuchenden Obdachlosen zu den Geschäftszeiten Tür und Tor öffnet. Das ändert sich bald, als es nämlich noch kälter wird und so gut wie alle karitativen Einrichtungen bereits zum Bersten voll sind. Wohin also mit den Bedürftigen? Natürlich hierbleiben, egal ob die Pforten schließen. Das ist gegen das Gesetz, und sogleich rückt die Polizei und auch die lokale Politik an, um diese Aktion zu unterbinden. Denn wie eine Aktion scheint das Ganze zu sein. Völlig gewaltfrei entschließen sich Stuart und die anderen zu einem Sit-in, zu einem gewaltfreien Protest, auch wenn diese verrückte, aber zutiefst menschliche Idee manchen den Job kosten wird.

Ein ganz gewöhnlicher Held, im Original nur schlicht und einfach The Public, hat zwar anfangs so seine Schwierigkeiten, all die angefangenen Erzählstränge effizient miteinander zu verknüpfen, doch sobald allesamt an einem Ort versammelt sind, kann die simple und demonstrative Mär eigentlich losgehen. Das dauert zwar, aber bis dahin erfreut man sich selten gesehener Gesichter wie jenes von Christian Slater, der allerdings einen recht schablonenhaften Kotzbrocken von Möchtegern-Bürgermeister gibt. Alec Baldwin als Chef-Verhandler bei Geiselnahmen sucht seinen ebenfalls obdachlosen Sohn und Jeffrey Wright gibt sich vorerst ganz zugeknöpft, bevor er langsam auftaut. Kein Wunder bei so einem herzerwärmenden Film wie diesen. Da geht’s um astreinen Altruismus, da würde der Heilige Martin wohlwollend nicken. Wäre hier nicht der Song I can see clearly now von Jimmy Cliff im Rahmen einer wirklich beeindruckenden und berührenden Schlussszene zu hören, könnte man auch gut und gerne das Weihnachtslied von König Wenzel dazu summen. Doch ein Weihnachtsfilm ist Ein ganz gewöhnlicher Held nicht. Eher ein zeitloses Statement für ein Miteinander, für das man sich erst mal durchringen muss. Doch dann, dann sieht man klarer.

Ein ganz gewöhnlicher Held

Lucy in the Sky

DIE WELT IST NICHT GENUG

5/10

 

lucyinthesky© 2019 Walt Disney Company

 

LAND: USA 2019

REGIE: NOAH HAWLEY

CAST: NATALIE PORTMAN, JON HAMM, ZAZIE BEETZ, ELLEN BURSTYN, DAN STEVENS U. A. 

 

Ehrgeiz und Obsession dürften Natalie Portman nicht fremd sein. Den Oscar für Black Swan hat sie ja nicht einfach nur so gewonnen, sondern weil sie genau das – Obsession, Leistungsdrang und Wahnsinn – sehr nachvollziehbar darstellen konnte. Im Astronautendrama Lucy in the Sky kann sie die Karten für ihre Figur einer gnadenlosen Ich-AG neu mischen und mit neuen Aspekten versehen – zum Beispiel mit dem Aspekt der begrenzten Kapazität des menschlichen Geistes, der es nicht auf die Reihe bringt, die furchteinflößende und gleichzeitig faszinierende Größe des Alls zu begreifen. Lucy Cola zählt zu jenen Kandidaten, die zwar rein physisch und kognitiv gesehen die Erfordernisse eines Astronautenjobs bis zur Perfektion hin erfüllen, die aber mit dem, was sie gesehen haben, nicht mehr klarkommen. Was wird eine solche neue Wahrnehmung wohl bewirken? Nun, die Kleinheit und Nichtigkeit des Menschseins wird deutlicher, das große Ganze greifbarer, unsere scheinbare Verlorenheit in dem ewigen Schwarz führt zu Beklemmung. Es ist ein Wegsehen von einer Wahrheit, die das Denken sprengt. Da braucht es einen in sich ruhenden, rationalen Geist. Kein Sinnieren und Philosophieren. Bereits an der orbitalen Schwelle Richtung Unendlichkeit stehend, gibt es für eine labile Seele keinen Platz mehr.

Lucy hat das selbst nicht kommen sehen, so scheint es zumindest. Wieder zurück vom Einsatz auf der Raumstation, erscheint alles andere nicht mehr wichtig, es ist wie eine Sucht nach einer starken Droge, fast schon der Blick in eine alternative Realität, die um so vieles schöner ist als das Dasein in den eigenen vier Wänden. So werden diese auch zum Gestaltungsapparat für Regisseur Noah Howley und Kamerafrau Polly Morgan. Ihr Film, einer der laut IndieWire wohl am meisten erwarteten Produktionen 2019, variiert stetig das Bildformat – von 16:9 auf 4:3, dann wieder haben wir ein Superpanorama, das sich wie ein horizontales Band vom linken zum rechten Bildschirmrand zieht. Ganz klar, was damit bezweckt werden will. Jenseits des Weltalls, zurück auf den Boden des Alltags, gilt nur noch das althergebrachte Fernsehformat von früher, es unterstützt Natalie Portmans Wahrnehmung von der quälenden Enge ihres Daseins. Portman macht das ganz gut, sie findet keine Ruhe mehr, das Zuhause ist ein Platz der Abwesenheit, ihr Ehemann fast nur noch Staffage, dafür aber die Chance auf einen Seitensprung mit einem als Frauenheld verschrienen Nasa-Kollegen (Jon Hamm) zumindest so etwas wie ein Kick in eine andere Richtung, denn so, wie sie bislang zu leben gewohnt war, kann es nicht bleiben. Am Liebsten wieder zurück ins All, zur nächsten Mission. Dumm nur, dass ihr Liebhaber bereits auf eine ganz andere Kollegin schielt.

Inspirieren ließ sich der Film von wahren Begebenheiten. Interessant, was man davon alles ableiten kann. Zum Beispiel die Überlegung, ob der Mensch mal überhaupt und prinzipiell dafür geschaffen ist, als solcher Terra den Rücken zu kehren. Ähnliche Ansätze hatte auch Claire Denis odysseeisches Drama High Life. Andererseits handelt Lucy in the Sky auch von Ablehnung und Kränkung, vom Gefühl, nicht verstanden zu werden, ähnlich wie Michael Douglas als D-Fense in Falling Down. Von beiden Filmen finden sich für mich in Howleys Werk Assoziationen, der Fall Lucy Cole ist also komplexer, als vermutet. Weniger komplex ist das dramaturgische Konzept. Meines Erachtens nach ist Lucy in the Sky längst nicht so lahm und schon gar nicht so unnahbar geworden wie manche Kritiker meinen. Dafür aber relativ zäh und vor allem in der ersten Halbzeit mit erzählerischem Vakuum angereichert. Das hätte straffer gehen können, da hat das Ganze schwermütige Längen, die sich alles andere als schwerelos anfühlen und etwas den Kopf brummen lassen: Vielleicht auch wegen des ständigen Formatwechsels, der zwar gut gemeint ist, der aber nur schwer eine einheitliche Bildsprache oder gar einen einheitlichen Stil zulässt. Experimentell ist das schon, doch ein bisschen zu knieweich und von einer inneren Unruhe erfüllt. Womöglich geht es Heimkehrern aus dem Orbit ähnlich. Allerdings: angesichts dieser filmischen Spirale abwärts ist der Weltraum nichts, wohin der Mensch streben sollte.

Lucy in the Sky

Mosul

WOFÜR ES SICH ZU KÄMPFEN LOHNT

6,5/10


mosul© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: MATTHEW MICHAEL CARNAHAN

CAST: SUHAIL DABBACH, ADAM BESSA, WALEED ELGADI, THAER AL-SHAYEI, BEN AFFAN, HAYAT KAMILLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Ungefähr zweieinhalbtausend Kilometer Luftlinie liegen zwischen Wien und Mosul, der zweitgrößten Stadt im Irak. Nur zweieinhalbtausend Kilometer, mit dem Auto eine Fahrt von 36 Stunden. Das ist gar nicht mal so weit, das geht sich an einem Wochenende gerade mal noch aus, wenn man nonstop durchfährt. Was ich damit sagen will: lediglich so weit müsste man reisen, um in die Hölle auf Erden zu gelangen. Mosul ist mittlerweile keine Reise mehr wert, es sei denn, man hat vor, in absehbarer Zeit das Zeitliche zu segnen. Mosul ist wie das Ende des Humanismus, ist wie die pure Anarchie, ist Mord und Brand zwischen Ruinen und vor verbarrikadierten Straßen. Mittendrin: der auf dem Rückzug befindliche IS, neben Boko Haram wohl das größte Übel dieser Welt. Auch noch mittendrin: ein Haufen verrückter Hunde, quasi eine Suicide Squad in Echt, nämlich das Nineveh SWAT Team, eine zusammengewürfelte Miliz aus Polizisten, Ex-Soldaten und sonstigen wehrfähigen Männern, die wie wütende Rächer durch den Wahnsinn pflügen.

Dabei basiert dieser Kriegsfilm auf wahren Begebenheiten, um genau zu sein auf einem Zeitungsartikel, veröffentlicht im New Yorker. Ist also nichts Erfundenes, nicht vorrangig ein Actionkino für Liebhaber des pfeifenden Projektils, obwohl diese Klientel getrost hier fündig werden kann. Mosul ist ein Drama, kein zart erklingendes wohlgemerkt, sondern ein finsteres Roadmovie über Schicksale in Zugzwang, die ihre Pflichterfüllung im Kampf gegen das Böse sehen. Die bis an die Zähne bewaffnet, verbittert, traumatisiert, aber dennoch stolz und mit sich selbst im Reinen, zwar kein Pferd, aber immerhin den Panzerwagen besteigen, um ins Land der Gesetzlosen zu breschen. Erinnert irgendwie ans Mittelalter? Das tut es – und wenn wir uns nun Bomben und Granaten wegdenken und statt Gewehren scharfe Schwerter und Bögen einsetzen, ist es alles, was wir brauchen, um die von uns fälschlich romantisierten Zeiten wieder aufleben zu lassen, in der man für Familie, Ehre und Vaterland in den Kampf auf freiem Feld gezogen war.

Das freie Feld ist einem Häuser- und Straßenkampf gewichen, bei dem an scheinbar jeder Ecke Scharfschützen sitzen. In einem solchen umkämpften Viertel findet das Nineveh SWAT Team einen in die Bredouille geratenen Polizisten, der allerdings sagenhaft gut mit dem Schießeisen umgehen kann. Kurzerhand wird er rekrutiert und zieht mit, hat aber Probleme damit, Teil der Gruppe zu werden. Währenddessen verfolgen die „Inglourious Basterds“, wenn man so will, ein unbekanntes Ziel. Klar ist nur, sie rücken in ein Gebiet vor, dass noch in festen Händen der Islamisten weilt.

Mosul ist dreckig, staubig und brutal. Eine archaische, explizite Momentaufnahme aus einem Erdteil ohne Zukunft (gedreht wurde natürlich nicht vorort, sondern in Marokko). Was den Film ertragen lässt, sind die Werte, die die „Guten“ durch die Widrigkeiten schleppen. Zwischendurch lässt Matthew Michael Carnahan eine gewisse Liebe zum Detail erkennen, räumt Verschnaufpausen ein und lässt Gruppenführer Jasem aus einem inneren Zwang heraus herumliegenden Müll einsammeln, als würde er den Wiederaufbau seines eigenen Landes vorwegnehmen. Dann geht die Odyssee durchs Heilige Land wieder weiter, streng einem Codex folgend, und freilich nicht ohne Verluste. Als klar wird, worum es eigentlich geht, hat die menschliche Tragödie das kernige Kriegsgetümmel einige eingestürzte Häuserzeilen weit abgehängt.

Mosul

Joyride – Spritztour

EIN FALL VON SELBER SCHULD

6/10


joyride© 2001 Twentieth Century Fox Deutschland


LAND: USA 2001

REGIE: JOHN DAHL

CAST: PAUL WALKER, STEVE ZAHN, LEELEE SOBIESKI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Womit hat sich J. J. Abrams eigentlich herumgeschlagen, bevor er das Kultkino der 80er fürs 21. Jahrhunderts salonfähig gemacht hat? Er hat Drehbücher geschrieben. Zum Beispiel für das Amnesiedrama In Sachen Henry mit Harrison Ford. Oder für Forever Young, dem Kryonik-Drama mit Mel Gibson. Wohl eher weniger bekannt ist seine Vorlage für den Autobahn-Psychothriller Joyride – Spritztour von Genrespezialist John Dahl (Red Rock West). J. J. Abrams ist ja irgendwie so ein verspielter Kerl wie Steven Spielberg es zu seinen besten Zeiten gewesen war. Dessen Lebenswerk dürfte Abrams mit Sicherheit auch inspiriert haben, da braucht man sich nur Super 8 anzusehen. Der Mann hat ein Händchen für Suspense und Spannung, für Figuren und deren Beziehung untereinander. Seine Filme wirken lebendig, und nicht wie aufgewärmte Variationen etablierter Klassiker. Abrams hat auch den Mut, neues zu wagen. Aber nicht immer. Sein Script zu Joyride ist eine deftigere Version des 70er-Fernsehthrillers Duell von – wie kann es anders sein ­- eben Steven Spielberg, der damit eines der besten Genrestücke abgeliefert hat, die mit wenig Budget größtmögliche Wirkung erzielen. Für die, die das Szenario nicht kennen: ein Mann fährt mit seinem Auto den Highway entlang und wird von einem schwarzen Truck verfolgt, dessen Fahrer man nie zu Gesicht bekommt. Mehr ist es nicht – doch das reicht schon, um mit Spaß an der Freude und den Versatzstücken aus Paranoia und dem Unberechenbaren herumzujonglieren. Macht und Ohnmacht wurde selten so gnadenlos gut auf grobe Muster reduziert.

Joyride ist ähnlich. Auch hier jagt bald ein dunkler Truck die formschöne Karre von Paul Walker und Steve Zahn. Diesmal aber, im Gegensatz zu Duell, aus gutem Grund: die beiden Brüder erlauben sich einen schlechten Scherz mit einem Trucker, der glaubt, das Date seines Lebens zu verbuchen. Walker tut nämlich auf leichtes Mädchen und lockt den Unbekannten, dessen Funk-Pseudonym „Rostiger Nagel“ lautet, um Mitternacht in ein Motel. Natürlich ist dort vom Date keine Spur. Solche Spielchen kann man treiben – muss man aber nicht. Und wenn doch, sollte man in Betracht ziehen, dass manche einen ganz anderen Sinn für Humor an den Tag legen als die, die andere bis zur Peinlichkeit triezen wollen. Durchaus kann es passieren, dass dieser andere gar einer ist, der nicht ganz so eine gesunde Psyche an den Tag legt wie du und ich.

Was folgt, ist ein Katz- und Mausspiel. Falsche Fährten und gemeine Finten wechseln sich ab, irgendwann ist auch noch Leelee Sobieski mit dabei. Das alles ist schön auf Zug inszeniert, doch das Nachsetzen des Psychopathen ist eine hausgemachte Sache, nicht so eine völlig ungeahnte Katastrophe, die aus heiterem Himmel kommt wie bei Duell. Abrams und Dahl machen aus diesem David gegen Goliath-Konzept einen handfesten Thriller mit allem, was dazugehört, von verstörender Gewalt bis zum eskalierenden Showdown. Von perfiden dramaturgischen, aber doch halbwegs zu erahnenden Hakenschlägen bis zur Anonymität des Bösen. Joyride ist ein Fall von selber schuld – ohne Chance auf ein klärendes Gespräch.

Wenn ihr erst kürzlich den Thriller Unhinged mit Russel Crowe gesehen habt, der ungefähr in dieselbe Kerbe schlägt, könnt ihr John Dahls Reißer schon mal richtig einordnen. Im Grunde ein ähnlicher Film, nur das Böse hat dort Star-Appeal.

Joyride – Spritztour

Mank

MASTERMINDS, MÄCHTIGE UND MONETEN

5/10


mank© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: DAVID FINCHER

CAST: GARY OLDMAN, LILY COLLINS, AMANDA SEYFRIED, CHARLES DANCE, TOM PELPHREY, ARLISS HOWARD, TOM BURKE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Es ist schon eine ganze Weile her, als ich mir Orson Welles Citizen Kane aus cinophilem Pflichtbewusstsein heraus angesehen habe. Und ja, das Werk ist zweifelsohne bemerkenswert, wunderbar gefilmt und erzählerisch, vor allem für die damalige Zeit, recht innovativ. Als besten aller Filme, wie viele Kritiker und Experten behaupten, sehe ich ihn dennoch nicht. Da hat für mich Orson Welles Film Noir Im Zeichen des Bösen deutlich mehr Grip. Aber das nur nebenbei. Was Citizen Kane mit David Finchers neuester Arbeit Mank zu tun hat? Das Drehbuchgenie dahinter. Einem Mastermind, dem des Öfteren der Hochprozentige näher war als der Schreibstift: Herman Mankiewicz. Ein Alkoholiker unter dem Herrn, in klaren Momenten scharfer Denker und mutiger Dramaturg, der für Citizen Kane gar den Oscar erhielt. Dabei war gar nicht mal sicher, ob Citizen Kane überhaupt in den Kinos gezeigt werden dürfe, da sich das Script ganz deutlich das Leben von William Randolph Hearst zur Brust nahm, eines Medien-Tycoons und Zeitungsmogul, der sich in dem Werk diffamiert sah. Zeitgleich gab’s in den dreißiger Jahren politisch gesehen jede Menge ruheloses Blut, da gab’s die Sozialisten und die Kapitalisten, da gab’s einen Schriftsteller namens Upton Sinclair, der in Finchers Film regelmäßig genannt wird. Wer aber all diese politischen Bezüge, Hintergründe und vor allem: wer Citizen Kane nicht mal ansatzweise kennt oder weiß, was das für ein Film ist, der wird, salopp gesagt, mit Finchers sehr speziellem Werk nicht viel anfangen können.

Mank sollte im Doppel- oder gar im Dreierpack präsentiert werden. Als Prolog könnte man vielleicht gleich den ganzen Citizen Kane mit einbeziehen. Zwischendurch vielleicht eine aufschlussreiche Dokumentation über die Zeit von damals, über William Randolph Hearst vielleicht und dessen politischer wie gesellschaftlicher Bedeutung? Diese ach so nostalgischen frühen Jahre Hollywoods, was waren die eigentlich? Ein Völkerballspiel der freien Kräfte, die da waren MGM oder Universal oder Paramount oder Warner. Hinter all diesen Studios saßen die steinreichen Mächtigen mit viel Einfluss, die Stars erschufen oder wieder vernichteten, die eng mit der Politik kokettierten und um Einfluss gierten. Eine schöne Zeit war das keine, eine Zeit der Abhängigkeit viel mehr. Fincher dreht in Schwarzweiß, um zumindest optisch mit Kolorit, Stimmung und Atmosphäre das Damals zu verklären. Zugegeben, seine Bilder sind erlesen, die Kameraarbeit erste Sahne, auch schauspielerisch geben alle ihr Bestes. Ja, auch Gary Oldman, obwohl er die meiste Zeit nur devastiert herumliegt und wenn er nicht herumliegt, besoffen und verschwitzt durch Peinlichkeiten torkelt.

Was das von David Finchers mittlerweile verstorbenem Vater Jake Fincher verfasste Script zu Mank bereithält, ist, um es wohlwollend zu formulieren, nur bedingt interessant und hat obendrein ein massives Prioritätenproblem. Mank ist ein Film, der, hätte Netflix ihn nicht veröffentlicht, wohl nie ins Kino gekommen wäre. Der Film wäre, so wage ich zu prognostizieren, ein Flop geworden. Warum? Weil die Story, die erzählt wird, hauteng zugeschnitten ist auf ein Publikum der Experten, versierten Politkenner und eingelesenen Medienhistoriker. Ein Film für spezielle Nerds, die all diese Namen kennen und zuordnen können, die diesen mehr als zweistündigen Redeschwall auseinanderdividieren und zeitgleich zum Gesehenen all die Fußnoten vor dem geistigen Auge einfügen können. Zugegeben: ich konnte das nicht. Womöglich sind mir viele Bezüge durch die Lappen gegangen, ich kenne Hearst und Mankiewicz maximal dem Namen nach, Orson Welles ist natürlich ein Begriff, Upton Sinclair? Puh…sagt mir was, aber da müsste ich, um ins Detail zu gehen, irgendwo nachschlagen (was ich auch getan habe). Mank macht es Zusehern wie mir nicht leicht, an Bord zu kommen. Politischer Smalltalk, Männer im Anzug noch und nöcher, die sich treffen und die wieder auseinandergehen: ein Fall von geschmackvoller Eintönigkeit. In Sachen Erzählstil versucht Fincher – ähnlich wie Citizen Kane selbst – mit Rückblenden frischen Wind reinzubringen, er lässt Mankiewicz zurückdenken ans Damals der Dreißigerjahre, wo dieser maximal als Zaungast neben den Dingen stand, die da passiert sind. Übrigens: Louis B. Mayer, ja den kenn‘ ich auch noch.

Mank setzt ein Vorwissen voraus, welches das Gezeigte überhaupt erst lebendig macht. Herrscht hier ein Defizit, bleibt vieles unbeweglich, bruchstückhaft, nicht relevant genug, um wirklich zu begeistern. Von seinen historischen Figuren gibt Mank wenig Preis. Er macht sie zu Personen auf Fotografien, die auf ihren Einsatz warten. Von der eigentlich sehr wichtigen Rolle des Zeitungsmagnaten Hearst (Charles Dance) zum Beispiel bleibt wider seiner Notwendigkeit nicht viel mehr als eine zugerufene Schlagzeile. Hat man allerdings dieses Vorwissen zu all den Begebenheiten und Biographien, kann Mank durchaus mitreißend sein – das würde auch das Kritikerlob erklären. Für mich jedenfalls ist David Finchers Liebhaber – und Herzensfilm eine ausgebügelte, aus dem Kontext gerissene Making Of-Anekdote mit angehängtem Stückwerk aus Politik und Gesellschaft, das diese hauchdünne edle Patina an Bildern bemüht ist zu tragen.

Mank

Fatman

SANTA SPRICHT DAS NACHTGEBET

5/10


fatman© 2020 Splendid Film


LAND: USA 2020

REGIE: ESHOM & IAN NELMS

CAST: MEL GIBSON, WALTON GOGGINS, MARIANNE JEAN-BAPTISTE, CHANCE HURSTFIELD, SHAUN BENSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Zur stillsten Zeit des Jahres tummeln sich in Film und Fernsehen neben traditionellen Klassikern und lieblichem Süßkram auch allerhand Skurriles. Zu erwähnen sei hier auf alle Fälle einmal das finnische Fantasyabenteuer Rare Exports oder auch Krampus mit Toni Colette. Geena Davis durfte es zur Weihnachtszeit auch schon ordentlich krachen lassen und Stirb langsam wird ebenfalls als jährliches Pflichtprogramm angesehen, obwohl dort Weihnachten nur als stille Bühne im Hintergrund fungiert. Zynisch und ungehobelt war Billy Bob Thornton als Bad Santa unterwegs. Und jetzt greift sogar noch Mel Gibson, seines Zeichens einmal großer Actionheld und exzentrischer Regisseur, recht desillusioniert nach der pelzumsäumten roten Mütze. Setkollege Kurt Russel hat es ja auch schon getan – heuer schon das zweite Mal. Beide tragen ihren grauweißen Swiffer stolz im Gesicht, das alleine reicht doch schon, um Santa Clause mal im diesseitigen Filmuniversum irgendwo zu positionieren.

In Fatman, einem brandneu erschienenen „Weihnachtsfilm“, darf sich ein um die Existenz bangender Mythos nun mit einem diabolischen Killer herumschlagen. Denn ein versnobter, ungeliebter und garstiger Junge, der unterm Christbaum nichts anderes als Kohle findet und darüber sehr erbost ist, will den Weihnachtsmann tot sehen. Klingt grotesk? Ist es allerdings auch. Dabei ist Fatman genretechnisch längst kein astreiner Actionfilm, genausowenig ein ernstzunehmender Thriller. Die Brüder Eshom und Ian Nelms haben hier einen vorweihnachtlichen Punsch zusammengerührt, der vor allem auch die Komponente des Fantasyfilms in sich trägt, als alkoholstarke Note wohlgemerkt. Hier tummeln sich spitzohrige Elfen mit Glockenschuhen genauso wie das amerikanische Militär, das die Geldprobleme des Weihnachtsmannes ausnutzt, um dessen freie Ressourcen für den Waffenbau zu nutzen. Der Glaube an eine artige Next Generation ist in Fatman auch längst hinfällig – zu böse, zu egomanisch, zu fies sind die Kids von heute, dass Santa um seine Arbeit bangen muss und zusehends nur noch Kohle verschenkt. Verheiratet ist er diesmal auch, und mit zwei rustikalen Knarren weiß auch er sich vor vergrämten Sterblichen zu verteidigen, die es zu ihm in den Norden schaffen.

Mel Gibsons glorreiche Zeiten scheinen tatsächlich vorbei zu sein, da kann er Bruce Willis die Hand reichen. Zumindest fällt dem gebürtigen Australier noch das eine oder andere originelle Script zu, aber als originell würde ich Fatman auch wieder nicht bezeichnen. Das mitunter blutige Fantasy-Abenteuer, gespickt mit Shootouts und Santas Gier auf Milch und Kekse, stapft als hanebüchener Murks durch den Schnee. Dabei genießt Walton Goggins jede noch so kleine arrogante Eigentümlichkeit seines akkuraten Antagonisten und zieht sein Image des obligaten Finsterlings mitunter freudvoll durch den Kakao. Gibson bleibt im Gegenzug recht flach. Bärbeißig zwar, aber flach. Doch wie man sieht: der American Way of Christmas lässt sich auf alle Arten ausleben – sogar im Stile eines Italowesterns mit Holzhammermoral.

Fatman

The Night Clerk

MENSCHEN IM HOTEL

4/10


nightclerk© 2020 EuroVideo


LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL CRISTOFER

CAST: TYE SHERIDAN, ANA DE ARMAS, HELEN HUNT, JOHN LEGUIZAMO, JOHNATHON SCHAECH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


In Philipp Noyces urbanem Erotikthriller Sliver konnte Feschak William Baldwin den ganzen Tag damit zubringen, die Bewohner eines Hochhauses mit versteckten Kameras zu observieren, darunter auch die sinnliche Sharon Stone. So ein Spechtler, könnte man meinen. Bei Tye Sheridan als autistischer Nachtportier Bart liegt die Sache da schon anders. Denn der hat – von sich aus gesehen – guten Grund, seine Hotelgäste zu bespitzeln. Was nicht heißt, dass dieser daraufhin brühwarm alles Gesehene weitererzählt. Nein. Aus dem Verhalten der beobachtenden Personen versucht er, soziale Kommunikation zu erlernen. Wie man wann was sagt, wie und wann welche Phrasen Verwendung finden. Einfach, um Teil der Gesellschaft zu werden. Denn als Autist ist man alles andere als das. Da fällt es selbst schwer, gemeinsam mit Mama an einem Tisch zu sitzen. Mutter Helen Hunt bringt ihm sein Essen stets in den Keller, wo er lebt, beobachtet und vor sich hin sinniert.

Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit, damit aus The Night Clerk den Sprung vom Psychodrama zum Thriller macht: denn irgendwann wird Bart Zeuge eines Mordes. Die Ermittler tappen im Dunklen, ahnen nichts vom Kamera-Geheimnis des eigenwilligen, aber zuverlässigen Angestellten, der sich bald darauf versetzen lässt, um dem Tatort nicht mehr nahe sein zu müssen. Im neuen Hotel angekommen, trifft er auf die liebreizende Ana de Armas, in die er sich Hals über Kopf verliebt – die aber, nichts ahnend, mit dem Mörder im wahrsten Sinne des Wortes unter einer Decke steckt.

The Night Clerk ist der klare Fall einer Direct-to-DVD-Premiere. Angesichts einer viel stärkeren Genre-Konkurrenz hat dieser Film hier von Michael Cristofer (u. a. Original Sin mit Angelina Jolie) keine schlagkräftigen Argumente, um eine Kinoauswertung zu rechtfertigen. Als einer, der am Asperger-Syndrom leidet und sozial integrer werden will, macht Tye Sheridan (der Star aus Ready Player One) keine schlechte Figur. Das Krimikonstrukt rund um Sheridan ist allerdings ein völlig liebloser und oberflächlich hingeschluderter Mordfall, den selbst Columbo lieber delegieren würde. Hinten und vorne fehlt hier jede Menge Biss. John Leguizamo als Ermittler bleibt hölzern, die selten zu sehende Helen Hunt hat womöglich mangels anderer Filmangebote für dieses schale Projekt ihre Zusage erteilen müssen, um irgendwie wieder vor die Kamera zu kommen – so sehr sieht man ihr diese Notwendigkeit an. Die Sache mit dem Autismus hat schon so manches Filmprojekt vor dem totalen Absturz bewahrt und entbehrt nicht einer gewissen zynischen Bühnenpräsenz, die sich in stereotypen Verhaltensmustern überall leicht darstellen lässt. Einen ganzen Film kann diese Entwicklungsstörung aber auch nicht tragen, vor allem, wenn dieser sonst nichts hergibt. Alternative gefällig? Funktioniert hätte das ganze als Love Story zwischen Sheridan und de Armas, ganz ohne Krimiplot.

The Night Clerk