Der Spatz im Kamin (2024)

DIE KATZE IST TOT

7/10


spatzimkamin© 2024 Viennale


LAND / JAHR: SCHWEIZ 2024

REGIE / DREHBUCH: RAMON ZÜRCHER

CAST: MAREN EGGERT, ANDREAS DÖHLER, BRITTA HAMMELSTEIN, LUISE HEYER, MILIAN ZERZAWY, PAULA SCHINDLER, LEA ZOË VOSS, ILJA BULTMANN, LUANA GRECO U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Familie und ihre dunklen Geheimnisse. Gerade in den skandinavischen Dramen eines Henrik Ibsen, August Strindbergs oder später in den gallig-polemischen Satiren eines Edward Albee kommen Familien, gepfercht in einen sinnbildlichen Druckkochtopf, an ihren Siedepunkt. Was raus muss, muss raus, es ist wie bei einem entzündeten Blinddarm oder einem faulen Zahn. Das Problem dabei ist nur: Sich des Eiterherds zu entledigen, dafür braucht es Mut und Anstrengung. Oder gerade den richtigen Moment. Welcher wäre dafür nicht besser geeignet als eine Familienfeier anlässlich des Geburtstages von Papa Markus. Der Mann hat drei Kinder und eine Ehefrau, die längst nicht mehr das ist, was sie damals war, als beide sich kennengelernt haben. Nun – Zeit, Alltag, Stress und Midlife-Krisen ändern oft alles, und nichts lässt sich mehr wiedererkennen. Die ganze kaputte Familie soll anrücken – Schwester mit Schwager, die entlaufene Tochter, sogar die Hundesitterin, die vis a vis in der Holzhütte wohnt, um ihr nach einem Aufenthalt im Gefängnis eine zweite Chance zu geben. Der Haussegen hängt schief, und es scheint, als würde die miese Stimmung einzig und allein von Mama ausgehen, während der Rest der Sippschaft sich darin übt, diese Frau entweder zu hassen oder zu meiden.

An einem Wochenende wie diesen, an welchem sich versehentlich ein Spatz in den Kamin verirrt und vielleicht auch die Katze stirbt (um Schrödingers Dilemma zu bedienen), könnte die große Katharsis stattfinden, der große Kehraus nach einem Feuerwerk aus Gift und Galle, verletzenden Worten und völlig falsch verteilter Rollen. Der Spatz im Kamin ist für mich der erste Film der Gebrüder Zürcher, ein waschechtes Schweizer Fabrikat, ein pointiertes Familiendrama mit spitzen Zungen und paraverbaler Botschaften. Zwar untereinander nicht zusammenhängend, ist dieser Teil nach Das merkwürdige Kätzchen und Das Mädchen und die Spinne nun der letzte einer sogenannten Tier–Trilogie, die jeweils den animalischen Symbolismus bedient. Alle drei gehen in Medias Res, was soziale Mikrokosmen betrifft, in denen Liebe, Hass, Sehnsüchte und Geheimnisse reif für die Ernte sind. In diesem Schweizer Sommer schwant einem Übles, mag man den Haushaltseifer des Jungen als bedrohlich betrachten und die falsche Freude der Besucher als aufgesetzt. Während alle anderen gar nicht mal so tun, als ob, sondern die Wahrheit hinter allem auf provokante Weise höher schaukeln, bleibt Maren Eggert (zuletzt in Ich bin dein Mensch neben „Roboter“ Dan Stevens zu sehen) die zentrale Figur einer strindberg’schen Mutterfigur, die, immer noch wohnhaft im Haus ihrer Eltern und scheinbar verbunden mit einem Fluch, das Erbe der eigenen Ahnen antritt. Familie wird in Der Spatz im Kamin zur Wucherung auf den Fundamenten des Vergangenen. Wie Eggert sich diesem Geschwür entledigt und gleich die ganze Verwandtschaft mitreißt, das schildert Ramon Zürcher mal nüchtern, mal radikal, mal versunken in einer metaphysischen Traumwelt.

Im letzten Drittel dringt das Irreale wie eine helfende Hand für Eggerts Figur in die bittere Realität, verliert aber dadurch auch etwas an Substanz. Es scheint, als wäre die Flucht in den Traum der einzige Ausweg in den Augen Zürchers, und ja, das Theater arbeitet mit solchen Elementen relativ oft. Tabula Rasa spielt es in diesem Drama wohl weniger, dafür hat die in der Psychotherapie erfolgreich praktizierte Familienaufstellung ihren Film gefunden. Nach der Erkenntnis, wo wer hingehört, obwohl er ganz woanders steht, ebnet den Weg zum Neuanfang.

Der Spatz im Kamin (2024)

Die Herrlichkeit des Lebens (2024)

KAFKA, EINMAL UNVERKITSCHT

7,5/10


herrlichkeitdeslebens© 2024 Majestic/Christian Schulz


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2024

REGIE: JUDITH KAUFMANN & GEORG MAAS

CAST: SABIN TAMBREA, HENRIETTE CONFURIUS, MANUEL RUBEY, DANIELA GOLPASHIN, ALMA HASUN, PETER MOLTZEN, LEO ALTARAS, LUISE ASCHENBRENNER, FRIEDERIKE TIEFENBACHER, MICHAELA CASPAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 99 MIN


Als kafkaesk bezeichnet man groteske gesellschaftspolitische Umstände, Überwachungsstaaten und Albtraumbürokratien. Morphologische Veränderungen, Paranoia und die Angst vor einer körperlosen Übermacht. Will man Franz Kafka darstellen, lässt man ihn gerne so sein wie eine seiner Figuren, orientierungslos, verfolgt und nicht Herr seiner Sinne. Der Autor Michael Kumpfmüller hat über das letzte Lebensjahr des großen deutschsprachigen Schriftstellers einen Roman verfasst und ihn so dargestellt als jemand, der zwar krank war, jedoch keinesfalls so verschroben, wie man ihn gerne hätte. Kafka hatte Stil und war redegewandt wie kein Zweiter. War charmant zu den Damen, nur leider keiner, der, so sagt er selbst, für Langzeitbeziehungen wirklich geeignet ist. Das letzte Jahr seines Lebens gewährt ihm aber dann doch den Schein einer ewigen Beziehung, eine Lebensgemeinschaft bis in den Tod. Dieser jemand an seiner Seite war Dora Diamant – schöner kann ein Name, der kein Künstlername ist, wahrlich nicht klingen. Mit Dora findet Franz Kafka seine ideale Partnerin – und schließlich auch jemanden, der die Leiden einer Lungentuberkulose bedingungslos mitträgt. Alles beginnt in einem idyllischen Nordseesommer beim Spazierengehen am Strand, den Sprösslingen im nahegelegenen jüdischen Kinderheim erzählt er, kauernd im Strandkorb, allegorische Geschichten über Mäuse und Katzen. Dora Diamant lauscht mit – und gerät ins Blickfeld des edlen Herren, den von da an nichts mehr daran hindert, ihr den Hof zu machen. Das Interesse beruht auf Gegenseitigkeit, beide sind klug, beide ticken ähnlich, nur die Krankheit bremst so manche Pläne. Der darauffolgende Winter in Berlin wird zur Belastungsprobe, die Eltern, insbesondere Kafkas Vater, wird auf ewig ein Schreckgespenst bleiben. Bald kann Kafka nicht mehr sprechen, die Tuberkulose breitet sich aus. Doch Dora weicht nicht von seiner Seite.

Melodramatisch ist Die Herrlichkeit des Lebens sehr wohl, doch auf eine gute Art. Auf die einzig richtige Weise, wie man Melodramatisches nur auf die Leinwand bringen kann und dabei genau darauf achtet, jedweden sentimentalen Kitsch zu vermeiden. Denn Melodrama muss niemals sentimental sein. Das Regieduo Judith Kaufmann und Georg Maas finden am Anfang des Films sommerliche norddeutsche Bilder, die an die impressionistischen Malereien Renoirs oder Monets erinnern. Wir sehen eine Holzbank auf einem Aussichtsplatz hoch über dem Strand, um die Rückenlehne ist ein seidenes, auberginerotes Band gewickelt, welches in der Sommerbrise weht. Klingt nach Rosamunde Pilcher? Ist es aber nicht. Diese Romantik verdient es kompromisslos, sich dieser Bildsprache zu bedienen. Inszeniert wird sie voller Respekt vor dem Genre und den historischen Figuren, die sich begegnen. Sabin Tambrea verleiht der literarischen Legende Charisma und Charakter, und vor allem versucht er nicht, sich an dieser bedeutenden Rolle, seinem Geltungsdrang verpflichtet, zu ereifern. Tambrea macht einen Schritt zurück, bleibt besonnen und unaufgeregt. Das gibt der Figur jede Menge Raum. Ebenso Henriette Confurius als Dora: Auch sie authentisch und natürlich, kein bisschen zu viel, niemals zu wenig. Diese beiden schaffen eine immersive Atmosphäre, in die man als Zuseher unweigerlich hineingleitet. Trotz der leisen, fast ereignislosen Chronik eines Abschieds ist es allen voran diese konstante, stilsichere Gefühlswelt, die Kaufmann und Maas hier errichtet haben, die den Zugang zu diesem Film so frappant erleichtern. Keine Regie-Allüren, keine Schauspiel-Allüren, kein bizarres Gemotze wie bei David Schalko. Menschlich und warmherzig gibt dieses Drama einen fast schon intimen Einblick in eine Künstlerseele und seinen Dämonen, in eine späte Liebe und in die Kunst, das Unausweichliche zu akzeptieren.

Die Herrlichkeit des Lebens ist ein strahlend schöner Film, wohltuend und berührend, ohne darauf aus sein zu müssen, dieses Ziel zu erreichen. Das Werk genügt sich selbst, es ist Melancholie mit Understatement.

Die Herrlichkeit des Lebens (2024)

Challengers – Rivalen (2024)

DREI FÜR EIN DOPPEL

7/10


challengers© 2023 Metro-Goldwyn-Mayer Pictures Inc. All Rights Reserved.

LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: LUCA GUADAGNINO

DREHBUCH: JUSTIN KURITZKES

CAST: ZENDAYA, JOSH O’CONNOR, MIKE FAIST, DARNELL APPLING, A. J. LISTER, NADA DESPOTOVICH, NAHEEM GARCIA, HAILEY GATES, JAKE JENSEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Tennis? Nein danke. Zumindest nicht im Sportprogramm. Ich weiß zwar, das einer wie Dominik Thiem unlängst seine Karriere beendet hat, dass es Größen wie Steffi Graf, Andre Aggassi und den Österreicher Thomas Muster gegeben hat. Dass es die French- und US Open gibt und Wimbledon oder die Flushing Meadows (oder ist das Golf?). Doch sonst könnte ich, ganz so wie bei Baseball, eigentlich nicht aus dem Stegreif darüber Auskunft geben, nach welchen Regeln der halbharte Filzball über das Netz gedroschen wird. Da werde ich auch bei Sichtung diverser Tennisfilme nicht schlau, die mich aber eher abholen als der Stöhn-Sport an sich. Filme wie Battle of the Sexes oder King Richard sind sehenswert, weil sie vielmehr erörtern, welche sozialen oder gesellschaftlichen Mechanismen dahinter aktiv werden. Um Tennis geht es in den Filmen nur peripher. Genauso wie bei Luca Guadagninos Challengers – Rivalen. Natürlich verortet sich diese Geschichte im Sportfilmgenre, doch abschrecken sollte man sich davon nicht lassen. Da wird Zendaya schon ihr Übriges tun, um auch Tennis-Banausen ins Kino zu bringen. Zendaya ist ja mittlerweile längst nicht nur Schauspielerin, sondern auch Trend-Ikone und Glamour-Girl, aber eine gern gesehene, da sie sich, wie des Öfteren berichtet wird, ganz natürlich gibt, ohne groteske Allüren. Zendaya spielt in Challengers übrigens wirklich groß auf – noch größer als in Villeneuves filminantem Dune-Nachtrag. Sie ist sexy, verführerisch, aber auch selbstbewusst, bisweilen arrogant und egozentrisch. Sie ist sensibel und gleichzeitig toughe Sportlerin, die anderen einheizt. Diese Nuancen bringt Zendaya alle auf den Punkt, ihre Rolle ist also nie langweilig, vorallem deswegn nicht, weil sie weiß, wie sie Emotionen lebt, die sie mit anderen kaschieren muss, weil es die Blase, in der sie existiert, eben verlangt.

Ihr gegenüber und sehr schnell ausgeliefert sind Josh O’Connor (zuletzt gesehen in Alice Rohrwachers Schatzsucher-Allegorie La Chimera) und Mike Faist (West Side Stoy), die am Anfang des Films noch grünohrige Teenager sind, die sich von Zendaya um den Finger wickeln lassen und ehe sie sich versehen, von ihr ausgespielt werden. Sie nutzt die Strebsamkeit der beiden im Tennissport, um sie zu manipulieren. Wer gewinnt, bekommt ihre Nummer. So einfach ist das. Und so folgenschwer, betrachtet man die latent homosexuelle Freundschaft der beiden, die sich von der Unterstufe her kennen und im Leben bislang alles gemeinsam machten. Zendayas Figur der Tashi Duncan, längst Juniorprofi im Tennissport und adidas-Testimonial, hat die Zügel fest im Griff, die beiden jungen Männer spielen den Sport nach ihrer Pfeife. Bis – und das kann gar nicht verhindert werden – Neid, Missgunst und Rivalitäten das Leben von allen dreien auf völlig neue Pfade schickt. Vorallem auch, weil Tashi nach einem Unfall auf dem Tenniscourt ihre Karriere wohl ad acta legen muss, stattdessen coacht sie den einen der beiden, Art Davidson, der sich im Laufe der Jahre zum Profi mausert. Natürlich spielt auch der andere, Patrick Zweig, eine Rolle. Denn was mal war, lässt sich nicht auslöschen. Und die Zweifel darüber, was Tashi eigentlich will, hält die Dreiecksbeziehung über einen epischen Zeitraum von rund dreizehn Jahren am Laufen.

Luca Guadagnino war niemals wieder so gut wie damals, als er Call Me by Your Name, das sommerfeuchte Liebesdrama zwischen Armie Hammer und Thimothée Chalamet auf die Leinwand brachte. Grandioses Kunstkino, erotisch und virbierend; ein Werk, dem man sich nur schwer entziehen kann. Diese Intensität erreicht er auch mit Challengers nicht mehr wieder – was das schweißperlende Drama einer Freundschaft aber immer noch sehenswert genug sein lässt. Die Art und Weise, wie er auch diesmal Verlangen, Begehren, Wunsch und Wirklichkeit aufdröselt, ist mit feiner Klinge geführt. Szenen der romantischen Schwere wechseln mit kühlen Konfrontationen, die mit heftigen musikalischen Rhythmen unterlegt sind. Die Erotik am Tennisplatz und im Bett beruht längst nicht nur auf trivialen Nacktszenen. Gesichter, Blicke, Mimiken, nackte Beine und gezeichnete Körper verorten den Leistungssport auch im Zwischenmenschlichen. Dabei wird Challengers nie garstig oder kriminell. Die Spannung des Films liegt naturgemäß in der Rivalität der beiden Männer, der Film ist auch ihre Geschichte, und Zendaya eigentlich nur die treibende Kraft oder der Auslöser hinter einem nie verarbeiteten Konkurrenzkampf, der vielleicht das Zeug dazu hat, irgendwann das Ventil einer nie ausgelebten Sehnsucht zu öffnen. Womit wir wieder bei Call Me by Your Name wären.

Challengers – Rivalen (2024)

May December (2023)

DAS LEBEN IST EIN ROLLENSPIEL

7/10


maydecember© 2024 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: TODD HAYNES

DREHBUCH: SAMY BURCH, ALEX MECHANIK

CAST: NATALIE PORTMAN, JULIANNE MOORE, CHARLES MELTON, ELIZABETH YU, GABRIEL CHUNG, ANDREA FRANKLE, PIPER CURDA, D. W. MOFFETT, CORY MICHAEL SMITH U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Es stand auf der Blacklist der besten, noch nicht verfilmten Drehbücher – das originale Skript von Samy Burch über eine May December-Beziehung – so nennt man den frappanten Altersunterschied eines Paares, der ja an sich kein Problem darstellen würde, wenn beide es wollen. Der aber schnell kriminell werden kann, wenn zum Zeitpunkt des ersten Koitus der Knabe gerade mal 13 Lenze zählt. Dummerweise wurden beide inflagranti erwischt, und aus dem Akt der Liebe entwuchs dazu noch Nachwuchs, den Gracie, verurteilt aufgrund der Verführung eines Minderjährigen, im Gefängnis hat austragen müssen. Der Fall schlug damals ordentlich Wellen, 24 Jahre später ist mehr oder weniger schütteres Gras über die Sache gewachsen, sodass Hollywood damit liebäugelt, einen Film darüber zu machen. Als Hauptdarstellerin soll der Star Elizabeth Berry herhalten. Was Schauspielerinnen und Schauspieler eben so tun, wenn sie eine reale Person verkörpern wollen, die noch unter den Lebenden weilt? Sie fallen den zu interpretierenden Vorbildern insofern auf den Wecker, da sie ihr Rollenstudium in deren Privatleben absolvieren. Elizabeth wird also zum Schatten von Gracie, investigiert nach, sucht den Dialog, stellt Fragen und beobachtet. Langsam aber doch offenbaren sich Geheimnisse, die geheim bleiben, und tun sich Erkenntnisse auf, die vielleicht ein gänzlich anderes Licht auf jene Rollen werfen, die innerhalb der eingeschworenen, unorthodoxen Partnerschaft eingenommen werden. Elizabeths hospitierende Aufgabe nimmt mehr Raum ein als beabsichtigt, der damals minderjährige Joe wird immer mehr aus sich herausgehen – bis klar wird, dass vieles im Leben erreicht, anderes aber auch unwiederbringlich versäumt und verloren scheint.

Todd Haynes hat schon mal mit Julianne Moore gedreht, und zwar das Melodrama Dem Himmel so fern über eine ebenfalls ungewöhnliche Beziehung zu sehr ungünstigen Zeiten. Nach dem subtilen lesbischen Liebesdrama Carol widmet sich der Filmemacher mit dem Gespür für schwer zu fassende Gefühlswelten einem komplexen Familienkonstrukt, bestehend aus zwei Parteien – der früheren Familie von Gracie und der neuen. Dazwischen jede Menge unaufgearbeitetes Dilemma, Kränkungen und zerstörte Leben. Auf der einen Seite steht eben Moore als eine mehrmals auf die Probe gestellte, verletzte Frau, deren Nerven blank liegen. Auf der anderen Natalie Portman als berechnende, stets höfliche Diva, die ihren eigenen Kopf hat und sich somit ihr eigenes Bild macht vom wellenschlagenden Umstand einer verbotenen Liebe, die, keiner weiß es genau, wer auch immer entfacht hat. Wer war die treibende Kraft hinter all dem? Ist es wirklich immer noch Liebe? Oder Pflicht? Oder das Erfüllen einer Erwartungshaltung, um nicht geächtet zu werden?

May December macht keinen Unterschied mehr zwischen Filmrollen und jenen, die man im Leben einnimmt. Das akkurate Drama wirft viele Fragen auf und beobachtet in messerscharfer Genauigkeit die Gefühlslagen der Beteiligten, wobei die Dramatis Personae ordentlich Kreise zieht. Hochkomplex ist Todd Haynes Film geworden, und kaum jemand hätte diese abstrakten, fragilen Gefühlswelten ohne einer differenzierten, kühl-mathematischen Ordnungsliebe darstellen können. Das Mysteriöse in diesem Streifen sind die schwer zu positionierenden Hauptfiguren, die einfach nicht sind, was sie vorzugeben scheinen. Die eine hegt den Verdacht bei der jeweils anderen, dieser schwelende Konflikt gerät aber niemals zum derben Schlagabtausch, sondern bleibt vages Urteil, Vorurteil oder Wunschdenken. Haynes legt Sehnsüchte und Versäumnisse frei, May December ist das impressionistische Geflecht einer eingegrenzten Gesellschaft, die entweder zum Opfer einer spontanen Wollust oder einer echten Zuneigung wurde, wobei man sich fragt, ob letzteres es wirklich wert gewesen war, so viel aufs Spiel zu setzen.

Man darf sich von diesem präzise beobachteten Psychodrama kein mitreißendes Emotionenkarussel erwarten. Vieles bleibt indirekt, nicht alle Geheimnisse werden offenbart, ganz im Gegenteil: Immer mehr kommen hinzu und am Ende ist man genauso schlau wie vorher. Letztendlich ist alles nur Vertrauenssache ohne Gewissheit.

May December ist ein spannender, durchdachter Film – die Qualität von Portman und Moore nochmal zu erwähnen, ist fast schon überflüssig. Beide sind Profis und scheuen sich nicht davor, in die Tiefe ihrer Rollen einzutauchen.

May December (2023)

How To Have Sex (2023)

HANGOVER MIT MÄDCHEN

7,5/10


howtohavesex© 2023 Polyfilm


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, GRIECHENLAND, BELGIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: MOLLY MANNING WALKER

CAST: MIA MCKENNA-BRUCE, LARA PEAKE, ENVA LEWIS, SHAUN THOMAS, SAMUEL BOTTOMLEY, LAURA AMBLER, EILIDH LOAN, DAISY JELLEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Diese Nacht wird unsere Nacht. Diese Nacht wird nicht wie jede andere, sie wird phänomenal. Und generell – der Urlaub in Griechenland soll für drei junge Frauen im Teenageralter, die, so viel wissen wir, noch nicht volljährig sind, endlich das bringen, was sie zu erwachsenen Frauen machen wird: Das erste Mal Sex. Dieses energische Streben nach einem männlichen (oder weiblichen) Sparring-Partner für den Geschlechtsverkehr klingt fast so, als wäre How To Have Sex die XX-Version von Eis am Stiel. Doch was in den Sexklamotten gerne und zur Gänze ausgeklammert wird, erfährt in diesem höchst sensiblen und über ganzer Linie auch paraverbal funktionierendem Coming of Age-Drama seine kritische, aber faire Bühne. Weder lässt sich das authentische Gesellschaftsportrait auf Schuldzuweisungen ein, noch will es so junge Menschen wie Tara eines Besseren belehren – dass nämlich die rosarote, verheißungsvolle Vorstellung vom Wunder der Geschlechtsakts, der logischerweise mit Respekt, Zuneigung und Achtsamkeit einhergehen muss sollte, dem nackten Realismus, also der praktischen Umsetzung zur erstbesten Gelegenheit, nichts entgegensetzen kann. Was Tara von diesem Party-Urlaub wohl mit nachhause nehmen wird, ist die ernüchternde Erkenntnis, dass die Teenager-Blase, diese Barbie world, wenn man so will, irgendwann mitsamt ihres schillernden Farbspektrums zerplatzen wird müssen. Wenn nicht jetzt, dann irgendwann später. Dem Imperativ des Partyfeierns folgt der Hangover nach dem erschöpfenden Nichts einer Scheinwelt.

Tara ist nicht allein hier auf Kreta, ihre BFFs Skye und Em sind ebenfalls mit von der Partie, und alle drei wollen nur das eine. Sollte, rein praktisch gesehen, nicht so schwierig werden in dieser anarchischen Welt aus Alkohol, Dancefloor und einer Menge notgeiler Jungs, die junge Frauen als Gelegenheitsbeute gerne mal entjungfern. Minuten später ist der Akt bereits vergessen, und was bleibt, ist das Gefühl, missbraucht worden zu sein. So wird es Tara schließlich ergehen, die nach einer turbulenten Nacht, in der sich alle aus den Augen verlieren, gar nicht erst heimkommt, sondern verstört, schockiert und desillusioniert in einem menschenleeren, mit Plastikmüll übersäten Halligalli-Küstenort a lá Ballermann, umherirrt. Die britische Regisseurin Molly Manning Walker setzt in ihrem keinesfalls reißerischen, sondern behutsamen Psychodrama eine angesichts ihrer Performance wohl vielversprechendsten Nachwuchsdarstellerinnen in Szene, die man seit langem gesehen hat. Mia McKenna-Bruce erinnert an Florence Pugh und agiert auch mindestens so gut wie ihre bereits berühmte Kollegin, die mit Lady Macbeth eine ähnliche starke Frauenfigur darstellen konnte. Bei McKenna-Bruce liegt die Kraft aber im Mut zur Verletzbarkeit. Sie ist das Zentrum eines Films, der eigentlich ganz ihr gehört – das lässt sich nach der Halbzeit deutlich erkennen, wenn die Kamera minutenlang auf dem Gesicht der jungen Britin verweilt und in ihrem Ausdruck liest wie in einer Klageschrift, die anprangert, dass diese ganze Show namens Partyleben keinen Mehrwert hat und nur nimmt statt gibt. Sie erschöpft, sie ermüdet, immer hohler und leerer fühlt es sich an, wenn die Nacht zum Tag wird und keiner mehr so richtig kann, aber muss. Dass Gruppenzwang und Gefallensucht das eigene Ich schlecht behandeln, dass Erwartungen unterwandert wurden und Prinzessinnen-Sex etwas ist, dass man erwarten muss. Keiner der Protagonistinnen und Protagonisten weiß es besser, jede und jeder ist in seiner Unzulänglichkeit zwar nicht entschuldbar, aber nachzuvollziehen. Der Druck, so sein zu müssen, wie die anderen es wollen, findet selten ein Ventil – Taras verletzte Seele muss damit klarkommen, mit ihren Erfahrungen allein zu bleiben.

Gegen alle Erwartungen ist How to Have Sex kein Exzesskino, sondern hält die Würde der Partyjugend dort zusammen, wo sie auseinanderbrechen könnte. Auffallend viel Ruhe setzt Manning Walker zwischen den Nachtlärm, hört und sieht hin, wo andere in ihrer sozialen Inkompetenz erblinden. Was hätte Ulrich Seidl wohl aus diesem Stoff gemacht? Man hätte den Film als vierten Teil seiner Paradies-Reihe sehen können, doch harter Realismus und zynische Gesellschaftskritik hätten daraus einen Sozialporno werden lassen, der nichts zu berichten gewusst hätte außer, dass die verkommene Jugend längst nicht mehr weiß, was sich gehört. Manning Walker geht die Sache anders an. Ihr Film ist wie Aftersun, nur statt des Farewells von Vater Paul Mescal darf sich Tara von einer Traumwelt verabschieden, die nur in den sozialen Medien existiert.

How To Have Sex (2023)

Drei (2010)

DIE ALGEBRA DES FLOTTEN DREIERS

7,5/10


drei© 2010 The Match Factory


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2010

REGIE / DREHBUCH: TOM TYKWER

CAST: SOPHIE ROIS, SEBASTIAN SCHIPPER, DEVID STRIESOW, ANNEDORE KLEIST, ANGELA WINKLER, ALEXANDER HÖRBE, WINNIE BÖWE, HANS-UWE BAUER U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Lange nichts mehr von Tom Tykwer gehört. Zumindest nichts, was mit dem Kino zu tun hätte. Der Visionär aus dem Wuppertal trägt zumindest für die heimische Flimmerkiste ein Stück Fernsehgeschichte mit: Babylon Berlin geht mitunter auf sein Konto, den Ruhm für dieses einmalige Event muss er sich mit Achim von Borries und Henk Handloegten teilen. Macht doch nichts, Tykwer scheint mir einer zu sein, der kein Problem damit hat, im Team zu arbeiten – siehe Cloud Atlas. Gerade die Bereitschaft, Agenden aufzuteilen, um so zu einem besseren Ganzen zu gelangen, hat das multitemporäre Science-Fiction-Epos zu dem gemacht, was es ist: einem besonderen Meisterwerk, unterstützt durch die Wachowski-Geschwister, die seit Matrix auch nicht mehr das Gelbe vom Ei freilegen konnten.

Tykwer allerdings funktioniert auch auf Solopfaden bestens, und nicht erst seit seinem Stress-Thriller Lola rennt. Ganz besonders funktioniert Tom Tykwer auch, wenn die Reise in die zwischenmenschlichen Terra incognita führt. Wenn sich Männer und Frauen wechselwirkend aufeinander einlassen und nicht unbedingt nur zwei dazugehören, sondern eben – wie der Titel schon sagt – drei. Diese drei sind anfangs aber eben nur zwei, und da taucht plötzlich dieser eloquente, völlig gelassene und über allen Dingen stehende Adam auf – Stammzellenforscher und sowieso schon mal offen für Experimente aller Art, die die Physik des Daseins nutzen, um völlig Neues aufzudecken. Adam – der Name ist Programm. Devid Striesow darf sich als Erleuchtung bringende, wandelnde Institution erklären, die Liebenden das Feuer neuer Möglichkeiten bringt. Die Liebenden sind Hanna (die unvergleichliche Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper). Simon pflegt seine krebskranke Mutter bis zu ihrem Ableben, während Hanna Adam kennenlernt – und mit ihm eine Beziehung anfängt. Zeitgleich erkrankt nun auch Simon. Da Hanna ihn liebt, bleibt sie an seiner Seite – letzten Endes heiraten sie. Adam jedoch wird für beide zum fixen Bestandteil ihres Lebens, denn der vom Krebs Genesende lernt diesen wiederum im Schwimmbad kennen. Da Adam sofort kein Hehl daraus macht, seine Bisexualität offen zu kolportieren, entdeckt auch Simon seine Lust am Manne. Denn, und das ist das Motto dieses komplexen und hochgradig amüsanten, aber niemals der seichten Unterhaltung dienenden Erotikfilms: Die Biologie deterministisch zu sehen, ist eine Ansicht, von der Mann und Frau sich lösen muss. Schließlich hält sie in petto, was möglich ist. Und somit natürlich.

Auch dieser wilde Dreier voller Leidenschaft. Spannend macht die Beziehungskiste vor allem die Tatsache, dass Hanna und Simon jeweils vom anderen nicht wissen, dass Adam längst Teil ihres Lebens ist. Dadurch gewinnt Drei eine zusätzliche beziehungskomödiantische Facette, die andernorts und vielleicht auch in Hollywood für einen ganzen Film reichen hätte kommen. Tykwer gibt sich mit dieser einen Dimension längst nicht zufrieden. Seine Ansätze sind gar wissenschaftlicher, sozialphilosophischer Natur – das begeisterte Spiel des Trios, ihre Hingabe und ihr erfrischender Mut, Nacktheit zu zeigen und womöglich auch ihrer eigenen Gesinnung entgegenlaufende Abenteuerlust völlig ungeniert darzustellen, lässt die auf mehreren Metaebenen laufende Dramödie nicht nur selbstbewusst als mathematische Formel in neonleuchtenden Schwimmbadlettern über allem strahlen. Wie dieses Dreiergespann aber in sich greift, wie jeder jedem und jede jedem und jeder jede um sein intimes Lebensglück aus Versuchung und Verlangen bereichert, ist fast schon ein vollendetes Verhaltensmuster.

Drei (2010)

She Came to Me (2023)

MUSE PER ZUFALL

5/10


she-came-to-me© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: REBECCA MILLER

CAST: PETER DINKLAGE, MARISA TOMEI, ANNE HATHAWAY, JOANNA KULIG, BRIAN D’ARCY JAMES, HARLOW JANE, EVAN ELLISON, DALE SOULES, AALOK MEHTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Auch der begnadete und grundsympathische Peter Dinklage bleibt davon nicht verschont: Die kreative Blockade. Als Komponist neumodischer Opern kann er in She Came to Me gerade gar nichts so richtig zu Papier bringen, und der Termin zur Abgabe eines seiner Werke rückt näher. Dieser Steven hat obendrein eine Familie aus Frau und Stiefkind, die ebenfalls gerade kaum wissen, wo sie in ihrem Leben stehen, was sie wollen und wohin das führen soll. Eine Midlife-Crisis möchte ich’s nennen, alles fühlt sich sehr danach an, und nicht nur der männliche, väterliche Part scheint davon betroffen. Der Sohn sieht in der Tochter der hauseigenen Putzfrau seine Bestimmung in Liebesdingen, Psychiaterin Patricia kokettiert mit einem Leben als Nonne und vom Künstler höchstselbst wissen wir – er benötigt dringend einen Musenkuss, sonst wird das nichts.

Also treibt ihn eines Tages der Zufall in die Hände der Schlepperkapitänin Katrina, die unter einem Romantikkomplex leidet und sich eigentlich gar nicht auf andere Männer einlassen darf, sonst wird sie rückfällig. Natürlich passiert das Unvermeidliche, und neben dieser unerwarteten Wendung in Stevens Leben, die ihn obendrein genug inspiriert, um weiterzuarbeiten, hängt plötzlich noch die Anklage über Verführung Minderjähriger im Raum, denn Sohnemanns Freundin Tereza ist erst sechzehn.

Es treibt alle um in Rebecca Millers Kreise ziehendem Familiendrama – wohl mehr Tragikomödie als die schwermütige Skizze eines dysfunktionalen Sozialgefüges. Mit leichtem Humor betrachtet die Schauspielerin und Regisseurin (Maggies Plan mit Greta Gerwig) all die in ihren Blasen schwebenden und an Bodenhaftung verlierenden Personen zwar von der richtigen Seite, allerdings schenkt sie ihren Figuren, statt wirklich den Fokus auf sie zu richten, lediglich Seitenblicke. Dabei fühlt sich alles so an, als wäre dieser Plot um Bedürfnisse, Rollenbilder und Liebesdinge ein ganz heißes Eisen, das wohl gerne Woody Allen anpacken hätte sollen. Alles ruft danach, den schmächtigen New Yorker ans Regie-Ruder zu lassen – all das hätte obendrein mehr Wortwitz, dichtere Dialoge und schräge, aber ernstzunehmende Charaktere zum Anfassen gehabt. Miller scheint sich an ihren umtriebigen und fast schon autonomen Sinn- und Inputsuchern die Finger zu verbrennen. Nur nicht tiefer in die Materie, dafür lieber noch eine Komponente an Selbstfürsorge, Ausbruchs- und Umbruchsgedanken mehr, die in ihrer beiläufigen Erwähnung und flüchtigen Betrachtung niemals auch nur ein Quäntchen näher an den Zuseher herankommen. Das Spiel, die Komödie – sie bleibt auf Distanz, sie mag zwar rein konzeptionell tatsächlich rund laufen, darüber hinaus aber bleiben Anne Hathaway, Peter Dinklage oder Marisa Tomei viel zu flach. Gerade so, um Woody Allen zumindest als grob umrissenes Charakter-Scribble zu dienen.

She Came to Me (2023)

The Quiet Girl (2022)

DAS WUNDER DER WERTSCHÄTZUNG

7,5/10


thequietgirl© 2023 Neue Visionen


ORIGINAL: AN CAILIN CIÚIN

LAND / JAHR: IRLAND 2022

REGIE / DREHBUCH: COLM BAIRÉAD

CAST: CATHERINE CLINCH, CARRIE CROWLEY, ANDREW BENNETT, MICHAEL PATRIC, KATE NIC CHONAONAIGH U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Wie heisst es so schön? Durchs Reden kommen die Leute zusammen. Eigentlich gar nicht wahr. Sie mögen zwar miteinander interagieren, diese Leute, doch Nähe entsteht dadurch keine. Reden kann man viel, wenn der Tag lang ist. Man kann ihn auffüllen mit hohlen Phrasen und jeder Menge Smalltalk, die im Grunde zu nichts führt. Das wirklich Wichtige lässt sich zwischen den Wörtern verorten; es sind Gesten, Blicke und Berührungen. Aufmerksamkeiten und Signale, die das Gegenüber wissen lassen: es wird wertgeschätzt. Im Leben der jungen Cáit ist Wertschätzung etwas, dass sich ihre Familie nicht leisten kann – oder will. Cáits Eltern führen mehr schlecht als Recht einen Hof, hinten und vorne fehlt das Geld und das sechste Kind wird in Kürze das Licht der Welt erblicken. Es herrscht ein gehetzter, entnervter Dauerzustand, vor allem von Seiten der Mutter – und der Vater ertränkt seine Gefühle lieber im Alkohol. Um dem Ganzen ein bisschen den Druck zu nehmen, wird das neunjährige Mädchen zur Cousine an die irische Küste gebracht – diese lebt mit ihrem Mann in scheinbar harmonischer Abgeschiedenheit zwischen Sandstrand, Wald und Feld. Die Kühe geben Milch, die Quelle klares Wasser. Cáit eröffnen sich Welten, die sie zuvor nicht gekannt hat: Zuneigung, Liebenswürdigkeit und Aufmerksamkeit, zumindest von Seiten Eibhlíns, die ihrer entfernten Verwandten mit unbändiger Gastfreundschaft begegnet. Sie merkt, dass mit Cáit etwas nicht stimmt. Sie will ihr Bestes tun, um der Kleinen einen glücklichen Sommer zu bescheren.

So steht die junge Catherine Clinch in ihrer ersten Filmrolle wie Alice im Wunderland vor dem Kaninchenbau, als sie aus dem Auto ihres Vaters steigt. Schmutzig und leicht verwahrlost, wortlos und verschreckt. Doch das, was ihr widerfährt, ist die Möglichkeit, Vertrauen zu entwickeln, Nähe anzunehmen und endlich gesehen zu werden. Als unsichtbares Mädchen, von kaum jemanden beachtet, scheint Cáits Persönlichkeit am Anfang des Films regelrecht zu verblassen. Und dann geschieht das Wunder. Das Wunder der Wertschätzung. Das Wunder, anderen einfach Gutes zu tun. Filmemacher Colm Bairéad, der mit The Quiet Girl nicht nur sein Spielfilmdebüt hingelegt, sondern auch bei den Oscars für Aufsehen gesorgt hat, gelingt es, sich eineinhalb Stunden lang und mit hypnotischer Wirkung auf das Wesentliche zu konzentrieren. Keine Floskeln, keine Phrasen, keine Worthülsen, nirgendwo auch nur der geringste Overflow. Seine Arbeit ist fokussiert, zurückhaltend und entschleunigt. Doch weder elegisch noch auf sinnierende Weise entrückt. The Quiet Girl steht mit beiden Beinen am Boden, doch stampft es nicht auf. Der Film zentriert sich in seiner Gegenwart, fängt die junge Cáit nicht auf beobachtende, geschweige denn voyeuristische Art ein, sondern lässt es zu, dass sich diese dem Auge der Kamera von selbst nähert. Es ist diese erfrischende Bereitschaft, wahrgenommen werden zu wollen. Und da ist sie. In ihrer ganzen Persönlichkeit, in ihrer ganzen Sehnsucht und ihrem Mut, Nähe zuzulassen. Spätestens wenn der von Andrew Bennett dargestellte Seán als Vaterfigur für den Sommer mit Cáit langsam, aber doch, eine für beide Seiten bereichernde Basis der Koexistenz findet, wird deutlich, worauf es im Leben wirklich ankommt.

Und wenn dann doch gesprochen wird, dann erklingt schönstes Gälisch, von dem man kein Wort versteht, die Sprache aber wesentlich dazu beiträgt, den Film auch in seiner Zeit und seinem Ort zu verankern. Sprache ist hier Poesie, die einen ungeschmückten, aber nicht schmucklosen Film auf nuancierte Weise veredelt. Der Klang ist eine Sache, die Details, die Bairéad für wichtig erachtet – Cáits Schuhe, am Tisch ein Keks, die schillernde Oberfläche des Wassers – das visuelle Vokabular eines intimen, schnörkellosen Portraits einer Gemeinschaft auf Zeit, in der Geben und Nehmen im intuitiven Einklang geschieht. Es sind keine tragischen Ereignisse, wilden Begebenheiten und spannenden Wendungen, zu denen sich The Quiet Girl hinreißen lässt. Es ist die zum Durchatmen einladende, angenehm entreizte Tiefe, in die der Film vordringt, als würde man, um sich von Last und Kummer zu befreien, den Kopf mal tief ins kühle, stille Wasser eines kleinen Waldsees tauchen.

The Quiet Girl (2022)

Monster (2023)

NONKONFORME UNGEHEUER

7,5/10


monster© 2023 Monster Film Committee


ORIGINAL: KAIBUTSU

LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE: HIROKAZU KORE-EDA

DREHBUCH: YŪJI SAKAMOTO

CAST: SAKURA ANDŌ, EITA NAGAYAMA, SOYA KUROKAWA, HINATA HIIRAGI, HARUKO TANAKA, MITSUKI TKAHATA, AKIHIRO TSUNODA, YŪKO TANAKA, SHIDŌ NAKAMURA U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Der Mensch ist dem Menschen schutzlos ausgeliefert. Zumindest in seinen ersten Lebensjahren, als Baby, als Kleinkind, und natürlich noch als zur Bildung verpflichteter Schüler. Wehren können sich so junge Menschen wohl kaum, und wenn, dann drohen Sanktionen, die das familiäre Miteinander schwerer machen, als es ohnehin schon ist, wenn die in der Pubertät auftretende soziale Reibung mit den Eltern hinzukommt – der erste Schritt zur Abnabelung, das erste Tasten nach einer Welt der Selbstbestimmung. Dieses Ausgeliefertsein und den Wunsch, die Gunst der Erwachsenen zu erlangen; diese selbstlose, idealistische Liebe, womöglich zum gar nicht mal eigenen Nachwuchs, ist etwas, das Hirokazu Kore-Eda zutiefst beschäftigt – und ihn einfach nicht loslässt. Mit Shoplifters aus dem Jahr 2018 hat das Ganze angefangen. In seinem Gewinner der Goldenen Palme wird das fremde Kind zum Teil einer kurios anmutenden, allerdings ums Überleben kämpfenden Patchworkfamilie, da die eigenen Blutsverwandten längst versagt haben. In Broker, seinem übernächsten Film nach La Verité – Leben und lügen lassen mit Catherine Deneuve und Juliette Binoche (indem es zwar auch um das Ausgeliefertsein in der Kindheit geht, jedoch auf dem indirekten Weg der Rückblenden) sieht sich die Mutter nicht imstande, ihr eigenes Neugeborenes großzuziehen – und macht, mithilfe zweier karitativer „Menschenhändler“, auf Selfmade-Akquisition, wenn es um die Adoption ihres eigenen Kindes geht. Wieder stellt die Biografie eines Lebens den Beginn eines solchen als eine dem Wind und Wetter ausgesetzten Opfergabe dar, als ein Zustand, der Gnade erfordert. Und diese meistens auch genießen darf. Denn Kore-Eda ist kein Schwarzseher, seine Filme haben Herz und Hoffnung.

Auch das allerneueste und eben auf der Viennale exklusiv präsentierte, vielschichtige Jugenddrama Monster will nicht einfach so das Handtuch werfen. Die zum Teil recht verloren scheinenden Figuren in dieser stets neugierigen Komposition aus wechselnden Perspektiven und Wahrheiten haben allesamt die Chance, ihren Standpunkt einem Publikum zu erklären, das lange im Dunklen tappt. In ihrer, dem Film inhärenten Welt ist die Chance dafür eher gering und dringt vielleicht auch nur am Rande eines tobenden Taifuns an das Ohr der anderen, die dann hoffentlich verstehen werden, warum der Lehrer, Mr. Hori (Eita Nagayama), sich irgendwann am Dach des Schulgebäudes wiederfindet, um von dort in den Tod zu springen. Oder warum die Direktorin Fushimi (Yūko Tanaka) von Minatos Schule immer wieder dieselben Stehsätze rezitiert, ohne die Emotionen der anderen zu begreifen. Vielleicht, weil sie selbst zu sehr traumatisiert ist, um die Bedürfnisse, die rings um sie herum nach Verständnis lechzen, wahrzunehmen. Monster – auf japanisch: Kaibutsu – verbindet, wie eben auch in Kore-Edas anderen Filmen – das Hilflose einer Kindheit, die in ihrer Entwicklung keinen Stereotypen folgt, mit dem Ende des Lateins der Erwachsenen und stellt beide auf eine Stufe, bringt beide auf Augenhöhe. Und an den Rand der Verzweiflung. Doch wie gesagt; nur an den Rand.

Im Mittelpunkt dieses manchmal vielleicht zu gewollt ausgestalteten Vexierspiels steht der rätselhafte Junge Minato, aus dessen Verhalten wir allesamt nicht schlau werden. Schon gar nicht dessen alleinerziehende Mutter Saori (Sakura Andō). Fast könnte man meinen, der Junge sei besessen von irgendetwas – einer höheren, vielleicht finsteren Macht. Und langsam, aber doch, wird er zum Ungeheuer. Mit dem Gehirn eines Schweins, welches er, wie er behauptet, selbst besitzt. Auf der anderen Seite steht Eri (Hinata Hiiragi), ein kleiner Sonderling, der in seiner eigenen Welt lebt und stets gut aufgelegt scheint, obwohl er tagtäglich in der Schule gemobbt wird. Sein Vater, ein Trunkenbold, redet ihm schließlich ein, an einer Krankheit zu leiden, deren Symptome sich in seinem seltsamen Verhalten manifestieren. Ausgetrieben muss es ihm werden, so, wie das gespenstische Treiben von Minato – oder die Lust zur Gewalt, die Mr. Hori an den Tag legt. Alle drei sind Monster. Das Monströse auf der anderen Seite – die konformistischen Gepflogenheiten Japans, in welchem die Norm das größte Gut ist, bietet zwar soziale Sicherheit, errichtet allerdings auch eine Mauer der Inakzeptanz allem Unberechenbaren gegenüber. Wie sehr so ein Zustand uneinschätzbar bleibt, ist Sache der Wahrnehmung.

Alle fünf zentralen Protagonisten – die beiden Kinder, die Mutter, der Lehrer und die Direktorin – müssen in diesem Sozialthriller ihr bestes geben, um ihre Sichtweisen zu kombinieren. Und so erhalten nicht nur sie, sondern auch wir als Publikum das Gesamtbild eines längst nicht so spektakulären Ist-Zustandes: Es ist die verzweifelt wirkende Geschichte einer vielleicht jungen Liebe, die als freundschaftliche Zuneigung beginnt – und später zumindest Minato Angst macht, bis dieser genug Mut aufbringt, sich diesem Ausgeliefertsein zu widersetzen. Viel schöner und treffender lässt sich der Heldenmut inmitten eines tosenden Sturmregens gar nicht darstellen. Unweigerlich erinnert Monster an Lukas Dhonts letztjähriger Filmtragödie Close. Auch hier: zwei Freunde, die in ihrer bereichernden Zweisamkeit mehr füreinander empfinden – und der Angst vor dem Unbekannten, die diese Liebe mit sich bringt, unterliegen. Kore-Eda spinnt diese Situation einen Schritt weiter, in eine weniger radikale Richtung. Er, der die japanische Etikette hinterfragt, will die Gunst für ein Leben nicht anderen überlassen, will dem Sturm nicht alles, was sich schutzlos draußen befindet, ausliefern. Selbstbestimmung, Individualität und die Identifikation mit den eigenen Wünschen sind wie vermeintlich tief vergrabene Schätze, die vielleicht schon im Innern eines alten Waggons gehoben werden können. Diese rauszubringen ans Licht des Tages ist eine Challenge, die Kore-Edas Film womöglich zu seinem bisher besten macht.

Monster (2023)

Fallende Blätter (2023)

DAS SCHÖNE ZWISCHEN DEN WIDRIGKEITEN

8/10


FallendeBlaetter© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FINNLAND 2023

REGIE / DREHBUCH: AKI KAURISMÄKI

CAST: ALMA PÖYSTI, JUSSI VATANEN, JANNE HYYTIÄINEN, NUPPU KOIVU, ALINA TOMNIKOV, MARTTI SUOSALO, SAKARI KUOSMANEN, MATTI ONNISMAA U. A.

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Sowieso ist alles hoffnungslos? Gut, zumindest erweckt es den Anschein. Doch was Aki Kaurismäki niemals zulassen würde, ist, seine Figuren in den bodenlosen Abgrund zu werfen. Sie straucheln zwar, sie verlieren ihre Jobs, sie sind einsam und versoffen; sie haben kein Geld und keine Lobby. Doch resignieren, das tun sie nicht. Oder zumindest nicht mehr. Kaurismäki ist seit seinem Cabriolet-Klassiker Ariel hoffnungsvoller geworden. Seine Liebe zur Arbeiterklasse und all jenen, die im Grunde das System erhalten, jedoch nichts dafür bekommen, ist ungefähr so stark wie bei seinem britischen Fachkollegen Ken Loach. Doch wo dieser mit blankem Realismus soziale Defizite aufzeigt, erstellt Kaurismäki lakonische Alltagstableaus voller sprödem Charme. Bevölkert mit Gestalten, die sich das bisschen Glück aus einem sonst ereignislosen Leben picken, das aufgrund höherer Umstände nicht viel anders sein kann. Dieses Glück kann darin liegen, auf die Karaoke-Bühne zu gehen und blumige finnische Balladen zu schmettern, während dem Hochprozentigen zugetane Freitagabend-Melancholiker mit stoischer, aber dennoch verzückter Miene dem Möchtegern-Bariton lauschen.

Um jenen, der gerne jünger wäre, als er ist und darauf wartet, von einer Plattenfirma entdeckt zu werden – um den geht’s hier gar nicht primär. Sondern vielmehr um dessen Arbeitskollegen und Freund, dem Alkoholiker Holappa (Jussi Vatanen). Der bekommt so gut wie nichts auf die Reihe, weil er so viel säuft und dadurch andauernd seine Jobs verliert. Obendrein raucht er noch wie ein Schlot und ist deprimiert. Weil er eben so viel trinkt. Und weil er deprimiert ist, trinkt er. Ein Teufelskreis, dem man sich in Kaurismäkis urbanen Miniaturen mit stoischem Trotz gerne hingibt. Die ganze ernüchternde Monotonie könnte sich ändern, als dieser Holappa auf die hübsche Ansa (Alma Pöysti, zuletzt als Künstlerin Tove auf der Leinwand) trifft. Zuerst ist es nur Blickkontakt. Dann, später, ein erstes gemeinsames Kaffetrinken mit anschließendem Kinobesuch – dort läuft Jim Jarmuschs The Dead Don’t Die, eine kleine Verbeugung des Finnen vor einem Bruder im Geiste, dessen Filme wohl manchmal in einen ähnlich lakonischen Erzählstil abgleiten wie die eigenen. Diese beiden einsamen, aber niemals verlorenen Seelen sollten sich bald wiedertreffen, würde Holappa nicht Ansas Telefonnummer verlieren. So sucht die eine den anderen und umgekehrt, so harren sie vor dem Kino, in welchem gestandene Klassiker am Programm stehen, von Die Maske des Dr. Fu Manchu bis hin zu Godards Die Verachtung. Vielleicht klappt es ja, und aus dem bisschen Zuneigung könnte mehr werden. Nur nicht mehr Alkohol, denn das mag Ansa gar nicht. Im Zuge dieses Wartens und Vorbeigehens an Gelegenheiten müssen beide ihre Lage überdenken, ihr Leben ändern, soweit es in ihrer Macht steht. Eigeninitiative ergreifen dort, wo sonst der Abgrund folgt. Und dafür sind sich Kaurismäkis Liebende dann doch zu stolz, weil sie dennoch, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheinen mag, einen Sinn im Leben sehen. Der dann noch stärker wird und wichtiger in Anbetracht eines in Europa tobenden Krieges, der sich in nüchterner Berichterstattung rund um Tod und Zerstörung in einen dem Weltgeschehen scheinbar fernen Alltag mischt.

Kaurismäkis Bilder erreichen zwar nicht dieses akkurate Farbenspiel wie in seinem Meisterwerk Le Havre, aber dennoch ist das Komplementäre ein enorm wichtiges Element, das bereits vorab visualisiert, was zusammengehört und was nicht. Bescheidenes Interieur, enge Bars, längst nicht mehr neues, aber immer noch funktionstüchtiges Drumherum, in welchem pragmatische Lebensführung ihre Verwirklichung findet – so und nicht anders möbliert Kaurismäki sein Universum jenseits des Reichtums und der Gier. Sein Besinnen auf Werte, deren Streben danach im Angesicht noch viel schlimmerer Umstände – nämlich die des Krieges – von Szene zu Szene wichtiger werden, ist das, was der stilsichere Finne ausdrücken will. Die Arbeiterklasse der Gewerkschaften ist dabei immer noch ein Must-Have, Ansas Schuften in der Fabrik ein klassisches Zitat und eine Reminiszenz an seine früheren Werke. Den passenden Sound liefert dabei neben herrlich schwermütigen Chansons das reduktionistische und daher saucoole Musikduo Maustetytöt, das die ironische Melancholie dieser Tragikomödie auf den Punkt bringt.

Vielleicht hat Kaurismäki hier doch sein letztes Werk geschaffen, bevor er gedenkt, sich wieder zurückzuziehen. Und wenn es so wäre? Dann hätte er vielleicht alles gesagt. Alles zur Leidenschaft Kino und seiner Liebe dazu. Alles zum Weltschmerz und der Relativierung des eigenen Status Quo. Immer mehr wird Fallende Blätter zu seiner eigenen Flucht aus der Realität, zu einer Romanze, die Ansa und Holappa wohl im Kino gesehen hätten, könnte der Traum auf der Leinwand nicht doch noch Wirklichkeit werden.

Fallende Blätter (2023)