Judas and the Black Messiah

VERRAT AM VOLKSZORN

7/10


judasblackmessiah© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: SHAKA KING

CAST: DANIEL KALUUYA, LAKEITH STANFIELD, JERMAINE FOWLER, JESSE PLEMONS, DOMINIQUE FISHBACK, DARRELL BRITT-GIBSON, MARTIN SHEEN, ASHTON SANDERS U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Es kommt nicht oft vor, dass Academy Award-Filme, insbesondere, wenn sie für den besten Film nominiert sind, sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden und zumindest hierzulande in Österreich nicht mal einen Kino-Release wahrnehmen können. Daran hat natürlich auch Corona Schuld, doch nichtsdestotrotz hätte sich das zumindest mit zwei Trophäen geadelte Werk eine große Leinwand verdient. Ich kann mich noch erinnern, da war The Hurt Locker von Kathryn Bigelow längst auf Silberscheibe draußen, gabs erst nach dessen großem Triumph die bemüßigung, diesen Film nochmal in die Lichtspielhäuser zu bringen. Aber ich kann auch verstehen – angesichts dieser aufgrund des Rückstaus angehäuften Schwemme an Filmen kann der eine oder andere nicht mal mehr als vermisst gelten, weil es ohnehin (fast) niemandem auffällt.

Judas and the Black Messiah lässt sich nunmehr relativ bequem streamen, und wie erwartet tischt Regisseur Shaka King uns interessiertem Publikum eine durchaus packende Kriminaltragödie auf, die im weiteren Sinne Konflikte Bahn brechen lässt, die wir unter anderem aus Departed – Unter Feinden kennen. Es geht um Treue und Verrat, um Idealismus und Politik. Es geht zum Glück weniger um Ehre, denn die ist für ein Vaterland, das in seiner schnöden Version einer subversiven Apartheid Andersfarbige zumindest politisch unterdrückt, praktisch nicht vorhanden. Das wussten Leute wie Martin Luther King oder Malcolm X, bevor sie ermordet wurden. Und das weiß auch Fred Hampton, Bürgerrechtler und Aktivist für die Black Panther Party, die dem FBI schon seit längerem ein Dorn im Auge scheint. Wir schreiben Ende der 60er Jahre, und wie es der Zufall so will, findet FBI-Agent Mitchell (gefährlich jovial: Jesse Plemons) in dem findigen Autodieb William den richtigen Spitzel, um näher an den „Black Messiah“ ranzukommen. Zwischen diesem und Hampton entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft auf Vertrauensbasis, die Ideale für Black Panther werden selbst für William zur ernstzunehmenden Agenda, jedoch hindern ihn diese nicht daran, einen folgenschweren Verrat zu begehen.

Freundschaft, Feindschaft und die Sache mit Judas. Um bei diesem Vergleich zu bleiben: in der Bibel war dem Jünger der Verrat an seinem Herrn einen Beutel voll Silberlinge wert. Wer weiß, unter welchem Zugzwang der Mann wohl noch gestanden hat. Tatsächlich erinnert die neutestamentarische Figur an den ebenfalls von Reue, Angst und Idealismus gebeutelten Afroamerikaner William O’Neal – auch dieser wird sich einige Zeit später das Leben nehmen. Lakeith Stanfield (Knives Out, Der schwarze Diamant), genauso als Nebendarsteller für den Oscar nominiert wie Daniel Kayuula, der ihn ja schließlich erhalten hat, lässt das eigene Heil über volksvereinigenden Idealismus obsiegen, dabei ist ihm ersteres, so wie er es darstellt, nicht zur Last zu legen. Das inkonsistente Changieren der Black Panther zwischen unverhohlenen Terror-Ambitionen, Revolutionsgedanken und sozialem Engagement hat es damals nicht leicht gemacht, das eigene Leben unter eine militanten Linie zu stellen. Daniel Kayuula, seit Get Out im Kino nicht mehr wegzudenken, hat nicht weniger Charisma als Che Guevara, trägt auch artig das Barett und wettert gegen Polizisten – eine starke Performance. Gemeinsam meistern die beiden einen Film, der im Vergleich zu anderen derartigen Politfilmen ungewohnt ausdauernd beim Thema bleibt. Natürlich alles in gewohnten inszenatorischen Bahnen, mit reichlich Zeitkolorit und Privatem dazwischen. Doch Shaka Kings Film wirkt neben seinen rekapitulierenden Auftrag auch in Anbetracht gegenwärtiger Umstände nicht wenig empört.

Judas and the Black Messiah

Don’t Breathe 2

(M)EINE TOCHTER GEHÖRT MIR

6/10


 

dontbreathe2© 2021 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


 

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: RODO SAYAGUES

DREHBUCH: RODO SAYAGUES, FEDE ALVAREZ

CAST: STEPHEN LANG, MADELYN GRACE, BRENDAN SEXTON III, ADAM YOUNG, FIONA O’SHAUGHNESSY, STEPHANIE ARCILA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Die Wandertrophäe eines Actionhelden geht nun an den nächsten, damit müssen wir und letztendlich abfinden. Was ich damit meine? Das blutige Feinripp von Bruce Willis. Das trägt nun jemand anderer, und zwar jemand, der gut und gerne John McClanes älterer Mentor hätt sein können. Stephen Lang ist der neue Tunichtgut für alle, die noch finsterer sind als die ewige Nacht, die der brummige Seals-Veteran stets vor Augen hat. Dem alten, weißen und weißhaarigen Mann sind schon anno 2016 einige grünohrige Jungspunde in den eigenen Vier Wänden durchs akustisch wahrgenommene Bild gestiefelt – den nächsten Morgen haben nur wenige erlebt. McClane hatte da zwar auch stets einen Bodycount zu verzeichnen, doch alles unter dem hellen Licht des Guten. Bei Norman Nordstrom sieht der Steckbrief anders aus. Der lakonische Misanthrop hat so einiges auf dem Kerbholz, seit Fede Alvarez‘ erfolgreichem Erstling wissen wir auch, zu welch perfiden Scheußlichkeiten er fähig sein kann. Sympathieträger ist er keiner. Dabei treibt ihn nur ein einziges Gefühl an: manische Trauer, und zwar die über seine verblichene Tochter. Seither versucht er vehement, an einen Ersatz zu gelangen.

Wer den Erstling allerdings kennt, wird sich bei Teil 2 anfangs etwas wundern. Denn es scheint, als wäre Don’t Breathe 2 sowas wie ein Prequel. Töchterchen Nordstrom scheint quietschfidel, allerdings darf sie weder zur Schule noch kaum sonst wohin. Die Vater-Tochter-Idylle wird jedoch bald durch wenig zimperliche, finstere Gestalten getrübt, die den Schützling nach einigem Hickhack mitgehen lassen. Der alte Nordstrom, sichtlich lädiert, ist aber nicht totzukriegen. Noch nicht. Wie es der Zufall so will, scheinen alle Wege geebnet, um endlich ordentlich blinde Wut zu entfesseln.

Blinde Wut – das erinnert mich an den bereits schon betagten Rutger Hauer-Klassiker aus den 80ern. Auch dort, im Film von Philipp Noyce, gab der Niederländer einen blinden Veteranen, der lieber das Katana als das Feinripp blutig hält. Der Schutz eines Kindes war auch hier oberstes Ziel. Und gäbe es Stephen Lang nicht, dafür aber einen Rutger Hauer in den besten Jahren, würde man nicht viel herum überlegen, um ihn als Norman Nordstrom zu besetzen.

Natürlich kann das Sequel den Schauplatz des Katz- und Mausspiels nicht mehr nur auf Nordstroms Anwesen reduzieren – das wäre zu viel vom selben, obwohl es eine Zeit lang den Anschein hat, dass es so bleiben würde. Doch nein – das Drehbuch von Alvarez und Rodo Sayagues, der diesmal Regie führt, hebt den neuen Thrill auf ein ähnlich perfides, aber leicht abgeändertes und mehr actionlastiges Level. Dramaturgische Kniffe und kuriose Wendepunkte, die die Handlung vorantreiben, sind klug gesetzt und lassen zum Glück fragwürdig handelnde Vollpfosten außen vor. Der Plot funktioniert besser als im Original, ganz besonders irritiert die Diffusion von Gut und Böse, wobei man vergeblich nach ersterem sucht und dennoch – vielleicht, weil die Figur des Mädchens so sehr danach drängt – mit dem geringeren Übel sympathisiert, dessen Identität während des Films aber zügig die Seiten wechselt. Nordstrom  als verlustverarbeitende Nemesis entfesselt somit schmerzhafte und brutale Action, die hätte John McClane vielleicht ein bisschen verstört. Stirb langsam also, mit einem Antihelden ohne Rückendeckung, und einer Schmerztoleranz, die fast schon anästhetisch scheint.

Don’t Breathe 2

Sweet Girl

BITTERE PILLEN FÜR AQUAMAN

5/10


sweetgirl© 2021 Clay Enos / Netflix

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: BRIAN MENDOZA

CAST: JASON MOMOA, ISABELA MERCED, MANUEL GARCIA-RULFO, JUSTIN BARTHA, AMY BRENNEMAN, RAZA JAFFREY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Müsse es nach diesem Film hier gehen, dürfte man allein aus Anstand und gesundem Moralempfinden nie wieder in eine Apotheke gehen. Was sich Pharmakonzerne oft leisten, und vor allem: wie sie es sich leisten – das lässt sich fast nur mit perfiden Methoden vergleichen. Einfach, um uns Normalsterbliche und Normalkranke, die immer wieder mal ein Schmerzmittel benötigen oder einen Spray für die verschnupfte Nase, allesamt in der Hand zu behalten.

Da mag schon das eine oder andere Mal was dran sein, schließlich geht es um unendlich viel Geld. Leider regiert das die Welt und somit auch die Gesundheit. Wen überrascht das noch? Selbst Altruismus bleibt nicht ohne Selbstzweck (siehe den Film Me, We). Wie weit Sweet Girl aber das Schreckgespenst finsterer Machenschaften aus der Kiste lässt, ist dann letzten Endes doch etwas lächerlich. Aber gut, schließlich will man Jason Momoa natürlich bis zur Weißglut treiben. Seinen Hass entfachen, seinen Sinn für hemdsärmelige Selbstjustiz. Grund genug hätte er dafür. Als Vater einer Tochter muss er mitansehen, wie seine bessere Hälfte dem Krebs erliegt. Und das nur deswegen, weil ein Pharmakonzern eingangs erwähnter Art lebenserhaltende Medikamente zurückhält, die längst getestet und verabreichbar wären. Nichts zu machen, die Zurückgebliebenen trauern, es vergehen einige Monate, plötzlich meldet sich ein investigativer Journalist, der das Zeug dazu hätte, besagtem Konzern das Handwerk zu legen. Ray Cooper (Momoa eben) soll dazu seine Aussage machen. Bevor es soweit kommt, wird der Journalist ermordet – und auch Cooper wäre dem Attentat beinah erlegen. Auch die Tochter überlebt – doch jetzt heißt es: Nicht mit uns. „Aquaman“ startet einen Rachefeldzug, um den Pharma-Fieslingen den Garaus zu machen. Tochter Rachel kommt natürlich mit.

Jason Momoa hat sich seit dem letzten Justice League kein bisschen verändert. Dieselbe Haarpracht, ähnlicher Bart. Nur diesmal in legeren Klamotten für Landratten, vorzugsweise mit Hoodie. Bevor dieser aber seinen Dreizack auspackt, greift er lieber zur Schusswaffe. Und hinterlässt alsbald ein Blutbad, stets im Beisein der Tochter. Ein schönes Vorbild. Auch in Sachen Vernunft und Moral. Zu glauben, auf diese Art die großen Geldmacher in die Knie zu zwingen, ist reichlich naiv. Doch die scheinen mit denselben Mitteln zu arbeiten, also ist es auch schon egal. Fernando Mereilles, der mit Der ewige Gärtner auf ganz anderen Wegen die Skrupellosigkeit der Konzern-Elite in den Fokus rücken konnte, oder eben Todd Haynes mit seinem unlängst höchst brisanten, authentischen Abwasser-Thriller Vergiftete Wahrheit – die hätten daraus einen relevanteren Film gemacht. Natürlich mit weniger Action, dennoch aber mit genug Toten.

Sweet Girl nutzt die fromme Ambition einer Wirtschaftskritik, um sich und seine kaltschnäuzig agierenden Protagonisten von der Leine zu lassen. Sie killen und ballern für eine gute Sache. Fragt sich nur, warum auf diese Art. Der Eindruck eines wenig durchdachten Drehbuchs macht sich breit. Eines Films, der will, dass Jason Momoa Radau macht. Jungstar Isabella Merced (u. a. Dora und die goldene Stadt) stiehlt dem hawaiianischen Hünen dabei aber vermehrt die Show. Sie scheint so unverwüstlich wie Alita und so wütend wie Retorten-Killerin Hanna – ein Highlight in einem sonst überschaubaren Low Budget-Film. Doch wer glaubt, dass das schon alles war, so kurz vor Ende, der darf dann noch mit einer Wendung rechnen, die wohl M. Night Shyamalan gerne gehabt hätte, braucht der doch immer seinen Plot-Twist. Allerdings: Dieser wirkt so, als hätte man ihn erst im Nachhinein eingefügt und lässt das bisher Erzählte mehr als bemüht erscheinen.

Sweet Girl

Killer’s Bodyguard 2

DIE UNGEZÄHMTEN WIDERSPENSTIGEN

7,5/10


killersbodyguard2© 2021 Paramount Pictures

LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: PATRICK HUGHES

CAST: RYAN REYNOLDS, SAMUEL L. JACKSON, SALMA HAYEK, ANTONIO BANDERAS, MORGAN FREEMAN, FRANK GRILLO, CAROLINE GOODALL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


Gäb’s für jedes Schimpfwort einen Euro in die Kaffeekassa, hätte sich das Sequel zu Killer’s Bodyguard womöglich selbst finanziert. Hier wird geflucht, was das Zeug hält, vorzugsweise aus dem Mund von Killerqueen Salma Hayek, die als hysterische Schreckschraube allen das Leben schwer macht. Selbst dem bereits sichtlich abgebrühten Samuel L. Jackson, der wirklich schon alles gesehen hat. Und Bodyguard Michael Bryce? Dem geht’s so wie Chefinspektor Dreyfus mit dem irren Clouseau: am Rande des Burnouts, und stets das Konterfei seines Schützlings vor Augen. Also wählt er das Sabbatical, zieht sich auf die italienische Insel Capri zurück und will mal nicht ans Bodyguarden denken. Kaum die erste Seite von Rhonda Byrnes The Secret gelesen, muss er im nächsten Augenblick schon in Deckung gehen. The Hitman’s Wife hat wieder alle Völker narrisch gemacht und braucht Bryces Hilfe, um ihren Gatten aus einer misslichen Lage zu befreien. Beide ahnen nicht, dass dieser Support eine Weltrettung von Bond‘schem Ausmaß nach sich ziehen wird, für welche die drei wohl am Ungeeignetsten scheinen. Oder aber vielleicht ist genau das der richtige Weg zur Lösung aller Probleme?

Nicht jeder Film steht und fällt mit dem Drehbuch. Nicht jeder Film hat ein solches auch nötig. Filme haben unterschiedliche Ambitionen. Manche wollen wirklich nur Geschichten erzählen. Manche das schale Libretto unter sensationellen Schauwerten begraben, hat es doch getan, was notwendig war, nämlich dem Film in eine gewisse Richtung zu lenken. So funktioniert das auch mit Killer‘s Bodyguard 2. Der Plot? Egal. Irgendwas mit einem beleidigten Griechen (Antonio Banderas mit künstlichem Haaransatz) und einem Computervirus, der ganz Europa lahmlegen soll. Prinzipiell würde einem da das Gähnen kommen. Nur nicht mit dem Trio Hajek, Reynolds und Jackson. Auch Teil 2 ist wieder heillos überzeichnet, ordinär, brutal und chaotisch. Allerdings ist sich die im Original erprobte Buddy-Chemie ihrer Qualitäten nun bewusst und legt hier noch einiges drauf. Es bleibt ein großer Spaß, Ryan Reynolds, der ja schon kurz davor in Free Guy wiedermal sein komödiantisches Talent bewiesen hat, dabei zuzusehen, wie er unentwegt den Kürzeren zieht. Wie er – einerseits weinerliches Papasöhnchen und kurz vor dem Nervenzusammenbruch, andererseits als pflichtbewusster Beschützer – eine Show abzieht, da gewinnt man wieder den Glauben an eine Wiederkehr der schnoddrigen Buddy-Komödien aus den 70ern und 80ern, vorzugsweise mit Gerard Depardieu und Pierre Richard. Samuel L. Jackson, immer noch der coolste Motherfucker auf diesem Planeten, tanzt gleich mit auf dem Parkett des Zoten-Humors. Wer führt, ist Nebensache, beide liefern sich gegenseitig die Pointen. Salma Hayek ist da nur das Zünglein an der Waage, denn bei dieser nonverbalen Schiene aus Blicken und Gesten, die Jackson und Reynolds fahren, bleibt die Furie mit Kinderwunsch außen vor. Dafür schimpft und ballert sie sich den Weg frei. Das ist derb, geschmacklos natürlich auch, nichts für Feinschmecker.

Und dennoch: Killer’s Bodyguard 2 ist um einen Tick sogar noch besser als der Vorgänger und man muss tags darauf immer noch schmunzeln, wenn einem Reynolds zerbröselndes Nervenkostüm wieder in den Sinn kommt. Spaß muss sein – und dafür ist der vorliegende Nonsens gerade richtig.

Killer’s Bodyguard 2

The Marksman – Der Scharfschütze

EIN MANN AN DER GRENZE

4/10


marksman© 2021 Leonine


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: ROBERT LORENZ

CAST: LIAM NEESON, KATHERYN WINNICK, JACOB PEREZ, JUAN PABLO RABA, TERESA RUIZ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Langsam wird er zu alt für diesen Sch… oder doch nicht? Müsste vorliegender Actionkrimi die eingangs erwähnte Feststellung berichtigen, so hilft alles nichts: Liam Neeson geht die Luft aus. Kann aber auch sein, dass es ganz schlicht und einfach die Rolle erfordert, so dermaßen genug vom Leben zu haben. Oder vom Filmemachen. Die Zeiten von 96 Hours scheinen lange vorbei, auch sein letzter Film – Honest Thief – hat sich da schon etwas eingebremst. Ein Leisertreten also, vor all diesen bösen, nimmermüden Buben, die als stereotype Abziehbilder dem alten Haudegen in der Sonne stehen. Irgendwie hat´s da was. Dabei wäre die Rolle des Marksman – also des Scharfschützen – auch eine dank- und denkbare für den mittlerweile über neunzig Jahre alten Clint Eastwood gewesen. Fragt sich nur, ob er die paar Prügelszenen auch noch so hinbekommen hätte wie Neeson. Wenn’s nämlich drauf ankommt, kann er das noch. Doch danach, wenn der Gegner am Boden liegt, heißt es verschnaufen.

In diesem Verschnaufmodus plätschert auch Robert Lorenz‘ schlichter Flüchtlingskrimi dahin, der nicht rein zufällig so aussieht, als wäre er im Grunde für Clint Eastwood bestimmt. Lorenz ist in erster Linie Produzent, und zwar für niemand geringeren als für den zum Kult gewordenen Dollar-Cowboy, und das schon seit Mitte der Neunziger Jahre. Clint Eastwood hat diese Rolle vermutlich abgelehnt. Morgan Freeman wäre noch in Frage gekommen. Oder Tommy Lee Jones. Hätten diese alternden Charakterköpfe ebenfalls eine ähnlich schleichende Stimmung erzeugt wie Neeson? Dabei ist letzterer nach wie vor gern gesehen, seit Schindlers Liste bleibt der Ire stets der Gutmensch, so widerborstig und eigenbrötlerisch und vielleicht so brutal er auch sein mag.

Als Grenz-Western beschreibt The Marksman – Der Scharfschütze eine Geschichte, die auf ein Post-It passt. Neeson als pensionierter US-Marine Jim Hanson (wie sonst könnte er so kämpfen) beobachtet tagaus, tagein den Grenzzaun zwischen Arizona und Mexiko, bis ihm eines Tages eine Mutter mit ihrem Jungen in die Arme läuft. Hinter den beiden her: austauschbare Handlanger irgendeines x-beliebigen mexikanischen Drogenkartells. Die Mutter stirbt, vorher nimmt sie Jim noch das Versprechen ab, ihren Dreikäsehoch zu seinen Verwandten nach Chicago zu bringen. Das macht er doch glatt, er ist schließlich ein Gutmensch, obwohl er vorgibt, mit dieser Entscheidung zu hadern und lieber seine Ruhe haben möchte. Doch es wäre kein Roadmovie der konventionellen Art, wäre das nicht der Beginn einer väterlichen Freundschaft mit einem durchaus aufgeweckten und souverän aufspielenden Jungdarsteller mit dazwischen platzierten, bleihaltigen Intermezzi.

Man könnte in The Marksman ja zwischendurch mal einnicken, ohne viel zu versäumen, aber bitte nur dann, wenn Neeson ebenfalls die Müdigkeit übermannt. Schwer schleppt sich der kleine Film über die Straßen. Um das Ganze etwas zu verdichten, bemüht sich Vikings-Star Katheryn Winnick völlig leidenschaftslos und formelhaft in einer undankbar rausgekürzten Rolle als Jim Hansons Tochter.

Wenn schon ein später Neeson, dann zumindest lieber Honest Thief. Ich hoffe ja doch, dass im kommenden LKW-Abenteuer The Ice Road der Sympathieträger mit der markanten Nase wiedermal zur Hochform aufläuft. Sonst war´s das vielleicht mal bald.

The Marksman – Der Scharfschütze

The Art of Self-Defense

ICH KANN KARATE!

7/10


the-art-of-self-defence© 2019 Bleeker Street

LAND / JAHR: USA 2019

BUCH / REGIE: RILEY STEARNS

CAST: JESSE EISENBERG, ALESSANDRO NIVOLA, IMOGEN POOTS, STEVE TERADA, PHILLIP ANDRE BOTELLO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Unter der Rubrik „Filmschaffende, von denen womöglich noch nie jemand etwas gehört hat, deren Werke aber allemal einen Blick wert sind“ fällt auch ein gewisser Riley Stearns, seines Zeichens Drehbuchautor und Regisseur. Zu diesem Schluss komme ich nach Sichtung einer ganz und gar nicht beworbenen und im Sortiment von amazon prime bescheiden vor sich existierenden Thrillerkomödie mit dem Titel The Art of Self-Defense. Der Titel allein birgt womöglich Interessantes. Selbstverteidigung, so so. Vielleicht so etwas wie Karate Kid für Erwachsene? Nur mit anders gesetztem Spin. Stearns Streifen ist längst nicht nur die Genese eines Duckmäusers, der plötzlich mit beiden Beinen fest im Leben steht und sich von anderen nichts mehr sagen lassen will. The Art of Self-Defense kann weitaus mehr. Darunter eben, eine Geschichte zu erzählen, die vom Weg abkommt und in dunkle Gassen biegt. Die jedenfalls nicht will, dass man in Jesse Eisenbergs Rolle jemanden entdeckt, dem man nacheifern will. Denn Eisenberg ist ein Antipathieträger. Eine seltsam vor sich hin tickende Zeitbombe. Ein kleiner, blasser, unscheinbarer Mann, dem keiner zuhört, der keine Freunde hat und der stets, bei Auseinandersetzungen mit anderen, den Kürzeren zieht. Ein Loser, mit einem Wort.

Doch das ändert sich. Eines Nachts wird der gute Mann von einer Motorradgang überfallen und übel zugerichtet. So kann das nicht weitergehen, denkt sich der nach seiner Genesung und läuft rein zufällig an einem Karate-Studio vorbei. Es braucht nicht lang und schon steht er auf der Matte, in weißer Montur und mit weißem Gürtel. Und ist schlichtweg begeistert vom Meister seines Fachs, dem geheimnisvollen Sensei (undurchschaubar: Alessandro Nivola). Irgendwie hat dieser einen Narren an seinem Neuling gefressen, hofiert und bevorzugt ihn und stellt ihn später sogar als Buchhalter an. Es lässt sich vermuten, dass dieser schöne Schein trügt. Denn neben all den regulären Trainingseinheiten gibt es auch welche, die in der Nacht stattfinden.

An alle, die asiatischen Kampfsport faszinierend finden oder selbst einen solchen ausüben – in The Art of Self-Defense könnte das rechtschaffene Image der nur als letzte Instanz für Widerstand angewandten Kunst relativ rasch verärgern. Nicht alle folgen hier dem Credo einer alten, noblen Geisteshaltung, und nicht alle liegen mit der Wahl ihrer Mittel, sich unliebsames Gesocks vom Leib zu halten, auf einer Wellenlänge. Riley Stearns schickt in seiner Groteske über Sozialdynamik und toxischer Männlichkeit einen garstigen Jesse Eisenberg ins Feld, der in seiner unterkühlten Sozialkompetenz und seiner anfänglichen Hörigkeit Könnern gegenüber irgendwann scheitern muss. Es ist, als hätte Ralph Macchio es satt, sich selbst oder irgendwem sonst etwas beweisen zu müssen. Warum auch? Diese Frage sät Zweifel für den Ehrgeiz. Stearns verhöhnt diese Eigenschaft, und macht sich auch nicht die Mühe, Gefälligkeit zu signalisieren. Während des perfiden Auslotens der Nützlichkeit erlernter Skills kippt die schwarze Komödie ins Irreale, erlangt die Gewalt immer größere Akzeptanz, und der Besitz einer Waffe gerät ans Ende einer standfesten Selbstbehauptung. The Art of Self-Defense kommt unerwartet und erzählt Unerwartetes. Ein schöner Film ist das nicht. Aber irgendwie, auf seine zynische und lästernde Art, bemerkenswert.

The Art of Self-Defense

Der Hauptmann

DES MÖRDERS NEUE KLEIDER

7/10


hauptmann© 2018 Weltkino


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, POLEN 2017

BUCH / REGIE: ROBERT SCHWENTKE

CAST: MAX HUBACHER, MILAN PESCHEL, FREDERICK LAU, WALDEMAR KOBUS, ALEXANDER FEHLING, SAMUEL FINZI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Wenn der Tod wie in Zeiten des Krieges so omnipräsent ist, verschwimmen die Grenzen zwischen normalem Atmen und dem letzten Röcheln. Gerade noch mit beiden Beinen das Rundherum wahrgenommen, ist im nächsten Moment alles vorbei. Für Angst bleibt da gar nicht mehr viel Zeit. Für Wahnsinn schon. Denn der bleibt denen, die sich auf den Knochenbergen der anderen hochgearbeitet haben. Oder das Privileg besitzen, dem Sensenmann selbige für die Dauer der Anarchie aus der Hand zu reißen. Tod spielen kann man gut, wenn man einen militärischen Rang besitzt. Da reicht schon eine frisch gebügelte Uniform, die dem auf der Flucht befindlichen Gefreiten Willi Herold in die Hände fällt. Plötzlich ist man wer, nämlich Herr über Leben und Tod. Und nichts und niemand kann einen zur Rechenschaft ziehen. Dieses Szenario erinnert natürlich unweigerlich an Carl Zuckmayers Klassiker Der Hauptmann von Köpenick. In diesem Bühnenstück, unter anderem mit Heinz Rühmann oder Harald Juhnke mehrmals verfilmt, kommt ein entlassener Sträfling zu der bahnbrechenden Erkenntnis, das Kleider sehr wohl Leute machen – und schlüpft ins vielversprechende Outfit. Zuckmayers Werk ist aber mehr Satire als Schreckensbildnis. Letzteres ist Robert Schwentkes Verfilmung eines tatsächlichen Falls wohl eher.

Diesen Willi Herold, den Henker vom Emsland, hat es, man glaubt es kaum, wirklich gegeben. Das ganze wäre an sich eine groteske Anekdote aus der Endzeit des Zweiten Weltkriegs gewesen, hätte dieser Willi Herold nicht seinem Beinamen auch alle Ehre gemacht. Unter seinem falschen Kommando wurden rund 170 Menschen ermordet, darunter eine ganze Menge Lagerhäftlinge, die ohne Prozess und teilweise mit schwerem Geschütz niedergemetzelt wurden. Nach der Bombardierung des Lagers durch die alliierte Luftwaffe schart sich der gerade mal 19 Jahre alte Bursche eine Schar Getreuer um sich, die marodierend durchs Land ziehen, um unter dem Motto Schnellgericht überall Blut zu vergießen und einem gewissen Endzeit-Hedonismus zu frönen. Um Willi Herold mit einer fiktiven Figur aus Literatur und Kino zu vergleichen: viel anders als General Kurtz, bekannt aus Herz der Finsternis und Apocalypse Now, ist der psychopathische Jungspund jedenfalls nicht. Und Robert Schwentke, der sonst ja eigentlich nur mit maximal soliden Action- und Science-Fiction-Filmen in Hollywood Karriere gemacht hat, erregt durch diese thematische Anomalie in seiner Filmografie natürlich Aufmerksamkeit. Mitunter auch deshalb, weil diese Chronik wahrer Ereignisse, womöglich inspiriert durch Schindlers Liste, in akkuratem Schwarzweiß und dank der starken Bilder von Kameramann Florian Ballhaus seine filmische Perfektion findet.

Doch für einen kaltblütigen Kriegsverbrecher wie Willi Herold scheint diese filmische Akkuratesse ja eigentlich gar nicht mal angemessen. Dabei ist das immer so eine Sache, dermaßen finsteren Gestalten einen ganzen Film zu widmen. Doch Der Hauptmann will schließlich nichts bewundern oder ihrer zentralen Person im Stillen den Charme des Bösen zugestehen. Was wir hier verbildlicht sehen, sind die Paradigmen menschlicher Verrohung, die akute Entwertung eines Lebens und die Leichtigkeit, Macht zu missbrauchen. Durch das Schwarzweiß wird der Zuseher zum Reporter im Feld. Zu jemandem, der die Chronik des Zweiten Weltkriegs durchblättert und bei Bildern wie diesen hängenbleibt.

Der Hauptmann ist ein grausamer Film. Einer, der des Tötens müde wird. Irgendwann setzt eine gewisse Abstumpfung ein, die irritiert zurücklässt. Konnte ich die pragmatische Gewalt in Der Pianist gar nicht ertragen, fiel es mir in Schwentkes Film zumindest zeitweise schwer, dranzubleiben. Allerdings: durch die künstlerische Ambition des Regisseurs, dem Gleichnis-Charakter einer Köpenickiade und dem grandios aufspielenden Ensemble wird der zynische Antikriegsfilm zu einem Appell an eine in Deckung gegangene Menschlichkeit, den man sich, sofern die eigene Gemütslage es zulässt, antun sollte.

Der Hauptmann

The Suicide Squad

UNTER KEINEM GUTEN STERN

9/10


thesuicidesquad© 2021 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JAMES GUNN

CAST: IDRIS ELBA, MARGOT ROBBIE, JOEL KINNAMAN, JOHN CENA, DANIELA MELCHIOR, DAVID DASTMALCHIAN, PETER CAPALDI, VIOLA DAVIS, MICHAEL ROOKER, JAI COURTNEY, NATHAN FILION, TAIKA WAITITI, ALICE BRAGA, SYLVESTER STALLONE U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Marvel hat seine Guardians of the Galaxy, Star Wars die Bad Batch, Quentin Tarantino seine Inglourious Basterds. Und DC? Dort träumen skurrile Typen von Freiheit und lassen sich dafür sogar einen Switch-Off-Chip installieren, falls sie plötzlich Muffensausen bekommen sollten. Damit gemeint ist die Suicide Squad: Zusammengewürfelte Outlaws und Grenzgänger, chaotische Individualisten und über die Stränge schlagende Idealisten. Und manche sind scheinbar nur zufällig mit von der Partie. All diese Anarcho-Selbsthilfegruppen scheinen zwar ihren ganz eigenen egoistischen Bedürfnissen treu zu bleiben, das hehre Ziel allerdings schwebt über allem scheinbar unbemerkt, weil irgendwas oder irgendwer auf dieser Welt es dann doch noch gut meint. In diesem Sinne ist das aus den tiefen Kellern des Comic-Universums von DC hervorgeholte Rat Pack also wieder unterwegs. An David Ayers Versuch, ein ebensolches Team zusammenzustellen, erinnert sich niemand mehr. The Suicide Squad ist also weder Prequel noch Sequel, sondern viel mehr ein neuer Versuch, den richtigen Ton zu treffen. Das kann jedoch nur passieren, wenn die Studios, anders als bei Ayer, nicht andauernd ins Handwerk des Künstlers pfuschen. James Gunn muss her. Einer, der sich mit Antihelden, die das Herz dennoch am rechten Fleck haben, sehr gut auskennt. Die erfolgreichen Guardians gehen auf seine Kappe. Doch Gunn kann sein Können auch auf menschelnde Augenhöhe runterschrauben: Super – Shut up, Crime! ist ein Möchtegern-Heldenfilm mit und für Underdogs; teils geschmacklos, größenteils aber grundsympathisch. Blutig natürlich auch. Mit so etwas dürften Harley Quinn und Co mit dem Sanktus von ganz oben durchaus liebäugeln dürfen. Doch nur unter einer Bedingung: Keiner spuckt dem Meister seines Fachs in die Suppe.

Wie sieht das also aus, wenn visionäre Filmemacher freie Hand haben? So wie Zack Snyder’s Justice League? Ungefähr. Oder noch besser. The Suicide Squad ist nach Taika Waititis Thor: Tag der Entscheidung das wohl Abgefahrenste aus der Nische gerne als Einheitsbrei ausgeschimpftem Heldengetöses. Bei der Suicide Squad perlt sowas jedoch ab. Gegen die Suicide Squad wirken selbst Star Lord und Co wie gefällige Streber. Es ist, als wäre das Selbstmordkommando der gemeinsame Nenner eines ausgekotzten Brainstormings, die teils assoziative Auferstehung eines vollgekritzelten Scribbelblocks, in welchem James Gunn seine Ideen sammelt. Absurde Überlegungen, seltsame Anspielungen, groteske Anekdoten und skurrile Biomassen. „Ja, machen wir alles“, denkt sich James Gunn, „dieses mein Werk wird pure Anarchie, ein roter Faden muss aber dennoch sein. Ein konventioneller Plot als Unterbau, der allerdings so dermaßen zerfransen soll wie ein von einer Katze zerfetztes Wollknäuel.“ Dabei wirft James Gunn sein Publikum sofort ins kalte Wasser. Was braucht man schon viel erklären, die sozialen Interaktionen all der absurdesten Gestalten aus den gezeichneten Panels ebnen längst den Weg zu einem brachialen Guilty Pleasure-Kino, dessen Missionsziel zwar auf ein Post-it passt, dieses aber andauernd überschrieben wird.

Frei nach dem Motto „Tun wir mal, dann sehen wir schon“ gehen zwei Teams auf einer fiktiven südamerikanischen Insel an Land, um einen von den Nazis errichteten Gebäudekomplex mit Namen Jotunheim zu stürmen und diesen dann in Schutt und Asche zu legen. Diese zwei Teams sind sehr schnell ausgedünnt, und nur die wirklich zähen Hunde rund um Scharfschütze Bloodsport arbeiten sich durch den Dschungel Richtung Ziel. Unter anderem mit dabei: ein humanoides Hai-Wesen, ein Freak mit Punkte- und Mutterkomplex sowie eine Rattenbändigerin. Ach ja, Peacemaker darf nicht fehlen. Einer mit doofem Helm und Muckis, da bekommt selbst Arnie weiche Knie. Allerdings: das, was hinter den Mauern von Jotunheim vor sich hin vegetiert, wird nicht nur alle Pläne der Suicide Squad (sofern welche vorhanden sind) auf den Kopf stellen. Comicnerds werden jauchzen und alle anderen die aufrechte Sitzposition suchen. Man will ja schließlich keine noch so genüsslich verpeilte Szene verpassen, von denen es in The Suicide Squad so viele zu geben scheint.

Auf seiner genialen Stinkefinger-Tour könnte man Gunns Festival der verqueren Charge mit den überzuckerten Eskapaden von Spongebob Schwammkopf und seiner Entourage vergleichen, verbrüdert mit Deadpool und dem Roten Blitz. The Suicide Squad mag’s gern blutig, frohlockt mit perfiden Seitenhieben auf psychologische Traumata, verpönt politische Ambitionen und schert sich einen Dreck um welche Correctness auch immer. Im Laufe des Abenteuers entsteht dann sogar so etwas wie Gruppendynamik, die den Avengers stolz die Zunge zeigt. War‘s am Anfang schon absurd, wird’s am Ende noch absurder. Kontrovers wird’s allerdings nicht, was dem klitzekleinen guten Gewissen der Kämpfernaturen geschuldet bleibt.

Freie Hand zu haben, das ist schon was. Die eigenen Ideen im Rahmen eines sauteuren Blockbusterkino ausleben zu dürfen, muss für James Gunn wie der Himmel auf Erden gewesen sein. Inszeniert hat er aber einen saukomischen Höllenritt, nach dem man so manche Fauna mit anderen Augen sieht. Und wehe, es kommt irgendwann jemand auf die Idee, Harley Quinn und Bloodsport umzubesetzen.

The Suicide Squad

Cash Truck

NUR BARES IST WAHRES

7/10


CashTruck© 2021 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: JASON STATHAM, SCOTT EASTWOOD, HOLT MCCALLANY, JEFFREY DONOVAN, JOSH HARTNETT, LAZ ALONSO, RAÚL CASTILLO, NIAMH ALGAR, EDDIE MARSAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ein Mann übt Rache. Da schau her, doch so kreativ? Das kann einem im Grunde aber egal sein, denn Rache, die zieht immer. Und lässt sich auch im Bauchladen sämtlicher Billiproduzenten ganz ohne Déjà-vu-Effekt immer wieder auffüllen. Das ist der Stoff, auf dem die B-Movie-Schiene dahinfährt. Das ist auch der Stoff, der bereits im Jahre 2004 im französischen Thriller Cash Truck – der Tod fährt mit Verwendung fand. Müsste man theoretisch keinen Aufguss mehr machen. Aber Hollywood macht das immer. Weil Filme aus Übersee dortzulande einfach nicht funktionieren. Dabei kann der Stoff noch so billig sein, es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Kleines Beispiel: Mehrere Künstler treffen sich in einem Atelier und malen eine inmitten des Raumes stehende, simple Vase, dabei dürfen sie ans Werk gehen, wie sie wollen. Bilder von Vasen, in denen Blumen stecken, gibt es viel zu viele, will doch keiner mehr sehen. Am Ende des Tages aber ist die Vase auf jedem Bild eine andere. Und Banales wird zu Besonderem. Dabei muss die narrative Basis nicht schon alle Stückchen spielen.

Dieses „Wie“ hat sich Guy Ritchie zu Herzen genommen. Filmfans kennen seinen persönlichen Stil: Erdig, kantig, lakonisch, hemdsärmelige Action und eine Vorliebe für das Actionkino der Siebzigerjahre, wo vorzugsweise im Tweed oder im grobem Textilsakko um die Ecke geschossen wird. Herumstehende Mannsbilder, mit markigen Textpassagen auf den Lippen. So funktioniert ein guter Ritchie, und trotz dieser banalen Vase als Kernstück seines Projekts hat dieser den plotmäßigen Ramsch so dermaßen gewieft aufpoliert, als hätten wir es mit einer völlig anderen und weitaus komplexeren Geschichte zu tun, als sie tatsächlich ist.

Das liegt auch an Ritchies Vergnügen, die Story nicht geradlinig ablaufen zu lassen, sondern zu zerschnipseln, irgendwo in der Mitte zu beginnen und die rätselhafte Bedeutung von Jason Stathams finsterer Figur langsam zu beleuchten. Keine Ahnung, ob das im Original auch so war. Ich jedenfalls würde vermuten, dass dieser dramaturgische Kniff neu ist. Ähnliches Muster gab es ja auch in seinem Vorgänger The Gentlemen, übrigens „der“ Geniestreich unter Ritchies Arbeiten. In Cash Truck (im Original: Wrath of Man) geht’s klarerweise und trotz des umgearbeiteten Scripts deutlich geradliniger zu. Und einsilbiger. Denn Jason Statham darf wieder mal, völlig spaßbefreit, die knallharte und bierernste Socke sein, die er immer gerne sein will. Das liegt ihm, wenn er nicht mit der Wimper zucken muss. Da weiß man schon: Bruder Mahlzeit, dieser Mann könnte im Alleingang alle Geldtransporer dieser Welt vor kriminellen Übergriffen schützen.

Das denkt sich die Firma, bei der Harry, genannt H, anheuert, bald ebenso. Schweigsam wie Chuck Norris und stoisch wie Statham eben selbst macht sich der Unbekannte in Arbeitskreisen bald einen Namen als Held und vor allem einer, der sich nichts gefallen lässt. Der mit griesgrämiger Miene ein finstere Vergangenheit mit sich herumträgt. Zeitgleich allerdings macht sich eine Bande Ex-Soldaten munter ans Werk: Ihr Plan ist es, nach mehreren Cash-Truck-Überfällen gleich das ganze Depot auszuräumen. Sie werden bald sehen, dass sie die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben. Denn H hat eine solche noch offen.

Das ist er, der ganze Plot. Doch schon allein der wummernde Score von Oscarpreisträger Christopher Benstead macht aus dem Actioner ein bisschen was Spezielleres. Die heftigen Töne, das grobkörnige Bild und ikonisch arrangierte Stills verleihen der Rachemär etwas Tragödienhaftes, ansatzweise gar ein Shakespeare’sches Drama, das den Noir-Charakter von Ben Afflecks Räuberballade The Town ebenso in sich trägt. Es wird schmutzig, blutig und pragmatisch. Sympathieträger gibt’s kaum, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Etwas zu sagen hat in dieser Welt nur jener am Ende der kriminellen Nahrungskette. Es lässt sich erahnen, wer das ist. Und es überrascht wenig. Erstaunlich aber, wie aus wenig mehr werden kann.

Cash Truck

Jolt

SAUER MACHT LUSTIG

3/10


jolt© 2021 amazon prime


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: TANYA WEXLER

CAST: KATE BECKINSALE, BOBBY CANNAVALE, LAVERNE COX, STANLEY TUCCI, JAI COURTNEY, DAVID BRADLEY, SUSAN SARANDON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Grün wird nur, wer zum Hulk mutiert. Kate Beckinsale hält ihren Body-Maß-Index konstant, hat sich aber genauso wenig im Griff wie der Gigant aus dem Marvel-Universum. Denn Kate, die leidet in ihrer Rolle der assozialen Lindy unter einer massiven Störung der Impulskontrolle. Normalerweise ist dieses Verhalten fast ausschließlich ordentlich angetrunkenen Männern vorbehalten, doch diesmal bringt toxische Weiblichkeit den Dunstkreis patriarchaler Dominanz ins Wabern. Gut so, wenn sich der Spieß mal umdreht. Um aber sozial nicht ganz durch den Rost zu fallen, hat sich Lindys Psychiater (routiniert: Stanley Tucci) für seine Patientin etwas ganz Besonderes einfallen lassen: und zwar eine Art Elektroden-Korsett, welches Lindy unter Strom setzt, sollte sie unpässlich werden. Das züchtigt ihr hitziges Temperament. Und auch wenn die Gute fix zu glauben scheint, kein Mann würde sich jemals mit ihr auf etwas mehr als ein Techtelmechtel einlassen, scheint sie sich getäuscht zu haben. Denn Justin (Jai Courtney) gibt ganz den Frauenversteher. Ein One Night stand – schon erhofft sich Lindy etwas Festes. Blöd nur, dass sich ihre Träume in Luft auflösen, denn Justin wird tags darauf ermordet aufgefunden. Endlich ein triftiger Grund, wirklich wütend zu werden.

Um Sponsoren für ein Filmprojekt zu gewinnen, setzt man auf geschickte Produktplatzierung, vorwiegend sündteure Uhren und Elektronik. Sind diese Marken mal nicht am Start, kann’s auch gerne Fashion sein. Schuhmode zum Beispiel. Denn unter den Machern von Jolt dürfte es da den einen oder anderen Afficionado dafür gegeben haben, so oft, wie Kate Beckinsale in Knöchelhöhe abgefilmt wird, während sie in schwarzen Stiefeletten und in hautenger Lederhose über den Asphalt stolziert. Der erblondete Star wirkt wie das Testimonial für einen Werbespot unbestimmten Themas, wäre aber womöglich sehr gerne eine jener knallharten Vamps, die Luc Besson schon des Öfteren in Szene gesetzt hat. Dabei hat bei ihm alles mit Nikita begonnen. Da waren wir bei Lucy schon recht weit davon entfernt, dessen letzter Film Anna allerdings hat sich dem Ursprung wieder etwas angenähert. Das Script zu Jolt wäre auch für Besson etwas gewesen. Der hätte aber die mindestens Hälfte des Drehbuchs gestrichen. Denn das, was Tanya Wexler für amazon prime inszeniert hat, reicht gerade mal als müder Abklatsch bereits etablierter Östrogen-Ikonen.

Es wäre Beckinsale mitunter ja gelungen, ihren frechen Zornbinkel, der sich gern im Griff hätte, glaubhaft zu verkörpern. Doch diese Wut, wie wir sie kennen, und die in Filmen wie Wild Tales so richtig die Grenzen sprengt, scheint ihr fremd zu sein. Darüberhinaus ist das Engagement aller anderen Beteiligten endenwollend. Der übrige Cast, obwohl namhaft besetzt, gönnt sich aufgesetzte Manierismen, und das in einer Produktion, bei der, wie es scheint, vorne und hinten das Geld gefehlt hat. Nicht nur die Action ist stümperhaft choreographiert, vor allem auch der schlampige Schnitt ist eine Katastrophe. Es gibt da Szenen, da spricht Kate Beckinsale, aber ihre Lippen bewegen sich nicht. Des weiteren war für die Continuity wohl aus Kostengründen niemand zuständig. Diese lieblose Arbeit geht spürbar aufs Gemüt, dieses Nachahmen schneidiger Vorbilder, trotz des Versuches, das Ganze in eine Komödie zu konvertieren, scheitert an mehreren Fronten. Jolt weiß, wo sein Platz ist, nämlich auf einer Streaming-Plattform, da kann der Film nicht allzu viel anrichten. Anscheinend verspricht das Ende des Films gar eine Fortsetzung. Wenn’s soweit ist, werde ich den Impuls, hier einzuschalten, wohl unterdrücken müssen.

Jolt