Marty Supreme (2025)

STRESSED FOR SUCCESS

9/10


© 2026 Tobis Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: JOSH SAFDIE

DREHBUCH: RONALD BRONSTEIN, JOSH SAFDIE

KAMERA: DARIUS KHONDJI

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, GWYNETH PALTROW, ODESSA A’ZION, KEVIN O’LEARY, TYLER OKONMA, ABEL FERRARA, FRAN DRESCHER, KOTO KAWAGUCHI, SANDRA BERNHARD, EMORY COHEN, FRED HECHINGER, PHILIPPE PETIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Vielleicht muss man Tischtennis lieben, um mit Marty Supreme etwas anfangen zu können. Vielleicht muss man selbst mal Tischtennis gespielt haben, weit über den Status eines sommernachmittäglichen Ping-Pong-Spiels hinaus, ohne Match, ohne Zählen, ohne das bange Steigern bis zur 21 hin, denn da endet der Satz, und ein neuer kommt. Das Spielfeld ist überschaubar, der Ball viel kleiner als beim Tennis; es sieht zwar nicht so aus, als würde man sich groß verausgaben, doch der Schein trügt tatsächlich. Tischtennis erfordert die Beherrschung einer Technik bis zur Perfektion. Es gibt gefühlt tausende Möglichkeiten, wie der kleine Hartplastikball aufkommen und abprallen kann, und gefühlt tausend Möglichkeiten, wie man ihn annimmt. Eine von tausend ist die richtige, alles andere nur Glück. Man schwitzt, man keucht, man verrenkt und verdreht seinen Körper. Über allem: Hohe Konzentration, Fokus auf den Ball. Dieser mag weiß sein oder, wie bei Marty Supremes Spezialausgabe, eben Orange.

Marty gegen den Rest der Welt

In dieser Welt ist der auf einer wahren Biografie beruhende Marty Mauser ein Virtuose, lediglich die Japaner machen ihm bei einem wegweisenden Turnier in London einen Strich durch die Rechnung. Einer wie Marty kann sowas nicht auf sich sitzen lassen, will Weltmeister werden, will alles. Und noch viel mehr. Was muss er dafür tun? Das nötige Kapital für eine Teilnahme der Meisterschaften in Japan zusammenkratzen. Klingt extrem nach Sportfilm? Könnte man meinen. Doch wenn man einen Charakter wie Marty Mauser vor sich hat, weiß man: Dieser junge Herr, der es wie Theo gegen den Rest der Welt aufnehmen kann, der von sich selbst so sehr überzeugt ist, es als einziger auf diesem Planeten verdient zu haben, Ruhm zu erlangen – dieser junge Mann wird seinen Stressfaktor so hochschrauben, bis seine Wachsflügel Marke Ikarus die Sonne selbst herausfordern. Und so viel Stress, das kann nur eines sein: Ansteckend, mitreissend, da wird Atemholen zur Atemnot. Und ab und an vergisst man darauf, die Lungen zu blähen, weil einem die Luftzufuhr stockt, weil Marty wieder den Ball auflegt, am Ball bleibt, den Ball verliert, ihm nachjagt, immer und immer wieder.

Dann ist dieser Ball plötzlich kein rundes Ding mehr, keine Miniaturwelt, sondern er selbst in dieser Sphäre gefangen, die aus so vielen Faktoren besteht, die ineinandergreifen. Irgendwann geht’s gar nicht mehr um Tischtennis. Das, um die weniger sportaffinen zu beruhigen, wird wohl die meiste Laufzeit des überbordenden Films einnehmen – das Nicht-Sportliche, die unruhige Suche nach dem Mammon, nach den richtigen Leuten mit Einfluss, nach der Rechtfertigung eines solchen Egos, und weniger nach Verantwortung, Liebe, Geborgenheit und natürlich Werten, die nachhaltiger sind als die Nummerntafeln am Spielfeldrand eines Tischtennisturniers.

Im freien Fall wie eine Katze

Die Brüder Josh und Bennie Safdie haben sich getrennt, weswegen auch immer. Kreative und moralische Differenzen womöglich. Der eine, Bennie, hat sich Dwayne Johnson angenommen und ihn mit The Smashing Machine als Catcher ins Scheinwerferlicht eines Rings gerückt. Ein schaumgebremstes Stück Sportbiografie ohne Extras, dafür mit Extra Haarpracht für The Rock. Der andere, Josh Safdie, wird als der eine von beiden wohl schon immer das Zepter der Dramaturgie geschwungen haben. Er wird gewusst haben, auf wie vielen Ebenen sich Dialoge aufsplitten lassen, wie viele Figuren gleichzeitig aufeinander einreden können, ohne dass die Regie dem Chaos erliegt und nichts mehr geht. Josh Safdie hat mit seinem Marty Supreme alle Trümpfe behalten. Wie er Timothée Chalamet in den freien Fall befördert und ihm dabei zusieht, wie er während dieses Falls alles Menschenmögliche an sich rafft, um mit beiden Beinen aufzukommen, grenzt an draufgängerische Dreistigkeit und spiegelt so die Haupteigenschaft des Charakters.

Anpassung eines Unangepassten

Marty Supreme lässt die Faktoren eines Schicksals, das aus grimmigen Kausalitäten besteht und sich verästelt wie ein Gewitterblitz, aufeinanderprallen, überlagert sie wie Zwölftonmusik. So manches Wortgefecht wird zum hysterischem Konflikt – Marty Supreme ist laut und zeternd und ringend um Klarheit, dabei niemals ringend um den roten Faden, der sich durch dieses gehetzte Psychogramm zieht. Mittendrin plötzlich einer wie Abel Ferrara als hundeliebender Finsterling oder Kevin O’Leary als Alphamann mit Einfluss und reichlich Potenzial für Spott. Ihnen begegnet Chalamet stets auf unterschiedliche Weise, doch selten so wie Leonardo DiCaprio in The Wolf of Wall Street oder Catch Me if You Can. Chalamet ist da noch einen Tick fragiler und gleichzeitig amorpher, seine Anpassungsfähigkeit ist erstaunlich und funktioniert, weil er eben genau das nicht tut: sich anzupassen. Weit weg von Scorsese und Spielberg ist Marty Supreme positioniert, diese anarchische Wildheit trauen sich die beiden Regiestars wohl gar nicht mehr zu, weil sie bereits dermaßen etabliert sind. Josh Safdie aber komponiert seinen Urban-Survival-Thriller fast intuitiv, verkopft sich nie, fühlt die Geschichte und umgekehrt fühlt sie ihn.

Zwischen den Matchbällen

Oscar-Filme sind überraschenderweise wirklich nur in seltenen Fällen nicht die Mühe wert, sie zu nominieren. Marty Supreme hat diesen Ehrgeiz und diesen Eifer in sich, sowohl schauspielerisch als auch inszenatorisch und überhaupt auch, was den Sport betrifft. Dieses Mehrwollen, den Hals nicht voll kriegen; dieses fiebernde Streben nach Erfolg bugsiert diese Tischtennisnummer bis über den Spieltischrand hinaus in schweißtreibende Höhen. Es kommt der Punkt, da geht es nicht höher, und genau diese Neuerdung einer Figur wie jene des Marty Mauser ist der heilende Prozess, um die Dinge klarer zu sehen. Die Welt zwischen Egomanie und Zufriedenheit. Zwischen Lebensziel und Lebensglück.

Ein prachtvoll-derber, schmutziger Schinken also, obszön und liebevoll. Und mag man Tischtennis, gibt’s die Spannung beim Aufschlag obendrauf. Für alle anderen ist der Sport dann nur Platzhalter für ein Können, das uns wettbewerbsfähig macht. Fragt sich nur zu welchem Preis.

Marty Supreme (2025)

13 Tage, 13 Nächte (2025)

EIN LAND ERLIEGT DEM TALI-WAHN

6,5/10


© 2025 Panda Lichtspiele


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: MARTIN BOURBOULON

DREHBUCH: MARTIN BOURBOULON, ALEXANDRE SMIA, TRÂN-MINH NAM, NACH DEM GLEICHNAMIGEN BUCH VON MOHAMED BIDA

KAMERA: NICOLAS BOLDUC

CAST: ROSCHDY ZEM, LYNA KHOUDRI, SIDSE BABETT KNUDSEN, CHRISTOPHE MONTENEZ, SINA PARVANEH, YAN TUAL, FATIMA ADOUM, SHOAIB SAÏD, SAYED HASHIMI U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Vor nicht ganz drei Jahren hat uns der Franzose Martin Bourboulon mit einer übertrieben erdfarbenen zweiteiligen Version des wohl berühmtesten Werks von Alexandre Dumas verwöhnt – die Musketiere waren da schon alteingesessene Haudraufs, D’Artagnan wurde von Francois Civil verkörpert – als bittersüße Milady de Winter glänzte Eva Green. Ein schönes Stück Historienkino, wenngleich der zweite Teil niemals ins Kino kam und im Streaming- und Retail-Sektor komplett unterging. Ein unwürdiges Verfahren, um Filme zu verwerten.

Vakuum am Hindukusch

Jetzt aber ist das alte Frankreich vergessen, Bourboulon wendet den Blick über den Nahen Osten hinaus bis ins landschaftlich schöne Afghanistan – zumindest tut er so als ob, denn gedreht hat er diesen Film klarerweise woanders, in diesem Fall in Marokko. Die meisten von uns Zuseherinnen und Zuseher werden wohl kaum nach Afghanistan gereist sein (obwohl: ich kenne jemanden, einen alten Schulkollegen, der das getan hat), somit fällt der Unterschied wohl kaum wirklich ins Gewicht. Viel mehr konzentrieren wir uns in 13 Tage, 13 Nächte auf jene Stunde Null des August 2021, die den Untergang eines vor langer Zeit kultivierten, weltoffenen Landes einläutet: Mit dem Abzug der US-Streitkräfte wird das hinterlassene Vakuum am Hindukusch sehr schnell aufgefüllt, und zwar mit jenen Finsterlingen, die da als Taliban bezeichnet werden: Vorsintflutliche wilde Männer, fanatisch und misogyn, antiliberal und voll mit weiß der Teufel sonst noch an dem Frieden und der Freiheit zuwiderhandelnden Agenden, die wohl alle davonscheuchen, die nicht unbedingt die Hölle auf Erden erleben wollen.

Nichts wie weg

In diesen Tagen des August steht in Bourboulons Film eine reale Person im Mittelpunkt, die man durchaus als eine bezeichnen kann, die Nerven wie Drahtseile besitzt. Ein harter Hund, ein kühler Kopf, ein pragmatisch agierender Franzose, genannt Mohamed Bida, der als Kommandant einer Sicherheitseinheit die letzte noch intakte Botschaft sichert. Die von wehrhaften Betonmauern umgebenen Räumlichkeiten sind das letzte Leo, bevor es gar nichts mehr gibt. Das wissen so einige aus der Bevölkerung, und ehe es sich Roschdy Zem als eben dieser Bida versieht, hat er Hunderte Zivilisten an der Backe, die in Frankreich um Asyl ansuchen wollen. Nebst der eigenen Belegschaft müssen, da gibt es gar keine andere Wahl, alle diese Seelen quer durch Kabul zum Flughafen gebracht werden, um sie dann in die letzten noch verfügbaren Maschinen zu verfrachten und außer Landes zu schaffen. Ein Himmelfahrtskommando? Das kann man laut sagen.

Durch diese hohle Gasse müssen sie kommen

An Roschdy Zems Seite agiert die bildschöne Lyna Khoudri als eine der Flüchtigen, die zufällig die Sprache des Feindes beherrscht. In diesem dichten Wirrwarr an Personen und Bedürfnissen lässt sich auch Sidse Babett Knudsen (Die Wärterin) als Reporterin verorten, die bereit ist, zum Wohle anderer sehr viel einzustecken. 13 Tage, 13 Nächte lässt sich ab eines gewissen Zeitpunkts durchaus als Roadmovie betrachten – irgendwann setzt sich der Konvoi in Bewegung, der etliche Hürden bewältigen muss, die zwischen Schikane und ernsthafter Bedrohung die Nervenkostüme aller Beteiligten ordentlich ramponiert – bis auf Roschdy Zem. Ihn scheint nichts aus der Fassung zu bringen – ein Held inmitten einer humanistischen Katastrophe. Bourboulon bleibt nah an ihm dran, was dann doch noch auf Kosten jener geht, die das Ganze verursacht haben: Die Taliban.

Alles im Blick, auf Kosten der Details

Hier ist Ende Legende mit der Glaubwürdigkeit. Die Gesinnung, das Weltbild, die Mentalität dieser Leute: Bourboulon kann sie nicht greifen. Zumindest nicht so sehr, um ein Gefühl der Authentizität zu erzeugen. Schauspieler Shoaib Saïd als Gruppenführer der Invasoren fühlt sich viel zu feingeistig an, um ihn als jemanden anzunehmen, der Karriere bei den Taliban gemacht hat. Glaubhaft oder nicht: Zumindest liefert Bourboulon in seinem Politthriller, den er chronologisch erzählt und dabei versucht, nichts Wichtiges zu vergessen, was die True Story vervollkommnet, beeindruckende Schauwerte. Wenn die Bevölkerung Kabuls den Flughafen stürmt und dabei jedes Mittel recht scheint, um die letzte Hürde zu nehmen, lässt sich das Ausmaß der Tragödie erahnen. Umso mehr, da während des Abspanns die tatsächlichen Bilder dieser Tage zu sehen sind.

13 Tage, 13 Nächte – sie vergehen wie im Flug. Und obwohl der Film zumindest meint, einen Einblick zu gewähren, indem er den Paradigmenwechsel so groß als möglich und auch ziemlich straff inszeniert: Die Rekonstruktion der Ereignisse nimmt sich wenig Zeit für seine Figuren und erfasst sie lediglich im Ausnahmezustand. So, als würden sie nur dann existieren.

13 Tage, 13 Nächte (2025)

Crime 101 (2026)

AM ENDE LOCKT IMMER DER KLUNKER

6/10



© 2026 Amazon MGM Studios Content Services LLC


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: BART LAYTON

DREHBUCH: BART LAYTON, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON DON WINSLOW

KAMERA: ERIK WILSON

CAST: CHRIS HEMSWORTH, HALLE BERRY, MARK RUFFALO, BARRY KEOGHAN, MONICA BARBARO, COREY HAWKINS, NICK NOLTE, JENNIFER JASON LEIGH, TATE DONOVAN, DEVON BOSTICK, PAYMAN MAADI U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN



Wie viel Charme verträgt ein Verbrechen? Sofern keine menschliche Seele zu Schaden kommt, durchaus einigen. Vorausgesetzt, der Gesetzeswidrige hat Gesicht und Physiognomie wie zum Beispiel Bilderdieb Josh O’Connor (The Mastermind), Tageskassenplünderer Channing Tatum (Der Hochstapler) oder Juwelen-Entwender Chris Hemsworth. Gegen so viel Attraktivität macht die Moral gerne einen Kniefall, gerade bei letzterem wird Verbrechen zum Kavaliersdelikt, wenn der dann noch den geheimnisvollen Sinnierer gibt, der zwischen seinen Coups gerne gedankenverloren ins Narrenkästchen blickt oder das nächtliche Treiben der Großstadt beobachtet, als würde sie ihm gehören. Hemsworth ist zum Anhimmeln da, vorwiegend von der weiblichen Seite, so auch im Film Crime 101, einem anmutigen Kriminalkonstrukt, der verschiedene Parteien gleichzeitig aus ihren Tiefgaragen fahren lässt und zusieht, wohin sie abbiegen und ob sie sich dabei irgendwann in die Quere kommen.

Raus aus der Tiefgarage

Dabei kommt es ganz drauf an, von wo aus jede der Parteien startet. Letztlich folgen sie alle dem Highway 101, einem nicht erst seit Depeche Mode popkulturtauglichen Stück Straße, an welchem der eine oder andere Juwelier seine Zelte aufgeschlagen hat. Der zu entwendende Reichtum taucht dann als Inkognito-Lieferung auf, die für Hemsworths Figur aber alles andere als das ist: Der weiß längst, wer hier wann wem die Klunker rüberreicht, um im rechten Moment zuzuschlagen. Ein zerzauster, brummbäriger Mark Ruffalo, der als Prequel-Version eines Inspektor Columbo wirklich keine Anstalten mehr macht, Hulk sein zu wollen, darf als vom Leben recht enttäuschter Detektive dem Juwelendieb auf den Fersen sein. Von anderer Seite versucht Halle Berry ihr Karriereglück als Versicherungsmaklerin, was nun auf den ersten Blick nichts mit der ganzen Sache zu tun hat, aber da würde ich sagen: nur langsam mit den jungen Pferden, die Story braucht etwas, um den richtigen Gang einzulegen, nichts will schließlich überhastet passieren, denn Filme wie Crime 101 will man ja auch nicht hinhudeln und dann an Glaubwürdigkeit und Akkuratesse verlieren.

Die Reichen beklauen

Die Grenze zwischen Gut und Böse ist dabei so diffus gehalten wie nur möglich, wobei den genannten Figuren eindeutig die Seite des Lichts zufällt – auf der anderen hängt immerhin ein verbraucht wirkender Nick Nolte an den Fressbuden in Little China herum, während der immer wieder unberechenbare Barry Keoghan den Antagonisten mimt, und zwar den wirklichen, nicht nur den halbseidenen wie Hemsworth. Schließlich ist Klunkerklau nichts, was wir zwingend als falsch erachten würden, trifft es schließlich, wie wir finden würden, keinen Armen.

Da haben wir es wieder, das bisschen Neid und die Genugutuung – diese innere Zufriedenheit, wenn die, die nichts haben, plötzlich, uneinsehbar für Passanten, den Inhalt eines kleinen braunen Kuverts in die Handfläche plumpsen lassen. Ob Hemsworth verdient hat, damit Erfolg zu haben? Ob die Rechtschaffenen, die durch ihre Rechtschaffenheit übervorteilt werden, nicht auch mal mit der Illegalität liebäugeln dürfen? Robin Hood hat es doch längst schon vorgemacht, und längst finden wir diese Handhabe durchaus heldenmütig. Doch das war im Mittelalter – und Hemsworth klaut die Karat ja nicht für wohltätige Zwecke. Sondern um etwas zu verarbeiten, das irgendwo in seiner Vergangenheit liegt. Deswegen zeigt er sich ja so lakonisch und geheimnisvoll. Wer will so einem Typen dann nicht alles entschuldigen, was vielleicht nicht ganz des Gesetzen entspricht?

Stadtfahrt ohne Überholmanöver

Crime 101 von Bart Layton (American Animals mit Barry Keoghan) liegt eine Kurzgeschichte von Don Winslow zugrunde, der – wir erinnern uns – das Drehbuch zu Oliver Stones brutalem Drogenthriller Savages verfasst hat. So blutig wie damals geht es in diesem zündschlüsselintensiven Karren-, Knarren- und Karat-Thriller längst nicht zu, hier wählt Layton gediegenes urbanes Ambiente, das nicht sonderlich auffällt. In dieses durchschnittliche Umfeld bettet Layton eine durchschnittliche Handlung, die zwischen all den Figuren den Durchschnitt sucht, also einen gewissen gemeinsamen Nenner, um so alle Fäden zusammenzuführen. Wie schon erwähnt treiben diese Fäden noch lange Zeit den Highway entlang, und immer wieder, sobald Chris Hemsworth zähneknirschend bedeutungsschwer und gleichermaßen stocksteif die Szene dominiert, lässt einen das Gefühl nicht los, dass die Figur dieses James Davis längst nicht so interessant ist, wie sie scheinen möchte. Ruffalo und Berry kompensieren das Defizit mit deutlich mehr Lust, sich zu öffnen. Sobald Barry Keoghan die ungewollt duldsame Harmonie zwischen den Protagonisten stört, indem er für Reibung sorgt, dreht Layton an der Spannungskurve. Es scheint, als wäre der ganze Film von dieser einen Figur abhängig, als würde sich alles auf diesen Keoghan verlassen. Der Showdown wird zur dramaturgischen Artistennummer, und am Ende zählt, wie so oft, immer nur der Klunker.

Crime 101 (2026)

Dead of Winter – Eisige Stille (2025)

ES MUSS NICHT IMMER LIAM NEESON SEIN

6,5/10


© 2025 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: BRIAN KIRK

DREHBUCH: NICHOLAS JACOBSON-LARSON, DALTON LEEB

KAMERA: CHRISTOPHER ROSS

CAST: EMMA THOMPSON, JUDY GREER, MARC MENCHACA, GAIA WISE, BRÍAN F. O’BYRNE U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN



Sie hat wohl schon alles gespielt, was man sich nur vorstellen kann, vorzugsweise natürlich Charakterrollen in anspruchsvollen Filmen, dabei kaum Horror, dafür aber ab und an herzhaften Nonsens, wie seinerzeit an der Seite vom schwangeren Arnold Schwarzenegger in Junior. Zuletzt hat sie sich Callboy Daryl McCormack geangelt – im erfrischend intimen und dialogstarken Kammerspiel Meine Stunden mit Leo. Was ihr in ihrem Repertoire auch noch wirklich fehlt, wäre ein waschechter Thriller. Einer von der harten, straighten, kompromisslosen Sorte. Etwas, wo Emma Thompson die unfreiwillige Actionheldin raushängen lassen kann, trotz fortgeschrittenen Alters, denn was Sylvester Stallone, Dolph Lundgren oder die steirische Eiche können, kann die toughe Britin schon lange. Dafür muss sie gar nicht zum Expendable werden, sondern einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort sein.

Hüttengaudi für Hinterwäldler

Oder aber: Zur falschen Zeit  genau dort, wo Witwe Barb die Urne ihres verstorbenen Mannes hinbringen hätte sollen: An einem zugefrorenen See in Minnesota, irgendwo in der Wildnis, meilenweit entfernt vor der nächsten annähernd urbanen Infrastruktur, dort, wo aufgrund der Kälte niemand Gute Nacht sagt, sondern nur schmerzliche Erinnerungen von damals hochkommen, als Barb und ihre große Liebe sich zum ersten Mal verabredet hatten – zum Eisfischen.

Lang ist’s her, und der Weg dorthin eine Challenge durch Schnee, Sturm und Eis. Irgendwann trifft Barb auf eine Hütte im Wald – und wir wissen längst; Hütten im Wald bedeuten zumindest in den USA einfach nichts Gutes. Der wortkarge Hinterwäldler weist der Guten den Weg, nicht ohne bei dieser ein gewisses Gefühl des Unbehagens zu hinterlassen. Kurze Zeit später, bereits am See angekommen, ertönen Schreie durch den im Winterschlaf befindlichen Tann. Barb ist nun auf sich allein gestellt, um das Rätsel zu lösen und um ihr soziales Pflichtgefühl zu aktivieren, welches bedeutet: Menschen in Not muss geholfen werden.

Liam Neeson ist eine Frau!

Wie handhabt ihr das? Filme, die im Winter spielen, im Sommer ansehen? Filme, in denen der Schweiß aus allen Poren dringt, im Winter? Ich für meinen Teil hab’s nicht nur in natura gerne frostig – auch im heimeligen Kino oder den eigenen vier Wänden darf es auf dem Screen gerne der Jahreszeit entsprechen. Also ist Dead of Winter – Eisige Stille zur jahreszeitlichen Abstimmung der ideale, gut verpackte, handliche kleine Thriller, in welchem Judy Greer in kompromissloser Verbissenheit die Antagonistin gibt. Lange bleibt unklar, welche Ursachen dieses ganze Schlamassel weitab vom Schuss eigentlich hat, und Brian Kirk und sein Drehbuch schieben des Rätsels Lösung lange vor sich her. Währenddessen kann man den beiden Damen, die sich auf Augenhöhe begegnen, beim Hickhack und beim Shootout zusehen, wobei Thompson als Survival-Improvisationstalent dank ihrer Glaubwürdigkeit jede Menge Sympathiepunkte sammelt und obendrein noch Action-Opa Liam Neeson, der Rollen wie diese nicht ausschlägt, noch ein bisschen älter aussehn lässt.

Dass es am Ende, und zwar bei beiden Hauptdarstellerinnen, so richtig persönlich wird, hat zur Folge, dass Dead of Winter – Eisige Stille vom knackigen Winterthriller auf geradem Wege zum unerwartet düsteren, fast schon nach skandinavischem Kino anmutenden Arthouse-Drama mutiert, welches Trauer, Todesangst und Opferbereitschaft zwar nur kurz, aber dennoch intensiv genug thematisiert. Letztlich bleibt festzustellen, dass man Dead of Winter – Eisige Stille wohl ein bisschen unterschätzt haben könnte.

Dead of Winter – Eisige Stille (2025)

Zone 3 (2025)

EIN NEUES GESPENST GEHT UM IN EUROPA

7,5/10


© 2025 Studiocanal GmbH


ORIGINALTITEL: CHIEN 51

LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: CÉDRIC JIMENEZ

DREHBUCH: CÉDRIC JIMENEZ, OLIVIER DEMANGEL, NACH DEM ROMAN VON LAURENT GAUDÉ

KAMERA: LAURENT TANGY

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, GILLES LELLOUCHE, LOUIS GARREL, ROMAIN DURIS, VALERIA BRUNI TEDESCHI, DAPHNÉ PATAKIA, ARTUS, STÉPHANE BAK, THOMAS BANGALTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Das Gespenst, das in naher Zukunft umgehen wird in Europa, ist nicht ein solches, von welchem Karl Marx seinerzeit gesprochen hat. Diesmal ist es ein Gespenst, das auf der anderen Seite der physischen, der unseren Realität operiert. Es ist, wie kann es anders sein, die künstliche Intelligenz, oder, wenn man salonfähig genug sein will, verwenden wir, wie schon seinerzeit Steven Spielberg: AI. Diese AI unterstützt uns alle, die auch nur irgendwie IT-Technologisches benutzen, bereits auf ungeahnte Weise. Es ist wunderbar, wenn vieles leichter geht, es ist weniger wunderbar, wenn die Erleichterung uns selbst ersetzt oder aber unsere Kreativität einschränkt, sodass wir im Endeffekt  kein Gehirnschmalz mehr benötigen, um Entscheidungen zu treffen oder uns Wissen anzueignen. Doch lassen wir mal die Kirche im Dorf. Ich denke, die Blase ist bereits soweit gedehnt, dass sie sich langsam zusammenzieht anstatt zu platzen. Aus der Welt schaffen lässt sie sich ohnehin nicht mehr, also besser, sich zu arrangieren, unabsehbar, welche Nebenwirkungen dies in naher Zukunft haben wird.

Ermittlungen per Knopfdruck

Die nahe Zukunft ist, um auf den Film zu sprechen zu kommen, in Frankreich diesmal eine, die wohl den Science-Fiction Autor Philipp K. Dick in Angst und Schrecken versetzt, bevor er vielleicht eine dahingehende Novelle verfasst hätte. Um Grunde hat er das auch, auf eine noch extremere Art, nämlich mit Minority Report. Diese Vision handelt von einer Methode, Gewaltverbrechen schon im Vorfeld zu erkennen, von wem und wie sie ausgeführt werden und so weiter. Im Film Zone 3 geht es allerdings vorrangig darum, Gewaltverbrechen, die passiert sind, zu rekonstruieren. Dabei hilft – und das ist mehr als aufgelegt – die künstliche Intelligenz, die alle möglichen Parameter scannt oder eben damit gefüttert wird. In weiterer Folge spuckt diese dann das nächstmögliche Szenario aus, um sich später dann als virtueller Sherlock Holmes feiern zu lassen, der alle Puzzleteile perfekt zusammenträgt. Was aber, wenn diese AI beginnt, zu halluzinieren? Wenn sie über ihre eigene Bias stolpert, die man unmöglich ausmerzen kann, schon gar nicht in einem Europa, in welchem die Gesellschaft in Zonen eingeteilt ist, von den Reichen bis hin zu den Armen, die in der dritten und letzten ausharren müssen. Die gesellschaftspolitische Ordnung erinnert an Neill Blomkamps Elysium, nur dort steht den Superreichen eine ganze Raumstation für im Erdorbit zur Verfügung, während Matt Damon mit Exoskelett die Revolution plant. Zone 3 ist da deutlich realistischer. Sollte sich das rechte politische Lager auf Dauer durchsetzen, sind Zonen wie diese durchaus vorstellbar. Und dann noch die AI, die vieles leichter macht. Leichter als möglich. Gar nicht gut, meinte schon Albert Einstein.

Am Anfang war kein Terminator

Statt Philipp K. Dick hat diese Idee Autor Laurent Gaudé auf Papier gebracht – und sie in einen futuristischen, nachtkalten, rauen High-Tech-Kriminalfilm verpackt. Chien 51 nennt sich die Vorlage, und Cédric Jimenez, der mit dem realitätsnahen und intensiven Terrordrama November schon überzeugt hat, gibt sich nun einer unbequemen, dystopischen Zukunft hin, die auf kluge Weise so manche Lücke füllt, die Filmklassiker wie James Camerons Terminator hinterlassen haben. Zone 3 fühlt sich an wie ein Prequel zum Killer-Androiden-Franchise, nur eben ohne Killer-Androiden und ohne Fiebertraum-Wahnsinn von James Cameron selbst, der ja im Rahmen eines solchen die Eingebung zum T1000 überhaupt erst erlangte. Roboter, die durch die Gegend stapfen und Menschen umnieten, ist stark von einer möglichen, zukünftigen Realität entfernt, dennoch aber lässt sich so eine Machtübernahme wie durch Skynet problemlos durchspielen, wenn man die Eigenheiten von ChatGPT und Konsorten potenziert. Spätestens dann öffnet sich die Büchse der Pandora und lässt sich nicht mehr schließen – nicht ohne Umwälzung, ohne Aufstand, ohne eines Sturms auf die Barrikaden, mit denen wir uns mit dem andauernden Drang nach Fortschritt selbst ummauern.

Antiheld im Regen

Gleich zu Beginn, wenn sich Gilles Lellouche frühmorgens aus seinen Laken erhebt, wird dieser ohne Umschweife zu einer Identifikationsfigur. Zwischen warmherzig, pragmatisch und auf sympathische Weise stur dringt dieser Protagonist durch ein Intrigen- und Indiziengeflecht, an seiner Seite eine auch sehr greifbare Adèle Exarchopoulos – anfangs noch die perfektionistische Exekutive, später dann, wenn sich das ungleiche Team eingespielt hat, bringen Emotionen die Ordnung ins Wanken. Das alles im dunklen, verregneten Blade Runner-Setting, mit Drohnen am Himmel und erstarkender Gefahren. Zone 3 ist manchmal so realistisch wie Children of Men, und hütet sich davor, nicht zu dick aufzutragen, um die akkurate Annäherung an eine Realität nicht zu verspielen. Vielen, die AI skeptisch gegenüberstehen, werden sich bestätigt fühlen. Viele, die das nicht tun, beschert der fesselnde Thriller zumindest ein gewisses Unbehagen. Zum Reflektieren der Lage regt Jimenez Werk aber bei jedem an.

Zone 3 (2025)

The Secret Agent (2025)

UND DER HAIFISCH, DER HAT ZÄHNE

7/10


© 2025 Port au Prince Pictures


ORIGINALTITEL: O AGENTE SECRETO

LAND / JAHR: BRASILIEN, FRANKREICH, NIEDERLANDE, DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: KLEBER MENDONÇA FILHO

KAMERA: EVGENIA ALEXANDROVA

CAST: WAGNER MOURA, MARIA FERNANDA CÂNDIDO, GABRIEL LEONE, CARLOS FRANCISCO, ALICE CARVALHO, ROBÈRIO DIÓGENES, HERMILA GUEDES, IGOR DE ARAÚJO, ÍTALO MARTINS, UDO KIER U. A.

LÄNGE: 2 STD 38 MIN


Die Hai-Angst greift um sich, im Brasilien der Siebzigerjahre. Einmal in den lokalen Geschichtsbüchern geblättert, markiert diese Dekade die Epoche einer Militärdiktatur, die vehement gegen Liberale und linksgerichtete Denker vorging. Alles, was den politischen Dogmen von damals nur ansatzweise widersprochen und sich zumindest so angefühlt hat, als wäre revolutionäres Denken im Gange, war letzten Endes dazu verurteilt gewesen, beseitigt zu werden – sei es weggesperrt auf ewig, umgebracht und verscharrt oder nur ermordet und liegen gelassen. Viele blieben verschollen, und jene, die man fand, konnten nur schwer identifiziert werden, so als wären sie von einem Raubtier zerfleischt worden; von einem Räuber, einer unberechenbaren Bedrohung, die ohne Vorankündigung kurzen Prozess gemacht hat.

Spielbergs Sommerhit als symbolisches Trauma

Dieser Knorpelfisch wird zur Metapher für eine satirisch-tragikomische Parabel; für einen bisweilen schrägen Thriller, der die politische Geschichte Brasiliens völlig anders aufdröselt und nichts damit anfangen kann, als herkömmliches Betroffenheitskino seine Informationspflicht in der notwendigen Sachlichkeit, ergänzt durch routiniertes Drama, abzuarbeiten. In diesem monströsen Meerestier, gespickt mit rasiermesserscharfen Zähnen, steckt das Bein eines unbekannten menschlichen Opfers – mit diesem Mordfall schickt sich ein höchst ungewöhnlich konzipiertes Charakterdrama an, über eine Person zu erzählen, die, von Palme-Preisträger Wagner Moura verkörpert, als Universitätsprofessor Marcelo von den Häschern der Militärjunta in die Küstenstadt Recife flüchtet. Die Gegend ist für den Witwer Marcelo kein unbekanntes Terrain, leben dort doch seine Schwiegereltern und sein eigener kleiner Sohn, der panische Angst vor Haien hat, dabei aber unbedingt Spielbergs Weißen Hai sehen möchte – vielleicht, um das kleine Trauma loszuwerden, welches ihn plagt.

Den Opfern auf der Spur

So geistert der Hai und das Bein durch die scheinbar umständlich erzählte Chronologie eines Schicksals, das erst Jahrzehnte später – der Film macht zwischendurch immer wieder Zeitsprünge in die Gegenwart – von Geschichtsstudentinnen aufgearbeitet wird. Dabei sind beide – das Bein und der Hai – symbolische Bausteine, die für einen zerstörerischen Machtapparat stehen, der verbrannte Erde hinterlässt und es so unmöglich macht, das Ausmaß der Tragödien zu erfassen. Filmemacher Kleber Mendonça Filho, der mit seiner politischen Alien-Parabel Bacurau denkwürdiges brasilianisches Kino schuf, lässt surrealen Spuk auch hier, wenn auch deutlich dezenter, durch Recife geistern. Allein die erste Szene von The Secret Agent mutet an, als hätten wir es hier mit einem schwarzhumorigen, lakonischen Gaunerstück zu tun; als hätte einer wie Vince Gilligan (Breaking Bad, Better Call Saul) eine neue Spielwiese entdeckt. Letztlich aber ist Filhos Film bisweilen weniger originell als das episch-bizarre Seriendrama, das kein Auge trocken lässt. The Secret Agent lässt sich massig Zeit, beobachtet und sondiert zuerst, um dann erst spät die Karten auf den Tisch zu legen. Lange ahnt man nur, was hinter Marcelos Versteckspiel verborgen liegt – fast schon reduziert der Film seine Geschichte zu sehr auf indirekt stattfindende Wendungen. Mehr zur fiktiven Biografie wird diese tragische Geschichte, wunderlich und vielschichtig, während sich gegen Ende die Dinge überschlagen und der klassische Politthriller, wie er in den Siebzigern gern inszeniert wurde, findet seine Hommage.

Politthriller mal anders

Subtil und doch nicht, metaphysisch und gleichzeitig ernüchternd real: Filhos Mixtur ist bemerkenswert. Den Verdacht, hier ganz großes Kino aus Brasilien zu erleben, das falsche Erwartungen provoziert und gleichermaßen einen melodramatischen Film Noir darin einbettet, mag man hegen. The Secret Agent ist nicht leicht zu fassen, weil er fast schon als dynamischer Genre-Hybrid funktioniert. Mittendrin dann tatsächlich noch Udo Kiers letzte Rolle als gezeichneter jüdischer Holocaust-Überlebender, als Orakel einer politischen Sackgasse, in der er sich einst befand, und die nun Brasilien auf eigene Art variiert.

The Secret Agent (2025)

A House of Dynamite (2025)

19 MINUTEN BIS ZUM ENDE DER HOFFNUNG

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: KATHRYN BIGELOW

DREHBUCH: NOAH OPPENHEIM

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: REBECCA FERGUSON, IDRIS ELBA, GABRIEL BASSO, JARED HARRIS, TRACY LETTS, ANTHONY RAMOS, MOSES INGRAM, JONAH HAUER-KING, GRETA LEE, JASON CLARKE, BRIAN TEE, GBENGA AKINNAGBE, WILLA FITZGERALD, KAITLYN DEVER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn dem Piloten in einem Flugzeug angesichts heftiger Turbulenzen die beschwichtigenden Worte ausgehen, und das Flugpersonal die spaßbefreite Miene aufsetzt, wird auch dem geeichtesten Vielflieger langsam anders. Wenn bei jenen, die an den Hebeln der Welt sitzen, die Kinnlade gen Erdmittelpunkt drängt, und sie alle gemeinsam nicht glauben können, was sich ereignen wird, dann wird der Mensch ungeachtet seiner Karriere und seiner Machtkompetenz, seines Standes, seines Erfolges oder seiner Wichtigkeit zu einem Häufchen fluchtinstinktivem Etwas, das mit Christian Morgensterns Zitat „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ die Übersprungshandlung zelebriert. Schließlich bahnt sich in A House of Dynamite eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes an, die, sollte man sie nicht verhindern können, wohl die gesamten Vereinigten Staaten und überhaupt die ganze Welt um den Verstand bringen wird.

Nicht danach, sondern davor

Filme, die ein Schreckensszenario sezieren und mit der allgegenwärtigen Bedrohung eines Atomkriegs den Horror tief ins Gemüt der Zusehenden versenken, gibt es nicht erst seit The Day After – Der Tag danach. Das Endzeitdrama von Nicholas Meyer schildert die Nachwirkungen eines verheerenden Atomschlags. Auch der an die Nieren gehende Trickfilm Wenn der Wind weht schildert wie kaum ein anderes Werk die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gegenüber einer irreversiblen Zerstörung, welche ein Atomschlag an sich und dessen Folgen auslösen kann. Kathryn Bigelow dreht nun in ihrem neuesten Werk den Spieß um und will dabei nicht auswalzen, was man ohnehin schon kennt. Ihr geht es darum, die Zeit davor zu schildern, nämlich nur 19 Minuten, bevor die Bombe einschlagen wird. Ihr Ziel: Chicago, eine Millionenmetropole. Keine Zeit, um irgendwen zu evakuieren. Kein Grund, Panik zu verbreiten, indem man die Bevölkerung davon unterrichtet, dass diese ausgelöscht werden wird. 19 Minuten – entschieden zu wenig Zeit, damit der Mensch als kognitiv denkendes Wesen das Drama in seiner Gesamtheit fassen kann.

Drehbuchautor Noah Oppenheim macht aus diesem furchtverbreitenden Notstand kurz vor dem Unmöglichen einen Episodenfilm und teilt diesen in drei Akte. So gesehen wäre A House of Dynamite, konzipiert als Dialogfilm an drei Orten, auch dafür geeignet, auf Bühnen zu reüssieren. Akt Eins findet im White House Situation Room statt – hier ringt Rebecca Ferguson um Fassung und versucht, das Richtige zu tun, während sie ihren Ehemann nochmal ans Telefon holen will und zeitgleich mit allen hohen Tieren der Regierung eine Videokonferenz abhält. Akt Zwei findet an einer Air Force Basis in Nebraska statt. Dort versucht man, die Langstreckenrakete unbekannter Herkunft abzufangen, bevor sie einschlägt. Der letzte Akt zeigt den Präsidenten, in diesem Fall, wie schon zuvor in der klamaukigen Actionkomödie Heads of State, Idris Elba, der herausfinden will, welche von den Staaten dieser Welt das Zeug, den Hass und den Willen dazu hat, die Welt aus ihren Angeln zu heben.

Wer es fassen kann, der fasse es

A House of Dynamite mag als weiteres toughes Meisterwerk einer akkuraten und stark auf militärische Themen fokussierten Filmemacherin gelten. Gesellschaft, Krieg, die Grenzen exekutierter Politik und selbige an sich sind Themen, die sie seit 2008, nach ihrem Erfolg mit The Hurt Locker über einen Us-Minenentschärfer im Irak, nicht mehr loslassen, schließlich gibt es aus diesem Dunstkreis eine Menge zu erzählen, und zwar nicht nur über beängstigende Szenarien, sondern vorwiegend über die Psyche jener Menschen, die in solchen Extremsituationen die Kontrolle behalten wollen: Jeremy Renners Figur ebendort, Jessica Chastain in Zero Dark Thirty oder John Boyega in Detroit. Nun aber ist A House of Dynamite ganz deutlich ein Ensemblestück mit vielen verschiedenen Charakteren, die alle Verantwortung tragen und in einem Umstand wie diesen bis zur völligen Überforderung an ihre Grenzen stoßen. Die Bildschirme alleine, die den Raketenflug zeigen; die Uhr, die tickt; der Nervenkrieg, der entsteht, wenn die Abfangraketen versuchen, ihr Ziel zu treffen: Statt reißerischer Action und einem ausladenden Katastrophensetting, das wohl Roland Emmerich gerne gesehen und umgesetzt hätte, ist A House of Dynamite reinste Reduktion, dafür aber so sehr Schauspielkino, dass das unvermeidliche Chaos bereits schon vorab in den Köpfen der Menschen ausbricht.

Bigelows Film ist ein seltener Hybrid zwischen Polit- und Psychothriller, ein beklemmendes Psychogramm der Ausweglosigkeit, der unterdrückten Panik und der Verdrängung des Unvermeidlichen. Ein Film, der mit allen expliziten Bildern der Welt niemals so nahe an die eigene Empfindung herandringen hätte können, als er es tut, indem er nichts zeigt, nur die völlige Fassungslosigkeit aller.

A House of Dynamite (2025)

Eddington (2025)

AMERIKA SCHAFFT SICH AB

5/10


© 2025 Leonine Studios / Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: ARI ASTER

KAMERA: DARIUS KHONDJI

CAST: JOAQUIN PHOENIX, PEDRO PASCAL, EMMA STONE, AUSTIN BUTLER, DEIRDRE O’CONNELL, LUKE GRIMES, CLIFTON COLLINS JR., AMÉLIE HOEFERLE, MICHAEL WARD U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Am Ende ist Amerika, sind die Vereinigten Staaten am Beispiel der fiktiven Kleinstadt Eddington zwar ein Pflegefall, aber ein regierungsfähiger. Was sagt uns das? Dass dieses Konglomerat an teilautonomen Territorien von Leuten angeführt wird, die man nicht alleine lassen kann. Einen wie Trump, einer wie Musk, sie alle zelebrieren und exekutieren den Wahnsinn, den man längst geglaubt hat hinter sich gelassen zu haben. Nationalismus, Faschismus, brutale Globalisierung – denkt man länger darüber nach, muss man mit Erschrecken feststellen, dass das Pflegepersonal für Egomanen längst Reißaus genommen hat. Was bleibt, ist die Hoffnung auf bessere Zeiten – die laut Ari Aster niemals kommen werden. Denn der hat seine ganz eigene, persönliche Abrechnung mit den USA auf Papier gebracht – als ausladendes, selten gekürztes und impulsives Drehbuch, das gleich noch eine ganz andere Schwierigkeit mit auf die Spielfläche nimmt, nämlich die Corona-Pandemie.

Wie Covid die Gesellschaft spaltet

Drehen wir also ein paar Jahre zurück in die Anfänge der Zwanzigerjahre des neuen Jahrtausends und tauchen ein in den Gesellschaftsspiegel einer Kleinstadt namens Eddington, angeführt von einem korrekten, integren Bürgermeister, gespielt von Pedro Pascal, der ohne zu hinterfragen die Verordnungen der Behörden umsetzen will und daher auch stets die obligate FFP2-Maske trägt, dieses Stück Filterstoff vor dem Riech- und Sprechorgan, von welchem wir noch wissen, wie sehr uns das Tragen selbiger gespalten hat. Die Nerven lagen blank, es gab selbsterklärte Experten, Besserwisser mit Hausverstand und Schwarzseher, Realisten und Schönredner. Alles war da, und so konnten Querdenker noch gleich die ganze Welt als Endprodukt diverser Verschwörungen erklären. Diesen ganzen Wulst an halbgaren Fakten und verbogenen Wahrnehmungen spült Aster in ein schrecklich nebensächliches Wüstenkaff, um auf der vordersten Welle Joaquin Phoenix und dessen neben der Spur befindliche Ehefrau Emma Stone reiten zu lassen. Phoenix gibt als Sheriff die Opposition, da Covid in Eddington gar nicht mal umgeht. Beide, Pascal und Phoenix, gehen sich an die Gurgel, wettern und stänkern und streiten, bis der eine, eben der Sheriff, plötzlich die smarte Hirnidee aufreißt, sich selbst für die bevorstehende Bürgermeisterwahl aufstellen zu lassen.

Viel Aufstand im Nirgendwo

Das wunderbare Land der unbegrenzten Möglichkeiten hat auch unbegrenzt Probleme, die Aster nicht unter den Tisch kehren will. Da wäre noch die Sache mit der rassistischen Polizeigewalt gegen Schwarze, hier der reale Konnex zu Opfer George Floyd, dessen Tod zu heftigen Unruhen führte. Die schwappen auch nach Eddington, und wenn man da auch noch Covid mitnehmen kann und den ganzen Ekel gegenüber der staatlichen Ordnung, warum nicht? Also wissen Phoenix und Pascal bald gar nicht mehr, wo sie ansetzen müssen, um alles in den Griff zu bekommen. Nichts geht mehr in Eddington, Aster lässt sein Amerika den Bach runtergehen und wendet sich im Laufe des stark ausufernden Szenarios einer Polit-Kasperliade hin, die mitunter manchmal so verschroben wirkt wie ein Film der Coen-Brüder. Tatsächlich ist der schwarze Humor manchmal richtig treffsicher, und würde auch länger nachwirken, würde Aster seine Schwarzseherei nicht so sehr auf die Leinwand erbrechen.

Ein Film mit Schneeball-Effekt

Leicht von der Hand geht ihm der Film nicht. Hält man sich seinen Vorgänger Beau is Afraid vor Augen, ist vor zwei Jahren ähnliches passiert. Der surreale, teils komödiantische, perfide Psychohorror gebärdet sich wie eine schwere Mahlzeit vor dem Schlafengehen. Ähnlich schwerverdaulich ist Eddington, aber nicht, weil das Drama einen mitnimmt. Sondern weil Wut-Regisseur Aster alle dazu bewegt, auf die Straße zu gehen, um den Unmut in eine Welt zu schreien, die jenseits dieser Kleinstadt ohnehin nicht gehört wird. Bis alle ihren Auftritt hatten, erlangt Eddington auch die obligate Überlänge und wird wie ein rollender Schneeball immer erdrückender und voluminöser. Vieles darin wären gelungene Pointen, doch Aster lässt die Köpfe schwirren, indem er den Zusehern nichts vorenthält. Ja, in Amerika, da ist einiges im Argen. Lösen lässt sich das in Eddington nur mit durcheinanderschreiender Polemik.

Eddington (2025)

After the Hunt (2025)

DIE QUADRATUR DES MEINUNGSKREISES

6,5/10


© 2025 Sony Pictures


LAND / JAHR: USA, ITALIEN 2025

REGIE: LUCA GUADAGNINO

DREHBUCH: NORA GARRETT

KAMERA: MALIK HASSAN SAYEED

CAST: JULIA ROBERTS, AYO EDEBIRI, ANDREW GARFIELD, MICHAEL STUHLBARG, CHLOË SEVIGNY, LÍO MEHIEL, DAVID LEIBER, THADDEA GRAHAM, WILL PRICE U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN


Alle sind sie sowas von klug. Studierend, studiert, auf der Höhe der Zeit und ihrer Bedürfnisse: Akademiker eben, und davon nehme man die intellektuellste und wortgewandteste Elite, und davon wieder die Liga des Ruhms. Angelangt sind wir dann bei einer wie Julia Roberts, einem wie Andrew Garfield und vielleicht auch noch einem wie Michael Stuhlbarg, der aber nicht den Philosophen, sondern den Psychologen gibt, den subversiv-süffisanten Attitüden eines weisen Klassik-Hörers ergeben, dem es nur um sich selbst geht. Die anderen sind da aber auch nicht besser, wenn nicht gar noch schlimmer, denn Stuhlbargs Figur ist immerhin die eines treuen, manchmal fürsorglichen Ehemanns, der wirklich liebt, nämlich Julia Roberts. Die scheint fast aus Gewohnheit eine jahrzehntelange Beziehung zu führen, neben ihrer eigentlichen als Universitätsprofessorin in Yale mit ihren Studentinnen und Studenten. Protegé von Roberts Figur der Alma Imhoff ist die scheinbar ehrgeizige Maggie Resnick (Ayo Edebiri), die für ihre Professorin mehr empfindet als man empfinden sollte. Störfaktor ist dabei Almas liebgewonnener Arbeitskollege Hank, gespielt von Andrew Garfield, ein eitler Geck von einem Professor, blitzgescheit, charmant, aufdringlich. Dieses Aufdringliche, Notgeile, das ihn umgibt, wird ihm zum Verhängnis, als er nach einer von Alma geschmissenen Houseparty für die Uni-Elite besagte Maggie nicht nur nachhause bringt, sondern, sturzbesoffen, gleich noch hochkommt in ihre Wohnung und dort, wie kann es anders sein, sexuell übergriffig wird.

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Damit gerät ein Stein ins Rollen, der alles mitzureißen scheint – vor allem Almas Integrität, ihre Souveränität und Glaubwürdigkeit. Denn schließlich ergibt sich jene Pattsituation, in der, wie Schirach es in seinem Stück Er sagt. Sie sagt ausführlich umschreibt, eine wie immer auch geartete Wahrheit unmöglich ans Licht dringen kann, es sei denn, eine der beiden Wahrheiten (denn Hank betört seine Unschuld) kommt der sozialphilosophischen Bestrebung zugute, dem weißen Patriarchat ein für alle Mal den Teufel auszutreiben. Dass dabei persönliche, natürlich egoistische Interessen dabei nutznießen wie nicht blöd, mag eine willkommener Nebeneffekt sein.

Julia Roberts steht also zwischen den Fronten und weiß nicht wohin mit ihrer Meinung, geschweige denn ihrer bezogenen Stellung. Es beiden Parteien recht zu machen, geht nicht. Fragt sich nur: Auf welcher Seite lässt sich der eigene Erfolg denn am wenigsten trüben, steht doch eine der heißbegehrten Anstellungen ins Haus, die auch Hank bekommen könnte. Der jedoch ist diskreditiert bis auf alle Ewigkeit, das woke Meinungssystem zieht ungehindert seine vorverurteilenden Kreise.

Kluger Rede kurzer Sinn

Kreise, die man als Zuseher langsam aus den Augen verliert oder aber man kann ihnen nicht ganz folgen, wenn Luca Guadagnino sein Ensemble hochgradig philosophische Ansichten rezitieren lässt, die nah an der Unverständlichkeit einen Nichtstudierten wie mich ziemlich blöd dasitzen lässt. Am liebsten würde man zurückspulen und das eine oder andere Gespräch nochmal hören, es fragt sich auch, wohin die hochtrabende Wortklauberei führen soll, wenn nicht dort hin, Akademiker und solche, die es werden wollen, als Geistesriesen zu etablieren, deren Niveau einen eigenen Olymp pchtet, auf welchem gottähnliche Philosophen ihren Scharfsinn schleifen wie ein Schwert, um daraufhin die Klingen zu kreuzen. After the Hunt sonnt sich damit natürlich in gesellschaftspolitischer Brisanz und umkreist das Dilemma der woken manipulativen Zweckentfremdung, mit der siegessicher brandmarkiert wird, wer in die entsprechende Clique passt.

Ja, Männer sind Schweine, sehr viele sogar. Frauen müssen zusammenhalten, wenn es um Missbrauch geht, auch wenn der Verdacht nur im Raum steht. Oder nicht? Guadagnino hinterfragt dieses bewährte Konstrukt der unbewiesenen Ächtung – oder er hinterfragt es gleichzeitig auch nicht. Er hinterfragt Erfolg, Eitelkeit und die Aufrichtigkeit im Willen zur Veränderung der Welt, wie sie die studierende Elite besserwisserisch vorantreibt – und er hinterfragt es gleichzeitig auch nicht.

Julia Roberts hält die Zügel

After the Hunt bezieht selbst keine Stellung. Die wahren Identitäten seiner Figuren, deren Beweggründe und deren Aufrichtigkeit – sie bleiben unentdeckt, unerforscht, alle sind verdächtig, sich selbst nur im Vorteil zu sehen. Abgehoben ist das richtige Adjektiv für einen intriganten Gesellschaftsthriller, der wahnsinnig viel Diskussionsstoff aufs Tapet bringen will, ohne ihn auszuarbeiten. Bündel an Akten, Fotos und Schriften sind das, egal wo und wie man blättert, splittern fiktive biografische Fragmente ab, die nur ansatzweise irgendwo hinführen, wo man Antworten vermutet. Mit gekonnter, kinematographischer Kraft, kühler, fast schon abweisender Bildsprache und intellektueller Kaltschnäuzigkeit rührt Guadagnino in seinem Krisenspiel ordentlich um, und ja, Julia Roberts ist wiedermal ein As, eine Rolle, in der sie sich während es Spiels sichtlich erst selbst entdecken hat müssen, so sehr kämpft sie sich durchs Dickicht subjektiver Befangenheit. Messerscharfe Dialoge wechseln mit vehementer Suspense, es ist düster, die Figuren berechnend und allesamt klugschwätzend in diesem Uni-„Dallas“ aus einem Zeitalter ereifernder, moralgesteuerter Manipulation.

After the Hunt (2025)

The Voice of Hind Rajab (2025)

DAS KIND BEIM NAMEN NENNEN

7,5/10


© 2025 Polyfilm


ORIGINALTITEL: SAWT HIND RAJAB

LAND / JAHR: TUNESIEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: KAOUTHER BEN HANIA

KAMERA: JUAN SARMIENTO G.

CAST: HIND RAJAB, SAJA KILANI, MOTAZ MALHEES, CLARA KHOURY, AMER HLEHEL U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN  


Wir kennen all diese Menschen nicht, die im kriegsversehrten Gaza-Streifen von Norden nach Süden und durch die Hölle getrieben werden und wieder zurück. Für uns hier im weit entfernten Europa haben sie keine Identität, sind sie doch nur Teil einer Masse von Menschen. Ab und an sieht man in den Nachrichten ihre Gesichter, weinend, flehend, verzweifelt, oft auch resignierend. Immer noch kennen wir ihre Namen nicht, immer noch sind diese Leute nur irgendwer. Anders auf der anderen Seite. Dort weiß man genau, wer am 7. Oktober 2023 von der Hamas entführt wurde. Man weiß, wer es nicht überlebt hat und wer vor wenigen Wochen tatsächlich wieder freikam. Sie haben ein Gesicht, gedruckt auf Tafeln und auf T-Shirts, getragen von den Angehörigen. Hier sind Mittel und Wege vorhanden, den Wert des Einzelnen aus dem gesichtslosen Bulk der Leidenden zu heben.

Wer ein Leben rettet…

Die im Gazastreifen haben das nicht. Da gibt es keine Mittel und Wege, keine T-Shirt-Druckereien oder das große Fernsehen, dass da vorrückt, um zu tun, was getan werden muss, um dem Individuum seinen Wert zu geben. Ich weiß noch, wie Steven Spielberg in seinem Holocaust-Meisterwerk Schindlers Liste einem jüdischen Mädchen den Mantel rot koloriert hat. Es bleibt namenlos, gesichtslos, jedoch sticht sie aus der Menge an Menschen hervor, um bewusst zu machen, dass es immer noch um den oder die Einzelne geht, um ein Gefühl dafür zu bekommen, dass, wenn andere nur ein Leben retten, retten sie die ganze Welt. Oskar Schindler, der am Ende des Films verzweifelt, weil er viel mehr hätte tun können, wird der Satz aus dem Talmud kaum trösten. Wäre es doch nur ein Leben mehr gewesen. Ein einziges.

Das Kind beim Namen nennen

Dieses eine trägt keinen roten Mantel. Wir wissen nicht, was sie anhat. Wir wissen nur: Sie ist sechs Jahre alt, und wir hören ihre Stimme. Ihre letzten Worte. Ihr verzweifeltes Flehen um Rettung, ihre Angst, ihr Weinen, das Aufblitzen von Hoffnung. Dabei sind es nur acht Minuten. Acht Minuten Fahrt mit dem Rettungswagen durch umkämpftes Gebiet, um an das Auto zu gelangen, in dem Hind Rajab feststeckt. Alle anderen, fast die gesamte Familie, ist tot, zersiebt von den Waffen der israelischen Armee. Auch das sehen wir nicht. Doch wir können es uns vorstellen, wenn die Stimme des Mädchens an die Ohren der Telefonistinnen und Telefonisten in der Notdienstzentrale des Palästinensischen Roten Halbmonds dringt.

Hier, in der Westbank, wo der Krieg weitestgehend außen vor bleibt, werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Zivilisten in Bedrängnis aus dem Kriegsgebiet zu bringen. Das läuft über einige Umwege, bis die israelische Armee davon erfährt, um dann den Schutz zu gewährleisten, wenn sich ein Rettungsfahrzeug in Bewegung setzt. Auch das sehen wir nicht, nur die Gesichter der Telefonierenden, auch sie sind verzweifelt, emotional verstört, aufgebracht, die Nerven liegen blank. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, mit dem Tag, mit dem Krieg, mit dem Tod. Und das Extreme dabei: Es ist im Film nicht nur irgendein Mädchen zu hören, das vorgibt, Hind Rajab zu sein. Es ist sie tatsächlich selbst. Regisseurin Kaouther Ben Hania (Der Mann, der seine Haut verkaufte) bettet das im Januar 2024 aufgezeichnete Soundfile des Gesprächs in ihren semidokumentarischen Spielfilm, was den Horror nur um so schlimmer macht. Die Mitarbeiter des Roten Halbmond sind zwar von Schauspielern besetzt, doch selbst da hat Ben Hania Ideen, wie sie die realen Personen vor die Kamera bekommt. Faktenmaterial trifft so auf die akribische Nachstellung nervenzerrender Abendstunden, das Kammerspiel wird zu einem Kino des Zuhörens und der Vorstellungskraft, der man aber nicht unbedingt nachgeben will, denn die Realität drängt alles Gespielte an den Rand.

Ein Schicksal für alle

Kriegsberichte aus den Nachrichten lassen einen irgendwann abstumpfen und resignieren, The Voice of Hind Rajab gelingt es aber dadurch, dass sie einem der unzähligen Opfer eine Stimme, ein Gesicht, und ein Leben gibt, dem Verheerenden einer zerstörten Zukunft Relevanz zu verleihen. Auf eine Weise erinnert dieses Schicksal an Anne Frank, durch dessen aufgeschriebenes Einzelschicksal der unschätzbare Wert eines Menschenlebens nicht mehr nur so dahingesagt bleibt.

Mit dieser echten Stimme gelingt es Ben Hania, nicht nur einen weiteren Film gemacht zu haben, der durch die Darstellung eines Übels betroffen machen soll. Diese echte Stimme hebt den Schleier zwischen Narrativem und der eigenen Convenience-Blase, in der man sich befindet. Das ist keine Erzählung. Das ist wahrer Schmerz.

The Voice of Hind Rajab (2025)