Der Junge muss an die frische Luft

HUMOR IST, WENN MAN TROTZDEM LACHT

6,5/10

 

frischeluft© 2018 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: CAROLINE LINK

CAST: JULIUS WECKAUF, LUISE HEYER, SÖNKE MÖHRING, HEDI KRIEGESKOTTE, JOACHIM KROL, URSULA WERNER U. A. 

 

Was wurde eigentlich aus Hape Kerkeling? 2014 hat er sich doch anlässlich seines 50ers weitestgehend aus dem Showgeschäft zurückgezogen. Untätig ist er aber dennoch nicht geblieben. Nach dem so vergnüglichen wie besinnlichen Bestseller Ich bin dann mal weg, der 2006 erschien und Hape´s Erfahrungen und Betrachtungen auf dem Jakobsweg zum Thema hatte, könnte die Verarbeitung der eigenen Kindheit in autobiografischer Buchform womöglich auch eine gewisse Bandbreite an Lesern erreichen, bekannt genug ist der Komödiant nicht nur als Horst Schlämmer, und da er seit gut 4 Jahren ohnehin nur noch als Synchronstimme präsent gewesen war (u. a. Die Eiskönigin und Kung Fu Panda), nimmt die interessierte Fangemeinde, was sie kriegen kann. Wenn das noch die eigenen Erinnerungen aus einem Westdeutschland Anfang der Siebziger Jahre sind, und wo es ganz viel um Familie und Schicksal geht, ist ein zweiter Bestseller garantiert. Doch eines sollte man vorweg wissen: das Werk mit dem so treffenden wie augenzwinkernden Titel Der Junge muss an die frische Luft ist weder eine Art Greg´s Tagebuch auf recklinghauserisch, noch ein Michel von Lönneberga – sondern etwas ganz zerbrechlich Zartes, eine wehmütige Erzählung aus einem schicksalhaften Damals, in der eigentlich nichts so lustig war, wie es später in Kerkelings Oeuvre gang und gäbe sein wird. Caroline Link, die mit Nirgendwo in Afrika 2003 den Oscar gewinnen konnte, hat den großen deutschen Entertainer dazu eingeladen, in enger Zusammenarbeit und im steten Dialog das berührende Buch über eine Kindheit voller Lachen und Weinen behutsam zu verfilmen.

Daraus geworden ist zwar nicht etwas ganz anderes, als ich erwartet hätte, aber zumindest ein unerwartet schwermütiger Film, der weitab einer unbekümmerten Kindheit längst nicht so erbaulich ist, wie der Trailer vorab vermuten ließ, obwohl man auch da schon mitbekommt, dass sich das Erzählte um das Schicksal von Hape´s Mutter drehen wird. Der ganze große Film allerdings verspricht, noch tiefer in die Finsternis ohnmächtiger Kindersorgen vorzudringen, wobei szenenweise Erinnerungen an Adrian Goiginger´s eigener autobiografischer Aufarbeitung Die Beste aller Welten wach werden. Auch dort geht es um ein Kind, das versucht, die Unpässlichkeiten der Eltern auszugleichen und sich anzupassen. Drogen und sozialer Missstand sind dort das Thema, während bei Der Junge muss an die frische Luft Mutter Kerkeling aufgrund einer Nebenhöhlenoperation Geruchs- und Geschmackssinn verliert. Damit einhergehend stürzt die junge Frau in eine tiefe Depression. So ein psychisches Leiden ist, wie ich finde, für ein Kind ohnehin noch schwerer nachzuvollziehen als für einen Erwachsenen. Doch der kleine Hans Peter, gesegnet mit einer ordentlichen Portion Sinn für Humor und einem publikumswirksamen Hang zur Parodie diverser Charaktere aus dem eigenen Alltag, weiß seine Mama stets zum Lachen zu bringen. Der spontane Witz in Momenten, die alles andere als eine launige Präsentationsfläche für skurrile Scherze bieten, scheint die Schwermütigkeit des geliebten Menschen zumindest für Minuten zu vertreiben. Humor als die Möglichkeit, der Widrigkeit des Lebens zu trotzen – bis gar nichts mehr geht. Und auch der kleine Hans Peter das größte seiner Talente zu verlieren scheint.

Mit Julius Weckauf hat Caroline Link treffsicheres Gespür bewiesen – so wie mit all dem übrigen Ensemble auch. Der elfjährige Junge ist so wie Jeremy Miliker aus Goiginger´s erwähntem Film ein Naturtalent, wenn es darum geht, die unterschiedlichsten Situationen emotional aufzugreifen. Kann gut sein, dass Kerkeling selber bei Betrachtung von Weckauf´s Schauspiel tatsächlich sich selbst sehen konnte. Umso schmerzlicher womöglich, die schwere Zeit von damals noch dazu in bewegten Bildern zu betrachten, die womöglich sehr genau der eigenen Wahrnehmung von damals entsprechen. Und ja, der Humor macht sogar für das Publikum einiges leichter, denn ohne ihn wäre das teils herzzerreißende Drama schwer zu ertragen. Die Szene, in welcher der trauernde Junge um den leeren Küchenstuhl seiner Mutter tanzt, im Pyjama mitten in der Nacht, und mit dem Licht der Wärmelampe, mit der sich Mama stets zu therapieren versucht hat, ist von bittersüßer Wehmut und spiegelt den Seelenzustand Kerkelings als Gänsehautmoment wieder.

Wenngleich Der Junge muss an die frische Luft es nicht wagt, aus der konventionellen Chronik einer Biographie auszubrechen, und die Szenen einer Kindheit Stück für Stück aneinandergereiht sind, ohne ineinander zu fließen, ist das mit 70er Schlagern unterlegte, tragikomische Drama einer Kindheit voll aufrichtiger Wehmut und blickt mit erhobenem Blick nach vorne. Traurig ist der Film dennoch, aber niemals rührselig. Das Durchatmen mag am Ende des Filmes immer schwerer werden, der Kloß im Hals garantiert, spätestens dann, wenn Hape Kerkeling selbst aus dem Off abschließende Worte sagt. Kurzum: Humor ist also, wenn man trotzdem lacht. Und dabei nicht vergisst, wer man ist. Das hat Deutschlands großer Spaßmacher schon damals verstanden.

Der Junge muss an die frische Luft

Peppermint: Angel of Vengeance

DIE RACHE EINER MUTTER

6,5/10

 

peppermint© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PIERRE MOREL

CAST: JENNIFER GARNER, JOHN GALLAGHER JR., JOHN ORTIZ, JUAN PABLO RABA, ANNIE ILONZEH U. A.

 

Es gibt nichts Fürchterlicheres als sein eigenes Kind zu verlieren. Noch dazu durch Gewalteinwirkung, erschossen von einem Killerkommando, am Geburtstag der Kleinen, ein paar Tage vor Weihnachten. Assoziationen mit tatsächlichen Ereignissen aus Straßburg oder Berlin werden wach. Da kommt wirklich alles, woraus die Hölle einer stolzen Mutter besteht, zusammen. Und nicht nur das – der Papa muss auch noch daran glauben. Das Böse nimmt vor gar nichts mehr Rücksicht, nicht mal mehr vor Kindern. Ein Pech für die Mörder, nämlich dass die letzte Bastion aus dem Mikrokosmos Familie dem Schicksalssturm weiterhin trotzt – und zwar nichts Geringeres als die Institution Mutter. Und der Zorn einer solchen, der kann endlos sein. Mindestens so verheerend wie jener eines John Wick, der nur sein Auto zurückwill und für seinen getöteten Hund Vergeltung übt. Die tödliche Effizienz von Jennifer Garner hat allerdings einen längeren Vorlauf. Ganz zu Beginn, da ist sie noch ein biederes, gebrochenes Häufchen Elend, seelisch zerrissen und auf Gerechtigkeit hoffend. Doch die macht sich rar – zu groß die Angst vor dem Damoklesschwert eines mächtigen Drogenkartells, zu korrupt die Justiz, um die angeklagten Mörder hinter Schloss und Riegel zu bringen. Was also bleibt, ist die Wahl der Waffen – zu denen Frau greift, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Um wie eine Nemesis die Unterwelt mit Vernichtung zu strafen.

Das tut Riley North aka Jennifer Garner dann auch. Und neben ihr wirken Gesinnungsgenossen wie Bruce Willis aus Death Wish maximal so, als hätten sie beim wöchentlichen Lotto-Jackpot nicht mal einen Dreier gemacht. Empfinden also halb so viel, wie Riley North es tut. Ein Glück, dass Garner ihr schauspielerisches Soll mit sehr viel Ehrgeiz erfüllt. Ihre Figur der wutentbrannten und verstörten Trauernden ist längst nicht so das plakative Abziehbild einer Killer-Queen, wie manch einer vielleicht vermuten würde. Selbstjustizler gibt es im Actionkino nämlich wie Sand am Meer, mehr davon männliche als weibliche. Im Grunde aber immer das gleiche Szenario. Was soll also an Peppermint anders sein? Eine berechtigte Frage. Überraschend sind solche Filme längst nicht mehr. Basierend auf dieser Bestandsaufnahme ist es viel wichtiger geworden, dem – sagen wir mal – Anti-Helden (denn Selbstjustiz kann niemals DIE rechtschaffene Lösung sein) mehr Struktur zu verleihen. Ihn nicht mehr nur mit einem markigen Spruch auf den Lippen ins Feld ziehen zu lassen, unzerstör- und vorhersehbar. Spätestens da wird der Thriller Marke Eigeninitiative zur Charakterstudie – und wieder sehenswerter und interessanter. Und wie Peppermint durchaus lohnenswert, gesehen zu werden. Garners Figur ist also weit mehr als ein zorniges Phantom-Kommando. Immer wieder fällt sie in ein tiefes, schwarzes Loch. Leidet, am Boden zerstört, wirkt plötzlich kraftlos, geschlagen, resignierend. Und dann rafft sie sich wieder hoch. Zu verlieren hat sie ja schließlich nichts mehr, außer die Gelegenheit auf Rache. Ob das ihren Schmerz tilgen kann, ob das Töten der Peiniger tatsächlich zur Katharsis wird – das wagt Pierre Morel nicht wirklich zu bejahen. Für den Zuseher ist es jedenfalls eine Genugtuung, das war zumindest in Morel´s Filmen der 96 Hours-Franchise mit Liam Neeson schon so. Nachgesehen hat man Actionopa Neeson damals alles. Und wenn das bei ihm schon so war, dann bei Jennifer Garner erst recht. Also punktet Peppermint weniger mit den bewährten Mechanismen einer blutigen Mission quer durch einen ganzen Drogenring, sondern vielmehr mit dieser bildlichen Verbissenheit einer der mütterlichen Verpflichtung verschriebenen Tötungsmaschine, die manchmal gar nicht mehr von dieser Welt zu sein scheint. Diese Wut ist ansteckend. Trotz der vielen Leichen, die Riley North´s Weg pflastern, wird sie nicht kleiner, nur verzweifelter. Aber zumindest nachvollziehbar. Für jeden, der Kinder hat.

Wenn schon, dann reflektiert Peppermint etwas mehr als andere Genrekollegen die Effizienz einer solchen Lynchjustiz, wenngleich die bösen Buben, die als eindimensionale Schießbudenfiguren weitestgehend von jeglicher Biografie befreit sind,  wirklich nur dazu da sind, um tödlich bestraft zu werden. Das macht diesen schwermütigen Reißer immerhin wieder zu einer Art Popcornkino für Freunde projektilreicher Heimsuchungen, was er letzten Endes auch sein soll. Nur mit dem Bisschen mehr an bitterer Wut im Bauch.

Peppermint: Angel of Vengeance

Aufbruch zum Mond

DIE NÄHE DES UNERREICHBAREN

9/10

 

aufbruchzummond© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: DAMIEN CHAZELLE

CAST: RYAN GOSLING, CLAIRE FOY, KYLE CHANDLER, CIARAN HINDS, JASON CLARK, COREY STOLL, PABLO SCHREIBER U. A.

 

Eigentlich hätte ich es mir denken können. Das junge Naturtalent Damien Chazelle hatte mich schon vor zwei Jahren mit dem Musikerdrama Whiplash so ziemlich mit der Peitsche erwischt, und das zu Recht vielprämierte Musical La La Land ließ mich, obwohl ich Singspiele nicht so sonderlich mag, doch noch an das Gute darin glauben. Die Erwartungshaltung also für Chazelle´s drittes Werk war ziemlich hoch – und diese mangelnde Unvoreingenommenheit im Voraus für etwas, das man nicht kennt, kann leicht zu einer Enttäuschung führen. Die kinematographische Erfahrung aber, die ich mit Aufbruch zum Mond machen konnte, war die eines Gewinners, der erst um Einiges später registriert, was eigentlich gerade passiert ist.

Die Astronauten Neil Armstrong, Edwin „Buzz“ Aldrin und Michael Collins haben wohl selbst einige Zeit verstreichen lassen müssen, um überhaupt zu begreifen, welchen Anfang sie da gemacht hatten und ob das alles nicht nur ein Traum gewesen war. Natürlich ist die Nachwirkung eines Filmes nicht mit einem epochalen Schritt wie diesem gleichzusetzen, für ein Leinwanderlebnis aber bleibt Aufbruch zum Mond bewegend genug. Vor allem nachhaltig bewegend. Und all jene, die tatsächlich glauben, die Mondlandung habe gar nicht stattgefunden und niemand geringerer als Stanley Kubrick hätte nach seinem Erfolg von 2001 diese Szenen im Studio nachgedreht, die müssen um Chazelle´s Annäherung an eine Sternstunde der Menschheit keinen großen Bogen machen. Aufbruch zum Mond ist nämlich nicht unbedingt das, was manch einer vielleicht erwarten würde. Das Werk ist auch nicht zwingend gleichzusetzen mit Ron Howard´s Chronik des gescheiterten Mondflugs, nämlich Apollo 13. Auch nicht mit Kaufman´s Der Stoff, aus dem die Helden sind. Beides relativ akkurate Geschichtsstunden und großes Kino, keine Frage. Aufbruch zum Mond aber sieht seine Mission ganz woanders und lässt sich nicht mit der Art vergleichen, die technisch-realistische Weltraumfilme generell anstreben. Dieser Film hat eine deutliche Metabene, auf welcher sich ein völlig differentes Drama abspielt. Nämlich das Drama des Verlustes.

DER TRABANT DES INNEREN FRIEDENS

Selten ist ein Film so grandios als Metapher zu verstehen. Wir sehen zu Beginn Neil Armstrong als einen liebenden Vater. Da gibt es diese kleine Tochter, Karen. Sie stirbt im Alter von zwei Jahren womöglich an Krebs. Näher geht Chazelle nicht auf das Krankheitsbild der kleinen Tochter ein, was aber kaum relevant ist. Nichts ist schwerer zu ertragen, als das eigene Kind zu begraben. Es nie mehr in den Händen zu halten, über dessen Haar zu streichen. Szenen, die im Film immer wiederkehren. Wortlos, grobkörnig, ganz nah, wie mit einer Super 8-Kamera entstanden. Der Tod des Kindes hat die Familie Armstrong natürlich grundlegend erschüttert, und insbesondere Neil, der eine ganz besondere Beziehung zu seiner Tochter gehabt zu haben scheint. Dieser Verlust, diese Erkenntnis des Unwiederbringlichen, die scheint Chazelle´s Figur des Neil Armstrong fortan nicht mehr freizugeben. Immer wieder erinnert Ryan Gosling an den oscarprämierten Casey Affleck in Manchester by the Sea, ebenfalls ein Film, der stark mit den Schicksalen hadert, und eine Bewältigung anstrebt, die nicht zu erreichen ist. Dieses Unerreichbare, diese Dimension des Todes, die unserer Existenz inhärent ist und doch unangreifbar fern – dafür steht unser Trabant, dieser Mond. Eine Art Trost, stets für uns sichtbar. Es ist der Wille zur Nähe des Unerreichbaren, die Gosling´s Armstrong hier antreibt. Um überhaupt das zu erreichen, wofür er erst berühmt werden wird. Doch er tut dies nicht für die Vereinigten Staaten, nicht für irgendein Vaterland, nicht für den Fortschritt. Er tut es ganz alleine für sich. Und da erscheint mir anfangs und sogar während es ganzen Filmes Armstrong als eine unnahbare Persönlichkeit, als ein introvertierter, verbissener Charakter, der die Weltraumkapsel als unsichtbaren Kokon um sich herum mitträgt. Der sich aus dieser erdrückenden Enge menschengemachter Technik nicht hervorzwängen kann. Das macht ihn einerseits sogar zu einem unsympathischen Egoisten, es irritiert und befremdet. Ryan Gosling, generell eher ein Stoiker unter den Schauspielern, bleibt auch hier distanziert, unfähig, der Liebe zu Frau und Kind nachzufühlen, sich gar zu verabschieden, wenn es darum geht, Held zu sein. Vielleicht kommt er niemals wieder. Letzten Endes aber tut er es. Und sein kleiner Schritt wird ein gewaltiger für die Menschheit sein, so nebenbei allerdings. Dieser Grenzgang zwischen Todesverachtung, Wagnis und den Blick hinter den Horizont gerät hier zu einer flirrenden Ballade von Einsamkeit und Sehnsucht nach einem inneren Frieden.

KOMPOSITION AUS DISTANZ UND NÄHE

Erst in zweiter Linie ist Aufbruch zum Mond die Geschichte eines Pioniers, die Erfolgsstory der NASA mit all ihren Meilensteinen zum Ziel. Niemals wieder war der Mensch so weit von der Erde weg. Damien Chazelle gelingen Szenen, die in ihrer hypnotischen Wucht an die Grenzerfahrungen eines Dave aus Kubrick´s 2001 – Odyssee im Weltraum erinnern, da muss unsereins erst gar nicht hinter den Jupiter blicken. Kenner aber wissen: die Szene des Andocktests im Erdorbit ist eine ganz besondere Reminiszenz. Auch liegt der Fokus der Kamera stets auf den traurigen, erwartenden Augen Goslings, der etwas erblickt, was niemand sonst zu sehen vermag. Der den Vorhang einen Spalt breit lüftet. Es ist dieser Blick, der uns wissen lässt, dass hier eine Grenze überschritten wird, das Auge als Sinnbild eines Suchers, der sich einer ewigen Wahrheit nähert. Aufbruch zum Mond erinnert auch an Christopher Nolan´s nicht weniger intensives Kinoerlebnis Interstellar, vor allem die Landung auf dem Erdtrabanten wird zur packenden Sternstunde. Diese Szene ist wie eine Symphonie, wie ein akkurat dirigiertes, majestätisch klingendes Musikstück. Dann, wenn sich der Film daheim in den vier Wänden Armstrongs wiederfindet, Bruchstücken verlorener Gedanken gleich, ist es die Poesie eines Terrence Malick, nur ohne bedeutungsschwerer Stimme aus dem Off. Gesagt wird nicht, was gesagt werden muss. Und wo die Stimme versagt, wird geschwiegen. Die Bilder sprechen für sich, und der Kniff von Kameramann Linus Sandgren ist dabei, für die Schauplätze seines Filmes unterschiedliche Kameras zu verwenden. Während die intimen Szenen des Familienlebens in der ruhelosen Optik eines Homevideos die Distanz zum Publikum verliert, bleiben die NASA-Szenen auf nüchternem Abstand. Chazelle und Sandgren verzichten weitestgehend auf den wirkungsvollen Zauber des Blickes auf schwebende Raumschiffe. Die Magie dieser Erfahrung, die ist anders stark und liegt darin, den Zuschauer mit auf die Reise zu nehmen, lässt ihn den Blickwinkel der Astronauten innehaben, lässt ihn, den phsikalischen Gesetze unterworfen, erzittern wie Armstrong und sein Team. Der Blick durchs Fenster erweitert den Horizont fast mehr als die weite Aussicht über den Orbit. Das ist Kamerakunst, wie sie selten zu sehen ist. Das ist Film, der die Perspektive ändern kann, und der es meisterhaft versteht, das zu tun. Der anders denkt, auf mehreren narrativen Ebenen gleichzeitig, dabei so unfassbar berührt und nicht immer gefällig ist. Der niemals mit Pathos kokettiert oder sentimental wird. Die Rührung ist hier eine andere, eine tiefere, eine elementarere.

Aufbruch zum Mond ist ein bewegendes Kunststück, das die Geschichte des Fortschritts mit psychologischem Drama verbindet. Chazelle´s dritter Geniestreich ist längst nicht nur ein Weltraumfilm, sondern viel mehr. Etwas, dass sich nicht sofort erschließt, dass Zeit braucht, sich zu entfalten. Angesichts des zur Neige gehenden Kinojahres 2018 traue ich mich zu behaupten, dass Chazelle’s Werk für mich wohl das beste Filmereignis des Jahres sein wird. Ein großer Schritt für den Regisseur, und ein noch größerer für´s Kino.

Aufbruch zum Mond

Aftermath

DER TERMINATOR ALS MENSCH

6/10

 

aftermath© 2017 KSM Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: ELLIOT LESTER

CAST: ARNOLD SCHWARZENEGGER, SCOOT MCNAIRY, MAGGIE GRACE, JUDAH NELSON U. A.

 

Der Selfmade-Multitasker Arnold Schwarzenegger wurde heuer knackige 71 Jahre alt. Wenn schon weniger eine Legende des Schauspiels, dann war die steirische Eiche immerhin eine solche der Popkultur, keine Frage. Arnold war Terminator, Conan und ein schwangerer Mann, und kaum eine Rolle hat er so dermaßen cool gemeistert wie die des Last Action Hero – immer noch mein absolutes Highlight. Allerdings war John McTiernan´s Film im Grunde ein Flop. Aber so ist das mit Filmen, die wirtschaftlich in der hintersten Reihe des Kinosaals sitzen – sie sind meist besser als irgendein ertragreicher Blockbuster. Schwarzenegger weiß allerdings, ihm Gegensatz zu einigen seiner Altersgenossen, dass die Zeit der Actionhelden tatsächlich vorbei ist. Was aber nicht zwingend heißen muss, dass die Kawumm-Rente auch gleich ein Abschied vom Kino sein muss. Das hat sich der Ex-Gouvernator auch gedacht. Filme machen ist ja für jemanden wie Arnie etwas, was das Herz erfreut, und längst nicht mehr die Brieftasche. Entsprechend nischenorientiert sind auch seine letzten Filme gewesen. Ganz besonders seine drittletzte Produktion, die er gemeinsam mit Darren Aronofsky mitfinanziert hat und alles andere als ein gelenkiger Effektreißer ist. Aftermath (im deutschsprachigen Raum übersetzt mit Vendetta – Alles, was ihm blieb war Rache, meiner Meinung nach aber viel zu marktschreierisch, daher bleibe ich beim Originaltitel) ist wohl ein Film, der gar nicht erst darauf abzielt, Geld zu machen. Die bittere Tragödie um einen Mann, der bei einem Flugzeugabsturz Frau und Tochter verliert, ist nichts, was das Publikum sehen will. Auch Arnold Schwarzenegger schauspielerisch herausgefordert zu wissen, in einem Film, in dem keinerlei Action passiert – dem wollen seine Fans garantiert nicht beiwohnen. Doch interessanterweise müsste ich dann sagen: Selber schuld, denn Aftermath gesehen zu haben zahlt sich tatsächlich aus.

Nicht genug, dass der bärbeißige Bauarbeiter Roman seine Familie begraben darf – er kennt auch den Verursacher des Unglücks und will diesen zur Rechenschaft ziehen. Dieses Vorhaben könnte man auch als Rache auslegen, doch so will es Bauarbeiter Roman nicht verstanden wissen. Was er einfordern will, ist die Bitte um Vergebung. Und zwar von jenem Mann, der ebenfalls als Opfer eines fatalen Zusammenspiels aus Personalmangel und Überforderung einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat. Immerhin war es kein leichtsinniger Fehler wie în Öden von Horvath´s Schicksalsdrama Der jüngste Tag, wo die Unachtsamkeit eines Kusses das Entgleisen zweier Züge zur Folge hat, sondern ein tragisches Missverständnis. Doch diese Last der Verantwortung nimmt dem Familienvater auf der anderen Seite der Waagschale allerdings auch keiner ab. Aftermath erzählt beide Geschichten – jene des Hinterbliebenen und jene des Schuldbeladenen. Für beide ändert sich das Leben radikal – in eine Richtung geradeaus in die Dunkelheit.

Der britische Regisseur Elliot Lester hat mit Aftermath einen Film weit jenseits angenehmer Kinounterhaltung inszeniert. Das bedrückende Trauerdrama liegt ungemein schwer im Magen. Wer selbst nicht gerade gedämpfte Laune hat, sollte die sinnierende Schicksalssymphonie tunlichst meiden. Nach Schwarzenegger´s Arbeit in Aftermath wäre es tatsächlich vorstellbar, der Exil-Österreicher könnte mit Michael Haneke einen Film drehen. Spart man am Score, wäre sogar vorliegendes Werk unter der Regie Haneke´s durchaus vorstellbar. Denn nicht weniger intensiv als vom österreichischen Oscarpreisträger gewohnt zieht auch Lester´s Film das Publikum langsam, aber stetig vom Sitz, spätestens dann, wenn eintritt, was längst nicht erwartet wird, und der Druck in der Magengegend noch zunimmt. Aftermath windet den Weg seiner tragischen Geschichte auf wenig betretenen Pfaden und bleibt nachhaltig in Erinnerung, wenn auch auf unbequeme Weise. Schwarzenegger ist zwar immer noch kein mimischer Virtuose, nimmt aber die Challenge in der Verkörperung des Trauernden aufrichtig ernst. Den irreparablen psychischen Schaden und die Verbissenheit seiner Suche nach Erlösung weiß Arnie weitaus besser zu interpretieren als Busenfreund Bruce Willis seinen Killer-Papa in Death Wish – wobei letzterer ein Thriller, und Aftermath ein Drama ist. Und zwar eines, in welchem der Terminator zum Menschen wird, mit all seinen fatalen Irrungen.

Aftermath

Hostiles

BURNOUT IM WILDEN WESTEN

7/10

 

hostiles2© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: SCOTT COOPER

MIT CHRISTIAN BALE, WES STUDI, ROSAMUNDE PIKE, JESSE PLEMONS, BEN FOSTER, THIMOTÉE CHALAMET U. A.

 

Blutsbrüderschaft wie bei Winnetou – daran ist überhaupt nicht zu denken. Was hat sich Karl May wohl dabei gedacht? Der deutsche Schriftsteller war nicht nur niemals in New York, er hat auch niemals sonst seinen Fuß auf die neue Welt gesetzt. Die Ahnung, die er vom Wilden Westen hatte, war das Ergebnis aus Erzählungen, Reiseberichten, und der eigenen romantischen Verklärung von Cowboy und Indianer. Diese Verklärung lässt Regisseur Scott Cooper weit hinter sich. Sogar noch weiter, als sie Kevin Costner hinter sich gelassen hat, bei Der mit dem Wolf tanzt – ein Film, der an sich schon einen völlig neuen Zugang zur Geschichte Nordamerikas gefunden und wie noch niemals zuvor den tiefen Graben zwischen Invasoren und Urbevölkerung zu überbrücken versucht hat. Rund 20 Jahre früher hat ein Epos wie Little Big Man den weissen Amerikanern das Wilde heruntergeräumt – so schmerzlich und vehement wie Arthur Penn´s Meilenstein haben wenige Werke das Schicksal der indigenen Völker begriffen. Dustin Hoffman als verirrter Weißer inmitten einer völlig fremden Welt hat Costner´s Idee vom Verschmelzen ethnischer Identitäten vorweggenommen und ist damit meines Erachtens nach sowieso im Olymp der besten Rollenfiguren überhaupt gelandet.

Diese Leistung vollbringt Christian Bale zwar nicht, sein verlorener Blick hinter Schnauzer und Dreitagebart spricht allerdings Bände. Es ist kurz vor der Jahrhundertwende, der ehemalige Batman verkörpert einen US Army-Captain, welcher wirklich nichts mehr zu verlieren hat. Wie verbraucht und ausgelaugt vom Leben kann man sein? Der zu Stein entemotionalisierte Befehlsempfänger in blauer Montur ist müde vom Krieg, müde vom Töten, müde vom Hass. Dennoch quält ihn der Gedanke, einen Cheyenne an den Ort der ewigen Jagdgründe zu eskortieren. Doch Befehl ist letzten Endes Befehl, Alternativen enden vor dem Kriegsgericht. Also Zähne zusammenbeissen und auf den Sattel, da warten noch einige Hunderte Kilometer Richtung Westen. Und dieser Weg, der ist wie der sprichwörtliche Gang nach Canossa. Eine wie auf gebrochenen Beinen dahinschleppende Tour der Versuchung, Vergebung und des Friedensschlusses. Scott Cooper (Crazy Heart, Black Mass) zeigt in diesem elegischen, epischen und mit traditionellen Landschaftsgemälden ausgestatteten Sühne-Western, wie schwierig und fast unmöglich es ist, Vergebung zu fordern und gleichzeitig zu verzeihen. Da muss der Mensch in seinem irrationalen Wahn namens Rassenhass mal die Erkenntnis erlangen, dass nicht alles eins zu eins über den Kamm geschoren werden kann.  Dass von nichts auch nichts kommen kann. Dass zum Streiten im Grunde immer zwei gehören müssen. Binsenweisheiten, die aber erst mal begriffen werden müssen, vor allem von Leuten, die in ihrer verknöcherten Wut von einst gefangen sind.

Da trägt eine von Komantschen aus dem Familienleben gerissene Rosamunde Pike auch nicht wirklich zum besseren Verständnis bei. Das völlig verstörte Opfer, das nun mit dem Troß Richtung Montana reitet, scheint vorerst die Kluft zwischen den beiden Parteien zu erweitern – bis die ewige Weite, schmerzlindernde Gesten inmitten unwirtlicher Wildnis und die Feinde der Feinde das Blatt langsam wenden, die Sicht auf die Dinge, auf Schuld und Mitschuld langsam aufklaren lassen. Hostiles ist kein Anti-Western, dafür aber ein langer Ritt der Erschöpfung, das naturbeleuchtete Bild der Nachwirkung langer Kriege, die alle Beteiligten unendlich kraftlos zurücklassen. Die Reserven sind dahin, was bleibt, ist bedrückende Erkenntnis. Und endlich so etwas wie ein Funke menschlicher Weisheit, die über Dingen steht, die nicht mehr reparabel sind – auf die sich vielleicht aber ein neues Fundament errichten lässt.

Hostiles

Wind River

JAGDSZENEN AUS WYOMING

6/10

 

windriver© 2017 Wild Bunch

 

LAND: USA 2017

REGIE: TAYLOR SHERIDAN

MIT JEREMY RENNER, ELIZABETH OLSEN, GRAHAM GREENE, JULIA JONES U. A.

 

Wenn es gerade so wie in diesem Frühsommer fast schon unerträglich heiß wird, können Filme wie dieser für die notwendige Abkühlung sorgen. Vielleicht ist Wind River ja sogar der Abkühlung zu viel, ein Pullover in Griffweite wäre ratsam. Denn dort, in Wyoming, wohin uns dieser Thriller führt, herrscht eisiger Winter. Eine Wildnis wie von Gott verlassen, eine Landschaft, von Wind und Wetter geformt. Wenn es mal schneit, dann nur als Schneesturm. Dazwischen, bei klarem Himmel – klirrende Kälte, die man leicht bekleidet nicht lange überleben würde. Schon gar nicht barfuss. Denn das ist die Leiche, die von Wildhüter Cory gefunden wird, unweit des Indianerreservats Wind River, mitten im Schnee. Tod durch Kälte. Normalerweise ein Fall für den Bezirkssheriff, doch welcher dieser Fälle ist schon normal. Noch dazu, da der verkniffene, wortkarge Jägersmann irgendwie von Anfang an schon mit drin steckt, und da auch nicht herauswill, ähnelt der Tod dieser 18jährigen Indianerin jenem seiner Tochter, die er vor drei Jahren zu Grabe tragen musste. Wie es das Schicksal will, bittet FBI-Agentin Jane Banner den so gebrochenen wie verschlossenen Spurensucher um Hilfe – hier in dieser lebensfeindlichen Gegend so dringend notwendig wie ein Bissen Brot.

Ich kann mich noch gut erinnern – vor zwei Jahren war der Hinterland-Krimi Hell or High Water in aller Munde, schon allein wegen der Nominierung zum besten Film. Der alternde Jeff Bridges will da Chris Pine und Ben Foster das Handwerk legen. Regiedebütant Taylor Sheridan hat da zwar nicht Regie geführt, aber das Drehbuch beigesteuert. In Wind River hat der gebürtige Texaner gleich beide Parts übernommen und diesmal Jeremy Renner einen weißen Overall übergezogen, um ihn nicht nur Pumas, sondern auch Mörder jagen zu lassen. Der sympathische Schauspieler, der sowohl die Avengers-Clique als auch das Team um Mission Impossible verlassen zu haben scheint, ist allein auf weiter Flur eindeutig besser dran. Renner ist ein Einzelgänger. Die meisten seiner Rollen sind das. Teamplayer ist was anderes. Das muss er aber auch nicht mögen. Oder gar machen müssen. Dem als Hurt Locker bekannt gewordenen Kalifornier steht der trauernde Wildhüter, der mit dem Motorschlitten durch den Tann dröhnt und  treffsicher zu zielen weiß, enorm gut zu Gesicht und legt seine bislang beste Performance auf die Piste. Fast wie eine Art Jean-Paul Belmondo, aber nicht in der Arroganz eines James Bond oder in Gigolo-Manier eines Jason Statham – das sind Einzelgänger, die alles können und mit Schmäh und Understatement letzten Endes immer gewinnen. Diese Attitüden hat der traumatisierte Shootist alle nicht. Sein Einzelgängertum ist auf das Wesentliche eingerext. Und längst ist nicht klar, ob er am Ende des Tages immer noch über allem steht. Das weiß selbst „Scarlett Witch“ Elizabeth Olsen nicht – als Greenhorn unter den FBI-Ermittlern hat sie zwar alle ihre Hausaufgaben gemacht – die Arbeit auf freiem Feld ist aber etwas, das man nur durch Erfahrung effizient bewerkstelligen kann. Diese Erkenntnis lässt Olsen in ihrer Rolle aufgehen und begegnet Jeremy Renner auf Augenhöhe. Dass sich beide sowohl ihren Defiziten as auch ihren Stärken bewusst sind, macht sie zu Identifikationsfiguren in einem Thriller, der allerdings einfach nur ein Thriller ist.

Ja, es ist saukalt, die unwirtliche Natur ist leinwandfüllend, das Licht des Tages meist schwindend. Landschaften, die schon in Genrefilmen wie Mörderischer Vorsprung die eigentlichen Stars der Geschichte waren. Dass es in Wind River um so Abscheulichkeiten wie Vergewaltigung und Mord geht, mag zwar zeitweise bleischwer im Magen liegen, letzten Endes aber wagt sich Sheridan´s Neo-Western kaum grenzüberschreitend weiter vor, um auch die Metaebene eines gesellschaftskritischen Diskurses aufs Tablett zu bringen. Ansätze sind zwar vorhanden, alle möglichen Ressourcen gehen aber auf die stark fokussierte Kriminalgeschichte, die dadurch aber auch so ziemlich lückenlos den Spannungsbogen bis zum Ende straff hält. Sheridan hat gute Arbeit gemacht, und war, so wie es scheint, vor allem für die endlos scheinende Wildnis Wyomings zu begeistern. Sonst ist Wind River wie schon Hell or High Water kein Kunst-, sondern eher das Handwerk eines bodenständigen Films über den gezähmten wilden Westen der Gegenwart, als Debüt verständlicherweise etwas hemdsärmelig, aber nach guter alter Schule inszeniert. Mag sein, dass die nächste Regie den eigenen Stil Sheridan´s womöglich erst definieren wird.

Wind River

A Beautiful Day

KATHARSIS EINES SCHATTENKRIEGERS

8,5/10

 

beautifulday© 2017 Constantin Film Verleih GmbH

 

ORIGINALTITEL: YOU WERE NEVER REALLY HERE

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: LYNNE RAMSAY

MIT JOAQUIN PHOENIX, EKATERINA SAMSONOV, JUDITH ROBERTS U. A.

 

Auf den Plakaten, die Lynne Ramsays Film beworben haben, war die an alle Cineasten gerichtete, verkaufsfördernde Zeile „Der Taxi Driver des 21. Jahrhunderts“ zu lesen. An diesem genrespezifischen Richtungsweis ist was Wahres dran. Doch in welchem Ausmaß? Dazu muss ich mir die Figur des Travis Bickle hernehmen, seines Zeichens eine Kultfigur und Wegbereiter des urbanen Irokesenschnitts, famos dargeboten von dem damals unverwüstlichen und mittlerweile ziemlich verwüsteten Robert De Niro. Der Taxifahrer aus New York City ist ein Einzelgänger, ein introvertierter Beobachter, der bei seinen Nachtfahrten allerhand mitbekommt, was sich in den Niederungen der Gosse so alles abspielt. Als ihm angesichts der minderjährigen Prostituierten Iris, dargestellt von Jodie Foster, die Schlechtigkeit des Menschen die Grenzen des für ihn Belastbaren sprengt, greift er zu drastischen Mitteln – er wird zu einem bewaffneten Anti-Helden, der dort aufräumt, wo es im Argen liegt. Er wird zum Befreier.

Ein Befreier ist auch Joe. Auch er befreit minderjährige Mädchen aus den Fängen perverser Kinderschänder. Allerdings steckt bei Joe ein System dahinter. Er ist buchbar, über mehrere Ecken, sodass er gänzlich anonym agiert. Immer wieder rückt er aus, nach wohlüberlebtem Schlachtplan. Nichts bleibt dem Zufall überlassen. Joe taucht auf wie ein Schatten, schlägt mit dem Hammer Schädel ein und befreit seine Opfer, deren Identität per Foto gesichert ist. So schnell wie er gekommen ist, so schnell ist er wieder verschwunden. Hochprofessionell, scheinbar emotionslos. Bickle´s Befreiungsschlag hingegen könnte der Anfang einer solchen Ära der idealisierten Gerechtigkeit sein, wir wissen es nicht. Der Antrieb, der hinter dem Taxi Driver steht, ist jedenfalls nicht der, den Joe für sein Tun und Handeln voraussetzt. Genau hier beginnt A Beautiful Day, in eine ganz andere Richtung zu gehen und die Dimension eines gesellschaftskritischen Selbstjustiz-Thrillers weit über Genre-Grenzen hinweg in die Luft zu sprengen. Der Film, für welchen Joaquin Phoenix für sein intensives Spiel die Goldene Palme gewonnen hat, betitelt sich im Original sowieso ganz anders: You were never really here. Zugegeben, mit A Beautiful Day als sarkastischen Überbau kann ich natürlich mehr anfangen als mit dem Original – obwohl Du warst niemals wirklich hier auf subtil-provozierende Art eine gewisse Neugier weckt. Wer genau war niemals wirklich hier? Und sagt das Joe? Oder das Mädchen Nina, das es zu retten gilt?

Der Originaltitel ist nicht der einzige Aspekt, der mit dazu beiträgt, aus den Elementen einer anfangs simpel erscheinenden Kriminalgeschichte eine kryptische Filmerfahrung zu entfesseln. A Beautiful Day ist tatsächlich ein besonderes Werk, das lange nachwirkt und erst zur vollen Entfaltung gelangt, nachdem sich die Eindrücke, die man aus dem Kino mitnimmt, so richtig gesetzt haben. Diese Wirkung, die erzielt Lynne Ramsey vor allem damit, den asketischen Schwermut ihrer wuchtigen Poesie mit einer ganz eigenen Interpretation von Gewalt zu verbinden. Dieses Zusammenspiel erinnert an das japanische Killer-Kino eines Takeshi Kitano oder Park Chan-Wook´s Oldboy. Ramsey zeigt aber nicht die Gewalteruption an sich, lässt diese nie zum Selbstzweck verkommen, sondern blickt sogar demonstrativ weg und filmt das statische Brachland der Zerstörung danach. So, als wäre man nicht wirklich dabei, aber irgendwie schon. Ganz so wie Joe selbst, der andere befreit, um sich selbst zu befreien. Wir sehen in verstörenden Intermezzi, was das Trauma des einsamen Schattenkriegers ausmacht – wie Splitter eines zerbrochenen Spiegels geistern Bildfetzen aus der Kindheit durch dessen Alltag. Aber nicht nur diese – auch Krieg und Menschenschmuggel spielen eine Rolle. Joe ist eine gequälte Seele, psychisch kaputt, den Gedanken an Selbstmord stets im Kopf. Kein Leben wie dieses, oder nur dann, wenn sich Joe immer und immer wieder selbst befreit, das Grauen durchspielt. Eine Art extreme Therapie, die nur Momente lang für Linderung sorgt. Dazu sorgenfreie Rhythmen, die in ihrem Zynismus den Abgrund, in dem sich die Figuren befinden, konterkarieren.

A Beautiful Day ist mindestens genauso brillant wie Abel Ferrara´s Bad Lieutenant, und lässt sich in der Katharsis seiner zentralen Figur mit Harvey Keitels Tour de Force durchaus vergleichen. Beeindruckend, wie Ramsey – gekonnt liebäugelnd mit den unorthodoxen Erzählstilen Asiens – aus der literarischen Vorlage von Jonathan Ames ein pulsierendes, virtuos zusammengesetztes Labyrinth aus Erlösung, Verfolgung und Vergebung errichtet, aus dem das Mädchen Nina wie Theseus´ roter Faden vielleicht zu einem Ausgang führt, vorbei an den Monstern der Vergangenheit und der Gegenwart – als Symbol von Joes eigenem zerstörten Ich, das im Zwiegespräch nur mehr sich selbst retten kann.

A Beautiful Day

Another Earth

BACKUP FÜRS LEBEN

7,5/10

 

anotherearth© 2011 20th Century Fox

 

LAND: USA 2011

REGIE: MIKE CAHILL

MIT BRIT MARLING, WILLIAM MAPOTHER, MATTHEW-LEE ERLBACH, MEGGAN LENNON U. A.

 

Schade, dass Mike Cahill seit 2014 keinen Film mehr gemacht hat. Dabei zählt der Bilderstürmer für mich seit I Origins – Im Auge des Ursprungs zu den führenden Philosophen des Kinos, visionär im Denken und mutig in der Ausführung ersonnener Gedankenspiele, die an die durchdachten Ideen eines Jaco van Dormael erinnern. Was war I Origins nicht für ein inspirierendes Erlebnis. Die ungestüme Schicksalssymphonie Another Earth war drei Jahre zuvor Cahill´s erster Langspielfilm, realisiert für wohlfeile 200 000 Dollar, und gemeinsam mit Lebensgefährtin Brit Marling, die sich in diesem anmutigen bizarren Hirngespinst einfügt wie Klimt´s Adele in die Ornamentik ihres Schöpfers.

Marling ist’s, die die junge Studentin Rhoda spielt, die einen Verkehrsunfall verursacht – weil am Himmel eine zweite Erde sichtbar ist. Mit Kontinenten und Meeren, das kann man vom Boden aus mit freiem Auge gut erkennen, vor allem nachts. Dass nicht nur Smartphones im Straßenverkehr meist schreckliche Konsequenzen nach sich ziehen – das erfährt die traumverlorene Blonde aus erster Hand. Frau und Kind des gerammten Fahrzeugs sind tot, der Vater überlebt. Weder Sie noch der trauernde Witwer bekommen ihr Leben von nun an wieder in den Griff. Niemandem würde es anders ergehen. Wenn das Schicksal mit eherner Faust zuschlägt, wünscht man sich, die Zeit zurückdrehen zu können. In Ermangelung dessen hilft nur noch Absolution. Rhoda macht den Witwer ausfindig, tarnt sich als Putzfrau und fängt an, ins Leben und in die Wohnung des völlig verwahrlosten Musikers wieder Ordnung reinzubringen. Die zweite Erde, die rückt derweil immer näher. Wenig später der erste Kontakt – und die Gewissheit, dass der Planet eine Spiegelung der eigentlichen Erde ist. Oder die eigentliche Erde eine Spiegelung des mobilen Trabanten. Eine Tatsache, die plötzlich möglich macht, was bislang unvorstellbar war.

Mike Cahill´s Vision von einer zweiten Chance, die sich allen physikalischen Gesetzen zum Trotz am Himmel manifestiert, ist ein assoziativ skizziertes Philosophikum, grobkörnig schraffiert, in einigen Momenten haarfein detailliert, dann wieder wie ein Found Footage-Video. Impulsiv gefilmt, aus dem Bauch heraus und spröde, nah an den Personen. Dann aus der Distanz und manchmal sogar in ikonografischer Apotheose. Ein Preludium für gequälte Seelen, die plötzlich auf das Backup ihres Lebens zurückgreifen können, gemäß der Hypothese paralleler Welten, die im Grunde genau so sind wie die unsere, die sich aber stetig und bis in die unendlichste Variation hin anders entwickeln als jene Realität, der wir inhärent sind. Was aber, wenn eines dieser Universen mit dem unsrigen überlappt? Was wäre dort anders als hier? Was besser? Und würden die Toten dort noch leben?

Another Earth ist wie ein abgehobener Traum, und vielleicht hat Mike Cahill tatsächlich einen solchen geträumt. Belegende Bilder dafür hat er zumindest geschaffen, und seine Überlegung führt zu einem Ende, das den Betrachter weiterdenken lässt als der Film andauert. Mit kreativen Leerräumen, um Unausgesprochenes für uns selbst zu artikulieren. Another Earth funktioniert nicht allein, dafür braucht es die Welt im Kopf seines Publikums. Solche Filme sind viel zu selten, um sie zu ignorieren. Das ist Kino, das weiterwill und nicht aufhören wird, Fragen zu stellen und neue aufzuwerfen.

Another Earth

Rendel

PECHMARIE IM RACHEWAHN

6/10

 

rendel© 2017 Splendid Film

 

LAND: FINNLAND 2017

REGIE: JESSE HAAJA

MIT KRISTOFER GUMMERUS, RAMI RUSINEN, MATTI ONNISMAA U. A.

 

Das wohl exzentrischste Land Europas hat schon ein bisschen die Nase voll. Als verhaltensauffälliges Filmland ist Finnland der Experte für lakonische Tragikomik zwischen schwärzestem Humor und pragmatischem Improvisationstalent, was Leben abseits des Gängigen betrifft. Damit hat aber Finnland längst nicht mehr genug. Kaurismäki allein kann es doch nicht gewesen sein. Also probiert Finnland trashiges Actionkino wie Big Game mit US-Export Samuel L. Jackson oder bizarre Fantasy wie Rare Exports. Der verstohlene Blick aufs benachbarte Filmangebot erspäht eine klaffende Lücke. Überall poppt das Superheldenkino aus den Budgettöpfen, selbst Russland schwimmt im Fahrwasser von Marvel und Co, ist allerdings relativ kleinlaut mit Guardians als deklarierter Nichtschwimmer untergegangen. Was dieser Westen also kann, denkt sich Finnland, wollen wir auch können. Das haben wir noch nicht. Und was nicht ist, kann noch werden. Die Sondierung passender Vorbilder hat wahrscheinlich nicht allzu viel Zeit in Anspruch genommen, ein für den hohen Norden passender düsterer Held wie The Punisher oder Spawn war bald gefunden. Batman lässt Finnland mal außen vor, allerdings wäre ein Elk-Man auch nicht schlecht, nur den hat schon IKEA.

Also taucht im Film der geknechtete Familienvater, der sich so eigentlich gar nicht mehr nennen darf, da er alles verliert, was ihm jemals wichtig war, nämlich die Familie, seine Finger tief ins Pech, um sich selbst zu entstellen. Da muss Mann schon ziemlich pfeif drauf sein und wie schon erwähnt nichts mehr zu verlieren haben. Diese hoch adhäsive Substanz, mit welcher sich Rendel irreversiblen Schaden zufügt, ist zäh und aggressiv. dringt in die Haut und ist nicht wieder ablösbar. Formschön zuggeschnitzt, macht die neue Rächer-Visage aber so einiges her. In Lederjacke und alptraumhafter Larve zieht der gebrochene Finsterling in den Krieg, eine traurige Gestalt, wie zurückgekehrt aus der Hölle. Was dann folgt, ist Rache. Die wird frei nach klingonischem Sprichwort am besten kalt serviert. So kalt wie die finnische Polarnacht.

Dem Comiczeichner Jesse Haaja ist ein Traum in Erfüllung gegangen, den so einige Kreative ebenfalls gerne verwirklicht sehen würden. Haaja hat seine eigene Kreation in Szene gesetzt, ebenfalls auch das Drehbuch geschrieben und inszeniert obendrein. Alles aus einer Hand. Saubere Arbeit, kann ich nur sagen. Sehr blutig, sehr brutal, allerdings aber auch sehr abgeguckt. Eigene Ideen im Plot finden sich nur wenige, vieles kennt man schon von den einsamen Racheengeln aus Übersee. Der Vater-Sohn-Konflikt bei den Schurken hat wieder so eine typisch skandinavische Handschrift, da übergibt sich die Tristesse und hat keine Chance mehr auf Genesung.

Rendel – was aus dem Ungarischen kommt und so viel heißt wie „Bestellung“ (fragt mich nicht, das ist sowas von skurril, erklärt sich aber während der Handlung…) ist fast schon vergessenes Anti-Superheldenkino vom Rande, vom Kinoverleih scheinbar verlacht und verstoßen. Nirgendwo anders würde sich Rendel wohler fühlen. Natürlich vorhersehbar, erstaunlich unzynisch, aber durchaus stylish, edel fotografiert und von konstanter Stimmung. Finnland kann´s zumindest besser als der russische Nachbar, dafür gibt’s von meiner Seite grünes Polarlicht.

Rendel

No Way Out

HELDEN WIE IKARUS

7,5/10

 

NO WAY OUT - GEGEN DIE FLAMMEN© 2018 Studiocanal

 

ORIGINALTITEL: ONLY THE BRAVE

LAND: USA 2018

REGIE: JOSEPH KOSINSKI

MIT JOSH BROLIN, MILES TELLER, JENNIFER CONNELLY, TAYLOR KITSCH, JEFF BRIDGES, ANDIE MCDOWELL U. A.

 

Grisu liegt mir in den Ohren. „Ich will Feuerwehrmann werden, ich will Feuerwehrmann werden!“ Kann sein, dass der kultige Drache aus dem Kinderprogramm spätestens nach Sichtung des vorliegenden Films seinen Berufswunsch neu evaluiert. Der Faszination für die Missionen eines Flammenbändigers, welcher bevorzugt die ganz Kleinen erliegen, tut das allerdings keinen Abbruch. Die Macht des Feuers lässt sich bequem mit dem bedrohlichen Gigantismus von Dinosauriern gleichsetzen. Bedrohungen also, deren Bezwingung vor allem Jungs in ihren Bann zieht. Der freiwilligen Feuerwehr anzugehören, ist etwas, dass ein bisschen nach stolzem Heldenmut schmeckt. Keine Frage, Feuerwehrmann macht was her. Für ausreichend Aufmerksamkeit in den Kinos schafft es der Reiz der Brandbekämpfung erst so richtig in den 90ern. Ron Howard erklärte uns den Backdraft – die Sogwirkung des Feuers in geschlossenen Räumen mit Zugluft. Durchs Feuer gingen damals die Creme de la creme Hollywoods wie Kurt Russel und William Baldwin. Eine Herzensangelegenheit für den Pyrotechniker in uns. Satt in Szene gesetzt – ein Heldenepos, natürlich verlustbehaftet.

Ähnlich geht es in Joseph Kosinski´s brandneuem Filmdrama zu. Aber bis auf das Feuer, den Rauch und die Gefahr ist in No Way Out – Gegen die Flammen alles ganz anders. Der Regisseur des Science-Fiction-Thrillers Oblivion mit Tom Cruise hat sich einer wahren Geschichte angenommen, die sich in Arizona vor rund 5 Jahren zugetragen hat. Anders als in Backdraft, wo der Feuerteufel in urbanem Gelände wütet, sind in Now Way Out (im original Only the Brave) Trockenheit, Hitze und Wind die todbringenden Eigenschaften, die ganze Landstriche einäschern. Die brennenden Wälder im amerikanischen Westen, vor allem in Kalifornien, haben es sogar in die österreichischen Schlagzeilen geschafft, von den Bränden Portugals mal abgesehen. Wie nun die Brandbekämpfer im offenen Gelände vorgehen, um den tobenden Inferni Herr zu werden, ist etwas, was mich fast dazu bewogen hätte, meinen zwölfjährigen Neffen in den Film mitzunehmen, der selbst bei der freiwilligen Feuerwehr anlernt. Interessiert hätte es ihn allemal. Nur gut, dass ich es letzten Endes nicht getan habe. Denn No Way Out ist alles andere oder weit mehr als ein zumutbares semidokmentarisches Abenteuer, das den Einsatz todesmutiger Männer ehrt oder gar Lust darauf macht, dem feuer die behelmte Stirn zu bieten.

Kosinski´s Film ist einer der traurigsten und bestürzendsten Filme der letzten Zeit. Sofern man die Fakten zu den Geschehnissen rund um die Yarnell Hill Fire nicht im Vorfeld nachliest, kann es gut und gerne passieren, dass No Way Out den Zuschauer bis ins Mark berührt. Jene, die nachgelesen haben, können sich zumindest auf das, was da kommen mag, schon irgendwie einstellen. Dafür haben diese es dann deutlich schwerer, die Vorgeschichte zu ertragen. Egal wie man es angehen würde – die bildgewaltige und hochkarätig besetzte Katastrophe wird ihren Eigenschaften als solche gerecht. Dabei lässt anfangs nichts davon erahnen, wo genau Kosinski und Drehbuchautor Eric Singer (American Hustle) eigentlich hin wollen. Alles spricht vorerst für relativ routiniertes Starkino mit einzelnen biographischen Skizzen, die leicht als dramaturgisches Beiwerk missverstanden werden können. Gediegene Seriendramatik wird spürbar, die Storylines eines Miles Teller oder Josh Brolin, beide schauspielerisch top, fordern die Geduld. Dazwischen die Arbeit der Hot Shots – Gräben ziehen, Feuer mit Feuer bekämpfen, Notfallübungen unter der Rettungsdecke. Interessant, routiniert, vielleicht zu nebensächlich – bis im letzten Kapitel alles seinen verdienten Sinn bekommt – und dem Team der Granite Mountain Hot Shots ein feuerfestes Denkmal gesetzt wird, dass sich ihren Leistungen und Entbehrungen mehr als würdig erweist.

Wer also Flammenaction erwartet, wird größtenteils enttäuscht werden. Wer Schauspielkino sucht, kann sich an jeder Menge Stars erfreuen. Und wer wirklich erfahren will, was die Extreme dieser Welt im Stande sind, einzufordern, wie Verlust sich anfühlt und Neuanfang funktioniert, wird bei No Way Out – Gegen die Flammen emotional überrascht werden.

No Way Out