Hope (2026)

ALIENS MIT WUT IM BAUCH

5/10


Jung Ho-yeon als wehrhafte Polizistin in Hope
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2026

REGIE / DREHBUCH: NA HONG-JIN

KAMERA: HONG KYUNG-PYO

CAST: HWANG JUNG-MIN, ZO IN-SUNG, JUNG HO-YEON, UM MUN-SUK, ALICIA VIKANDER, MICHAEL FASSBENDER, TAYLOR RUSSELL, CAMERON BRITTON U. A.

LÄNGE: 2 STD 40 MIN



Ein bisschen brennen die Zwiebeln. Letzten Sonntag ging das renommierte Slash Filmfestival nämlich zu Ende. Andererseits: Endlich wieder mehr Zeit, um sich anderem zu widmen, wie zum Beispiel dem Schreiben von Reviews. Ich gehe das Ganze chronologisch durch und bin eben bei Hope gelandet, dem wohl meist erwarteten Film des ganzen Festivals. Ein wuchtiges Action-Brett der Science-Fiction, uraufgeführt in Cannes und sehr bald auch regulär im Kino zu sehen.

Diese Erwartungshaltungen, die mit so manchen Werken einhergehen, ohne ihnen von der Seite zu weichen, legen auch ohne inszenierten Hype die Latte hoch – und oft passiert es, dass die Vorfreude einem gewissen Wohlwollen weicht, das mit einer Ernüchterung klarkommen muss, die man nicht wegreden kann.

Es muss nicht immer Metropolen treffen

Hope ist ein zweischneidiges Schwert, die eine Seite scharf geschliffen, die andere stumpf, und zwar so, als hätte man ausgiebig auf irgendetwas eingedroschen. Vom Eindreschen verstehen die fremdartigen Wesen in diesem Spektakel übrigens ziemlich viel. Und alles beginnt, als hätte Matt Reeves Cloverfield Sehnsucht nach dem fernen Osten.

Aller Anfang ist eine tote Kuh, die auf der Landstraße liegt. Wodurch dieses arme Nutztier das Zeitliche gesegnet hat, darauf kann sich keiner einen Reim machen. Nächstliegende Annahme: Ein Tiger treibt in den Wäldern sein Unwesen, doch das stellt sich als müder Versuch heraus, all das Unnatürliche zu erklären, das sich in niederschmetternden Ereignissen immer weiter und weiter hochschraubt.

Alle sind wir gleich schlau

Es gibt diese drei Ausgangslagen im Geschichtenerzählen – je nachdem, wovon sie handelt, kann das Publikum genauso viel wissen wie der Protagonist, weniger als dieser und deutlich mehr. Zu Beginn sind wir genauso schlau wie der um sein Leben rennende und keuchende und in totalem Extremzustand befindliche Polizeibeamte Bu-Seok, der seiner Pflichterfüllung auch unter widrigsten Umständen folgt.

Na Hong-Jin (The Yellow Sea, The Wailing – Die Besessenen) spielt – und das macht Monsterfilme wie diese so interessant – die Suspense-Karte aus. Er enthält uns den Aggressor lange Zeit vor – bis die Katze aus dem Sack hüpft und der atemlos inszenierte Wahnsinn mehrere Zähne zulegt. Was dem Filmemacher dabei gelingt, gerät zum Besten, was das asiatische Actionkino derzeit zu bieten hat.

Extraterrestrische Tobsucht

Diese geballten knapp 60 Minuten sind ein Schulbeispiel dafür, wie man Bewegung, Zerstörung und psychologisches Drama ineinander verzahnt, um eine Katastrophe nicht nur zu behaupten, sondern sie auch fühlbar werden zu lassen. Mit diesem Wow in Gedanken und auf den Lippen gelangt man aber nicht bis ganz an das Ende dieses energiegeladenen Reißers, der auf Kosten des Pacings gerade dann eine Pause einlegt, wenn sich viele dafür entscheiden, abzuspringen oder dranzubleiben. Sitzt man im Kino, bleibt man natürlich dran. Denn nicht nur Hope ist Schauplatz des Geschehens, sondern auch der Wald. Auf diese Weise zerfällt Hope in zwei Teile, die dann am Ende wieder zueinanderfinden, zwischendurch aber seltsam unverbunden wirken.

Gleich ein ganzes Universum

Na Hong-Jin hat sich sichtlich inspirieren lassen von anderen, international renommierten Filmemachern wie James Cameron, der mit seinem Avatar-Universum nun schon in die dritte Runde ging, und abgesehen von wieder mal grandiosen Schauwerten auf der Stelle trat. Na Hong-Jin, der seit 10 Jahren keinen Film mehr gemacht hat, dürfte diese Möglichkeit, ein ganzes Universum loszutreten, so sehr gereizt haben, dass nun das passiert ist: Ein vollkommen unfertiger erster Film, der ganz bewusst alles, was die Story zu erzählen hat, offen lässt. Wie das Fragment einer abgestürzten fliegenden Untertasse hängt dieser Science-Fiction-Himmelskörper zwischen den Ästen. Mit ihm all diese mächtigen, riesigen extraterrestrischen Gestalten, die ihr Äußeres verändern können und die in humanoider Gestalt von Alicia Vikander und Michael Fassbender gespielt werden, per Motion-Capture, wie Zoë Saldana und Sam Worthington auf dem Planeten Pandora. Selbst diese Kreaturen wirken teilweise unfertig, nicht ganz durchdacht. In tierischem Zustand gelingt das besser.

Die Ernüchterung kommt zum Schluss

Mit dieser Entscheidung und einer angerissenen Lore, die völlig sinnlos Minuten vor dem Ende tiefer in die Welt der Aliens eintauchen will, nimmt sich Hope die Chance, ein einmaliges und in sich rundes Kino-Phänomen zu werden. Wie eine Geode, die entzweibricht, erhalten wir nur eine Hälfte, bei der anderen ist nicht mal fix, ob sie sich noch finden lässt. Zweieinhalb Stunden wären Zeit genug gewesen, sich als Parabel auf menschliche Xenophobie zu konzentrieren. Stattdessen vergeudet Na-Hong-Jin immer wieder Zeit damit, das Actionfass zum Überlaufen zu bringen und sich mit den Verdauungsproblemen eines Augenzeugen aufzuhalten, nur um komisch zu sein. Fragt sich nur, wofür. Wofür dieses Timing?

Hope verpasst nicht den Absprung, sondern springt zu früh ab. Wohin die Reise ohne uns geht, bleibt unbekannt. Wie unbefriedigend, Dinge wie diese nicht zu Ende zu bringen.

Hope (2026)

Mag Mag (2025)

BITTE NICHT KÜSSEN!

8/10


Mag Mag macht sich bemerkbar bei jenen, in die sie verliebt ist.
© 2026 Slash Filmfestival


ORIGINALTITEL: MAGA MAGA ONNA

LAND / JAHR: JAPAN 2025

REGIE: YURIYAN RETRIEVER

DREHBUCH: EISUKE NAITO

KAMERA: HIDEKI SHIMA

CAST: SARA MINAMI, OSHIRO MAEDEA, AOI YAMADA, ATSUKO HIRAT, TAKUMI SAITO, MARINA MIZUSHIMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Wie heißt es so schön beim Slash? Let’s watch some pretty fucked up movies together. Bevor in drei Wochen die Viennale mit durchwegs intellektuellem, aber weniger fantastischem Arthouse die Säle füllen wird, darf beim nicht weniger intellektuellen, aber dafür doppelt rotzfrechen Stelldichein des fantastischen Films noch so richtig der eine oder andere drogenfreie, aber nicht symptomlose Trip genossen werden. Einer davon ist im japanischen Kino zu finden. Zur Freude all jener, die dieses Jahr als ein solches feiern, in dem das Genrekino so richtig aufdreht.

Die neuen Wilden

Will man jetzt schon einen Rückblick auf dieses Jahr wagen, dann stechen zwei Innovationen hervor, die als inspirierende Querschläger gar nicht mal aus der Filmwissenschaft kommen, sondern ihren Ursprung in den sozialen Medien haben. Dort, wo überhaupt alles erlaubt ist, wo die Grauzone groß und wo neben all dem, was uns an diesem Medium nervt, obskure Ideen blitzen. Wie zum Beispiel jene von einer Meta-Welt aus gelben Räumen, kurz genannt Backrooms. Kane Parsons hat sie vor Jahren als Creepypasta ins Leben gerufen. Und dann haben wir noch Curry Barker, einen YouTube-Filmer, der mit Obsession wie kaum ein anderer davor warnt, nicht jede Beziehungskiste gleich zu öffnen, wenn es darin rumpelt.

Eine ganz andere Wilde

Wer sich zu diesen beiden noch dazugesellen könnte, ist Yuriyan Retriever. Hierzulande wohl weniger bekannt, reüssiert sie in Japan als bekannte Comedian, die nebenher noch singt und Hip-Hop macht. Als Einstimmung auf ihren ersten abendfüllenden Spielfilm lässt ihre Videobotschaft in Sachen Absurdität kaum zu wünschen übrig. Das kann ja heiter werden – und wird es auch.

Mag Mag ist zwar immer noch im Grunde seines Wesens ein Beitrag zum J-Horror, der sich mit Ring oder The Grudge durchaus verwandt fühlt, der aber relativ früh ausschert und seine eigenen Wege geht. Vielleicht auch in Richtung Curry Barker. Yuriyan Retriever und Autorin Eisuke Naito variieren das Thema aber so sehr, dass man es gleichsetzen könnte mit einem Puzzle, dessen Katzenmotiv so sehr anders zusammengesetzt wird, dass dem Betrachter ein felliges, freakiges Etwas entgegenschnurrt. In diesem Fall ein überdimensional großer, weiblicher Geist, gekleidet in rosaroten Rüschen, mit strähnigem schwarzem Haar (was denn sonst), roten Lippen und diese stets zu einem Kussmund geschürzt, denn Mag Mag, so der Name der paranormalen Entität, ist verliebt.

Dämon, ich hör dich schmatzen

Ist Mag Mag einmal verliebt, gibt’s kein Entrinnen mehr. Dabei ist verliebt geradezu ein schwaches Adjektiv. Mag Mag ist besessen – womit wir die größte Umkehr im Geisterhorror haben, die es gibt. Dass Geister selbst von etwas besessen sind, ist neu. Obsessionen ziehen sich durch Retrievers ganze Wundertüte, die nicht nur einmal aufpoppt und kunterbunt-grausamen Inhalt über ihr Publikum schüttet. In der Wundertüte steckt nämlich noch eine Wundertüte, und immer wieder.

In diesem nach Blickwinkeln unterteilten Panoptikum ungehemmter Impuls-Ideen erschrickt man von neuem nicht wegen platter Jumpscare-Momente, sondern aufgrund nicht für möglich gehaltener Möglichkeiten, wie diese Groteske noch ausgehen kann.

Der Horror der Ablehnung

Wie in Barkers Obsession handelt Retrievers kleiner Wahnsinn genau davon – und von noch viel mehr. Hinzu kommen Neid, Missgunst und der hier schmerzlich vorgetragene psychologische Terror der böswilligen Ausgrenzung. Dabei hat Retriever auch mit Schauspielerin Sara Minami eine Drama-Queen an Bord, die Inde Navarette zeigt, wie besessen man auch ohne Zauber sein kann. Sara Minami aber ist nicht Mag Mag – wenn es denn so einfach wäre!

Begebenheiten, bei denen Retriever aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnte und bei denen auch das Verhalten junger, geschlechtsreifer Machos und Egomanen autobiografisch gefärbt ist, dienen als Inspiration. Mit diesen Erkenntnissen lässt sich rundumschlagen.

In the Mood for Love and Hate

Und Mag Mag tut es auch. Verstört, führt vor, verschreckt und holt sich ihre Lacher. Vieles ist so absurd, dass man währenddessen nicht glauben kann, dass das alles in Wahrheit einem roten, durchdachten Faden folgt. Einer berührenden, metaphysischen Parabel über Verantwortung, Illusion und Wahrheiten, die wir alle zu bestimmten Dingen im Leben oft nicht wissen wollen.

So entfesselt Mag Mag auch ist, und so oft die Horrorkomödie ihren Gemütszustand wechselt wie Figuren im Spiel sind, so sehr hat sie ein Ziel vor Augen. Am Ende wird es dann fast schon märchenhaft, weniger spottend, richtig schön. Mag Mag ist ein ungefälliges Erlebnis, das man mag oder eben nicht. Egal wie man dazu steht, eines ist klar: Mag Mag traut sich was.

Mag Mag (2025)

Never After Dark (2026)

GEISTER MIT ZUKUNFT

7,5/10


Moeka Hoshi als Medium im Film Never After Dark
© 2026 The Festival Agency


ORIGINALTITEL: NEBÂ AFUTÂ DÂKU

LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE / DREHBUCH: DAVE BOYLE

KAMERA: PATRICK OUZIEL

CAST: MOEKA HOSHI, KURUMI INAGAKI, KENTO KAKU, MUTSUO YOSHIOKA, BOKUZŌ MASANA, TAE KIMURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Nein, das war kein Luftzug, weil das Wetter mal wieder Böen durch die Wohnung treibt. Es sind auch keine Geister, die unsereins triezen, weil sie uns mitteilen wollen, dass sie allgegenwärtig sind. Das, was uns frösteln lässt, ist der frische Wind, der einen Ideenreichtum mit sich bringt, der das Genre des J-Horrors, aber nicht nur dieses, sondern ganz allgemein das Genre des parapsychologischen Horrors ordentlich auffrischt.

Was Geister eigentlich wollen

Dort, wo James Wan mit seinem Conjuring-Universum langsam ans Ende gelangt, weil sich dann doch nur immer wieder dasselbe wiederholt, knüpft Never After Dark an. Ein Thriller, wechselnd zwischen den Dimensionen und in der Zeit, ein investigatives Abenteuer und gleichzeitig eine Reise ins Innere von Protagonistin Airi (Moeka Hoshi, Shōgun), die als Medium durchs Land zieht, um verängstigten Lebenden unheilvollen Spuk vom Leib zu halten.

Das tut sie aber nicht wie Spengler, Venkman und Co, die sich als Ghostbusters selten nach dem Warum erkundigt und ektoplasmische Störenfriede in ihre schuhschachtelgroßen Gefängnisse gesperrt haben. Airi sucht den Dialog, will wissen, was den Geist so umtreibt, warum er nicht zur Ruhe kommt, was ihn quält oder warum er Zorn verspürt. Ist die Ursache mal gefunden, ist auch das Überbleibsel des einst Verstorbenen erlöst. Alle können in Frieden ruhen, daheim auf der Couch oder im Jenseits.

Airi reist in Begleitung ihrer älteren Schwester, die aber auch schon längst tot ist und nun jünger aussieht als ihre noch lebende Blutsverwandte. Mit ihr gemeinsam sind die „Paranormal Investigations“ stets von Erfolg gekrönt – bis ein ganz besonderer Fall bisher noch nie gestellte Fragen aufwirft. Und dieser Geist, dem man nicht gerne ins entstellte Gesicht blicken will, hat auch nicht die geringste Lust, hier Supervision zu betreiben.

Wie man Geister ernst nimmt

Alle Warnungen, das hier könnte eine zu harte Nuss werden, schlägt Airi in den Wind. Denn würde sie das nicht tun, hätten wir keinen Film. Und damit auch nicht all diese cleveren Wendungen, die uns der US-amerikanische Japan-Kenner Dave Boyle hier auftischt, denn sein paranormaler Kriminalfall hat es in sich.

Das Besondere dabei ist, dass Never After Dark überhaupt nicht darauf aus ist, eine dekorative Geisterbahn sein zu wollen. In Japan ist das Geisterkino etwas anderes – weitaus weniger Jumpscares, weitaus weniger routinierte Versatzstücke, die des Effektes wegen verängstigen. In Asien nimmt man Geister eben deutlich ernster, sie sind dort keine Attraktionen und haben auch keine Ambitionen, erschrecken zu wollen.

Boyle hat die Parameter verstanden. Dennoch bleibt es unheimlich, in diesem leerstehenden Hotel, in dem dieser namenlose Geist in der Tretmühle hängt. Das machen Geister, und sie wissen auch nicht, wann und warum sie es tun. Zumindest nicht, wenn man keinen Dialog sucht. Letztlich wird man aber feststellen, dass Geister gar nicht erschreckender sein können als zu Lebzeiten ohnehin schon.

Dimensionen und ihre Gesetzmäßigkeiten

Never After Dark hat eine nachvollziehbare Logik erschaffen und ergänzt diese Dimensionsreise, der ein durch spezielle Artefakte, verbranntes Eigenhaar und eine Kerze ein Trancezustand vorausgeht, in dem Airi ihren Geist vom Körper trennen kann. Fast ist es wie bei Flatliners, doch hier weiß jemand, was er tut.

Bis alles anders kommt. Bis ein ganz wichtiger Faktor das Verständnis von Geisterdimensionen umkrempelt, dabei ein bisschen an die Conclusio von Villeneuves Arrival anknüpft und dann auch noch zum handfesten Serienkillerthriller mutiert. Man fragt sich wohl, wie das alles zusammenpassen kann, doch es passt.

Wohl auch oder vor allem durch das einnehmende, berührende Spiel von Moeka Hoshi, die man schon in der ersten Szene ins Herz schließt und von der man weiß: Keine Filmhandlung würde ihr langfristig etwas zuleide tun wollen.

So liebevoll wie erschreckend

Diese Herzlichkeit – dieses kleine Familiendrama, das da mitschwingt – nimmt den anderen Elementen aber nicht ihre Wirkung, und das ist diese Kunst, die asiatischen Filmen so innewohnt. Sie können im stilistischen Zickzackkurs dennoch in der Spur bleiben. Zwischen Schockmomenten, die es hier sehr wohl auch gibt und die vor allem für Leute, die so ihre Probleme mit Kieferheilkunde haben, wohl ungeeignet sind, und straff in den Händen liegendem, fantastischem Spannungskino hält Dave Boyle das Niveau von Anfang bis Ende und findet für seine bezaubernd grausige Geistergeschichte, die nur in einem gewissen Punkt die Conclusio hinterfragt, den richtigen Maßstab.

Wer Horror nur bis zu einem gewissen Grad verträgt, könnte sich dennoch in diesen Film hineinwagen, denn mit den Good Vibes, die von Medium Airi ausgehen, kann einem fast gar nichts passieren. Man sollte ihr nur nicht von der Seite weichen.

Never After Dark (2026)

The Peril at Pincer Point (2026)

UND EWIG FLÜSTERN DIE KRABBEN

7/10


Jack Redmayne sucht den perfekten Sound in The Peril at Pincer Point
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: JAKE KUHN & NOAH STRATTON-TWINE

KAMERA: MURRAY ZEV COHEN

CAST: JACK REDMAYNE, ALYTH ROSS, MICHAEL MACKENZIE, NOAH STRATTON-TWINE, OS LEANSE U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Die großen Fische

Es gibt Filme, die sind von gigantischen Studiokonzernen finanziert. Meistens sind es Franchises wie Jurassic World – die Episode Jurassic World: Ein neues Zeitalter gilt zurzeit als die budgetmäßig intensivste Produktion. Auch Star Wars lässt sich Disney einiges kosten. Und natürlich lassen Regisseure wie Christopher Nolan oder Denis Villeneuve mit ihrer Liebe zum Analogen und zu IMAX ihre Geldgeber tief in die Tasche greifen. Was schaut am Ende dabei heraus? Ein Film. Und vielleicht sogar einer, der floppt, der gerade mal so geht oder der einen Hype mit sich bringt, der die Gesellschaft entsprechend manipuliert.

Die kleinen Fische

Betrachten wir mal die andere Seite. Da gibt es Filme, die haben Herzblut, da spürt man die Freude am Tun und sie sind obendrein mit dem eigenen Kleingeld finanziert. Es sind Liebhabereien, die alleine aufgrund ihrer flexiblen Herangehensweise, ihrer Ideen, ihrer Leidenschaft für das Medium und ihrem Improvisationstalent ganz schlicht und ergreifend die Gunst des Publikums gewinnen müssen, was anderes kommt da fast gar nicht infrage. Was schaut am Ende auch hier heraus? Ein Film.

Die großen und die kleinen Fische

So haben wir das millionenschwere Schlachtschiff und den kleinen Flitzer – womöglich ist der kleine Flitzer schneller, sieht auch eleganter aus. Am Ende des Tages kann es passieren, und das viele Geld ermöglicht einen Film, der mehr oder weniger genauso gut ist wie eine No-Budget-Liebhaberei. Es kommt also nicht auf die Größe an, nicht immer auf den Schauwert, sondern auf eine gewisse Freiheit, die von Studios abhängige Filmgiganten niemals haben werden. Die kleinen, schrägen Eskapaden auf der Leinwand allerdings schon.

Die alten Filme am Samstagnachmittag

Und so frei und hemmungslos geben sich auch Jake Kuhn und Noah Stratton-Twine ihrem Handwerk hin. Letzterer plauderte beim diesjährigen Slash aus dem Nähkästchen. Mit halbwegs guten Englischkenntnissen konnte ich maximal die Hälfte all der Hintergrundgeschichten zu dieser versponnenen Mystery-Hommage namens The Peril at Pincer Point nachvollziehen.

Zum Glück spricht man in diesem Film nicht genauso schnell, wie Stratton-Twine es tat. Ohne Untertitel und konfrontiert mit einer Menge unterschiedlicher englischer Dialekte pflügt man sich aber dennoch ganz gut durch eine sepiafarbene Schnurre, die sich anfühlt, als wäre sie aus den Archiven eines Roger Corman hervorgeholt worden.

The Peril at Pincer Point will schließlich genau dorthin. Zumindest stilistisch winken die Fünfzigerjahre, während das Geschehen einen Zeitsprung in die nähere Vergangenheit macht, in der es noch keine Smartphones gab. Der Anachronismus ist aber dennoch verblüffend: Das Analoge ist mit dem Digitalen seltsam verschmolzen, die Berge auf dem verfluchten Inselchen Pincer Point regelrechte Gletscherriesen. Gigantische Krabben machen das kleine Fischerdorf nächtens unsicher, und irgendetwas hat es dort mit dem Sound. Kennt ihr euch aus?

Zwickt’s mi – I man i tram

Dabei beginnt alles mit einer Krabbe irgendwo in einer Dachwohnung in London, die Protagonist Jim Baitte in den Finger zwickt. Ob das nicht schon ein Omen ist für das ganze metaphysische Schicksal, das den Mittzwanziger, der für ein Tonstudio arbeitet, letztlich heimsuchen wird?

Dabei stehen die Sterne gar nicht gut. Kurz bevor man ihn dort rauswirft, wird er von einem idealistischen Filmregisseur mit der Mission betraut, nach Pincer Point zu reisen, um neuen Sound für sein aktuelles Werk aufzunehmen, insbesondere die Stimme einer blonden jungen Frau, die aber, als Jim dort antanzt, vom Erdboden verschluckt scheint. Der macht sich aber dennoch auf die Suche und investigiert, während er Krabben sprechen hört, Leute sieht, die gar nicht da sind, und immer wieder so eine Art Schiffsglocke vernimmt, die womöglich irgendetwas mit einem Freibeuterfluch zu tun hat.

Der kleine Bruder der Widow’s Bay

In gemütlichem 4:3-Format, verwaschenen Bildern, kostengünstigen Requisiten und analogen, aber charmanten Effekten, bei denen gar nicht infrage kommt, dass man sie anders erstellen würde als auf diese Art der Handarbeit, ist The Peril at Pincer Point fast schon so etwas wie eine kleine Variation des Emmy-gekrönten Apple-Serienhits Widow’s Bay.

Beiderorts schwelt ein schon ewig währender Fluch im Unter- und Hintergrund oder jenseits der Gezeiten. Fast hört man die Stimme von Peter Ustinov als Captain Blackbeard in Disneys kauziger Gruselkomödie. Fast schon könnte hier Nebel aufziehen und die ruhelosen Seelen alter Piraten entern wie bei John Carpenter das Trockene. The Peril at Pincer Point bedient sich am etwas nach Hafenwasser duftenden Fundus aus Seemannsgarn, dem Mysterium des Meeres und einer Schatzsucher-Trope, die aber das Objekt der Begierde in der Klangwelt verortet.

Des toten Seemanns Soundbox

Den ultimativen Sound will Jim Baitte finden, den aber nur die toten Seelen kennen. Wie lustvoll verwirbeln Kuhn und Stratton-Twine dieses lässige, zum Teil völlig improvisierte Zwischenwelten-Abenteuer, als hätte Kevin Smith seine Clerks sich selbst überlassen und wäre reif für die Insel geworden.

All das Ungezwungene und beim Dreh vielleicht völlig Unerwartete formt sich zu einem augenzwinkernden Selbstversuch, in dem alles den Vibes folgt und von Zeitplänen nichts wissen will. Der Spaß, der gar nicht mal vorgehabt hat, auf Festivals zu reüssieren, hat sein Glück gefunden. Das kommt eben ganz von selbst, gerade dann, wenn man es nicht erzwingen will.

The Peril at Pincer Point (2026)

Sicko (2025)

KRANKMELDEN MAL ANDERS

6/10


Ayan Utepbergen und Dilnaz Kurmangali im Film Sicko
© 2026 Busch Media Group


ORIGINALTITEL: AURU

LAND / JAHR: KASACHSTAN 2025

REGIE: AITORE ZHOLDASKALI

DREHBUCH: KAZYBEK ORAZBEK, AIDIYAR ZHARPARKHANOV

KAMERA: BAGDAT ARGYNOV

CAST: AYAN UTEPBERGEN, DILNAZ KURMANGALI, AZAT ZHUMADIL, AIDA KURMANGALIYEVA U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN 



Schade, dass Jodie Foster bereits einen Film gedreht hat, der sich Money Monster nennt. Denn Money Monster wäre am Ende des Tages der ideale Titel für ein Regiedebüt aus dem für radikal-schräge Filme bekannten Kasachstan, das sich mit dem zwar nicht unpassenden, aber etwas weniger treffenden Titel Sicko identifiziert.

Nicht gerade die Sonnenseite des Lebens

In Sicko steckt schon das Wort „krank“ und krank zu werden ist in Tagen wie diesen wohl ein Luxus, den sich viele, die als Arbeitnehmer ihren Lebensunterhalt bestreiten, gar nicht mehr leisten können. Überhaupt nichts leisten kann sich das kinderlose Ehepaar Azamat und Tansholpan. Er ist Taxifahrer und schrottet sein Auto, sie ist ungewollt schwanger und weiß nicht, wie sie dem Ehemann verklickern soll, dass das Geld garantiert nicht für drei reicht. Überall Schulden, auch bei Mama und dem besten Freund, mindern den Druck von außen auch nicht gerade. Was also tun? Krankmelden? Wie denn, wenn kein Brotjob da ist?

Simulieren und kassieren

Man könnte ja so tun, als ob. Stimmt schon, das machen nicht wenige. Doch diesmal schraubt Filmemacher Aitore Zholdaskali das Level noch um ein paar Stufen höher. Was, wenn Tansholpan ganz plötzlich an Krebs erkrankt? Da kommen Freunde und Familie. Und alle wissen: Krankenversicherung ist nicht, da braucht es Spenden. Die man folglich auf ganz klassische und radikale Weise veruntreuen kann.

Dank Social Media zieht dann auch noch die Mitleidsschiene, und das (un)kranke Ehepaar ist finanziell bald schon gesundet, wenn einem da nicht das Märchen vom Fischer und seiner Frau in den Sinn kommt, in dem Letztere die Gelegenheit für möglich erachtet, gerne noch den einen oder anderen Groschen draufzulegen. Und noch einen. Und noch einen.

Die Kuh melken, so lange sie Milch gibt

Die Gier ist ein Hund. Und genauso knurrt und hechelt Aza irgendwann, als er längst vom braven Ehemann, der nur das Beste für die Familie will, zum Money Monster mutiert, zum geifernden, ereifernden Ungetüm, das letztlich alles, was Azamat stets heilig war, verrät.

Das macht der liebe Mammon, das wissen wir. Auf diese simple Formel bricht Aitore Zholdaskali seinen Film herunter, der als groteske Sozialsatire beginnt und für Kritik an den sozialen Medien überhaupt keine Zeit hat, obwohl die hier auf wundersame Art und Weise eine große Rolle spielen. Realistisch betrachtet mag die Publicity niemals so mir nichts, dir nichts zum landesweiten Hype ausarten, genau dabei macht es sich der Film ziemlich einfach, um schnellstmöglich dorthin zu gelangen, wo er eigentlich hin will. Zur Gewalt.

Ist Geld männlich?

Kristoffer Borgi hat vor drei Jahren einen ähnlich gelagerten Film umgesetzt: Sick of Myself. Und der hatte den Fokus anders gelegt. Gezielter, feiner und bissiger fiel das Gleichnis einer geltungssüchtigen Frau aus, die sich selbst verunstaltet, um gesehen und gemocht zu werden. In Sicko geht es allerdings von vornherein gar nicht mal um das Geltungsbedürfnis, das gestillt werden muss. Sondern einfach nur ums Geld.

Oder doch nicht? Blickt man genauer hin, stellt man vielleicht fest, dass sich von Anfang an alles um das gekränkte Ego eines Mannes dreht, der sein Rollenbild sowohl nicht erträgt als auch ihm entsprechen möchte. Das Toxische sickert nach und nach aus ihm heraus, Geld ist dabei nur noch dessen Symbol.

Zynische Dekonstruktion

Lug und Trug, und dann nur noch das. So artet Sicko am Ende in einen blutigen Konflikt aus, der alles zusammenbrechen lässt. Ausgeteilt wird mit solch einer Härte, immer und immer wieder, dass man gar nicht mehr hinsehen mag. Zholdaskali aber suhlt sich in all den Blessuren letztlich viel zu sehr und verursacht damit Längen, die Gewalt zum Selbstzweck werden lassen.

So zynisch und brutal, wie Sicko seine Geschichte ausufern lässt, so fällt alles, jede Feinheit und jede Nuance, mit der Tür ins Haus. Überrumpelt, könnte man sagen, ist man von der Sache. Mit dem Stellwagen ins Gesicht gefahren wurde einem. Au, das tut weh. Musste das sein? Wir haben es ohnehin längst verstanden.

Sicko (2025)

Glennkill: Ein Schafskrimi (2026)

SO SCHAFSINNIG SIND WIEDERKÄUER

3,5/10


Anke Engelke und Bastian Pastewka leihen den Schafen ihre Stimme in Glennkill: Ein Schafskrimi© 2026 Amazon Content Services LLC. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE SHEEP DETECTIVES

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2026

REGIE: KYLE BALDA

DREHBUCH: CRAIG MAZIN

CAST: HUGH JACKMAN, NICHOLAS BRAUN, EMMA THOMPSON, TOSIN COLE, MOLLY GORDON, HONG CHAU, NICHOLAS GALITZINE, CONLETH HILL, MANDEEP DHILLON

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JULIA LOUIS-DREYFUS, CHRIS O’DOWD, BRYAN CRANSTON, REGINA HALL, PATRICK STEWART, BELLA RAMSEY U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (SYNCHRO): ANKE ENGELKE, BASTIAN PASTEWKA U. A.



Perlen vor die Schafe?

„Ja natürlich, Schweinderl!“, sagt der Vorzeige-Bio-Bauer im Werbespot einer Vorzeige-Bio-Marke, während er mit seinem Ferkel spricht. Und ja: Er kann, was Schafhirte George Hardy nicht kann. Nämlich mit den Tieren reden. Trotz allem aber geht er davon aus, sie würden ihn verstehen, wenn er sich allabendlich vor die Tür seines mobilen Zuhauses setzt und seinen wolligen Untertanen aus diversen Schnulzenromanen vorliest, worunter sich auch ein Kriminalroman mischt, der womöglich schamlos von den Werken einer Agatha Christie abgekupfert hat und weismachen will, das die narrative Stereotypie der Genre-Belletristik den Realitätscheck besteht.

Was Buch und Film gemeinsam haben? Schafe!

Womöglich liest er den Tieren auch vor, weil er sonst niemanden hat, wer weiß. Viel Zeit zum Selbstreflektieren wird der Gute aber nicht mehr bekommen, segnet er doch alsbald auf brutale Weise das Zeitliche. Im Bestseller-Roman von Leonie Swann steckt dem netten Kerl ein Spaten in der Brust – im Film ist es Gift. Was zeigt, wie viel Drehbuchautor Craig Mazin und Regisseur Kyle Balda (Animator bei Illumination, Macher von Minions) von einer werkgetreuen Umsetzung halten. Unterm Strich nicht viel.

Ein Film wie Schäfchenzählen

Was Mazin und Balda getan haben, ist, dieser kriminalistischen Tierfabel alle Ecken und Kanten zu nehmen und einen familientauglichen Film zu kreieren, der in seiner Verwässerung der Dinge ungefähr so gut funktioniert wie das allabendliche Schäfchenzählen, wenn man nicht einschlafen kann. Tatsächlich mischt sich im Film eine solche Szene ins Geschehen, und zugegeben ist diese die beste der ganzen Laufzeit, wenn nach dem Mord an Schäfer George Hardy der Schafbestand durchgezählt werden muss und jener, der zählt, plötzlich das müde Auge bekommt. Was der Gag darstellt, ist im Film Programm. Viel essen sollte man davor jedenfalls nicht.

Die Banalisierung einer Fabel

Prinzipiell sollen Buch und Film unterschiedlicher nicht sein dürfen. Den Anspruch, Verfilmungen nur akkurat umzusetzen, und zwar fast schon Wort für Wort, den erhebe ich gar nicht. Manchmal aber ist es ratsam, das doch zu tun, wie im Falle von Glennkill: Ein Schafskrimi. Was fehlt oder verändert wurde ist genau das, was die Vorlage womöglich so attraktiv macht.

Der Witz an der Geschichte liegt schließlich an einem den Tierklischees zuwiderlaufenden Zynismus, der die Gepflogenheiten der denkenden Zweibeiner widerspiegelt. Im Film ist dieser Faktor ausgehebelt, die Schafe lösen den Fall auch nicht mehr selbst. Zwischen all den flach konturierten Figuren schmeisst Nicholas Braun die Show – ein Polizist mit zwei linken Händen, der erst aus sich herausgehen muss und wohl eher zur Entourage von Tierarzt James Herriot aus Der Doktor und das liebe Vieh passt. Doch er tut, was er kann.

Niedliches Beiwerk auf der Wiese

Die Tiere, die allesamt, das muss man zugeben, vorzüglich animiert sind und nur selten den Anschein erwecken, sie hätten die Gravitation mitsamt des eigenen Bewegungsapparates nicht im Griff, werden zu ansehnlichem Beiwerk degradiert, das, so wie Schäferhund Rex aus den TV-Krimis, gerade mal helfend zur Hand geht.

Ihrer Gesellschaft, die die Fähigkeit besitzt, auf Drei unliebsame Ereignisse zu vergessen, eine bedeutende Meta-Ebene anzudichten, die sich mit philosophischen Weltüberlegungen auseinandersetzt, erscheint mir schöngeredet. Die Idee ist nett, mehr aber auch nicht. So wie das enervierende „Winterschaf“, dass dem Schweinderl aus der Vorzeige-Bio-Werbung im Fernsehen alle Ehre macht und womöglich dort gerne einspringen würde, weil es doch diesen Niedlichkeitsfaktor besitzt – und Niedlichkeit, die schützt vor allen widrigen Einflüssen.

Die seltsamen Wege eines Krimi-Plots

Den Vogel abgeschossen – oder sagen wir lieber: das Fell des Schafes geschoren hat der Film wohl mit seinem hanebüchenen Krimiplot, der besagten Nicholas Braun zum Hercule Poirot einer englischen Dorfgemeinschaft macht, warum auch immer. Mit der Qualität eines Rätsel-Adventkalenders hält der Fall eine Auflösung parat, für die man sich im wahrsten Sinne des Wortes die Haare raufen muss.

Glennkill: Ein Schafskrimi (2026)

Die reichste Frau der Welt (2025)

DER GÖNNERHAFTE GLEICHMUT EINER DIVA

4/10


Isabelle Huppert und Pierre Lafitte im Film Die reichste Frau der Welt
© 2026 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: LA FEMME LA PLUS RICHE DU MONDE

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: THIERRY KLIFA

DREHBUCH: THIERRY KLIFA, CÉDRIC ANGER, JACQUES FIESCHI

CAST: ISABELLE HUPPERT, LAURENT LAFITTE, MARINA FOÏS, RAPHAËL PERSONNAZ, ANDRÉ MARCON, MATHIEU DEMY, JOSEPH OLIVENNES, MICHA LESCOT U. A. 

LÄNGE: 2 STD 3 MIN



Isabelle Huppert mag vielleicht, neben Catherine Deneuve und Juliette Binoche, wirklich zu einer der reichsten Frauen zumindest Frankreichs gehören. Bei dieser Ausdauer kann schon einiges an Kapital zusammenkommen, denn Mrs. Huppert hält sich wacker seit den Anfängen der Siebziger – sie ist , so könnte man es fast bezeichnen, der Rolling Stone unter den Akteurinnen. Und was ihr dabei zugute kommt, ist folgendes Phänomen: Sie altert nicht.

Die Serviette des Picasso

Bei einer fast schon sechzigjährigen Karriere kann es allerdings passieren und der Ehrgeiz, sich schauspielerisch nochmal neu zu entdecken, sei anderen Künstlerinnen gegönnt. Sicher nicht mehr Isabelle Huppert, denn schließlich muss sie längst nichts mehr beweisen. Als womöglich unkomplizierter Star gerne gefragt, schüttelt sie wohl ihre Routine aus dem Ärmel wie Picasso, der – wir alle kenne die Anekdote – für ein Gekritzel auf einer Tischserviette Millionen verlangen konnte.

Die Made im Speck

Apropos Millionen: Davon hat Hupperts Figur der Marianne Ferrere jede Menge. Und zwar so viele, dass sie eben als reichste Frau der Welt gilt, dank einer Kosmetikkette, die wie Red Bull ihren globalen Absatz findet. Doch irgendwie ist neben all dem materiellen Elysium irgendetwas im Argen. Die Lust am Leben weicht einer depressiven Stimmung, die Leute wohl befällt, die nichts mehr erreichen müssen.

Wie gerufen kommt da die Anfrage eines Establishment-Journals für ein Interview – inklusive Fotoshooting. Dieses darf der windige Alleskönner Pierre-Alain Fantine absolvieren, einer nicht nur mit dem Talent für das Lichtbild, sondern auch, andere, die vielleicht bedürftig nach etwas mehr Abwechslung sind, um den Finger zu wickeln. Fantin ist letztlich ein Hochstapler – einer, der mit lautem Auftreten und vulgärem Vokabular das konservative Dasein dieser älteren, aber nimmermüden Dame umkrempelt und für sich beansprucht. Fantin wird zur Made im Speck, eine Zeit lang sieht die Familie dabei zu, bevor auch ihnen die Hutschnur reisst.

Wir wollen niemanden beim Namen nennen

So ganz verfolgt hatte ich die Affäre rund um die L’oreal-Erbin Bettencourt, die in der ersten Dekade des neuen Jahrtausends Frankreich erschüttert hat, leider nicht. Denn hätte ich das, wären mir all die Parallelen des Films von Thierry Klifa sofort aufgefallen.

Auch im realen Fall spielt ein Fotograf die Erbschleicher-Rolle, illegale Spenden an politische Parteien und die Klage der eigenen Tochter sind nur einige Fakten, die auch im Film wiederkehren. Das alles ist streng genommen und unterm Strich ein wohl erdrutschartiges Drama, die Destruktion einer Familie und ein Pamphlet über die Schande des Reichtums.

Über den Ernst der Lage hinweglächelnd

Herausgekommen ist eine halbgare Sache, eine enervierende Dramödie, die sich so anfühlt, als wäre sie vergnügliches Zerstreuungskino. Nicht unwesentlich daran beteiligt mag die gehetzte Tonalität sein, die man aus den Komödien eines Louis de Funès oder mittlerweile Christian Clavier kennt, der ja immer noch den Eindruck vermitteln will, so gut zu sein wie der Gendarm von Saint Tropez.

Helles Licht, französischer Strand und ein Kommen und Gehen prägen den Rhythmus. Als Zwillingsfels in der Brandung sind Diva Isabelle Huppert und Laurent Lafitte zu sehen, frei nach dem Motto: Kennt man eine Szene, kennt man alle. Ein Fehler? Durchaus.

Huppert scheint den Eindruck zu vermitteln, ihrer Rolle wohl kaum mit Ehrgeiz begegnen zu müssen. Ihre Mimik ist immer die gleiche, ihr Schmunzeln ebenso. Keine Trauer, kein Ärger, keine Freude – Gefühlswelten, die Die reichste Frau der Welt allerdings verlangt, die von Huppert aber mit einer gönnerhaften Gleichform interpretiert werden. Auf der anderen Seite Laurent Lafitte (beide kennen  sich aus Paul Verhoevens Elle) – immer gleich aufgekratzt, immer gleich vulgär, immer gleich überheblich grinsend.

Seinen Untergang nimmt er mit Lippenbekenntnissen, beiden sind ihre Rollen zu voluminös, während Thierry Klifa an der auf mehreren Ebenen komplexen Dramatik des Stoffes unweigerlich scheitert.

Die reichste Frau der Welt (2025)

They Will Kill You (2026)

EIN OPFERLAMM LÄSST DIE SAU RAUS
7/10



© 2026 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: KIRILL SOKOLOW

DREHBUCH: KIRILL SOKOLOW, ALEX LITVAK

KAMERA: ISAAC BAUMAN

CAST: ZAZIE BEETZ, MYHA’LA, PATRICIA ARQUETTE, PATERSON JOSEPH, TOM FELTON, HEATHER GRAHAM, DARRON MEYER, GABE GABRIEL, CHRIS VAN RENSBURG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



„Da hat wohl jemand Schwein gehabt“, könnte man nach Sichtung dieses überdrehten Streifens behaupten. Ein Spoiler wäre das aber jedenfalls keiner. Der Weg zum großen Ganzen in dieser Sause bedarf etwas mehr als knackige 90 Minuten, und das ist genau die Dosis, die ein Film wie They Will Kill You sehr gut aushält, bevor sich so manches gar wiederholt oder selbst zitiert, nur weil das Filmteam nicht genug davon bekommt, wie Zazie Beetz sich im Pyjama durch die Gegend schlachtet.

Was für eine nette Wohngemeinschaft

Die meisten kennen die Schauspielerin wohl schon seit Todd Philipps Joker, nun aber hat sie endlich ihren eigenen Film, wo sie gar nicht mal einen grellgelben Trainingsanzug zur Schau stellen muss wie seinerzeit Uma Thurman in Kill Bill, sondern wo Schlabberhose und T-Shirt absolut reichen, um das um ihre Nachtruhe beraubte und daher auch recht wütende Dienstmädchen absolut stylish in Szene zu setzen. Dabei befinden wir uns in einem recht abgesteckten Setting, das Kenner unweigerlich an einen Klassiker des okkulten Grusels erinnert: Rosemarys Baby.

Inmitten eines verregneten und ungastlichen Manhattan ragt also dieser brutale Massivbau eines Wohnblocks in die Düsternis, ein nobles Etablissement, alles sehr Retro und geschmackvoll. Auch die Bewohner und Bewohnerinnen überaus freundlich, und wir wissen sofort: So süßliche Verhaltensweisen bedeuten meist nichts Gutes, da steckt stets etwas Dunkles dahinter. Und ehe man es sich versieht, können all die netten Leute gar nicht mehr bis auf den nächsten Morgen warten, um Zazie Beetz ihre Gunst zu erweisen. Was ihre Figur an diesem Ort verloren hat? Die kleine Schwester. Grund genug, um sich mit einer ganzen Schar eigentümlicher Satanisten anzulegen, die, verpackt in dunkelgrüne Regenmäntel und getarnt mit Schweinemasken (da haben wir es wieder, das Schwein) die Dame gerne opfern möchten.

Sofern man nicht zum Fanatismus neigt, ist das wohl eine Gefälligkeit, der man eigentlich nicht nachgeben will. Zum Glück für diese sympathische und zugleich wildgewordene Furie kann sie auch noch verdammt gut kämpfen. Wäre da nicht ein gewisser Faktor, mit dem die sinistre Belegschaft den Heimvorteil hat, und somit die Aussicht auf einen Erfolg des Guten in weite Ferne rücken lässt.

Blaxploitation heisst das Zauberwort

Sieht man sich die mit der Machete herumschwingende, rabiate Beetz an, so wird schnell klar, welchem Genre Regisseur Kirill Sokolow (Why Don’t You Just Die) hier huldigen möchte: Dem Exploitationkino – oder auch Blaxploitation, denn Zazie Beetz ist farbig, und Blaxploitation unterscheidet sich genau um diesen Umstand von erstgenannter Art. Wie man solche Filme macht, wissen auch Quentin Tarantino und Robert Rodriguez, die mit ihrem Label Grindhouse das mitternächtliche Bahnhofskino würdigten.

Machete, Death Proof oder Planet Terror sind mustergültige Kandidaten, die längst jedes Filmlexikon ergänzt haben. Und jetzt auch They Will Kill You. Überzogene, explizite Gewalt, abstruse Plots, trashiger Style, derber bis tiefschwarzer Humor, über allem oftmals eine starke Heldin (früher zum Beispiel Pam Grier, die sehr viel später in Jackie Brown nochmal ein Da Capo hingelegt hat), die in völliger Ignoranz gegenüber physikalischen Gesetzen und sonstiger Logik die Nemesis für all das finstere Gesocks macht, das gerne auch mal verstörend psychopathische Verhaltensweisen an den Tag legt.

In Dreiteufels Namen

Unter diesen stilistischen Voraussetzungen lässt Sokolow in seinem fürs Spätkino ideale Gustostückchen vielleicht auch im wahrsten Sinne des Wortes die Sau raus, und zwischendurch, man kommt nicht umhin, blitzt die verspielte Phantastik eines Terry Gilliam durch, obwohl der Herr damit nicht das Geringste zu tun hat. Gilliam und Polanski, vermengt mit den wüsten Anwandlungen einer Bahnhofskino-Groteske: Das ist They Will Kill You. Und dabei weit entfernt von Genreverwandten wie Ready Or Not, die im Grunde eine ganz ähnliche Geschichte erzählt: Junge Frau wird notgedrungen zum Freiwild, weil sie dem Leibhaftigen geopfert werden muss, sonst verlieren all jene, die das Dunkel anbeten, ihre Privilegien.

Während Ready or Not zwar Spaß macht, aber in geordneten Bahnen bleibt und zwar schon auch übertreibt, nur etwas verhalten, purzeln bei They Will Kill You die bizarren Ideen nur so von des Beelzebubs Schoß. Dabei macht es Spaß, auch das Retro-Design der Inserts mit der übrigen Reminiszenz an das Alles-erlaubt-Kino in Einklang zu bringen.

Sokolows spaßiger Splattertrip mag zwar nicht Spaß für die ganze Familie sein – für den cineastischen Junk Food Liebhaber aber ein knackig angebratener, gepfefferter Burger – vom Schwein.

They Will Kill You (2026)

How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)

ICH HAB’S NICHT SO MIT FAMILIE

4/10


Glen Powell in der Thrillerkomödie How to Make a Killing© 2026 Ilze Kitshoff / STUDIOCANAL_SAS / Constantin Film Österreich


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: JOHN PATTON FORD

KAMERA: TODD BANHAZI

CAST: GLEN POWELL, MARGARET QUALLEY, JESSICA HENWICK, ED HARRIS, BILL CAMP, ZACH WOODS, TOPHER GRACE, SEAN CAMERON MICHAEL, NELL WILLIAMS, JAMES FRECHEVILLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Wer erinnert sich noch an einen der besten britischen Filme aller Zeiten? Gemeint ist Adel verpflichtet aus dem Jahr 1949 mit Alec Guinness (Obi Wan aus Star Wars) in achtfacher Besetzung. Eine schwarzhumorige Krimikomödie jenseits gängiger Moral, allerdings mit ausgeprägtem Sinn für eine Sorte Gerechtigkeit, die sich deutlich zu wichtig nimmt.

Über den Jordan schicken muss man wegen einem Millionenerbe schließlich niemanden. Schon gar nicht, wenn man gar nicht mal noch berechtigt ist, zu erben. Um so etwas durchzuziehen, braucht es eine ganz schön niedrige Frustrationstoleranz, enorme Kränkung und wirklich, wirklich viel Kaltblütigkeit. Andererseits fällt es womöglich leichter, für den Tod von jemandem verantwortlich zu sein, den man ohnehin nicht kennt und den man mit allen anderen in einen Topf wirft, auf dem steht: Böse Sippschaft!

Die Ungeduld der Wut-Erben

Im Original sitzt Dennis Price als Louis Mazzini D’Ascoyne in der Todeszelle und erzählt dem obligaten Seelsorger wenige Stunden vor seiner Hinrichtung die ganze kranke Geschichte über eine ganz gemeine Familie, die seine Mutter einst verstoßen hat und die ihren Sohn, nämlich Louis Mazzini selbst, ganz allein und ohne Unterstützung der Verwandtschaft, aufziehen hat müssen. Dabei hat Mama wohl nicht vergessen, dem Jungen einzubläuen, dass er sich beizeiten gefälligst nehmen soll, was ihm zusteht – gemeint ist damit das Erbe. Oder überhaupt gleich den ganzen Besitz.

Wobei – darin steckt ist schon mal der erste Denkfehler in der Geschichte: Wäre Mama nicht verstoßen worden, wäre der ganze Besitz auch nicht der ihre. Sondern eben nur das Erbe. Und enterbt wurde weder sie noch ihr Sohn. Jedenfalls hat es den einfallreichen Jungspund nicht davon abgehalten, angetrieben von Rache und weniger von Gier, den eigenen ganzen Stammbaum zurechtzustutzen.

Zu charmant, um ein Killer zu sein

Soweit so verblüffend ähnlich sind sich Robert Hamers Klassiker und die mehr oder weniger bekennende Neuverfilmung von John Patton Ford (Emily the Criminal), die den Titel How to Make A Killing – Todsicheres Erbe trägt. Nicht zu verwechseln mit der französischen Weihnachtgroteske aus dem Jahr 2024 (How to Make a Killing), die sich genau so nennt und für Verwechslungen sorgen könnte, spätestens wenn beide Filme zu streamen sind.

Neu ist statt Alec Guinness ein nicht weniger charmanter Shootingstar, der sich seit Top Gun: Maverick hochgearbeitet hat in die A-Liga der sympathischen Action-und Abenteuerhelden – die Rede ist von Glen Powell. Ihm kann man einfach nicht böse sein, denn er ist einer von den Guten. Auch wenn er eiskalt Morde begeht, die gar nicht mal notwendig wären. Zumindest nicht für einen Charakter wie Becket Redfellow. Identifikationsfigur schön und gut – doch damit kickt sich die Krimikomödie sehr schnell ins Aus, wenn sie vorgibt, eine Person wie diese als verbitterten Racheengel darzustellen, der um sein Erbe betrogen wurde.

Falsche Figuren und ihre Intentionen

Die Wahrheit: Das wurde er gar nicht. Und ein verbitterter Racheengel ist dieser Redfellow auch nicht. Sondern einer, den man leiden kann, der nichts Böses will, der nur gerne die Chance hätte, zumindest auch jene Parameter zu nutzen, die all die anderen nutzen konnten, die Teil dieser Familie sind.

Der erste Mord mag vielleicht noch nachvollziehbar sein. Doch dann wendet sich das Blatt und die Story geht ganz andere Wege, nämlich die einer Karrierekomödie, die gar keinen Platz mehr dafür hat, noch weiteren Morden hinterherzujagen. Weil die Figur niemals die ist, der man die Mentalität eines Mörders abnimmt. Weil sie keinen Grund hat, das zu tun. Weil es plötzlich um die schnöde Gier nach dem schnöden Geld geht – und dafür ist Glen Powells Rolle völlig falsch angelegt. Von der Schmach, welche die Intention anfachen würde, erzählt der Film darüber hinaus zu wenig.

Es lebe die Amoral

Besser taugt da natürlich Margaret Qualley als hinterfotzige Freundin von früher. Wo die Rechnung aufgeht, ist in einer irreversiblen Amoral zu finden, die am Ende die Erwartungshaltung des Publikums unterwandert. Doch auch dafür stimmt die Intention der Figur nicht. Als psychologisch völlig undurchdachtes und somit auch völlig unglaubwürdiges Gentle Crime-Konstrukt verhebt sich How to Make a Killing in seiner Kausalität, wobei sich der Film anfühlt, als wäre er überlang.

John Patton Ford klappert seine Kills ab, as würde er zu Halloween von Tür zu Tür laufen – im ganzen wirkt die Inszenierung auch eher gelangweilt als erfrischend. Wofür Glen Powell nichts kann. Auch nicht Qualley oder Jessica Henwick. Schauspielerisch mag alles geglückt sein, allein vom Konzept her ist es das nicht.

How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)

Ready Or Not 2 (2026)

VOM BLUTREGEN IN DIE HÄMOGLOBINTRAUFE

6,5/10


Samara Weaving und Kathryn Newton in der Horrorkomödie Ready Or Not 2
© 2026 Searchlight Pictures All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: MATT BETTINELLI-OLPIN, TYLER GILLETT

DREHBUCH: GUY BUSICK, R. CHRISTOPHER MURPHY

KAMERA: BRETT JUTKIEWICZ

CAST: SAMARA WEAVING, KATHRYN NEWTON, ELIJAH WOOD, SARAH MICHELLE GELLAR, SHAWN HATOSY, NESTOR CARBONELL, DAVID CRONENBERG, KEVIN DURAND, OLIVIA CHENG, VARUN SARANGA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Keine Ruh hat man. Das wusste schon Sigourney Weaver. In James Camerons Sequel zu Alien kam die Action-Ikone Ellen Ripley auch nicht wirklich zum Ausschlafen, musste sie doch gleich wieder zurück auf diesen Planeten, wo im Original alles begonnen hat. Der zweite Teil setzt dabei genau da an, wo er aufgehört hat. Und zwar nahtlos. Dasselbe passiert bei Zurück in die Zukunft II und sogar III. Hier lässt sich gleich die ganze Trilogie am Stück genießen, wirkt dabei also wie ein Film. Jetzt hat diesen Fortsetzungs-Clou auch Ready Or Not eingeheimst, die Hochzeits-Slasher-Herrenhaus-Partie mit Jagdinstinkt. Und Samara Weaving. In solchen Fällen ist es gut, den vorangegangenen Teil noch bildfrisch in Erinnerung zu haben, sonst hapert es womöglich mit dem geschmeidigen Übergang, der vom Regen in die Traufe führt.

Was bisher geschah

Zur Vorgeschichte: Weavings Figur der Grace kommt wie die Jungfrau zum Kind in den Genuss eines satanischen Rituals, bei welchem am Ende ihre Auslöschung steht, und zwar sollte diese bis Sonnenaufgang über den Jordan geschickt worden sein, sonst wird Beelzebub böse. Und das will keines der Individuen aus dem Adelsgeschlecht der Le Domas-Familie. Also zücken sie sämtliche Waffen, und die gute Grace muss rennen. Sich retten. Und vielleicht, wenn sich die Gelegenheit ergibt, zurückschlagen. Soviel Spoiler zu Teil eins sei erlaubt: Unsere Heldin im blutverschmierten Brautkleid bändigt tatsächlich all die sinistren Bestrebungen und bleibt bis zum Tagesanbruch am Leben. Nur, um dann – das sieht man erst im Zweiten – doch noch umzukippen.

Der Teufel ist ein schlechter Verlierer

Im Spital erwacht, trifft Grace erstens mal auf ihre entfremdete Schwester Faith – und sehr bald schon auf den ersten Meuchelmörder, denn die Sache mit der Opfergabe für den Leibhaftigen ist noch nicht ausgestanden. Schließlich ist mit dem Überleben von Grace eine Situation eingetreten, die des Teufels Advokaten bedarf, der wiederum… aber lassen wir das. Wichtig ist: Bei Ready Or Not 2 handelt es sich nicht um die gleiche Handlung in anderem Gewand. Und selbst wenn es das gleiche Gewand wäre, und die gleiche Handlung: Wenn die Schauwerte stimmen, das hat uns James Cameron bewiesen, dann ist das Bewährte gerade mal gut genug.

Buffy mal anders, eine Regielegende vor der Kamera

Nicht aber hier, was gut ist, wenn man denn vorhat, ein Double Feature zu planen, der beide Teile zusammenführt. Was aber gleich ist: Die Jagd auf Samara Weaving, denn das ist das Grundprinzip dieser Idee. Deswegen geht man ja auch in diesen Film, weil klar ist, was kredenzt wird. Da braucht es nichts, was storytechnisch um die Ecke denkt. Vielleicht gibt man Samara Weaving noch einen zweiten Charakter an die Seite – nämlich Kathryn Newton. Und – wenn wir schon bei den Jägern sind – die Jägerin schlechthin: „Buffy“ Sarah Michelle Gellar. Die ist aber auf der anderen Seite, also die Antagonistin. Schön, sie zu sehen.

Und wer, um alles in der Welt, darf die ersten Szenen des Sequels dominieren? David Cronenberg. Nein, das ist keine zufällige Namensgleichheit, dabei handelt es sich tatsächlich um den Schöpfer von Die Fliege und sämtlichen Bodyhorror-Exzessen der letzten 30 Jahre. Der Altmeister gönnt sich den Spaß, und seine Visage passt perfekt in dieses süffisante B-Movie, das nichts anderes will, als Blut zu sehen.

Dunkle Regeln ohne Konsequenzen

Ready Or Not 2 ist vergnüglich und zwischendurch auch mal zum Gähnen, wenn es um innerfamiliäre Angelegenheiten geht, die nur halbherzig die Handlung voranbringen, ohne im geringsten zu emotionalisieren. Das Spiel mit den dunklen Mächten hat seinen Reiz, und letztlich ist sogar das Hadern mit den Regeln des Spiels der wahre Gag in dieser morbiden Fantasy, wenn schon die Kills gewisse Verschleißerscheinungen sichtbar werden lassen.

Über die aufgeweichte Logik kann man hinwegsehen, auch über das mühsam konstruierte Skript, das es nicht schafft, die stümperhaften Versuche der jagenden Meute mit der Dringlichkeit der Ermordung von Grace auch nur irgendwie zu erklären. Vielleicht hängt der Film auch deswegen manchmal durch. Und was wäre es nicht für ein prachtvolles Ende, wären Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die mit Abigail ihrem Genre 2024 treu blieben, mutig genug gewesen, das Szenario auf ein neues Level zu heben und die Welt nicht mehr das sein zu lassen, was sie vorhin noch war. Dafür hätten sie alles in der Hand gehabt.

Das finale Crescendo aus Macht und Gier gibt einem aber auch einen gewissen Kick. Und erinnert nicht ungefähr an einen Ring, ihn zu knechten. Schon allein deswegen, weil „Frodo“ Elijah Wood dabei zusieht.

Ready Or Not 2 (2026)