Bigbug

LOCKDOWN MIT ROBOTERN

4,5/10


bigbug© 2022 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE JEUNET

CAST: ISABELLE NANTY, ELSA ZYLBERSTEIN, CLAUDE PERRON, STÉPHANE DE GROODT, YOUSSEF HAJDI, ALBAN LENOIR, FRANÇOIS LEVANTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Schon wieder ein Film, der das Was-wäre-wenn-Szenario einer selbsterkennenden Technik bemüht, die gegen den Homo sapiens zu Felde zieht. Gut, Interpretationsspielraum gibt’s da einigen. Und ja, dieses Thema ist in Zeiten wie diesen eben relevant genug. Eines darf man aber in dieser Sache auch nicht ganz vergessen: Es kommt immer darauf an, wer da gerade welchen Film inszeniert. Und siehe da: Einer, der märchenhafte (Alb)träume in vergilbter Optik wie kaum ein anderer so gut beherrscht hat, ist nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder zurück im Filmbiz: Jean-Pierre Jeunet. Ich gebe zu, ich liebe seine Interpretation des Alien-Mythos, und halte diese Episode für eines der besten Franchise-Prequels überhaupt. Aber das nur so am Rande. Was habe ich den Mann nicht schon vermisst. Eigentlich hätte Jeunet gar eine Episode von Harry Potter inszenieren sollen, hatte aber abgelehnt. An Life of Pi hat der Visionär rund 2 Jahre herumgemurkst – nichts ist daraus geworden, Ang Lee hat übernommen. Einfach dürfte der Franzose nicht gerade sein. Seine Filme sind das nämlich auch nicht. Schon gar nicht seine neueste Eskapade mit dem Titel Bigbug.

Was Bugs sind, wissen wir Bildschirmathleten natürlich alle. Wenn dieser dann noch unüberschaubar groß wird, gibt’s für den im Jahre 2045 von Robotern hinten und vorne bedienten Mittelschichtsbürger kein Entkommen mehr. Zumindest nicht aus der eigenen Wohnung. Denn in dieser reissen vier zweckvariable Haushaltsroboter einschließlich eines Sexroboters aus dem Nachbarhaus das Zepter an sich und blockieren den Ausgang. Ein Lockdown also für alles Organische, während sich außerhalb des akkuraten Reihenhauses eine neue Macht formiert – die der Yonix. Von hinten sehen die Kerle aus wie Robocop, sichtbares Seniorentum ziert allerdings das synthetische Konterfei der gespenstisch grinsenden Altherren-Simulationen, die den Feuerstrahl im Finger haben und gerne via TV ihre Erbauer der Lächerlichkeit preisgeben: als zur völligen Unfähigkeit degenerierte, hechelnde Hündchen, die alles tun, was die Technik sagt. Ein schönes Zerrbild, mittlerweile mehr wahr als übertrieben.

Somit klingt das ganze Szenario ja schon mal grotesk genug, um von Jeunet zu sein. In Sachen Ausstattung scheut dieser keine Mühen, das Reihenhaus erinnert an den technologisierten Tücken-Parcour aus Jacques Tatis Mein Onkel, nur bunter, opulenter und noch detailverliebter. Doch irgendetwas stört. Vielleicht ist es das durch die Bank aufgesetzte Spiel der Protagonisten – von der älteren Nachbarin samt Hündchen über zwei frisch Verliebte bis zum Exmann jener, der das Haus gehört. Alle scheinen neben der Spur, keiner ist geerdet, alle sind so aufgedreht wie in den Filmen von Louis de Funes. Das in hohen Oktaven und gehetzt hervorgebrachte Gebrabbel bleibt leidlich interessant und fällt schnell auf den Wecker. Bigbug ist anstrengend, wenig griffig und recht trivial. Maschinen hin oder her: ihr Wille, den Platz des Menschen einzunehmen, ist ein halbherziges Unterfangen und verliert sich dann auch in viel zu vielen lediglich angerissenen Nebensächlichkeiten, die vor allem mit den Befindlichkeiten der Eingesperrten zu tun haben. Mancher Slapstick gelingt, das Meiste aber ist ermüdend. Schade, dass Jeunet hier nichts Handfesteres entworfen hat. Wenig erinnert noch an seine Klasse, die er mit Filmen wie Die Stadt der verlorenen Kinder oder Die fabelhafte Welt der Amelie unter Beweis gestellt hat. Was bleibt, ist pastellige Hektik mit schrägen Robotern. Wars das jetzt wieder, für die nächsten zehn Jahre?

Bigbug

Der Schein trügt

GESEGNET SIND DIE SÜNDER

7/10


DerScheintruegt© 2021 Neue Visionen


LAND / JAHR: SERBIEN, MAZEDONIEN, KROATIEN, SLOWENIEN, BOSNIEN-HERZEGOWINA, MONTENEGRO, DEUTSCHLAND 2021

BUCH / REGIE: SRDJAN DRAGOJEVIC 

CAST: GORAN NAVOJEC, KSENIJA MARINKOVIC, NATASA MARKOVIC, BOJAN NAVOJEC, MILOS SAMOLOV U. A.

LÄNGE: 2 STD


Zumindest wir hier in Österreich kennen den kultigen Dialektsong Rostige Flügel vielleicht sogar auswendig. Darin singt der Ex-Cordoba-Maestro Hans Krankl leicht heiser von einem egozentrischen Krösus, der auf Erden keine Versuchung ausgelassen hat, im Himmel aber maximal die Holzklasse bekommt. Rostige Flügel, aus zweiter Hand. Und auch keinen Heiligenschein. Der serbische Flüchtling Stojan hätte wohl eher Verwendung dafür, denn der ist ein herzensguter Familienvater irgendwo in einem vergammelten Viertel am Rande der Stadt, der eines Tages, beim Einschrauben einer Glühbirne, mit dem Strom auf Tuchfühlung geht. Normalerweise erholt man sich davon. Auch Stojan. Nur der trägt jetzt eine Art Halogen-Heiligenschein über dem Kopf, was in der Nachbarschaft für Befremdung sorgt – und ganz besonders bei Göttergattin Nada, die ihren Ruf gefährdet sieht und den unbescholtenen Ehemann dazu anstiftet, doch alle sieben Sünden zu begehen, denn dann wäre ihm die Gunst Gottes wohl nicht mehr sicher.

Klingt lustig. Klingt nach Situationskomik, als wäre Louis De Funes unterwegs, wie seinerzeit in Der Querkopf. Ist es aber nicht. Und auch der Trailer führt in die Irre. Will heißen: Der Schein trügt in jeder Hinsicht. Und wer sich gerne vergnügen möchte ob so skurriler Begebenheiten zwischen Himmel und Erde, der wird letztlich schwer schlucken müssen. Was man vielleicht auch nicht weiß: Regisseur Srdjan Dragojevic (u. a. Parada) hat einen Episodenfilm inszeniert, dessen Kapitel sehr eng miteinander verknüpft sind und stets die Perspektive wechselt, aber summa summarum eine einzige epische Geschichte über mehrere Jahrzehnte erzählt, die genauso gut Emir Kusturica hätte inszenieren können. Angesichts der surrealen Begebenheiten passt das dann auch ziemlich gut in dessen Konzept, nur die leichte Verschrobenheit von Kusturicas zumindest letzten Filmen fehlt bei Dragojevic allerdings gänzlich. Hier ist der Fingerzeig Gottes das unangenehme Kitzeln unter der Achsel, der Kieselstein im Schuh, das Trietzen des Menschen mit augenscheinlichen Wundern, die so plötzlich vom Himmel fallen, dass kein Erdenbürger damit klarkommen kann. Am wenigsten die Kirche.

Egal, ob das Geschenk der Heiligkeit, eine zweite Chance oder das Lösen des größten Problems auf Erden auf dem Plan stehen: Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Kennen wir doch – also zumindest kennen es jene, die ab und zu mal in den Gottesdienst gegangen sind. Sprich nur ein Wort, und so wird meine Seele gesund. Alles schön und gut, doch der Heiland stammelt hier in Rätseln. Orientierungslos pflügt der Mensch in dieser bitterbösen Groteske sodann durch den Sündenpfuhl, um seine Erleuchtung loszuwerden. Lieber im Dunkeln, statt im Licht. Entsprechend düster sind diese Episoden auch geworden, entsprechend heftig fallen da auch einige Szenen aus, die bigotter Bequemlichkeit ans Bein pinkeln wollen. Manchmal rutscht Dragojevic zu sehr ins Grobe, auf zu hemdsärmelige Weise bemüht er die eine oder andere Metapher, als würde er den Motor eines Autos reparieren. Da fehlt dann der Feinschliff, der zumindest später noch – und vor allem in der meisterlichen letzten Episode – die Chance hat, mit etwas mehr Geistesblitz auf pointierte Satire zu machen. Wer Also Filme wie The Square oder Bad Luck Banking or Loony Porn – die neue Art der gesellschaftskritischen Avantgarde – zu schätzen weiß, wird sich auch hier, in seiner polemischen Kritik über die Welt, verstanden wissen.

Der Schein trügt

The Trip – Ein mörderisches Wochenende

PAARTHERAPIE DURCH DRITTE

6/10


thetrip© 2021 Leonine Distribution


LAND / JAHR: NORWEGEN 2021

REGIE: TOMMY WIRKOLA

CAST: NOOMI RAPACE, AKSEL HENNIE, ATLE ANTONSEN, CHRISTIAN RUBECK, ANDRÉ ERIKSEN, STIG FRODE HENRIKSEN, NILS OLE OFTEBRO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Am Wochenende sucht man Ruhe und Entspannung. Wenn’s ohnehin schon stressig zugeht, drängt sich die traute Zweisamkeit irgendwo abgelegen an einem See und umgeben von Wald und Wiese richtig auf. An so einem Wochenende kann gar nichts – oder alles passieren. Plüschige Aliens können kommen, wie in Save Yourselves!. Oder ein Psychokiller treibt sein Unwesen und lässt die Zerstreuungswütigen über die Klinge springen, wie Dan Stevens und Sheila Vand in Tod im Strandhaus das gemacht haben. Selbst Comedian Kevin James als bemüht bösartiger Knastbruder nervt in Becky eine Patchworkfamilie, die ohnehin genug Probleme hat. 

Ihr seht, es gibt jede Mange Zeug zum Thema Wochenende in Schieflage, und auch The Trip – Mörderisches Wochenende vom Norweger Tommy Wirkola hat da gar nicht den Anspruch, anders sein zu wollen als all die eben erwähnten genretypischen Produktionen. Wirkola, nicht sehr zimperlich, was seine Filme angeht (Händel & Gretel: Hexenjäger, Dead Snow) bringt in seiner Splatterkomödie die Ehekrise zum Bluten, da sind ihm alle Mittel recht. Und noch schöner ist es, wenn Noomi Rapace, die bereits in seinem originellen Science-Fiction-Thriller What Happened To Monday? in siebenfacher Ausführung ums Überleben gekämpft hat, den Nerv hat, um einer wie aus heiterem Himmel hereinbrechenden Home Invasion handfeste Argumente entgegenzusetzen. Bevor es aber so weit kommt, will „Headhunter“ Aksel Hennie seiner Göttergattin ans Leder – dahinter mag stecken was will, das ist für den Film nicht relevant. Ebenso hegt eine erblondete Rapace wohldurchdachte Pläne, um ebenfalls das Witwendasein zu forcieren. Wenn man doch nur miteinander reden könnte – doch dieser Zug ist abgefahren. Die beiden hätten sich wohl gegenseitig ins Aus manövriert, wären da nicht drei wirklich miese Gesellen, die ordentlich Stunk machen. Frei nach dem Sprichwort Der Feind meines Feindes ist mein Freund muss das Paar wieder ihr eheliches Gelübde ausgraben, welches für schlechte Tage den Zusammenhalt predigt.

Auch wenn The Trip – Mörderisches Wochenende vorzugsweise als respektlose, derbe Komödie zu bezeichnen ist, bleibt dennoch der größte Anteil einem gewalttätigen Thriller geschuldet, der den Hass auf die wirklich bösen Jungs gehörig schürt – um dann in aller Genugtuung dem Blut beim Herumspritzen zuzusehen. Da werden Arme geschreddert und Bäuche aufgeschlitzt, Köpfe weggeschossen und was weiß ich noch alles, natürlich ist das ganze Handgemenge mit Ironie zu genießen und das richtige Quantum an flapsigem Zynismus und lakonischem Humor verleihen der Hämoglobin-Groteske sogar noch sympathische Zwischentöne, vor allem Aksel Hennies Film-Vater könnte der grantige Bruder vom Mann namens Ove sein, so nordländisch geistert die schräge Nebenfigur durch das gar nicht jugendfreie Szenario.

Wirkola liebt den augenzwinkernden Trash, richtet sich ans weniger zartbesaitete Publikum und bietet genau das, was in so einem Genremix auch zu holen ist. Will man sich allerdings wirklichen Hirnideen widmen, die das Töten auf originelle Bahnen hebt, sollte man vielleicht lieber beim Saw-Franchise bleiben. Bei The Trip kommt zum Einsatz, was in einem Ferienhaus mit Garten eben so rumliegt, Rasenmäher inklusive. Doch den gab‘s auch schon bei Becky. Demnach ist der Splatterspaß zwar kurzweilig, aber nicht die eigentliche Attraktion: die findet sich in den kleinen, zwischenmenschlichen Verschnaufpausen, in denen nichts und niemand gewillt ist, die Hoffnung auf eine gute Ehe aufzugeben.

The Trip – Ein mörderisches Wochenende

A Hard Day

WENN TOTE NICHT ANS HANDY GEHEN

7/10


ahardday© 2021 Busch Media Group

LAND / JAHR: SÜDKOREA 2014

BUCH / REGIE: KIM SEONG-HUN,

CAST: LEE SUN-KYUN, CHO JIN-WOONG, JEONG MAN-SIK, SHIN JUNG-KEUN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Meist lautet die Faustregel so: kennst du einen amerikanischen Thriller, kennst du gleich viele andere. Kennst du aber einen südkoreanischen Thriller, können dich alle anderen noch überraschen. Forrest Gump würde den Umstand mit einer Schachtel Pralinen vergleichen. Wie die das dort machen, ist kein Geheimnis – klarerweise liegt’s am Drehbuch, und klarerweise liegt’s an der Bereitschaft der Produzenten, auch gegen die Norm gebürstete Arbeiten zu verfilmen, die nicht dem lukrativen Schema erfolgreicher Marktforschung unterliegen. Die Südkoreaner, die trauen sich einfach mehr. Fabulieren mehr und denken mehr um die Ecke. Daher sind auch Filme, die sonst kaum das Zeug haben, auf westlichen Leinwänden groß rauszukommen – weil sie vielleicht nicht Bong Joon-Ho oder Park Chan-Wok in den Credits haben – bemerkenswerte Geschichten, die einfach erzählt werden müssen. So auch dieser bereits 2014 abgedrehte Streifen, der allerdings rund sechs Jahre darauf warten hat müssen, um das Licht der Retail-Welt zu erblicken. Doch egal, wann dieser letztendlich auftaucht – es ist schön, ihn zu sehen. Und ein kurioses Vergnügen obendrein. Ich hoffe, nur, dass es den Coen-Brüdern oder sonst wem nicht einfällt, Filme wie diese zu amerikanisieren. Eigene Ideen wären begrüßenswerter.

So ist die Idee vom korrupten Detektiv Ko, der bei einer nächtlichen Autofahrt zum Begräbnis seiner Mutter einen Menschen überfährt und sich damit allerlei Schwierigkeiten aufhalst, eine erfrischend originelle. Denn eine Anklage kann Ko momentan wirklich nicht gebrauchen, also schafft er das Unfallopfer in seinen Kofferraum, um es später spurlos verschwinden zu lassen. Was eignet sich da nicht besser als der Sarg seiner verstorbenen Mutter, die ja ohnehin begraben wird. Doch dieses groteske Vorhaben gestaltet sich äußerst schwierig. Dabei passieren Dinge, die kurioser kaum sein können. Und letzten Endes war der Überfahrene nicht irgendeiner, und auch nicht jemand, dessen Ableben nicht noch von jemand anderem beobachtet wurde.

Schwarzer Humor trifft auf Copthriller, die wiederum treffen auf makabren Suspense. Das muntere Potpourri aus Vertuschung und Erpressung, in dem es keine Guten, sondern nur weniger Böse gibt, steuert mit sehr viel ausgelebter Schadenfreude auf ein Katz- und Mausspiel zu, das vor skurrilen Momenten nicht mehr weiß, wohin damit. Klar kommt einem da wieder das tiefschwarze Meisterwerk Blood Simple von den eingangs erwähnten Coen-Brüdern in den Sinn, es werden Leichen aus- und eingegraben, und das alles in einem lakonischen, fast schon finnischen Gleichmut, der allerdings das Meistern scheinbar auswegloser Situationen in glaubhaftem Licht erscheinen lässt. A Hard Day ist nicht nur ein Tag, A Hard Week trifft es wohl eher, denn der Thriller erstreckt sich über einen längeren Zeitraum. Doch dieser eine Moment der Unachtsamkeit an diesem einen harten Tag ordnet die Parameter neu und zwar so, wie man sie vielleicht nicht erwartet hätte.

A Hard Day

Von Menschen und Pferden

WITH A LITTLE HELP FROM MY HORSE

6/10


vonmenschenundpferden© 2014 Bodega Films


LAND / JAHR: ISLAND, NORWEGEN, DEUTSCHLAND 2013

BUCH / REGIE: BENEDIKT ERLINGSSON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, CHARLOTTE BØVING, STEINN ÁRMANN MAGNÚSSON, HELGI BJÖRNSSON, JUAN CAMILLO ROMAN ESTRADA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Ist der Hund für uns Festlandeuropäer der beste Freund des Menschen, sehen die Isländer, wie in so vielen Dingen, die Sachlage etwas anders. Dort ist es das Pferd, und es bringt den Insulaner dort oben nicht nur über rein landschaftlich betrachtet unwegsames Gelände, sondern begleitet diesen auch durch das Dick und Dünn eines Alltags mit Gegenwind. Der kann ganz schön liebestoll sein, jähzornig oder volltrunken. Stets ist das Pferd mit dabei, und stets macht das Pferd das, was es am besten kann: dem Menschen nutzbar sein. Dabei ist die Liebe des Isländers zum hufetragenden Warmblüter eine, die aus einem erfüllten Zweck heraus entsteht. Ist das nicht gegeben, gibt man Pferden ab und an den Gnadenschuss.

Bezugnehmend auf diese oftmals von Schmerzen erlösende Tötungsmethode ist Benedict Erlingssons Episodenfilm Von Menschen und Pferden Liebhabern von letzterem nur bedingt ans Herz zu legen. Kann sein, dass die eine oder andere Szene verstörend auf jene wirken kann, die am liebsten rund um die Uhr ihr Lieblingspferd schniegeln und ihre eigenen vier Wände mit Pferde-Devotionalien aller Art dekoriert haben. Genauso wenig wäre Hundeliebhabern Alejandro Gonzales Innaritus Amores Perros zu empfehlen. In des Oscarpreisträgers mexikanischer Hunde-Anthologie haben die Pfotengänger ebenso wenig das Paradies auf Erden untergejubelt bekommen wie die Pferde in Erlingssons so verschrobenen wie makabren Miniaturen.

Da gibt es einen Mann namens Kolbeinn (Ingvar Eggert Sigurðsson, u. a. in Weißer weißer Tag oder aktuell in der Netflix-Serie Katla zu sehen), welcher eines Tages der Witwe Solveig auf berittene Weise Avancen macht. Da gibt es einen Trunkenbold, welcher der Bezeichnung Seepferd neue Bedeutung verleiht. Oder einen lateinamerikanischen Touristen, dessen bizarres Schicksal Star Wars-Kenner an eine ganz bestimmte Szene aus Das Imperium schlägt zurück erinnern wird. In all diesen Geschichten, die allesamt in einem Tal spielen und wo jeder jeden episodenübergeifend kennt, ist das Verhalten engstirniger Landeier in den großen, glasigen Augen der Pferde ein höchst seltsames. Stumm nehmen die Tiere es hin, wenn sie die Defizite menschlichen Handelns mehr passiv als aktiv ausgleichen müssen. Wobei ich nicht sagen will, dass die Isländer nichts für ihre Pferde empfinden – sie sind einfach da, sie sind Teil ihres Schicksals. Sie würden sie auf untröstliche Weise vermissen, würde man sie aus diesem gesellschaftlichen Mikrokosmos aus Freud und Leid ganz einfach entfernen.

Von Menschen und Pferden

Death Note

AUF DIE SCHWARZE LISTE

5,5/10


deathnote© 2017 Netflix


LAND / JAHR: USA 2017

REGIE: ADAM WINGARD

CAST: NAT WOLFF, KEITH STANFIELD, MARGARET QUALLEY, WILLEM DAFOE, SHEA WIGHAM, MASI OKA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Dem bleibenden Eindruck folgend, welchen Godzilla vs. Kong bei mir hinterlassen hatte, musste ich mal in Erfahrung bringen, was denn Regisseur Adam Wingard sonst noch so Filmisches fabriziert hat. Dabei stieß ich neben dem Found Footage-Sequel Blair Witch auf die finstere Manga-Verfilmung Death Note, die derzeit auf Netflix abrufbar ist. Eine, wie es scheint, pechschwarze Final Destination-Variante, die allerdings den einzigen Unterschied hat, dass nicht der Tod höchstpersönlich manch Auserwählten ins Gras beißen lässt, sondern ein ganz normaler Mensch. Eins sei dabei angemerkt: dieser ganz normale Mensch, in diesem Fall Schauspieler Nat Wolff, kommt auch nicht aus heiterem Himmel auf die Idee, vor lauter Langeweile andere Menschen sterben zu lassen. Klar wünscht man ab und an rein impulsiv unangenehme Gesellen zum Teufel, doch damit, dass diese schnell erdachten Stoßflüche Wirklichkeit werden, rechnet niemand.

Wirklich nicht? Die seltsame Gottheit namens Ryuk schon, ein metaphysisches Wesen mit joker´schem Dauergrinser und finsterer Igelmähne, schwarz wie die Nacht und mit Augen wie glühende Kohlestückchen. Erdacht wurde diese phänomenale Kreatur von den Künstlern Tsugumi Ohba und Takeshi Obata für ihren titelgebenden Shōnen, einer Art japanischen Comic für männliche Young Adults – die am meisten verbreitete Art künstlerischer Bildergeschichten in Ostasien. Ergänzt mit Willem Dafoes sonorem Organ entsteht so eine den wortkargen Sensenmann in den Schatten stellende Spukgestalt, die so nervig, verführerisch und gleichermaßen erschreckend ist, dass von ihr eine Faszination ausgeht, der sich nicht nur Nat Wollf kaum entziehen kann. Ryuk, obwohl ein Todesgott, erfüllt hier die Ansprüche eines literarisch volkstümelnden Teufels. So wie bei all den anderen Gleichnissen, die von Pakten mit dem Antichrist berichten, denen ein ambivalent zu betrachtender Eigennutz zugrunde liegt, der nicht selten mit den sieben Todsünden korreliert, hat auch Death Note einen moralischen Anspruch zu verlieren.

Diesem Jungen also, Light Turner, fällt buchstäblich ein alter Schinken in die Hände, halb voll gekritzelt mit unzähligen Namen und Todesursachen. Bald darauf erscheint dem völlig verstörten Turner der uns bereits bekannte, nach Äpfeln gierende Shinigami, der ihm alsbald über seine Macht aufklärt. Eine Woche lang ist Turner, wenn er will, Herr über Leben und Tod. Sobald er einen Namen, dessen zugehöriges Konterfei er kennen muss, ins Buch schreibt und dazu noch die Art und Weise, wie derjenige umkommen soll, hat der Tod freie Bahn. Klar, dass so viel Verantwortung einen Otto Normalverbraucher überfordert. Aus wütendem Gelegenheitskiller wird moralischer Ritter. Kann das lange gut gehen? Es wäre kein Fantasyhorror wie dieser, würde das Universum unter diesen Voraussetzungen nicht aus dem Lot geraten.

Aller Anfang ist zumindest mal beeindruckend: Man wähnt sich bereits in einem morbiden Märchen voller explizit dargestellter Blut- und Beuschel-Tode, im Hintergrund der hämisch gackernde Riesenkobold, der seinen Senf dazu gibt. Da es sich hierbei um die Verfilmung eines Mangas handelt, ist es mit einem geradlinigen Plot aber nicht getan. Die ermittelnden Behörden kommen dazu. Einer von ihnen: ein dem Zucker verfallener Hoodie-Träger, der nicht schlafen, eine diabolische Freundin, die ihrem Loverboy das Buch abspenstig machen will. Das alles verstrickt und vertrackt sich zu einem ausladenden und folglich konfusen Mindfuck, der über seine eigenen Regeln stolpert; der sich schwertut, den Blick auf das Wesentliche zu behalten. Das mit dem Buch letzten Endes viel mehr möglich ist, als es scheint, ermattet zusätzlich die Ambition, allen Details folgen zu wollen. Mangas sind generell enorm komplex. Verfilmungen selbiger hinken dabei gerade mal so hinterher. Jüngstes Beispiel: der chinesische Fantasyfilm Animal World rund um eine tödliche Schere-Stein-Papier-Challenge. Auch hier bleibt man stellenweise ratlos zurück. Bei Death Note bleibt nur Ryuk selbst seinen Modi treu, während all das Getöse um Leben und Sterben lassen recht viel an Dynamik verliert.

Death Note

Kings of Hollywood

VERSICHERN BERUHIGT

5,5/10


kingsofhollywood© 2021 Telepool


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: GEORGE GALLO

CAST: ROBERT DE NIRO, TOMMY LEE JONES, ZACH BRAFF, MORGAN FREEMAN, EMILE HIRSCH, SHERYL LEE RALPH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Es bleibt ein mit wissendem Lächeln begleitetes Kavaliersdelikt, wenn die Abzocke gelingt. Aber wehe, jemand anderer riecht den Braten. Vielleicht gar jene, die den Betrug finanzieren müssen. Schlimmer noch: es könnte sogar jener sein, dessen Schaden das große Geld erst locker macht. Udo Proksch könnte in Sachen Lucona, würde er noch leben, immer noch sein Liedchen dazu trällern. In vorliegendem Fall aber will ein windiger Produzent, der mit seinen Grindhouse-Trashfilmen a la Machete maximal für Skandale, aber nicht für den großen Profit sorgt, einen lukrativen Plan B in die Tat umsetzen. Wenn schon das Abgedrehte unter aller Sau ist, könnte vielleicht das Scheitern eines solchen während der Dreharbeiten den schnöden Mammon barmherzig stimmen. Es müsste schließlich nur der hochversicherte Hauptdarsteller bei einem selbst ausgeführten Stunt ins Gras beißen – schon fließen die Millionen. Wie lässt sich das am besten bewerkstelligen? Ein x-beliebiges Drehbuch muss her – ein in der Rundablage oben aufliegender B-Western scheint geeignet. Dazu einen abgehalfterten Star aus dem vorigen Jahrhundert. Wie wär‘s mit dem John Wayne-Verschnitt Duke Montana? Ein Name, der so nach Halstuch und Stetson klingt, nach schwingendem Lasso und wettergegerbtem Gewicht. Das ideale Mittel zum Zweck. Das Dumme an der Sache: Neffe Walter, Co-CEO der schwindeligen Firma, ahnt von dem ganzen Übel nichts. Wer sich stattdessen aber vom Tod des Altstars einiges verspricht, ist Gangsterboss Morgen Freeman. Der will sein investiertes Geld refundiert wissen – und setzt aufs hoffentlich richtige Pferd.

Die Idee für eine Komödie dieser Art birgt jede Mange Slapstick, schwarzen Humor und zum Ablachen treffsichere Situationskomik. Dabei ist der Plot nicht neu. Die Kings of Hollywood (Im Original viel treffender: The Comeback Trail) gabs schon 1982, nur verschwand der Film sang- und klanglos in der Rumpelkammer. Dabei hatte in der Inszenierung von Hay Hurwitz sogar Hugh Hefner himself einen Auftritt. George Gallo dürfte für seine Neuauflage wohl durch Zufall auf dieses filmische Mauerblümchen gestoßen sein, das Potenzial aber richtig erkannt haben. Stars wie Robert de Niro, Tommy Lee Jones und Zach Braff ließen sich womöglich nicht lange bitten. Insbesondere ersterer, der hier, mit wallender Mähne und kessem grauem Schnauzer, endlich wieder mal, nach einigen missglückten Ausrutschern im Genre, seinen inneren Komiker hochleben lassen darf. Natürlich vertraut mit dem Filmbiz, sind dem Kenner die entsprechenden Manierismen der Branche nicht fremd. Erfahrungen hat er viele gesammelt, und daher schöpft der Oscarpreisträger auch aus dem Vollen, wobei er dabei gut und gerne nach Europa schielt. Mitunter auf die Geschichte der französischen Filmkomödie. Um noch präziser zu werden: auf niemand Geringeren als „Querkopf“ Louis de Funès. Für die Rolle des Schlitzohrs Max Barber hat De Niro einiges von der ewig cholerischen und stets auf Zucker wirkenden Ikone des Klamauks übernommen. So fahrig, gleichsam zerknirscht und aufbrausend ließ sich der Taxi Driver bislang noch kaum erleben. Das gefällt auch Tommy Lee Jones, der in einer Art Selbstparodie und der Parodie eines ganzen Lebensgefühls wie seinerzeit Jack Palance in City Slickers genauso eine Spielfreude an den Tag legt. Nichts kann diesen Haudegen überrumpeln.

Doch so sehr Kings of Hollywood gleich zu Beginn ohne Verzögerung Fahrt aufnimmt und wirklich zum Schenkelklopfen motivierende Humorspitzen erreicht: Das Level lässt sich nicht halten. Dann, wenn alle Handlungsfäden zusammenkommen und der große Coup ans Licht kommt, setzt Gallo die rosarote Brille auf. Die Pointen verpuffen, die Revolvertrommel ist leer. Als hätten alle ausgelacht. Mag sein, dass das Ende über die Maßen versöhnlich stimmen soll – mit dem Filmbiz, mit der Branche, mit hinterfotzigem, profitgierigem Studiogebahren. Das anbiedernde Ringelreihen allerdings könnte dazu führen, dass in zwanzig Jahren abermals jemand auf einen Film stößt, dessen Plot genial, dessen Umsetzung aber in Vergessenheit geriet.

Ach ja, bevor ich’s vergesse: die Post Credit Scene sollte man auf keinen Fall verpassen. Robert Rodriguez hätte seine Freude daran.

Kings of Hollywood

Psycho Goreman

VOM MONSTER, DAS NACH DER PFEIFE TANZT

3,5/10


PsychoGoreman© 2020 Koch Media


LAND / JAHR: KANADA 2020

BUCH & REGIE: STEVEN KOSTANSKI

CAST: MATTHEW NINABER, NITA-JOSEE HANNA, OWEN MYRE, KRISTEN MACCULLOCH, RICK AMSBURY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


„Jetzt ist endlich mal Schluss. Immer diese konformen High-End-Effektfilme. Das kann man ja wirklich nicht mehr mit ansehen.“ – Für all jene, die davon längst die Nase voll haben, gibt’s die Rosskur samt wohliger Entschlackungsphasen. Denn wo ein High-End ist, muss es auch einen Anfang geben. Der ist dort, wo das Gummimonster aus den Tiefen steigt, wo Latex nicht zwingend etwas ist, das sich im Warenkorb von Beate Uhse findet. Wo allerdings Cosplayer und Kostümbildner völlig analog und womöglich nächtelang an den unterschiedlichsten Outfits gesessen sind, um all diese Aliens und Monster und seltsamen bizarren Kreaturen den Schauspielerinnen und Schauspielern passgenau überzustülpen. Dabei ist der Bodysuit des fast schon gottgleichen Übeltäters Psycho Goreman das Meisterstück. Klar doch, muss es ja auch sein – der knorpelige Knilch dominiert die eineinhalb Stunden fast ausschließlich im Alleingang. Allerdings eben nur fast. Denn ihm zur Seite steht ein anderes Monster – ein Menschenkind. Ein Mädchen. Aber was für eins. Jedenfalls nicht Wednesday Addams, denn die hat Stil. Eine garstige Furie, die den ganzen Tag nichts lieber tut, als ihren Bruder zu piesacken. Beim Spiel im Garten legen die beiden ein seltsames Artefakt frei. Und nicht nur das. Ein ganzes Monster kommt da gleich mit. Mit anderen Worten: Die Geißel der Galaxis. Eine Kreatur, bei welcher Jack Arnold wohl feuchte Augen bekäme. Und die auch wunderbar nach Eternia passen würde, um Dolph Lundgren im Armdrücken zu besiegen. Dieser hässliche Geselle hat also nichts anderes im Sinn, als das Universum zu vernichten. Geht’s noch ein bisschen subtiler? Nein. Es kommt noch derber. Das Mädel allerdings, diese wirklich abgrundtief unsympathische Göre, hat mit diesem rosarot leuchtenden Artefakt den schlimmen Finger im Griff. Dieser muss, wild drohend und stets vor sich hin fluchend, nach ihrer Pfeife tanzen. So viel Macht macht das kleine keifende Ding auch nicht gerade zu einem besseren Menschen. Stellt sich die Frage: Wer ist hier das eigentliche Monster?

Und was zur Hölle habe ich eigentlich in so einem Film verloren? Andererseits – auch das ist wieder eine neue Erfahrung. Eine Grenzerfahrung. Psycho Goreman vom Kanadier Steven Kostanski (wer´s kennt: The Void) mag vielleicht eine Perle des schlechten Geschmacks sein – dem eigenen sollte man besser folgen, und die pelzige Bitternis im Rachenraum bleibt, auch wenn dieser Publikumsliebling des Festivalkinos seine fixe Fangemeinde hat. Es sprich natürlich nichts gegen so offensichtlich zusammengeschustertes Equipment wie hier, und besonders begrüßenswert sind die hie und da eingestreuten Stop-Motion-Sequenzen. Im Grunde genommen jedoch bedarf es einer grundehrlichen Liebe zu Filmen dieses Subgenres, einer Affinität für freudvoll ausgelebten Bodyhorror, an welchem wiederum David Cronenberg (ich sage nur: Knochenwaffe) seine Freude gehabt hätte. Dabei wäre seine Version wohl längst nicht so sarkastisch und augenzwinkernd ausgefallen wie hier, denn das muss ich zugeben: Das verdrehte Machtgefüge zwischen zöpfeschwingendem Rumpelstilzchen und bärbeißigem Alien-Killer hat ordentlich Potenzial, da lässt sich bissig parodieren bis zum Weltuntergang. Vielleicht muss man Psycho Goreman auch sickern lassen und den bizarren Karneval aus malträtierten Leibern, aufgefressenen Widersachern und von außen nach innen gestülpten Erdlingen sowieso keine Sekunde lang ernst nehmen.

Wo Knights of Badassdom gerade erst angefangen hat, macht Psycho Goreman weiter. Als abseitiger, stilverwirrter „Familienfilm“ zwischen Exploitationkino und Joss Whedons Buffyverse lässt sich dieser Streifen hier auf die Liste fragwürdiger Sichtungen setzen, die sich ganz bewusst und auch ganz reuelos über ihren eigenen ausgefeilten Dilettantismus amüsieren. Kostanski, B-Movie-Liebling für alles Bizarre, versteht dabei sein Business. Ohne Ironie wäre das Ganze für die Tonne. Doch auch mit Ironie hinterlässt dieses Junkfood aus dem Bahnhofskino ungesunden Mundgeruch. Ganz so, wie Psycho Goreman einen haben muss.

Psycho Goreman

Knights of Badassdom

EIN DÄMON FÜRS WOCHENENDE

6/10


knights-of-badassdom© 2013 Pandastorm Pictures


LAND / JAHR: USA 2013

REGIE: JOE LYNCH

CAST: RYAN KWANTEN, STEVE ZAHN, PETER DINKLAGE, SUMMER GLAU, DANNY PUDI, JIMMI SIMPSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Jeder, der sich schon mal das bunte Treiben auf einer Comic-Con gegeben hat, wird wissen, was LARP bedeutet. Für jene, die das nicht wissen: LARP ist die Abkürzung für Live Action Role Playing – das Verb dazu lautet „larpen“. Was tut man da? Man wirft sich – vom Samtmieder bis zur chromschillernden Rüstung – in das vorzugsweise selbst genähte Outfit einer Epoche oder eines fiktiven Universums und schlüpft dabei physisch in die Rolle seines erwählten Charakters. Als Waffen gelten vorzugs- und rücksichtsvollerweise liebevoll ausgearbeitete Schmiedewaren aus Schaumstoff, mit welchen man den Gegner schadlos halten kann. Es gibt ein Thema, ein Come Together, mitunter epische Schlachten. Auch hierzulande in Österreich gibt’s LARP-Events, allerdings nicht so breit gefächert wie in Deutschland. Sowohl Historisches als auch High Fantasy wird hier nachgespielt, natürlich gibts auch komplette Eigenkreationen. Am Beeindruckendsten dabei sind allerdings nicht die aus dem Boden gestampften alternativen Welten, sondern die aufrichtige Leidenschaft, mit der die LARPer zur Sache gehen. Letzten Endes bleibt die Frage offen, wann denn endlich mal diese ganz besondere Art der Freizeitgestaltung auch filmtechnisch gewürdigt werden könnte. Das ist bereits geschehen – nämlich vor rund 8 Jahren. Mit dem so denkwürdig betitelten Streifen Knights of Badassdom.

Dieses Guilty Pleasure für selbstbewusste Nerds eignet sich auch bestens für solche, die sich nicht zwingend als Nerds oder Geeks deklarieren wollen, die sich allerdings in den Kreisen fachsimpelnder großer Kinder am wohlsten fühlen. Diesen Feel Good-Effekt nutzen Rollenspieler Hung und Eric ebenso, als sie den von Liebeskummer gepeinigten Joe für ein Wochenende und anfangs gegen seinen Willen in die idyllische Waldeinkehr für ein bevorstehendes LARP-Gefecht verschleppen. Eric, der Vorzeigemagier mit Level 15, kommt sich dabei ganz wichtig vor, hat er doch von irgendwoher einen uralten Schmöker mitgehen lassen, aus dem er eifrig magisch klingenden Kauderwelsch rezitiert. Was er dabei nicht weiß: ein waschechter Dämon hat sich durch diese Worte direkt angesprochen gefühlt – und wandelt alsbald mordend durch den Hain. Authentisch ist ja gut genug – übertreiben sollte man es trotzdem nicht, finden die Buddies und versuchen ihr Bestes, ihre heile Welt vor dem Übel der Bestie zu befreien, die obendrein noch wenig zimperlich vorgeht, wenn es heißt, sich am Blut unschuldiger Schildmaiden und ritterlicher Recken zu laben.

Da spritzt der grellrote Körpersaft und werden Torsi entherzt – natürlich auf einem handwerklich recht überschaubaren Level, sagen wir auf Augenhöhe mit günstig produzierten B-Movies, die das Gaudium eines Trashfilm-Publikums schüren. Für diesen derben Spaß hat sich neben Steve Zahn und Firefly-Ikone Summer Glau im nietenbesetzten Mini auch „Tyrion Lannister“ Peter Dinklage eingefunden, der in Kettenhemd und mit Gummischwertern allen die Show stiehlt und seine Rolle aus Game of Thrones persifliert. Wenn am Ende dann der ungelenke Bodysuit einer Höllenkreatur über die Ebene stapft und Gedärme verstreut, sind fast schon die Jack Arnold-Fifties zurückgekehrt.

Knights of Badassdom eignet sich perfekt dafür, einen Themenabend rund um realitätsferne und im Phantastischen verortete Leidenschaften feuchtfröhlich ausklingen zu lassen. Ein Spaß also, der Feinschmecker keinesfalls abholt, der verspielten Frohnaturen auch am Ende eines Tages voller kraftraubender Mittelalter-Celebrations noch Laune macht.

Knights of Badassdom

Fremd in der Welt

SELBSTJUSTIZ FÜR DUCKMÄUSER

7/10


fremdinderwelt© 2017 Netflix

ORIGINALTITEL: I DON’T FEEL AT HOME IN THIS WORLD ANYMORE

LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: MACON BLAIR

CAST: MELANIE LYNSKEY, ELIJAH WOOD, GARY ANTHONY WILLIAMS, ROBERT LONGSTREET, JANE LEVY, DEVON GRAYE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Für jene, die Peter Jacksons Muttermord-Meisterwerk Heavenly Creatures nicht gesehen haben (nachholen!), kennen sie vielleicht aus der Sitcom Two and a half Men: Melanie Lynskey. Dort war die Gute Onkel Charlies wohl einzige richtige Freundin und nicht nur eine Bettgespielin. Melanie Lynskey bekommt man dieser Tage viel zu selten zu Gesicht, was eigentlich schade ist, denn die Schauspielerin ist weder nur dem komödiantischen Genre zugetan, noch ausschließlich dem dramatischen Fach. Am besten gelingt ihre Performance, wenn beides im Spiel ist. Tragikomik sozusagen. Oder schwarzhumorige Thriller. So wie diese kleine Independent-Produktion aus dem Jahr 2017, die auf dem Sundance Festival den großen Preis der Jury erhielt. Dabei fällt mir auf: Nicht nur Lynskey wurde durch Peter Jackson erst so richtig bekannt – auch ihr Co-Star in diesem Film, nämlich „Frodo“ Elijah Wood, der um Gottes Willen nicht mehr mit diesem Hobbit in Verbindung gebracht werden will. Dafür sind mittlerweile allerhand Psychopathen sein Ding. Zugegeben, auch hier haucht er einer Gestalt Leben ein, die man auf offener Straße wohl nicht einfach so ansprechen würde. Jedoch – Vorurteile helfen da nicht weiter, weder im tatsächlichen Leben noch in diesem Autorenfilm, denn auch wenn man so aussieht, als wäre man fremd in der Welt, kann das doch der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Fremd in der Welt – oder im Original: I Don’t Feel at Home in This World Anymore ist das Regiedebüt von Macon Blair, einem Schauspieler, dessen Name einem womöglich nichts sagt, den man aber, wenn man ihn sieht, sofort dem einen oder anderen bereits gesichteten Film zuordnen kann. Hier, in seinem eigenen Werk, gönnt er sich gar einen kleinen, fiesen Cameo-Auftritt an der Seite seiner resoluten Heldin. Diese nennt sich Ruth, eine Krankenpflegerin, die vom Leben mal grundlegend enttäuscht ist. Oder, um genauer zu sein: von all ihren Mitmenschen. Eine gewisse Weltverdrossenheit macht sich breit, der Alltag zeigt sich von der ignoranten Seite und um der beginnenden Mieselsucht noch eins draufzusetzen, wird in ihrer Wohnung sogar eingebrochen. Die Polizei nimmt alles auf, ausrichten kann (und will) sie jedoch nichts. Das ist Ruth eindeutig zu wenig. Mit Unterstützung ihres ebenso eigenbrötlerischen Nachbarn will sie sich ihr Eigentum zurückholen – und die Verbrecher zur Rede stellen.

Der Vergleich mag zwar ein bisschen hinken – aber irgendwie ist das Konzept zumindest Daumen mal Pi ein ähnliches: Fremd in der Welt ist wie die Underdog-Version von John Wick. Nicht nur der Alltag, auch Verbrecher nerven ungemein, und wenn die Hutschnur platzt, blicken diese nicht mehr sehr weit in die Zukunft. Was nicht heißt, dass Lynskey und Wood bis an die Zähne bewaffnet ins Feld ziehen. Wir dürfen nicht vergessen, sie sind fremd in der Welt; entrückte Außenseiter, die versuchen, die Dinge ganz anders zu klären als es zähe Actionhaudegen jemals tun würden. Die Zähigkeit dieser durch den gesellschaftlichen Rost gefallenen Frohnaturen ist anderer Art – und macht den Reiz dieses lakonischen Thrillers aus, der zwischen blutig-brutal und situationskomisch hin und herpendelt, beileibe aber keine zynische Komödie sein will, sondern ein eigener grotesker, gar nachdenklicher Hybrid dazwischen. Für sowas eignet sich die selten durchschaubare und sympathisch-naive Melanie Lynskey wohl am besten. Ein kleiner Film also, der so tickt wie seine Protagonisten – der nicht groß auffällt, den man leicht übersieht – der aber gut vertragen kann, wenn man auf ihn aufmerksam wird.

Fremd in der Welt