The Meyerowitz Stories (New and Selected)

UND TROTZDEM IST ES FAMILIE

7,5/10


themeyerowitzstory© 2017 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2017

BUCH / REGIE: NOAH BAUMBACH

CAST: ADAM SANDLER, DUSTIN HOFFMAN, BEN STILLER, ELIZABETH MARVEL, EMMA THOMPSON, ADAM DRIVER, GRACE VAN PATTEN, DANIEL FLAHERTY, ADAM DAVID THOMPSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Es stimmt nicht, dass Adam Sandler bis vor nicht allzu langer Zeit nur für seichte Unterhaltung zu haben war, vorzugsweise für infantile Komödien, die keinerlei schauspielerisches Engagement nötig haben. Es stimmt wohl eher, dass Adams Sandler schon seit jeher offen war für richtig gutes, anspruchsvolles Kino. So zum Beispiel spielte dieser in Paul Thomas Andersons Liebesdrama Punch Drunk Love die Hauptrolle – würde Anderson Adam Sandler wohl besetzen, würde er nicht wissen, dass dieser auch wirklich das Zeug für gewichtige Rollen hat? Von irgendwoher wusste er es, und Noah Baumbach wusste es später wohl auch. Oder er hat Andersons Film gesehen. Jedenfalls hat der gerne als naiver Underdog dargestellte Komiker auch andere Seiten. Und schätzt auch Rollen, die Charaktere darstellen, die mit sich selbst nicht im Reinen sind – die sich selbst im Weg stehen oder an Vergangenem nagen müssen. Die vielleicht die Gier übermannt, wie in Der schwarze Diamant. Oder mit dem eitlen Bruder auf die „Blutwiese“ geht, wie in The Meyerowitz Stories (New and Selected).

Der, mit dem sich Sandler auf dem Rasen wälzt, heißt Ben Stiller. Lange schon nichts gehört von ihm. Noch stiller ist’s um Dustin Hoffman geworden. Aber gut, dieser Kapazunder hat seinen Ruhestand längst verdient, seine Karriere hinter sich und bleibt auf ewig nicht nur der Rain Man, sondern vielleicht auch Tootsie, Spielbergs Hook oder der eigenbrötlerische Bildhauer Harold Meyerowitz, der das Leben eines erfolgreichen und hofierten Künstlers gelebt hat, und der für seine drei Kinder kaum jemals mehr übrig gehabt hat als kritikvolles Feedback zu deren Lebenswandel. Gut, entweder man lässt sich mit den Defiziten aus der Kindheit mitreißen – oder man stemmt sich dagegen. Ben Stiller als Matthew Meyerowitz hat sich dagegengestemmt und wurde erfolgreich. Bruder Danny eben weniger, der hat nie wirklich gearbeitet, konnte nie aus sich herauswachsen oder aus dem musikalischen Talent irgendetwas Sinnvolles lukrieren. Die Diskrepanz zwischen den beiden ist gegeben, den Respekt vor dem dominanten Vater aber haben sie alle. Auch Schwester Elizabeth, introvertiert und verschroben bis dorthinaus. Sie alle treffen sich spätestens dann, wenn der Patriarch darniederliegt.

Mit dieser charmanten Dysfunktionalität aus Eitelkeiten, Missgunst und der Suche nach Anerkennung lässt sich arbeiten, lassen sich viele Erkenntnisse schöpfen und schauspielerische Spitzenleistungen einfordern, die Noah Baumbach aus dem fiktiven Portrait einer jüdischen New Yorker Intellektuellenfamilie schält. Dazu gehören nicht nur die drei Geschwister, auch die Next Generation als Dannys Tochter gehört dazu, die sich in obszöner Filmkunst übt, unvergessene Ex-Ehefrauen und Harolds ehemalige Künstlerkollegen. Das klingt vielleicht ein bisschen beliebig, so in das Leben fremder Figuren hineinzuplatzen, um ihnen auf den Zahn zu fühlen. Und das wäre es vielleicht auch, hätte Noah Baumbach nicht verstanden, dass Familienportraits nur dann dramaturgisch spannend bleiben, wenn das Ungleichgewicht zwischen den Figuren durch Geben und Neben stets in Balance gehalten werden muss. Im Mittelpunkt dieses Ringens steht nicht zwingend eine Ich-bezogene autobiographische Figur wie bei Woody Allen, sondern das Gewicht liegt auf allen Beteiligten gleichermaßen. Sandlers larmoyante, aber auch etwas resignierende Art und Weise, mit der er die Ursachen seiner Lebenslage ergründet, ist Schauspielkino, das sich auf Augenhöhe mit jener Dustin Hoffmans begibt, der herrlich selbstgefällig und lustvoll die Attitüden eines vergessenen Künstlers durch den Kakao zieht, ohne aber eine Parodie daraus zu machen. Baumbach hat ein Händchen für verbale Konflikte – bewiesen hat er dies zuletzt in seinem oscarnominierten Ehedrama Marriage Story mit Scarlett Johansson und Adam Driver.

Man könnte Adam Sandler und seiner Familie tatsächlich stundenlang zuhören. Man ist als Zuseher in dieser notgedrungenen familiären Gemeinschaft fast wie ein entfernter Verwandter, der doch irgendwie alles weiß über diese verpeilte Sippschaft, die sich einerseits selbst sehr leidtut, andererseits aber mit Mitgefühl geizt. Der Weg zum gegenseitigen besseren Verständnis ist eine filmische Genussmeile, und als eine Komödie zu bewundern, die durch ihre subtile Situationskomik scheinbar ausweglose Lebenssituationen erträglicher macht.

The Meyerowitz Stories (New and Selected)

I’m Thinking of Ending Things

WAS WAR, WAS IST, WAS SEIN WIRD

6/10


imthinkingofendingthings© 2020 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: CHARLIE KAUFMAN

BUCH: CHARLIE KAUFMAN, IAIN REID, NACH SEINEM ROMAN

CAST: JESSIE BUCKLEY, JESSE PLEMONS, TONI COLLETTE, DAVID THEWLIS, GUY BOYD, HADLEY ROBINSON, GUS BIRNEY, ABBY QUINN, OLIVER PLATT U. A.

LÄNGE: 2 STD 14 MIN


Wie ist es wohl, die Welt mit den Augen von, sagen wir mal, John Malkovich zu sehen? Spike Jonze hat uns das gezeigt, damals in den Neunzigern, inszeniert auf Basis eines Scripts von Charlie Kaufman, eines um mehrere Ecken denkenden und grübelnden Träumers, dem keine Idee zu absurd erscheint, um sie nicht auf welche darstellerische Art auch immer sichtbar werden zu lassen. Wenn John Malkovich also in sich selbst einsteigt, gerät das vertraute Universum komplett aus den Fugen.

Was ich damit sagen will: Wenn man als Künstler überhaupt keine Grenzen kennt (und damit meine ich nicht die des guten Geschmacks oder Zumutbaren) und in dieser ziellos umherschweifenden Spinnerei noch dazu Anklang findet, ist das wie das Paradies auf Erden für Kreative. Kaufmans bisheriger Höhepunkt ist zweifelsohne Eternal Sunshine of the Spotless Mind (Regie: Michael Gondry) mit Kate Winslet und Jim Carrey – eine wunderbar surreale Romanze, mit Liebe zum Detail und viel Verständnis für die schrulligen Seiten gehandicapter Erinnerungsvermögen. Und gerade trotz dieser jenseits aller Realität befindlichen Odyssee zweier Liebender findet dieser Film auch einen Weg, seine Geschichte geschmackvoll abzurunden. Zwar nicht gefällig, aber geschmackvoll. Und nachvollziehbar. Auch das muss gekonnt sein: Wilde Ideen im Zaum zu halten, damit nicht alles als verlorene Liebesmüh über den Tellerrand des Erfassbaren und Verständlichen tropft.

Mit vollem Schöpflöffel und viel zu kleinem Teller hantiert Charlie Kaufman nun ganz auf sich allein gestellt bei der frei interpretierten Verfilmung eines Horrorromans von Iain Reid mit dem Titel The Ending. Aus dieser anscheinend furchteinflößenden Vorlage zimmert Kaufman, der zehn Jahre lang keinen Film mehr gemacht hat und diesen laut eigener Aussage als letzte Möglichkeit ansieht, sich als Regisseur endgültig zu etablieren, ein surreales Gedankenexperiment, das sich in keiner Weise bemüht, den Schleier des Rätselhaften zu heben. Kaufmann scheint dafür keine Energie investieren zu wollen, sondern hangelt sich lieber von Assoziation zu Assoziation, egal, ob es nun andere verstehen oder nicht. Das war schon bei Synecdoche, New York so. Ein verkopftes Sinnieren, kunstvoll arrangiert zwar, aber völlig konfus. Vor vielen Jahren mal gesehen – und nichts davon ist hängen geblieben.

Bei I’m Thinking of Ending Things probiert Kaufman ähnliches, bleibt aber zumindest in der ersten Hälfte seines über zwei Stunden langen Kunstkinos den verdrehten Gesetzen eines aus der Zeit gefallenen Universums treu, welches einem Scherbenhaufen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft einige Splitter entnimmt, um sie als Mosaik wieder zusammenzusetzen. Das, was wir sehen, sind Auszüge aus der Lebensgeschichte der Eltern von Jake (Jesse Plemons), der eines Wintertages mit seiner Freundin Lucy (oder Lucia, oder Louisa – wie auch immer) diesen auf ihrer tief verschneiten Farm irgendwo im Nirgendwo einen Besuch abstattet. Dabei verzerrt sich die Wahrnehmung wie in den Filmen von David Lynch, in welchen wechselnde Identitäten stets eine große Rolle spielen und natürlich nichts ist, wie es eigentlich scheint. Dabei nimmt die Figur der Frau mit vielen Namen – dargestellt von Jessie Buckley, die ihre Kleidung so oft wechselt wie ihren Beruf und ihre Biographie – diese vertrackte Welt weitestgehend als selbstverständlich hin, während sich das, was laut ihrer Stimme aus dem Off nicht stimmen soll, in erster Linie auf die Beziehung mit Jesse Plemons bezieht.

Faszinierendes – und im Gegensatz zu David Lynch – weniger bedrohliches Kernstück des Films spielt sich im rustikal ausgestatteten Anwesen der Eltern Toni Collette und David Thewlis ab, die einmal jung, einmal alt, einmal bettlägerig und dann gebrechlich durchs Haus geistern. Hier ballt sich die vierte Dimension zu einem momenthaften Abendessen zusammen, das sich wie ein Traum anfühlt, in dem man nicht so genau weiß, was alles nicht stimmt. Bei genauerem Hinsehen geben diese Anomalien dann den richtigen Hinweis. Konstant als einziger bleibt eigentlich Jake, alles andere irrlichtert um ihn herum, als würde Jake irgendwo anders sich selbst denken, oder darüber nachdenken, was war und was hätte sein können. Eine reizvolle, erstaunliche Idee, die Kaufman zwar düster, aber herzenswarm auf den Punkt bringt – die ihm aber dank seiner Fabulierlust und je länger der Film dauert, zwangsläufig entgleiten muss. Zu viel Bedeutung, zu viel Symbolik; seltsame Intermezzi, die niemand versteht, und gefühlt elendslange Dialoge über für den Film völlig irrelevante Kulturgüter türmen sich übereinander. Darunter das eigentlich sehr sensibel konstruierte Philosophikum, dessen kryptische Untermauerung maximal als Ventil für Kaufmans absurde Anwandlungen Sinn macht.

I’m Thinking of Ending Things

Beast – Jäger ohne Gnade

AUF LEISEN PFOTEN KOMMT DER TOD

5/10


beastjaegerohnegnade© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, ISLAND 2022

REGIE: BALTASAR KORMÁKUR

CAST: IDRIS ELBA, SHARLTO COPLEY, IYANA HALLEY, LEAH JEFFRIES, MARTIN MUNRO, DANIEL HADEBE U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Können Tiere so etwas wie Rache empfinden? Den Elefanten sagt man ähnliches Verhalten schon die längste Zeit nach. Elefanten – die vergessen selten etwas (im Gegensatz zu mir), schon gar nicht Zweibeiner, die Ihnen im Laufe ihres Lebens Böses angetan haben. Menschenaffen sind da schon mehr auf unserer Seite, allerdings erfolgt diese Art der Vergeltung unmittelbar, ohne von langer Hand geplant worden zu sein. Über Großkatzen indes gibt es so manche mit Vorsicht zu genießende Legenden, die den Tieren mehr Vorsatz einräumen als anderen Lebewesen, die uns Zweibeinern am nächsten stehen. Deutlich plausibler sind da schon jene Prädatoren, die, gegen ihren natürlichen Speiseplan gerichtet, auf Menschen losgehen. Als die wohl bekanntesten Vertreter dieser Unart galten die Löwen aus dem Reservat von Tsavo, die um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert Kolonialisten wie Einheimische in Angst und Schrecken versetzten. Stephen Hopkins hat mit Der Geist und die Dunkelheit daraus einen Film gemacht und Michael Douglas sowie Val Kilmer zur Flinte greifen lassen. Und ja: Sogenannte Man-Eater gab’s und gibt’s nicht nur bei den Löwen – zum Ausgleich wütete in Asien auch so mancher Tiger.

Und jetzt – jetzt ist Südafrika dran. Baltasar Kormákur, Spezialist für Themen, in denen Homo sapiens schutzlos irgendwelchen Naturgewalten ausgeliefert ist und dabei vergeblich versucht, in kompromisslos konsequenten Ereignissen doch noch als Bewältiger hervorzugehen – dieser Baltasar Kormákur wandert nun von isländischen Meeren über den Himalaya immer weiter in südliche Gefilde, um endlich mal auf Safari gehen zu können. Das macht er nicht allein, sondern mit Superstar Idris Elba an seiner Seite. Und ja – Sharlto Copley, sowieso Südafrikaner, darf hier auch noch seinen Heimvorteil genießen. Zu den beiden gesellen sich zwei halbwüchsige Mädchen, Elbas Filmtöchter, die auf den Spuren ihrer verstorbenen Mutter unterwegs sind, und einfach nicht verstehen können, warum sich Papa von ihr noch zu Lebzeiten getrennt hat. Klar braucht es diesen familiendramatischen Unterbau, denn irgendwo muss der Haussegen ja schief hängen, um im Angesicht einer blanken Katastrophe wieder geradegebogen zu werden. Und diese Katastrophe kommt dann auch, während einer Wildlifetour durch ein inoffizielles Reservat, auf vier samtleisen Pfoten angepirscht. Ein Löwe hat es auf Menschen aller Art abgesehen. Ein Löwe macht eine ganze Spezies verantwortlich dafür, dass Wilderer sein Rudel getötet, in alle vier Winde verstreut und eingefangen haben. Ein Löwe schwört jetzt Rache. Und dabei ist egal, wie sehr zum Handkuss Idris Elba unschuldigerweise kommen mag. Mensch ist Mensch, und Tier ist Tier.

Beast – Jäger ohne Gnade orientiert sich stark an einem ganz bestimmten Meisterwerk der Survival-Suspense, nämlich an Jurassic Park. Statt eines T-Rex lässt nun ein Panthera leo sein Gebrüll los, und Erwachsene wie Kinder sind in ihrem fahrbaren Untersatz, der knapp am Abgrund hängt, schutzlos ausgeliefert. Da wir ungefähr wissen, welche Schrecken uns da erwarten, mag der Faktor der Unvorhersehbarkeit ein bisschen schwinden – um dem entgegenzuwirken, lässt Kormákur seine Protagonisten Dinge tun, die bar jeder Vernunft sind. Mutig – ja – aber auch äußerst doof. Doch wie gesagt: Mensch ist Mensch, und Tier ist Tier. Dass dem Löwen dabei menschliche Emotionen angedichtet werden, mag bei Disney gang und gäbe sein – bei Kormakur hätte ich mir da schon etwas mehr Respekt vor den Tatsachen erwartet. Doch andererseits: Im Kino dürfen Legenden gerne als Tatsachen betrachtet werden, also warum sich nicht ein spielfilmlanges Duell mit wilden Mähnen liefern?

Tatsächlich macht Idris Elba seine Sache wieder mal gut, obwohl man ihm ansieht, dass Beast – Jäger ohne Gnade jetzt nicht unbedingt zu seinen Herzensprojekten zählt. Das schöne Südafrika wird es ihm wohl angetan haben – wer würde denn nicht gern dort drehen wollen und dabei alles bezahlt bekommen? Viel Geld hat man auch für die Animation des Untiers ausgegeben. Es ist nicht zu erkennen, wann der Löwe echt ist und wann er aus dem Rechner kommt. Oder ist dieser überhaupt nur animiert? Von diesen Machern hätte sich zum Beispiel Prey einige Ezzes holen können – denn der wilde Bär im Predator-Sequel lässt bewegungstechnisch zu wünschen übrig.

Was mich dann doch überrascht, ist das von manchen Kritikern als hanebüchen bezeichnete Finale im Steppensand: Um dafür wirklich aufstöhnend mit den Augen zu rollen, würde ich mich vorher lieber genau in die Verhaltensforschung von Großkatzen einlesen. So allerdings kann ich das, was da abgeht, gar nicht so ganz als Schwachsinn abtun. Beast – Jäger ohne Gnade ist somit besser als befürchtet, wenngleich gemalt nach Zahlen und die Wucht einer erbarmungslosen Natur mag diesmal an den hochgekurbelten Fenstern eines geländegängigen, aber verkehrsuntüchtigen Fahrzeugs abprallen wie die blutigen Tatzen eines amoklaufenden Simba.

Beast – Jäger ohne Gnade

Das Licht, aus dem die Träume sind

SO SCHMECKT KINO

7,5/10


lastfilmshow© 2021 Neue Visionen


LAND / JAHR: INDIEN, USA, FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: PAN NALIN

CAST: BHAVIN RABARI, BHAVESH SHRIMALI, RAHUL KOLI, RICHA MEENA, TIA SEBASTIAN, DIPEN RAVAL, SHOBAN MAKWA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Blickt man auf die Geschichte der bildnerischen Künste, so ist ganz klar, wer hier als Meister des Lichts gelten kann: William Turner. Und ja, natürlich, Claude Monet. In der Filmwelt gibt es dann doch noch einige weitere Kandidaten, mehr als eine Handvoll, die das Licht, aus dem die Träume sind, so einfangen können, dass es nicht nur dekorativen Zwecken nutzt, sondern als eigene narrative Ebene zum Verständnis des Films beitragen kann. Zu diesen Meistern des Lichts zählt zweifelsohne der Inder Pan Nalin. Ein Indepententfilmer, der mir vor einundzwanzig Jahren mit seinem Meisterwerk Samsara schon die Sprache verschlagen hat. Das Himalaya-Epos über einen buddhistischen Mönch, der vom profanen Leben angezogen wird wie die Motte vom Licht, führt jenseits der Wolken – strahlend blauer Himmel, zerklüftete Gebirge, in den Fels eingebettete Klöster, dazu ein hypnotischer, längst nicht altbackener Score zwischen Moderne und indischer Klassik. Samsara ist eine Wucht, wagt sich in Sachen Perspektiven weit vor, experimentiert mit Kontrasten und feiert die Farbe wie bei einem Holi-Fest.

Nach einigen weiteren Filmen – darunter einer ebenfalls bildstarken Ayurveda-Doku oder dem Frauendrama 7 Göttinnen – erschien zum Tribeca Filmfestival 2021 seine Hommage ans Kino der guten alten Zeit: bildgewaltig, sinnlich und fabulierend: Last Film Show – oder eben: Das Licht, aus dem die Träume sind. Zugegeben, eine Übersetzung, die vermuten lässt, es hier mit einem Nicholas Sparks-Roman zu tun zu haben. Dem ist aber logischerweise nicht so, wenngleich das Licht, wie bereits vermuten lässt, alle Stückchen spielt. Das hat damals schon, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, bereits Georges Méliès erkannt. Und später die Gebrüder Lumière. Mit dem Licht lässt sich allerhand anstellen. Es lassen sich Bilder zum Laufen bringen. Und es lassen sich anhand dieser Bilder Geschichten erzählen. Der Film war geboren, das laufende Bilderbuch ohne Umblättern und Mitlesen, sondern eben nur zum Staunen. Pan Nalin dürfte das Kino ebenfalls schon in jungen Jahren fasziniert haben, was in Indien keine Kunst sein muss, ist der Subkontinent doch der eifrigste Filmproduzent der Welt – ein Umstand, von welchem wir im Westen nur die Spitzen sämtlicher Eisberge wahrnehmen können – der Rest ist Bollywood mit immer ähnlichen Formeln und Farben und ganz viel Gesang. Oft stundenlang, aber mit unvermindertem Herzblut und wirbelnden Saris. Pan Nalin findet aber einen anderen, weniger gefälligeren Zugang. Er weiß, dass es mehr gibt als nur das, was Indien bewegt. Er kennt Chaplin, Godard und Kubrick. Er würdigt Tarantino und Scorsese. Und er will die Essenz von alldem nicht aus den Augen verlieren. Den Anfang, das Alpha, die Big Bang Theory, warum und wodurch Film eigentlich möglich wird. Was ist das Eigentliche, was Bilder und Publikum bewegt? Was tut man mit dem Licht, und was braucht man dafür? Was macht Film zum Erlebnis? Und wen berührt es?

In diesem Fall den neunjährigen Samay (grandios: Bhavin Rabari), der im Westen Indiens, am Rande eines Reservats voller Löwen und Großwild, eines Tages mit Papa an der Seite im Kino sitzen darf, um einen schwer religiösen Hindu-Streifen über Göttin Kali zu bewundern – ihr wisst schon, die blauäugige Dame mit der herausgestreckten Zunge und den vielen Armen. Ab diesen Moment ist es um Samay geschehen – er will Filme machen. Verstehen, wie so etwas funktioniert. Dem Vater schmeckt das gar nicht, denn Filme sind lasterhaft und verdorben, mit Ausnahme eben solche über Kali und Co. Der Junge aber hat seinen eigenen Kopf, schwänzt die nächsten Tage die Schule und schleicht sich dank eines Deals mit dem Filmvorführer Fazal in den Vorführraum des Galaxy-Kinos, bringt diesem die köstlichen Speisen seiner Mutter und darf durch ein Guckloch alles sehen darf, was hier so läuft. Obwohl dank dieser besonderen Konstellation glückselig, will Samay auch seine Freunde daran teilhaben lassen. Also stiehlt er Filmrollen und versucht, das Knowhow von Fazal über Film und Technik in einem verlassenen Gebäude abseits des Dorfes in die einfache Praxis umzusetzen. Und siehe da – irgendwann funktioniert es. Dank Grips, Improvisationstalent und der enormen Kreativität aller Beteiligten.

In den Szenen, in welchen das „Kinderkino“ immer mehr Gestalt annimmt und das Einmaleins des Mediums Film von der Pike auf erklärt, gerät Last Film Show zum Meisterwerk. In humorvoller und erfrischender Betrachtung schenkt Pan Nalin dem Kino all seine Liebe. Und nicht nur dem Kino: Auch dem Licht, dass durch Buntglas geschickt oder vom Spiegel reflektiert wird, durch ein Gitter fällt, durch Staub zum Strahl wird oder die Hand Samays berührt. Last Film Show erzählt im Grunde seines Wesens eine recht unspektakuläre Geschichte, fast alltäglich. Doch gerade dort, zwischen den Schmalspurlinien einer bald ausdienenden Eisenbahn und dem entwendeten Sari der Mutter als Leinwand, ruht ein zauberhafter Charme, der auch schon in Guiseppe Tornatores Cinema Paradiso, untermalt von Ennio Morricones melancholischen Klängen, berührt hat. Nicht das große Wumms, sondern kleine Ideen werden mal was Großes. Last Film Show beginnt am Anfang von etwas, wie der immer wieder zitierte Klassiker 2001, in welchem unter Also sprach Zarathustra der Urmensch den Knochen als Werkzeug erkannt hat.

Nalins Film ist eine spielerische Odyssee der Erkenntnis und der Wahrnehmung. Letzteres geht manchmal gar über die Leinwand hinaus, wenn der Meister des Lichts den Geruch und Geschmack indischen Essens, das ebenso aus einzelnen wichtigen Zutaten besteht wie das Medium Film, erfahrbar werden lässt. Wenn dann unter Blubbern und giftigen Dämpfen das Ende allen Zelluloids einen Neuanfang einläutet, wird Last Film Show zum dokumentarischen Paradigmenwechsel und blickt – gar nicht mal so wehmütig – zurück auf eine Ära, die gehuldigt werden muss, denn ohne sie gäbe es das Kino nicht. Egal, wie einfach heutzutage das Licht auf die Leinwand geworfen wird.

Das Licht, aus dem die Träume sind

Wir

DIE SCHATTEN IHRER SELBST

6/10


wir© 2019 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: JORDAN PEELE

CAST: LUPITA NYONG’O, WINSTON DUKE, SHAHADI WRIGHT-JOSEPH, EVAN ALEX, ELISABETH MOSS, TIM HEIDECKER, CALI & NOELLE SHELDON, ANNA DIOP U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Der Ex-Comedian und Synchronsprecher Jordan Peele hat schon längst, wie das Kino der Gegenwart bestätigt, frischen Wind um die bereits etwas angestaubten Säulen jener Kunstform wehen lassen, die wir so lieben. Das hat mit Get Out begonnen und mit Nope, der diesen Sommer in den Kinos lief, seinen Höhepunkt erreicht. Nämliche Science-Fiction-Mystery hat mich als kurioses Meisterwerk zwischen Horror, Gesellschaftskritik und rätselhafter Fantasy so richtig überzeugt, nachhaltig beeindruckt und Lust auf mehr von einer Art Film gemacht, die völlig neue Wege geht. Nope ist Jordan Peeles bester und größter Wurf. Was ich nun, nach Sichtung des obskuren Zweitwerks Wir, letzten Endes bestätigen kann. Denn Peeles blutige Doppelgänger-Farce, die mit der beklemmenden Panik einer Home Invasion sein Publikum in eine Ausweglosigkeit manövriert, die nur der tröstende Schoß eines Alles-ist-möglich-Kinos retten kann, errichtet natürlich eine kreative Basis für sein Geschichte, zögert aber, um das Geheimnis hinter dem Horror zu lüften, viel zu lange, um auch nur einige wenige gehaltvolle Brotkrumen zu streuen. Das Hinterherhudeln mit der Aufklärung all der bedrohlichen Ereignisse stößt so manches fein errichtete Detail von seinem Platz, denn man will die Geschichte schließlich so abrunden, damit sie plausibel erscheint. Was nicht ganz gelingt.

Doch der Reihe nach. Anfangs begibt sich eine Familie rund um Ada (stark: Lupita Nyong’o) auf Sommerurlaub an einen vertrauten Ort – ein Bungalow am Wasser, nicht weit vom dicht bevölkerten Strand entfernt, an welchem Papa Winston Duke gerne entspannen würde – Ada allerdings nicht, hat sie doch in Kindheitstagen dort in der Nähe am Fuße eines Rummelplatzes und in einem seltsamen Spiegellabyrinth Dinge erlebt, die sie nachhaltig und bis heute verstört haben. Es war, als hätte sie sich selbst gesehen – was aber auch nur Einbildung gewesen sein könnte. Jedenfalls trägt sie dieses Trauma mit sich herum, und es bricht sich Bahn, nachdem eines Abends eine Familie in der Einfahrt des Hauses steht, die – ebenfalls vier Mann hoch – genauso aussieht wie jene, die in Kürze ihrer Freiheit beraubt werden, da diese Doppelgänger etwas im Schilde führen, was sich dank der krächzenden Stimme von Adas Spiegelidentität nicht wirklich gut nachhören lässt. Aber seis drum: Der grimmige Schlagabtausch zwischen den unheimlichen Besuchern und der ums Leben bangenden Familie möge beginnen. Jordan Peele geht in die Vollen, schickt sein Ensemble in den physischen Kampf, und zwar viel früher als bei Get Out, wo Daniel Kayuula erstmal diplomatisch agiert. Wir wissen: Die Familie muss für etwas bezahlen, wovon niemand etwas weiß. Leider wir als Zuseher auch nicht.

Peele setzt ins Zentrum seines augenzwinkernden und mitunter auch ironischen Albtraums die hitzige Action eines Widerstands gegen psychopathische Gewalt. Fast fühlt es sich an, als wären die Body Snatchers auf Gottes Erden gelandet, oder irgendeine Schattenwelt wie in Stranger Things hätte ihr Portal geöffnet, um sinistre Gegenbilder aufrechter Bürger Zombies gleich auf eine funktionierende Welt loszulassen, die bald ihre Zügel aus der Hand gibt. Die Vermutung einer Verschwörung bestätigt sich, und Jordan Peele beginnt zu schwurbeln.

Was Lupita Nyong’o bereits in der Prologszene als Kind Gruseliges hat erleben müssen! Alles beginnt mit einem Blick in die Vergangenheit, um das Jetzt besser zu platzieren. Dieses scheinbar wie aus einem anderen Film herbeigeführte Extra an Information gibt’s bei Nope genauso. Eine Spezialität bei Peele. Das macht das Ganze aber so richtig interessant. Und dennoch gelingt Peele dieser Spagat zwischen Anfang und dem Moment, in dem er die Katze aus dem Sack lässt, nur mit gerissener Hose. Der seltsamen und an den Haaren herbeigezogenen Wahrheit fehlt ein plausibler Unterbau. Erklären kann Peele diese nicht. Es bleibt wie ein vager Traum, der Elemente einer Was-wäre-wenn-Vision nicht so nutzen kann, als wäre die Wahrheit dahinter wirklich möglich. Das ist sie nicht, darum scheint es Peele auch hinzunehmen, dass die Thriller-Komponente zwischen seinen angedachten Schreckensvisionen wichtiger wird als alles andere. Und ja: diese fährt auch auf Hochtouren – so blutig wie zynisch und mit jeder Menge Galgenhumor. Vielleicht wäre es da sogar besser gewesen, vieles im Vagen zu belassen oder überhaupt nicht zu erklären. Vielleicht auch nur anzudeuten, statt aufzulösen. Bei Nope ist ihm die Balance perfekt gelungen. Bei Wir lässt sich durchaus vermuten, dass die Idee für Peele selbst nicht ganz rund war, dieser aber scheinbar fasziniert davon gewesen zu sein, dass Menschen von sich selbst heimgesucht werden. Demzufolge dürfte das Skript nicht aus einem Guss entstanden, sondern mehrmals ergänzt und überarbeitet worden zu sein, bis es halbwegs hinhaut – was sich auch deutlich erkennen lässt.

Die gesellschaftskritische Ebene wie bei Get Out oder Nope sucht man bei Wir anderswo, dafür ist die Prämisse darin zu bemüht und konstruiert, um den subversiven Angriff auf unsere Zeitgeist-Manieren abzufeiern.

Wir

Wild Men

EIN MANN FÜR ALLE FELLE

5/10


wildmen© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, NORWEGEN 2021

BUCH / REGIE: THOMAS DANESKOV

CAST: RASMUS BJERG, ZAKI YOUSSEF, BJØRN SUNDQUIST, SOFIE GRÅBØL, MARCO ILSØ, JONAS BERGEN RAHMANZADEH, HÅKON T. NIELSEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Wo, wenn nicht in Norwegen, lässt sich die Rückkehr des archaischen Männerbildes besser zelebrieren? Man nehme zum Beispiel die beeindruckend in Szene gesetzte Legende von Ragnar Lodbrok her: ein Wikinger durch und durch. In der höchst erfolgreichen Serie Vikings dürfen tätowierte Kahlköpfe mit Rauschebart die Axt und sonst was schwingen. Es fließt Blut jede Menge, Ehre und Verrat wechseln sich auf verlässliche Weise immer wieder ab. Da weiß man wieder, was das für Männer waren. Männer, die es heutzutage nicht mehr gibt. Denn heutzutage zwängen sich Männer viel lieber in ihren Slim Fit-Anzug, schlüpfen in ihre Designerschuhe und schmeißen stundenlange Meetings. Oder aber sie ackern scheinbar endlos als Workaholic vor irgendwelchen Bildschirmen und sind zwar Meister der Informatik, haben aber sonst ganz vergessen, wie es sich anfühlt, in einen Ameisenhaufen zu steigen, einen Speer zu schnitzen oder eine Flamme zu entfachen, und zwar mit Zunder und Feuerstein.

Konnte das Ragnar Lodbrok auch? Vermutlich – wir wissen es nicht, und Martin, der gerade bis über beide Ohren in einer Midlife Crisis steckt, weiß es auch nicht, will aber der Sache auf den Grund gehen. Also lässt er Frau und Kind einfach im Stich und zieht von Dänemark nach Norwegen in die Wildnis. Dorthin, wo ihn niemand findet. Er wechselt seine Kleidung gegen Felle und lässt fast alles, was ihn sonst auch nur irgendwie an die müde Alltagsblase erinnert, hinter sich (außer seines Mobiltelefons: das ist für den Notfall, versteht sich). Womit er jagt, das sind Pfeil und Bogen. Doch das Besitzen dieser Dinge heißt nicht gleich, dass Mann damit umgehen kann. Martin kann es nicht und würde sonst verhungern, würde er nicht ab und an in den nächsten Tankstellenshop einfallen und Essbares rauben wie seinerzeit die vorbildlichen Männer aus grauer Vorzeit. Wenig später findet er in den Wäldern den verletzten Musa – einen Kriminellen, dem nicht wohlgesonnene Drogenschmuggler auf den Fersen sind. Die folgen dem Duo bald über die Berge, und auch die Polizei ist bald hinter Martin her, genauso wie dessen desperate Ehefrau, die dem Gatten ordentlich die Leviten lesen will.

Mit einer psychologisch durchdachten Komödie über das Scheitern eines überzeugten Aussteigers ist Wild Men vom Dänen Thomas Daneskov nur bedingt zu vergleichen. Oder aber auch gar nicht. In den ersten Szenen, in welchen ein bewusst unfreiwillig komischer Rasmus Bjerg nicht nur mit der Krise eines ereignislosen Alltagslebens hadert, sondern auch mit dem Vorhaben, dem Ideal des harten Mannes nahe zu sein, spielt Daneskov bereits die höchsten Karten aus. Der Einbruch in den Supermarkt ist das ironische Zeugnis eines Selbstbetrugs – aus dieser Situation hätte man ein tragikomisches Survivaldrama bergauf und bergab jagen können. Doch leider will der Regisseur etwas anderes. Er will eine kauzige Krimikomödie drehen, die sich trotz der ungewöhnlichen Ausgangssituation dem normalen Genrealltag des Kinos mehr anbiedert als für diese Thematik zu empfehlen gewesen wäre. Da jagen stereotype Verbrecher hinter Martin und seinem Schützling her, von der anderen Seite kommt die Staatsgewalt mit unmotivierten Polizisten, die zu Feierabend daheim sein wollen. Alles schön und gut, und ja – ganz nett. Aber dafür, dass der Film so klingt, als wäre er eine komödiantische Mischung aus Beim Sterben ist jeder der Erste und City Slickers, angereichert mit dem eigentümlichen und gerne sarkastischen Humor Skandinaviens, fällt Wild Men viel zu gezähmt aus. Oder soll genau das der ironische Witz sein?

Wild Men

I Came By

IM SCHATTEN DES ESTABLISHMENTS

6,5/10


ICameBy© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

BUCH / REGIE: BABAK ANVARI

CAST: HUGH BONNEVILLE, GEORGE MACKAY, PERCELLE ASCOTT, KELLY MACDONALD, ANTONIO AAKEEL, VARADA SETHU U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Anarcho-Sprayer sind die Erzeuger oft unliebsamer Hinterlassenschaften auf Wänden des öffentlichen Raumes, meist sind es Gang- und Clan-Symbole, manchmal einfach nur ein Pimmel oder unfertiges, wirres Zickzack an Linien, die, wäre man vermutlich nicht erwischt worden, ein Schriftbild abgegeben hätten, das durchaus einen Hingucker wert gewesen wäre. Dann gibt es die Graffiti-Künstler, die Street Art auf ein neues, bereicherndes Level heben – egal, ob in einer Nacht- und Nebelaktion fabriziert oder von liberalen Bezirksvorstehern in Auftrag gegeben. Berühmtester X-Faktor: Banksy. Doch wie wäre es, würden militante-Graffiti-Schreiberlinge einfach in Wohnungen des Establishments einsteigen, um ihre Botschaften zu hinterlassen, die mitunter wäre: Ich war hier, auf gut Englisch: I Came by. Gut, das ist weniger aussagekräftig als Die fetten Jahre sind vorbei, so gesehen in gleichnamigem Film mit Daniel Brühl. Im Suspense-Thriller des britisch-iranischen Autorenfilmers Babak Anvari (u. a. Under the Shadows od. Wounds mit Armie Hammer) schleicht sich der dreiundzwanzigjährige Toby (George MacKay, u. a. 1917) in die Anwesen reicher Bonzen, um diesen mit dem ewig gleichen Schriftzug ihre Verletzbarkeit unter die Nase zu reiben – ihren Tanz auf Messer Schneide, von der man leicht abrutschen kann und in die Arme eines weniger begünstigten Mobs zu gelangen, der die neue Revolution gegen die Kluft in der Gesellschaft anführt. So könnte man es also sehen, braucht dafür aber die Muße, das Ganze entsprechend zu interpretieren.

Wie auch immer – bei einem dieser Einbrüche gelangt Toby im Alleingang in das stattliche Herrenhaus eines pensionierten, allerdings immer noch recht einflussreichen Richters, der im Keller seines Hauses Dinge treibt, die rechtschaffene Menschen wohl schockieren würden. In Panik versetzt, versucht der junge Anarchist, seinen besten Freund dazu zu überreden, im dabei zu helfen, dem distinguierten älteren Herren das Handwerk zu legen. Doch daraus wird nichts: Jay, ehemals straffällig, will sich nicht wieder auf die schiefe Bahn bringen lassen, wird er doch bald Vater. Ein schwerer, aber nachvollziehbarer Fehler: Toby verschwindet spurlos, also muss seine verzweifelte Mutter ran, die über einen längeren Zeitraum versucht, das Geheimnis des verdächtigen Akademikers zu lüften.

Ein Mann, dessen verbrecherisches Tun man nicht beweisen kann, der aber garantiert Dreck am Stecken hat: Eine Art Suspense, die wir von Alfred Hitchcock kennen – bravourös umgesetzt in Das Fenster zum Hof. Bei I Came By wird die vage Vermutung schon bald durch die Gewissheit von Seiten des Zuschauers ersetzt – und dieser staunt nicht schlecht, wenn einer wie Hugh Bonneville, bekannt als Earl of Crawley aus der beliebten Fernsehserie Downton Abbey, trotz seines gefälligen Gehabes und jovialen Schmunzelns dieses auch tragen kann, um das Grauen im Verborgenen anzukündigen. Der elegante Brite gibt alles, um seinen House am Eaton Place-Charme abzulegen und kurvt in Gefilden herum, die ihm genauso gut zu Gesicht stehen. Mit diesem chamäloiden Farbwechsel, den auch Anthony Hopkins beherrscht, könnte Bonneville mit Leichtigkeit Rollen wie die des Hannibal Lecter besetzen. Der akkurate Finsterling, dem man auf den Leim geht, steht dem Briten also genauso gut wie der adelige Patriarch, der sich im goldgelben Licht vergangener Tage sonnt. Dank seiner Ambivalenz trägt der Schauspieler eine Bedrohung in den Film, die bis zuletzt nicht nachlässt. Im Gegenteil: Babak Anvari verzichtet darauf, einen Thriller zu erzählen, der bewährten Muster folgt. Viel mehr gelingt es ihm, die formelhafte Gunst für die Guten in die Kraft des Zufalls und der kompromisslosen Konsequenz zu sublimieren.

Durch weitgehenden Verzicht auf lang ausholende Erklärungen und der Chance, dem Zuseher vieles seinen Vermutungen zu überlassen, bleibt I Came By kaum abgelenkt auf der richtigen Spur, manchmal aber auf Kosten einer plausiblen Logik, die gerade in kleinen Szenen wie dem Knarren von Dielenböden oder lautstarkem Rumoren im Keller jene Konsequenz, die im Plot liegt, nicht übernehmen kann. Das ärgert zwar ein bisschen, andererseits aber ist die Absicht, als Thriller ganz woanders abzubiegen, lobenswert genug, um den Film dennoch zu empfehlen.

I Came By

Glass

BITTERE PILLEN FÜR PINKY & THE BRAIN

6,5/10


glass© 2019 Universal Pictures 


LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: M. NIGHT SHYAMALAN

CAST: JAMES MCAVOY, BRUCE WILLIS, SAMUEL L. JACKSON, SARAH PAULSON, ANYA TAYLOR-JOY, SPENCER TREAT CLARK, CHARLAYNE WOODARD, LUKE KIRBY U. A.

LÄNGE: 2 STD 9 MIN


Sie sitzen nicht in Arkham Asylum, aber immerhin in einer Psychiatrie, die weniger so aussieht wie Bates Motel: Drei Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Der eine unverwundbar, der andere so klug, dass er all seine Mitmenschen unter den Tisch taktiert, und der dritte bringt sowieso gleich dreiundzwanzig weitere Identitäten mit, die sich alle vor der vierundzwanzigsten und letzten fürchten, die da die Bestie genannt wird. Wir, die Kenner von M. Night Shyamalans eigentümlicher Superhelden-Trilogie, wissen noch genau, was Kevin Wendell Crumb in Gestalt eines eifrig auf die Differenzierung seiner Charaktere konzentrierten James McAvoy der jungen Anya Taylor-Joy alles abverlangt hatte, als er sie eingesperrt hielt, mit noch ein paar Mädchen mehr. Der Psychothriller aus dem Jahr 2016 hieß Split. Gehen wir noch weitere 16 Jahre zurück – ja tatsächlich, 16 Jahre – dann landen wir beim Superheldendrama Unbreakable – Unzerbrechlich. Mit so viel Abstand zwischen den Filmen lässt sich nur von einer losen Trilogie sprechen, die sich nicht allzu viel auf ihre Vorgänger berufen darf. Aber natürlich: schnell ist es passiert und Teil 1 und 2 sind nachgeguckt, um dann nahtlos mit Glass starten zu können, der das Schicksal aller drei Pro- oder Antagonisten (man weiß es nicht so genau) in seinen Händen hält.

Und so sitzen sie Dr. Ellie Staple (Sarah Paulson) gegenüber, einer Psychiaterin, die davon überzeugt ist dass sich keiner des Trio Infernal das Prädikat Superheld an die Fahnen heften kann. Was sie antreibt oder quält, sind lediglich pathologische Symptome, vorwiegend die Psyche betreffend. Dr. Glass erliegt dem Wahn, der Welt unbedingt mitteilen zu wollen, dass Superhelden existieren. Wendell Crumb ist offensichtlich ein Opfer seiner vielen multiplen Persönlichkeiten – und David Dunn? Könnte dank eines genetischen Defekts als bester Stuntman der Welt Karriere machen. Um den beiden Berserkern wie James McAvoy und Bruce Willis die Welt rechtmäßig zu Füßen zu legen – dafür ist Mr. Glass viel zu sediert. Er kauert ihm Rollstuhl, mit windschiefer Frisur und leerem Blick. Doch wieviel davon ist nur Tarnung? Und wer von den dreien ist wohl der Gefährlichste? Doch nicht etwa the Brain, jene Maus, die die Weltherrschaft erlangen will, während Pinky als tumber Haudrauf an ihrer Seite mit den Fäusten fuchtelt? Genau darauf aber läuft es hinaus. M. Night Shyamalan entwirft mit seinem kammerspielartigen Abschluss eine seriöse Pinky & Brain-Version seiner erdachten Comicfiguren. Einen Escape-Irrenhaus-Thriller oder Ausbruchsfilm, je nachdem, wie man die Institution, in der die drei untergebracht sind, wahrnehmen will.

Wie sinnvoll allerdings ist es, allen da draußen zu verkünden, dass Superhelden existieren? Eine gesellschaftspolitische Grundsatzfrage, die gefühlt fast 90% aller Comics zugrunde liegt, egal, ob Marvel, DC oder Dark Horse. M. Night Shyamalan bemüht sich aber, diese Frage so aussehen zu lassen, als wäre er der erste, der sie stellt. Wie wirkt sich das aus, wenn einer allein so viel Potenzial hat, um sich über alle Gesetze zu stellen? Wenn niemand ihm oder ihr etwas anhaben kann? Die Welt in The Boys zittert seit der ersten Folge der ersten Staffel, ob nicht einer der Sups sehr bald durchdrehen wird. Natürlich, das bringt eine Menge Probleme mit sich, wenn psychisch labile Persönlichkeiten (und das sind sowieso fast alle, die sich damit auseinandersetzen müssen, anders zu sein) die Faust auf den Tisch knallen, womöglich ohne Rücksicht auf Verluste. Genau darauf spielt Shyamalan an, und er liebt es, all dieses Legendenhafte seit den Comic-Anfängen auf seine verquere Art zu interpretieren. Helden, so der Meister des Mystery-Suspense, können niemals so integer, gerecht und wie Gandhi losgelöst von den eigenen Bedürfnissen sein, um als solche, eben Helden, die Welt in der Waage zu halten. Helden können nicht existieren, ohne dass irgendjemand keinen Schaden nimmt. Wenn, dann gestaltet sich ihr Auftreten als anarchischer Haufen einer Suicide Squad mit unberechenbaren Gemütslagen und natürlich sämtlichen Achillesfersen, die wie Krypton oder im Falle von David Dunn eben Wasser den ganzen Metabolismus in Mitleidenschaft ziehen.

Glass ist viel mehr analytisches Portrait als phantastischer Thriller. Das war Unbreakable – Unzerbrechlich auch schon. In einer enorm verletzbaren Welt wie die, in welcher Shyamalans Trilogie seine Handlung setzt, ist die Diskrepanz zu den gezeichneten Panels größer als irgendwo sonst. Umso fremdartiger und absurder wirkt der Gedanke, sich mit dem Unmöglichen zu arrangieren. Somit ist die unvermeidbare Götterdämmerung, die abseits spektakulärer Bilder und weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit vonstatten geht, die einzig mögliche Konsequenz.

Glass

Three Thousand Years of Longing

WAS WÜNSCHT SICH EIN FLASCHENGEIST?

7/10


threethousandyearsoflonging© 2022 Leonine


LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2022

BUCH / REGIE: GEORGE MILLER, NACH DEN KURZGESCHICHTEN AUS „THE DJINN IN THE NIGHTINGALE’S EYE“

CAST: IDRIS ELBA, TILDA SWINTON, AAMITO LAGUM, ECE YÜKSEL, MATTEO BOCCELLI, LACHY HULME, MEGAN GALE, BURCU GÖLGEDAR, ZERRIN TEKINDOR U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Bei George Miller weiß man eigentlich nie, was der Australier als nächstes macht. Und welches Genre er eigentlich bevorzugt. Man könnte ja sagen: ein bisschen was von allem. Miller betrachtet seinen Spielplatz Film nämlich von beiden Seiten. Da ist einerseits die postapokalyptische Kultfigur Mad Max: Action, Anarchie und Faustrecht. Andererseits sind da tanzende Pinguine im Animationsstil oder sprechende Schweine, die das Abenteuer suchen. Dazwischen vielleicht so etwas Intensives wie das True Story-Drama Lorenzos Öl. Miller ist vielseitig. Das beweist er nun auch seinem Publikum mit einer verspielten Tausendundeiner Nacht-Interpretation, die abrückt von einem orientalischen Helden wie Aladdin und das Leben und Leiden des Geistes aus der Flasche genauso ins Zentrum stellt wie dessen weibliches Pendant, genannt bezaubernde Jeannie, die jahrelang in einer Retro-Sitcom herbei- und fortzaubern konnte, was Major Nelson nur so in den Sinn kam. In Wahrheit aber – also in der erzählerischen Wahrheit phantastischer Geschichten – ist das Dschinn-Dasein eine Frage der Gunst Sterblicher. Mit drei Wünschen schon lässt sich so ein metaphysisches Wesen, bestehend aus elektromagnetischer Energie, in die Freiheit entlassen. Nicht und nicht mag das gelingen, über Jahrhunderte hinweg. Der dritte Wunsch bleibt der unausgesprochene. Von einer Flasche in die andere wandert also ein spitzohriger Idris Elba, der seiner Rolle Charisma, Charme, Naivität und Sehnsucht verleiht. Die Geschichten, die er im Istanbul der Gegenwart Narratologin Tilda Swinton erzählen wird, sind magisch, faszinierend und wie in einem Traum, den man vielleicht träumt, nachdem man einige Seiten der Märchen Salman Rushdies gelesen hat, wie zum Beispiel Harun und das Meer der Geschichten. In diesem Meer mag man auch bei George Miller versinken. Und man will nicht, dass sie enden. Tausendundeine Nacht sind dafür wohl nicht genug, tausendundzwei hätte man gerne.

Der Dschinn beginnt, nachdem die einsame Alithea ihn ungewollt aus einer im Basar erstandenen Glasflasche befreit hat, seine Erlebnisse aus der Zeit Königin von Sabas zu erzählen – in einer üppigen, hochstilisierten Bildsprache, die an Tarsem Singh (The Fall) erinnert, aber auch an Max Ernst oder dem Phantastischen Realismus eines Arik Brauer. Versponnene Geschichte wird zum inspirierenden Märchen, das später, in der Zeit der Kalifen, seine Fortsetzung nimmt. Auch hier: Üppige Ausstattung, orientalisches Geschichtenerzählen auf geknüpften Teppichen. Idris Elba schildert den Grund seiner Sehnsucht mit Überzeugung und Leidenschaft und gibt sich selbst auch dem leidenschaftlichen Spiel hin, während Tilda Swinton die Contenance bewahrt. Three Thousand Years of Longing ist ein Märchen- und Fantasyfilm der ungewöhnlichen Art, der mit gezügeltem Bildersturm sein Publikum nicht ermüden will, sondern vielmehr nach noch mehr lechzen lässt – und die Lust am Fabulieren, an den eigenen kreativen Gedanken und an Tagträumen in den Kinosaal streut.

So prickelnd Millers Film auch seine Philosophie des Wünschens und Nicht-Wünschens in Szene setzt, so rund und kompakt all seine Episoden wie aus dem Ei gepellt über den Boden von Istanbuls Hotelzimmer kullern, so unrund gelingt letzten Endes die Romanze zwischen der Menschenfrau und dem Ewigen. Für diese Beziehung bleiben Miller nur mehr karge Reste seines kreativen Inputs. Phrasen über Liebe übertünchen jene von Abhängigkeit und Loslassen. Es mag zwar immer noch eine gewisse Geschmeidigkeit in der Geschichte liegen – der elementare rote Faden aber verliert sich im Chaos der Moderne, deren Schattenseiten uns allen ohnehin bekannt sind und daher, so scheint es, etwas willkürlich zur Sprache kommen. Von den eskapistischen Geschichten möge es noch viele geben, nur bietet die Moderne den Zauber längst nicht mehr.

Three Thousand Years of Longing ist eine über weite Strecken fabelhafte Fabel über Storytelling und Sehnsucht, über Einsamkeit und offene Ohren. Über das besänftigende der Erfahrung und der Freiheit, sich aus Erlebtem inspirieren zu lassen für das Fiktionale. Um Liebe geht es hier nur peripher, auch wenn Miller da das Gefühl hatte, mehr beitragen zu müssen als verlangt. Der letzte, gewisse Kniff in seinem Film bleibt somit aus, das Tüpfelchen vom i bei Dschinn fehlt – ganz so wie der letzte Wunsch, der lange unerfüllt bleibt.

Three Thousand Years of Longing

Mayday

SCHIFFEVERSENKEN AUF #METO

4/10


mayday© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: KAREN CINORRE

CAST: GRACE VAN PATTEN, MIA GOTH, SOKO, HAVANA ROSE LIU, JULIETTE LEWIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Junge Frauen, die sich in eine Alternativwelt flüchten – ein Szenario, das nicht erst seit Zac Snyders Sucker Punch vertraut vorkommt, einem Psycho-Action-Mix, der sich darum bemüht hat, die Genregrenzen zu sprengen, dabei aber beiden Komponenten, nämlich phantastischen Schauwerten und psychologischem Drama, nicht gerecht werden konnte. Wir drehen das Rad noch weiter zurück und landen bei Lewis Carrolls Alice im Wunderland, ein Fluchtort mit Hasen, Eierköpfen und einer Armee Rummykarten, die von einer Herzkönigin angeführt werden. Natürlich steckt da in diesen Abenteuern viel mehr als nur bis ins Surreale ausufernde Fantasie – es ist das symbolistische Psychogramm einer Mädchenseele, ein reichlich illustriertes Coming of Age mit allerlei heimtückischen oder bedrohlichen Hindernissen. Zwischendurch gibt’s weise Raupen oder grinsende Katzen. Sehr viel später gab‘s zum Sundance Filmfestival 2021 eine ganz andere filmische Herangehensweise zur Analyse weiblicher Befindlichkeiten: Mayday nennt sich dieser Film, und er lässt vier Mittzwanzigerinnen an einer mediterran anmutenden Meeresküste aufeinandertreffen, die sich als irgendwo in Kroatien erkennen lässt.

Pinienwälder und Felsküsten, klares Wasser noch dazu. Ein Ort, an dem Mann und Frau es durchaus lange aushalten könnten? Prinzipiell ja, doch der maskuline Part ist hier unerwünscht. Es lebe die vereinte #MeToo-Exekutive, verschanzt in einem alten, gestrandeten U-Boot, mit dem einzigen Lebensziel, toxischer Männlichkeit mit toxischer Weiblichkeit zu begegnen. Männer sind Schweine, und nichts anderes scheinen diese verdient zu haben. Überdies herrscht Krieg. Krieg zwischen den Geschlechtern, und während der militante Feminismus Land gewinnt, saufen die Männer regelrecht ab. Das passiert, indem das Viererteam nichts anderes tut, als falsche SOS-Funksprüche abzusetzen, um von Männern besetzte Panzerkreuzer in unwirtliche Gegenden zu steuern, aus denen es kein Zurück mehr gibt. Ein Krieg also wie Schiffe versenken.

Ana, die nach ihrem Suizid in einem Backofen (wie bitte, was?) als letzte zu den selbsternannten Amazonen stößt, wird im Laufe ihres neuen Lebens an dieser Küste den niemals enden wollenden Krieg langsam hinterfragen. Eine Konfrontation mit ihren Leidensgenossinnen ist nur noch eine Frage der Zeit. Genauso wie das Ende eines schleppend inszenierten Kunstfilms, der wohl im Dunstkreis der längst überfälligen und notwendigen #MeToo-Bewegung von Autorenfilmerin Karen Cinorre entworfen und umgesetzt wurde. Im frei fabulierbaren Independentkino (und zum Glück ist das so, sonst hätten wir nur generische Marktforschungsergebnisse auf der Leinwand) können Künstlerinnen und Künstler oft tun und lassen, was sie wollen, vorausgesetzt, dass das, was sie auszusagen haben, jene, die das Ganze subventionieren, überzeugen kann. Für einen Film über Stärke und Selbstbestimmung des weiblichen Geschlechts war Geld vorhanden, allerdings bei weitem nicht so viel wie für Sucker Punch. Mayday begnügt sich mit allerlei Kompromissen – visueller und narrativer Natur –, die das traumartige Wunderland-Szenario ausbremsen. Man erkennt das Bedauern in dem Film, Abstriche machen zu müssen. Dafür rücken Schauspielerinnen wie Mia Goth (X), die sich im Männerhass suhlt, dominant ins Bild eines leidlich spannenden Alltags aus redundanten Aktivitäten und unbeholfenen Scharmützeln.

Mayday verurteilt zwar den Mutwillen, alles Männliche als frauenfeindlich und sexistisch zu betrachten, kommt aber über ein Tanzen ums gemeinsame Lagerfeuer nicht hinaus. Mit anderen Worten: Das Drama wartet auf eine Flut, die niemals kommen wird.

Mayday