Marlene

SHOWDOWN IN LITTLE STYRIA

3/10


marlene© 2020 Panda Film


LAND: ÖSTERREICH 2020

REGIE: STEFAN MÜLLER

CAST: PAUL HASSLER, CAROLINE MERCEDES HOCHFELNER, SOPHIA GRABNER, AUGUST SCHMÖLZER, EVA-MARIA MAROLD U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn das Herzblut so sehr nach Filmemachen schreit, dann ist das ansteckend. Und Qualität nur noch sekundär. Kann ja auch sein, dass durch diese Leidenschaft sowas wie Kult entsteht. Man braucht nur die richtigen Vibes und den Spaß an der Sache. Manch ein Fanfilm zu sattelfestem Franchise hat ähnliche Eigenschaften. Auch wenn in ihren Filmen nur das Notwendigste bis zur finanziellen Schmerzgrenze eingebracht wurde – die Freude am Werkeln und das Ausleben des Fandoms macht manche richtig sehenswert.

Der österreichische Thriller Marlene ist zwar kein Fanfilm, wirkt aber wie einer. Da er sich keines Franchises oder eines bereits etablierten popkulturellen Interessensgebietes bedient, hat er auch anfänglich nichts auf der Habenseite, um in der Pole Position starten zu können. Was er hat, sind lediglich Vergleiche mit ganz anderen Filmen aus diesem Genre – nämlich weitaus besseren.

Marlene erzählt die relativ triviale Geschichte eines lakonischen Auftragskillers, der bald schon draufkommt, für den falschen Mann zu töten, als er sich in eines seiner Ziele verliebt. Da er den Auftrag folglich nicht durchführen kann, wird die titelgebende junge Dame von anderen Leuten aus dem Syndikat entführt. Was unser Protagonist natürlich nicht auf sich sitzen lassen kann. Er startet einen Befreiungsfeldzug gegen eine scheinbare Übermacht.

Phantom Commando in der Steiermark? Dazu fehlen Arnies Muskelberge und die dazugehörige Camouflage-Schminke. Schauspieler Paul Hassler holt sich eher einige Ezzes aus Jason Stathams Filmschaffen. August Schmölzer gibt einen in Trachtenwesten gekleideten Paten im steirischen Hinterland. Und siehe da: österreichische Star Wars-Fans werden jubeln, wenn Sophia Grabner, bekannt aus Regrets of the Past, als schwertschwingender Vamp zum Duell fordert. Dennoch: die Charaktere sind Stereotypen, nichts ist hier wirklich originär. Und schauspielerisch bewegt sich der Film auf dem Niveau eines sommerlichen Laientheaters. In Sachen Intonation ist hier einige Luft nach oben, dramaturgisch fehlt es an Straffheit, zwischendurch hängt der Thriller immer wieder ratlos durch. Explodierende Köpfe wirken wie auch die übrige explizite Gewalt seltsam deplatziert. Hätte sich Marlene nicht so sehr aus den Schubladen vorhandener Werke bedient, hätte Marlene viel mehr etwas Eigenes geschaffen, ohne vorhersehbar Bekanntes zu erzählen, hätte Stefan Müllers Gehversuch eines Actionfilms zumindest ein gewisses Etwas. So allerdings hat es weder Raffinesse noch Spannung. Was bleibt, ist ein Genre-Fanfilm, der mit ordentlich Engagement und freundlicher Genehmigung des Bundeslandes Steiermark sogar das Licht des Kinos erblickt hat. Und doch – im Vergleich fehlen hinten und vorne die eigenen Argumente.

Marlene

Ein bisschen bleiben wir noch

NICHT TRENNEN, WAS ZUSAMMENGEHÖRT

5,5/10

 

bisschenbleibenwirnoch© 2020 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2020

REGIE: ARASH T. RIAHI

CAST: ROSA ZANT, LEOPOLD PALLUA, CHRISTINE OSTERMAYER, SIMONE FUITH, RAINER WÖSS, INES MIRO U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN

 

„Stoppt den Asylwahnsinn!“ Den Imperativ so mancher politischer Vereine legt Filmemacher Arash T. Riahi ganz anders aus. Für ihn ist der Asylwahnsinn nichts anderes als die gängige Methode, Flüchtlinge in das Chaos abzuschieben, aus dem sie gekommen sind. Riahi war selbst noch minderjährig, als er in den 80ern aus dem Iran nach Österreich kam. Was er da wohl erleben, und wie sehr er selbst bangen musste, um nicht wieder ausgewiesen zu werden? Dieses Trauma lässt sich in seinem Spielfilm Ein bisschen beiben wir noch recht gut erahnen. Vor allem lässt sich erahnen, dass Riahi dieser Flüchtlingsproblematik extrem emotional gegenübersteht. Am liebsten wäre er ein Kind, dass sich herausnehmen kann, seine Wut in den Himmel zu schreien, das dem Gehorsam nicht zwingend folgen muss, das sich einfach wegträumen kann in eine Alternative, die alles möglich macht. Mit Monika Helfers Roman Oskar & Lilli hat Riahi die richtige literarische Grundlage gefunden, um in kindlich naiver, fast schon polemischer Weise das Versagen diverser Institutionen vorzuführen. Das sind neben der österreichischen Exekutive vor allem auch die Erwachsenen, die sich als Pflegeeltern den heimatlosen Schützlingen annehmen möchten. Die eigene Mutter von Oskar & Lilli hat genauso versagt – sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen und landet in der Psychiatrie. Die beiden Geschwister werden getrennt, was alleine schon ein enorm inhumaner Akt ist. Vehementer lässt sich eine Einheit namens Familie nicht aufdröseln. Funktioniert so wirklich der österreichische Asyl-Apparat? Das wäre erschreckend.

Oskar & Lilli bleiben also noch ein bisschen – jeder für sich in einem Haushalt, in den sie nicht hineingehören, in dem sie eigentlich verweilen, weil die anderen sich als Gutmensch einfach besser fühlen. Die beiden Kinder, ein Herz und eine Seele, lassen nichts unversucht, um die Familie wieder zusammenzubringen. Was überraschend einfach fällt, denn: in Riahis Jugenddrama ist die Aufsichtspflicht der Erwachsenen eine unterlassene. Und hier beginnt das Problem, dass Ein bisschen bleiben wir noch im Grunde hat: all die handelnden (erwachsenen) Personen scheinen in ihrem Tun wenig plausibel. Deutlich wird dieser Umstand in der unerklärlichen Autonomie der Kinder, die tagsüber in der Weltgeschichte herumstromern, und niemanden kümmert´s. Befremndlich wird’s, wenn Flüchtlingsjunge Oskar die Verantwortung für ein Kleinkind und eine pflegebedürftige alte Dame übernehmen muss, während die Eltern ihren Hochzeitstag feiern. Gibt es wirklich solche Menschen, die so fahrlässig agieren? Kann sein, dass das adaptierte Drehbuch hier einfach gewaltige Lücken aufweist, was die Darstellung der Charaktere betrifft. Kann aber auch sein, dass überhaupt der ganze Film aus der Sicht der Kinder erzählt ist, wie in den Romanen und Geschichten von Christine Nöstlinger. Die vereinfachte Weltsicht lässt sich so natürlich ausreichend erklären, auch, weil der Film zusehends immer irrealer, märchenhafter zu werden scheint, und so auch seine thematische Schwere etwas aufhebt.

Was Riahi aber in gewisser Vollendung zuwege bringt, das ist die visuelle Komponente. Gemeinsam mit Kameramann Enzo Brandner findet er eine geradezu magische Bildsprache, stellt manchmal Ansichten buchstäblich auf den Kopf, lässt den Blick wild umherschweifen, um ihn dann wieder auf einen Punkt am Himmel zu fokussieren. Aus dieser Sicht ist Ein bisschen bleiben wir noch ein kreativ artikuliertes Neuzeitmärchen, mal rührend, mal aufmüpfig, mal von skurriler kindlicher Logik. Rosa Zant und Leopold Pallua machen ihre Sache ausnehmend gut, die reiferen Darsteller hingegen glauben die Phrasen manchmal selbst nicht, die sie da sagen müssen. Nur Christine Ostermeier als Oma mit Parkinson zaubert ihre eigene Welt, bringt die Thematik aber vom Weg ab, womit der Film dann auch mangels Konzentration und zu viel emotionaler Bindung des Regisseurs etwas den Halt verliert. Wir bleiben noch ein bisschen ist ein Film mit einigen Stärken, inhaltlich jedoch wird das angestrebte Come together durch zu viel Ambition und dem schablonenhaften Verhalten seiner Figuren empfindlich gestört.

Ein bisschen bleiben wir noch

Coconut Hero

DAS LEBEN ÜBERLEBEN

6,5/10


coconuthero© 2015 Majestic Filmverleih


LAND: DEUTSCHLAND, KANADA 2015

REGIE: FLORIAN COSSEN

CAST: ALEX OZEROV, BEA SANTOS, KRISTA BRIDGES, SEBASTIAN SCHIPPER, JIM ANNAN, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Zum Glück gab´s in Hal Ashbys Harold & Maude-Verfilmung die gute alte Maude, um Harold von seinen Selbstmordfantasien abzubringen. In Coconut Hero kann Mike Tyson – ja, der junge Mann ist Namensvetter des berüchtigten Boxers und wird an seiner Schule auch entsprechend damit gehänselt – auf so einen Support erstmal nicht zurückgreifen. Mike will  sein noch so junges, gerade mal 16ähriges Leben beenden. Er tut dies auf unterschiedlichste Weise. Alle Versuche gehen schief. Zuletzt will er sich eine Kugel in den Kopf jagen – auch nur Platzpatronen. Später wird festgestellt, dass Mike an einem Gehirntumor erkrankt ist. Der könnte problemlos operativ entfernt werden – doch Tyson wird sich hüten, diese Nachricht an seine Mama weiterzugeben. Die ideale Methode, das Zeitliche zu segnen, wenn man den Tumor sich selbst überlässt. Blöd nur, dass Mike vom Staat ein Rehabilitationsprogramm aufgedrückt bekommt, um ihm die Suizidflausen auszutreiben. Und da lernt er die junge Miranda kennen, die überhaupt nicht in sein Konzept passt. Genauso wenig wie der plötzlich auftauchende Vater, der die Todesanzeige seines Sohnes in der Zeitung gelesen hat.

Coconut Hero geht als Coming of Age-Dramödie den Weg des geringsten Widerstandes. Independentkino, wie Independentkino sein muss. Ein Ensemble, das keiner kennt, was aber wiederum den Bonus des Authentischen mit sich bringt, da sich all diese Gesichter (bis auf Udo Kier in einer Minirolle) auf kaum einen anderen Film übertragen lassen. Der russisch-kanadische Schauspieler Alex Ozerov ist in seiner traurigen Gestalt eines todessehnsüchtigen Mieselsüchtlers treffend besetzt, Bud Cort aus Hal Ashbys kultiger Tragikomödie steht ihm da um nichts nach, nicht mal in Sachen Frisur. Die Mundwinkeln wandern selten nach oben, wie ein Buster Keaton eben, der den Jugendfilm entdeckt. Auch all die übrigen Co-Akteure sind von ausgesuchter Qualität, da lässt sich schon ein Film wie dieser zu einer Selbstfindung mausern, die mit einem stimmigen Soundtrack hinterlegt ist, wobei einige Songs davon wirklich eingängige New Country Balladen sind. Das passt sehr gut zu diesem Setting, zu dieser Geschichte aus elterlicher Spurensuche, Lebenssinn und dem Begriff der Sterblichkeit, der erst dann neu definiert wird, wenn genau diese Endlichkeit jemand ganz anderen trifft – nur nicht einen selbst.

Coconut Hero ist ein Stoff mit Give Away-Faktor, was so viel heißt wie: Erkenntnisse daraus könnten auch zum Gewinn werden fürs eigene Dasein. Natürlich, Deutschland 86-Filmer Florian Cossens Film ist in manchen dramaturgischen Wendungen von zu bequemer Naivität, und nicht unbedingt lässt sich die relativ vage beschriebene Beziehung zwischen Mike und Matilda angesichts ihrer späteren Gewichtigkeit wirklich nachvollziehen, aber dennoch: in seiner selbstvergessenen und wieder in Erinnerung gerufenen Selbstwahrnehmung ist das Teenie- und Familiendrama samt seiner leisen Ironie ein bisschen Balsam auf der Seele eines latent depressiven, nicht zwingend jungen Publikums.

Coconut Hero

The Boys in the Band

GEMEINSAM EINSAM

7,5/10


boys-in-the-band2© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: JOE MANTELLO

CAST: JIM PARSONS, ZACHARY QUINTO, MATT BOMER, ROBIN DE JESÚS, TUC WATKINS, BRIAN HUTCHISON, MICHAEL BENJAMIN WASHINGTON, ANDREW RANNELLS U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Derzeit werden wieder die Nobelpreise verliehen. Sheldon Cooper hat seinen schon. Mit diesem wahrgewordenen Traum ging die Ära der Bewohner eines Appartementhauses in Pasadena zu Ende. Was wohl aus all diesen schrägen Charakteren geworden ist? Einen von ihnen kann man bereits auf Netflix wiederentdecken: Jim Parsons. Als theoretischer Physiker mit leichten Ansätzen von Asperger war er das Zugpferd des Fernsehkults The Big Bang Theory.

2018 gab der bekennende und auch verheiratete Homosexuelle die Hauptrolle in einem Bühnenklassiker von Mart Crowley, dessen Ensemble hier nochmal gemeinsam vor die Kamera tritt: The Boys in the Band, ein zu seiner Zeit revolutionäres Theaterstück rund um eine Gruppe schwuler Freunde, die eine Geburtstagsparty für einen ihrer Vertrauten schmeißt. Während des Abends aber, so kann man sich denken, kochen jede Menge Emotionen hoch, und einer nach dem anderen vollführt seinen ganz persönlichen Seelenstriptease. Das Stück entstand 1968, in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche. The Boys in the Band war ein absoluter Hit, einzigartig im offenen Umgang mit Homosexualität, wurde gleichzeitg aber auch von Schwulen scharf kritisiert, da sie sich selbst zu sehr in die Opferrolle gedrängt sahen. Homosexualität also als schöngeredete Bürde, mit der man leben muss?

Damals, vor mehr als 50 Jahren, war Crowleys Stück seiner Zeit voraus. Ein halbes Jahrhundert später sollte sich doch einiges an der LGBT-Front geändert haben und The Boys in the Band wie ein Relikt aus grauer Vorzeit der Intoleranz wirken. Verblüffend – und gar ernüchternd – ist die Tatsache, dass das Kammerspiel immer noch ein Stück weiter voraus ist als die Zeiten es momentan zulassen. Abgesehen von einer gewissen medialen Prüderie, die Filme wie diese erst für Zuseher ab 16 Jahren empfiehlt, ruft die dargestellte, frei ausgelebte Zuneigung unter Männern womöglich immer noch jene Resonanz hervor, welche die heterosexuelle Figur des Freundes Allen im Film inne hat. Der ehemalige Kommilitone von Jim Parsons Filmfigur kreuzt just an jenem Tag der geplanten Geburtstagsfeier auf, um seinem alten Bekannten etwas Dringendes mitzuteilen. Doch dazu wird es nie kommen. Inmitten dieser homosexuellen Gesellschaft wirkt dieser mit seinen intoleranten Ansichten mehr als verloren, während sich im Rahmen eines indiskreten Telefonspiels schmerzliche Wahrheiten an die Oberfläche schummeln. Das Resümee: Alle sind in ihrer Rolle, die sie nicht erwählt haben, und die viel Mut erfordert, gelebt werden zu wollen, gemeinsam einsam. Möglich, dass damals so manchen Schwulen diese wehmütige Sicht auf sexuelle Identitäten irritiert haben könnte.

Generell geht das Stück unter Joe Mantellos edel fotografierter Inszenierung sehr sensibel mit seinen Charakteren um, es stellt sie weder bloß noch bringt es sie in Verlegenheit, gleichsam hütet es sich davor, augenscheinlich schwules Verhalten zu überzeichnen. Im Film wird deutlich, das The Boys in the Band auf die Bühne gehört, doch Martell macht das Beste daraus – und inszeniert feines Stage-Kino mit einer Dialogdichte, die es problemlos mit Werken von David Mamet aufnehmen könnte. Zwischendurch erinnert der Film an Das perfekte Geheimnis mit Karoline Herfurth – doch so viel Spaß wie dort gibt es hier dann doch nicht. Jim Parsons ist auch jenseits von Sheldon Cooper ein absoluter Gewinn, „Spock“ Zachary Quinto herrlich arrogant und gleichzeitig unglaublich verletzlich. Das Ensemble harmoniert und lässt Crowleys Stück ungemein zeitlos wirken. Zumindest noch bis jetzt.

The Boys in the Band

Weißer weißer Tag

OPA IST DER BESTE

6/10


weisserweissertag© 2020 Arsenal Filmverleih


LAND: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN 2019

REGIE: HLYNUR PALMASON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJORN INGI HILMARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Das isländische Kino ist nicht gerade dafür bekannt, die Kinosäle zu füllen – dafür aber füllt es die Nischen des Arthouse, und zwar auf innovative Art und Weise. Was das isländische Kino so erzählt, das sind mitunter sehr schwarzhumorige Geschichten voller Lakonik, voller Exzentrik, langen Nächten und den unwirtlichen Landschaften zwischen Gletscher und stürmischer Meeresküste. So ungewöhnlich auch die Filme aus dem hohen Norden begrüßenswerterweise sind – dieser hier von Hlynur Palmason setzt allem bisher Dagewesenen die Krone auf. Selbst dem irren Außenseiterdrama Noi Albinoi. Der hatte noch genug makabren Humor, um darin noch eine gewisse Verbundenheit zu anderen lokalen Werken zu erkennen. Bei Weißer weißer Tag ist alles anders, und alles nicht so, wie man es gewohnt ist. Das irritiert, verstört gar ein bisschen, und strapaziert die Geduld.

Nur so als Beispiel: Ein Haus, irgendwo im Nirgendwo, im Hintergrund Islands Bergwelt. Dann vergeht die Zeit, Tag für Tag, im Zeitraffer. Tage werden zu Wochen, Monaten. Schnee, Sonne, Nebel, Regen. Vormittag, Nachmittag, Abend, unzählige Stimmungen. Die Kamera bleibt dabei statisch. Eine Szene wie aus dem Wetterpanorama aus Reykjaviks Umland. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, geht’s endlich zur Sache. Wir sehen einen älteren Mann, einen Witwer, gleichzeitig Großvater einer neunjährigen Enkelin, die ihren Opa über alles liebt. Opa, der ist der Beste. Doch dann, beim Sichten von Omas Nachlass, wird der alte Mann stutzig. Hatte seine Frau eine Affäre? Diese Sache lässt den Alten nicht los und er forscht nach. Aus der Nachforschung wird Obsession, Aggression, Zweifel. Was darunter leidet, das ist die Beziehung zu seiner Enkelin, die ihren Opa plötzlich mit anderen Augen sieht. Was nicht unbedingt gut ist. Und was zu vermeiden gewesen wäre.

Weißer weißer Tag – das sind die Nebeltage Islands, wo man kaum mehr die Hand vor Augen sehen kann. An so einem Nebeltag ist Opa Ingimundurs Frau mit dem Auto verunglückt. Und an solch einem Tag wird sich die verquere Situation so ziemlich zuspitzen. Bis dahin allerdings ist Palmasons Film ein Patchwork an unterschiedlichen Filmstilen, an arrangierten Stillleben, Nahaufnahmen, scheinbar aus dem Kontext gerissenen Szenen einer Fernsehshow, die abgefilmt werden. So unterschiedlich und so assoziativ all diese Szenen auch wirken, es liegt ihnen dennoch eine Gemeinsamkeit zugrunde: die Thematik des Trauerns und Überwindens von Kränkung. Kein leichter Stoff? Mit Sicherheit nicht. Auf Weißer weißer Tag muss man sich einlassen, und damit rechnen, manchmal ratlos das Gesehene oder Geschehene hinzunehmen. Interessanterweise aber findet diese raue, manchmal statische und dann plötzlich wieder ungestüme, unorthodoxe Drama einen Weg des geringeren Widerstands für den Betrachter, versöhnt ihn mit seiner provokanten Erzählweise, indem es am Ende direkt berührende, erlösende Momente findet. Tja, Trauer geht manchmal seltsame Wege.

Weißer weißer Tag

The Devil All the Time

IN EINER KLEINEN STADT

7/10


the-devil-all-the-time© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: ANTÓNIO CAMPOS

CAST: TOM HOLLAND, BILL SKARSGÅRD, HALEY BENNETT, ROBERT PATTINSON, SEBASTIAN STAN, JASON CLARKE, RILEY KEOUGH, HARRY MELLING, MIA WASIKOWSKA, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Der größte und gemeinste Trick des Teufels ist doch der, all die armen sterblichen Sünder glauben zu lassen, es gäbe ihn überhaupt nicht. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann wäre der Antichrist wohl schon sehr zufrieden mit sich und der Welt. Doch es geht noch perfider: was, wenn der arme sterbliche Sünder versucht, zu Gott zu finden, und dabei die Fährte des Teufels gerät? Und gar nicht mitbekommt, dass er sich in seiner Gier nach dem göttlichen Fingerzeig weiter vor der Herrlichkeit wegbewegt als ihm lieb wäre. In Knockemstiff, einem Kaff in Ohio, bewegt sich so ziemlich alles von Gott weg, während es offenkundig auf Knien zu ihm hin rutscht. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist es Frömmelei, andererseits Macht, andererseits das Hoffen auf Wunder durch Dauerbeten. Knockemstiff, der Geburtsort von Autor Donald Ray Pollock, muss diesem nicht sonderlich gut in Erinnerung geblieben sein. Heute ist dieses Kaff eine Geisterstadt, damals womöglich war diese von Albträumen geplagt. Fast wie eine Art Twin Peaks, sogar ein bisschen von Stephen Kings Derry geistert da mit. Ein Fass ohne Boden also für Geschichten, die den Fluch aufs Leben beschreibt.

In The Devil All the Time – nach Pollocks Roman Das Handwerk des Teufels – ist die zentrale Figur ein Junge namens Arvin (Tom Holland, gänzlich jenseits von Spiderman), der dem religiösen Extremismus seines Vaters Willard (Bill „Pennywise“Skarsgård) beiwohnen muss, beide Eltern verliert und später bei seiner Großmutter aufwächst, gemeinsam mit einer anderen Vollwaise namens Lenora, die bald zu einer guten Schwester wird, die er um alles in der Welt beschützen will. Doch der Teufel, der ist immer da, die ganze Zeit, und der verzerrende Fanatismus für einen Glauben ist, so könnte man sagen, die Quelle seiner Kraft. Es wird bald klar, dass alles, was hier in diesem Film passiert, den Bach runtergeht.

Viele namhafte Schauspielgrößen, die hier allesamt ihr Können unter Beweis stellen, treiben im wahrsten Sinne des Wortes ihr Unwesen. Und sie alle haben ihren ausgesuchten Platz in diesem kreisenden Perpetuum Mobile abwärts. Pollocks Vorlage für einen Film zu adaptieren, das war sicherlich eine Challenge. Regisseur António Campos war bei dieser Sache aber ganz der Profi und hat weder überhastet noch prätentiös all diese vielen kleinen Szenen in ein Arrangement gepackt, geradezu entknäuelt und so angeordnet, dass man beim Zusehen ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr und wo all diese Schicksale miteinander vernetzt sind. Fast scheint es, als wäre The Devil all the Time ein ineinander verkeilter Episodenfilm, vielleicht ist er das ja auch, doch im Endeffekt ist es ein großes Ganzes, ein Bündel an menschlichen Schwächen und gestörten Empfindungen. Wäre The Devil all the Time ein Song, dann hätte diese Ballade womöglich Nick Cave geschrieben. So dunkel, entschleunigt und schwer sickern diese Schicksale durch die Straßen dieser Kleinstadt. Doch statt Nick Caves Songs unterlegt Campos seinen Film mit beschwingten Country-Klassikern und konterkariert den American Way of Life in seiner zynischsten Form.

Zynisch, das ist das richtige Adverb für dieses epische Thrillerdrama, das ein großes Gespür sowohl für seine finsteren als auch für seine verblendeten Charaktere hat, die aber alle unter einem Glassturz stehen, als wären sie Teil eines isolierten Experiments. Man ahnt, wie die Dinge sich entwickeln könnten, meistens tun sie es dann auch genau in diese Richtung, durch diese Vorsehung erhält man als Zuseher eine wissende Distanz. Und der Löffel mit der bitteren Medizin geht zum Glück an einem selbst vorbei.

The Devil All the Time

Persischstunden

DAS WUNDER DER SPRACHE

7/10


Persischstunden© 2020 Alamode Film

LAND: DEUTSCHLAND, RUSSLAND 2019

REGIE: VADIM PERELMAN

CAST: NAHUEL PÉREZ BISCAYART, LARS EIDINGER, JONAS NAY, LEONIE BENESCH, NICO EHRENTEIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Kann man nicht erfinden – oder doch? Wenn es ums nackte Überleben geht, lässt sich fast alles bewerkstelligen. Es lassen sich ganze Schwachturniere im Kopf gewinnen, wie wir seit Stefan Zweigs Novelle wissen. Es lässt sich auf Ressourcen zurückgreifen, die sich im alltäglichen Normalzustand gar nicht vermuten lassen. Zum Beispiel auch so zu tun, als beherrsche man eine Fremdsprache. Diese Täuschung findet Verwendung, und zwar in einem Nazi-Lager in Frankreich des Jahres 1942, in welchem Sturmbandführer Koch – Nomen es Omen – davon schwärmt, nach dem Krieg nach Teheran auszuwandern, um dort ein Restaurant zu eröffnen. Da kommt ihm ein eingefangener Perser ganz gelegen, denn der könnte ihm Farsi lehren. Durch Zufall gerät der französische Jude Gilles in Besitz eines persischen Märchenbuchs – und gibt sich, nichts ahnend, wie sehr er damit die eigene Haut rettet, als Perser aus. Eine Tarnung, die sehr leicht auffliegen könnte. Nur Perser, die sind außerhalb des Iran und ihrer Kolonialmacht Großbritannien rar gesät. Somit hat niemand eine Ahnung von Farsi, selbst Gilles nicht. Der sich aber bald um Kopf und Kragen redet, wenn es darum geht, seine ganz eigene Sprache des Überlebens zu erfinden.

2003 ließ Vadim Perelman Jennifer Connelly und Ben Kingsley in der Tragödie Haus aus Sand und Nebel aneinander krachen. Diesmal stellt er ein ganz anderes, ungleich kurioseres Zweiergespann in den Mittelpunkt seiner Weltkriegs-Erzählung. Charaktermime Lars Eidinger (gewohnt nuanciert und voll bei der Sache) als impulsiver NS-Offizier auf der einen Seite, der Argentinier Nahuel Pérez Biscayart als Jude inkognito auf der anderen. Ein Zwei-Personenstück, wenn man so will, mit einigen nebensächlichen Ausreißern, die für diese Geschichte gar nicht notwendig gewesen wären, wie zum Beispiel jene Episode der beiden Lageraufseherinnen Melanie und Elsa. Um das tragische Ausmaß der Situation natürlich greifbar zu machen, verzichtet Perelman auch nicht ganz darauf, das Verbrechen an den Juden zu dokumentieren – allerdings hält er sich, so wie damals schon Stefan Ruzowitzky in Die Fälscher, mit reißerischem Grauen mehr oder weniger zurück, und lenkt damit auch nicht von dem eigentlichen Impact der unglaublichen Begebenheiten ab, die sich in Wortgestalt einer völlig neu erfundenen Sprache Bahn brechen. Natürlich, Eidingers Figur zweifelt, will sich nicht verführen lassen, hängt seinen Träumen nach, ist mit Sicherheit kein durch und durch verdorbener Charakter, kein überzeichneter Hans Landa, sondern ein Opportunist auf Zeit, der ganz andere Pläne hat als das Deutsche Reich für ihn vorsieht. Gilles setzt alles auf eine Karte, ist anfangs ein verschreckter, panisch um sein Leben ringender Gefangener, der zusehends merkt, wie sehr er die Willkür seines Peinigers eigentlich parieren kann, und welche Macht er eigentlich über ihn hat.

Angeblich beruht diese Episode auf wahren Begebenheiten, jedoch: sicher ist das nicht. Zugrunde liegt eine Erzählung von Michael Kohlhaase, die natürlich genügend Potenzial vergibt für ein Drama, das sich über ein ausreichend dokumentiertes, reines Zeitbild hinwegsetzt und stattdessen ein zeitloses Gleichnis zitiert, dass über Opferrollen und die Kunst des Überlebens so Einiges zu sagen hat. Perelman macht daraus ein prosaisches Melodram um aus dem Stegreif erfundene Wörter, die ihre Wurzeln in den Namen der Ermordeten und Vertriebenen haben. Das ist zu komplex, zu konsistent und zu sinnbildlich, um tatsächlich so passiert sein zu können. Und auch wenn es nur erdacht ist – das Potenzial, mit Sprache ein Wunder zu vollbringen, und sei es auch nur für einen selbst und um das Böse hinters Licht zu führen, liegt dem Menschen zugrunde.

Persischstunden

Enola Holmes

ES BLEIBT IN DER FAMILIE

6/10


enola-holmes© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: HARRY BRADBEER

CAST: MILLIE BOBBY BROWN, HENRY CAVILL, SAM CLAFLIN, HELENA BONHAM-CARTER, LOUIS PARTRIDGE, FIONA SHAW, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Der wohl beliebteste analoge Detektiv der Welt, wohnhaft in Londons Baker Street, bekommt nun Zuwachs. Familienzuwachs wohlgemerkt. Was nicht heißt, dass der mit fotografischem Gedächtnis gesegnete Blitzgneisser vor hat, auch kommende Generationen in detektivische Hände zu legen. Sherlock Holmes, der darf sich einer jüngeren Schwester erfreuen, die da heißt Enola. Bezug zu ihr haben Sherlock und sein dauerarroganter Bruder Mycroft wohl keinen. Genau so wenig zu ihrer merkwürdigen Mutter, die plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwunden ist, sehr zum Leidwesen ihrer Tochter, der zumindest noch die Haushaltshilfe bleibt und die sich plötzlich unter der Fuchtel ihres älteren Bruders Mycroft wiederfindet, hätte sie doch viel lieber mit Sherlock die Causa Mama gelöst. Doch wie es sich für einen eigensinnigen und geistig nicht auf den Mund gefallenen Teenager gehört, nimmt dieser sein Leben selbst in die Hand und findet sich alsbald in einen mysteriösen Fall verwickelt, der irgendwas mit politischen Reformen und reichen Erben zu tun hat. Und mit Mutter Holmes, die, wie es scheint, auf radikalem Wege die Welt verändern will.

Sherlock Holmes-Pastiches gehen immer, ganz so wie bei James Bond. Ob als Fäuste schwingender Wiffzack oder pfeilschneller Kombinierer, ob als pfeifenrauchender Tweed-Träger oder eben als gelockter Dandy wie hier in dieser exklusiv auf Netflix veröffentlichten Produktion, die eigentlich ins Kino hätte kommen sollen: der distinguierte Nerd darf ob seiner Beliebtheit durchaus mal einen Blick nach links und rechts werfen, oder gar die Bühne frei geben für ähnlich veranlagte, gar weibliche Pendants. Elona Holmes hat´s nämlich genauso faustdick hinter den Ohren wie Arthur Conan Doyles Kultschnüffler. Und findet in Stranger Things-Star Millie Bobby Brown eine so dankbare wie versierte Interpretin, die mit ihrer verschmitzten Lebensart den ganzen Laden schmeißt.

Die aufgeweckte Figur aus Nancy Springers Jugendbuchreihe vollendet Brown mit einem ganzen Repertoire an kuriosen Mimiken und schmollmündiger, sympathischer Unruhe und holt sich ihr vergnügtes Publikum durch das Durchbrechen der Vierten Wand in die Karikatur eines viktorianischen Großbritannien knapp vor der automobilen Revolution. Die junge Heldin des Films schert sich wenig um weibliche Stereotypen, kleidet sich immer wieder mal als Bursch, dann wieder als trauernde Witwe. Mieder wäre ihr zu bieder, gäbe es dafür nicht taktische Verwendung. Dieser wache Geist der jungen Dame ist das Herzstück des Films – und verleiht ihm auch diese Herzlichkeit, die ein Murder Mystery-Abenteuer wie dieses benötigt. Denn ohne Millie Bobby Brown und ihrem energischen, fast schon wachrüttelnden Auftreten wäre Enola Holmes mit seinem recht routinierten Krimi-Plot reif für Scotland Yards Rundablage. Durch diese Coming of Age-Komponente (derzeit in Film und TV sehr beliebt) ist das Netflix-Release fast schon mehr eine kauzige Charakterstudie als ein spannendes Krimivergnügen.

Enola Holmes

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

FLÜCHTIGE IM FUMMEL

4/10


outlaws© 2020 Koch Films


LAND: AUSTRALIEN, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: JUSTIN KURZEL

CAST: GEORGE MACKAY, NICHOLAS HOULT, RUSSEL CROWE, ESSIE DAVIS, THOMASIN MCKENZIE, CHARLIE HUNNAM U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Edward „Ned“ Kelly ist eine Legende in Australien. Die einen sehen ihn als Verbrecher, die anderen als eine Art Down-Under-Robin Hood, stellvertretend für alle zwangsverschleppten Iren, die fernab ihrer Heimat mit den verhassten Briten das Land teilen mussten. Wenn es aber nur das gewesen wäre: die Briten hatten die Staatsgewalt. Die Iren: Menschen zweiter Klasse, mit denen man schließlich machen konnte, was man wollte. Besagter Kelly, aufgewachsen im Nirgendwo, aufgezogen von einer psychisch labilen Mutter und einem Vater als Nichtsnutz, wurde von einem Straßenräuber unter die Fittiche genommen, des Mordversuches an einem Polizisten beschuldigt. Verfolgt, bekämpft, hingerichtet. Er wäre aber keine Legende geworden, hätte sich der gerade mal 25 Jahre alt gewordene Anarchist einfach so mir nichts dir nichts festnehmen lassen. Er schlug sich also als Bushranger, wie Flüchtige dort in der Wildnis bezeichnet werden, in die Botanik, im Schlepptau allerhand schießwütige Anarchisten, auch dessen Bruder Dan, ein Pferdedieb. Kurioses Detail: die Bande kleidete sich bei ihren Überfällen stets in Frauenkleider, was sich womöglich auf den geheimen Fetisch des Vaters bezog. Für den direkten Shootout gab’s dann selbstgeklopfte Rüstungen aus Eisen.

Eine wüste Lebensgeschichte, die dieser Ned Kelly vorzuweisen hat. Justin Kurzel, am besten bekannt durch seine Videospiel-Verfilmung Assassin´s Creed, hat ein entsprechend wüstes Biopic gedreht, dass mit der völligen Fehlbesetzung von George McKay (grandios in 1917) beginnt und mit einer inferioren, völlig entarteten Schlammschlacht endet. Dazwischen ein verheddertes Coming-of-Bandit-Patchwork, das viel zu oft durchhängt, um ein Gefühl für das Thema zu entwickeln. Wobei: George McKay spielt seine Figur sicherlich nicht schlecht, wenngleich er stellenweise dem Overacting verfällt, vorwiegend gegen Ende, beim nachtschwarzen, in Stroboskoplicht getauchten Showdown (warum auch immer), bei dem man gar nicht richtig hinsehen kann. Doch Ned Kelly? Dafür hat er eine zu schöngeistige Attitüde. Weiters ist das Hauptproblem des Films die wenig plausibel dargestellte Entwicklung der Charaktere. Kurzel bekommt die Wende vom sozial rehabilitierten Ned Kelly zum Outlaw einfach nicht hin, dafür verliert sich die eigentliche Schlüsselszene zu sehr in zerfransten Szenen, die wiederum in drei Kapitel unterteilt sind und dessen Dialoge das paraverbale Spiel nicht ergänzen können. Dadurch geht der Trend des Films in Richtung mühsame Seifenoper, die zwischendurch wirklich stark langweilt. Ganz frappant auch Essie Davis als Ned Kellys Mutter – eine der enervierendsten Filmrollen seit langer Zeit. Ihre Figur ist die einer egomanischen Opportunistin mit permanent widersprüchlichem Verhalten. Ob dies so gedacht war? Keine Ahnung, jedenfalls bleibt am Ende Kurzels Sympathie für diese Rolle fragwürdigerweise bestehen. Neben diesen Besetzungen gibt’s noch allerlei namhaften Cast, wie Nicholas Hoult als Strapse tragenden Frank’n‘furter-Polizisten, Thomasin McKenzie – extrem farblos diesmal, und Russel Crowe als bärbeißiger Haudrauf mit Rauschebart – wohl der Lichtblick in dieser ganzen Zwölfton-Schicksalssymphonie.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang empfinde ich als  überzogenes Biopic, das seinen Erzählrhythmus nicht findet. Expressiv hingegen sind die Landschaftsaufnahmen und die Kamera an sich. Das Setting eines toten Baumbestandes, inmitten die Kelly-Ranch, verleiht dem Film schon eine gewisse grundlegende Atmosphäre, auch ganz ohne Aborigines. Wirklich retten kann das den Film aber trotzdem nicht, genauso wenig wie die Geschichte Ned Kelly.

Outlaws – Die wahre Geschichte der Kelly Gang

Mignonnes

DIE NEUEN VERFÜHRTEN

8/10


mignonnes© 2020 Netflix


LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: MAÏMOUNA DOUCOURÉ

CAST: FATHIA YOUSSOUF, MEDINA EL AIDI, ESTHER GOHOUROU, ILANAH, MYRIAM HAMMA, MAÏMOUNA GUEYE U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


So jung und schon bauchfrei und in Hot Pants? Dabei sind diese Mädchen lange noch nicht volljährig. Wer die soziale Entwicklung der Kindheit in den letzten Jahrzehnten nicht vollständig und bewusst ignoriert hat, der wird sich dabei nicht groß wundern. Spätestens in der Grundschulzeit trifft der Nachwuchs auf die magischen Features von Social Media. Zwecks Erreichbarkeit und auch zwecks Sicherheit haben nun alle Kids entsprechend ausgerüstete Handys. Sorgsame Eltern versehen dieses mit elterlichem Schutz, alle anderen, die aus Zeit- und Nervengründen froh sind, dass sich Mädel und Bub still beschäftigen, lassen die Next Generation schalten und walten.

Was es da alles gibt – und von wem zum Beispiel junge Mädchen da abgeholt werden! Influencer für die ganz Kleinen, Casting-Shows, Talente-Gigs noch und nöcher. So manches Display-Idol opfert täglich seine Zeit, um der Coming of Age-Zielgruppe zu zeigen, was junge Frauen tragen und wie sie sich schminken sollen. Klar, dass sich sowas durch den Freundeskreis zieht, und die eine will schöner und koketter sein als die andere. Begleitend dabei: die viel früher einsetzende Pubertät der Mädchen. Das war vor Jahrzehnten noch anders. Ernährung, äußere Einflüsse, alles spielt hier eine Rolle. Diese Mädchen hier, sie wollen die Starlets von morgen sein, und das am besten gestern. Außerdem: Sex sells! Diese leicht umsetzbare Taktik wird natürlich genutzt, denn diese Kids, die sind ja nicht dumm. Nabokovs Lolita war das auch nicht. Wobei: dieser Tendenz folgen bei weitem nicht alle, aber immerhin ein nicht übersehbarer Prozentsatz. So wie diese vier Cuties oder Mignonnes, wie sich das auf Netflix veröffentlichte, zu Recht auf dem Sundance Filmfestival ausgezeichnete Filmdrama nennt.

Die Süßen also, das sind Schülerinnen teils mit Migrationshintergrund, die bereits voll ins Social Media-Geschehen von Instagram, Tiktok und Co eingebunden sind, mangels gezielter elterlicher Tutorials natürlich alles posten, was ihnen in den Sinn kommt und so sein wollen wie all die Schönen, die tagtäglich vorgeben, was sich lohnt, schon als Kind im Leben zu erreichen. Eines dieser Ziele ist ein Choreographie-Tanzwettbewerb, den die vier Elfjährigen unbedingt gewinnen wollen und praktisch alles dafür tun würden, um gemocht und gewählt zu werden. Sehr zum Leidwesen traditioneller Elternhäuser wie jenes von Muslimin Amy, die sich eigentlich auf die Hochzeit ihres Vaters mit seiner Zweitfrau vorbereiten sollte.

Was sich Netflix mit Mignonnes eingetreten hat, das ist wieder mal ein werbewirksamer Skandal mit der notwendigen Publicity für eine Produktion, die ohne Empörung womöglich zu Unrecht in den Archiven des Streamingriesen verschwunden wäre. Zu Unrecht auch dieses Pharisäertum, dass zum Boykott von Netflix und was weiß ich noch aufgerufen hat. Warum? Mignonnes hypersexualisiere minderjährige Mädchen und fröne unter anderem dem Voyeurismus. Nichts davon, so finde ich, hat Regisseurin Maïmouna Doucouré im Sinn, und keiner dieser Vorwürfe ist gerechtfertigt.

Bizarres Detail am Rande: Mignonnes ist einer dieser Filme, die – so wie The Hunt oder The Promise – geächtet worden sind, bevor sie überhaupt gesichtet wurden. Denn würde man dies tun, würde man klar sehen, worum es in Mignonnes überhaupt geht. Da reicht schon ein provokantes Filmplakat, um Moralapostel auf die Barrikaden zu holen. Doch vielleicht hatte Doucouré aber genau das im Sinn: all die Bigotterie vorzuführen, während das Wesentliche absichtlich übersehen wird: das Zeitalter eines medialen neuen Mittelalters zwischen militanten Religionen, heilig wie eilig erhobenem Zeigefinger und grenzenlosem Konzern-Lobbyismus, der die Quellen aller Smartphone-Apps nutzt, um eine konsumorientierte Showgesellschaft zu formen. Das, genau das steht im Zentrum dieses Films, der die Zerrissenheit seiner jungen Menschen auf Augenhöhe und mit aufklärerischer, aber zeitgleich objektiver Konzentration auf den Punkt bringt.

Mignonnes, das ist ein erhellendes, berührendes kleines Meisterwerk.

Mignonnes