Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2026)

DAS LEBEN IMPROVISIEREN

7,5/10


© 2026 Warner Bros. Germany


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: SIMON VERHOEVEN

DREHBUCH: SIMON VERHOEVEN, NACH DEM BUCH VON JOACHIM MEYERHOFF

KAMERA: JO HEIM

CAST: BRUNO ALEXANDER, SENTA BERGER, MICHAEL WITTENBORN, LAURA TONKE, DEVID STRIESOW, KATHARINA STARK, MORITZ VON TREUENFELS, JOHANN VON BÜLOW, RUDOLF KRAUSE, ANNE RATTE-POLLE, KAROLINE HERFURTH, FRIEDRICH VON THUN U. A.

LÄNGE: 2 STD 16 MIN



„Ihr seid jetzt alle Spaghetti in kochendem Wasser“, so die Anweisung  von Karoline Herfurth, die in der Verfilmung eines autobiografischen Romans von Joachim Meyerhoff eine Lehrkraft gibt, die den kommenden Größen deutscher Schauspielbühnen beibringen soll, wie man improvisiert. Doch dieser Joachim im Film besteht wohl nicht aus Hartweizen, der durch Feuchtigkeit und Hitze eben mal jedwede Stehkraft verliert. Er hat keine Ahnung, wie man etwas ist, was man unmöglich sein kann. Wie man über sein eigenes Ich hinausgeht, da man ja gar nicht mal genau weiß, wie das eigene Ich überhaupt aussieht. Oder wie es mit dem Leben klarkommt, dass so seine Gemeinheiten hat. Wie zum Beispiel den Tod. Der kam als Autounfall und hat diesem Joachim seinen geliebten Bruder genommen. Tieftraurig und mit sich selbst überhaupt nicht im Reinen, versucht der Blondschopf die Flucht nach vorn. Nicht weg vom Leben, sondern ins Leben hinein. Und landet daraufhin bei seinen Großeltern.

Die Alten als Rückendeckung

Ab diesem Moment scheint sich diese Lücke, die der Bruder durch sein Ableben hinterlassen hat,  ja fast schon wieder zu schließen, denn die beiden Altvögel sind exzentrisch genug, um einen Teil dieser Leere zu füllen, entsprechen sie doch wohl kaum dem, was man sich auf gängige Weise unter Großeltern vorstellt. Senta Berger und Michael Wittenborn nehmen sich dabei Meyerhoffs Erinnerungen an seine Verwandtschaft sehr zu Herzen und lassen all die Absonderlichkeiten niemals so aussehen, als wären sie schräge Kuriositäten, über die man abfällige Bemerkungen macht. Hermann Krings und Inge Birkman sind anders, aber mit Stolz. Letztere war mal Schauspielerin, demnach weiß sie, was ihrem „Liebeling“ wohl blühen wird, sollte er die Aufnahmsprüfung denn schaffen. Die wiederum gilts als unendlich schwer, und nur acht Kandidaten von einem ganzen Pulk an Bewerberinnen und Bewerbern kommen durch. Wie wir wissen, sofern wir ins Burgtheater gehen, hat dieser Meyerhoff es geschafft. Längst steht er auf den großen Bühnen, darf sich nebenher auch als Bestsellerautor bezeichnen – sieht man Simon Verhoevens Film, kann man kaum glauben, dass am Ende zumindest beruflich noch alles gut wurde.

Schauspieler, gegen den Strich gebürstet

Für einen Coming of Age-Film ist der von Bruno Alexander (Wir Kinder vom Bahnhof Zoo – die Serie) dargestellte Joachim zu alt, für eine Tragikomödie eigentlich überhaupt keine Komödie, denn all das, was als kurios erscheint und den Eindruck erweckt, vielleicht sowas wie Humor zu kolportieren, ist es gar nicht. Das, was hier vielleicht schmunzeln lässt, ist nur das Leben an sich. Kein Gag, kein Kalauer, keine Witzkiste. Stattdessen wahrhaftige Erinnerungen und die Psyche eines kurzzeitig verlorenen jungen Menschen, der mit einer ganz anderen Generation aus ganz anderen Zeiten als Sidekick alle Anfänge schwer werden lässt. Und so verblüffend es auch aussieht, so sehr man fest der Meinung ist, dass dieser Joachim Meyerhoff womöglich vieles kann, aber ganz sicher nicht schauspielern – ist doch wohl das Unbequeme in dieser autobiografisch erfassten Person, was diese geradezu prädestiniert dafür, unter Applaus zu reüssieren.

Simon Verhoeven, Sohn von Senta Berger, setzt seine Mutter mit ausgesuchter Würde in Szene – eine große Rolle hat sie da ergattert, deren Esprit sie nicht bis zum letzten ausreizt und dadurch das Geheimnisvolle bewahrt. Man fragt sich manchmal, ob hier wirklich nur Joachim Meyerhoff diese Lücke zu schließen versucht – letztlich muss es auch Großmama gelingen, während sie, fast schon am Ende ihres Lebens angekommen, das Lückenhafte in der Welt erstaunlich schlüssig kommentiert.

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke (2026)

28 Years Later: The Bone Temple (2026)

CHILLOUT MIT DEM ZOMBIE

7,5/10


© 2025 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: NIA DACOSTA

DREHBUCH: ALEX GARLAND

KAMERA: SEAN BOBBITT

CAST: RALPH FIENNES, JACK O’CONNELL, ALFIE WILLIAMS, ERIN KELLYMAN, EMMA LAIRD, MAURA BIRD, ROBERT RHODES, SAM LOCKE, GHAZI AL RUFFAI, CONNOR NEWALL, CHI LEWIS-PARRY U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Da wurde doch in den sozialen Medien die Vermutung geäußert, 28 Years Later: The Bone Temple würde deswegen so ein mieses Einspielergebnis eingefahren haben, weil mehr als nur einigen potenziellen Besuchern wohl nicht ganz klar gewesen war, dass das Sequel des Sequels des Sequels von 28 Days Later eine völlig neue Episode darstellt, und nicht einfach nur nochmal ins Kino gebracht wurde, weil der letzte Teil erst letzten Sommer über die Leinwände gerauscht war. Ein Fehler der Studios – nämlich zwei Filme ungefähr gleichen Titels im Halbjahresrhythmus ins Kino zu bringen? Tatsächlich könnte das die Ursache sein. Um wirklich als eigenständiges neues Kapitel eines Franchise angesehen zu werden, hätte es eine längere Pause gebraucht, zumindest ein Jahr oder im besten Fall sogar zwei. Bei Kill Bill war zumindest ein Jahr dazwischen, doch bei Quentin Tarantino gibt es wohl deutlich mehr Zuseherinnen und Zuseher, die sich, würden sie es missverstehen, gerne nochmals in jenen Film begeben würden, den sie schon mal gesehen hatten.

Wo die müden Knochen ruhen

Für 28 Years Later: The Bone Temple tut es mir leid, dass es soweit hat kommen müssen, vor allem deswegen, weil dieser brandneue Output eindeutig der bessere Film ist. Weniger zerfahren, weniger unentschlossen, doch nicht weniger spiel- und improvisationsfreudig. Man muss nur Ralph Fiennes beim Tanzen zusehen, auf seinem Hügel, vor seinem Ossarium, einem gewaltigen postapokalyptischen Weltwunder, das garantiert in den postapokalyptischen Reiseführern stehen würde, wäre Gerard Butler in der Endzeit wiedermal unterwegs, um seine Familie zu retten. Dieses Bauwerk dürfte, zumindest sieht es danach aus, wohl kaum mit CGI generiert worden sein, muss der Point of Interest doch so realistisch wie möglich aussehen. So würde selbst ich gerne durch diesen Knochenwald schlendern, doch wen die Sehnsucht nach Verblichenen einfach nicht loslässt und wer 28-Years-Vibes selbst verspüren will, der kann zumindest ins tschechische Sedlec reisen, um dort die Knochenkirche in Kutna Hora zu bewundern, mit 40.000 menschlichen Skeletten. Sogar einen prachtvollen Luster gibt es dort – den hatte sich Ralph Fiennes als Dr. Kelson wohl zu Weihnachten gewünscht.

Dafür muss er den Teufel höchstselbst mimen, für den windigen und psychopathischen Jeremy (Jack O’Connell), der eine Gang anführt, deren Mitglieder alle Jeremy heißen. Und die mit anderen Überlebenden gerne Spielchen treiben, zuungunsten der Beteiligten, denn die verlieren schlimmstenfalls ihre Haut. Im Schlepptau der Satanisten befindet sich notgedrungen Spike, der Jungspund aus 28 Years Later, und Filmsohn von Aaron Taylor-Johnson, der es nicht in die Fortsetzung geschafft hat. In ihren Trainingsanzügen, mit den blonden Perücken, den aus Schuhwerk umgebastelten Masken – wie die Gang des milchtrinkenden Alex aus Uhrwerk Orange ziehen diese Fanatiker, deren Überzeugung steht und fällt mit jener ihres Anführers, durchs verwüstete Land und hinterlassen Tod und Zerstörung. Bis sie auf Dr. Kelson treffen. Und der hat währenddessen auch alle Hände voll zu tun, nur auf deutlich konstruktivere Weise. Ihm zu Seite steht schließlich ein Zombie namens Samson, der mithilfe eines Cocktails an Substanzen tatsächlich wieder so etwas wie ein Ich-Bewusstsein erlangt.

Wie untot ist die Apokalypse?

Friede, Freude, Eierkuchen in Zombieland? Ja tatsächlich, diese Szenen, wenn Ralph Fiennes mit dem an Jason Momoa erinnernden Zombie-Hünen Ringelreier tanzt und beide gemeinsam völlig zugedröhnt so manchen Himmelskörper betrachten; während dazu schmucke Hadern aus den Siebzigern ertönen und die Welt wieder Hoffnung schöpft, weil es hier deutlich mehr Annäherungen gibt als im Kalten Krieg, dann ist das der Sprung ins kalte Wasser an hitzegeplagten Sommertagen, wenn die Energie deutlich nachlässt. Mit dieser Erzählung weigert sich Autor Alex Garland ein weiteres Mal, in der Schablonenkiste zu wühlen, um immer wieder nur dasselbe zu erzählen, was man bei Zombiefilmen erzählen kann. Ich weiß zwar nicht, was es in The Walking Dead alles für Ansätze zur Berichterstattung über die Untotenapokalypse gegeben hat – ich weiß aber, was bislang im Kino so alles dargeboten wurde, und da ist zugegeben wenig dabei, was den Gegebenheiten in diesem Film auch nur irgendwie gleicht. Versöhnung, Hoffnung, Anbahnung an ein lebenswertes Danach, das wird unterwandert vom Verlust an dem Glauben an das Gute, verbunden mit ungestraftem Anarchismus und einem Bewusstsein für die Seelen der Toten.

Neben der Spur ist am richtigen Weg 

Memento Mori, meint Ralph Fiennes immer wieder. Deutlich oranger als Donald Trump, dafür aber um ganze Staatenbünde weiser, personifiziert Ralph Fiennes den Humanismus in Reinkultur. Jack O’Connell hingegen ist das Destruktive, Dunkle. Wieder haben wir die Dualität, die selbst in diesen Zeiten ihre Anhänger finden muss, um eine Balance zu wahren. Mit diesem Tiefgang kann Nia DaCosta einiges anfangen – und versetzt ihre Regiearbeit mit einem verstörenden Härtegrad. Die Gewalt in 28 Years Later: the Bone Temple ist nichts für Zartbesaitete, hier geht es deftiger zu als beim Vorgänger. Gleichzeitig aber spinnt diese Geschichte so viele feine Fäden, dass sich beides ergänzt und nichts davon zum Selbstzweck gerät.

DaCostas Film ist eine beachtenswerte Fortsetzung, dialogbereit und bewusst neben der Spur. Diese Abkehr vom Bewährten, dieses Hinterfragen von Werten in einer Welt ohne selbige bringt effektiv und mitunter auch so spektakulär wie reduktionistisch ihre Ansätze zu möglichen Antworten auf den Punkt.

28 Years Later: The Bone Temple (2026)

Der Tiger (2025)

IM PANZER HÖRT DICH NIEMAND SCHREIEN

7,5/10



© 2025 Amazon MGM Studios


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, TSCHECHISCHE REPUBLIK 2025

REGIE: DENNIS GANSEL

DREHBUCH: DENNIS GANSEL, COLIN TEEVAN

KAMERA: CARLO JELAVIC

CAST: DAVID SCHÜTTER, LAURENCE RUPP, LEONARD KUNZ, SEBASTIAN URZENDOWSKY, YORAN LEICHER, TILMAN STRAUSS, ANDRÉ HENNICKE, ARNDT SCHWERING-SOHNREY U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN



Kriegsfilme sind so eine Sache. Leicht ist es passiert, und das ganze Szenario gerät verherrlichend, chaotisch oder in Anbetracht der Wahl der Protagonisten durchaus problematisch. Wenn Feuergefechte, Explosionen, Schießereien und massenhaft Tote in Summe zu Kriegsaction werden, kann vielleicht einer wie Chuck Norris oder Sylvester Stallone damit klarkommen. Mittlerweile ist diese Art von Actionfilm ohne begleitender Metaebene obsoleter und regressiver als sonst wie.

Suicide Squad im Russlandkrieg

Krieg ist ein Übel, die im Krieg Befindlichen arme Schweine, schuldlose Opfer oder – wie General Kurtz aus Apocalypse Now – psychotische Fanatiker, die Krieg einzig zu dem Zwecke betrachten, einst zugestandene Macht auszuüben. Die armen Schweine, die sichtlich keine andere Wahl hatten, als an die Front zu gehen, weil sie sonst, wie im Fall Jägerstätter (Ein verborgenes Leben), am Schafott ihr Leben gelassen hätten, während im Kriegseinsatz die Hoffnung, zu überleben, nicht sofort gestorben wäre, sind vor allem in den Filmen rund um den ersten und zweiten Weltkrieg jene Sorte von Mensch, um den es auch hier geht. In Der Tiger ist die Besatzung eines Panzers selbiger Klasse alles andere als freiwillig im Einsatz, haben die doch vor dem Krieg ganz andere Leben geführt. Der eine war Winzer, der andere Lateinprofessor, wieder ein anderer überhaupt erst mit der Schule fertig. Nun aber, weit entfernt von daheim, im Jahre 1943, nachdem die Schlacht von Stalingrad dem Deutschen Reich eine verheerende Niederlage beschert hat, muss die Crew jenseits der Frontlinie eine Person ausfindig machen: Major von Hardenberg – Panzerkommandant Gerkens scheint ihn nicht nur zu kennen, sondern auch eine Rechnung offen zu haben. Welche genau, bleibt lange unklar. Dieses Mysterium gerät auch zu einer Methode, den Film von Philipp Gansel (u. a. Die Welle) mehr sein zu lassen als nur ein martialischer Kriegsfilm. Dieses Vage, Unklare, diese Fahrt ins Nichts – natürlich erinnert der Plot in seinen Grundzügen an Francis Ford Coppolas unnachahmbarem Meisterwerk. Dort, im kriegsgebeutelten Vietnam, reist Martin Sheen mit seinem Team den Mekong hinauf, um General Kurtz zu finden, irgendwo im Dschungel. Was er entdeckt, ist längst Filmgeschichte. Hier sitzen die auf Mission Befindlichen in einem Kettenfahrzeug aus Stahl und durchqueren russische Wildnis, stets im Ausnahmezustand, und stets Gefahr laufend, den Feinden in die Hände zu fallen.

Wir sind keine Helden

Philipp Gansel konzentriert sich dabei weniger auf akkurat gefilmte Gefechtsszenen. Es geht auch weniger darum, Geschichte aufzuarbeiten oder gar Helden zu ermitteln. Die gibt es nicht, und es gibt auch kaum Geschichte. Die versteckt sich auf den Uniformen als vages Hakenkreuz unter aufgesticktem Reichsadler. Letztlich rückt der Feind, der, in vielen anderen Kriegsfilmen, vorzugsweise der amerikanischen, den gesichtslosen Schwarm-Antagonisten markiert, in den psychosozialen Fokus eines Kriegsdramas, das nicht zwingend in Stalingrad hätte spielen müssen, sondern fast schon universell funktioniert. Ähnlich hielt es Wolfang Petersen mit seinem Frühwerk Das Boot – und machte daraus einen nervenzerrenden Survivalthriller, der die Entbehrungen jedes einzelnen ganz im Sinne eines Antikriegsszenarios als letztlich sinnlos erachtet.

Wenn der Abgrund den Blick erwidert

Der Tiger funktioniert ähnlich – und je weiter das Kettenfahrzeug vordringt, umso mehr entfernt sich der Film von seinem Genre, um auf anderer Ebene weiterzuspielen – auf der Ebene eines mit Mystery-Elementen angereicherten Psychothrillers. Zugegeben, eine Ahnung hatte man schon zuvor, dass nichts hier mit rechten Dingen zugehen dürfte. Diese Wende, diesen Twist, den haben Filme wie Fury – Herz aus Stahl zum Beispiel nicht. Das Werk von David Ayer ist geradlinige Kriegsfilmkost: hart, schmutzig, ungeschönt, wie sich Krieg eben anfühlen muss. Gansel setzt aber noch eine Dimension drauf, und schickt seine Verlorenen in ein gespenstisches Fegefeuer, in die seltsame Stasis einer Zwischenwelt der letzten Worte, möglicher Gedanken und alternativer Taktiken. Laurence Rupp, David Schütter und Sebastian Urzendowsky lassen in ihrem Spiel sehr viel Nähe zu – dadurch wird der Trip zwischen Leben und Tod zu einem schmerzlichen, nihilistischen Brocken rettungsloser Verdammnis.

Der Tiger (2025)

Hamnet (2025)

DER TOD EINES PRINZEN

9/10


© 2025 Universal Pictures International Austria


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: CHLOÉ ZHAO

DREHBUCH: CHLOÉ ZHAO, MAGGIE O’FARRELL

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: JESSIE BUCKLEY, PAUL MESCAL, JOE ALWYN, EMILY WATSON, JACOBI JUPE, OLIVIA LYNES, BODHI RAE BREATHNACH, JUSTINE MITCHELL, NOAH JUPE, SAM WOOLF, FREYA HANNAN-MILLS, JAMES SKINNER, ELLIOT BAXTER U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es passiert äußerst selten, dass ich mich von Filmen so dermaßen emotionalisieren lasse, dass ich mir über Augentrockenheit keine Sorgen machen muss. Nicht weil ich ein Herz aus Stein habe, sondern stets eine gewisse Distanz wahre zu den Charakteren, die auf der Leinwand oder am Bildschirm durch das Tal der Tränen müssen. Ich kann mich noch gut an Nanni Morettis Drama Das Zimmer meines Sohnes erinnern. Rotz und Wasser waren währenddessen behelfsmäßige Platzhalter für eine Achterbahn der Verlustempfindungen. Schließlich handelte der Film, ähnlich wie Hamnet, vom Ableben eines geliebten Kindes, eines Sohnes. Als hätte ich schon damals erahnt, dass ich irgendwann später selbst Vater eines solchen werde, hat mich diese absolut kitschfrei dargebrachte Chronik eines Schicksalsschlages tief berührt, einschließlich Kloß im Hals, Druck auf der Brust, etc.

Von der Manipulation von Gefühlen

Ich hüte mich aber tunlichst davor, Filme wie jenen von Nanni Moretti und auch Chloé Zhaos Verfilmung des Romans von Maggie O‘Farrell, der sich Judith & Hamnet nennt, mit berechnenden Tränendrüsendrückern gleichzusetzen. Der Unterschied liegt dabei in ihrer Wahrhaftigkeit. Im Kino gibt es gewisse Parameter, die im Publikum die gewollte Wirkung erzielen – am Ende gerne mit Griff zum Taschentuch. Wie Hits aus der Schlagerbranche können diese Gefühlswelten manipulieren, wohlwissend, dass zwar jeder Mensch als Individuum auf unterschiedlichste Weise gemütsmäßig abgeholt werden kann, es aber einen basalen gemeinsamen Nenner gibt. Hamnet aber lässt dabei jeglichen Herzschmerz, so wie wir ihn kennen, außen vor. Den Film als Herzschmerz zu bezeichnen, als Tränendrüsendrücker, ist, als würde man Äpfel mit Birnen gleichsetzen, als würde man vieles über einen Kamm scheren. Hamnet stößt dabei Türen auf, die ins Innenleben seiner Zuseher führen, die sowieso schon wissen, auf welches Thema sie sich eingelassen haben. Zhao tut dies fast gänzlich ohne Kalkulation, sondern rein mit der schauspielerischen Kraft ihres Ensembles.

Wir gehören zur Familie

Im Fokus agiert dabei Jessie Buckley – sie trägt den Film durchgehend zwei Stunden lang, ohne Atempause, ohne nachzulassen. Und mit einer Intensität, die zugleich unangenehm schmerzhaft, aufsässig und betörend wirkt, die kein Mitleid lukriert, andererseits aber nichts anderes zulässt, als auf eine Weise mitzufühlen, die fast schon vermuten lässt, dass diese Familie im Film, in dieser Welt des 16. Jahrhunderts, fast schon zur eigenen, intimen wird. Als hätte man ein Leben lang schon mit diesen Menschen zu tun gehabt, als würde man Jessie Buckleys Figur der Agnes schon lange kennen. Als wäre sie einem vertraut. Chloé Zhao weiß, wie sie Charaktere näherbringt, sie bettet ihre Agnes zwischen Moos und Wurzeln, als wäre sie mehr mystisches Metawesen als einfach nur ein Mensch. Stets trägt sie Rot, dieses Rot ist isolierter Fremdkörper und Teil des Ganzen zugleich. Meistens aus der Distanz beobachtet Zhao das Leiden einer Unangepassten, die eigentlich nur rein zufällig zur großen Liebe eines zeitlosen Poeten wird: William Shakespeare.

Die Mehrdeutung eines Zitats

Der geht mit dem irreversiblen Schicksalsschlag ganz anders um. In einer Szene steht der vom Schmerz der Trauer und des Selbstvorwurfes gebeutelte Dichter an der Themse eines historischen, völlig unverkitscht dargestellten London (von welchem man durchwegs den Eindruck erhält, man sähe dokumentarisches Archivmaterial, was natürlich schier unmöglich ist) um, vom Mond beschienen und in der Düsternis verharrend, die markanten Textzeilen von sich zu geben, als hätte er sie eben gerade erst ersonnen, weil er nicht glauben kann, dass Hamnet, sein Junge, einfach nicht nicht mehr da sein kann: Es entstehen die Worte, die wir alle kennen: Sein oder nicht sein. Das ist hier die Frage.

Spätestens jetzt weiß man längst, man hat es mit einem Meisterwerk zu tun, mit einem immersiven Brocken an Filmkunst, die sich selbst nicht wichtig nimmt, und gerade durch diese puristische Bescheidenheit nicht nur in der Darstellung des Damals so direkt ins eigene Spektrum der Wahrnehmung vordringt. Fallenlassen so wie in Mascha Schilinskis In die Sonne schauen, das Erlebte ,ohne viel nachzudenken, wahrnehmen und einfach nur zu spüren: Mitunter lässt sich die Intensität kaum ertragen, und dann aber wechselt Zhao den Fokus. Sie spart aus, was der eigene Geist ergänzt. Sie zitiert dort, wo die Essenz einer Tragödie anderes verlangt, und wählt die so ängstlichen wie verzweifelten Äußerungen von Schwester Judith, die nicht glauben kann, dass der Leichnam der eigene Bruder ist.

Die Bühne als Bewältigung

Judith und Hamnet sind neben der fiktiven Biografie von Agnes der zweite Schauplatz von Hingabe und Definition der eigenen Existenz – die Romanvorlage trägt beide Namen sogar im Titel. Auch hier ist diese Szene der Wendepunkt, unterfüttert von einem vagen Mystizismus, der so unprätentiös in diesen knallharten Lebens-und Überlebenskampf verwoben wird wie die Darbietung eines der berühmtesten Stücke der Welt. Wenn sich Agnes dann unters Volk mischt und erfährt, wie der Vater und Dichter Shakespeare seinen eigenen Zugang zur Bewältigung darstellt, kehrt die Kamera immer wieder zu Jessie Buckley zurück – ihre Mimik gleicht einem Gebirgsbach: Mal ist es ein Wollen, dann ein Nicht-können, dann ein Wagen und Einlassen auf diese geschaffene Möglichkeit des Abschieds. Noah Jupe gibt dabei den Hamlet, während sein Bruder den von der Pest dahingerafften Hamnet gibt. Man spürt diese hintergründige Verbindung. Und nicht nur die.

Der steinige Weg ist der spürbare

Hamnet mag keine leichte Kost sein, doch ganz ehrlich: Von leichter Kost lässt sich selten etwas mitnehmen, auch nicht von kolportierten Emotionen aus schwülstigen Dramen. In keiner einzigen Sekunde läuft Zhaos großer Wurf Gefahr, melodramatische Simplizität für sich zu nutzen, ganz im Gegenteil. Hamnet macht es sich bewusst selbst schwer, wählt den steinigen Weg, doch dieses direkte Daraufzugehen dorthin, wo es wirklich wehtut, macht sich bezahlt.

Chloé Zhao dosiert ihre Bildwelten, die Länge ihrer Szenen, den emotionalen Grenzgang in Form eines Ausbruchs in so punktgenauer Komposition, die nur gelingt, weil sie wieder der Erwartungshaltung den Schnitt setzt. Und dort länger draufhält, wo man selbigen erwartet. Dieser Bruch erzeugt eine ganz eigene Melodie. Genau dann entfaltet sich diese ganz eigene Melodie in diesem ganz eigenen Rhythmus, dessen Echo lange nachklingt. Der Rest, so heisst es am Ende von Hamlet, ist Schweigen. Tatsächlich fehlen einem nach diesem Erlebnis die Worte.

Hamnet (2025)

Good Boy (2025)

BESTER FREUND MIT SECHSTEM SINN

7/10


© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: BEN LEONBERG

DREHBUCH: BEN LEONBERG, ALEX CANNON

KAMERA: WADE GREBNOEL

CAST: INDY, SHANE JENSEN, LARRY FRESSENDEN, ARIELLE FRIEDMAN, STUART RUDIN, ANYA KRAWCHECK U. A.

LÄNGE: 1 STD 12 MIN


Der Horror ist längst auf den Hund gekommen. Stephen Kings Cujo ist kein schlechtes Beispiel. Oder Underdog, die Dystopie des Ungarn Kornél Mundruczó, wohl eher eine gesellschafsphilosophische Zukunftsvision als blutiges Gemetzel. Der Hund ist dabei stets der Antagonist, der Aggressor, die sprintende Gefahr. Nicht so in dieser kleinen, feinen, höchst innovativen Hommage an alle Vierbeiner mit Köpfchen, die selten bellen, viel lieber zuhören und ihrem Lebensmenschen bis überallhin folgen, auch durch die Hölle, auch durch die schwierigsten Lebenslagen, die viel zu früh mit dem Tod enden. Dabei wird der Begriff des Tierhorrors gänzlich anders betrachtet.

Auf Augenhöhe mit dem Tier

Hunde sind tatsächlich die besten Freunde, das weiß auch Ben Leonberg, als er sich dazu entschlossen hat, seinem eigenen Hund Indy, einem Nova Scotia Duck Tolling Retriever, seinen ganz eigenen Film zu schenken und ihn darin zum Schauspieler zu befördern. Hundefilme mit vierbeinigen Helden gibt es zur Genüge, die muss ich hier gar nicht aufzählen, Lassie drängt sich da am stärksten auf. Doch auch diese Helden sind nicht vergleichbar mit diesem hier, mit diesem gewieften, empathischen Tier, dass die menschliche Spezies außen vorlässt. Wie das gemeint ist? Nehmen wir die Cartoons über Tom & Jerry her. Erzählt werden diese Episoden ausschließlich auf Höhe der Tiere, der Mensch ist maximal ein zeterndes Etwas, sichtbar nur bis zum Torso, der Blickwinkel ist jener der knuffig-frechen Katzen, Hunde und Mäuse, kein Zweibeiner soll ihnen die Show stehlen. So ist auch hier die Sicht des Hundes die Kerninnovation dieser atmosphärischen Besonderheit, während die Gesichter der Menschen, wenn überhaupt mal zu sehen, dann nur indirekt oder im Dunkeln bleiben.

Sehen, was der Mensch nicht sieht

In Good Boy (nicht zu verwechseln mit dem Psychohorror Good Boy aus 2022, indem es zwar auch um Hunde geht, aber auf eine destruktive, höchst menschliche Art) ist Indy ist hier nicht nur ein sympathischer Sidekick, sondern ihm gehört der Film, voll und ganz. Stolz präsentiert der knuffige Hauptdarsteller eine erstaunliche Palette an Mimiken, und wie selten bis noch gar nicht in dieser Konstellation jemals zu sehen gewesen kommt das Grauen hier, empfänglich für den sechsten Sinn eines Tieres wie dieses, auf leisen, schaurigen Sohlen herbei.

Das Unheimliche liegt vor allem darin, dass Indy anfangs ganz dezenten, aber unwohlig unnatürlichen Umtrieben gewahr wird – bizarren Geräuschen, dunklen Schatten, einer körperlosen Präsenz. Die neugierigen wie skeptischen Blicke des Tieres sprechen Bände, mehr noch als die schattenhaften Gestalten, die es vielleicht gar nicht gebraucht hätte, die aber wohldosiert eine Furcht im Nacken erzeugen, so unerklärlich, wie sie sind. Indys Mensch nimmt das ganze gar nicht wahr, ist schließlich todkrank, spuckt Blut, hustet und keucht vor sich hin. Was er allein mit seinem Hund im Hause seines Großvaters macht, in dem es, wie die Familie längst weiß, nicht mit rechten Dingen zugeht? Nach einem Spitalsaufenthalt will sich Todd auskurieren. Wie das gehen soll, bei all dieser dunklen Geschichte? Den Opa hat das Haus in den Abgrund getrieben, sein Hund, ebenfalls ein Retriever derselben Rasse wie Indy, verschwand auf unerklärliche Weise. Allein in der Wildnis, bei kaltem Regenwetter und düsteren Vorahnungen, ist der „gute Junge“ auf sich allein gestellt, um das Geheimnis hinter dem Grusel zwar nicht zu lüften, seinen Lebensmensch aber vor dem Schicksal zu bewahren.

Wir Menschen wollen den Horror, das Unerklärliche stets lüften. Ein Hund will das nicht, geht es ihm doch nur um das Wohl seines Begleiters, den es zu schützen gilt. Good Boy bleibt daher angenehm rätselhaft und völlig diffus, surreale Albträume von Indy selbst streuen effektive Jumpscares, im Grunde aber bleibt die Tonalität eine subtile, morbide, durch das treffsichere Spiel des Tieres so wärmend wie bedingungslose Treue.

Good Boy (2025)

White Snail (2025)

FAST GESTORBEN IST NOCH AM LEBEN

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: ELSA KREMSER & LEVIN PETER

KAMERA: MIKHAIL KHURSEVICH

CAST: MARYA IMBRO, MIKHAIL SENKOV, OLGA REPTUKH, ANDREI SAUCHANKA U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Als Romanze würde ich den neuen Film des Traumpaares des österreichischen Films nicht bezeichnen. Romanze wäre zu banal, zu einfach. Was sich in White Snail entfaltet, sind nicht nur die empfindlichen Stielaugen weißer Landschnecken, die behutsam und zaghaft ins Ungewisse hinein einige Millimeter machen. Zwei Menschen, irgendwo am Rande der Gesellschaft und doch mittendrin, wissen auf jeweils unterschiedliche Weise, wie unnatürlich (oder natürlich) oft die eigene Existenz vom Tod begleitet wird. Man könnte fast meinen: unentwegt.

Francis Bacon der Pathologie

Denn Misha, der ist Pathologe in einem Krankenhaus in Minsk, obduziert das über den Jordan gewanderte belarussische Volk und wahrt dabei klinische Distanz, während er daheim auf unzähligen, teils auch riesenhaften Leinwänden all die Erfahrungen, die er täglich macht, und all die zerschnittenen und beschädigten Körper, denen er begegnet, auf seine Weise verewigt. Es sind Bilder, die unweigerlich an die Arbeiten von Francis Bacon erinnern, es sind surreale, traumhafte, poetische und zugleich grausame Bilder, fast schon sakral, das Imperfekte des menschlichen Körpers geradezu vervollkommnend. Gemalt hat diese Bilder Mikhail Senkov. Schauspieler ist der Mann keiner, agiert vor der Kamera dafür aber umso besser. Vielleicht, weil er die eigen Biografie mit in den Charakter bringen kann, ganz so wie seine Filmpartnerin, Marya Imbro, eine faszinierende Persönlichkeit, weiße Haut, weißblondes Haar, intensiver Blick. Marya spielt Masha, eine Modelschülerin, die sich nichts sehnlicher wünscht, als aus Belarus rauszukommen. Ihr Vater sitzt bereits in Polen und tut alles, damit Frau und Kind nachkommen können. Derweil jedoch hadert Masha mit etwas sehr Dunklem in ihrer Seele, was sie nach einem Suizidversuch ins Krankenhaus bringt – an jenen Ort, an dem sich Misha und Masha zum ersten Mal begegnen, oder besser gesagt: Masha sieht Misha, wie er mit den Toten hantiert. Und der Tod scheint sie zu faszinieren. Sie will wissen, was Misha mit den Leichen anstellt – und klopft eines späten Abends an die Tür der Pathologie.

Durch den Tod verbunden

Das Traumpaar, das sind nicht nur Misha und Masha, sondern Elsa Kremser und Levin Peter, bislang bekannt geworden durch recht spezifische Dokumentarfilme, die sich mit den Schicksalen russischer Hunde beschäftigen: Ihr Debütfilm trägt den Titel Space Dogs, fünf Jahre später folgt Dreaming Dogs. Ihr Wechsel in den fiktionalen Film hätte kaum besser funktionieren können. Mit einem Gespür für innere Zustände, nicht zynischer, aber trotziger Lakonie und einem immanenten Gefühl, andauernd auf der Suche zu sein nach etwas bestimmbar Unbestimmten, bringen Kremser und Peter zwei mit dem Tod Verwandte und Verliebte einander näher, ohne sie aufeinander zuzustoßen. Langsam, wie zwei Schnecken, kriechen sie umeinander herum, beobachten sich, ertasten sich. Ein herbstdunkles Psychogramm ist White Snail geworden, das in seiner leisen Metaphysik an Krzysztof Kieślowski erinnert, im Umgang mit dem transzendent Natürlichen und Mythischen spricht White Snail eine Sprache, die auch Ildikó Enyedi (Körper und Seele) spricht, zwischen nackter, harter Physis und dem Rätselhaften jenseits des Urbanen, Profanen, Erschlossenen.

Nicht als Anti, aber als Fast-Romanze lässt sich die Begegnung der beiden dann doch betrachten. Ein klassisches Annähern ist das natürlich nicht, umso interessanter, extravaganter und ungewöhnlicher erscheint hier die Möglichkeit, einander viel zu geben, ohne sich für die Zukunft zu irgendetwas bekennen zu müssen.

White Snail (2025)

Bring Her Back (2025)

STÖRE MEINE KREISE NICHT

7/10


© 2025 Sony Pictures / A24


LAND / JAHR: AUSTRALIEN, USA 2025

REGIE: DANNY & MICHAEL PHILIPPOU

DREHBUCH: DANNY PHILIPPOU, BILL HINZMAN

KAMERA: ARON MCLISKY

CAST: SALLY HAWKINS, BILLY BARRATT, SORA WONG, JONAH WREN PHILLIPS, SALLY-ANNE UPTON, MISCHA HEYWOOD, STEPHEN PHILLIPS U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Danny und Michael Philippou, bekanntgeworden auf Youtube unter dem Label RackaRacka, können es abermals nicht lassen, die menschliche Seele nach dem Tod ins Diesseits zu bemühen. Sowas hat man früher gern gemacht, mit Séancen, hierzulande als „Tischerlrücken“ bekannt. Die beiden sind nicht etwa interessiert, zu wissen, was nach dem Ableben noch auf uns zukommt; wie das Sterben selbst sich anfühlt. Das ist eine Dimension, diese zu erforschen überlassen sie gerne anderen Leuten. Was die Philippous wollen, ist, die gestorbene Identität, sofern es denn noch eine gäbe, wieder in die uns eigene Realität zurückzuholen. Die Neugier, ob dies gelänge, siegt über die Achtung der Totenruhe, heiligt aber dennoch die Mittel zum Zweck, um ganz deutlich zu signalisieren, dass man an diesen Tabus nicht rütteln soll.

Dem Tod ins Handwerk pfuschen

In Talk to Me, ihrem Regiedebüt, das erfrischend kreativ und demnach auch mit entsprechender Härte an den Horror herangeht, dient ein okkultes Artefakt, in diesem Fall eine mumifizierte Hand, als Sprachrohr für tote Seelen. Dafür schlüpfen sie in den Körper eines lebenden Individuums, um sich zu artikulieren. Solche Spielereien haben natürlich einen Pferdefuß, das ganze geht schief, der Schrecken bricht sich Bahn. Interessant dabei: Hier haben wir es nicht mit bösen Dämonen, dem Teufel oder anderen finsteren Gesellen aus der Hölle zu tun, die uns wie in Conjuring einfach nur quälen wollen. Bei den Philippous sind die Toten die Toten, und sie benehmen sich auch wie solche – abgekoppelt und dahintreibend in eine andere Welt, von der sie nicht wissen, was sie verspricht, weil das Licht sie angeblich noch nicht erreicht hat, und die daher eine brennende Sehnsucht danach verspüren, wieder in ihr altes Leben zurückzugelangen. Ganz normale Behaviours für Verstorbene, in Versuchung geführt von jenen, die sie eigentlich nichts mehr angehen. Auch in Bring Her Back sind okkulte Praktiken relativ funktionabel – in der paranormalen Welt der Philippous ist das Know-How zur Überbrückung der Dimensionen längst praxiserprobt.

Das Thema der Selbstverletzung

Was es dazu noch braucht, ist Trauer. Bittere, unheilbare, irreversible Trauer, die keinen Trost findet, es sei denn, wie der Titel schon sagt: die Verstorbene kehrt zurück. Bis zum Hals in diesem Nährboden der Erschütterung steckt Sally Hawkins als überbordend liebevolle Pflegemutter, welche die beiden elternlosen Geschwister Piper und Andy bei sich aufnimmt. Überrumpelt von all der Gastfreundschaft, wundern sich beide vorerst nur wenig ob des seltsamen Verhaltens ihres Patchwork-Bruders Ollie, der sichtlich Schwierigkeiten hat, zu kommunizieren und generell recht apathisch wirkt. Der Zuseher weiß aber längst, dass der Grund dafür in der Pervertierung von Naturgesetzen liegt, die selbst dem Paranormalen inhärent sind. Diese zu verbiegen oder gar zu brechen, davor mahnt Bring Her Back mit expliziten Bildern, die weniger versierten und geübten Horrorkinogängern durchaus aufs Gemüt schlagen könnten, ist der Bodyhorror hier doch absolut State of the Art und das Realistischste, was man seit Langem zu sehen bekam. Auffallend ist dabei, dass die Philippous schon bei ihrem Vorgänger ihren Horror in der manischen Selbstverletzung orten, ein Thema, das andere Horror-Franchises lediglich als Selbstzweck auf die Spitze treiben. Apropos: Wären diese Gewaltspitzen nicht, wäre die enorm düstere Tragödie in seiner Tonalität mühelos gleichzusetzen mit Nicholas Roegs Wenn die Gondeln Trauer tragen. Nur der Spuk hält sich in Grenzen, der lässt sich, anders als in Talk to Me, diesmal nur erahnen. Viel eher brilliert die sowieso immer famose Sally Hawkins, diesmal völlig gegen ihr Image gebürstet, in einem Psychothriller, der die Klaviatur des Suspense mit variierender Wucht nachzuspielen weiß.

Regenschwerer Psychothriller

Viel schlimmer als das Okkulte wiegt dann doch die Dreistigkeit der Manipulation und der Intrige, in der die Figur des fast achtzehnjährigen Bruders Andy (Billy Barratt) immer mehr versinkt. Vermengt mit der wahrlich erschreckenden Performance des jungen Jonah Wren Phillips ergibt das einen zwar weitaus geradlinigeren und weniger komplexeren Film als Talk to Me, dafür aber lücken- wie atemloses Schauspielkino unter nicht nur emotionalem Dauerregen. Der ideale Film also für den Übergang von Halloween zu Allerheiligen – keine leichte Kost, gnadenlos morbid, andererseits aber unerwartet emotional, melancholisch und am Ende ungemein poetisch, als hätte Del Toro (The Shape of Water mit Sally Hawkins) letztlich noch seine Finger mit im Spiel.

Bring Her Back (2025)

Rust – Legende des Westens (2024)

DIE SONNE UND DEN TOD IM RÜCKEN

7,5/10


© 2024 Splendid Film


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: JOEL SOUZA

KAMERA: HALYNA HUTCHINS, BIANCA CLINE

CAST: ALEC BALDWIN, TRAVIS FIMMEL, PATRICK SCOTT MCDERMOTT, FRANCES FISHER, JAKE BUSEY, JOSH HOPKINS, DEVON WERKHEISER U. A.

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


Für sein zweiteiliges Westernepos Horizon hätte sich Oscarpreisträger Kevin Costner vielleicht noch Kamerafrau Halyna Hutchins ans Set holen können. Mit diesen Bildern in petto wäre sein Werk wohl richtig veredelt worden – was nicht heisst, dass er (zumindest nach Sichtung des ersten Teils) nicht schon Anstrengungen genug unternommen hätte, um qualitativ zu punkten. Der etwas andere Film, nämlich Rust – Legende des Westens von Joel Souza, mag zwar nicht ganz so komplex wie Costners privat finanzierter Kraftakt sein, in welchem mehrere Handlungsfäden und die Schicksale unterschiedlichster Charaktere zusammenlaufen, kann sich aber in buchstäblichem Sinne wirklich sehen lassen. Hutchins hat dafür hart kontrastiere, dunkle Bilder geschaffen, auf denen die Sonne selten bis gar nicht im Zenit zu sehen ist. Schattenrisse vor Morgendämmerungen und hereinbrechenden Nächten, überhaupt bleibt anfangs das Konterfei von Alec Baldwin im Dunkeln, die Takes sehen aus wie Panels einer Graphic Novel. Und dann, wenn der weißbärtige Großvater aus dem Gegenlicht tritt: harte Gesichter, entsättigt, müde vom Leben, desillusioniert. Es sind Figuren, die einer wie Nick Cave wohl in seinen Balladen hätte. Melancholischer Nihilismus aus einer posttraumatischen Nachkriegszeit der USA, und dennoch nicht zynisch, resignierend, sondern immer noch aufmüpfig.

Die Tragik hinter der Tragik

Es ist, als wäre die Tragödie um die Entstehung von Souzas Film auch in den fertigen Film transmigriert. Und wir alle wissen: Rust – Legende des Westens ist aus einem einzigen Grund in die Filmhistorie eingegangen: Dem fahrlässig herbeigeführten Tod einer Kamerafrau durch das Abfeuern einer mit scharfer Munition geladenen Faustfeuerwaffe. Verteilt über den Film, wird gar nicht mal so viel geschossen, einige Szenen haben es aber in sich, da hagelt es Patronen, kreuz und quer, die Kamera immer nah dran. Es lässt sich ausmalen oder vermuten, wo denn das Unglück passiert sein könnte. Diese Erschütterung nimmt der Film letztlich mit sich, und lässt auch Baldwin keine sonderliche Freude mehr daran haben, hier seine Rolle weiterzuspielen. Doch genau das, diese Sehnsucht nach einem Ende der Verpflichtung, kommt dem Charakter seiner Figur entgegen – dieses vergrämte Bewusstsein und der Wunsch nach Absolution, hat er doch die Waffe, die Hutchins den Tod brachte, höchstselbst in Händen gehalten. Lieber hätte er die Kugel abbekommen, und nicht jemand anderes.

Dieses Mindset einer Opferbereitschaft nutzt der weißbärtige alte Shootist und Outlaw, der titelgebenden Namen trägt, nämlich Harland Rust, um seinen Enkel Lucas, gerade mal dreizehn Lenze, davor zu bewahren, aufgrund eines Jagdunfalls mit Todesfolge am Strick zu baumeln. Der Alte befreit den Jungen aus dem Kittchen, bald sind beide unterwegs Richtung Mexiko, um der Gerichtsbarkeit der Vereinigten Staaten zu entgehen. Dabei ist den beiden nicht nur das Gesetz in Gestalt des Marshalls und seiner Entourage auf den Fersen – auch ein Kopfgeldjäger in adrettem Schwarz und verstohlenem Blick, wie einst Lee van Cleef ihn hatte, folgt ihren Spuren. Den verkörpert der selten gesehene Vikings-Star Travis Fimmel mit Enthusiasmus, unterdrückter Aggression und zwielichtigem Kodex.

Dem Genre treu ergeben

Alles wird letztlich auf einen Showdown in klassischem Stil hinauslaufen. Bis dahin aber übt sich Souza in der Empfindung seines auf Stimmung setzenden Fluchtdramas, das sich in seiner Schwermut am wohlsten fühlt, die Enkel-Opa-Beziehung nicht übers Knie bricht, sondern unbewusst und fast unbeobachtet wachsen lässt. Dabei vergisst Souza auch nicht, die Befindlichkeiten der Verfolger zu beleuchten, zumindest in wenigen Details, die aber sind gut gewählt. Rust – Legende des Westens ist ein Western mit viel Gefühl und Sorgfalt, niemals überhastet, kontemplativ in der Betrachtung von Tag und Nacht.

Der Film wagt keine Hakenschläge, denn er weiß, welche Ambitionen er sich leisten kann. Es sind die weiten Landschaften als Spiegel einer ruhelosen Einsamkeit, einer Sehnsucht nach Verantwortung. Und das Tilgen von Versäumnissen. In diesem Fall vor und hinter der Kamera.

Rust – Legende des Westens (2024)

Final Destination 6: Bloodlines (2025)

DETERMINISMUS MIT SIPPENHAFTUNG

6/10


© 2024 Warner Bros. Pictures, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: ZACH LIPOVSKY, ADAM B. STEIN

DREHBUCH: GUY BUSICK, LORI EVANS TAYLOR, JON WATTS

KAMERA: CHRISTIAN SEBALDT

CAST: KAITLYN SANTA JUANA, TEO BRIONES, RICHARD HARMON, OWEN JOYNER, RYA KIHLSTEDT, ANNA LORE, BREC BASSINGER, TONY TODD, GABRIELLE ROSE, APRIL TELEK, ALEX ZAHARA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Grüß Gott, ich bin der Tod: Wenn Gevatter dich auf dem Kieker hat, reicht es womöglich nicht, wenn man ihm, ganz so wie die legendäre EAV es besingt, einen Jagatee kredenzt. Doch der Sensenmann macht sich in Wahrheit gar nichts aus Hochprozentigem, dafür aber will er, dass die ganzen hundert Prozent derer, die auf seiner Liste stehen, auch über die Klinge springen. In der Horrorfilm-Reihe Final Destination hat der Tod auch nie ein Gesicht. Das, was die ganze Zeit so aussieht, als wären es unglückliche Zufälle, scheint eine höhere Macht, die das Leben und Ableben steuert. Der freie Wille ist nur Illusion. Diesem Determinismus zu entgehen, der uns alle gefangen hält, mag ein Ding der Unmöglichkeit sein. Das geht nur dann, wenn man Gevatter austrickst. Wie die alte Frau in ihrem Häuschen – wir alle kennen den Witz – die, auf die Tränendrüse drückend, einen Deal mit ihrem Schicksal eingeht und den Tod auch schwören lässt, er soll sie doch erst am nächsten Tag nochmal holen. Zur Erinnerung heftet sie den Vertrag an die Tür – und lebt womöglich heute noch.

Damals, 25 Jahre ist es her, sorgte der Horrorthriller Final Destination für schweißnasse Hände – der vorausgeahnte Flugzeugcrash ist mir in Erinnerung geblieben. Diese Katastrophe, vom Schicksal so vorausgeplant, bildete im Jahr 2000 den Auftakt für allerlei bizarre Ideen, wie ein Mensch auf die noch so absurdeste Art und Weise das Zeitliche segnen kann. Dabei zeichnete sich bereits ab: Hat man wohl einen Teil dieser Filmreihe gesehen, kennt man alle. Somit haben wir es hier mit reinstem Effektkino zu tun, das aber auch dazu steht, nichts anderes zu wollen außer den Effekt, den Kick, die blutige Schadenfreude, die Sensation, wenn junge Menschen abnippeln und dabei nicht selten den Kopf, das Rückgrat oder alle Extremitäten verlieren. Zumindest beim Original war die Idee eines vorbestimmten Plans einer alles steuernden Entität ein prickelndes, auch unbequemes Gedankenspiel. Doch was anfangs schon durch war, dient wohl des Weiteren kaum als inhaltliches Füllmaterial. Macht aber nichts. Filme, in denen der Zweck des garstigen Entertainments die Mittel heiligt, und wenn sie auch immer ähnlich sind, taugen zumindest so viel wie eine Achterbahnfahrt am Rummel. Auch die will man immer und immer wieder genießen, sofern schwindelfrei.

Nicht ganz so schwindelfrei mag wohl der eine oder andere Besucher eines dem Donauturm ähnlichen, schicken Luxus-Restaurants sein, genannt Skyview Tower. In den Sechzigern lässt sich Iris von ihrem Freund Paul zur Eröffnung dieser sensationellen Lokalität liebend gerne einladen, mulmiges Gefühl beim Einsteigen in den Fahrstuhl hin oder her. Und natürlich hat die junge Dame sogleich die Vision einer verheerenden Katastrophe, ausgelöst durch eine Münze, die in den Lüftungsschacht gerät. Wie Zach Lipovsky und Adam B. Stein die Materialschlacht mit zahlreichen Todesopfern inszenieren, kann sich sehen lassen. Das beste dabei: Wenn man glaubt, spektakulärer wird es wohl nicht, braucht man sich nur vorstellen, was passiert, wenn ein MRT-Gerät im nächstgelegenen Krankenhaus verrückt spielt. Das tut weh, höllisch weh. Abermals durften sämtliche kreative Köpfe im Ideenpool plantschen, damit es auch diesmal wieder Unfälle gibt, die man so noch nicht gesehen hat. Es verhält sich wie mit den Filmen der Saw-Reihe: Selbes Prinzip, selbes Muster, auch hier sollte sich bestenfalls keine der Foltermethoden wiederholen.

Final Destination 6: Bloodlines meldet sich also nach Jahren wieder zurück aus dem Scheintod und will diesmal auch mehr Story liefern. Mit Bloodlines ist sowieso schon alles gesagt: Folglich trifft es diesmal die Erben der dem Tode Entwischten. Auf kuriose Weise ist das nur logisch und auch durchdacht, wenngleich die Stringenz dabei im Laufe der Handlung verlorengeht und der Tod bald selbst seine eigenen Regeln nicht mehr befolgt. Anyway, bei Filmen wie diesen ist das egal. Blut muss fließen, Schädel müssen brechen, und Baumstämme sind schwer. Dass das ganze mehr zum körpersaftigen Hoppala-Overkill mutiert als zum unheilvollen Horror ausartet, ist auch kein Geheimnis. Wer’s mag, ist hier nicht fehl am Platz. Gesehen, schadenfroh grinsend geekelt und vielleicht vergessen. Es sei denn, man muss bald zum MRT.

Final Destination 6: Bloodlines (2025)

The Monkey (2025)

DER TOD MACHT SICH ZUM AFFEN

4,5/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: OSGOOD PERKINS

DREHBUCH: OSGOOD PERKINS, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON STEPHEN KING

CAST: THEO JAMES, CHRISTIAN CONVERY, TATIANA MASLANY, COLIN O’BRIEN, ROHAN CAMPBELL, SARAH LEVY, OSGOOD PERKINS, ELIJAH WOOD, ADAM SCOTT U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Stephen King, Grand Signeur der US-amerikanischen Horror-Literatur, hat wohl während der Vorstellung von Osgood Perkins neuem Film genug zu tun gehabt, nicht vom Sessel zu fallen, wenn er folgende Worte unbedingt loswerden musste: „So etwas … habt ihr noch nie gesehen. Er ist absolut wahnsinnig. Als jemand, der sich von Zeit zu Zeit dem Wahnsinn hingibt, sage ich das mit Bewunderung.“

Man könnte meinen, Stephen King hat sich in der letzten Zeit wohl viel zu selten dem Wahnsinn hingegeben, vieles vielleicht vergessen oder war nicht ganz up to date geworden mit dem Genrekino der Gegenwart. Sonst wären ihm, statt vom Hocker zu fallen, vielleicht die Füße eingeschlafen. Vielleicht muss er auch voll der Bewunderung für ein Werk sein, dessen Vorlage aus seiner eigenen Feder stammt. Doch soweit differenziert der Meister dann doch – schließlich genießt Shining bis heute noch dessen Missbilligung. The Monkey dürfte für King also tatsächlich vieles richtig gemacht haben. Als Kurzgeschichte hat das Werk inhaltlich überschaubaren Wert, doch das sagt gar nichts. Oft kommt es vor, da plustert sich knapper Content zu abendfüllenden Offenbarungen auf, man sehe sich nur Die Verurteilten an. Da Osgood Perkins zuletzt Furore machte mit seinem Killerthriller Longlegs, schien der Stoff beim Sohn von Psycho-Legende Anthony in guten Händen. Und ja: stilistisch ist sie das auch. Dramaturgisch allerdings weniger.

Ein verfluchtes Artefakt, ein von Dämonen beseeltes Spielzeug: Objekte des Anstoßes gibt es viele im Horror- und Fantasykino. Man nehme nur das schreckliche, in Menschenleder eingebundene Necronomicon. Man nehme nur die (tatsächlich existierende) Puppe Annabelle. Auch sie glupschäugiges Schmuckstück in jeder Puppensammlung und in jedem Mädchenzimmer – bis der darin wohnende Dämon den nervigen Nachbarn ersetzt. Auf den Grund gegangen wird im Conjuring-Universum somit einiges. Bei The Monkey so gut wie gar nichts. Andererseits: Einen Film seinen Mysterien zu überlassen ist kein Fehler, bei David Lynch hat das immer prächtig funktioniert. Der Aufbau von The Monkey verlangt aber anderes. Er verlangt, hinter diese Begebenheiten zu blicken, um den Kampf aufzunehmen gegen das Böse. Wenn man aber nicht weiß, was es ist und warum, woher es kommt und nach welchen Parametern es praktiziert – wird die Sache etwas dünn. Und auch willkürlich. Nichts hat System, nicht mal das Rätselhafte.

Dieser trommelnde Affe nämlich, den finden die Zwillingsbrüder Hal und Bill (Christian Convery, Sweet Tooth) unter den Habseligkeiten des wie vom Erdboden verschluckten Vaters. Das sicherlich wertvolle, weil alte Spielzeug lässt sich anhand eines Schlüssels im Steiß aufziehen. Sobald der haarige Bursche sein zähnefletschendes Grinsen aufsetzt und den linken Arm hoch über seinen Kopf hebt, um mit dem rotierenden Schlegel in der Hand gleich loszudreschen, schwingt der Gevatter seine Sense. Scheinbar wahllos beißen Leute ins Gras, vorallem jene, die Hal und Bill nahestehen – sogar die eigene Mutter. Hal und Bill, das muss man dazusagen, haben so ihre Differenzen, die legen sich auch nicht 25 Jahre später, nachdem die beiden den Affen längst beseitigt glaubten. Natürlich kehrt er wieder – und spätestens dann verliert die Story ordentlich an Esprit.

Denn was sich Perkins auf Basis der literarischen Vorlage ausgedacht hat, ist das anämische Libretto hinter einer blutigen Aneinanderreihung im Brainstorming erdachter Todesfälle, die zu gewollt und zu konstruiert sind, um – so wie in Final Destination – irgendeinen Schrecken zu verbreiten. Perkins klotzt mit explodierenden Leibern, Dickdärmen an der Harpune oder zermanschten Köpfen. Atmosphäre schafft das keine, diese Tode integrieren sich auch nicht in die Möchtegern-Bedrohlichkeit pseudokosmischen Horrors, der vielleicht als Symptom einer dysfunktionalen Familie oder der unerklärlichen Wut unter den Brüdern symbolisiert werden könnte. Der Affe macht sein Ding, die Protagonisten das ihre. Interagieren wollen sie alle nicht miteinander, sie müssen es schließlich tun, letztlich ist das Ganze aber weder von Faszination noch von Grauen unterwandert, sondern lediglich von einer Pflichterfüllung, die man verspürt, wenn man zuhause seine Geldbörse liegen hat lassen und noch einmal zurück muss.

The Monkey (2025)