How to Make a Killing (2024)

FARGO IM WEIHNACHTSPULLI

6/10


© 2025 Gaumont


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: FRANCK DUBOSC

DREHBUCH: FRANCK DUBOSC, SARAH KAMINSKY

KAMERA: LUDOVIC COLBEAU-JUSTIN, DOMINIQUE FAUSSET

CAST: FRANCK DUBOSC, LAURE CALAMY, BENOÎT POELVOORDE, JOSÉPHINE DE MEAUX, MEHDI MESKAR, KIM HIGELIN, TIMÉO MAHAUT, EMMANUELLE DEVOS, ANNE LE NY, LOUKA MELIAVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Ruhe, bitte!

Wieder einmal kam ich in den zweifelhaften Genuss einer Kinovorstellung, die durch einen weiteren Gast so konsequent gestört wurde, dass es letztlich unmöglich war, in How to Make a Killing auch emotional einzutauchen. Wie man also jemanden umbringt, war mir letzten Endes klar – mitgerissen hat mich die schwarze Thrillerkomödie aber leider kein bisschen. Das wäre anders gewesen, wäre die schwer alkoholisierte oder aber auch mit andren Substanzen zugedröhnte Dame hinter mir, die irgendwann dann doch noch den Saal verließ auf Bitten ihrer Begleitung, nicht wiedergekommen. In solchen Momenten wünscht man sich vom Kinosaal ins Heimkino – oder aber sein Geld zurück.

Ein Bärendienst fürs Weihnachtsgeld

Wie dem auch sei – und ja, ich habe versucht, den permanenten Off-Kommentar aus dem Publikum auszublenden: Mit diesem französischen Knaller könnte man sogar von einem Weihnachtsfilm der anderen Art sprechen, abseits von RomCom, Kitsch und Weihnachtsmann. Wenige Tage vor dem Heiligen Abend wird die die tief verschneite Landstraße zum Laufsteg für einen Braunbären, den es, wie mehrmals betont wird, in diesen Breiten ja eigentlich gar nicht geben soll. Doch Meister Petz, der vorher noch eine Truppe Drogenkuriere im unwegsamen Tann verschreckt hat, stellt sich nun dem Auto von Christbaumverkäufer Michel in den Weg. Der weicht aus – und rammt am Straßenrand ein parkendes Auto, was zur Folge hat, dass die Dame im Wagen ungefähr ähnlich lädiert ist wie die Karosserie und sich davon auch nicht mehr erholen wird. Der andere, ihr Partner, fällt vor Schreck ins Gehölz und segnet ebenfalls das Zeitliche. Im Kofferraum der Schrottkarre finden Michel und seine Frau jede Menge Kohle, die sie natürlich einheimsen, braucht das Xmas-Unternehmen doch ohnehin längst eine Finanzspritze. Somit hat die kauzige, liebevolle Kleinfamilie einerseits ein leises schlechtes Gewissen, andererseits ein nettes Weihnachtsgeld und es ist ja nicht so, dass die beiden Leichen so ganz plötzlich verschwinden müssen. Sie werden verlagert, an einen ganz anderen Ort – womit die Karten neu gemischt werden.

Groteske ohne viel Charakter

Franck Dubosc (Die Rumba-Therapie, Liebe bringt alles ins Rollen) hat sich von der französischen Romantikkomödie zwischenzeitlich verabschiedet und, wie es scheint, dem großen Vorbild der Coen-Brüder, nämlich Fargo, nachgeeifert. So staubtrocken und subversiv ist How To Make a Killing allerdings nicht geworden, denn schließlich lässt es sich drehen und wenden wie man will, den französischen Stil zwischen Chanson-Charme und kecker Louis de Funes-Komödie wird man in diesen Breiten einfach nicht los. Passt das denn überhaupt so zusammen, wenn der Tod auf skurrile Weise seinen Tribut fordert und das organisierte Verbrechen auch noch im wahrsten Sinne des Wortes hereinschneit, um Chaos zu stiften? Vielleicht mag das die Krux gewesen sein, die dazu geführt hat, dass das Duo Franck Dubosc und Laure Calamy (Julie – Eine Frau gibt nicht auf) als pseudokriminelle Improvisateure nicht so recht überzeugen. Einzig Benoît Poelvoorde, der schon in Quentin Dupieux surrealer Krimisatire Die Wache als Polizeiermittler glänzen konnte, trifft mit seinem Gespür für Situationskomik so ziemlich ins Schwarze. Und zugegeben: die verbalen Verwechslungen und schrägen Interpretationen zünden tatsächlich. Gerade der Wortwitz hat so seine Momente, wohingegen der wohldosiert blutige Kriminalreigen zu gefällig und boulevardesk wirkt, um anders oder gar besser zu sein als andere Komödien dieser Art. Franzosen können vieles: Tragikomödien, Krimikomödien, Krimis ohne Komödie und selten auch Horror. Den lakonischen Dorfthriller im bizarren Weihnachtspulli-Look, das bekommen sie dann doch nicht so hin. Was hauptsächlich an den austauschbaren Charakteren liegt, die viel lieber Beziehungen erörtern als die Frage, wohin mit dem nächsten Toten.

Fürs Ende macht die Dame hinter mir endlich wieder den Abgang, in den letzten Minuten finde ich mich also wieder rein in dieses französische Winterwonderland mit Blut an der Baggerschaufel und denke darüber nach, das Ganze vielleicht nochmal im Heimkino nachzuholen. Während einer stillen Nacht.

How to Make a Killing (2024)

Bugonia (2025)

DIE BIENEN HABEN ES SCHON IMMER GEWUSST

7/10


© 2025 Atsushi Nishijima / Focus Features


LAND / JAHR: USA, SÜDKOREA, IRLAND 2025

REGIE: YORGOS LANTHIMOS

DREHBUCH: WILL TRACY, NACH DEM FILM VON JANG JOON-HWAN

KAMERA: ROBBIE RYAN

CAST: EMMA STONE, JESSE PLEMONS, AIDAN DELBIS, ALICIA SILVERSTONE, STAVROS HALKIAS U. A.

LÄNGE: 2 STD


Überall diese Muster

Wie schön es nicht ist, völlig belegfrei im Geflecht von Aktion und Reaktion, von Ursache und Wirkung auf diesem unseren Planeten Muster zu erkennen, wo keine sind. Besten Dank an dieser Stelle ans Gehirn! Einige unserer Mitmenschen sind wirklich gut darin und machen ihre Hausaufgaben, denn wenn man versuchen würde, manch gordischen Gehirnknoten zu lösen, dabei verzweifelt darum fleht, mit diesem Unfug aufzuhören, da Belegbares anscheinend nicht reicht – es würde nicht gelingen. Genauso wenig, wie sich die Existenz eines Gottes weder widerlegen noch beweisen lässt, lässt sich auch bei manch anderen Behauptungen nur schwer über den Tellerrand blicken. In diesem Vakuum aus Belegungsnotstand treibt die üppige Botanik gemeinsam mit unkurierter Paranoia herrliche Blüten, vom Ursprung der menschlichen Rasse, angetrieben durch die Intervention einer uns haushoch überlegenen außerirdischen Spezies über die Deep State-Bestrebungen, den Freimaurern, dem eigentlichen Zweck der Pyramiden (Danke, Roland Emmerich), der Qanon-Blutsaugern, natürlich den Chemtrails, der gefakten Mondlandung, der Biowaffe namens Covid bis zur aktuellen Streitfrage, ob Brigitte Macron nicht doch ein Mann ist – oder, viel schlimmer: vielleicht, wie Michael Jackson, ein Alien.

In Wahrheit ist Elch Emil auch nur ein als Elch getarntes biopositronisches russisches Vehikel, materialisiert in Polen, welches den Osten Österreichs ausgekundschaftet hat, Putin hat schließlich überall seine Augen, Ohren, Geweihe. Man kann bis zum Abwinken dahinschwurbeln, eine Systematik hinter immer wieder auftretenden Zahlen erkennen (die 23!) oder Beweise in der Schublade liegen haben, wonach die Erde in Wahrheit nämlich flach ist – wenn es dann tatsächlich Beweise geben sollte und die Schwurbler lägen richtig, wäre ihr Aufmerksamkeitsdefizit dann plötzlich nicht mehr so pflegebedürftig.

Wir sind nicht allein

In so einem irren Dunst der Wahnvorstellungen – und weil die Bienen es ohnehin schon immer gewusst haben und deswegen stiften gehen – reitet einer wie Jesse Plemons die aalglatte, toughe Geschäftsfrau Emma Stone in eine unangenehme Situation hinein: Schließlich soll sie wie Michael Jackson ein Alien sein, es gibt allerhand Indizien dafür, Wangenknochen, Vorbiss, et cetera. Die weite Reise vom Andromeda-Nebel auf sich genommen, soll sie mit einigen anderen ihrer Spezies die Menschheit längst infiltriert haben. Teddy, Plemons Figur, und der geistig etwas langsame Don haben alles von langer Hand geplant und bringen Michelle, so Emmas Figur, in ihre Gewalt. Eine Audienz beim Imperator will Teddy schließlich erzwingen, um sich der Schattenherrschaft der Aliens zu entledigen. Natürlich hat Michelle keine Ahnung, doch wie belegt man bei einem Verschwörungstheoretiker wie diesen denn die Fakten, ohne dass die Sache nach hinten losgeht? Richtig, nämlich gar nicht. Wie im Laufe dieser unglaublichen Entführung der verrückten Mrs. Stone ebenjene versucht, sich aus den Gehirnwindungen des Teddy herauszumogeln, beschert uns Zuseherinnen und Zusehern den wohl bekömmlichsten, weil geradlinigsten und gefälligsten Film des Exzentrikers Yorgos Lanthimos. Von seinen Anfangswerken wie Dogtooth oder The Lobster – exzentrische, verkopfte, strenge Werke – hat der Grieche Abstand genommen. Das könnte, so vermute ich – und das ist keine Verschwörungstheorie – mitunter daran liegen, dass das Skript gar nicht von Lanthimos stammt, basiert dieses doch auf einem bereits existierenden südkoreanischen Science-Fiction-Film mit dem Titel Save the Green Planet!.

Es wäre wegen den Bienen

Übertragen auf US-amerikanische Bedürfnisse und Ängste, versteht sich Bugonia als geradlinige, direkte und kaum doppelbödige Thrillersatire, die ein lustvolles Ensemble einfach machen lässt. Selbst ich hätte dabei meinen Spaß an der Freude, wenn ich jene Ohrfeige austeilen könnte, die am Ende des wenig zimperlichen Werks mit Schmackes ins Gesicht jedes Verschwörungsschwurblers knallt, der von sich behauptet, als einziger die Wahrheit zu kennen. Ein Fun Fact zum Titel gefällig? Bugonia – bitte nicht verwechseln mit der Begonie – kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet Ochensgeburt, was wiederum auf ein antikes Ritual zurückzuführen ist, in dem aus dem Kadaver einer toten Kuh (!) Bienen zu neuem Leben erwachen (nochmal !).

Opfer bringen für eine Zeitenwende, zur Tat schreiten auf kruden Wegen, die sonst niemand beschreitet: Ja, es mag Blut fließen und ganze Tiegel an antihistaminischer Körpercreme verschmiert werden – irgendwann sieht Emma Stone, und das schon relativ früh, tatsächlich aus wie nicht von dieser Welt: wie eine Version von Werner Herzogs Nosferatu wird sie selbst für uns zur zweifelhaften Geheimnisträgerin, die vielleicht doch nicht das ist, was sie vorgibt.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Bugonia macht Spaß, treibt den Teufel kruder Weltbilder durchs Dorf, bevor der Film diese Geißel an die Wand malt, um ihn dann vielleicht zu bannen. Der Stich in die Blase der Verschwörungen ist dann nur ein leises Plopp – wie Lanthimos diese Metapher in seine humorvolle Groteske im wahrsten Sinne des Wortes hineinstrickt, ist elegant, die Optik wie immer so akkurat wie sonderbar, und auch die Schmerzgrenze für quasselnde Alltagsweisen mag nach diesem Film etwas höher liegen – vielleicht deswegen, weil man sich dann wünscht, dass sie allesamt, von den Scheibenweltlern bis zu den Deep State-Enthusiasten – endlich bekommen sollen, was sie verlangen. Dann aber möchten sie alle selbst nicht mehr glauben, was sie denken.

Bugonia (2025)

The Piano Accident (2025)

DURCH HALS- UND BEINBRUCH ZUM STAR

6/10


© 2025 Diaphana Distribution


ORIGINALTITEL: L’ACCIDENT DE PIANO

LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: QUENTIN DUPIEUX

KAMERA: QUENTIN DUPIEUX

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, JÉRÔME COMMANDEUR, SANDRINE KIBERLAIN, KARIM LEKLOU U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Um Gottes Willen, bitte nicht nachmachen! Obwohl ihr damit vielleicht das große Geld scheffeln könntet, keine Frage. In den Sozialen Medien ist der verrückteste Content gerade noch gut genug, um Likes und Follower zu sammeln und Einfluss auf die Wirtschaftslage diverser Konzerne zu haben, die all diese Influencer so sehr zweckinstrumentalisieren, dass diese zumindest ihre Villa auf den Bahamas kaufen können. Dass diese Parallelwelt im Netz so sehr vor sich hin krankt, dass man ihr längst die letzte Ölung hätte geben müssen, ist uns allen, die hier mit einer gewissen Achtsamkeit darauf blicken, sowieso längst klar. Selbstverstümmelung und Suizid vor laufender Kamera, womöglich zu Tode geprügelt von anderen, die nur deswegen zuschlagen, weil sensationsgeile Follower ihr Erspartes hinterlassen, veranlasst heutzutage niemanden mehr, irgendetwas dagegen zu unternehmen. Nun ja, jeder ist seines Glückes Schmied, erschreckender ist viel mehr, dass dieser Schmied, der sein Glück mit dem Hammer malträtiert, tatsächlich genug Leute findet, die so therapiewürdiges Zeug wie dieses auch pushen. Das war schon bei den alten Römern so, das war schon beim Scheiterhaufen so, als die Hexen brannten, Nicht umsonst wurden Hinrichtungen öffentlich abgehalten, um die Lust an der Show zu bedienen.

Soziopathie in Reinkultur

Das alles sind Dinge, die sich Quentin Dupieux ähnlich überlegt haben muss. Am meisten beschäftigt dürfte ihn die Frage haben, was das für Leute sind, die sich vor laufender Kamera selbst quälen, um groß rauszukommen. Sein Resümee: Massiv gestörte Individuen.

So eine Soziopathin ist Magalie, in hinreißender Exaltiertheit dargeboten von einer komödiantisch versierten Adèle Exarchopoulos mit unsortierter Bubenfrisur und Zahnspange. Ihre Besonderheit nebst ihres unverwechselbaren Aussehens: Magalie verspürt keinen Schmerz. Sie kann sich also antun, was sie will, es juckt sie so wenig, dass diese Abstumpfung ihrer Sensibilität auch dazu führt, das nichts und niemand auf dieser Welt auch nur irgendeinen Wert besitzt, schon gar nicht ein Menschenleben. Und schon gar nicht das eigene. Denn wie kann es denn sonst anders sein, dass Magalie in zehnsekündlichen Videos unter anderem sich selbst in Flammen setzt, von Dächern springt, unter Waschmaschinen zu liegen kommt und sich mit spitzen Gerätschaften impft. Die Community baut sich auf wie ein Tsunami, bald ist Magalie weltberühmt, auch wenn sie alle Nase lang einen Gips trägt. Immer extremer werden die sprichwörtlichen Fallbeispiele, bis die Sache mit dem Klavier dann doch nicht so läuft wie vorhergesehen – und Magalie untertauchen muss. Diesen Schachzug hält eine Journalistin nicht davon ab, als erste mit dem misanthropischen Superstar ein Interview führen zu wollen, schließlich hat sie gute Karten in der Hand, denn sie kennt jedes Detail über die Sache mit dem Klavier. Magalie muss wohl oder übel mitspielen, obwohl sie das alles abgrundtief hasst.

So zynisch ist Social Media

Diese Gehässigkeit in Dupieux brandneuem Film ist zu zynisch, um sie ernstzunehmen, andernfalls wäre eine Figur, wie Exarchopoulos sie spielt, kaum zu ertragen. Wir wissen: Dupieux beherrscht den surrealen, völlig überspitzten Wahnsinn so gut wie kein anderer, denn wem wäre sonst noch in den Sinn gekommen, einen mordenden Autoreifen als den Gummi-Hitcher aus der Taufe zu heben oder Lederjacken den Geist ihres Trägers manipulieren zu lassen (siehe Monsieur Killerstyle). Es sind zum Haareraufen schräge Themen, schwarzhumorig und von derber Brutalität. The Piano Accident macht aber mehr Unwohlsein als bei seinen Vorgängern, weil sich trotz des Absurden die Realität ähnlich anfühlt. Influencer ziehen ihr Ding vor laufender Kamera genauso durch wie Magalie es tut. Hypes und Trends, so destruktiv sie auch sein mögen, finden Anklang bei Menschen, die sich selbst und ihre Umwelt nicht imstande sind, zu spüren.

Die Wahrheit liegt bei Dupieux diesmal sehr nah am Irrsinn, und selten findet man im Arthouse-Kino dermaßen bösartige Figuren wider, die in ihrer sensorischen und empathischen Verkümmerung viel grässlicher sind als jedes Frankenstein-Monster. Ob die Medien sie dazu gemacht haben oder sie selbst schon so war: Während zum Streiten immer zwei gehören, bedingt auch hier das eine das andere.

The Piano Accident (2025)

Caught Stealing (2025)

DER VERDAMMTE SCHLÜSSEL ZUR GLÜCKSELIGKEIT

6,5/10


© 2024 CTMG, Inc. All Rights Reserved.

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: DARREN ARONOFSKY

DREHBUCH: CHARLIE HUSTON, NACH SEINEM ROMAN

KAMERA: MATTHEW LIBATIQUE

CAST: AUSTIN BUTLER, REGINA KING, ZOË KRAVITZ, MATT SMITH, GRIFFIN DUNNE, LIEV SCHREIBER, VINCENT D’ONOFRIO, D’PHARAOH WOON-A-TAI, BAD BUNNY, YURI KOLOKOLNIKOV, WILL BRILL U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Wenn jemand unverhofft in die Bredouille gerät, ohne auch nur ein bisschen etwas dafür zu können und auslöffeln muss, was ein anderer eingebrockt hat – sind die narrativen Parameter mal so gesetzt, dann handelt es sich dabei meist um eine Thrillerkomödie entweder aus der Feder der Gebrüder Coen oder aber um ein grunges Dialektwerk aus den Anfängen von Guy Ritchie. Wer hätte gedacht, dass einer wie Darren Aronofsky mal die Nase voll hat von bedeutungsschweren Schicksalsschlägen. In seinen Anfängen ließ er für uns Laien die Zahl Pi erklären, um dann später mit Requiem for a Dream den Schlag in die Magengrube zu setzen. Düsterer, nihilistischer und desaströser lässt sich Drama gar nicht auf die Beine stellen. Und auch wenn zuletzt der überschwere Brendan Fraser als The Whale an seinem Leid förmlich erstickt  – der Schritt ins Licht, wenn auch in eines nach dem Regen, mag mit Caught Stealing getan sein. Denn so zentnerschwer und existenzhinterfragend ist diese Kriminalpistole nun bei weitem nicht mehr.

Zeigen, was er sonst noch kann

Ein wirklich guter Filmemacher fischt nicht nur in seinem ureigenen Genre, in seiner gestalterischen Komfortzone, wenn man so will, sondern beweist vielleicht mitunter in seiner Laufbahn, dass auch ganz andere Geschichten nicht weniger gehaltvoll erzählt werden können. Manch ein bildender Künstler musste schon mal beweisen, dass er auch Realismus kann. Fürs Kino ließ sich David Lynch dazu hinreissen, mit The Straight Story eine wahre Geschichte zu erzählen, die von Alpträumen gar nichts weiß und so straight angelegt ist, dass man gar nicht glauben kann, sie sein vom Meister des Surrealen höchstselbst. Aronofsky nimmt sich diesmal die literarische Vorlage eines Charlie Huston zur Brust, genauer gesagt einen seiner Romane, in denen die existenzbedrohte Figur Hank Thompson die Hauptrolle spielt. Dieser Hank wird vom neuen Stern am Firmament des Kinos verkörpert, und nein, es ist nicht Pedro Pascal oder Timothée Chalamet, sondern Austin „Elvis“ Butler, sehr selbstgenügend, selbstironisch und beseelt von einer sich durch missliche Lebenslangen aalglatt windenden Sympathie, was dazu führt, dass man einem wie Thompson alles verzeiht, sogar Mord und Totschlag. Doch Hand anlegen am Leben anderer will der Knabe nicht. Viel lieber an den Flaschenhälsen hochprozentiger Flüssigware, die er sich hinter die Binde gießt und im Folgezustand so gut wie alles vermasselt, was man auch nur vermasseln kann. Freundin Zoë Kravitz sieht es ihm nach, denn manchmal ist er ja auch nüchtern. In diesem Aggregatszustand trifft er vor seiner Wohnung auf den windschiefen Nachbarn Russ (herrlich durchgeknallt: Matt Smith), seines Zeichens Punkrocker und die Hilfe von Thompson erbetend, was seine Katze betrifft, da er selbst für einige Tage weg muss.

Mit dieser Gefälligkeit gerät der Ball ins Rollen, und er rollt leider dorthin, wo Nasen wie die von Butler nichts zu suchen haben. Bald schon stehen die Russen vor seiner Tür, und nicht nur die – auch gewaltbereite Juden sind an einer Sache interessiert, von der Thompson nichts weiß und die womöglich ein Schlüssel zu etwas viel größerem sein muss, zu einem Geldbetrag, der alle glücklich machen soll.

Ganz viel Mazeltov

Aronofsky, wohl selbst nie im Genre der Komödie unterwegs und auch nie so wirklich im Thriller, wenn man Black Swan mal ausnimmt, hat die Rezeptur für so einen Film wie diesen allerdings durchaus verstanden, wenngleich der Mehrwert in der Metabene diesmal wohl nicht zu finden ist. Caught Stealing – der Titel ist Programm – ist, was er ist: grobkörnig gefilmtes Ensemblekino mit Hang zur Gosse, blutig im Detail und auch nicht davor zurückschreckend, wirklich schmerzhafte Kerben zu schlagen, was Schicksal und Glückseligkeit angeht. Butler, souverän als der Gejagte und Gehetzte, muss improvisieren, und gerade diese Momente sind die besten des Films. Über die Grundstruktur kann man sagen, was man will, neu erfunden ist das alles nicht, wenngleich dem geschmeidigen Jungstar zwei Altstars in orthodoxem Outfit beinahe die Show stehlen: Liev Schreiber und Vincent D’Onofrio als skurrile Killermaschinen mit Herz und Prinzipien sind das Sahnehäubchen in einem Wettlauf um den großen Gewinn. Währenddessen mag sich die Logik zugunsten einer umständlichen Handlungsweise durchaus verabschieden, stolpern so manche Twists manchmal etwas übereinander, ohne charmant den anderen vorzulassen. Was bleibt, ist eine zwar nicht sehr nennenswerte, aber inszenatorisch astreine Unterhaltung, die einer gewissen sozialen Schwere nicht ausweicht, dabei aber in eine fast schon naive Wohlgesonnenheit kippt, die man Aronofsky gar nicht zugetraut hätte.

Caught Stealing (2025)

The Rule of Jenny Pen (2024)

DIE PUPPENTRICKS ÄLTERER HERREN

7/10


© 2024 Shudder


LAND / JAHR: NEUSEELAND 2024

REGIE: JAMES ASHCROFT

DREHBUCH: ELI KENT, JAMES ASHCROFT, NACH DER KURZGESCHICHTE VON OWEN MARSHALL

CAST: JOHN LITHGOW, GEOFFREY RUSH, GEORGE HENARE, IAN MUNE, THOMAS SAINBURY, MAAKA POHATU, HOLLY SHANAHAN, PAOLO ROTONDO, GINETTE MCDONALD U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Geoffrey Rush hat man schon länger nicht mehr auf großer Leinwand gesehen. Der Oscarpreisträger (für die David Helfgott-Biopic Shine) und langjährige Piratenkapitän Barbossa, der Johnny Jack Sparrow Depp nicht nur einmal herausgefordert hat, erleidet als Richter Stefan Mortensen in vorliegendem Psychothriller während des Ausübens seiner juristischen Pflicht einen Schlaganfall. Geistig noch komplett bei Sinnen, körperlich jedoch schwer eingeschränkt, fristet er von nun an seinen unterfordernden Lebensabend in einer stinklangweiligen, biederen Altersresidenz, in der geistiger und körperlicher Verfall in jeder Ecke daran erinnern, dass man, um länger zu leben, einfach nur auf irgendeine Weise alt werden muss. Wäre die tägliche Routine, in der sich Mortensen so ausgeliefert fühlt wie seinerzeit Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest, nicht ohnehin schon Strafe genug für ein Leben, würzt die ganze umnachtete Idylle noch das psychopathische Verhalten eines ewig lästigen Mitbewohners, der schon eine Ewigkeit an diesem Ort sein Dasein fristet, und von dem man nicht weiß, ob er tatsächlich nichts in der Birne hat oder nur so tut, als wäre er verrückt. Dieser Jemand ist John Lithgow als Dave Crealy, der untertags wie Todd Philipps Joker gackernd durch die Gegend lacht, das Mittagessen in sich reinschaufelt und des Nächtens in die Zimmer anderer Leute schleicht, um sie zu schikanieren – und um sie daran zu erinnern, wer hier das Sagen hat. Es ist Jenny Pen, eine Handpuppe, die entfernte Verwandte von Annabel, mit leeren Augenhöhlen und einem Dauergrinsen im Gesicht, das schon mal einer grimmigen Mimik weicht. Diese Puppe ist die Geißel des Altersheims. Umso unverständlicher und rätselhafter ist es, dass das Pflegepersonal niemals auch nur die geringsten Anstalten macht, Crealy zu maßregeln. Ganz besonders auf dem Kieker hat er Mortensen, denn der lässt sich, sofern seine Physis es ihm erlaubt, den Psychoterror des alten Aggressors nicht gefallen.

Filme, in denen alte Menschen austicken, gibt es zur Genüge. Da müsste man nur Ti Wests X hernehmen, The Owners mit Game of Thrones-Star Maisie Williams oder Old People. Was hierbei auffällt: Der Terror der Alten richtet sich hierbei stets gegen die Jugend. Hier, in James Ashcrofts bitterböser Komödie, steigen diesmal Alt gegen Alt in den Ring, und wer noch halbwegs atmen kann oder die Motorik seiner Extremitäten beherrscht, hat die Pole Position. Wäre ich selbst Geoffrey Rush, dem Diktat des Pflegesystems ausgeliefert und würde ich nicht für voll genommen werden, wenn des Gegners Intrigen mich der vermeintlichen Inkontinenz überführen – vor einem wie John Lithgow hätte ich eine Heidenangst.

Der Mann weiß das Handwerk des Bösen nicht von Ungefähr zu beherrschen. Ich kann mich noch gut an Russel Mulcahys düsteren Actionthriller aus den Neunzigern erinnern: Ricochet – Der Aufprall. Selbst ein blutjunger Denzel Washington konnte dem diabolischen Treiben Lithgows kaum etwas entgegensetzen. Und so, wie der Mime schon damals für Unwohlsein gesorgt hat (und als Hannibal Lecter wohl auch eine gute Figur gemacht hätte), tut er es wieder: Als alter, böser, manipulativer Irrer, dessen Wesen sich niemals ergründen lässt, dessen Beweggründe für seine Taten ein Mysterium bleiben, der wie ein sinistrer Geist die bedürftige Gesellschaft unterjocht.

Es wäre nur das halbe Vergnügen, würde ihm Geoffrey Rush als ebenbürtiges Schauspielschwergewicht nicht ordentlich Paroli bieten. Beide schenken sich nichts, machen in Worten und Taten keine Gefangenen. The Rule of Jenny Pen ist ein perfider Psychokrieg der alten Schule, um sich schlagend, sadistisch und gespenstisch. Er erklärt und ergründet nichts, sondern setzt sich mit einer destillierten Niederträchtigkeit auseinander, die in der zeitlosen Stasis eines betreuten Lebensabends ihre Saat keimen lässt.

The Rule of Jenny Pen (2024)

The Black Hole (2024)

EXKURS IN DIE BALTISCHE TWILIGHT ZONE

8/10


© 2024 Amrion


ORIGINALTITEL: MUST AUK

LAND / JAHR: ESTLAND, FINNLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: MOONIKA SIIMETS

CAST: URSEL TILK, LINNA TENNOSAAR, REA LEST, DORIS TISLAR, ANNE REEMANN, EVA KOLDITS, KRISTO VIIDING, JEKATERINA LINNAMÄE, LAINE MÄGI, HANNU-PEKKA BJÖRKMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Erst kürzlich wurde bestätigt, dass in 124 Lichtjahren Entfernung der Planet K2-18b konkrete Anzeichen von Leben birgt. Ihn dafür als einen Ort zu betrachten, um auszusteigen, neu anzufangen und ein besseres Leben zu führen, mag noch etwas verfrüht sein. Vielleicht aber liegt das späte Lebensglück ja im Andromeda-Nebel. Obwohl deutlich weiter weg als K2-18b, wäre diese Vorstellung noch realistischer. Warum? Weil nicht wir dorthin müssen, sondern weil jene, die dort leben, zu uns kommen. Mag ja sein, dass sich dafür eine Mitfahrgelegenheit ergibt, ganz so wie beim jungen Peter Quill, dem späteren Star Lord der Guardians of the Galaxy. Doch von Marvel ist der kuriose Episodenfilm The Black Hole dann doch weiter entfernt als gedacht. Hier kommen ausnahmsweise mal nicht die Amerikaner in den Genuss einer Begegnung der dritten Art, sondern ganz normale Leute aus dem schönen Estland.

Ehrlich gesagt: Wie oft hat unsereins schon einen estnischen Film gesehen? Die Anzahl dieser Produktionen lässt sich an einer halben Hand erfassen. Doch was sich rar macht, kann, wenn es entdeckt wird, ungeahnt gut werden. Ausfindig machen lässt sich The Black Hole im Rahmen des frühlingshaften Slash ½ Filmfestivals, einer dreitägigen Vergnügungsreise in die Tiefen des fantastischen Genres, zu welchem auch Perlen aus dem Festival Crossing Europe, das jährlich in Linz abgehalten wird, dazustoßen können. The Black Hole ist so eine, und Regisseurin Moonika Siimets lässt dabei scheinbar verlorene Seelen des tristen estnischen Alltags dem Übernatürlichen, Paranormalen, Fremdartigen begegnen, wovon aber am Absonderlichsten gar nicht mal das Auftauchen tentakelbewährter, schleimiger Intelligenzbestien im wahrsten Sinne des Wortes ist, sondern vielleicht ein in krachlederne Tracht gezwängter Ur-Österreicher, der den Staubsauger des Jahrtausends an die nichtsahnende Mama bringen will, die daheim ihren introvertierten Sohn verköstigt, der wiederum eine sinnliche Femme fatale vergöttert, die ihr eigenes Süppchen kocht.

Derlei Dinge passieren, und auch die beiden reiferen Damen, die sich, so wie alle anderen hier auch, einfach nur danach sehnen, gebraucht zu werden, willigen gar ein, sich physikalisch scheinbar unmöglicher Experimenten zu unterziehen, die den Aliens hoffentlich die richtigen Erkenntnisse zur Spezies Homo sapiens bringen. Siimets bedient sich dabei den literarischen Vorlagen aus der Kurzgeschichtensammlung von Armin Kõomägi and Andrus Kivirähk. Ihr Film vermengt dabei drei dieser Stories miteinander, die jeweils inhaltlich aber nur wenig miteinander zu tun haben, dafür aber auf kluge Weise von einer Erzählung zur anderen überleiten – das muss auch chronologisch gar nicht akkurat sein, und genau durch diese zeitliche Aufhebung bekommt The Black Hole noch einen zusätzlichen dramaturgischen Drall, der dieses Filmerlebnis zu etwas Besonderem macht. Diese Wertschätzung erlangt die baltische Twilight Zone aber ganz alleine durch einen ungehemmt skurrilen, lakonischen Humor, der finnische Urstände feiert – gerade als Österreicher muss man sich mehrmals auf die gar nicht ledernen Schenkel klopfen, wenn das eigene Land so karikiert wird. Zwischen diesem schrägen Irrsinn gibt es aber immer wieder zarte Nuancen von Sehnsucht, Liebe und dem angenehm warmen Gefühl der Zugehörigkeit, und obwohl The Black Hole auch seine düsteren, gewalttätigen Seiten hat – die makabre Komik im Stile alter Jack Arnold-Filme, schmerzfreier Body-Horror, Portalreisende und kuschelige Arachniden, die nur begrenzt Spinnenangst hervorrufen, sind auf liebevolle, herzblutende Weise mit- und untereinander arrangiert.

Im Subtext lässt sich herauslesen, wie sehr Siimets ihre Gestalten gar nicht mehr so gerne in eine ungewisse Zukunft entlassen will, doch auch hier muss irgendwann Schluss sein, wie bei jedem kinematographischen Werk. Und The Black Hole weiß genau, wo das urbane Märchen sein Ende findet, und das nicht, ohne überall eine durch und durch und betont feministische Zuversicht zu streuen. Die Welt scheint nur darauf zu warten, dass das Paranormale über sie hereinbricht. Und wenn es nur ein Apfelkuchen ist, der den Andromeda-Nebel ein bisschen näher heranrücken lässt.

The Black Hole (2024)

The Monkey (2025)

DER TOD MACHT SICH ZUM AFFEN

4,5/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: OSGOOD PERKINS

DREHBUCH: OSGOOD PERKINS, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON STEPHEN KING

CAST: THEO JAMES, CHRISTIAN CONVERY, TATIANA MASLANY, COLIN O’BRIEN, ROHAN CAMPBELL, SARAH LEVY, OSGOOD PERKINS, ELIJAH WOOD, ADAM SCOTT U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Stephen King, Grand Signeur der US-amerikanischen Horror-Literatur, hat wohl während der Vorstellung von Osgood Perkins neuem Film genug zu tun gehabt, nicht vom Sessel zu fallen, wenn er folgende Worte unbedingt loswerden musste: „So etwas … habt ihr noch nie gesehen. Er ist absolut wahnsinnig. Als jemand, der sich von Zeit zu Zeit dem Wahnsinn hingibt, sage ich das mit Bewunderung.“

Man könnte meinen, Stephen King hat sich in der letzten Zeit wohl viel zu selten dem Wahnsinn hingegeben, vieles vielleicht vergessen oder war nicht ganz up to date geworden mit dem Genrekino der Gegenwart. Sonst wären ihm, statt vom Hocker zu fallen, vielleicht die Füße eingeschlafen. Vielleicht muss er auch voll der Bewunderung für ein Werk sein, dessen Vorlage aus seiner eigenen Feder stammt. Doch soweit differenziert der Meister dann doch – schließlich genießt Shining bis heute noch dessen Missbilligung. The Monkey dürfte für King also tatsächlich vieles richtig gemacht haben. Als Kurzgeschichte hat das Werk inhaltlich überschaubaren Wert, doch das sagt gar nichts. Oft kommt es vor, da plustert sich knapper Content zu abendfüllenden Offenbarungen auf, man sehe sich nur Die Verurteilten an. Da Osgood Perkins zuletzt Furore machte mit seinem Killerthriller Longlegs, schien der Stoff beim Sohn von Psycho-Legende Anthony in guten Händen. Und ja: stilistisch ist sie das auch. Dramaturgisch allerdings weniger.

Ein verfluchtes Artefakt, ein von Dämonen beseeltes Spielzeug: Objekte des Anstoßes gibt es viele im Horror- und Fantasykino. Man nehme nur das schreckliche, in Menschenleder eingebundene Necronomicon. Man nehme nur die (tatsächlich existierende) Puppe Annabelle. Auch sie glupschäugiges Schmuckstück in jeder Puppensammlung und in jedem Mädchenzimmer – bis der darin wohnende Dämon den nervigen Nachbarn ersetzt. Auf den Grund gegangen wird im Conjuring-Universum somit einiges. Bei The Monkey so gut wie gar nichts. Andererseits: Einen Film seinen Mysterien zu überlassen ist kein Fehler, bei David Lynch hat das immer prächtig funktioniert. Der Aufbau von The Monkey verlangt aber anderes. Er verlangt, hinter diese Begebenheiten zu blicken, um den Kampf aufzunehmen gegen das Böse. Wenn man aber nicht weiß, was es ist und warum, woher es kommt und nach welchen Parametern es praktiziert – wird die Sache etwas dünn. Und auch willkürlich. Nichts hat System, nicht mal das Rätselhafte.

Dieser trommelnde Affe nämlich, den finden die Zwillingsbrüder Hal und Bill (Christian Convery, Sweet Tooth) unter den Habseligkeiten des wie vom Erdboden verschluckten Vaters. Das sicherlich wertvolle, weil alte Spielzeug lässt sich anhand eines Schlüssels im Steiß aufziehen. Sobald der haarige Bursche sein zähnefletschendes Grinsen aufsetzt und den linken Arm hoch über seinen Kopf hebt, um mit dem rotierenden Schlegel in der Hand gleich loszudreschen, schwingt der Gevatter seine Sense. Scheinbar wahllos beißen Leute ins Gras, vorallem jene, die Hal und Bill nahestehen – sogar die eigene Mutter. Hal und Bill, das muss man dazusagen, haben so ihre Differenzen, die legen sich auch nicht 25 Jahre später, nachdem die beiden den Affen längst beseitigt glaubten. Natürlich kehrt er wieder – und spätestens dann verliert die Story ordentlich an Esprit.

Denn was sich Perkins auf Basis der literarischen Vorlage ausgedacht hat, ist das anämische Libretto hinter einer blutigen Aneinanderreihung im Brainstorming erdachter Todesfälle, die zu gewollt und zu konstruiert sind, um – so wie in Final Destination – irgendeinen Schrecken zu verbreiten. Perkins klotzt mit explodierenden Leibern, Dickdärmen an der Harpune oder zermanschten Köpfen. Atmosphäre schafft das keine, diese Tode integrieren sich auch nicht in die Möchtegern-Bedrohlichkeit pseudokosmischen Horrors, der vielleicht als Symptom einer dysfunktionalen Familie oder der unerklärlichen Wut unter den Brüdern symbolisiert werden könnte. Der Affe macht sein Ding, die Protagonisten das ihre. Interagieren wollen sie alle nicht miteinander, sie müssen es schließlich tun, letztlich ist das Ganze aber weder von Faszination noch von Grauen unterwandert, sondern lediglich von einer Pflichterfüllung, die man verspürt, wenn man zuhause seine Geldbörse liegen hat lassen und noch einmal zurück muss.

The Monkey (2025)

The Last Stop in Yuma County (2023)

DYING IN THE DINER

7/10


laststopinyumacounty© 2024 Pandastorm Pictures


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: FRANCIS GALLUPPI

CAST: JIM CUMMINGS, JOCELIN DONAHUE, RICHARD BRAKE, NICHOLAS LOGAN, FAIZON LOVE, MICHAEL ABBOTT JR., GENE JONES, ROBIN BARTLETT, SIERRE MCCORMICK, CONNOR PAOLO U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Wir alle erinnern uns noch an die längst zum Kult gewordene Szene, mit welcher der Klassiker Pulp Fiction sein episodenhaftes Schauspiel eröffnet: Pumpkin und Honey Bunny finden sich als Bonnie & Clyde-ähnliches Räuberpaar in einem Diner wieder, um diesen auszurauben. „Everybody be cool, this is a robbery“ – so tönt Bill Roth durch den Konsumationsbereich. Nimmt man diese Szene und löst sie los von ihrem Film, variiert sie und nutzt sie als Prämisse für einen ganz anderen, dann könnte so etwas ähnliches entstehen wie The Last Stop in Yuma County, ein versteckt im Retail-Segment verbratenes kleines Juwel von einem Thriller, der die Faktoren Isolation, Abhängigkeit und einen begrenzten Spielraum für sich nutzt, um den Plot wie ein reißfestes Spinnennetz über eine von Gott verlasse Tankstelle am Rande von New Mexiko zu spannen – bevor es weitergeht nach Kalifornien, einem Bundesstaat, wo alle hinwollen. Denn in New Mexico hat keiner was verloren, das ist nicht erst seit Breaking Bad bekannt. Was aber, wenn die letzte Tankstelle für die nächsten hundert Meilen kein Benzin mehr hat, und der Tank des eigenen Autos gefährlich leer? Ums Auftanken kommt man nicht drum rum, also heisst es warten, bis der versprochene Nachschub eintrifft. Was aber, wenn der Tankwagen auch nicht kommt, sondern irgendwo auf dem Weg hierher im Straßengraben liegt, während der Treibstoff ins Erdreich plätschert?

Davon weiß keiner was, weder der Tankstellenbetreiber, der aus seinen wenigen Quadratmetern nicht herauskommt, noch die Bedienung im Diner, die hübsche Charlotte. Noch der verhaltensauffällige Handelsvertreter ohne Namen oder das ältere Ehepaar, dass die Mehlspeise des Tages konsumiert, um die Wartezeit nicht nur mit einem Nickerchen totzuschlagen. Sie alle warten. Und es wäre eine langweilige Warterei, wenn da nicht an diesem Tag auch noch ein Raubüberfall stattgefunden hätte und das Fluchtauto mit – wie kann es anders sein – leerem Benzintank ebenfalls hier parken muss. Die beiden zwielichtigen Kriminellen ändern den Status Quo der idyllischen Diner-Tristesse natürlich grundlegend. Was folgt, ist ein Geiseldrama als Kammerspiel, eine knackige sozialpsychologische Belastungsprobe, in die sich auch noch die Provinzpolizei mischt, die wohl den Polizeifunk nicht richtig abgehört hat.

Autorenfilmer Francis Galluppi hat sich zweifelsohne von den Werken Quentin Tarantinos inspirieren lassen, allerdings auch von den Arbeiten Sidney Lumets oder Ben Wheatleys. Die Betonung liegt dabei auf „inspirieren“, denn Galluppi trägt der blutigen Situationsironie seinen eigenen verqueren Stempel auf. Das liegt vorallem an den undurchschaubaren Charakteren, die sich hier versammeln. Jim Cummings als Salesman ist ohnehin nicht zu trauen, den jungen ungestümen und bewaffneten Turteltauben, die an Harrelson und Lewis aus Natural Born Killers erinnern, ebenso wenig. Selbst die Alten könnten anders sein, als sie vorgeben. Nur Charlotte hinter dem Tresen hofft hier noch auf die Harmonie eines ereignislosen Tages in der Gluthitze der Wüste, wenn das Standoff jedes Mal um neue, unerwartete Ereignisse oder Personen ergänzt oder reduziert wird. Faktoren wie Aktion und Reaktion unter Zeitdruck oder menschliche Verhaltensmuster in Ausnahmesituationen führen eine Dynamik herbei, von der man schon erwartet, dass alles in einem großen Knall enden muss. Und man ertappt sich dabei, wie erwartungsvoll man dem Desaster entgegenfiebert.

Als hundsgemeine Sarkasmusperle lässt sich The Last Stop in Yuma County genüsslich empfehlen. Galluppi lässt einen bescheidenen kleinen Weltuntergang über ein Nirgendwo hereinbrechen, der gleichsam überrascht und drohende Erwartungen erfüllt.

The Last Stop in Yuma County (2023)

Timestalker (2024)

VOM TOPF, DER NICHT ZUM DECKEL PASST

6/10


Timestalker© 2024 HanWay Films


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: ALICE LOWE

CAST: ALICE LOWE, ANEURIN BARNARD, NICK FROST, JACOB ANDERSON, KATE DICKIE, TANYA REYNOLDS, MIKE WOZNIAK U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Die Conclusio von gefühlt jeder Romantikschnulze lautet vermutlich so: Liebe überdauert alle Zeiten. Damit sind die guten und die schlechten zu zählen, sofern man das Vermählungsgelübde abgelegt hat. Damit sind vielleicht gar politische Wirren oder natürliche Katastrophen gemeint oder der Moment, wenn das Vertrauen wird auf die Probe gestellt wird. Geographische Distanz ist auch so ein Faktor, den man wacker bestreiten will. Im Film Timestalker überdauert die Liebe sogar diverse Lebenszeiten. Sprich: Ist die Tatsache einer Reinkarnation eine bewiesene, lässt sich somit auch der Lebensmensch über den Tod bringen, über den Stix schippern und in der neuen Existenzblase erneut ausfindig machen. Doch was, wenn dieser Lebensmensch gar nicht will? Wenn es gar nicht Liebe ist, sondern Obsession, die nur von einer Seite ausgeht und nicht erwidert wird? Stalken und Begehren über Raum und Zeit hinweg – was für absurde Ausmaße das Ganze annehmen kann, schildert die Comedian Alice Lowe in ihrer zweiten, zwischen Herz und blutigem Schmerz angesiedelten Regiearbeit. Die Britin selbst kennt man wohl am ehesten noch aus Ben Wheatleys Sightseers – einer urbritischen, schwarzhumorigen Version der Natural Born Killers, nur ohne Medienrummel. Slash-Festivalgeher ordnen ihr vielleicht noch den Schwangerschafts-Slasher Prevenge zu, der 2016 ebendort Premiere feierte.

Lowe setzt sich selbst als Mittelpunkt ihres Schaffens prominent in Szene, es ist ein Film für sie, mit ihr und von ihr. Timestalker lässt die Künstlerin in diverse Epochen eintauchen, vom 17. Jahrhundert der Häresie aufwärts bis in die nahe Zukunft, in der Unruhen das gesellschaftliche Leben bestimmen. Eine Frau namens Agnes liebäugelt dabei immer und jeweils in einer der Zeit angepassten Kluft mit dem ihr fremden Alex, der aber, so will es das Schicksal, immer wieder kurz davorsteht, sein Leben zu verlieren, würde Agnes nicht beharrlich intervenieren und statt seiner die Patschen strecken. Es wäre alles halb so wild, muss die von dieser besagten Liebe auf den ersten Blick gemarterte Lebenskünstlerin nicht alles wieder von neuem beginnen. Und wieder trifft sie auf Alex, mal als Prediger, mal als Bandit, mal als Rockstar. Für Agnes ist es Bestimmung, für den jungen Mann allerdings nicht. Eine Qual ist das, und es gibt keine Möglichkeit, die Balance zwischen dieser Figurenkonstellation auszugleichen oder aber die Paarbindung zu stärken. Erschwerend kommt hinzu, dass Nick Frost als herrlich provokanter Ungustl eine ähnliche Obsession für Agnes hegt, diese aber in toxischen Männlichkeitsfantasien auslebt, mit der das Objekt der Begierde nichts anfangen kann – ganz im Gegenteil. Und noch etwas: Im Hintergrund flammen lesbische Sehnsüchte auf, auch diese bleiben unerwidert. Lowe öffnet damit eine Kiste der im wahrsten Sinne des Wortes halbherzigen Beziehungen, der hoffnungslosen Bewunderungen, deren Energie ins Leere läuft.

Lowe reichert dabei ihre episodenhafte Anti-Romanze mit einigen blutigen Szenen an, die zum guten Ton schwarzhumorig-makabrer Light-Grotesken aus Britannien zählen, denn nicht nur einmal verliert Agnes den Kopf wahrlich nicht nur aus Liebe. Hinter dem, den sie so heiß begehrt, steckt einer, der so aussieht wie Sam Riley, tatsächlich aber als Aneurin Barnard bekannt ist und bereits schon bei Nolans Dunkirk mitgewirkt hat. Das Ensemble ist also in einem vergnüglichen Einklang vorzufinden, die Episoden selbst strahlen eine gewisse bühnenhafte Kauzigkeit aus, was vielleicht auch daran liegt, dass Lowe nicht auf Zug inszeniert. Gemächlich erscheint ihre immergleiche Grunddynamik der einzelnen Geschichten, ganz im Sinne der Idee dahinter fühlt sich vieles so an, als wäre es redundant. Kein Wunder, wenn die Figur der Agnes immer wieder gegen ihren Willen diesen einen Mann will, der im Grunde nichts für sie übrighat. Dieses Dilemma des Anhimmelns setzt Lowe in den Kontext gesellschaftlicher Marotten und Absonderlichkeiten der jeweiligen Zeitalter (schon wieder die Achtziger!), doch stets bleibt der Spaß in seiner Andeutung verhaftet, ohne in diesem Schicksalsspiel wirklich herumzurühren. Als ganz nett könnte man Timestalker bezeichnen – doch ist das nicht das Verheerendste, was einem Film wiederfahren kann, wenn man ihm diese Eigenschaft verleiht?

Nein, Timestalker ist bei weitem kein Reinfall. Doch als großen Wurf würde ich diese Reinkarnations-Komödie, die manchmal an Time Bandits erinnert und die ewige Schnulze der deterministischen großen Liebe in liebevoller Gehässigkeit hinterfragt, auch nicht bezeichnen. Der Twist am Ende macht immerhin vieles wieder wett, was vielleicht zu lange gedauert hat.

Timestalker (2024)

Andrea lässt sich scheiden (2024)

ÜBERS DORFDENKEN HINAUS

6,5/10


andrealaesstsichscheiden© 2024 Filmladen


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2024

REGIE: JOSEF HADER

DREHBUCH: JOSEF HADER, FLORIAN KLOIBHOFER

CAST: BIRGIT MINICHMAYR, JOSEF HADER, THOMAS SCHUBERT, ROBERT STADLOBER, THOMAS STIPSITS, BRANKO SAMAROVSKI, WOLFGANG HÜBSCH, MARGARETHE TIESEL, MARLENE HAUSER, MARIA HOFSTÄTTER, NORBERT FRIEDRICH PRAMMER, MICHAEL PINK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Die erste Szene von Josef Haders neuem Film ist Programm. Eine Polizistin und ihr Kollege stehen an der Landstraße, an einer der markanten, wenigen abschüssigen Stellen irgendwo in der Pampa, umgeben von Feldern und sonst nichts. Sie stehen dort und warten, der eine, Thomas Schubert, hat eine Radarpistole. Die beiden unterhalten sich, dabei wird klar: Der Kollege hat bald Geburtstag, und das geht ihm gegen den Strich. Denn was feiert man da? Im Grunde nur, dass man das letzte Jahr nicht gestorben ist.

Josef Hader ist spätestens seit dem Kultfilm Indien, der eine ähnliche, wenn auch kabarettistischere Tonart anschlägt, eine Institution, die viel mehr in sich vereint als nur Kleinkunstbühnenshow und Kellersarkasmus. Hader ist längst Schauspieler auch fürs ernste Fach, in Maria Schraders Vor der Morgenröte hat er bewiesen, auch ohne ostösterreichischem Dialekt eines kleinen, übervorteilten Mannes ganz gut klarzukommen. Das Gütesiegel, das er allerdings immer mit sich tragen wird, ist das eines unverwechselbaren Originals. Die Art und Wiese, wie Hader die Welt sieht, und wie sie auch seine Figuren sehen, die er verkörpert, entspricht dem autoaggressiven, deutlich spießigen und selbstbemitleideten Urösterreicher, der den Zeitgeist des illusionslosen Alltags beschwört. In Andrea lässt sich scheiden findet er zu gewohnten und auch bewährten Mustern zurück, verfeinert diese jedoch zur labilen Schicksalsfigur eines verlachten und nicht für voll genommenen Religionslehrers im erzkonservativen Kleiderbauer-Braun, nur ohne Ellbogenschützer am Sakko. Das wäre wieder eine Spur zu dick aufgetragen, denn Hader weiß: Zuviel ist meist ungesund, der subversive Galgenhumor das Beste, was sich in eine zerfahrene Momentaufnahme wie diese aus der Provinz des Abendlandes einstreuen lässt.

Dieser Religionslehrer namens Franz ist felsenfest davon überzeugt, ins Gefängnis zu wandern, weil er Buße tun muss. Und weil er einen Mann überfahren, den aber eigentlich Birgit Minichmayr als titelgebende Andrea auf dem Gewissen hat. Das Besondere daran: Das Unfallopfer ist Andreas Noch-Ehemann, der kurz davor noch von seiner Noch-Ehefrau zur Einvernehmlichen gebeten wurde, der sich aber, sturzbetrunken und völlig aufgelöst, in tiefem Kummer über sich und die Welt des Nächtens auf eingangs erwähnter Landstraße in Gefahr begibt. Warum Andrea letztlich keine Anstalten macht, die Rettung zu alarmieren, sondern statt erfolglosen Wiederbelebungsmaßnahmen gar noch Fahrerflucht begeht, um den vom Schicksal gebeutelten Franz als Sündenbock herhalten zu lassen, wird sich niemals so richtig erschließen. War es Panik, Feigheit, die Unmöglichkeit, Komplikationen wie diesen entgegentreten zu können?

Im Laufe des Films wird man sehen, dass Andrea damit nur schwer klarkommen wird. Entsprechend stoisch, lakonisch und introvertiert hängt sie der Möglichkeit nach, aus der Provinz nach St. Pölten zu emigrieren. Johanna Mikl-Leitner, ihres Zeichens Landeshauptfrau des Bundeslandes, wird das Werbebudget für St. Pölten, längst verschrien als langweiligster urbaner Zustand in Österreichs Osten, um einiges erleichtert haben. Hader, der in seiner Figur nichts gegen das Dasein in der Einschicht ins Feld führen kann, sucht währenddessen Trost im Hochprozentigen. So taumeln beide Figuren an Wendepunkten ihres Lebens zwischen Entschlossenheit und Ratlosigkeit hin und her, es sind zwei existenzialistische Gestalten auf besagter Landstraße im Nirgendwo, der Vergangenheit man nur erahnen kann, deren Umbruch man mitverfolgt und deren Zukunft hinter dem nächsten sanften Hügel verschwindet. Was Hader dabei am besten gelingt, ist weniger, seinem gar nicht mal so tristen, aber tragikomischen Provinzschicksal die nötige dramaturgische Dichte zu verleihen, sondern vielmehr, das hadernde Klischee des kleinen Mannes und der kleinen Frau im Kontext zu ihrer kleinen Umwelt zu portraitieren. Das hätte noch eine Stunde so weitergehen können, denn die geschmackvollen Feinheiten liegen im Detail, in der Gummidichtung einer überalten Kaffeemaschine, in der Fassade der zeitvergessenen Dorfkonditorei, in der latent opportunistischen Qualtinger-Schönrederei von Wolfgang Hübsch. Wie auch in Indien ist der Kitt zwischen der Handlung das Beste, was Hader destillieren kann. Die Metaebene in der aus lethargischer Sinnsuche und der Kettenreaktion unpässlicher Gelegenheiten fusionierten, sehr auf österreichisches Publikum zugeschnittenen Dramödie zu finden, ist gar nicht mal notwendig. Viel mehr zu entdecken als das, was man sieht, gibt es nicht. Dafür bleibt in der Peripherie der Wahrnehmung sehr viel, worin man wiedererkennt, was einem selbst vertraut ist. Ob der Zulassungsschein nun hinter dem Rückspiegel klemmt oder nicht – das Wesentliche gekonnt mit praktischen Alltagsfloskeln zu umrunden und dabei auch die Hürde des Lebens zu nehmen, ist, im Gegensatz zu Haders letztem Dauerlamento Wilde Maus, die ungeahnte Feinheit in dieser leisen Selbstfindungsschnurre, die ihre Figuren los- und weiterziehen lässt, sie nicht in ein abendfüllendes Spielfilmkorsett pfercht und auch keine Lösung wissen muss. Denn die kommt sicher von selbst, sagt der Österreicher.

Andrea lässt sich scheiden (2024)