Orang Ikan (2024)

ÜBERDOSIS OMEGA-3

5,5/10


© 2024 Splendid Film


LAND / JAHR: INDONESIEN, JAPAN, SINGAPUR, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: MIKE WILUAN

KAMERA: ASEP KALILA

CAST: DEAN FUJIOKA, CALLUM WOODHOUSE, ALEXANDRA GOTTARDO, LUCKY MONIAGA, ALAN MAXSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Orang-Utan ist wohl jedem ein Begriff, den muss ich nicht erklären. Woher der Name stammt, vielleicht schon, denn der wurzelt in der malaiischen Sprache und heisst soviel wie Waldmensch. Orang für Mensch. Utan (oder Hutan) für Wald. Dann gibt es noch den Orang Pendek (oder Pendak), heisst soviel wie kleiner Mensch. Der Knilch ist nach wie vor ein kryptozoologisches Phänomen und soll sich in den Wäldern Sumatras herumtrollen. Und dann gibt es Orang Ikan. Was Orang bedeutet, wissen wir, und Ikan steht für Fisch. Ein Flossenwesen also auf zwei Beinen, sonst wäre er nicht humanoid. Für den gibt es auch keine wissenschaftlichen Belege, und im Gegensatz zur Pendek-Version reden wir nicht mal über Sichtungen. Denn Orang Ikan stammt aus der Feder von Mike Wiluan, einem in Singapur geborenen Filmemacher, der sich wohl eine ausgewiesen Vorliebe für die frühen Monsterfilme der 50erjahre bewahrt hat, insbesondere für jene von Jack Arnold, und da wieder insbesondere für jenen, der sich Der Schrecken vom Amazonas nennt. In diesem effektiv gefilmten, kauzig-monströsen Klassiker tummelt sich eine Jumpsuit-Unterwasserkreatur im tropischen Sumpf und findet Gefallen an einer – wie kann es anders sein – schönen Frau, die zu ihrem Leidwesen als Teil einer Forscher-Crew das eine oder andere mal durchaus ihr stimmliches Organ beanspruchen muss. Denn wenn man da nicht weiß, was da aus der Tiefe steigt, mag der titelgebende Schrecken schon groß sein. So groß wie ein Mann, der sich damals im Gummikostüm halb zu Tode hat schwitzen müssen. Viele Jahrzehnte später schenkt Guillermo del Toro diesem Fischwesen eine phantastisch-romantische Hommage in barocken Bildern: The Shape of Water wurde zum Oscar-Hit.

Des Fisches Blutgesang

Preislich wird Orang Ikan wohl keine Trophäen abräumen – dafür hätte Mike Wiluan den genretypischen Werkzeugkasten wohl ausleeren und neu einsortieren müssen. So aber bleibt er der Art und Weise, wie man Seemansgarn erzählt, zu hundert Prozent treu, wenngleich er in Sachen monströser Grimmigkeit gerne noch ein Schäuflein nachlegt. Denn Orang Ikan, der hat wohl vom Predator viel gelernt. Darunter auch, wie man Köpfe abreißt und menschlichen Schwächlingen eine Frontal-Gastroskopie verpasst. Wiluan will seine Kreatur so furchterregend wie möglich erscheinen lassen – als Mischung aus Tiefseefisch, Jack Arnold-Body und eben einem Jautja (wie die Spezies des Predators eigentlich bezeichnet wird). Vieles in diesem Film erfreut sich filmischer Referenzen, wenig bleibt als eigenständige Idee auf diesem einsamen, sagenumwobenen Eiland zurück, an dessen Gestaden ein Japaner und ein Amerikaner zur Zeit des Pazifikkrieges ihr Bewusstsein wiederfinden, nachdem ihr Kriegsschiff auf Grund lief. Beide sind aneinandergekettet und hätten als Straftäter wohl eher den Gezeiten überantwortet werden sollen – nun hat es sie noch schlimmer getroffen, denn jetzt ist Orang Ikan hinter ihnen her, um was zu tun? Die Insel zu verteidigen? Potenzielle Nahrung zu sammeln?

Was folgt, ist ein gelb- und grünstichig gefilmtes Guilty Pleasure ohne Überraschungen, dafür aber mit einigen Gore-Szenen und ganz viel Dschungel-Feeling. Das Wesen darf sich einem knackigen Äußeren erfreuen, ganz ohne CGI und somit herrlich analog, wie in den guten alten Zeiten. Für Monsterfans ist Orang Ikan ein genüssliches Junk Food, da lässt sich über seifiges Pathos gerne hinwegsehen.

Orang Ikan (2024)

Leonora im Morgenlicht (2024)

DA LACHEN DIE HYÄNEN

6/10


© 2024 Alamode Film

ORIGINALTITEL: LEONORA IN THE MORNING LIGHT

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, MEXIKO, RUMÄNIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: THORSTEN KLEIN, LENA VURMA 

KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU

CAST: OLIVIA VINALL, ALEXANDER SCHEER, RYAN GAGE, LUIS GERARDO MÉNDEZ, ISTVÁN TÉGLÁS, CASSANDRA CIANGHEROTTI, DENIS EYRIEY, WREN STEMBRIDGE U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Warum Leonora Carrington bisher so sang- und klanglos an mir, der in Sachen Kunstgeschichte durchaus seine Hausaufgaben gemacht hat, vorübergegangen ist, lässt sich nicht erklären. Carrington schuf schließlich Kunst, die sich zwischen der nordischen Renaissance eines Hieronymus Bosch und den progressiven Formen eines Marc Chagall widerfindet. Die schließlich auch mit den Mythen Mittelamerikas kokettierte und so einiges aus dieser alten Kultur in ihre Werke hat einfließen lassen. Bemerkenswert sind ihre Arbeiten aus jener Zeit, in der sie mit dem deutschen Surrealisten Max Ernst liiert war, der wiederum in den Dunstkreis von André Breton agierte, selbstredend in Paris, denn dort trafen sich stets alle, die sich Künstler nennen durften, da sie auch schon Renommee genug hatten, um sich in Szene zu setzen. Carrington war da auch mit dabei, als von allen vergötterte Muse. Selbst hat sie sich nicht so gesehen. Sondern Zeit ihres Lebens wohl eher als Tier empfunden, insbesondere als Pferd. Als Kind wollte sie schon die Hufe schwingen, doch ihr gestrenger, erzkonservativer Vater hat das unterbunden. So viel zur Freiheit der Entwicklung im Elternhaus nach der Jahrhundertwende.

Was da an Murks einem späteren Leben mitgegeben wurde, lässt sich längst nicht auf nur eine Leinwand pinseln. Sind deshalb so auffallend viele Künstlerseelen gleichzeitig auch gebrochene? Van Gogh, Alfred Kubin, Niki de Saint Phalle, Leonora Carrington – eine kleine Auswahl nur unter all jenen, die ihre eigene Weltsicht einem psychosozialen Defizit zu verdanken haben, das sie nicht selten in die geschlossene Anstalt brachte. So auch Leonora. Worunter sie genau litt, ist nicht so ganz klar. Schizoides Verhalten oder doch „nur“ ein Nervenzusammenbruch aufgrund der plötzlichen Trennung von Max Ernst, der kurz vor dem Einmarsch der Nazis in Frankreich als verdächtiger Deutscher verhaftet wurde? Laut vorliegendem Film hat Leonora ihren Lebensmenschen nie wieder gesehen. Ob das nicht genau der Trigger war, um verschüttete Traumata aus der Kindheit hochkochen zu lassen?

Üppiger Film, schwerer Zugang

Thorsten Klein und Lena Vurma schenken diesem psychologischen Wendepunkt ihre meiste Aufmerksamkeit, finden aber genauso schwer ihren Weg in den Kopf einer Surrealistin wie meine Wenigkeit in den Film. Viel, sehr viel Geduld ist ratsam, wenn man Leonora Carrington nahekommen will. Spät, fast schon zu spät, knackt das Regie-Duo die holzige Nuss einer biografischen Skizze, die sich genauso wenig formen und beherrschen lassen will wie die dargestellte Künstlerin kurz vor ihrer Elektroschock-Therapie, die damals gang und gäbe war und von der man nicht wirklich sagen kann, sie hätte einen medizinischen Nutzen gehabt. Mit Olivia Vinall, die ich erstmals auf dem Schirm habe, und Alexander Scheer (enttäuschend unbeteiligt) fügen sich zwei Darsteller in ein formelhaftes Konzept biografischer Szenen, ohne aus ihrer Zweidimensionalität hervorzutreten. Weder Max Ernst noch Leonora selbst werden erfahrbar – je länger der Film läuft, desto weiter distanzieren sie sich. Einnehmend interessant kann man beide nicht nennen, wohl eher introvertiert. In ihrer elitären Künsterblase hockend, wollen sie nichts davon wissen, in einem Film zu spielen, der kunstgeschichtliche Lücken füllt. Und dann erhasche ich einen Blick auf ein Werk Carringtons, alleine ihre Bilder wecken mein Interesse. Und dann das: Die Wende, vor allem erzählerisch. Die Szene, in der Carrington in einen verschlossenen Raum der Heilanstalt vordringt, gleichzusetzen mit einer Reise in ihr Unterbewusstsein, sprengt endlich die Grenzen zwischen drögem, chronologischem Vortragskino und surreal anmutendem Psychodrama. Die Nuss ist geknackt, die Hyäne lacht, begleitet von Buschtrommeln. Der üppige mexikanische Regenwald, inmitten Vinalls verlorene und wiedergefundene Figur, lässt nun, in der letzten halben Stunde, die Kreativität fließen.

Ich kann Leonora im Morgenlicht wohl nicht als perfekten Film bezeichnen – zu viel geht anfangs schief. Und dennoch bleiben die Leinwände nicht weiß, die Künstlerin namens Carrington nicht unbekannt. Unsereins lotst sie am Ende in ein ungelenk präsentiertes, aber neugierig machendes Euvre einer viel zu unbekannten Individualistin.

Leonora im Morgenlicht (2024)

Der Salzpfad (2024)

MY HOME IS WHERE MY HEART IS

7/10


© 2025 Panda Lichtspiele Filmverleih

ORIGINALTITEL: THE SALT PATH

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: MARIANNE ELLIOTT

DREHBUCH: REBECCA LENKIEWICZ

KAMERA: HÉLÈNE LOUVART

CAST: GILLIAN ANDERSON, JASON ISAACS, JAMES LANCE, HERMIONE NORRIS, REBECCA INESON, MARIANNE ELLIOTT, MEGAN PLACITO U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Der reinste Horror muss das sein, plötzlich nichts mehr zu haben. Zu scheitern, wo es nur geht, und das mit den eigenen Händen und unter Schweiss, Blut und Tränen aufgebaute Eigenheim verpfändet zu sehen. Alles ist hin, alles verloren. Robert Redford, der in All is Lost mit seiner Weltumseglung dem Herrgott näher kommt als ihm lieb ist, scheint am Ende in die Ursuppe zurückkehren zu müssen – dorthin, wo wir alle im Laufe der Evolution hergekommen sind. Die Natur mag gnadenlos sein, das System uns alles verwehren, der dumme Zufall Chancen verpuffen lassen, die in schmalen Zeitfenstern zur Verfügung stehen und die man im entscheidenden Moment nicht greifen kann. Scheitern mag manchmal gleichkommen mit dem Verlust des Lebens. Doch schließlich atmet man noch, man steht aufrecht und hat den Horizont vor sich. So wie Raynor und Moth Winn. Dabei ist der Familienname Zynismus pur in diesem Moment.

The winner takes it all, the loser’s standing small

So viel Würde bleibt noch, damit die beiden das Bisschen, was sie noch haben, in einen Rucksack packen und losziehen, immer die Küste entlang, dem sogenannten Salzpfad folgend – einem rund tausend Kilometer langen Fernweg durch ein malerisches Südwestengland, am Geburtsort von King Arthur vorbei, über Klippen und über vom Wind geformte Ebenen bis hin nach Land’s End, dem äußersten südwestlichsten Punkt der britischen Insel. Und schließlich stellt sich jene Weisheit heraus, die wir ohnehin schon kennen:  Nach vorne schauen und losgehen ist die beste Methode, nicht nur um Tragödien hinter sich zu lassen, sondern um eine neue Sicht auf die Dinge zu bekommen, die sich schon weit Ewigkeiten nur aus einem Betrachtungswinkel präsentieren. Diese Perspektive muss erarbeitet werden, und das passiert beim Gehen. Auch wenn Moth Winn überdies noch mit einer unheilbaren Nervenkrankheit klarkommen muss, die ihm völlige körperliche Dysfunktionalität prophezeit. Dieser Mann aber, Raynors Fels in der Brandung und Lebensmensch, hält nichts vom Stillstand, auch wenn das eine Bein nicht mehr so will und das Schlucken manchmal schwerfällt. Im individuellen Tempo also wandern sie durch eine Welt, die gar nicht will, dass sie so aussieht, als wäre sie in einem Reiseführer zu finden. Wir wissen nie genau, wo sich die beiden aufhalten, schließlich ist es nicht relevant. Die Natur, die ihnen begegnet, ist universell, ist gnadenlos und barmherzig gleichzeitig. Das Meer als steter Horizont in eine Weite, als würde man in die Zukunft blicken, mag ein Lehrmeister sein, während die Gehenden auf sich selbst zurückgeworfen werden. Letztlich muss die Erkenntnis, worauf es wirklich ankommt, die vom Schicksal gebeutelten flexibel genug halten, um die Parameter neu zu setzen.

Es ist bewegend und inspirierend zugleich, Gillian Anderson und Jason Isaacs, die beide im Genre des Phantastischen berühmt geworden sind, dabei zuzusehen, wie sie sich verlieren, erden und wiederfinden. Der Salzpfad, inszeniert von Marianne Elliott, mag dabei niemals die Ambition besitzen, zumindest filmisch von vielbewanderten Pfaden abzuweichen. Als klassisches, fast schon konservatives Walk-Movie, ähnlich den Wanderfilmen, die Richtung Santiago de Compostela führen, bietet die wenig innovative Form des Erzählens aber kleine schauspielerische Sternstunden und zeichnet neben Gras, Fels, Wind und Regen eine authentische Gefühlslandschaft, die als Metaebene noch fühl- und erfahrbarer wird als das Physische. Der Salzpfad entwickelt sich zu einem wohltuenden Erlebnis speziell für Paare, die gemeinsam schon eine ganz gute Strecke Koexistenz hinter sich gebracht haben. Was man aus dem Kinosaal mitnehmen kann, sind neben Erkenntnissen, die man vergessen hat, und Emotionen, die man wieder fühlen sollte, vor allem die Tatsache, dass es für nichts zu spät ist. Ein schöner Gedanke, vielleicht zu naiv?

Familie Winn kämpft gegenwärtig wohl kaum mehr mit Existenzproblemen, es ist kaum zu glauben, wie sehr das Leben neu gewürfelt werden kann. Laut Raynor Winn ist das Ganze eine wahre Geschichte. Zumindest den Weg haben beide zurückgelegt. Griffig wird der Stoff aber erst durch das Warum. Wie wahr das ist, mag Gegenstand für Kritik gewesen sein – und beeinflusst nicht unwesentlich den Glauben daran, das Leben auf Reset drücken zu können.

Der Salzpfad (2024)

Deep Cover (2025)

NUR NICHT AUS DER ROLLE FALLEN

7/10


© 2025 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: TOM KINGSLEY

DREHBUCH: BEN ASHENDEN, ALEXANDER OWEN, DEREK CONNOLLY, COLIN TREVORROW

CAST: BRYCE DALLAS HOWARD, ORLANDO BLOOM, NICK MOHAMMED, PADDY CONSIDINE, SEAN BEAN, IAN MCSHANE, SONOYA MIZUNO, OMID DJALILI U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Vom Elben Legolas ist nicht mehr viel übrig: Orlando Bloom hat sich längst von seiner ikonischen Rolle aus Der Herr der Ringe entfernt und in Filmen mitgemischt, die meist blutig, todernst und kriminell zur Sache gehen. Nach einigen Auftritten im Fluch der Karibik-Franchise als William Turner (nicht der Maler) findet der Brite nun prompt in einem situationskomischen Frontalangriff seine neue jüngste Paraderolle. Denn Komödie, die kann er. Erstaunlich gut sogar. Das aber gelingt ihm vorallem deswegen, weil er sich selbst parodiert, auf die Schaufel nimmt, sein Image des distinguierten Beau mit der selbstironischen Handkantenqualität eines Bad Guy kreuzt und durch eine übertriebene Ernsthaftigkeit so viel Sinn für Humor entwickelt, dass sich selbst Bryce Dallas Howard, die längst schon Erfahrungen im Komödienfach gesammelt hat (darunter Argylle), schwertut, um mitzuhalten. Doch es gelingt ihr, auch dem dritten im Bunde – es ist Nick Mohammed, den einige vielleicht noch nie am Schirm hatten, den Fans der Serie Ted Lasso aber wiedererkennen werden. Alle drei sind in Deep Cover ausgesuchte Außenseiter, verkannte Loser und vom Leben delogiert.

Blooms Figur des Marlon ist ein von allen unterschätzter Schauspieler, der sich gerne mit De Niro und Pacino vergleicht und das Method Acting liebt, will heißen: Niemals aus der Rolle zu fallen. Doch keiner hat auf einen wie ihn gewartet, außer vielleicht Impro-Künstlerin Kat, die schon seit Jahrzehnten im stillen Kämmerlein ihr Kabarettprogramm schreibt und ansonsten bühnenaffines Freizeitvolk im Improvisieren unterrichtet. In diesen Theaterkeller verirrt sich auch der gemobbte It-Experte Hugh, einer mit Null Ahnung, was Pointen überhaupt sind und stets zur richtigen Zeit das Falsche sagt oder umgekehrt. Die drei finden sich bald in einem verdeckten Polizeieinsatz wieder, angeführt von mit Sterberollen gesegneten Sean Bean, der auf unorthodoxe Weise illegalen Zigarettenhandel aufdecken will. Die drei sehen also ihre Chance gekommen, endlich mal zu zeigen, was in ihnen steckt. Und da am wenigsten Orlando Bloom seine andere Identität aufgeben will und die anderen beiden mitziehen, stecken sie bald bis über beide Ohren in den Machenschaften einer Unterwelt, die mit Drogen handelt und unliebsames Gesocks gerne über die Klinge springen lässt.

Den Text studieren oder improvisieren?

Es sei dabei noch einmal erwähnt, wie selbstironisch sich Orlando Bloom durch den Kakao zieht – kaum zieht er seine Show ab, lässt sich das Lachen kaum verkneifen. Im Grunde hätte er den Film auch im Alleingang gerockt, doch vielleicht wäre dann sein üppig präsentiertes Ego gar zu viel des Guten gewesen. Angenehm nüchtern und erst nach mehrmaligem Hinsehen in seiner Darstellung versiert ist Nick Mohammeds introvertierter Komplexler, den alle nur „den Knappen“ nennen. Deep Cover feiert die kreative Spontaneität, ohne aber sein Ensemble selbst improvisieren zu lassen. Wäre es nicht interessant gewesen, Tom Kingsley hätte ein Drehbuch verfilmt, das völlig offen gelassen hätte, wohin die Improvisation die Handlung geführt hätte? Zu viel Experiment, zu unsicher, aber zumindest ansatzweise avantgardistisch. Man hätte unterschiedliche Versionen filmen und interaktiv aussuchen können, wie die drei reagieren. Doch egal, das sind nur Überlegungen.

Das Skript war zwar strikt vorgegeben, wirkt aber dennoch nicht so, als hätten Bloom, Howard und Mohammed alles penibel auswendig gelernt. Die Pointen sind gut gesetzt, die Lust an der traditionellen Kriminalkomödie, die in den Achtzigern ihre Hochzeit feierte, spürbar. Selbstredend darf man sich keine großen inhaltlichen Sprünge erwarten, auch keine Metaebene oder irgendeinen Tiefgang. Deep Cover ist Unterhaltung für Schenkelklopfer und Hirnauslüfter, zeigt Komödie der Komödie wegen und schenkt Bloom den goldenen Clown für den draufgängerischen Mut und einen unerschütterlichen Glauben, mit falschen Identitäten vor den Gefahren dieser Welt gewappnet zu sein.

Deep Cover (2025)

One to One: John & Yoko (2024)

REVOLUZZER SEHEN FERN

7/10


© 1972 Bob Gruen / http://www.bobgruen.com


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: KEVIN MCDONALD, SAM RICE-EDWARDS

MIT ARCHIVAUFNAHMEN VON: JOHN LENNON, YOKO ONO, ANDY WARHOL, STEVIE WONDER, ALLEN GINSBERG, JERRY RUBIN, MAY PANG, GEORGE WALLACE, RICHARD NIXON, SHIRLEY CHISHOLM, CHARLIE CHAPLIN U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Niemandem braucht man noch erklären, wer die beiden sind: John Lennon und Yoko Ono, weltberühmte Ikonen des Umbruchs und für eine bessere Welt. Allround-Genies, Universaltalente, Massenbegeisterer, wenngleich Yoko Onos experimentelle Musik vielleicht nicht bei allen den Nerv trifft. Des weiteren soll ihr ja bis heute, so vermute ich mal, vorgeworfen werden, Mitschuld am Bruch der Beatles zu haben. Viel mehr waren wohl gesellschaftliche und vor allem persönliche Umbrüche und Differenzen innerhalb der Vier ausschlaggebend dafür, dass dem Pilzkopf-Rock nach zehn Jahren die Kraft ausging. Die Rolling Stones hingegen, die es auch schon gab, als die Halbgötter aus Liverpool Kreischalarm auslösten, setzten damals aufs richtige Pferd – auf den Rock, und auf die nötige Flexibilität, um auf dem Trend der Jahrzehnte mitzureiten. McCartney hatte danach seine Solokarriere, Lennon ebenso. Und um diesen Mann mit der runden bunten Brille und den hippen Koteletten geht es hier, der ein Jahr nach dem Beatles-Aus mit seiner Partnerin Yoko Ono in Greenwich Village, New York, ein Zweizimmer-Apartment bezog, und das für zwei Jahre, um sich ins Bett zu verkriechen und vorrangig fernzusehen, denn dieses Medium, das hatte Anfang der Siebziger noch einen gänzlich anderen Stellenwert und eine ganz andere sinnstiftende Bedeutung als heutzutage.

Heutzutage ist Fernsehen wohl eher Berieselung und Dokusoap-Eskapismus mit Schwerpunkt Kochen, damals war es, da es kein Internet gab, Informationsquelle Nummer eins. John und Yoko waren auf diese Weise wohl immer im Bilde, was gerade geschah in diesen Vereinigten Staaten unter Präsident Nixon, der kurz davor stand, zur zweiten Amtszeit gewählt zu werden. Unter Nixon lag vieles im Argen, der Vietnamkrieg tobte, Rassendiskriminierungen waren en vogue, Watergate bahnte sich an, Reporter pflügten mit ihrem revolutionär anmutenden Drang zur Investigation durch die finsteren Winkel einer westlichen Welt, von denen es viele gab – darunter Willowbrook, eine Anstalt für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, denen man aber aufgrund akuten Personalmangels alles andere als besondere Pflege zukommen ließ. Diese skandalösen, unmenschlichen und verstörenden Bedingungen führten dazu, dass Lennon und Ono ein Benefizkonzert gaben, dass wie Live Aid in die Musikgeschichte eingehen sollte. One to One hieß das damals, 1972 im Madison Square Garden abgehalten. Kevin McDonald, der als dokumentarischer Archivfilmer schon einige tüchtige Arbeiten vorzuweisen hat, darunter die Chronik des Olympiaterrors in München oder den Überlebenskampf eines Bergsteigers (fesselnd: Sturz ins Leere), widmet sich nun, gemeinsam mit Cutter Sam Rice-Edwards, nicht nur der Musik, sondern überhaupt einer ganzen Portion amerikanischer Zeitgeschichte zwischen Politik, Gesellschaft und Kultur. Das alles bewegt sich in Archivaufnahmen rund um die Persönlichkeiten von Lennon und Yoko herum, ohne sie bedeutend hervorzuheben. Er lässt die beiden lediglich interagieren, reagieren, die Initiative ergreifen dank idealistischer Visionen, die eine bessere Welt verheißen könnten als jene, die sich damals gebärdete.

Wie Sam Rice-Edwards (und weniger McDonald) es zusammenbringt, diese vielen kleinteiligen und oft nur sekundenlangen Sequenzen aneinanderzureihen, ohne sich notgedrungen in einer assoziativen, gar kontemplativen Collage zu verlieren – diese Fertigkeit verleiht dem dokumentarischen Essay ordentlich Kraft und auf gewisse Weise auch Strenge. Das akkurat gelegte Mosaik aus Unmengen an Archivmaterial bringt beruhigende Ordnung in ein beunruhigendes Zeitbild. Von vielen Dingen, von denen McDonald berichtet, war ich bislang nicht im Bilde – Willowbrook zum Beispiel sagte mir gar nichts. Ich wusste auch nichts von dem (nicht umgesetzten) Vorhaben Lennons, im Rahmen einer Tournee Kautionsgelder für womöglich unschuldig Inhaftierte zu zahlen, die sich ihre Freiheit niemals leisten konnten. Innovativ dabei, wie McDonald telefonisch geführte Interviews und Künstlergespräche rein als typografische Arrangements in sein geordnetes Kaleidoskop integriert. Die zurückhaltende Anordnung und die kommentarlose Betrachtung einer denkwürdigen Phase aus kreativen Synergien, eingebettet in den Programmpool amerikanischen Retro-Fernsehens, lassen One to One: John & Yoko, inspirierend und faszinierend zugleich, zu einem aufschlussreichen Realtraum eines abhandengekommenen Damals werden, in dem die Weltordnung genauso an der Kippe stand wie sie es heute tut.

One to One: John & Yoko (2024)

28 Years Later (2025)

RABIAT-ANTHROPOLOGIE IM ENDSTADIUM

6/10


© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2025

REGIE: DANNY BOYLE

DREHBUCH: ALEX GARLAND, DANNY BOYLE

KAMERA: ANTHONY DOD MANTLE

CAST: AARON TAYLOR-JOHNSON, ALFIE WILLIAMS, JODIE COMER, RALPH FIENNES, EDVIN RYDING, CHI LEWIS-PARRY, JACK O’CONNELL, ERIN KELLYMAN, EMMA LAIRD U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Wenn der mit Jod getünchte Ralph Fiennes mit Bruce-Willis-Bluse im nächtlichen Schein des Feuers seinen kahlen Kopf senkt und raunend darüber sinniert, dass wir niemals vergessen sollen, sterblich zu sein, erinnert das an die letzten kultverdächtigen Momente aus Coppolas Vietnamkriegs-Wahnsinn Apocalypse Now. Während man dort aber erst im tiefsten Dschungel auf archaischen Absolutismus stieß, werden hier jene, die ihre Stiefel auf den Sandstrand Großbritanniens setzen, unmittelbar mit einem Gesamtzustand konfrontiert, der an die wildesten Auswüchse einer chaotischen Steinzeit erinnert.

Danny Boyle und Alex Garland haben mit ihrer Idee einer lokalen Apokalypse, die sich seltsamerweise immer auf die Zahl 28 fixiert, das Genre des Zombie-Films umgeschrieben und gleichzeitig ergänzt. Damals noch wusste keiner, was los war, nicht mal der junge Cillian Murphy, als er 2002 in einem leerstehenden Krankenhaus erwacht, nur um festzustellen, dass der Rest der Bevölkerung Londons ebenso entschwunden war. Die Endzeit war in 28 Days Later ausgebrochen, ein sogenanntes Wut-Virus hat sich der Gehirne zivilisierter Bürgerinnen und Bürger bemächtigt, um diese in rasender Tobsucht auf die letzten paar Unversehrten losgehen zu lassen, die ihrerseits im Hakenschlag versuchten, eine vom Militär gesicherte Zone zu erreichen. Was bei diesem Film sofort ins Auge fällt, ist Boyles visueller Filmstil, der sich Elementen des Avantgarde-Kinos bedient und im experimentellen Grunge-Look sowohl die Zombiefilm-Schwemme der Bahnhofkinos als auch die Videoclip-Ästhetik britischer Punk-Bands feiert. So rabiat ließ sich das Ende einer Zivilisation lange schon nicht mehr feiern. Juan Carlos Fresnadillo legte mit dem Sequel 28 Weeks Later sogar noch ein Quäntchen mehr an Nihilismus drauf.

Jetzt, keine 28, sondern 18 Jahre später, wollen Danny Boyle und Alex Garland ihr Universum weiterspinnen und mit einer Trilogie in den Kick-Off gehen, dabei aber tunlichst vermeiden, ins bereits gepflügte Fahrwasser von Walking Dead und Co zu geraten. Wie sehr sich 28 Years Later von bereits etablierten anderen Zombie- oder Virus-Apokalypsen in Film und Fernsehen unterscheidet, kann ich in Ermangelung einer Kenntnis über das Walking Dead-Universum nicht hundertprozentig beurteilen. Angesichts unzähliger Staffeln und Spin-Offs dürfte dort schon alles abgearbeitet sein, was sich zu Zombies, Epidemien und gesellschaftlichem Notstand nur sagen lässt. Was ich aber zugeben kann: Anders als The Last of Us ist der Plot des 28-Franchise dann doch. Und das nicht nur, weil Kameramann Anthony Dod Mantle eine virtuose Optik zustande bringt, die tief im körpersaftigen, erdigen Naturalismus wühlt und finale Zombie-Kills auch gerne mal mit Freeze Frames veredelt. Die Schnitttechnik ist genauso wutentbrannt wie all die nackten Infizierten, von denen man manchmal erwartet, dass sie von einer ganzen Kavallerie intelligenter Menschenaffen eingeholt und eingefangen werden. Doch das wird nie passieren, denn in einem Zeitraum von 28 Jahren haben sich selbst bei diesen wilden Humanoiden gewisse Hierarchien entwickelt, die Alphawesen an die Spitze marodierender Clans stellen. Ein Umstand, von dem Aaron Taylor Johnson als Vater Jamie natürlich weiß, der ihn aber nicht davon abhält, auf der Hauptinsel Großbritannien seinen zwölfjährigen Sohn Spike einem Initiationsritus zu unterziehen, der ihn direkt mit den blutrünstigen Horden konfrontieren soll. Die Mutter, Jodie Comer, schwerkrank auf einer vorgelagerten Insel-Enklave im Bett dahinvegetierend, ahnt derweil nichts von dieser Mutprobe – und auch nicht, dass sie sich nur Stunden später selbst, von ihrem Sohn im Schlepptau, auf dem Weg zu einem Arzt befinden wird, der als orange leuchtender, grotesk anmutender Eremit seinen Weg gefunden hat, das ehemalige Königreich und sich selbst ins Reine zu bringen.

Bewusst entfernen Sich Boyle und Garland von der bisherigen wüsten, völlig entfesselten Erzählweise der beiden Vorgängerfilme und legen ihre neue Geschichte weitaus epischer an. Das heisst, dass in der Ouvertüre der geplanten Trilogie zumindest mal die Schienen gelegt werden für das eigentliche Drama, dass hier noch mehr oder weniger auf dezenten, leiseren Sohlen daherkommt und nur als Fragment verfügbar ist. Da fragt man sich: Ist ein halber oder nur das Dittel eines Films wirklich schon die halbe Miete? Ist das genug für einen Standalone-Film, im Falle eines Falles, wenn in Ermangelung des nötigen Einspiels die anderen beiden Teile gar nicht mehr produziert werden? Kümmerliche Filmbausteine wie ein solches gibt es in der Filmhistorie viele, leider eine Sauerei der Studios. Was aber, wenn das auch hier passiert? Dann haben wir den Anfang von etwas, das im Nirgendwo endet, das alles offen lässt und gerade mal einen Epilog erzählt, der von der Sterblichkeit des Menschen handelt. Die ist auch immer noch auf natürlichem Wege vorhanden, dafür muss ein Wut-Zombie nicht gleich einen auf Predator machen.

In 28 Years Later, der natürlich jede Menge Blut, Beuschel und Rückgrat zeigt, geht’s vielmehr um Euthanasie, Respekt vor dem Leben und Pietät vor den Toten. Um das ritualisierte Aufräumen nach einer Schlacht, um einen Aftermath, obwohl der große Sturm vielleicht noch kommen wird. 28 Years Later setzt nicht auf Beschleunigung, sondern bremst sich als humanistischer Roadmap-Horror runter, um die Bausteine der Geschichte zu sondieren. Taktisch klug ist das nicht so, der Film endet, bevor er richtig begonnen hat. Vielleicht wäre das halb so wild gewesen, würde er nicht noch eine Tür öffnen, durch die man nicht treten darf. Gerade dadurch hinterlässt 28 Years Later das unbefriedigende Gefühl, zur Halbzeit aus dem Kino geworfen worden zu sein.

28 Years Later (2025)

Last Contact (2023)

NAH AM WASSER GEBAUT

4/10


lastcontact© 2023 Weltkino


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ESTLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: TANEL TOOM

DREHBUCH: MALACHI SMYTH

CAST: KATE BOSWORTH, THOMAS KRETSCHMANN, LUCIEN LAVISCOUNT, MARTIN MCCANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Natürlich ist im Kino unsere Welt längst aus dem Gleichgewicht geraten. Aus dem Schneeball Erde ist dank unseres Zutuns und eines rasanten Klimawandels ein dampfender Wasserball geworden, der um die Sonne seine Runden dreht. Filmtechnisch hat man so ein radikales Szenario längst aufgegriffen: Für Kevin Reynolds war Waterworld allerdings ein Sprung in unbekannte Gewässer, und selten entwickelte sich ein Monumentalprojekt wie dieses, das, anstatt CGI einzusetzen, alles per Hand geschnitzt hat, so derart zum finanziellen Debakel, dass der Film mit Kevin Costner allein dadurch zum Kult wurde. Eine Katastrophe wie diese, inhaltlich wie produktionstechnisch, musste man irgendwann mal gesehen haben. Wer das noch nicht getan hat: Bitte nachholen. Denn qualitativ gesehen hat der dystopische Mad Max-Streifen zu Wasser durchaus seine Guilty Pleasure-Momente.

Filme mit ganz viel Wasser drumherum sind also ganz sicher nicht leicht auf die Beine zu stellen – es sei denn, man begnügt sich damit, das ganze Abenteuer in seiner Spielfläche erheblich einzuschränken. Statt ganze Wasserdörfer und rostige Öltankern wie die Exxon Valdez, auf der Dennis Hopper als einäugiger Smoker-Pirat sein Unwesen treibt, ragt in der postapokalyptischen Sci-Fi des estnischen Regisseurs Tanel Toom lediglich eine auf drei mächtigen Pfeilern errichtete, an ein Baumhaus erinnernde Plattform aus dem Wasser, die bewacht werden muss. Oder anders formuliert: nicht die Plattform selbst wird bewacht, sondern das, was im Inneren wohnt. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich dabei um eine Kernwaffe handeln könnte und ja, richtig – genau das ist es. Eine Bombe, die nur darauf wartet, gezündet zu werden, wenn die Chancen jener Partei, die seit gefühlten Ewigkeiten einen Krieg um die letzten Reste trockenen Bodens führt, zu schlecht stehen, um sie auf andere Weise wieder aufzubessern. Zu diesem Zweck sind eine Frau und drei Männer als militärische Sondereinheit dazu verdonnert, Wache zu schieben, den Außenposten zu warten und der baldigen Ablöse entgegenzuharren, denn je länger hier ein menschliches Gemüt der Monotonie eines wenig erquickenden Alltags ausgesetzt sein muss, je eher droht der Lagerkoller. Als der heiß ersehnte Stichtag zur Abreise endlich schwarz auf weiß am Kalender steht – tut sich nichts. Kein Schiff holt sie ab, keine Meldung gibt’s von jenseits der weiten Wasserwüste. Was tun angesichts einer wohl ewig andauernden Hölle des Wartens und Nichtstuns? Ein Disput scheint vorprogrammiert, und Kommandant Thomas Kretschmann einer, der sich dem militärischen Gehorsam verpflichtet hat, komme, was wolle. Eine Einstellung, die sonst niemand hier teilt, einsam und verlassen auf hoher See.

Ein Gefühl der Verlassenheit bemächtigt sich auch beim Betrachten eines Waterworld für Arme, der das psychologisch hochinteressante Dilemma der Ungewissheit einfach nicht nutzen will, um vielleicht eine wendungsreiche Geschichte zu erzählen. Was fehlt, sind nicht nur von außerhalb einwirkend höhere Mächte, wenn man mal von einer perfekten Welle absieht, die gleich zu Beginn des Films hereinbricht. Was fehlt, ist auch die Lust daran, sich angesichts dieses klaustrophobischen Settings soweit auszutoben, um vielleicht gar einen Psychothriller daraus entstehen zu lassen, der mehr zustande bringt als Maschinenöl, raue Seeluft, einen herrischen Machtmenschen und einem an der Tagesordnung stehenden Misstrauen gegen alles und jeden und überhaupt gegen eine Gesamtsituation, die sich schwertut, einer auf der Hand liegenden Initiative, die jeder noch bei Sinnen befindliche Mensch wohl ergriffen hätte, aus dem Weg zu gehen. Um diese Möglichkeit, die den Film wohl nach einer halben Stunde beendet hätte, zu vereiteln, konstruiert Tanel Toom einen unempfundenen Konflikt, dem sich der Zuseher stellen muss.

Die Gefahr eines Atomsprengkopfes erscheint vernachlässigbar angesichts einer globalen Katastrophe, so weit draußen im Nirgendwo. Die Gewichtung der Prioritäten schlägt fehl, und die Zuspitzung auf einen erwartbaren Showdown birgt die freudvolle Vermutung, die auf der Stelle tretende Gesamtsituation neu zu würfeln. Last Contact – oder im Original: Last Sentinel (eigentlich passt beides irgendwie) – mag handwerklich sauber inszeniert sein, und auch das stahlgraue Gesamtbild eines verlorenen Postens mag Freunde technisch-utopischer Soldatenfilme milde stimmen. Ein bisschen etwas versucht Toom aus dem Endzeit-Klassiker Das letzte Ufer zu übernehmen, diese strapazierte Hoffnung auf Erlösung und einen besseren Ort. Allein: Das Zusammenspiel von Bosworth, Kretschmann und Konsorten birgt keinerlei Zwischentöne, sondern lediglich formelhaftes Spiel.

Last Contact (2023)

The Damned (2024)

IN DER NOT VERFLUCHT DER MENSCH DIE SEE

7/10


© 2024 Vertical


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, ISLAND, IRLAND, BELGIEN 2024

REGIE: ÞÓRÐUR PÁLSSON

DREHBUCH: JAMIE HANNIGAN

CAST: ODESSA YOUNG, JOE COLE, LEWIS GRIBBEN, SIOBHAN FINNERAN, FRANCIS MAGEE, RORY MCCANN, TURLOUGH CONVERY, MICHEÁL ÓG LANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Kleine Sünden straft Gott sofort, heisst es doch so schon im Volksmund. Für große Sünden schickt dieser oder gar der Teufel die Toten wieder zurück zu den Lebenden als Wiedergänger, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Obwohl von Sünden nur eingefleischte Gläubige hinter vorgehaltener Hand zu murmeln wissen, nimmt dieses einem erbarmungslosen Weltgericht unterworfene Gleichnis von üblen Taten und schlechtem Gewissen jene Begrifflichkeit als Kompassnadel für die Chronik eines Wahnsinns, der sich in gespenstischer Isolation irgendwo an der Küste Islands Bahn brechen wird. Schuld sind dabei Menschen, die während eines kargen, entbehrungsreichen Winters um Nahrung ringen müssen – und die sich mehr erhoffen, als nur zu überleben.

Die langen Nächte tauchen die windumtoste Küste in scheinbar ewige Finsternis, im spärlichen Licht des Tages funkelt das Eis und spendet die Illusion eines Reichtums. Als Kaff lässt sich diese karge Ansammlung an Hütten gar nicht mal bezeichnen, und dennoch überwintert hier eine junge Witwe als Bootsbesitzerin, die dieses an eine Handvoll wettergegerbte Fischer verleiht, die wiederum dafür sorgen, dass genug auf den Teller kommt. Eines Tages sieht die kleine Gemeinschaft am Ende ihrer Bucht, wo gefährliche Untiefen herrschen, einen Dreimaster kentern. Wo ein Schiff, da gibt’s meistens auch Besatzung. Die gerettet werden muss, alles andere wäre unterlassen Hilfeleistung und somit nicht nur eine Straftat, sondern moralisch höchst verwerflich. Wo ein Schiff, da gibt es allerdings auch Proviant. Was die Strömung nicht an Land spült, holen sich die Fischer bei Nacht und Nebel. Die Schiffbrüchigen kommen dabei zum Handkuss. Denn schließlich; wer soll all die Mäuler denn stopfen, wenn es nicht mal für jene reicht, die den Winter überstehen wollen? Tage später werden die ersten Leichen angespült. Und mit ihnen kommt das Grauen.

Die Romantik des Mysteriösen

Das alles hört sich so an, als wäre die Vorlage eine des Films von H. P. Lovecraft. Gekonnt verknüpft Autor Jamie Hannigan ein düsteres, nihilistisches Abenteuerdrama mit mythologischem Gothic-Horror, der im Seemannsgarn herumspinnt. Regisseur Þórður Pálsson liefert dazu die atmosphärischen Bilder einer unwirtlichen Landschaft, wie Malereien eines Romantikers – der Wind, die Nacht, der Schnee, der Nebel – all diese natürlichen Parameter aus Meteorologie und Jahreszeit setzen die Bühne für einen Schrecken, der gar nicht mal visualisiert werden muss, da er sich in den Köpfen nicht nur der verfluchten Seelen manifestiert. Das Weglassen plumper Schockeffekte holt sich die Paranoia wie eine ansteckende Krankheit in den Kreis der Verängstigten, die in ausufernd klassischer Dramatik Opfer ihres eigenen Aberglaubens werden.

Stellenweise erinnert The Damned an Robert Eggers schwarzweißen Nautik-Terror Der Leuchtturm. Fans des von der Franklin-Expedition inspirierten Desaster-Abenteuers The Terror werden ihre helle Freude haben. Licht, Stimmung und der Verlust zivilisierter Menschlichkeit sind die Essenz für schaurige Fernwehstiller, die das entlegene Anderswo so ausweglos erscheinen lassen wie der entfernteste Winkel im Universum. Wenn dann noch das Paranormale hereinbricht, von dem keiner weiß, was es ist und sich erst ganz am Ende durch einen erstaunlichen Twist offenbart, wird man gut daran getan haben, diesen Film zu finstersten Stunde des Tages gesehen zu haben, wenn die Kälte durch die Ritzen der Türen und Fenster dringt und der Sommer lange vorbei ist.

The Damned (2024)

Last Breath (2025)

ÜBERLEBEN UNTER DRUCK

7/10


© 2025 Focus Features


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: ALEX PARKINSON

DREHBUCH: ALEX PARKINSON, MITCHELL LAFORTUNE, DAVID BROOKS

CAST: FINN COLE, WOODY HARRELSON, SIMU LIU, CLIFF CURTIS, CHRISTIAN SCICLUNA, DAITHÍ O’DONNELL, RIZ KHAN, CONNOR REED, NICK BIADON U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Verlernt man tauchen genauso wenig wie radfahren? Falls ich mich nochmal einem Buddy Check unterziehen sollte, müsste ich garantiert einiges an Praxis nachholen, nur um dann womöglich erst festzustellen, dass mich diese Art Sport wohl immer noch in Panik versetzt. An Riffkanten in tropischen Meeren entlangzutauchen ist eine Sache, die andere ist, in kalten österreichischen Gewässern, die wenig Sichtweite haben, so zu tun, als hätte dieses Nichts, in das man taucht, seinen Reiz. Hatte ich schon, brauche ich nicht mehr. Andere beunruhigt so ein Umstand gar nicht. Wie zum Beispiel den Industrietaucher Chris Lemons. Der würde sich wundern, wenn ich ihm erzähle, wie wenig mich ein Tauchgang im Trüben abholen kann. Andere lieben das, womöglich auch er, denn nach dieser heftigen True Story, die Lemons hier erlebt hat, wieder auf 300 Fuß in die Tiefe zu steigen, um weiter an den Pipelines herumzuschrauben, als wäre nichts gewesen, klingt nach Obsession. Hut ab vor so viel Leidenschaft, die in diesem Fall psychisches wie physisches Leiden geschaffen hat, aber Menschen wie er, das sind eben Grenzgänger, zu denen ich nicht gehöre.

Dieser einzigartige Vorfall, über welchen Dokufilmer Alex Parkinson hier in Spielfilmform berichtet, liegt seiner Dokumentation mit dem Titel Der letzte Atemzug: Gefangen am Meeresgrund zugrunde. Mag sein, dass es diese Form der Dramatisierung gar nicht gebraucht hätte, doch wenn man den Film aus 2019 nicht kennt, bietet diese True Story mit namhaften Schauspielern natürlich die geschmeidige Erzählweise dramatisierter Stoffe. In Last Breath wird auf unpathetische Weise ein Arbeitsunfall rekonstruiert, der so fern zu unserem eigenen Schaffensspektrum liegt, dass er alleine schon aufgrund seiner basisschaffenden Routinesituation eine gehörige Portion Respekt abverlangt. Parkinsons Film erzählt in klarer, schnörkelloser Chronologie eine menschliche Katastrophe und feiert zugleich das verblüffende Wunder sich gegenseitig bedingender physikalischer Gesetze. Anders als bei Balthasar Kormákurs Überlebensdrama The Deep über einen Fischer, der stundenlang im nur 5 Grad kalten Wasser vor Island überlebt hat, obwohl er nach einem Bootsunglück Kilometer um Kilometer an die Küste geschwommen war, lässt sich das, was in Last Breath passiert, zumindest nicht als Anomalie erklären.

Die Luft ist zwar draussen, aber nicht im Film

Dieser Taucher also, Chris Lemons, macht sich mit fünf Tagen Vorlaufzeit an die Arbeit, da er schließlich mitsamt seines Teams in eine Dekompressionskammer gesteckt wird, um sich überhaupt erst dem Druck von 300 Fuß anzupassen. Die Arbeit am Meeresboden selbst beträgt dann sechs Stunden, doch in dieser Zeit kann vieles passieren – wie zum Beispiel ein heftiges Unwetter, welches an der Oberfläche tobt und das Mutterschiff an seine Grenzen bringt. Wenn die Bordelektronik ausfällt, lässt sich der Kahn nicht mehr an seiner Position halten, an diesem hängt aber die Taucherglocke, an der wiederum hängen die Taucher – und schon passiert es. Die Luftzufuhr wird gekappt, Chris schleudert es ins Nichts.

Wie er es dennoch schafft, ohne Sauerstoff in dieser Finsternis und Kälte zu überleben, wie Woody Harrelson und Simu Liu (Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings) alles daransetzen, ihren Kollegen zu retten und was Cliff Curtis als Kapitän der Bibby Topaz oben inmitten des Sturms alles wagt, um niemanden zurückzulassen, beantworten knapp hundert Minuten fesselndes Survivalkino, die so packend erzählt sind wie jene des semidokumentarischen Bergsteigerdramas Sturz ins Leere von Kevin McDonald. Alleine schon die Parameter, die für so einen Tauchgang geschaffen werden müssen, sind erstaunlich. Eine Notfallaktion wie diese lässt dabei doppelt die Luft entweichen – bei Finn Cole als Taucher Chris und beim Publikum, das erstmal unweigerlich den Atem anhält.

Zwischen Weltraum und finsteren nautischen Tiefen gibt es kaum mehr einen Unterschied. Last Breath wird zu Gravity unter Wasser. Pragmatisch zwar, aber akkurat und aufregend allein durch seine Umstände. Alex Parkinsons Thriller entspricht der Summe seiner Teile, heruntergebrochen auf Fakten und menschliche Dramen, die diese begleiten.

Last Breath (2025)

Havoc (2025)

AUF KNALLERBSEN KNIEN

4/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: GARETH EVANS

CAST: TOM HARDY, TIMOTHY OLYPHANT, FOREST WHITAKER, LUIS GUZMÁN, XELIA MENDES-JONES, NARGES RASHIDI, JESSIE MEI LI, TOM WU U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN 


Tom Hardy ist längst zu Eddie Brock geworden. Marvel-Vertraute kennen ihn: Der abgehalfterte Reporter war die Symbiose mit einem Alien eingegangen, einem amorphen lakritzeartigen Wesen mit einer Kauleiste – dafür bräuchte man nie wieder zum Zahnarzt, sonorer Stimme und folgend auf den Namen Venom. Das Buddy-Team der besonderen Art hat nun ausgekapsert, zurück bleibt Tom Hardy ganz allein, und irgendwie vermisst man das klebrige Anhängsel dann doch. Manchmal scheint es so, als würde sich Gareth Evans vielleicht den Scherz erlauben, den Symbionten zumindest in einer schnell geschnittenen Cameo-Szene Revue passieren zu lassen, doch statt Witzen wie diesen hagelt es Patronen, als wären der meteorologischen Absonderlichkeiten von Frosch über Fischregen nicht schon genug.

Wer Edwards schließlich kennt, weiß, dass bei ihm allerhand Menschen ins Gras beißen, und das nicht eines natürlichen Todes, sondern niedergemäht und durchsiebt, wie man jemanden nur niedermähen und durchsieben kann. Havoc heisst das neueste Unding des Schöpfers von The Raid – einer indonesischen Einer-gegen-Alle oder – übers Knie gebrochen – Stirb langsam-Version mit Iko Uwais als Martial Arts-Polizisten, der im Alleingang einen ganzen Haufen blutrünstiger Männer zerschnetzelt. Man muss zugeben: seine beiden expliziten Action-Schlachtplatten entbehren nicht einer gewissen Faszination. Wie der Waliser die Gewalt choreographiert, ist gelernte Handarbeit. Havoc hingegen, was soviel bedeutet wie „Zerstörung“, ist eben auf Netflix erschienen und schickt den alienlosen Rabauken Hardy in den kataklystischen Projektilregen, ganz ohne Schirm, dafür munter bewaffnet und alles mögliche an Gewalt einsteckend, was den Waffenstillstand mit der Realität gefährlich auf die Probe stellt.

Selbst eine Woche nach der Sichtung lässt sich der Plot des Films nur noch rudimentär wiedergeben – viel Substanz hat das alles nicht. Evans hat das Skript zwar selbst verfasst, aber eine KI könnte das vielleicht sogar besser. Ob Tom Hardy alias Walker nun im Auftrag vom schmierigen Forest Whitaker, der Vergleiche mit Wilson Fisk aus dem Daredevil-Universum anstrebt, dessen Sohn wiederfinden muss, da dieser bis über beide Ohren im Schlamassel steckt, weil die Triaden hinter ihm her sind, ist völlig egal. Spannend wird Havoc wirklich nie, dafür aber zeichnet Evans den üppigen Moloch einer namenlosen Stadt, die fast schon an Gotham City erinnert. Die Bildsprache ist betrachtenswert, allerdings nur dann, wenn gerade nicht geschossen wird. Diese Momente sind rar, man sollte sie genießen, denn sobald das große Ballern anfängt, stellt sich Schwindel ein.

Die Action ist in Havoc ein wüstes Durcheinander: fahrig, viel zu schnell geschnitten, mit rumpelnder Kamera und einer dünnen Akustik, wenn vollautomatische Handfeuerwaffen aller Art (zusammen füllen sie diverse Kataloge aus der Rüstungsindustrie für den privaten Konsumenten) ihre nicht endenwollende Munition verschleudern und einer wie Hardy fast schon auf diesen Knallerbsen die Balance verliert, so dicht fällt der Niederschlag an Hülsen. Ballistiker kratzen sich womöglich angesichts dieser Physik die Augen aus, und man selbst als Laie, der gerade mal weiß, worum es sich bei einer AK-47 handelt, flattern bei der Schießbuden-Hölle gelegentlich die Augenlider, wenn es wieder mal nicht schnell genug gehen kann, bis einer stirbt.

Hardy ist als Action-Zampano sicherlich eine Nummer für sich, auch wenn nicht viel aus seinem Charakter zu lesen ist. Der übrige Streifen brennt sich mit seinem gleißenden Mündungsfeuer in die Netzhaut, der Rest fällt dem Vergessen anheim. Ein Mehrwert, sollte man sich später noch erinnern, bleibt aber sowieso keiner.

Havoc (2025)