El Conde (2023)

DIKTATOR DER HERZEN

3,5/10


elconde© 2023 Netflix Inc. 


LAND / JAHR: CHILE 2023

REGIE: PABLO LARRAÍN

DREHBUCH: GUILLERMO CALDERÓN, PABLO LARRAÍN

CAST: JAIME VADELL, GLORIA MÜNCHMEYER, ALFREDO CASTRO, PAULA LUCHSINGER, STELLA GONET, CATALINA GUERRA, AMPARO NOGUERA, DIEGO MUÑOZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Was habe ich Pablo Larraín nicht dafür verehrt – und tue es immer noch – dafür, dass er mir und allen anderen einen Film wie Spencer vor die Füße gelegt hat. Rückblickend der für mich beste Film des Jahres 2022, der biographische Notizen mit einem frei interpretierten Psychogramm über das Leben und Leiden der allseits geliebten Lady Diana so anspruchsvoll miteinander verwoben hat, dass es einem den Atem raubt. Mir zumindest. Das bewusst wenig akkurate, Fakten weitgehend ignorierende Portrait bietet natürlich genug weite Fläche für Anti- und Sympathie. Für Wohlwollen oder Ablehnung. So zu polarisieren liegt Larraín im Blut. Ganz besonders gelingt ihm das bei seinen Portraits, allerdings auch bei schwer definierbaren, erotisch aufgeladenen, wüsten Liebesgeschichten, wie er sie mit Ema geschaffen hat. Erst kürzlich lief sein neuestes Werk bei den Filmfestspielen von Venedig – kaum ein, zwei Wochen später landet seine wiederum komplett anders geartete Satire auf Netflix.

Diesmal dreht sich sein Film um die ewig währende Diabolik eines berühmten Chilenen, der sein ganzes Land und insbesondere sein Volk ins Verderben gestürzt hat: Augusto Pinochet. Und nein, es ist keine Biografie. Auch keine Geschichtsstunde, kein Psychogramm (nicht wirklich), im Grunde eigentlich nur die sarkastische Verzerrung eines Diktators außer Dienst, der das Schwarzbuch der Menschheit um mehrere Kapiteln dicker gemacht hat. Larraín verformt diesen Diktator nicht etwa zur clownesken Witzfigur wie Charlie Chaplin oder Literat Timur Vermes (Er ist wieder da) es mit Adolf Hitler getan haben, wo einem dennoch das Lachen im Halse stecken bleibt bei so viel Wahrheit über das kollektive Menschsein, dass uns da entgegengeschleudert wird wie ein nasser Lappen. Larraín verformt ihn zu einer Art Christopher Lee; zu einem Vampir, der schon 250 Jahre auf dem Buckel hat und bereits Marie Antoinette im Frankreich der Revolution dabei zugesehen hat, wie sie den Kopf verliert. Diesen klemmt sich der damals noch auf den Rufnamen Claude Pinoche hörende Untote unter den Arm, um fast eineinhalb Jahrhunderte später in Chile beim Militär einzurücken – und vom stinknormalen Gefreiten zum supermächtigen General aufzusteigen, der Präsident Allende später stürzen wird. Dabei ist das Blut durch alle Schichten der Bevölkerung essenziell. Am besten aber sind immer noch die Herzen, die er den Opfern aus der Brust reißt, sie mixt und den Muskelshake dann hinunterkippt.

Dieser nun als Augusto Pinochet bereits offiziell verstorbene Tyrann lebt im Geheimen irgendwo am Arsch von Chile sein nun nicht mehr ganz so prunkvolles Leben weiter – an seiner Seite ein russischer Diener, den man durchaus mit Renfield vergleichen kann, und Gattin Lucia. Irgendwann hat auch ein Vampir genug von dem ganzen Morden, und so versucht er, das Zeitliche zu segnen – gegen den Willen seiner fünf nichtsnutzigen Kinder, die eines Tages antanzen und vor Papa darauf bestehen, doch seine geheimen Ersparnisse offenzulegen. Um diesem Chaos an Unterlagen Herr zu werden, die aus dem Keller befördert werden, betritt die reizende Carmencita die Szene – für alle anderen Buchhalterin, im Geheimen aber Exorzisten-Nonne, die dem Vampir den Garaus machen will.

Trotzdem El Conde (zu Deutsch: Der Graf) mit einer ausgesuchten Kameraführung und bestechenden Schwarzweißbildern punktet, die jeweils als Standbild der Kunstfotografie zuzuordnen wären, gelingt es Larraín weder, die Abrechnung mit dem Polittrauma pointiert in Worte und Bilder zu fassen, noch, sich in seiner Art des Erzählens verständlich zu artikulieren. Am deutlichsten erkennbar ist diese Konfusion genau dort, wenn das gesprochene Wort nicht zur folgenden Handlung passt. Die Figuren verkommen zu stereotypen Annahmen politisch-historischer Gestalten fern ihres Kontextes, der Mythos des Vampirs reduziert sich auf einen Flattermann in Uniform, der sonst keinen vampirischen Eigenschaften mehr unterliegt, außer dass das Kennzeichen als Blutsauger eine kaum originelle Metapher für den Raubbau am Volk darstellt. Nichts in El Conde folgt strikt einem geplanten Vorgehen, die Figuren machen, was sie wollen, insbesondere Paula Luchsinger als „Warrior Nun“ entzieht sich in ihrem Handeln jeglicher Nachvollziehbarkeit und tribt die Handlung wider Erwarten kein bisschen voran.

Die paar brutalen Spitzen, in denen nicht mal das Blutrot zur Geltung kommt, lassen die satirische Abrechnung mit dem Bösen auch nicht wirkungsvoller erscheinen. Genau dieser Umstand des allzu gewollt polemischen Auftretens aller, in dem kaum irgendwelche klugen Erkenntnisse stecken, macht El Conde zu einem der langweiligsten Filme des Jahres; zu einer schwer durchzubringenden Trübsal, für deren Twists ich womöglich nicht intellektuell genug bin, um sie zu verstehen.

El Conde (2023)

The Boogeyman (2023)

NICHT ALLE MONSTER IM SCHRANK

6/10


THE BOOGEYMAN© 2023 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ROB SAVAGE

DREHBUCH: SCOTT BECK, BRYAN WOODS, MARK HEYMAN

CAST: SOPHIE THATCHER, VIVIEN LYRA BLAIR, CHRIS MESSINA, DAVID DASTMALCHIAN, MARIN IRELAND, LISAGAY HAMILTON, MADISON HU U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Offene Türen sind des Nächtens ein No-Go. Wer will das schon, ins dunkle Nichts zu starren und sich allerhand Gruseliges darin vorzustellen, denn die Fantasie des Menschen kennt gerade in der Schwärze keine Grenzen. Warum nicht einfach schließen? Nichts da, im Kino gehen sie alle wieder auf – sogar, wenn sie versperrt sind. Im Schrank, da hat der Horror seine Startposition, da kann er nochmal ein Stretching hinlegen, bevor er die Schutzbefohlenen heimsucht – als Geist, als Portal in eine andere Welt, oder als schlaksiges Langbein mit mieser Fresse, das nichts anderes will, als die Angst furchtsamer Nichtschläfer zu schüren, denen tags darauf sowieso niemand glaubt.

Diese Schranktüren, die hat schon in den Achtzigern Steven Spielberg für sich genutzt. In Poltergeist ist der Ort dahinter, kaum zwei Quadratmeter, die Quelle allen Übels. Wie sehr dann viele Jahrzehnte später das Ganze nochmal und bis zum Augenrollen hin strapaziert wird, kann man nun im phantastischen Heimsuchungs-Streifen The Boogeyman erfahren. Abstellräume, soweit das nachtblinde Auge reicht: Biotope einer lebhaften Fantasie, die dank Kult-Schreiber Stephen King Gestalt annimmt. Monsterhorror gemixt mit dem Narrativ eines Haunted House-Dramas? Könnte von Guillermo del Toro sein (Crimson Peak). Ist er aber nicht. Diesmal war einer wie Rob Savage am Werk. Mit den Versatzstücken, die er zur Hand hat, sollte es keine Hexerei darstellen, einen Kinderlied-Helden wie diesen zum fiesen Meuchler umzufunktionieren. Wieso aber Kinderlied-Held? Der Boogeyman ist, eingedeutscht, im Grunde nichts anderes als der Bi-Ba-Butzemann, der laut Lyrics ums Haus tanzt. Der Butzemann wiederum steht für alles, was als Schreckensgestalt oder Dämon eben hinter Schranktüren passt, da ist die Auswahl groß und so auch die Möglichkeit zur freien Gestaltung dieser englischen Folklore-Figur, die ebenso als Schwarzer Mann bekannt ist. Also was jetzt? Im Grunde nur ein Platzhalter für sowieso alles Mögliche, was Angst macht?

Dieses Wesen also, wie kann es anders sein, nistet sich immer dort ein, wo Trauer, Schwermut und Verzweiflung herrschen. Je trauernder, umso mehr gibt’s für den Boogeyman zu holen. Im Haus des Witwers Will Harper zum Beispiel lässt es sich als Dämon ganz gut leben. Der Psychiater und seine zwei Töchter haben unlängst die Frau des Hauses zur letzten Ruhe betten müssen. Viel Gras ist über den Verlust noch nicht gewachsen. Gerade retour im Alltagsleben, haben es Vater und Kinder nicht leicht, Fuß zu fassen. Will Harper empfängt eines Tages in der hauseigenen Praxis einen seltsamen Mann, Mr. Billings (David Dastmalchian), der von einem ungelenken Schreckensding faselt, das alle seine Kinder auf dem Gewissen haben soll. Harper ist skeptisch, die Kinder sind es auch, doch als die kleine Sawyer (Vivien Lyra Blair, die junge Prinzessin Leia in Obi-Wan Kenobi) nebst wie durch Geisterhand geöffneter Schranktür auch einer grotesken Kreatur gewahr wird, will auch die ältere und desillusionierte Schwester Sadie der Sache auf den Grund gehen. Mit dieser Eigeninitiative gerät der Stein ins Rollen – und der Boogeyman fährt zur Höchstform auf.

Was Savage von Anfang an – und auch bis zum Ende – mehr oder weniger richtig macht, ist das von mir mal so genannte Alien-Prinzip, was so viel heißt wie: Mach dich rar, um richtig schrecklich zu sein. Den Boogeyman bekommt man also nie wirklich und niemals lang genug zu Gesicht, um sich ein Bild von ihm zu machen. Das expressionistische Grauen, wie ein surrealer Nachtmahr aus der Zeichenmappe des Alfred Kubin, manifestiert – um nicht zu sagen: teleportiert sich auf geheimnisvolle Weise wie eine nur Sekunden dauernde Einbildung, die man hat, wenn man glaubt, etwas Unnatürliches im Halbdunkel des Zimmers gesehen zu haben. Klar, dass der Film dann nicht bei Festbeleuchtung spielen kann. Klar auch, dass die Finsternis fast schon als personifizierter Main-Act die Regeln vorgeben muss, um überhaupt dem Boogeyman eine Bühne zu bieten. Das ist dann aber auch der Knüppel zwischen den Beinen, denn wie so oft wundert man sich über das dumme Verhalten neugieriger Nasen, die durchs Dunkel der Korridore schleichen, vielleicht noch nebenbei lauthals Hallo, ist da wer? rufen – wohlwissend, dass das Böse nicht weit sein kann.

Als Trauerdrama funktioniert The Boogeyman aber ganz und gar nicht, dafür kolportiert der Subplot lediglich die Fassade einer trauernden Familie, die niemals wirklich überzeugt. Für dieses Wesen jedoch müssen diese Parameter geschaffen sein – es will schließlich auch bekämpft werden. Was dabei entsteht, ist ein geradliniges Befreiungsszenario mit begrenzten Mitteln auf der Seite der Guten, vor allem effektiven Budenzauber und, wenn man die paar Sekunden zu schätzen weiß, knackiger Creature-Motion.

The Boogeyman (2023)

Sophia, der Tod und ich (2023)

WER SPÄTER STIRBT IST TROTZDEM TOT

4,5/10


Sophia, der Tod und ich© 2023 DCM / Stephan Rabold 


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2023

REGIE: CHARLY HÜBNER

DREHBUCH: LENA MAY GRAF, NACH DEM ROMAN VON THEES UHLMANN

CAST: DIMITRIJ SCHAAD, MARC HOSEMANN, ANNA MARIA MÜHE, JOHANNA GASTDORF, LINA BECKMANN, JOSEF OSTENDORF, CARLO LJUBEK, CHARLY HÜBNER, MATEO KANNGIESSER U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Kaum ist man geboren, hängt sich der Tod bereits an einen dran. Jederzeit kann’s passieren, und die so unergründliche Entität nimmt uns mit ins Jenseits. Dabei gibt’s aber durchaus findige Köpfe, die dem Gevatter ein Schnippchen schlagen können. Die vielleicht mit ihm Schach spielen wie bei Ingmar Bergman, die vielleicht auch auf die Idee kommen, ihm Hochprozentiges einzuflößen, bis er nicht mehr gerade gehen kann wie im Song der Austro-Band EAV. Der Tod ist manipulierbar, wenn man weiß, wie. Oder man nimmt ihn hin und hat dabei noch das Glück im Unglück, die Sache etwas aufzuschieben, um reinen Tisch zu schaffen und manch Angelegenheit zu klären, die zu Lebzeiten lange im Unklaren lag.

Der Musiker Thees Uhlmann, Sänger der Hamburger Band Tomte, hat übers Sterben einen skurril anmutenden, im Kern selbst aber ernüchternd resignierenden Roman geschrieben, der einen Taugenichts als Jedermann ins Bild rückt. Ihn muss einer der Handlanger des Todes über seine sterblichen Rechte aufklären, bevor er ihn mitnimmt. So steht er also vor der Wohnungstür eines vom Wein beseelten Reiner und gönnt ihm drei Minuten, um sein Leben abzuschließen. Natürlich funktioniert das nicht, Morten de Sarg – wie sich der blasse Gentleman nennt – verpasst seinen Einsatz, weil Reiners Ex namens Sophia die Party crasht. Ein wichtiger Termin steht schließlich an – die Mama feiert Geburtstag, und die beiden, mit dem Tod im Schlepptau, müssen in den Norden reisen. De Sarg bleibt nichts anderes übrig, als sich seinem Klienten an die Fersen zu heften, muss er doch den Auftrag von ganz oben erfüllen, sonst gerät die göttliche Ordnung ins Wanken. Und das will schließlich niemand erleben, wenn sowas passiert. Die Frage ist: Will man erleben, was passiert, wenn der ganz persönliche „Boandlkramer“ wie im Song besagter EAV irdische Genüsse plötzlich schätzen lernt? Im Grunde wäre das witzig – unter der Regie von Debütant Charly Hübner (u. a. Mittagsstunde) und den heiseren Auftritten von Marc Hosemann als blassen Störenfried allerdings tüncht ein unfreiwillig unkomischer Humor nur die schreckliche Gewissheit, dem Unausweichlichen entgegengehen zu müssen.

Die für uns so geheimnisvolle Welt der Himmelsscharen hätte aus der Feder Neil Gaimans oder gar Terry Pratchetts kommen können. Oder aber, Thees Ullmann gefällt die Idee, die monotheistische Hierarchie des (katholischen) Christentums sowie das Who is Who der literarischen Todesmythologie auf eine popkulturelle Wurstbuden-Gesellschaft herunterzubrechen. Bei Gaiman sind die Gestalten aus der Bibel immer noch in gewissem Maße geheimnisvoll und entrückt, aber dennoch bodenständig. Anders als die kettenrauchende Erzengelin Michaela, die am Flachdach eines Betonbaus anscheinend täglich der Exekutive des Sensenmannes deren Aufträge überreicht, in Form kleiner Notizbüchlein; manche bekommen mehr, manche weniger – und Morten de Sarg nur eines. Der ist ein blasser Mann in Schwarz, ein bisschen wie Mephisto, und doch erstaunlich ahnungslos. Über allem steht Gott als adipöser Lumpensammler, ebenfalls kettenrauchend, nicht wirklich eine sphärische Figur, sondern die Idee eines lebensüberdrüssigen Barbesuchers, der zur Sperrstunde nicht gehen will. Vielleicht ist das alles nur die Vision von Reiner (Dimitrij Schaad, u. a. Aus meiner Haut), und aus der Sicht eines anderen sieht das ganze wieder ganz anders aus.

Sophie, der Tod und ich will sich mit einem Tabu-Thema, das die Menschheit seit Ewigkeiten umtreibt, zwar einen Spaß erlauben, doch das Lachen bleibt unentwegt im Halse stecken, wenn denn manche Situationskomik überhaupt zum Lachen einlädt. Hübners Film ist kein bisschen Wim Wenders – eher ein Dead Man Walking. Es sind die letzten Tage eines angekündigten Toten, der in dieser Zeit keinerlei Freude mehr findet, schon gar keinen Sinn. Manch angedeutete biographische Ursache, die als Motivator für Reiners letzte Reise gelten hätte sollen, zerfällt zur Randnotiz. Das ist wahrlich trist, und da hilft der hampelmännische Ausdruckstanz zweier Jenseits-Beauftragter auch nichts mehr, denn das ist nur noch Fassade.

Nicht vergessen darf man in diesem die Laune vortäuschenden Roadmovie eine überaus reizende Anna Marie Mühe, die mit ihren Bemühungen letztlich scheitert, Klamauk und bittere Taschentuchtragik zusammenzuhalten. Es ist, als wüsste niemand der am Film beteiligten genau, ob die nächste Szene nun eine komische oder traurige sein soll. Erst kurz davor entscheidet man sich, und dann bleibt nur noch die Improvisation anhand eines Konzepts, das prinzipiell – und als metaphysisches Drama wohl besser geeignet – einige kluge Gedanken parat hält, diesen aber das schale Glück, dass manche in Nikotin und Alkohol finden können, vorzieht.

Wäre der Film doch so geworden wie seine Songs. Das Duo Stainer & Madlaina bereichert das Long Goodbye mit eingängigen, kurzen Stücken, die genau das zum Ausdruck bringen, was der Film die ganze Zeit wollte. Sie sind das, was man letztlich mitnimmt aus dem Kino. Um es später nachzuhören. Vielleicht immer wieder.

Sophia, der Tod und ich (2023)

The Lake (2022)

STILLE WASSER SIND FIES

4,5/10


thelake© 2023 Splendid Film


LAND / JAHR: THAILAND 2022

REGIE: LEE THONGKHAM, AQING XU

DREHBUCH: LEE THONGKHAM

CAST: THEERAPAT SAJAKUL, LAMYAI HAITHONGKHAM, VITHAYA PANSRINGARM, SUCHARAT MANAYING, THANACHAT TULLAYACHAT, SOMPHONG KUNAPRATOM U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber denke ich an die thailändische Kinolandschaft, fällt mir als erster der unaussprechliche Apichatpong Weerasethakul ein – Kunstfilmer und Festival-Liebling, Spezialist für alles Paranormale, jedoch auf eine Art und Weise, die den Animismus als inhärenten Teil unseres Alltags ansieht. Schön ist das, auch zutiefst magisch, aber nicht unbedingt leicht zugänglich. Des Weiteren gäbe es da noch den Martial Arts-Klassiker Ong Bak oder den knallbunten Western Tears of the Black Tiger. Auch mancher Horror (z.B. Shutter oder – ganz aktuell – The Medium) aus dem im Westen beliebten, für Massentourismus anfälligen, tropischen Urlaubsland erfreut sich an weltweiter Bekanntheit.

Mit dem Blick auf Kinotrends aus Hollywood, Japan oder Südkorea will Thailand in seinen Produktionen keinesfalls hinten nachstehen. Ist es mal keine True Story-Nachverfilmung jener Rettungsaktion der in einer Höhle im Nordwesten Thailands eingeschlossenen Fußballmannschaft, steigen gerne auch mal dem feuchten Habitat angepasste Wasserwesen aus den Seitenarmen des Mekong, um alles und jeden in Angst und Schrecken zu versetzen. Denn Thailand setzt immer noch auf den X-Faktor, was den Glauben an kryptozoologische Phänomene angeht. Was in den Untiefen des Landes vielleicht noch alles entdeckt werden kann – diese Spekulationen manifestieren sich in der regennassen Monsun-Mystery The Lake von Action- und Horrorprofi Lee Thongkham. So einiges Schleimiges möchte hier Land gewinnen und die arglose Bevölkerung, die sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt, in Panik versetzen. Dabei reagieren die Monstrositäten, die dem Schrecken des Amazonas durchaus das Wasser reichen können, ganz unterschiedlich auf das fliehende und kreischende thailändische Volk. Es gibt auch solche, die unfreiwillig eine mentale Symbiose mit diesen Kreaturen eingehen, was es folglich schwieriger macht, sie zu besiegen. Doch wo ein Wille, da ist in Werken wie diesen immer ein Weg.

Gerade im Hinblick auf dieses Genre will man Filme auf die Beine stellen, die alle Stückchen spielen. Klar, dass diese aber aufgrund budgetärer Engpässe nur teilweise erklingen. Was es dann braucht, sind Improvisationstalent und magiergleiche Eigenschaften, die das Wunder vollbringen, den Anschein einer künstlerischen Ambition genau dort zu hinterlassen, wo eigentlich nichts ist. The Lake schafft in so manchen Szenen und zusätzlich kaschiert durch das Regenwetter richtig gute Takes, die das oder die Monster formschön ins Szene setzen. In diesen Momenten haben wir es mit ordentlichem CGI zu tun, das sich sicher so einiges hat kosten lassen. Dann gibt es die anderen Passagen, in denen die Kreatur gerne Latex trägt, und das sieht man. Genauer gesagt: nicht nur wir, auch die Filmemacher selbst. Mit deplatzierten Unschärfen und Close Ups in Bewegung überschminkt The Lake seine Problemstellen. Auch das fällt auf. Aber nicht als Stilmittel, sondern als provisorische Ansatzlösung. Hinzu kommt ein Skript, das vor allem mit seinen Dialogen der melodramatischen, immerfeuchten Düsternis ein dramaturgisches Bein stellt. Banales Wortpingpong schmückt die sentimentale Selbstqual so mancher Protagonisten, dick aufgetragen wäre fast schon schöngeredet. In seiner Essenz birgt die Story, ähnlich wie in Bong Joon-hos Tentakeldrama The Host, einiges an kernigem Konfliktpotenzial, doch immer wieder lenken so manche Qualitätsschwankungen von einem grundsätzlich faszinierenden Monsterdrama ab, das in metaphysischer Melancholie abtaucht, während der brüllende Seeufer-Godzilla mal organisch greifbar, dann wieder nur Puppe, die Szene fletscht.

The Lake (2022)

Freaks Out (2021)

MANEGE FREI FÜR DIE VERFOLGTEN

7/10


freaksout© 2022 Metropolitan Film Export


LAND / JAHR: ITALIEN, BELGIEN 2021

REGIE: GABRIELE MAINETTI

DREHBUCH; NICOLA CUAGLIANONE, GABRIELE MAINETTI

CAST: AURORA GIOVINAZZO, FRANZ ROGOWSKI, CLAUDIO SANTAMARIA, PIETRO CASTELLITTO, GIANCARLO MARTINI, GIORGIO TIRABASSI, MAX MAZZOTTA, SEBASTIAN HÜLK, ANNA TENTA U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


Wer weiß, was die vermaledeiten Nazis noch so alles getrieben haben, von dem wir nichts wissen. Was, wenn sie tatsächlich versucht haben, mithilfe paranormaler Phänomene, die dann folglich nicht mehr als solche deklariert, sondern wissenschaftlich eingestuft und nutzbar gemacht wurden, das Schicksal der Welt zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Nicht auszudenken, wenn es ihnen gelungen wäre. Für dieses Szenario hat das Kino schon so einiges über die Leinwand flimmern lassen. Bekanntestes Beispiel: Die Bundeslade aus Jäger des verlorenen Schatzes. In Mike Mignolas Hellboy haben im Okkulten versierte Nazi-Größen das Tor zu einer Dimension geöffnet, aus welcher ein kauziger, roter Teufel entschlüpfte. Und was ist mit der Geheimorganisation Hydra aus dem Marvel-Universum? Red Skull und seine Armee aus Supersoldaten, die alle so zugeschlagen hätten wie Captain America?

Es gibt so einiges an showtauglichen Albträumen, mit welchen nicht nur das Kino, sondern auch das Fernsehen die Niederträchtigkeit der Faschisten noch zusätzlich angereichert hat. Mit Freaks Out setzt der Italiener Gabriele Mainetti zwar nicht noch eins drauf, fügt aber den Psychopathen des dritten Reiches noch einen abgründig-charismatischen Wirrkopf hinzu: Man möchte es nicht glauben, es ist Franz Rogowski. Liebkind des deutschen Independent-Kinos und, wie man sieht, offen für jedes Genre. Warum nicht auch für einen phantastischen Streifen wie diesen, der 2021 bei den Filmfestspielen von Venedig seine Premiere feierte.

Rogowski gibt einen völlig verpeilten Sonderling, der aufgrund seiner zwölf statt zehn Finger aus der Armee ausgeschlossen wurde. Nicht so sein Bruder, der dort ein hohes Tier wurde. Was macht ein „Freak“ wie dieser nun in einer Diktatur, die das Andersartige für vogelfrei erklärt, wegsperrt oder vergast? Durch den gegebenen familiären Einfluss darf Franz als zylindertragender Direktor seine Lust an der Exzentrik zumindest im Rahmen eines von ihm ins Leben gerufenen Zirkusses ausleben, der in Rom Halt macht und der jedoch im eigentlichen Sinne als Kulisse für ein sehr ehrgeiziges Projekt herhalten muss, in welchem der wie Hanussen mit dem Übersinnlichen begabte Wirrkopf die Lösung für all die Probleme sieht, die das Deutsche Reich im letzten Kriegsjahr so umtreibt. Franz will eine Gruppe aus Superhelden zusammenstellen. Und ja, es gibt sie. Sie erscheinen gar in seinen zukunftsweisenden Visionen, die sogar vom Selbstmord Hitlers berichten und noch viel weiter gehen. Diese mit außergewöhnlichen Fähigkeiten begabten Leute sind allerdings eine Theatertruppe für sich, die eigentlich nur die Flucht aus Europa im Sinn haben. Es ist dies ein Wolfsmensch, eine Art Magneto, ein Insektenbeschwörer, ein schrulliger Gandalf und eine Feuerteufelin, die ihre Gabe eigentlich nur als Bürde sieht.

Mutanten mit derartigen Fähigkeiten sind nicht neu. Bei den X-Men gibt es sie alle. Auch bei Hellboy zählen einige Außenseiter, die ihre Andersartigkeit mit nichts verbergen können, zu den Experten des B.U.A.P. Mainettis märchenhafter Kriegs- und Zirkusfilm allerdings lässt die Idee eines alle unter einen Hut bringenden Vereins außen vor. In diesem von Gott verlassenen Italien während des Krieges tummeln sich verlorene Seelen auf den Straßen herum, die wie aus einer tragikomischen Filmballade Federico Fellinis über die Hügel Italiens vagabundieren, auf der Suche nach dem großen Glück. Tatsächlich erinnert so manche Szene an bittersüße Filmmomente des großen Cinecittà-Visionärs – insbesondere das deutlich expositionierte Einzelschicksal des Flammenmädchens Matilde hat erzählerische Kraft und Ausdauer. Ihr Weg zur Selbstbestimmung ist der eine rote Faden des Films, der andere ist Franz Rogowskis leidenschaftlich verkörperte Figur des Antagonisten. Zwei Ausgestoßene, die unterschiedlicher nicht sein können. Die versuchen, sich den Respekt des Normalen zu verdienen, um Teil des großen Ganzen, und vor allem: nicht allein zu sein.

Mit viel Aufwand, enormer Ausstattung und im letzten Drittel ordentlichen Gefechten zwischen Nazis und den italienischen Partisanen gelingt hier ein opulentes Spektakel zwischen bizarrer Sensationsshow wie in Guillermo del Toros Nightmare Alley, dem Dreckigen Dutzend und einem regimekritischen Ur-Pinocchio. Dieser ganze Mix passt so gut zusammen wie die Zutaten für ein wissenschaftliches Experiment, dessen Resultat sein Publikum zum Staunen bringen soll. Für die große Leinwand wäre das fantasievolle und dramatische Abenteuer viel eher geeignet gewesen als so manches, das den Zuschlag fürs Kino letztendlich erhält. Freaks Out ist nur im weitesten Sinne als Superheldenkino zu verstehen und entfernt es sich vom oft geprobten Idealismus begabter Gutmenschen. Letzten Endes will sich hier niemand irgendeinem Credo verschreiben müssen oder von anderen instrumentalisiert werden – diese Bescheidenheit, diese Lust an der Selbstbestimmung, gibt dem blutig-melancholischen Abenteuer seinen Esprit.

Freaks Out (2021)

Blue Beetle (2023)

DIE EHRENRETTUNG DES PILLENDREHERS

4/10


bluebeetle© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ANGEL MANUEL SOTO

DREHBUCH: GARETH DUNNET-ALCOCER

CAST: XOLO MARIDUEÑA, BRUNA MARQUEZINE, SUSAN SARANDON, RAOUL TRUJILLO, DAMIÁN ALCÁZAR, GEORGE LOPEZ, ELPIDIA CARRILLO, HARVEY GUILLÉN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Zac Snyders großes Superheldenkino ist leider Geschichte. Zugegeben, ich war und bin ein Fan seines Stils. Snyders Zugang zu den Heroen von DC ist nach wie vor und aus meiner Sicht der treffsicherste. Vor allem jener, der den Comics aus vielerlei Hinsicht am gerechtesten wird. Da mag der düstere Batman von Matt Reeves vielleicht gar zu viel in den Abgrund geblickt haben – im Snyder Cut der Justice League oder eben auch im Extended Cut von Dawn of Justice findet das auf die Leinwand gewuchtete Superman-Universum genau die richtige Balance zwischen opernhafter Schicksalssymphonie und Teamgeist.

James Gunn will nun alles anders machen. Es soll bunter, lustiger, schräger werden. Für die Suicide Squad hat das perfekt gepasst. Für andere Superhelden-Genesen womöglich weniger. Wie für Blue Beetle zum Beispiel. Denn bunter, lustiger, schräger ist nicht gleich unverkrampft. Wer auf Teufel komm raus dem Konkurrenten Marvel nacheifern will – auch wenn dieser schon längst in einer Identitätskrise steckt – wird niemals einen eigenen Stil zustandebringen. Snyder hatte ihn. Nach ihm waren DC-Filme, mit wenigen Ausnahmen, nur noch eine Irrfahrt, insbesondere bei Black Adam. Bei Blue Beetle schwebt überdies noch der Anspruch über allem, dem ungeliebten Nachbarn Mexiko einen Comic-Actionfilm zu schenken, der das Temperament der Lateinamerikaner feiern und den Charme typischer Telenovelas versprühen soll. Stellt sich die Frage: Wie geht die Tragikomik einer politkritisch angehauchten Sozialkomödie mit den Prinzipien eines kunterbunten Actionfilms um?

Die Blue Beetle zugrundeliegende Tragik, die von einer lebenslustigen mexikanischen Familie aus der Halbvolles-Glas-Perspektive betrachtet wird, ist jene einer zutiefst verschuldeten und sozial benachteiligten Unterschicht, deren letzte Hoffnung im Studienabschluss des nun erwachsen gewordenen Sohnemanns liegt. Der kehrt vom Auslandsstudium wieder in die heimischen Gefilde zurück, nur um die Hiobsbotschaften seiner Liebsten zu vernehmen, die vom Herzinfarkt des Vaters und vom baldigen Verlust des Hauses erzählen. Die Zukunft von drei Generationen liegt also auf den Schultern von Jaime Reyes, dessen Ausbildung auch nicht dazu beiträgt, einen besseren Job zu ergattern als den einer Haushaltshilfe bei Victoria Kord (Susan Sarandon – nach langer Leinwandabstinenz wieder da und kein bisschen gealtert). Uns sagt der Name wohl nichts – im DC-Universum ist die Dame oberste Chefin eines den Stark Industries verwandten Rüstungskonzerns. Deren Nichte Jenny steht mit ihr auf Kriegsfuß, und als Jaime dann ein paar Tage später in den Heiligen Hallen des Konzerns reinschneit, um seine Karrierechancen zu verbessern, drückt ihm die junge, hübsche Konzernerbin eine Burger-Box in die Hand, mit der Bitte, dessen Inhalt mit dem eigenen Leben zu beschützen. Die Neugier ist zwar ein Hund, aber diesmal ist Bello eher ein Käfer, der sich vor den Augen der ganzen Familie auf Jaimes Rücken schnallt. Bald ist die finstere Victoria nicht nur hinter unserem Helden, sondern auch hinter dessen Familie her. Und Familie ist, wie wir alle wissen, das höchste Gut, dass es zu verteidigen gilt.

Neu ist das Ganze nicht. Die ethnisch diverse Familienbande mit Improvisationstalent – die unterschätzte Oma, die gerne zu Großkalibrigem greift; die schnippische, aber herzensgute Schwester. Und der Auserwählte, der nicht weiß, wie ihm geschieht. Bei Disney+ schildert die Genese von Ms. Marvel genau die gleiche Geschichte. Der einzige Unterschied: Ein raffgieriger Rüstungskonzern mit skrupellosen Schema F-Schreckschrauben, die alle Macht an sich reißen wollen – Gähn. Blue Beetle erzählt hier ein Abenteuer, dass so vorhersehbar ist, dass man sich sehnlichst wünscht, mit seinen Prognosen danebenzuliegen. Wenn dann eintritt, was zu erwarten war, lähmt der mangelnde Unterhaltungswert die bereits ungesunde Haltung im Kinosessel, Augenrollen inklusive.

Was bei Blue Beetle vielleicht funktioniert, ist die liebenswerte, aber schrecklich naive Figur von Xolo Maridueña. Seine anfängliche Verwirrung, wenn sich extraterrestrische Technik, die an Iron Man erinnert, Venom-gleich in den Körper gräbt und die Kontrolle übernimmt, ist das Launigste an einem Film, der seine ernstzunehmenden Ambitionen missachtet und die trivial-kitschige Fernsehkultur eines Landes, ausgerichtet für ein Massenpublikum, als As im Ärmel missversteht. Der 80er-Synthiesound, die Neon-Graffiti-Graphik im Vorspann – eine Liebesmüh, die sich nicht rentiert. Wenn der Held in seiner dunkelsten Stunde ins Jenseits schielt, um Verstorbene zu treffen, dann ist das nicht so reizend und authentisch wie in Coco – Lebendiger als das Leben. Dann ist das so kitschig wie so manche Illustration aus den Lebensratgebern endzeitaffiner Religionsgemeinschaften. Wenn der Held durch Hass und Wut, und durch sonst nichts das Schicksal für sich entscheiden kann, lacht sich anderswo der Imperator ins Fäustchen.

Blue Beetle ist das Schwächste, was DC seit langem produziert hat. Ein zuckersüßer Mischmasch ohne eigene Ideen und einer Sozialkritik, die nur alibihalber ins Skript kam. Wäre die Gewichtung vielleicht eine andere, würde der Film seine Landsleute auch ernst nehmen, hätte der Film gar das Zeug zu einer vielleicht kontroversen, volksnahen Identitätsfindung.

Blue Beetle (2023)

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

HOLZKLASSE, ABER MIT BORDMENÜ

6/10


demeter2© 2023 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2023

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: BRAGI F. SCHUT

CAST: COREY HAWKINS, AISLING FRANCIOSI, LIAM GUNNINGHAM, DAVID DASTMALCHIAN, JAVIER BOTET, JON JON BRIONES, STEFAN KAPICIC, NIKOLAI NIKOLAEFF, WOODY NORMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Max Schreck hätte wohl auch gern solche Schwingen aufklappen wollen wie sein um 101 Jahre später erschienenes Pendant. Mit solchen Schwingen wäre vieles leichter gefallen. Als Vampir, verwandt mit Fledermäusen, sollte jede Dracula-Inkarnation solche Extras besitzen. Im Laufe der Zeit aber ist der charismatische Graf immer weniger Bestie als vielmehr Aristokrat geworden – ein stattlicher, schon etwas in die Jahre gekommener Gentleman mit grauenvollem und für viele auch tödlich endendem Understatement. Einer, der vorgibt, etwas anderes zu sein – bis es zu spät ist. Das ist taktische Perfektion, das ist Psychoterror und geschickte Manipulation. Doch Dracula ist immer noch ein Vampir – ein Dämon. Und von daher durchaus animalisch, bestialisch, teuflisch. In André Øvredals Literatur-Exegese bleibt von Bela Lugosi, Christopher Lee oder Claes Bang nicht mehr viel bis gar nichts über. Die letzte Fahrt der Demeter bringt den Edelmann mit finsteren Absichten zurück zu seinen Anfängen, lässt ihn herumkriechen wie Gollum, lässt ihn jagen und schlachten. Dracula ist hier all seines Anstands beraubt, doch nach wie vor mit messerscharfem Verstand gesegnet, der sich für sinistre Spielchen mit der Schiffscrew bestens eignet.

Auch in Friedrich Wilhelm Murnaus Klassiker von 1922 werden die frisch geschrubbten Blanken des russischen Handelsschiffes mit Blut getränkt – wir alle kennen das ikonische Standbild der schwarzweißen Schreckensgestalt, wie sie über der Reling aufragt – klauenbewehrte Hände, kahler Kopf, glühende Augen und spitze Zähne. Diesem Bildnis muss man immer mal wieder Tribut zollen, und auch Øvredal scheint davon mehr als fasziniert zu sein.

Doch nicht nur diese Art des Gothic-Horrors taugt zur Wiedererweckung, sondern auch Ridley Scotts finstere Figur des Xenomorph aus dessen Suspense-Hit Alien. So, wie dieser sein Wesen eins werden ließ mit der frei liegenden Technik eines Raumschiffs, so lässt Øvredal seinen Übervampir genauso mit dem rustikalen Interieur unter Deck der Demeter verschmelzen. Beeindruckend wird es dann, wenn man zweimal hinsehen muss, um die ausgemergelten, aschfahlen und ins bläuliche Licht einer Vollmondnacht getauchten Gelenke zwischen den Tisch- und Stuhlbeinen in der Kapitänskajüte auszumachen. Wenn sich das Wesen dann langsam bewegt und aufrichtet, um von einem Moment auf den anderen verschwunden zu sein, treibt Die letzte Fahrt der Demeter seine illustre Schauermär zu einem Höhepunkt hin, der immer näher rückt – letztlich aber ausbleibt.

Øvredals Hochsee-Grusler garniert seinen geschickten Monsterhorror mit Licht, Schatten und Unschärfen, dennoch lässt sich die Geschichte weder auf Biegen und Brechen noch sonst wie einem anderen Schicksal zuführen, will man als Literaturverfilmung dem zugrundeliegenden Werk von Bram Stoker auch treu bleiben. Die letzte Fahrt der Demeter hegt keine Szene lang den Anspruch, einen avantgardistischen Ausbruch zu wagen. Was zählt, ist die Tradition. So bleibt der Film sowohl von seiner Gestaltung als auch von der chronologisch bedachten Erzählweise ein Kind vergangener Zeiten, ein Überbleibsel aus opulenten Universal– oder Hammerfilm-Abenteuern früherer Dekaden – als James Mason, Ernest Borgnine oder Vincent Price noch Seemansgarn erzählen konnten, sofern sie überlebten.

Liam Cunningham, der Zwiebelritter aus Game of Thrones, belebt in klassischer Perfektion die Rolle des vollbärtigen Kapitäns; seine ohnehin gebremste Laune, die ein Teamleader eben haben muss, weicht sorgenvoller Verzweiflung. Er ist es auch, der die ganze Geschichte noch dazu aus dem Off erzählt, um den romantisch-finsteren Petroleumlampen-Charakter noch zu verstärken. Doch man weiß, wie es endet. Die letzte Fahrt der Demeter hat weder Twists noch dramaturgische Raffinessen parat. Hätte das denn sein müssen? Nicht unbedingt.

Mittelpunkt, Kernstück und der Joker in den Handkarten ist immer noch der Vampir. Wäre dieser wohl mehr in den Dialog mit der ohnehin zum Tode verdammten Crew gegangen; wäre das blutdürstende Monster nicht allzu sehr scheinbaren Instinkten unterworfen worden, wäre Draculas bisherige Biografie sichtbarer – und die Figur an sich bedeutender geworden. Øvredal aber will den Langzahn als Tier – in einem Logbuchthriller der bewährten Art, allerdings angereichert mit düsteren Kupferstichen, die in sturmumtosten Nächten und bei Kerzenlicht ihre stärkste Wirkung erzielen.

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

Maurice der Kater (2022)

GARFIELD IN DER SCHEIBENWELT

6/10


maurice© 2023 Praesens Film AG


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, DEUTSCHLAND 2022

REGIE: TOBY GENKEL, FLORIAN WESTERMANN

DREHBUCH: TERRY ROSSIO, NACH DEM ROMAN VON TERRY PRATCHETT

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): HUGH LAURIE, EMILIA CLARKE, DAVID THEWLIS, HIMESH PATEL, GEMMA ARTERTON, HUGH BONNEVILLE, DAVID TENNANT, ROB BRYDON U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCHE SYNCHRO): BASTIAN PASTEWKA, GABRIELLE PIETERMANN, JERRY HOFFMANN, MURALI PERUMAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Diese Woche war Internationaler Tag der Katze. Obwohl ich selbst kein Riesenfan des Stubentigers bin, allerdings gerne mal die beiden wohlgenährten Mitbewohner meiner Nachbarn hege und pflege, habe ich mich dennoch zu einer abendfüllenden Huldigung hinreissen lassen. Was würde sich dafür nicht besser eignen als der Anfang des Jahres im Kino angelaufene und nun für die eigenen vier Wände verfügbare Animationsfilm Maurice der Kater – ein selbstironisches Märchen aus der Feder des Scheibenwelt-Philosophen Terry Pratchett, der auf dieser gar nicht mal so flachen Erde seine eingeschworene Fangemeinde hat und mit dem Bild einer Welt, die von vier Elefanten getragen wird, die wiederum auf dem Rücken einer Schildkröte stehen, die eigene Fantasie verwöhnt. Bei Pratchett, 2015 leider verstorben, lässt sich darüber hinaus eine fast schon fanatische Affinität für nicht nur Grimm’sche Märchen erkennen – dazu zählt auch der ganze Stoff, aus dem Folkloremythen sind. Seine Welten sind bevölkert mit allem, was da so dazugehört: Magiern, Hexen, Zwergen, so richtig präsent ist stets der Sensenmann, zu dessen Gefolgschaft auch der Rattentod zählt – mit Mähutensil, blankem Nagerschädel und darüber die Kapuze. Solche Feinheiten, typisch Pratchett, sind die Highlights einer launigen Komödie, die keinesfalls auf Druck ihre Kalauer durch die Gegend pfeffern will wie so manch anderer hysterischer Trickfilm, dessen Figuren sich des Verdachts der Einnahme illegaler Substanzen nicht erwehren können. Maurice der Kater ist die weniger draufgängerische Version des gestiefelten Katers. Der Sprache ist er zwar mächtig, aber weder Schuhwerk noch ein Federhut zieren seine Gestalt, die ähnlich wie bei Garfield ausgiebig die Schwerkraft nutzt. Was beide noch gemeinsam haben: Sie sind sich selbst genug. Und wählen den Weg des geringsten Widerstands.

Maurice also, durch obskure Magie nun kognitiv auf Augenhöhe mit den Menschen, zieht mit Pseudo-Rattenfänger Keith und einem ganzen Haufen ebenso kognitiv auf Augenhöhe mit den Menschen befindlicher Ratten durch die Lande, um in jedem noch so kleinen Dorf ihre Rattenplage zu inszenieren, damit der lieblich flötende Keith seinen Job erledigen – und die Kassa klingeln lassen kann. Mit des Bürgermeisters Tochter Malicia ändern sich alsbald die Regeln, denn in deren Kleinstadt, welche die kauzigen Hochstapler als nächstes aufsuchen, treibt der Hunger sein Unwesen. Und nicht nur das: ein obskures Rattenfänger-Unternehmen, deren Vorsitz ein geheimnisvoll verhüllter Antagonist innehat, macht Katze, Ratte und Mensch bald die Hölle heiß.

Von der Tonalität her könnte Maurice der Kater genauso gut aus der Feder der Shrek-Macher stammen, allerdings mit weniger parodistischen Zügen oder Stereotype der Märchenwelt durch den Kakao ziehend. Bei der Verfilmung von Pratchetts Roman bleibt die mittelalterliche Märchenwelt mit ihren Fachwerkhaus-Eskapaden und pittoreskem Bilderbuchschick stets eine liebevolle Hommage an all das Beschauliche aus einer Welt, in welcher der Glaube ans Magische inhärent war. Selbst Kater Maurice gibt sich gar nicht mal so sehr seinen katzischen Allüren hin, und die Ratten mit ihren skurrilen Namen wie Pfirsiche, Gefährliche Bohnen oder Sardinen erinnern frappant an die Gefolgschaft des Küchennagers aus Ratatouille, wobei: knuffige Gemeinschaften wie diese lassen sich immer wieder neu auf die Leinwand bringen, von Katzen bekommen manche ja auch nie genug.

Es mag sein, dass Maurice der Kater in Sachen Optik längst nicht so eine stilistische Eigenständigkeit besitzt wie so manche Pixar– oder DreamWorks-Produktion. Auch Pratchetts Geschichte und folglich auch der für den Film adaptierte Plot schlägt nun mal keine Haken oder jongliert mit Klischees herum. Höchst seltsam ist dabei die mit dem roten Faden der Story verwobene Gutenachtgeschichte rund um einen Feldhasen im Anzug, der an Peter Hase erinnert. Dass diese auch als Rattenbibel dient, welches als Sinnbild für die Suche nach einem „Gelobten Land“ stehen könnte, beschert dem Abenteuer eine etwas unglückliche gesellschaftskritische Metaebene, die ihre Wirkung aber verspielt.

Trotz dieser Ausbremsungen bleibt der Film angenehm relaxt und unprätentiös, huldigt dem Understatement und einer gewissen Gelassenheit angesichts einer recht vorhersehbaren wie konventionellen Queste zur Rettung einer kleinen, überschaubaren Welt.

Maurice der Kater (2022)

They Cloned Tyrone (2023)

DIE WAHRHEIT LIEGT IRGENDWO IM GHETTO

6/10


They Cloned Tyrone© 2023 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: JUEL TAYLOR

DREHBUCH: JUEL TAYLOR, TONY RETTENMAIER

CAST: JOHN BOYEGA, JAMIE FOXX, TEYONAH PARRIS, KIEFER SUTHERLAND, DAVID ALAN GRIER, JOSHUA MIKEL, DAVID SHAE, J. ALPHONSE NICHOLSON, JAMES MOSES BLACK U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Gespannt darf man sein auf Jordan Peeles nächsten Streich. Mit Nope hatte dieser bei mir seine Lorbeeren kassiert, doch auch das ist schon wieder ein Jährchen her. Mittlerweile kenne ich Peeles übrige Werke, doch nach wie vor ist meiner Meinung nach sein jüngstes das beste. Den Mix aus Mystery, dem Unbekannten, subtilem Horror und schrägem Humor beherrscht anscheinend nur er. Die Art und Weise, wie Peele seine Rätselfragen ans Publikum stellt, triggert womöglich so manchen Verschwörungstheoretiker. Am Ende des Tages gibt es die Lösung hinter den paranormalen Vorkommnissen häppchenweise serviert, ganz ohne Erklärbär; mit vielen Lücken und manches vage – einzig und allein, um die Denkarbeit des Betrachters zu pushen.

Doch wieso schreibe ich hier die ganze Zeit von Jordan Peele, wenn doch They Cloned Tyrone gar nicht mal auf die Kappe dieses Herrn geht, geschweige denn aus dessen Feder geflossen ist. Ganz einfach: Weil Juel Taylor, bislang Drehbuchautor und erstmals als alleiniger Regisseur unterwegs, den metaphysischen Impact von Get Out oder Wir womöglich so beeindruckend fand, dass dieser sich ebenfalls dazu bemüßigt gefühlt hat, einen ganz ähnlichen Trip in die nicht ganz koscheren Gefilde des phantastischen Black Cinema zu wagen. Dorthin, wo sich die grobkörnige Nostalgie des 70er-Bahnhofkinos den knarzigen Ledermantel von Shaft überwirft. Wo Stranger Things mit kruden, rassistische Ideologien synergieren. Platz auf der Spielwiese gibt’s dafür mehr als genug – und warum auch nicht, wenn schon Peele so lange auf sich warten lässt. Taylor will sich zwar nicht unbedingt vor dem Können des anderen verbeugen – tut es aber trotzdem. Dieser Respekt fließt sichtlich in sein Werk ein – und lässt es vielversprechend an den Start gehen. Mit John Boyega und Jamie Foxx in den Hauptrollen, die beide sowieso schon alles gesehen zu haben glauben und dennoch schierpas erstaunt sind, als sich Unerklärliches auftut.

Boyega, bekannt geworden durch Star Wars und mittlerweile keine guten Worte mehr findend für das Franchise, gibt einen versifften Drogendealer namens Fontaine, der eines Nachts von der Konkurrenz erschossen wird. Zeuge dieses Attentats sind der in den 70ern steckengebliebene Zuhälter Slick Charles und dessen Prostituierte Yo-Yo. Slick Charles staunt nicht schlecht, als tags darauf Fontaine dem wunderbaren Lazarus gleich von den Toten aufersteht und abermals aufkreuzt, gänzlich ohne Schussverletzungen und sich an nichts mehr erinnernd. Auf die kuriose Koinzidenz angesprochen, will Fontaine der Sache nachgehen – und stößt so ziemlich bald auf Indizien einer Verschwörung, die bis tief unter die Erde führen.

Das liebevoll ausgestattete Grindhouse-Setting, das Imitieren analogen Filmmaterials, einfach die Optik und auch die schmissigen Soundtracks – They Cloned Tyrone ist Retro-Kino mit Kniefall. Eine schöne Hommage mit noblen Kostümen und schickem Tand, einem exaltierten Jamie Foxx, der stets kurz davor ist, die Nerven zu schmeißen, und einem grummeligen Boyega. Fast hätte Juel Taylor alles richtig gemacht, fast hätte er es geschafft, jene immersive Atmosphäre zu erzeugen, die bei Jordan Peele so eigen ist. Vor allem dann, wenn sich die seltsamen Vorkommnisse noch zuspitzen, all das immer rätselhafter wird und keiner sich auch nur ansatzweise einen Reim darauf machen kann, was für „kranker Scheiß“ hier abgeht, befindet sich They Cloned Tyrone auf der Überholspur zum Mystery-Geheimtipp. Wäre Taylor und Co-Drehbuchautor Tony Rettenmaier nicht der Mut flöten gegangen, so manches unerklärt zu lassen. Im Gegenteil: Irgendwann kommt der Moment, da weicht der Aufwind für den Film einem Luftloch: They Cloned Tyrone stürzt ab – und zwar genau vor die Füße von Kiefer Sutherland, der als austauschbarer Antagonist die Bühne betritt. Der Erklärbär holt Luft. Was folgt, nimmt dem Szenario seinen Zauber. Viel zu viele Worte um eine längst ausgeräumte Büchse der Pandora – die Wahrheit hinter all dem ist schal und wenig originell; gabs anderswo schon perfider und gilt bereits als auserzählt.

Das Zugeständnis zum Schema F mag zwar enttäuschen – der ganze Film hingegen tut das nicht. Sehr wohl gibt’s so einiges, wie bereits erwähnt, auf der Habenseite – mit nur etwas mehr eigenständiger Vision wäre Taylor etwas Beachtliches gelungen. So versöhnt zumindest die irrwitzige Mid-Credit-Szene für so manche verpasste Chance. Es sind zwar nur ein paar Minuten, doch man sieht, was man damit – und dem richtigen Gespür – alles erreichen kann.

They Cloned Tyrone (2023)

Barbie (2023)

AUF ZEHENSPITZEN INS LEBEN

7,5/10


barbie© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GRETA GERWIG

DREHBUCH: GRETA GERWIG, NOAH BAUMBACH

CAST: MARGOT ROBBIE, RYAN GOSLING, AMERICA FERRARA, ARIANA GREENBLATT, KATE MCKINNON, WILL FERRELL, MICHAEL CERA, ISSA RAE, SIMU LIU, KINGSLEY BEN-ADIR, EMMA MACKEY, RHEA PERLMAN, ALEXANDRA SHIPP, HARI NEF, DUA LIPA U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Das, was diesen Sommer in der Welt des Kinos passiert ist, gleicht einem Paradigmenwechsel. Genauer betrachtet bleibt zu dieser Zeit kaum ein Stein auf dem anderen. Das Publikum ist müde von dem, was es die längste Zeit vorgesetzt bekommt. Worin sich das äußert? Zuerst mal hängt der Megakonzern Disney ziemlich durch. Man könnte auch meinen, dass bei einer aufgeblähten Größe wie dieser irgendwann der Zusammenbruch kommen „muss“. Was politisch nicht funktioniert hat, kann auch wirtschaftlich nicht gutgehen. Die Maus frisst sich von innen auf, zersetzt sich, fährt Pleiten ein. Tilgt seine eigenen Produktionen aus dem Streamingportal, weint dem Ergebnis von Elemental, Indiana Jones und Geistervilla nach. Die Zeit der Superhelden scheint vorbei zu sein, all die langweiligen Real Life-Überzeichnungen bekannter Zeichentrickfilme mögen anöden, Verfilmungen von Themenpark-Attraktionen ebenso. Tom Cruise hat mit Mission: Impossible – Dead Reckoning zwar seinen qualitativen Höhepunkt erreicht, doch danach wird das ganze Franchise wohl auch sein Ende finden müssen. Was aus DC und Warner wird, liegt in den Händen von James Gunn – der mit The Flash allerdings auch nichts zu lachen hat, rein was das Einspiel betrifft.

Auf Basis dieser Umwälzungen ist allerdings letzten Monat etwas ganz Erstaunliches passiert. Das Phänomen Barbenheimer. Klingt ein bisschen nach Lindenstraße, ist aber die Verschmelzung von Barbie und Oppenheimer, von zwei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein können, die aber eines gemeinsam haben: eine Vision. Christopher Nolan, der Retter des Covid-Kinos und Mindfuck-Ästhet, lässt dieses Jahr die Bombe platzen – und alle wollen hin. Warum nur? Weil eine True Story rund um den Weltfrieden alle angeht? Weil der jährliche Nolan fast schon etwas Vertrautes darstellt? Schließlich ist Oppenheimer kein gefälliger Film, und hat nichts, was einen Blockbuster letztlich ausmacht. Die Biographie des Physikers unter dem politischen Himmel Amerikas ist spannend, aber dialoglastig und experimentell. Liefert stilsichere Schauwerte, zieht sich aber auf drei Stunden Länge. Will die Masse tatsächlich mal etwas anderes? Etwas, dass sie fordert, triggert und zum Nachdenken anregt? Jedenfalls hat diese Tatsache einen lautstarken Aha-Effekt zur Folge, der bei Barbie widerhallt – einem Spielzeugfilm für Jung und Alt, ein wandelnder Katalog aus Puppen und Mode, Plastikhäusern in Pink und überall das Logo von Mattel. Wer genau will denn sowas sehen? Einen fast zweistündigen Werbespot zur Erweiterung der Gewinnmarge?

Ganz so ist es nicht. Natürlich verspricht sich der Konzern davon genug Profit, um auch die nächsten Jahre ruhig schlafen zu können. Ein Verbrechen ist das allerdings keines. Schon gar nicht, wenn Product-Placement wie dieses, so offensichtlich und ungeniert, einfach nur dazu da ist, um als Stilmittel zu fungieren, das Greta Gerwig und Noah Baumbach in ihrem metaphysischen Märchen so dermaßen geschickt einsetzt, dass man tatsächlich von einer Art Paradigmenwechsel sprechen kann, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerz neu zu evaluieren. Ich denke dabei an Andy Warhol, dem Pop-Art-Künstler, der mit dem Product Design bekannter Marken der Kunst jene Möglichkeit zugesprochen hat, auch massentauglich sein zu dürfen, ohne an Qualität zu verlieren. Gerwig folgt einem ähnlichen Weg. Für sie ist Barbie Campbell’s Tomatensuppe – und spielt damit herum, als hätte Mattel über gar nichts mehr zu bestimmen, außer über die eigene Hoffnung, dass die Sicht der Mumblecore-Autorenfilmerin den Konzern schadlos hält. Denn was sind sie denn, diese stereotypen Puppen mit ihren unrealistischen Maßen und ihrer heilen Welt? Was ist sie denn, diese Barbie, benannt nach Ruth Handlers Tochter Barbara, die dieses Spielzeug auf dem Markt brachte?

Nicht zu vergessen, da gibt es noch diesen Ken, der den heterosexuellen Beziehungsidealismus, sprich: genug Romantik ins Kinderzimmer bringen sollte, auf dem Niveau Grimm’scher Prinzessinnenmärchen, vorzugsweise in der Lieblingsfarbe kleiner Mädchen, nämlich Rosa mit all ihren Nuancen. Mit diesen Figuren, so dachte sich Gerwig, lässt sich die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf eine für alle verständliche, augenzwinkernde Parabel herunterbrechen, die als behutsame Satire bestens funktioniert und überdies mit Margot Robbie und Ryan Gosling ein Paar gefunden hat, welches als Testimonial für soziale Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau die lustvoll simplifizierte Message für die breite Masse hoch erhobenen Hauptes in die reale Welt trägt. Ich hätte nicht erwartet, dass Greta Gerwig sich selbst und ihren Prinzipien so sehr treu bleiben kann. Gerade dadurch gelingt ihr die Fusion von Kommerz und Kunst so leichthändig, als wäre die Marktwirtschaft längst schon devotes Werkzeug für Intellektuelle, um darzustellen, wo im gesellschaftlichen Miteinander Defizite existieren.

Barbie, Jahrzehnte im Geschäft und längst nicht nur mehr blond, hellhäutig und langbeinig, erfährt nun ihre lägst überfällige Bestimmung. Gerwigs ironischer und niemals tadelnder Film lässt zwischen La La Land und Pixars Toy Story die Puppen tanzen, einen bestens aufgelegten Ryan Gosling, der nicht nur Beach kann, sondern auch Komödie, übers Männerdasein singen und das Matriarchat dem Patriarchat eins auswischen. Das ist knallbunt, dann wieder schräges Revuekino. Letzten Endes aber folgt Barbie der Tatsache, dass Frauen ohne Männer jederzeit können – Männer ohne Frauen zwar auch, dafür müssen sie sich aber erstmal selbst finden. Ganz ohne Macht und Aufplustern.

Barbie (2023)