Die Vorkosterinnen (2025)

RUSSISCH ROULETTE AM MITTAGSTISCH

6/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: LE ASSAGGIATRICI

LAND / JAHR: ITALIEN, BELGIEN, SCHWEIZ 2025

REGIE: SILVIO SOLDINI

DREHBUCH: DORIANA LEONDEFF, SILVIO SOLDINI, CRISTINA COMENCINI, GIULIA CALENDA, ILARIA MACCHIA, LUCIO RICCA, NACH DEM ROMAN VON ROSELLA POSTORINO

CAST: ELISA SCHLOTT, ALMA HASUN, MAX RIEMELT, EMMA FALCK, BORIS ALJINOVIC, OLGA VON LUCKWALD, THEA RASCHE, BERIT VANDER, KRIEMHILD HAMANN, ESTHER GEMSCH, NICOLO PASETTI U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Er ist wieder da. Und sicher nicht das letzte Mal. Immer und immer wieder wird das Musterbeispiel, der Prototyp des menschenverachtenden Diktators der Neuzeit die Medien infiltrieren. Er wird zitiert, er wird verfilmt, und alle, die ihn jemals auch nur auf periphere Weise umgeben haben, werden noch zu Wort kommen. Und wenn es sich dabei auch nur um einen Mythos handelt. Um ein Gerücht wie dieses zum Beispiel, das von einer Gruppe Frauen handelt, die von Adolf Hitlers auserwählter Militär-Elite zwangsrekrutiert wurde, um Speisen vorzukosten, die dem Führer wohl geschmeckt haben.

Es gab da eine Dame, Margot Woelk hieß sie, die kurz vor ihrem Ableben 2012 mit Erinnerungen an die Öffentlichkeit ging, in denen sie als Vorkosterin für Adolf Hitler gedient haben soll. Mit weiteren fünfzehn Frauen soll sie in der Wolfsschanze im Jahre 1942 diverse Speisen auf Toxine geprüft haben, natürlich den eigenen Tod, falls es doch mal zu einem Giftanschlag hätte kommen sollen, inbegriffen. Diese erstaunlichen Fakten wurden 2014 von einem Journalisten hinterfragt, somit stehen in dieser Sache Aussage gegen Aussage – bis Rosella Postorino einen Roman darüber schrieb. Dieser hat mit historischen Tatsachen nun überhaupt nichts mehr gemein, bleibt aber als verlockende Hypothese im geschichtsfreien Raum stehen, als fiktiv-verspielte Ergänzung eines zu finsteren popkulturellen Legende gewordenen Schwerverbrechers, den seine Liebe zu Schäferhunden und vegetarischem Essen manchmal viel zu harmlos erscheinen lassen – Oliver Masucci (Er ist wieder da) hat’s bewiesen, wie leicht das geht, und wie leicht man das Böse verdrängen kann, wenn sich die Ikonographie einer Person verselbstständigt. Der Roman PostorinosDie Vorkosterinnen – fand seinen Weg ins Kino, hat dieser doch alle Voraussetzungen, um genug Melodrama auf die Leinwand zu werfen, das vor dem Hintergrund farbintensiver Hakenkreuzfahnen und umringt von einer Vielzahl gestandener deutscher Wehrmachtsmänner mit schickem, geöltem Undercut einen zaghaft feministischen deutschen Mittagstisch deckt, der als Basis dient für ein Crossover unterschiedlicher Schicksale strohverwitweter und verwitweter Frauen, die mit ihrer Einsamkeit auf unterschiedliche Weise klarkommen müssen.

Liebe geht durch den Magen

Regie führte in dieser mit Damenmoden der Vierziger ausgestatteten Historien-Fiktion Silvio Soldini, der anno 2000 mit Brot und Tulpen einen wie Bruno Ganz ganz groß in Szene setzte. Ein Vierteljahrhundert später ist es Elisa Schlott, die viel dazu beiträgt, dass Die Vorkosterinnen nicht als verdünnte Ansammlung sämtlicher Tagebucheinträge so manches Schicksal als stereotypes Klischeebild verbucht. Schlott gibt ihrer Figur der fiktiven Rosa Sauer ordentlich Profil – niemals zu dick aufgetragen, selten zu wenig Emotion. An ihr bleibt man dran, und mit ihr ziehen alle anderen mit, allen voran Alma Hasun, die natürlich ein Geheimnis mit sich herumträgt, welches das Bedeutungsspektrum des Films später noch erweitern soll.

Das Ensemble weiß, was es zu tun hat, zumindest bei den Damen. Die Herrschaften unter des Führers Fuchtel bleiben austauschbar, vor allem Max Riemelt als bärbeißiger, stiernackiger Muskelprotz weckt warum auch immer das sexuelle Interesse unserer Hauptdarstellerin, wobei man natürlich ahnt, dass in der Not der Teufel Fliegen frisst. Somit gibt es dort eine Liebelei, und da wieder eine kleine Intrige unter den Frauen, im Ganzen aber ist wohl weniger das Konzept des Vorkostens hier Thema als gewisse Sorgen und Nöte, die alle zwar angerissen, aber nie entsprechende Wichtigkeit erlangen. Das macht den Film dann doch über weite Strecken recht bruchstückhaft und gedehnt, um nicht zu sagen langatmig, denn all das hat man schon unzählige Male glaubwürdiger, intensiver und authentischer gesehen. Am Ende nimmt das Drama wieder Fahrt auf, das Essen wird abserviert, für Magenverstimmungen gibt’s Alka Seltzer.

Die Vorkosterinnen (2025)

The Damned (2024)

IN DER NOT VERFLUCHT DER MENSCH DIE SEE

7/10


© 2024 Vertical


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, ISLAND, IRLAND, BELGIEN 2024

REGIE: ÞÓRÐUR PÁLSSON

DREHBUCH: JAMIE HANNIGAN

CAST: ODESSA YOUNG, JOE COLE, LEWIS GRIBBEN, SIOBHAN FINNERAN, FRANCIS MAGEE, RORY MCCANN, TURLOUGH CONVERY, MICHEÁL ÓG LANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 29 MIN


Kleine Sünden straft Gott sofort, heisst es doch so schon im Volksmund. Für große Sünden schickt dieser oder gar der Teufel die Toten wieder zurück zu den Lebenden als Wiedergänger, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Obwohl von Sünden nur eingefleischte Gläubige hinter vorgehaltener Hand zu murmeln wissen, nimmt dieses einem erbarmungslosen Weltgericht unterworfene Gleichnis von üblen Taten und schlechtem Gewissen jene Begrifflichkeit als Kompassnadel für die Chronik eines Wahnsinns, der sich in gespenstischer Isolation irgendwo an der Küste Islands Bahn brechen wird. Schuld sind dabei Menschen, die während eines kargen, entbehrungsreichen Winters um Nahrung ringen müssen – und die sich mehr erhoffen, als nur zu überleben.

Die langen Nächte tauchen die windumtoste Küste in scheinbar ewige Finsternis, im spärlichen Licht des Tages funkelt das Eis und spendet die Illusion eines Reichtums. Als Kaff lässt sich diese karge Ansammlung an Hütten gar nicht mal bezeichnen, und dennoch überwintert hier eine junge Witwe als Bootsbesitzerin, die dieses an eine Handvoll wettergegerbte Fischer verleiht, die wiederum dafür sorgen, dass genug auf den Teller kommt. Eines Tages sieht die kleine Gemeinschaft am Ende ihrer Bucht, wo gefährliche Untiefen herrschen, einen Dreimaster kentern. Wo ein Schiff, da gibt’s meistens auch Besatzung. Die gerettet werden muss, alles andere wäre unterlassen Hilfeleistung und somit nicht nur eine Straftat, sondern moralisch höchst verwerflich. Wo ein Schiff, da gibt es allerdings auch Proviant. Was die Strömung nicht an Land spült, holen sich die Fischer bei Nacht und Nebel. Die Schiffbrüchigen kommen dabei zum Handkuss. Denn schließlich; wer soll all die Mäuler denn stopfen, wenn es nicht mal für jene reicht, die den Winter überstehen wollen? Tage später werden die ersten Leichen angespült. Und mit ihnen kommt das Grauen.

Die Romantik des Mysteriösen

Das alles hört sich so an, als wäre die Vorlage eine des Films von H. P. Lovecraft. Gekonnt verknüpft Autor Jamie Hannigan ein düsteres, nihilistisches Abenteuerdrama mit mythologischem Gothic-Horror, der im Seemannsgarn herumspinnt. Regisseur Þórður Pálsson liefert dazu die atmosphärischen Bilder einer unwirtlichen Landschaft, wie Malereien eines Romantikers – der Wind, die Nacht, der Schnee, der Nebel – all diese natürlichen Parameter aus Meteorologie und Jahreszeit setzen die Bühne für einen Schrecken, der gar nicht mal visualisiert werden muss, da er sich in den Köpfen nicht nur der verfluchten Seelen manifestiert. Das Weglassen plumper Schockeffekte holt sich die Paranoia wie eine ansteckende Krankheit in den Kreis der Verängstigten, die in ausufernd klassischer Dramatik Opfer ihres eigenen Aberglaubens werden.

Stellenweise erinnert The Damned an Robert Eggers schwarzweißen Nautik-Terror Der Leuchtturm. Fans des von der Franklin-Expedition inspirierten Desaster-Abenteuers The Terror werden ihre helle Freude haben. Licht, Stimmung und der Verlust zivilisierter Menschlichkeit sind die Essenz für schaurige Fernwehstiller, die das entlegene Anderswo so ausweglos erscheinen lassen wie der entfernteste Winkel im Universum. Wenn dann noch das Paranormale hereinbricht, von dem keiner weiß, was es ist und sich erst ganz am Ende durch einen erstaunlichen Twist offenbart, wird man gut daran getan haben, diesen Film zu finstersten Stunde des Tages gesehen zu haben, wenn die Kälte durch die Ritzen der Türen und Fenster dringt und der Sommer lange vorbei ist.

The Damned (2024)

Last Breath (2025)

ÜBERLEBEN UNTER DRUCK

7/10


© 2025 Focus Features


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: ALEX PARKINSON

DREHBUCH: ALEX PARKINSON, MITCHELL LAFORTUNE, DAVID BROOKS

CAST: FINN COLE, WOODY HARRELSON, SIMU LIU, CLIFF CURTIS, CHRISTIAN SCICLUNA, DAITHÍ O’DONNELL, RIZ KHAN, CONNOR REED, NICK BIADON U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Verlernt man tauchen genauso wenig wie radfahren? Falls ich mich nochmal einem Buddy Check unterziehen sollte, müsste ich garantiert einiges an Praxis nachholen, nur um dann womöglich erst festzustellen, dass mich diese Art Sport wohl immer noch in Panik versetzt. An Riffkanten in tropischen Meeren entlangzutauchen ist eine Sache, die andere ist, in kalten österreichischen Gewässern, die wenig Sichtweite haben, so zu tun, als hätte dieses Nichts, in das man taucht, seinen Reiz. Hatte ich schon, brauche ich nicht mehr. Andere beunruhigt so ein Umstand gar nicht. Wie zum Beispiel den Industrietaucher Chris Lemons. Der würde sich wundern, wenn ich ihm erzähle, wie wenig mich ein Tauchgang im Trüben abholen kann. Andere lieben das, womöglich auch er, denn nach dieser heftigen True Story, die Lemons hier erlebt hat, wieder auf 300 Fuß in die Tiefe zu steigen, um weiter an den Pipelines herumzuschrauben, als wäre nichts gewesen, klingt nach Obsession. Hut ab vor so viel Leidenschaft, die in diesem Fall psychisches wie physisches Leiden geschaffen hat, aber Menschen wie er, das sind eben Grenzgänger, zu denen ich nicht gehöre.

Dieser einzigartige Vorfall, über welchen Dokufilmer Alex Parkinson hier in Spielfilmform berichtet, liegt seiner Dokumentation mit dem Titel Der letzte Atemzug: Gefangen am Meeresgrund zugrunde. Mag sein, dass es diese Form der Dramatisierung gar nicht gebraucht hätte, doch wenn man den Film aus 2019 nicht kennt, bietet diese True Story mit namhaften Schauspielern natürlich die geschmeidige Erzählweise dramatisierter Stoffe. In Last Breath wird auf unpathetische Weise ein Arbeitsunfall rekonstruiert, der so fern zu unserem eigenen Schaffensspektrum liegt, dass er alleine schon aufgrund seiner basisschaffenden Routinesituation eine gehörige Portion Respekt abverlangt. Parkinsons Film erzählt in klarer, schnörkelloser Chronologie eine menschliche Katastrophe und feiert zugleich das verblüffende Wunder sich gegenseitig bedingender physikalischer Gesetze. Anders als bei Balthasar Kormákurs Überlebensdrama The Deep über einen Fischer, der stundenlang im nur 5 Grad kalten Wasser vor Island überlebt hat, obwohl er nach einem Bootsunglück Kilometer um Kilometer an die Küste geschwommen war, lässt sich das, was in Last Breath passiert, zumindest nicht als Anomalie erklären.

Die Luft ist zwar draussen, aber nicht im Film

Dieser Taucher also, Chris Lemons, macht sich mit fünf Tagen Vorlaufzeit an die Arbeit, da er schließlich mitsamt seines Teams in eine Dekompressionskammer gesteckt wird, um sich überhaupt erst dem Druck von 300 Fuß anzupassen. Die Arbeit am Meeresboden selbst beträgt dann sechs Stunden, doch in dieser Zeit kann vieles passieren – wie zum Beispiel ein heftiges Unwetter, welches an der Oberfläche tobt und das Mutterschiff an seine Grenzen bringt. Wenn die Bordelektronik ausfällt, lässt sich der Kahn nicht mehr an seiner Position halten, an diesem hängt aber die Taucherglocke, an der wiederum hängen die Taucher – und schon passiert es. Die Luftzufuhr wird gekappt, Chris schleudert es ins Nichts.

Wie er es dennoch schafft, ohne Sauerstoff in dieser Finsternis und Kälte zu überleben, wie Woody Harrelson und Simu Liu (Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings) alles daransetzen, ihren Kollegen zu retten und was Cliff Curtis als Kapitän der Bibby Topaz oben inmitten des Sturms alles wagt, um niemanden zurückzulassen, beantworten knapp hundert Minuten fesselndes Survivalkino, die so packend erzählt sind wie jene des semidokumentarischen Bergsteigerdramas Sturz ins Leere von Kevin McDonald. Alleine schon die Parameter, die für so einen Tauchgang geschaffen werden müssen, sind erstaunlich. Eine Notfallaktion wie diese lässt dabei doppelt die Luft entweichen – bei Finn Cole als Taucher Chris und beim Publikum, das erstmal unweigerlich den Atem anhält.

Zwischen Weltraum und finsteren nautischen Tiefen gibt es kaum mehr einen Unterschied. Last Breath wird zu Gravity unter Wasser. Pragmatisch zwar, aber akkurat und aufregend allein durch seine Umstände. Alex Parkinsons Thriller entspricht der Summe seiner Teile, heruntergebrochen auf Fakten und menschliche Dramen, die diese begleiten.

Last Breath (2025)

From the World of John Wick: Ballerina (2025)

WENN WIR ALLE KILLER WÄREN

7/10


Ana de Armas als die Kikimora in Len Wisemans Actionfilm Ballerina© 2025 LEONINE Studios


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: LEN WISEMAN

DREHBUCH: SHAY HATTEN

CAST: ANA DE ARMAS, GABRIEL BYRNE, ANJELICA HUSTON, KEEANU REEVES, IAN MCSHANE, NORMAN REEDUS, CATALINA SANDINO MORENO, DAVID CASTAÑEDA, SHARON DUNCAN-BREWSTER, LANCE REDDICK, AVA JOYCE MCCARTHY U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Das von Derek Kolstad und Chad Stahelski aus der Taufe gehobene Universum aus Killern, Kriegern und Kampfmaschinen, das als scheinbar parallele Dimension zu der unseren existiert, bleibt insofern bemerkenswert, da es nicht nur darauf setzt, von einem Shootout, Fight oder Kill zum nächsten zu hetzen, was rasch für Ermüdungserscheinungen gesorgt oder sich abgenützt hätte. Die Welt von John Wick, der ja den Dreh- und Angelpunkt dieses Franchise bildet, ganz so wie Harry Potter im Universum der Hexen und Zauberer, gestaltet sich als eine Art Subkultur mit strengen Regeln, Gepflogenheiten und Traditionen. Hier darf natürlich getötet werden auf Teufel komm raus, jedoch sind Werte wie Respekt, Fairness und das Credo von Gefallen und Gegengefallen gleich wehenden Fahnen. Dazu werden nicht selten goldene Münzen gereicht, wenn der oder die eine bei dem oder der anderen in der Schuld steht. Diese zu begleichen bleibt eine Frage der Ehre. All diese Details und auch der Umstand, dass die mysteriöse Hotelkette Continental den Killern und Kriegern ein Leo bietet, falls man hinter ihnen her ist, lassen das klassische Action-Genre mit dem Sagenhaften kokettieren. Diese Welt ist – wie jene der Outlaws des Wilden Westens oder der Ronin Japans – eine, die sich aus Legenden bildet.

In die Reihe dieser Einzelgänger, abnormal unkaputtbar und lakonisch wie kaum sonst wer, sticht der dunkle Depri-Engel, der anfangs nur seinen Hund rächen will, wie eine prototypische Erscheinung hervor. Doch er ist nicht allein: Wie man in den Filmen mit Keanu Reeves in seiner Paraderolle, die selbst Neo aus Matrix überholt, bereits längst erfahren hat, ist die von Grand Dame Anjelica Huston geführte Balletschule der Ruska Roma die Wiege von John Wick und nach außen hin ein traditionelles, rustikales Theater. In Wahrheit ist diese Einrichtung eine Schule für eine todbringende Elite, in die auch die junge Waise Eve Maccaro integriert wird – und sich selbstredend zur eleganten Kriegerin mausert, die mit Ehrgeiz und eisernem Willen und auch kaum einer Spur von Skrupel oder Gewissen Zielpersonen über den Jordan schickt. Während ihres ersten Einsatzes jedoch wird sie mit den Schergen jenes Kults konfrontiert, die ihren Vater auf dem Gewissen haben. Keine Frage, da kann Grande Dame Huston noch so sehr darauf pochen, ihre Anweisungen zu befolgen – diese Leute müssen ins Gras beißen, allen voran der Kopf dieser Sekte, genannt der Kanzler. Gespielt wird dieser von Gabriel Byrne, der sich mit seinem Killer-Volk wo genau verschanzt hat?

Das Geheimnis von Hallstatt

Im letzten Drittel eines bemerkenswert frischen und straff hingezimmerten Actionfilms, in welchem Ana de Armas ihre Rolle im Eiltempo lieben lernt und sich so unarrogant und allürenlos gibt wie kaum sonst eine Abziehbildkillerin in der Filmgeschichte, reist Len Wiseman ins oberösterreichische Hallstatt. Was wir alle niemals vermutet hätten und uns fast schon wie einen erhellenden Schock trifft: Dieses pittoreske, rustikale Dörfchen und von den Chinesen nachgebaute Kulturgut Europas, umrahmt von Bergen, innerhalb derer es womöglich immer ein bisschen schneit, ist in Wahrheit nichts anderes als die Heimat einer finsteren Sekte, die keine Ehre kennt, keine Regeln befolgt und in der selbst das Bild der biederen vierköpfigen Familie mit Rodel und Skier vor der Haustür nur als Fassade für zur Waffe greifende Gesetzlose dient. Wiseman (Underworld) hatte nicht mal vor, den Ortsnamen zu ändern: Hallstatt bleibt Hallstatt, deren Bewohner nicht nur von der Kikimora dezimiert werden, sondern auch von der Baba Yaga, wie John Wick im Kreise der Ruska Roma genannt wird. Dieser Gastauftritt ist ein Genuss und entbehrt nicht eine gewisse Wehmut, wenn man weiß, was das Schicksal in John Wick: Kapitel 4 für ihn bereithielt.

Die Sache mit Hallstatt (Die Gemeinde dankt ob der guten Imagepflege) mag seltsam bizarr wirken – abgesehen davon ist From the World of John Wick: Ballerina wohl als ein diesjähriges Highlight des Genres zu feiern. Der Umstand ist neben dem Konzept, das hinter dieser Welt steht, einzig und allein Ana de Armas zu verdanken, die ordentlich einstecken kann, allerdings auch spüren lässt, dass nicht alles schmerzfrei an ihr vorübergeht. Sie keucht, sie schwitzt, sie blutet, sie improvisiert. Für letzteres gibt es im Rahmen ausgeklügelter und aufwändig gefilmter Actionszenen jede Menge blutbadender Gelegenheiten, bei denen tief in der Ideenkiste gekramt wird. Schließlich will man die Fans nicht langweilen. Und spätestens wenn die Flammenwerfer fauchen, muss man sich um Hallstatt langsam Sorgen machen.

From the World of John Wick: Ballerina (2025)

Der phönizische Meisterstreich (2025)

GESCHÄFTSGESPRÄCHE IM PUPPENHAUS

4/10


© 2025 TPS Productions, LLC. All Rights Reserved.


ORIGINALTITEL: THE PHOENICIAN SCHEME

LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: WES ANDERSON

DREHBUCH: WES ANDERSON, ROMAN COPPOLA

CAST: BENICIO DEL TORO, MIA THREAPLETON, MICHAEL CERA, SCARLETT JOHANSSON, TOM HANKS, BRYAN CRANSTON, MATHIEU AMALRIC, BENEDICT CUMBERBATCH, RUPERT FRIEND, RIZ AHMED, BILL MURRAY, CHARLOTTE GAINSBOURG, JOHANNES KRISCH, KARL MARKOVICS, IMAD MARDNLI U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Es kommt nicht oft vor, dass man abseits inszenierter Gala-Filmpremieren gemeinsam mit Schauspielern im Kino sitzt, die im gerade gezeigten Film vorkommen. Auch wenn der renommierte österreichische Schauspieler Johannes Krisch nur eine winzig kleine Nebenrolle bekleiden durfte, stach diese doch aufgrund ihres leuchtend roten Ornats aus mancher Szene heraus und zog die Blicke, die normalerweise Scarlett Johansson gegolten hätten, auf sich. Und nicht nur er stand auf der Ensembleliste von Wes Anderson, auch Karl Markovics war wieder mit dabei, versteckt in einer schwarzweißen Szene, die zwischen Leben und Tod einen Mann vorführt, der sich laut Andersons Drehbuch Zsa-Zsa Korda nennt und Zeit seines Lebens auf wüste Weise die Weltwirtschaft durcheinandergebracht hat, ungefähr so wie Donald Trump eben jetzt, nur vielleicht etwas charmanter, weniger Vorschlaghammer.

Dieser Zsa-Zsa steht in der Gunst der Schicksalsgötter, denn die lassen ihn auch nach zahlreichen Attentatsversuchen nicht und nicht über die Klinge springen. Was dieses Glück im Unglück aber bei diesem Mann von Welt ausgelöst hat, ist eine Art Besinnung, die ihn an seine wohl einzige Tochter denken lässt, eine Novizin namens Liesl, gespielt von Kate Winslets Tochter Mia Threapleton. Im Film darf sie das Erbe von Benicio del Toro antreten, allerdings nur probehalber. Was beide nicht wissen: Ein Vereinigung, die sich Excalibur nennt, will dem Geschäftsmann seinen wirtschaftlichen Erfolg madig machen, indem sie durch Preisabsprachen sämtliche Projekte in Phönizien sabotieren. Wer jetzt schon das müde Augen bekommt, kann sich gleich auch noch den Polster richten: Es wird noch viel unspannender.

Das Schwinden der Lust am Detail

Dabei geht es um ein Preisgefälle und eine gewaltige Finanzierungslücke. Investoren müssen umgestimmt und dazu bewogen werden, mehr zu zahlen. Und so weiter und sofort, alles natürlich in penibel arrangierten Puppenhaus-Settings, die auch im Hintergrund nichts dem Zufall überlassen. Diese Bildwelten kennen wir bereits zur Genüge, nur hier und da lässt sich Anderson zu einer bewegteren Bildsprache hinreissen. Anders als seine Kurzfilme (u. a. Ich sehe was, was du nicht siehst), die zu Pop-Up-Bilderbüchern erstarrt sind, ist Der phönizische Meisterstreich zumindest eine Arbeit, die an ihrem Anspruch zu ermüden scheint und längst nicht mehr so akkurat das Lineal durchs Bild zieht wie in anderen Werken. Asteroid City aus 2023 ist da noch pastelliges Manifest, da sehnt man sich mit Heißhunger nach harten Kontrasten. Dieser Film hier, so hat man den Eindruck, will aus seinem zur Genüge rezitierten Dogma ausbrechen, hin und wieder passiert das auch und rekapituliert frühere Filme wie Darjeeling Limited. Und dennoch: Worauf der Fankreis wartet, muss eintreten. Wes Anderson wird zu seinem eigenen, gefälligen Manieristen, der längst nicht so penibel alles einsortiert wie er selbst zu seinen besten Zeiten, als diese seine Welten ob des Vintage-Avantgardismus noch ein Staunen wert waren.

Immer noch stehen die Stars des Films alle Schlange wie an einem Sommertag vor dem hippen Bio-Eisladen mit fünf Euro pro Kugel. Von Tom Hanks über Bryan Cranston, Benedict Cumberbatch, Michael Cera, Matthieu Amalric und sogar Charlotte Gainsbourg sind sie alle da und geben sich die Klinke in die Hand für ulkige Kurzauftritte in einer Geschichte, die nicht viel mehr Reibung erzeugt als der frisierte Geschäftsbericht eines Superunternehmers. Wen interessieren schon Finanzierungsverhandlungen, auch, wenn sie bunt und schön und dekorativ ins Bild gesetzt werden? Mich jedenfalls nicht.

Der phönizische Meisterstreich (2025)

Oslo Stories: Liebe (2024)

DIE LUST AUF ANDERE

7/10


© 2024 Alamode Film


ORIGINALTITEL: KJÆRLIGHET

LAND / JAHR: NORWEGEN 2024

REGIE / DREHBUCH: DAG JOHAN HAUGERUD

CAST: ANDREA BRÆIN HOVIG, TAYO CITTADELLA JACOBSEN, MARTE ENGEBRIGTSEN, LARS JACOB HOLM, THOMAS GULLESTAD, MARIAN SAASTAD OTTESEN, MORTEN SVARTVEIT U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Nicht nur Richard Linklater kann den Dialogfilm. Wir erinnern uns noch: Before Sunrise, ebenfalls Teil einer Trilogie, in der es ums Reden, dann ums Reden und nochmals um Reden geht, ließ das Publikum nicht nur Wien bei Nacht betrachten, sondern etablierte eine intellektuelle Kunstform, in welcher weniger die Handlung den Film antreibt, sondern das gesprochene Wort. Und hier auch nicht der Monolog, sondern der Austausch an Meinungen, Erlebnissen und das gelebte Interesse am Gegenüber. In Anbetracht aktueller sozialer Tendenzen, die in Richtung Ich-Einkehr gehen und in denen das sogenannte Gegenüber lediglich zur tagebuchähnlichen Projektionsfläche wird, ist diese Art der selbstlosen Aufmerksamkeit eine seltene Eigenschaft, die im Gedankenkino wiederkehrt und sich etabliert, momentan und sehr auffällig vor allem in der Oslo-Trilogie, die zwar nicht ganz so radikal wie Linklater nur das Gespräch sucht, dafür aber einen gemeinsamen Nenner all dieser drei Filme freilegt: Sexuelle Normen und intime Identitäten.

Während Oslo Stories: Träume empfundene sexuelle Anziehung und das Verliebtsein in vielerlei Hinsicht und aus den Blickwinkel unterschiedlicher Menschen betrachtet, geht Oslo Stories: Liebe einen Schritt weiter und sieht sich an, wie gelebte Individualität mit unterschiedlichen Formen von zwischenmenschlicher Beziehung klarkommt. Auf der einen Seite ist da der homosexuelle Krankenpfleger Tor, der täglich mit der Fähre zur Arbeit pendelt und die Überfahrt dafür nützt, Kontakte für sexuelle Abenteuer zu knüpfen. Bis er auf den Psychiater Bjørn trifft – einem Mann, der ganz anders tickt (und als einziger auch in Oslo Stories: Träume vorkommt). Auf der anderen Seite haben wir Marianne, Urologin und Arbeitskollegin von Tor, die sich von diesem inspirieren lässt und, obwohl ihre Freundin sie mit einem alleinstehenden Familienvater verkuppeln will, der sehr wohl ihr Typ zu sein scheint, das Konzept der sexuellen Freiheit erprobt.

Sex und die Suche nach Vertrauen

Let’s Talk About Sex? Es geht bei weitem nicht nur darum. Es lässt sich gar erkennen, dass diese Form des Miteinanders im letzten Teil von Haugeruds urbaner Trilogie andere Prioritäten erlangt. Das müssen längst nicht die wichtigsten sein, können aber gewichtig werden, wenn der Begriff des Vertrauens in einer ganz gewissen Szene im Film kein einziges Mal Erwähnung findet. Und doch gibt es Lebensentwürfe, die ohne diesen Umstand klarkommen, die den Wert des Vertrauens und Vertrauen-Gebens nicht erfahren müssen oder wollen. In genau dieser Szene, wenn Marianne mit ihrer Fähren-Bekanntschaft für eine Nacht über das Fremdgehen philosophiert, denke zumindest ich unweigerlich an Karoline Herfurths geglücktem Episodendrama Wunderschöner. Dieser Moment passt da gut hinein, weitet sich das Gespräch auch noch insofern aus, da es die männliche Wahrnehmung von Frauen, die ihre Selbstbestimmung leben, kritisch, aber vorwurfsfrei thematisiert.

Vorwürfe gibt es in Oslo Stories: Liebe schließlich überhaupt keine, nur wahnsinnig viel Verständnis. Als wäre das Künstlermanifest Dogma 95 wieder auferstanden, lobt Haugerud den Dialogfilm als dokumentarischen, fast schon beiläufigen Austausch, ohne dabei allzu sehr abzudriften. Die Side Story um eine Osloer Jubiläumsfeier mag vielleicht trotz ihrer feministischen Thematik nicht ganz fertig und auch weniger relevant wirken für das, was den Film umtreibt – die parallel- und ineinanderlaufenden Charakterentwicklungen hingegen bestechen durch ihre sprachliche Raffinesse, die sogar jede Menge nonverbales Understatement zulässt, wenngleich Oslo Stories: Liebe in der norwegischen Originalfassung mit Untertiteln fast schon als halbes Buch durchgeht, mit vielen netten Bildern, auch vom Osloer Rathaus. Ein seltsames, kantiges, geometrisches Gebäude, scheinbar brutalistisch. Ein Kontrapunkt zur veränderlichen Gefühlswelt dieser experimentierfreudigen Liebenden.

Oslo Stories: Liebe (2024)

Fountain of Youth (2025)

SCHÄTZE DER WELT UND WIE MAN NICHT NACH IHNEN SUCHEN SOLLTE

3/10


© 2025 Apple TV+

LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: GUY RITCHIE

DREHBUCH: JAMES VANDERBILT

CAST: JOHN KRASINSKI, NATALIE PORTMAN, DOMNHALL GLEESON, EIZA GONZÁLES, CARMEN EJOGO, ARIAN MOAYED, LAZ ALONSO, STANLEY TUCCI U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Es gibt ein enorm qualitatives Gefälle zwischen Produktionen, die direkt im Stream erscheinen, und jenen, die eine Auswertung in den Lichtspielhäusern ergattern. Hier muss man aber unterscheiden, dass Filme, die anderswo ins Kino kommen, hier in Österreich aber nur digital released werden, nicht zu jenen zählen, die reine Streamingfilme sind. Zu letzterem zählen wiederum Filme, die so tun, als würden sie auf großer Leinwand ausgewertet werden, in Wahrheit aber maximal ein Wöchlein Luxus wie diesen genießen. Vielleicht haben sie ja dadurch die Chance, so manchen Preis abzuräumen, doch sieht man sich die letzte, sündteure Produktion an, für die Apple TV+ ganz schön was springen ließ, ist der Preisverdacht wohl der letzte, der dabei aufkommt.

Fountain of Youth, ein Abenteuerspektakel und Trittbrettfahrerfilm, der sich an etablierten Genrejuwelen wie Indiana Jones, der National Treasure-Reihe und den von mir geschätzten Uncharted-Film dranhängt, wird dabei sogar von allen bisher erschienenen Tomb Raider-Versuchsanordnungen abgehängt, die aber durchaus ihre Eigendynamik hatten. Dieser hier hat davon nichts. Und das, obwohl sich Guy Ritchie dafür verantwortlich zeichnet, der sich als unverkennbarer Stil-Filmer längst etabliert hat. Der mit Klassikern wie Snatch – Schweine und Diamanten, The Gentlemen oder der wohl geglücktesten Disney-Realverfilmung Aladdin ein Unterhaltungskino schuf, das den Spaß an der Freude vermittelt und obendrein noch bewiesen hat, dass er in unterschiedlichen Genres unterwegs sein kann. Das gediegene Abenteuerkino quer über den Erdball ist dann wohl doch nicht so seins, vielleicht auch, weil das Skript von James Vanderbilt (dessen Qualität genauso schwankt wie jene des Regisseurs – siehe White House Down) eine Hetzjagd in zwei Stunden Spielfilmzeit zwängt, die durch das Weglassen sämtlicher narrativer Details so geschmeidig wirkt wie nervöses Channel-Surfen daheim auf der Couch nach zu viel Süßem. Doch was genau ist passiert, warum kann Fountain of Youth einfach nicht abholen?

Wie man die Quelle der Inspiration nicht findet

Ein Abenteuerfilm steht und fehlt weniger durch seine exotischen Schauplätze oder Actionsequenzen, sondern hauptsächlich durch die Synergien innerhalb des Teams. Das muss natürlich nicht immer eine eingespielte Truppe sein, es kann auch Differenzen geben, denn was sich zankt, schafft noch eine weitere sozialpsychologische Ebene. Bei Fountain of Youth haben wir John Krasinski, als Agent Jack Ryan aufgeräumter Tausendsassa, den nur schwerlich etwas aus der Ruhe bringen kann – und Natalie Portman, der es nicht und nicht gelingt, aus ihrer Arthouse-Blase auszubrechen. Ihr steifes Spiel fiel bereits in Thor: Love and Thunder ins Gewicht, diesmal bemüht sie sich als rechtschaffene Filmschwester des auf Speed agierenden Abenteurers Krasinski um jenen Witz, den seinerzeit Catherine Hepburn als Sparring Partnerin von Humphrey Bogart oder Spencer Tracy auf denkwürdige Weise episch werden ließ. Portman scheitert hier, vielleicht auch, weil Krasinski jeden Versuch, hier einen auf Screwball zu machen, durch seine fahrige Oberflächlichkeit im Keim erstickt. Und da ist dann noch Domnhall Gleeson, phlegmatisch, gelangweilt und seit seiner Rolle als General Hux in den Star Wars-Sequels nie wieder in Höchstform. Allein auf weiter Flur bleibt Eiza Gonzáles, sie wünscht sich womöglich, lieber im Uncharted-Universum festzusitzen, als hier den mit der Kirche ums Kreuz hechelnden Schatzsuchern hinterherzujagen.

Dass in einem Genrefilm wie diesem das visionäre Herzblut eines Steven Spielberg schlagen muss, wäre zu viel verlangt. Den Metabolismus hatten das National Treasure-Franchise mit Nicolas Cage oder Uncharted auch nicht, dennoch waren sie durch die Bank mitreißende Eskapismus-Werke, die Lust auf eine Terra incognita machten. Dass man in den schnelllebigen Zeiten wie diesen, wo Millionen gerne auf fragwürdige Weise verpulvert werden, keinen Cent davon ausgibt, um vielleicht die Quelle der Inspiration anstatt jene des ewigen Lebens zu suchen, mag an der Effizienschraube liegen, an der nicht nur Streaming-Giganten drehen. Überall muss alles weniger Zeit kosten, Qualität ist aber ein Umstand, der sich genauso wenig komprimieren lässt wie Wasser. Und so bleibt, wenn wir schon beim flüssigen Element angekommen sind, Fountain of Youth ein gehetztes Zerstreuungsfilmchen ohne Persönlichkeit, dafür aber mit betörenden Momenten fantasievoller Einfallslosigkeit.

Fountain of Youth (2025)

Havoc (2025)

AUF KNALLERBSEN KNIEN

4/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: GARETH EVANS

CAST: TOM HARDY, TIMOTHY OLYPHANT, FOREST WHITAKER, LUIS GUZMÁN, XELIA MENDES-JONES, NARGES RASHIDI, JESSIE MEI LI, TOM WU U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN 


Tom Hardy ist längst zu Eddie Brock geworden. Marvel-Vertraute kennen ihn: Der abgehalfterte Reporter war die Symbiose mit einem Alien eingegangen, einem amorphen lakritzeartigen Wesen mit einer Kauleiste – dafür bräuchte man nie wieder zum Zahnarzt, sonorer Stimme und folgend auf den Namen Venom. Das Buddy-Team der besonderen Art hat nun ausgekapsert, zurück bleibt Tom Hardy ganz allein, und irgendwie vermisst man das klebrige Anhängsel dann doch. Manchmal scheint es so, als würde sich Gareth Evans vielleicht den Scherz erlauben, den Symbionten zumindest in einer schnell geschnittenen Cameo-Szene Revue passieren zu lassen, doch statt Witzen wie diesen hagelt es Patronen, als wären der meteorologischen Absonderlichkeiten von Frosch über Fischregen nicht schon genug.

Wer Edwards schließlich kennt, weiß, dass bei ihm allerhand Menschen ins Gras beißen, und das nicht eines natürlichen Todes, sondern niedergemäht und durchsiebt, wie man jemanden nur niedermähen und durchsieben kann. Havoc heisst das neueste Unding des Schöpfers von The Raid – einer indonesischen Einer-gegen-Alle oder – übers Knie gebrochen – Stirb langsam-Version mit Iko Uwais als Martial Arts-Polizisten, der im Alleingang einen ganzen Haufen blutrünstiger Männer zerschnetzelt. Man muss zugeben: seine beiden expliziten Action-Schlachtplatten entbehren nicht einer gewissen Faszination. Wie der Waliser die Gewalt choreographiert, ist gelernte Handarbeit. Havoc hingegen, was soviel bedeutet wie „Zerstörung“, ist eben auf Netflix erschienen und schickt den alienlosen Rabauken Hardy in den kataklystischen Projektilregen, ganz ohne Schirm, dafür munter bewaffnet und alles mögliche an Gewalt einsteckend, was den Waffenstillstand mit der Realität gefährlich auf die Probe stellt.

Selbst eine Woche nach der Sichtung lässt sich der Plot des Films nur noch rudimentär wiedergeben – viel Substanz hat das alles nicht. Evans hat das Skript zwar selbst verfasst, aber eine KI könnte das vielleicht sogar besser. Ob Tom Hardy alias Walker nun im Auftrag vom schmierigen Forest Whitaker, der Vergleiche mit Wilson Fisk aus dem Daredevil-Universum anstrebt, dessen Sohn wiederfinden muss, da dieser bis über beide Ohren im Schlamassel steckt, weil die Triaden hinter ihm her sind, ist völlig egal. Spannend wird Havoc wirklich nie, dafür aber zeichnet Evans den üppigen Moloch einer namenlosen Stadt, die fast schon an Gotham City erinnert. Die Bildsprache ist betrachtenswert, allerdings nur dann, wenn gerade nicht geschossen wird. Diese Momente sind rar, man sollte sie genießen, denn sobald das große Ballern anfängt, stellt sich Schwindel ein.

Die Action ist in Havoc ein wüstes Durcheinander: fahrig, viel zu schnell geschnitten, mit rumpelnder Kamera und einer dünnen Akustik, wenn vollautomatische Handfeuerwaffen aller Art (zusammen füllen sie diverse Kataloge aus der Rüstungsindustrie für den privaten Konsumenten) ihre nicht endenwollende Munition verschleudern und einer wie Hardy fast schon auf diesen Knallerbsen die Balance verliert, so dicht fällt der Niederschlag an Hülsen. Ballistiker kratzen sich womöglich angesichts dieser Physik die Augen aus, und man selbst als Laie, der gerade mal weiß, worum es sich bei einer AK-47 handelt, flattern bei der Schießbuden-Hölle gelegentlich die Augenlider, wenn es wieder mal nicht schnell genug gehen kann, bis einer stirbt.

Hardy ist als Action-Zampano sicherlich eine Nummer für sich, auch wenn nicht viel aus seinem Charakter zu lesen ist. Der übrige Streifen brennt sich mit seinem gleißenden Mündungsfeuer in die Netzhaut, der Rest fällt dem Vergessen anheim. Ein Mehrwert, sollte man sich später noch erinnern, bleibt aber sowieso keiner.

Havoc (2025)

Until Dawn (2025)

WER HAT AN DER UHR GEDREHT?

5/10


© 2024 Screen Gems, Inc. and TSG Entertainment II LLC. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: DAVID F. SANDBERG

DREHBUCH: GARY DAUBERMAN, BLAIR BUTLER

CAST: ELLA RUBIN, MICHAEL CIMINO, JU-YOUNG YOO, ODESSA A’ZION, BELMONT CAMELI, MAIA MITCHELL, PETER STORMARE U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Ist das letzte Körnchen Sand durchgerieselt, klingelt der Wecker erneut bei allen, die die Nacht davor ins Gras gebissen haben. Guten Morgen zur Nachtschicht, könnte man sagen, denn Until Dawn schickt seine unfreiwilligen Kandidaten ins Rennen um die Vorherrschaft der nächsten ersten Sonnenstrahlen. Wer bis dahin überlebt, ist fein raus und kann nach Hause. Wer das nicht tut, den weckt zwar nicht I got you Babe wie in Täglich grüßt das Murmeltier, sondern die immer gleiche Situation zu Beginn der Nacht, wenn die Sanduhr sich dreht und das Rieseln erneut beginnt.

Dieses Spiel aus der Playstation-Familie ist längst Kult, und ja, das Konzept verspricht Challenge genug, um dranzubleiben. Überhaupt sind Horrorspiele die bequeme Alternative zur Geisterbahn im Prater oder zum ausgesuchten Escape-Room, in welchem vielleicht der eine oder andere Schausteller den Ghul mimt. Hier aber sind es Wendigos, zumindest behauptet das der Film. Wenn man es genauer nimmt, gilt die Begrifflichkeit für mythologische, Waldwesen, die aufgrund des Verzehrs von Menschenfleisch verdammt sind, immer mehr davon zu essen, ohne jemals ihren hunger zu stillen. Viel genauer nimmt es dabei Coopers Folk-Horror Antlers, der den Steckbrief dieser Kreatur ganz genau gelesen hat. Was in Until Dawn aber kreucht und fleucht und seine spitzen, blutverschmierten Zahnreihen wetzt, sieht eher aus wie ein waschechter Ghul, blass und gespenstisch und räuberisch. Man kann die I-Tüpfel-Reiterei gerne außen vor lassen und den Begriff Wendigo mit Schulterzucken hinnehmen – nicht aber die geistige Konstitution von vier jungen Erwachsenen, die den Schrecken der Spirale des Grauens hinnehmen, als müssten sie lediglich am Samstagvormittag nachsitzen.

Zu Beginn wirft uns der Film, den David F. Sandberg zu verantworten hat und der sich mit Horror schließlich auskennt, da er Filme wie Lights Out oder Annabelle inszeniert hat, in die potenziell psychopathische Provinz, in der Clover (Ella Rubin, Gossip Girl) mit ihrem Freundeskreis inklusive Ex nach ihrer seit einem Jahr vermissten Schwester sucht. Natürlich haben alle weder Tanz der Teufel noch The Cabin in the Woods gesehen, denn sonst könnten sie bereits erahnen, dass dieser Tante-Emma-Laden samt merkwürdigem Besitzer einfach nichts Gutes bedeutet. Der Mann – Peter „Fargo“ Stormare – spart nicht mit guten Ratschlägen, denen die Gruppe auch folgt, womit wir kurzerhand im Haus des Grauens wären, in welchem Nacht für Nacht ein maskierter Killer die Jungschar dezimiert. Der aber ist nicht das einzige Problem, dass die Fünf daran hindert, den neuen Tag zu erleben. Hexen, Wendigos (bleiben wir dabei) und toxische Flüssigkeiten machen die Nacht zur Hölle, während niemand es wagt, sich dem Grauen entgegenzustellen.

Eigene Pläne zu schmieden oder Improvisation in Momenten der Not könnten in Zeiten von KI, die einem sowieso alles Denken abnimmt und sich dabei ins nicht vorhandene Fäustchen lacht, immer schwieriger werden. In Until Dawn ist der träge Geist der jungen Leute der wohl schlimmste Feind. Es heisst zwar immer, alle müssen an einem Strang ziehen – letztlich tut es niemand. Oder braucht es für ein Team immer einen Leader? Wie schwer ist Demokratie in der Katastrophe und warum ist die Psyche der Protagonistinnen und Protagonisten so dermaßen resilient, dass sie diesen Wahnsinn einfach immer wieder wegstecken? Der psychologisch undurchdachte Film kann wohl auch nicht anders, als dem Playstation-Spielekonzept treu zu bleiben und einen Plot zu entwickeln, der wenig plausibel scheint. Anders als in Escape Room von Adam Robitel hat Sandberg hier den Drang, alles erklären zu müssen, während der Horror in Filmen meistens dann stärker wird, wenn alles oder zumindest das Meiste ein Mysterium bleibt.

Abgesehen von einem sehr stimmigen, raffiniert beleuchtetem Creature Design und einem angenehm schaurigen Spukhaus-Setting, das wohl ganz der Vorlage entspricht, kommt das wenig überzeugende Schauspielensemble nie wirklich in die Gänge. Farblose Charaktere, die sich letztlich abstrampeln – und irgendwann weiß man, und das schon sehr früh, wie der Horror enden wird. Zwischen Young Adult-Mystery und beinhartem Sam Raimi-Horror hat sich Sandberg doch eher für erstere entschieden, obwohl erstaunlich viel Blut fließt und die explizite Gewalt ordentlich wütet. Man merkt, daran liegt es nicht, ob ein Genrefilm das Rennen macht oder nicht. Es liegt wohl eher im Grauen, dass sich in den Augen derer spiegelt, die ihn erleben. In Until Dawn sieht man davon wenig.

Until Dawn (2025)

Der Meister und Margarita (2024)

GESTATTEN, MEPHISTOPHELES!
ODER: IN MOSKAU TUT SICH DIE HÖLLE AUF


EIN GASTKOMMENTAR VON MARLON SCHUHFLECK


© 2024 capelight pictures

LAND / JAHR: RUSSLAND 2024

REGIE: MICHAEL LOCKSHIN

DREHBUCH: MICHAEL LOCKSHIN, ROMAN KANTOR, NACH DEM ROMAN VON MICHAIL BULGAKOW

CAST: AUGUST DIEHL, JEWGENI ZYGANOW, JULIJA SNIGIR, CLAES BANG, JURI KOLOKOLNIKOW, ALEXEI ROSIN, POLINA AUG, JURI BORISSOW U. A.

LÄNGE: 2 STD 37 MIN


Liebe auf den ersten Blick ist eine Metapher für eine Geschichte. Zugegeben, eine zauberhafte. Aber wehe, man findet sich in dieser Geschichte wieder, in dieser phänomenal empfundenen Liebe, dann holt sie einen zwangsläufig ein, die umgebende Welt! Und fordert paradoxerweise, diese Realität sprengende Erfahrung in den allzu alltäglichen Alltag einzuordnen. Es ist nun mal ein narrativ anthroplogisches Gesetz, dass keine Geschichte, kein Leben für sich allein lebt, sondern sich zwangsläufig mit anderen verflechtet. Da mag man sich wie Der Meister und Margarita noch so sehr in die Zweisamkeit eines abgeschiedenen Kellers flüchten. Romantik trifft auf ethische, ökonomische, sozio-kulturelle Hürden und was das Leben sonst noch so alles bereithalten mag. Und dann wird aus Liebe auf den ersten Blick schnell eine ganz andere Geschichte. Unter Umständen eine äußerste tückische. Aus dieser Not gilt es, eine Tugend zu machen. Und sei es die Tugend der poetischen Gerechtigkeit, die den narrativen Fluchtpunkt von Der Meister und Margarita bildet. Einer fulminanten Geschichte, in der der Teufel ein gewichtiges Wörtchen mitzureden hat.

Die Handlung von Der Meister und Margarita ist schnell erzählt. Und doch auch nicht. Zum einen ist da der Meister: ein erfolgloser Schriftsteller, der mit restriktiven UDSSR-Maßnahmen zu kämpfen hat. Und da ist Margarita, die unglücklich verheiratet ist, des Lebens müde. Und dann? Tja, man trifft sich, man verliebt sich. Und alles ist anders, alles ist gleich. Man ist perspektivenlos vereint; wunschlos (un)glücklich, zumindest zu zweit. Aber so wuchtig wie das sehnsüchtig herbei ersehnte Meer, so brandet auch die Emotion am harten Felsen der Realität auf. Was liegt also näher, als sich in die schützende Fiktion zu flüchten? Und sei es eine brennende. Man schlage das Buch auf und begebe sich hinab in die wuchernden Windungen sich kreuzender Geschichten, in denen sich von Pontius zu Pilatus, von Behemoth (Fauch!) bis zum Teufel eine Entourage wunderbar illustrer Persönlichkeiten ein Stelldichein geben. In Der Meister und Margarita betreten wir eine Welt der Phantastik, in der zwar andere Gesetze herrschen, die als Spiegelung jedoch stets ein Licht auf die wirkliche Welt wirft. Ob dieses Licht entlarvender, verklärender oder blendender Natur ist, obliegt der Perspektive des Betrachters.

In seinem erzählerischen Mahlstrom fühlt sich der Film wie ein karnevaleskes Theater an, eine narrative Ballnacht, in dem die schillernde Figuren – entliehen aus einem Jahrtausende alten Fundus und/oder der Wirklichkeit – ihre Kreise ziehen. Figuren, die sich stets wandeln und verschleiern, sich neu erfinden, erfunden werden. Historische Kulissen treffen auf wahrhaften Wahnsinn; Kostümierung und Maskerade auf nackte Tatsachen. Vorsicht, es gilt, die Übersicht zu bewahren: denn der Teufel steckt im Detail. But who cares? Es ist doch nur Fiktion, nicht wahr?, und deshalb umso wahrer. Es wird imaginiert und fabuliert, es wird geschrieben, uMgeschrieben, geschrieben, uNgeschrieben … bis sich die Fiktion in der Wirklichkeit manifestiert, oder umgekehrt. Als ob das einen Unterschied macht. Letztlich bleibt es eine Frage der Geschichte(n). Und Geschichte wird in Der Meister und Margarita erzählt. Eine MEISTERhafte Geschichte des Geschichtenerzählens – in Bildern, in Musik, in Literatur. Wie diese Geschichte ausgeht, ob gut oder schlecht, möge man selbst entscheiden. Unterhaltsam ist sie allemal. Und eine Liebesgeschichte sowieso.

Marlon Schuhfleck, alles.text@gmail.com

Der Meister und Margarita (2024)