Wolfs (2024)

NACHTSCHICHT FÜR SCHÖNLINGE

3,5/10


Wolfs© 2024 Apple TV+


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: JON WATTS

CAST: GEORGE CLOONEY, BRAD PITT, AUSTIN ABRAMS, AMY RYAN, POORNA JAGANNATHAN, ZLATKO BURIĆ, RICHARD KIND U. A.

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


„Was ein Mann schöner is wie ein Aff‘, is ein Luxus.“, meinte einst Tante Jolesch. Folgt man dieser Weisheit, ist der Luxus in vorliegendem Film fast schon obszön. Denn was sind die beiden nicht für schöne Männer? George Clooney und Brad Pitt sind eine Augenweide, wohl die größten Augenweiden seit Sean Connery, der ja unangefochten und bis ins hohe Alter als der Sexiest Elder Man Alive gelten konnte. Jetzt rücken diese beiden Superstars nach, und sie sehen besser aus als je zuvor. Brad Pitt mit sechzig, Clooney mit dreiundsechzig Lenzen, und beide benötigen dringend einen Espresso, am liebsten aus dem Hause eines gewissen Schweizer Lebensmittelkonzerns. Wider Erwarten aber interessiert Kaffee hier niemanden die Bohne, obwohl sich Clooney und Pitt die ganze Nacht um die Ohren schlagen, anstatt irgendwo weitab lästiger Unbequemlichkeiten ihren Charme zu pflegen. Wolfs nennt sich die lederjackige, nokturne Krimikomödie, inszeniert von Spiderman-Reboot-Profi Jon Watts und dank eines kraftlosen Skripts entsprechend kraftlos in Szene gesetzt.

Ja, das kommt jetzt ein bisschen plötzlich. Gerade noch ergötze ich mich an der maskulinen Eleganz zweier Kino- und Werbelegenden, und dennoch reicht dieses Charisma im Doppelpack nicht aus, um mit Wolfs einen den Schauspielern adäquaten Kraftakt zu absolvieren. Wir sehen: Schönheit und Bekanntheit allein reichen nicht, um frappante Mängel eines Films zu kompensieren. Da wirken beide wohl eher verloren als gefordert, eher antriebslos als vom Sog einer schicksalsträchtigen Nacht mitgerissen. Vielleicht hätte man das Problem, mit welchem dieser Film hadern muss, vorab vermuten können: Die siegessichere Prämisse, dass Stars bereits die halbe Miete sind; die gemähte Wiese; der mächtige Brocken auf der Habenseite. Was soll da schon schiefgehen?

Zu Beginn des Films schon mal einiges, aber das ist wohl inhaltlicher Natur. In einem Hotelzimmer muss die New Yorker Staatsanwältin Margaret (Amy Ryan) erschrocken feststellen, dass ihr „Mann für gewisse Stunden“ aufgrund einer Überdosis Drogen plötzlich das Zeitliche gesegnet hat. Da liegt er nun, zwischen den Scherben eines Beistelltisches. Was also tun? Die völlig verstörte Dame klingelt bei George Clooney, der als gewiefter und akkurater Problemlöser dann auch vor Ort aufschlägt und sich an die Arbeit macht. Das alles wäre ein Routinejob, würde nicht auch noch Brad Pitt mit hoteleigenem Schlüssel ins Zimmer schneien. Obwohl der eine den anderen gerne hinauskomplimentieren möchte, müssen beide letzten Endes wohl zusammenarbeiten, um auch die Tasche voller Koksziegel wieder an den Absender zu bringen, um Komplikationen zu vermeiden, die das Hotelmanagement nicht haben will. Womit beide wohl nicht rechnen: Der tote Gigolo ist vielleicht gar doch nicht so tot wie angenommen. Für den Rest des Abends gibt’s für Zusatzjobs wohl kein Zeitfenster mehr.

Gentlemen wie Clooney und Pitt können noch so tun, als würden sie sich nicht ausstehen können – ihr ewiger Hickhack, der sich anfühlt, als würden sich Spencer Tracy und Katherine Hepburn necken, obwohl sie sich lieben, fällt viel zu zahnlos aus, um daraus einen privaten Konflikt zu entwickeln, der vielleicht diesen fadenscheinigen Plot gerettet hätte. Viel tut sich nicht in dieser einen Nacht, und ob nun heiße Ware ihren Besitzer findet oder nicht, tangiert nicht im Geringsten. Als Thriller, der sich mit einer Konkurrenz von hunderterlei ähnlichen Filmen messen muss, versagt die seichte Angelegenheit völlig. Ob Kroaten, Albaner oder sonst wer, die hinter dem Stoff und vielleicht auch hinter Clooney und Pitt her sind – sie alle sind verschenkte Stereotypen.

Wer die beiden feschen Superstars, die sich kaum anstrengen und genau wissen, was ihre Ausstrahlung hergibt, mehr oder weniger an die Wand spielt, ist Austin Abrams (u. a. Scary Stories to Tell in the Dark) als von seinem Drogentrip Genesender, der erst langsam, aber doch, die Gefahr wittert, in der er sich befindet. Für so einen Film aber zwei Idole zu verschleudern, die sichtlich unterfordert nur darauf warten, am Ende der Nacht dann doch noch ihren Espresso zu genießen, ist verlorene Liebesmüh.

Wolfs (2024)

Beetlejuice Beetlejuice (2024)

QUÄLGEISTER AUF ZURUF

5/10


beetlejuicebeetlejuice© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: TIM BURTON

DREHBUCH: ALFRED GOUGH, MILES MILLAR

CAST: MICHAEL KEATON, WINONA RYDER, CATHERINE O’HARA, JENNA ORTEGA, JUSTIN THEROUX, MONICA BELLUCCI, ARTHUR CONTI, WILLEM DAFOE, BURN GORMAN, AMY NUTTALL, SANTIAGO CABRERA, DANNY DE VITO U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Es ist wohl naheliegend, dass das Studio an Tim Burton herangetreten war, um ihn davon zu überzeugen, nochmal einen seiner Klassiker aufzuwärmen, war der doch damals an den Kinokassen ein erfolgreiches Vehikel. Das Publikum von damals ist nicht mehr das von heute, soviel scheint den Geschäftsfrauen- und männern wohl klar. Andererseits liegt Beetlejuice noch nicht so lange zurück, um die Kinder der Achtziger wie die Nadeln im Heuhaufen suchen zu müssen. Derer gibt es noch viele, und die Achtziger, die waren nicht nur irgendeine Dekade, sondern das Kinojahrzehnt schlechthin – so viele Klassiker, Blockbuster und Zufallserfolge gab es vorher und nachher wohl nie wieder. In diesem fulminanten, kataklystischen Output lässt sich eben auch Tim Burtons Geisterkomödie wiederfinden – ein kauziges, kleines Komödchen mit sehr viel Stop-Motion und blassgesichtigen Morbiditäten, mehr Grotten- statt Geisterbahnfahrt, denn zum Gruseln war das alles nicht. Das Horrorhafte ist Tim Burton auch nie gelegen, selbst sein Sleepy Hollow ist gediegener Gothic mit schrägen, aber nicht schrecklichen Einfällen. Wenn dann einer wie Bio-Exorzist Betelgeuse – lautmalerisch eben Beetlejuice – kugelbauchig, zerfleddert und mit satten dunklen Ringen um die Augen seinen Einstand probt, etabliert sich das Subgenre der Gruselkomödie wie ein Lehrstück für spätere Projekte. Und als wäre die ganze Mär rund um Geister, die nicht gehen wollen und solchen, die durch die Verheiratung mit den lebenden dem Jenseits zu entfliehen gedenken, nicht sowieso schon 1988 auserzählt, erhoffen sich die Studio-Kapitalisten mit einem Sequel, das so anmutet wie ein Reboot, nochmal den großen Reibach.

Entstanden ist dabei – zum Teil mit Originalbesetzung – weder Fisch noch Fleisch, Hommage und Upgrade gleichermaßen. Ein Chaos an pittoresken Expressionismus-Reminiszenzen a la Caligari, ein wohl wirklich herzhafter Cameo mit dem untoten Danny DeVito, vielen Schrumpfköpfen und einer Corpse Bride, für welche Tim Burtons neue Frau Monica Bellucci im Narbenlook stilechte Vergeltung verspricht. Das ist aber längst nicht alles, da kullert noch viel mehr durchs Dies- und Jenseits. Doch scheinbar hängt sich der Plot dann doch daran auf, Schauspieler Jeffrey Jones (im Original Winona Ryders Filmvater Mr. Deetz) nicht mehr zur Verfügung zu haben. Das liegt wohl daran, dass der Star vor vielen Jahren wegen Kinderpornografie belangt wurde. Das ist natürlich Kassengift, und auch sonst will niemand jemanden sehen, der Verbrechen wie diese zu verantworten hat. Also muss Jeffrey Jones verschwinden und fällt zu Beginn des Films als Überlebender eines Flugzeug-Crashs einer Hai-Attacke zum Opfer. Die übrige Familie versammelt sich trauernd im uns wohlbekannten Gemäuer, Tochter Ryder ist erwachsen, deren Tochter Jenna Ortega (Burtons neue Wednesday) die Skepsis in Person, was Paranormales anbelangt. Und Mutter Delia (Catherine O’Hara), Kunstikone, ist ebenfalls mit von der Partie. Währenddessen sinnt Bellucci im Jenseits danach, sich an titelgebendem Beetlejuice für was auch immer zu rächen. Und ein anderer Geist hat es in der Hand, die ungläubige junge Ortega davon zu überzeugen, dass der Tod nicht das Ende aller Dinge ist.

Tim Burton hat also viele Fäden in der Hand, für sich sind das alles kleine, platte Geschichten, aufgepeppt mit Make Up, Budenzauber und analogen Trickkisten. Für keine dieser Erzählebenen nimmt sich der legendäre Maestro mehr Zeit als nötig, all diese Fäden mögen zwar miteinander verflochten sein, doch nur widerwillig und wenig synergetisierend. Es ist vieles von allem und vieles von Altem, als Anhäufung fan-servicierender Anekdoten lässt sich Beetlejuice Beetlejuice bezeichnen, für Kinder aus den Achtzigern und jener, die dafür sorgen, dass Beetlejuice im Retail-Sektor wieder ordentlich Kohle macht. Kennt man das Original nicht, fällt das Sequel seltsam willkürlich aus. Da fehlt etwas, würde man bemerken, Doch das lässt sich auch feststellen, wenn man weiß, wie Michael Keaton schon damals das okkulte Geisterkarussel in Gang gebracht hat. Anstatt ein bisschen die Füße stillzuhalten, gerät Burtons Regie unter Zuckerschock und entwickelt eine aufgekratzte Fahrigkeit, wie es manchmal Kinder erleben, die am Ende eines Tages im Familypark gerne schon entspannen würden, es aufgrund der vielen Eindrücke und des ganzen ungesunden Naschkrams nicht mehr hinbekommen. So quirlt auch diese, das Original wenig bereichernde Komödie um sich selbst herum, ohne sich auf irgendetwas länger konzentrieren zu können, als würde man völlig überreizt durch die Geisterbahn tingeln.

Beetlejuice Beetlejuice (2024)

Veni Vidi Vici (2024)

DER PAPA WIRD’S SCHON RICHTEN

6/10


VeniVidiVici© 2024 Ulrich Seidl Filmproduktion


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2024

REGIE: DANIEL HOESL & JULIA NIEMANN

DREHBUCH: DANIEL HOESL

CAST: LAURENCE RUPP, URSINA LARDI, DOMINIK WARTA, JOHANNA ORSINI, MARTINA SPITZER, MARKUS SCHLEINZER, MANFRED BÖLL, CHRISTOPH RADAKOVITS, BABETT ARENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Der Papa wird‘s scho richten, das g’hört zu seinen Pflichten… Dass die Oberen über dem Gesetz stehen, besang schon Helmut Qualtinger. Dabei ist Reichtum prinzipiell keine Schande. Reichtum allein macht noch niemanden zum Bösen. Reichtum allerdings, frei nach dem geläufigen Zitat „Wer zahlt, schafft an“, ist das wohl beliebteste Machtmittel, um in der Gesellschaft so hochzusteigen, dass alle anderen unten bleiben. Ist man mal im Olymp derer angekommen, die alles haben und noch viel mehr, ist die Versuchung groß, diese gottgleiche Freiheit dafür zu nutzen, gleich die ganze Welt an den hauseigenen Tropf zu hängen. Am süchtigsten wird dabei die Politik, oder jene, die glauben, den Krösus für sich instrumentalisieren zu können. Das wird nicht gelingen, viel eher ist es umgekehrt, und wir sehen, wohin diese Sache mitunter geführt hat. Als Paradebeispiele sind unter anderem Helmut Elsner, Karl-Heinz Grasser oder der von der Slimfit-Entourage hofierte Rene Benko zu nennen, der jetzt, nach all dem Desaster um sein verschachteltes Imperium, immer noch mit genug Mammon dastehen wird, um ein sorgenfreies Leben zu führen. Draufzuzahlen haben immer nur die Kleinen. Oder jene, die viel lieber für Vermögenssteuern plädieren würden als nur irgendetwas mit dieser weltfremden Haute Volée zu tun haben zu wollen. Leute wie Amon Maynard, welchem Laurence Rupp in der Gesellschaftssatire Veni Vidi Vici ein fast kindlich naives, unbekümmertes und jedem Zweifel erhabenes Gesicht gibt, gehen im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Dort, in dieser urösterreichischen Welt aus Freunderlwirtschaft, astreiner Korruption und Postenschacher, zählt die Jagd zu den Lieblingsbeschäftigungen des Multimilliardärs. Nur: Einem Tier kann der reiche Bonze niemals etwas zu leide tun. Dann wohl schon eher der eigenen Spezies. Nach diesem wenig humanistischen Motto entspannt sich das verzerrte Benko-Imitat beim Abknallen wildfremder Menschen.

Ein Verbrechen? Natürlich ist es das, und jeder weiß, dass Maynard dahintersteckt. Das Problem dabei: Maynard aus dem Verkehr zu ziehen würde schließlich für Politik und Wirtschaft bedeuten, an Einfluss zu verlieren. Denn Maynard ist viel zu wichtig, um ihn zu belangen. Macht geht über Menschenrechte, Justitia ist wieder mal blind und jene, die versuchen, dieser Gottheit, die in den hallenden Hallen des Olymps residiert, das Handwerk zu legen, sind auch nur schwache Geister im Angesicht der Verführung.

Bitterböse will Veni Vidi Vici sein, der sich selbst in Veni, Vidi und Vici teilt. Man kann davon ausgehen, dass das lateinische Wort Vici am Ende wohl nicht hinterfragt werden wird. Man kann davon ausgehen, dass, wenn die Ulrich Seidl Filmproduktion dahintersteht, wohl kaum Kompromisse eingegangen werden, wenn es heisst, eine kritische Agenda zu verfolgen, die den Hass auf all die manipulativen Reichen schürt, die sich erlauben können, am System herumzudrehen. Sieht man die ganze reiche Familie, die lieber falsche als keine Moral besitzt, die sich in NS-Zeiten auf Kosten der Verfolgten wohl gesundgestoßen hätte und kein Gewissen kennt, wünscht man ihnen das Unglück. Daniel Hoesl und Julia Niemann lassen Laurence Rupps Überfigur eines Hoffmansthal’schen Jedermanns mit dem Dilemma der Unberührbarkeit hadern. Er verübt seine Verbrechen, nicht nur weil es geht, sondern auch, weil er darf. Die Hölle sind auch hier die anderen, die Maynard erst zu dem gemacht haben, der er ist. Veni Vidi Vici zeigt die Schwäche des Menschen am Ende der Nahrungskette. Das alles ist berechtigt, es darzustellen.

Das Problem an diesem Film jedoch ist, dass Hoesl und Niemann die Zügel oft lockerlassen und ihre „Vorzeigefamilie“ auf gewisse Weise bewundern. Politik und die einflussreiche Gesellschaft bleiben in ihren Methoden vage, die Kritik bleibt unbeherzt und fast etwas duckmäuserisch. Mitunter blitzt die Radikalität im Film auch auf, die meiste Zeit aber werden genau jene Figuren, auf die es ankommt, kaum herausgefordert. Ans Eingemachte geht es nie, der Papa wird alles schon richten. Veni Vidi Vici erlangt dabei keine Tiefe, schon gar nicht, wenn es kaum etwas gibt, wodurch das Biotop kippen könnte. Die Energie des Hasses auf die Reichen verpufft, am Ende bleibt die Resignation.

Veni Vidi Vici (2024)

Speak No Evil (2024)

SPIESSER AM HAKEN

7/10


speaknoevil© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: JAMES WATKINS

DREHBUCH: JAMES WATKINS, NACH DEM FILM VON CHRISTIAN TAFDRUP

CAST: JAMES MCAVOY, MACKENZIE DAVIS, SCOOT MCNAIRY, AISLING FRANCIOSI, ALIX WEST LEFLER, DAN HOUGH U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Das dänische Original, so habe ich vielerorts nachgelesen, wäre mir womöglich im Magen gelegen. Den Erwartungshaltungen des europäischen Publikums (nicht des amerikanischen, denn dieses mag weder Untertitel noch Synchro) zuwiderlaufend, gab es unter der Regie von Christian Tafdrup erstens keine halben Sachen und zweitens stand dem dänischen Horrorthriller aus dem Jahr 2022 wirklich nicht im Sinn, seine verklemmte Spießbürgerfamilie, von vorne bis hinten geplagt von der eigenen Unzufriedenheit, einer sonst wie gearteten Gunst zuzuführen. Das bittere Ende mag heftig gewesen sein – im US-amerikanischen Remake besteht allerdings noch die Hoffnung auf die moralische Lösung eines Dilemmas zwischen familienraubenden Psychopathen und denen, die einfach nur alles richtig machen wollen. Diese Hoffnung macht den neuen Speak No Evil erträglicher. Und man verspürt auch viel mehr Lust dabei, sich bereits zu Beginn in diesen bedrohlich aufgeheizten und durch irritierende Vibes aufgeladenen Mikrokosmos einer miteinander abhängenden Bekanntschaft hineinfallen zu lassen, als wäre man selbst ein geladener Gast. Und schließlich fragt man sich selbst bei jedem noch so gearteten pikanten Moment der unterwanderten Erwartungen, welche Ideen man wohl selber gehabt hätte, heranbahnende Konflikte wie diese zu lösen und vor allem – welchen Mut, um die Scheuklappen der kulturell angelernten Diplomatie abzulegen und aus dem Korsett der anerzogenen Höflichkeiten auszubrechen. Ein klares Nein hätte mancherorts wohl genügt – jedoch nicht bei Leuten, deren Reaktion darauf niemand einschätzen kann. Diese Unberechenbarkeit der anderen ist dann auch die lange, glühende Zündschnur einer Art Spannungskino, das nicht irgendwo in alltagsfernen Gefilden herumstochert, sondern genau dort, wo wir uns alle wiederfinden und womit wir uns, wenn wir gesellschaftlich interagieren, um sozial kompetent zu bleiben, manchmal viel zu sehr anstrengen müssen. Da sehnt man sich meist auch nach jenem Moment, an welchem endlich wieder die hauseigene Couch innerhalb der eigenen vier Wände dazu einlädt, zur unbekümmerten Ehrlichkeit zurückzukehren.

Doch diesen Moment des Durchatmens erreicht die Familie Dalton leider nicht. Oder nicht ganz so schnell. Denn während eines Urlaubs in der Toskana machen die drei – Vater, Mutter, Tochter – die Bekanntschaft mit dem deutlich freigeistigeren Paddy, dessen Frau Ciara (Aisling Franciosi) und dem kleinen Ant, der aufgrund einer Zungenfehlstellung nicht sprechen kann. Deren unorthodoxes Verhalten scheint anfangs ganz erfrischend zu sein. Nach der sonnigen Auszeit nehmen die Daltons das Angebot an, auf dem englischen Hof der drei Sonderlinge ein Wochenende zu verbringen. Dort, in der Isolation und klar nicht im Heimvorteil, müssen Louise (Mackenzie Davis) und Ben (Scott McNeary) tief in der Trickkiste der höfliche Diplomatie wühlen, um vor allem den sensorisch eher plumpen, extrovertierten Paddy nicht zu verärgern. Die Feigheit vor der Konfrontation erschwert dann auch die Bedingungen, und so gelingt die Nacht- und Nebelaktion eines frühzeitigen Aufbruchs auch nicht so recht, wenn das geliebte Stofftier der Tochter fehlt.

Die Situation spitzt sich zu, Speak No Evil eskaliert. James Watkins, der mit Eden Lake, einem grimmigen Survival-Schocker, die Thematik von John Boormans Rednex-Horror Beim Sterben ist jeder der Erste nochmal potenziert hat, ordnet, anders als die Dänen, die Chancen und Kompetenzen etwas anders an. Für ein US-Amerika, in welchem das Gute schwerlich nicht gewinnen kann, mausert sich ein garstiger und auf Zug inszenierter Thriller zum expliziten Spiel der Kräfte. Das Dämonische bricht aus James McAvoy heraus, manchmal wirkt er so, als sei er Jack Nicholson in Shining. Sein Spiel ist brillant, seine mimischen Nuancen, die er bereits im Vorfeld setzt, lassen Ungutes erahnen. Was Watkins dabei sehr gut gelingt: Er zögert den Moment, an welchem sich alles entlädt, behutsam hinaus und dreht die Spannungsschraube so unmerklich an, als wäre man ein Frosch im heißen Wasser, das langsam zum Köcheln gebracht wird. Gerne lässt man sich an diesen Tisch mitten im Garten bitten, um zu beobachten, wie sehr die Dinge aus dem Ruder laufen können. Die Psychologie spielt dabei eine große Rolle, das Verhalten der Daltons ist keines, über das man sich wundert. Anders als bei vielen anderen Genrefilmen ist das menschliche Verhalten durch die Bank ein nachvollziehbares, die brenzligen Situationen greifbar umschifft, bis gar nichts mehr geht. Dank dieses wachen Bewusstseins, was Aktion und Reaktion betrifft, entwickelt sich Speak No Evil zu einer überzeugenden Antithese zu Bekanntenkreis und sozialer Verpflichtung. Lieber Kernfamilie als mit Leuten abhängen, denen man nicht die Meinung sagen will. Aus welchem Gründen auch immer.

Speak No Evil (2024)

Joker: Folie à Deux (2024)

WER ZULETZT LACHT

7,5/10


joker2© 2022 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: TODD PHILLIPS

DREHBUCH: TODD PHILLIPS, SCOTT SILVER

CAST: JOAQUIN PHOENIX, LADY GAGA, BRENDAN GLEESON, CATHERINE KEENER, ZAZIE BEETZ, HARRY LAWTEY, STEVE COOGAN, LEIGH GILL, SHARON WASHINGTON, JACOB LOFLAND, BILL SMITROVICH, KEN LEUNG, CONNOR STORRIE U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Wo ist Batman, wenn man ihn braucht? Wo diese gebrochenen, aber idealistischen Recken und Helden, die für eine bessere Welt eintreten wollen? Wie wir bereits aus Joker wissen: Zu diesem Zeitpunkt, als der anarchistische Clown namens Arthur Fleck seinen Stufentanz vollführt, ist Bruce Wayne gerade mal noch ein Dreikäsehoch. Irgendwie passt da chronologisch einiges nicht zusammen. Doch das hat einen Grund. Einen sehr driftigen, erhellenden, so ziemlich aus der Bahn werfenden. Dieses Gotham der Frühzeit ist die prähistorische DC-Epoche ohne Metawelten, Glamour und fantastischer Mutationen. Todd Phillips weiß, wie er diese fiktive Welt erden muss, damit sie ernst genommen wird. Im weiteren Sinne hat dies auch Matt Reeves so gehandhabt. Sein Batman mit Robert Pattinson und Colin Farrell als Pinguin, der weit jenseits eines Danny De Vito keine fliegenden Frackträger im Sinn hat wie einst bei Tim Burton, feiert den Realismus. Doch auch dann ist diese Batman-Welt kein Umstand, mit welchem sich Phillips beschäftigt. Er schafft es, diese mächtige Begrifflichkeit „Joker“ als Gesinnungszustand aus seinem Kontext zu lösen.

Im Film von 2019 war der Joker Ausdruck eines unterdrückten Traumas, mit allen bitteren Konsequenzen und allem Frust, wofür ein Individuum wie Arthur Fleck letztlich die Gewalt als Ventil gewählt hat. Eine One-Man-Show ist das geworden, Joaquin Phoenix bekam völlig zurecht, wie jeder weiß, dafür seinen Oscar. Auch wenn man damals schon so seine Vermutungen im Kopf hatte, was es mit dieser Interpretation denn noch auf sich haben könnte – gerade durch Joker: Folie à Deux erreicht das Psychogramm einer kaputten Seele, die wohl darum gebettelt hätte, als schizophren diagnostiziert zu werden, eine Metaebene, auf welcher sich die Idee eines launigen Anarchisten, der das System zu Fall bringen kann, völlig verselbstständigt. Es stellt sich dabei die Frage: Ist Arthur Fleck der Joker, oder ist der Joker Arthur Fleck? Was oder wer war zuerst da? Wofür steht diese Idee und wie sehr lässt sie sich von diesem Menschen trennen, der seit zwei Jahren hinter Arkhams Mauern sitzt? Die Idee des Joker erhält ihren Vorwärtsdrall durch das Auftauchen einer legendären Gespielin – von Harley Quinn, längst schon kongenial verkörpert durch Margot Robbie, die das Plakative des Charakters treffend skizziert hat. Lady Gaga ist anders, Lady Gaga offenbart erstmals das Ungeschminkte hinter dem Wahnsinn, und wir stellen fest: dieser reicht lediglich zum Imitat. All die Songs, die in Joker: Folie à Deux zum Besten gegeben werden, verstärken nur noch den Charakter einer Show, die nur Fassade ist für etwas ganz anderes.

Dass dieses fast schon als Epilog zu verstehende Filmexperiment einem an bewährtem Content interessierten Publikum mitunter sauer aufstößt, ist ein Umstand, den Phillips akzeptiert. Denn seine Vision ist eine Versuchsanordnung, die als filmisches Essay betrachtet werden kann – als eine ungefällige Abhandlung, die das Gefälle zwischen Mensch und Kunstfigur sehr stark und fast schon katharisch in den Fokus nimmt. Das lässt sich nur machen, wenn der Plot selbst auf das Wesentliche reduziert bleibt: Wir haben Arkham, wir haben den Gerichtssaal, wie haben die Träume eines gepeinigten, abgemagerten Häftlings, eines gebrochenen Bajazzo. Belebt wird seine Kunstfigur durch Harley oder Ley, die den berühmt-berüchtigte Fünffachmörder wieder auf die Beine hilft, um das bevorstehende Erbe von Batmans großer Nemesis anzunehmen. Doch Phillips hat seine eigenen Visionen, schenkt Arthur Fleck seine eigene Bedeutung, lässt sein Publikum dumm dastehen und steht zu seiner Conclusio.

Ähnlich wie bei Kill Bill ergänzen und bereichern sich beide Filme auch hier. Im Gegensatz zu Joker aus 2019 ist dieses weitergesponnene Spiel mit Identität und Gesellschaft nicht ganz so perfekt. Joker: Folie à Deux gibt sich weitaus zurückhaltender, versponnener und darf auch Längen verbuchen, in denen man sich fragt, ob diese Momentaufnahmen einer verheißungsvollen Begegnung zweier Kultfiguren irgendwann noch mehr versprichen als nur das Vorhaben, etwas Großes zu errichten. Oft tritt sein Film auf der Stelle, die Gesangseinagen bewegen die Geschichte kaum voran. Phoenix kann schauspielern, aber nicht singen, es bleibt ein Krächzen neben dem verrauchten Hauchen einer Lady Gaga, die auch schon mal besser war. Und dennoch ist es Schauspielkino auf höchster Stufe, schafft Phillips ikonische Bilder und epische Düsternis, dieses Krächzen passt da ganz gut hinein. Etwas kürzer hätte nicht geschadet, wäre auch gar nicht aufgefallen, denn manches wiederholt sich. Am Ende aber legt der Film seine Karten auf den Tisch – mit einem Knall, einem Getöse, einem unvergesslichen Schlussakt. Und siehe da: Das Blatt enthält nur Joker.

Joker: Folie à Deux (2024)

Der wilde Roboter (2024)

AUF NÄCHSTENLIEBE PROGRAMMIERT

6/10


derwilderoboter© 2024 DreamWorks


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: CHRIS SANDERS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): LUPITA NYONG’O, PEDRO PASCAL, CATHERINE O’HARA, BILL NIGHY, STEPHANIE HSU, KIT CONNOR, ALEXANDRA NOVELLE, MATT BERRY, VING RHAMES U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (SYNCHRO): JUDITH RAKERS, AXEL MALZACHER, MADELEINE STOLZE, SEBASTIAN FITZNER, JOACHIM TENNSTEDT, ALICE BAUER, HANNS-JÖRG KRUMPHOLZ, BERND EGGER, JAN:MARTEN BLOCK U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Alles beginnt fast so wie in Robert Zemeckis Robinsonade Castaway: Durch ein Unwetter gelangt die Fracht eines verunglückten Transportschiffs an die unbewohnte Küste einer Insel. In den Kisten verpackt: Behende Haushaltsroboter für den guten Zweck, dafür programmiert, Aufgaben anzunehmen und diese auch auszuführen – wenn es denn jemanden gäbe, der diese Maschinen auch einsetzt. An diesem paradiesischen Ort, an welchem die Natur in Hülle und Fülle gedeiht, scheint ein Roboter anfangs so ziemlich fehl am Platz. Die Einheit Rozim 7134, kurz Roz, welche durch die unverhohlene Neugier einer Fischotterfamilie aktiviert wird, begegnet, als er durch den Wald streift, einer scheuen, verängstigten und aggressiven Fauna. Einem Wesen wie Roz ist hier noch niemand begegnet, und es scheint, als wären künstliche Intelligenzen wie diese inmitten eines intakten Ökosystems aus Fressen und Gefressenwerden, inmitten harscher Jahreszeiten und wenig Nächstenliebe, völlig fehl am Platz. Wäre da nicht ein verwaistes Gänseküken, für dessen Wohlbefinden die empathische, Behelfsroboterdame nun endlich eine Agenda hat. Ihr Ziel: Den rotschopfigen Vogel in die große weite Welt hinauszuschicken, oder ihn zumindest dafür fit zu bekommen. Unterstützung hierfür bekommt er dabei nicht mal von seinen Artgenossen, lediglich der Fuchs Fink, den auch kein anderer will, wird zu einem guten Freund. Anfangs eigennützig, doch dann zunehmend altruistisch.

Das Gefühl, sich um andere zu kümmern, die weniger resilient und deutlich vulnerabler als andere Individuen sind, wird in Der wilde Roboter zum ritterlichen Ehrenkodex, zum beharrlichen Projekt – anfangs aus Pflicht, dann nur mehr aus Liebe. Chris Sanders (u. a. Drachenzähmen leicht gemacht) sendet wichtige Botschaften aus, in denen das friedliche Miteinander zum obersten Gebot wird, verabschiedet sich dabei aber von einer unerbittlichen Natur, die Leben, Überleben und Tod als notwendigen und völlig wertfreien Zyklus versteht. Ein Idealismus setzt ein, der unter Menschen vielleicht genauso funktionieren würde, jedoch nicht unter Tieren der unterschiedlichsten Spezies. Das ist ein wiederkehrendes Dilemma bei Tierfabeln dieser Art, die von vegetarischen Löwen erzählen oder in denen Fische als minderwertige Lebewesen angesehen werden, nur weil sie vielleicht Schuppen statt Fell besitzen. Anfangs reißt Sanders Krähen noch den Kopf ab (eine für kleine Kinder irritierende Szene) oder zerlegt stieläugige Krabben, im weiteren Verlauf entfernt sich der Film aber zusehends von diesem natürlichen Verständnis. Man könnte sich fragen, ob das angestrebte Miteinander nicht die eigene Natur verrät? Versucht man, nicht zuviel in den Film hineinzuinterpretieren oder ihn gar zu analysieren – was bei Filmen dieser Art vielleicht gar nicht erbeten wird – genießt man zumindest ein farbintensives Animationsspektakel mit dem Herzen am rechten Fleck und dem Streben nach Versöhnung zwischen Fortschritt, Technik und Natur.

Wodurch man allerdings merkt, dass Sanders sich nicht damit begnügen will, nur ein Gleichnis über Nächstenliebe und Zusammenhalt auf den Punkt zu bringen, und zwar auf eine Weise, die für alle Altersklassen leicht verständlich scheint, die Älteren aber vielleicht etwas unterfordert, ist, sich auch dem Spektakel zu bedienen. So gesehen hat Der wilde Roboter, der so sein hätte können wie eine Variation von Selma Lagerlöfs impressionistischem Epos Nils Holgersson, drei mögliche Enden. Sanders nutzt aber keines davon und auch nicht jenes, womit er vielleicht nahe am Meisterwerk wäre. Letztlich gibt er sich einem Showdown hin, der fast schon an Overkill grenzt und der mitnichten notwendig gewesen wäre, um diese Geschichte auszuerzählen. Womöglich mag Dreamworks daran schuld sein, womöglich hätte Saunders gar viel früher seine Fabel beendet, doch Action muss sein, aus Angst, ein durch Social Media überreiztes Publikum vielleicht zu langweilen. Das wäre, mit Verlaub, niemals passiert. Dafür ist vieles in diesem Familienfilm viel zu liebevoll gestaltet, um auch ohne Rambazamba den Tieren, dem Roboter und jenen, die den Film sehen, Mitgefühl und Wärme entgegenzubringen.

Der wilde Roboter (2024)

Megalopolis (2024)

WIE IM ALTEN ROM

5/10


megalopolis© 2024 Constantin Film


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: FRANCIS FORD COPPOLA

CAST: ADAM DRIVER, NATHALIE EMMANUEL, GIANCARLO ESPOSITO, AUBREY PLAZA, SHIA LABEOUF, JON VOIGHT, LAURENCE FISHBURNE, KATHRYN HUNTER, DUSTIN HOFFMAN, TALIA SHIRE, JASON SCHWARTZMAN, GRACE VANDERWAAL, JAMES REMAR, BALTHAZAR GETTY U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Imperien widerfährt doch letztlich immer das gleiche: Sie erstarken, sie expandieren, sie brechen zusammen, und zwar meist von innen heraus. Wie Imperien funktionieren, was sie zersetzt und welches Verfallsdatum sie haben, vorausgesetzt, sie haben überhaupt ein solches – dafür scheint sich Regie-Veteran Francis Ford Coppola nicht zu interessieren. Sein Imperium beschränkt sich auf eine Millionenstadt, die sich nicht mehr New York, sondern New Rome nennt. Was darüber hinaus passiert, welche bilateralen Beziehungen vorherrschen und ob es überhaupt Kriege gibt – darüber werden wir in Megalopolis nie etwas erfahren. Denn Coppolas selbst finanziertes Alterswerk und spätes Opus Magnum ist der ambitionierte und zugleich auch sorgenvolle Blick auf eine urbane Besonderheit, auf den Big Apple nämlich, der steht und fällt mit den Ambitionen weniger. Eine administrative Oligarchie herrscht hier vor, in dieser unbestimmten Zukunft. New York wird zum isolierten Raumschiff, welches sich durch die Jahrhunderte bewegt. New York als Elysium und Traumgestalt, voll und ganz aufgegangen in den Hoffnungen und Ängsten eines Mannes, dem Filme wie Apocalypse Now passiert sind und der Dank des komplexen Stoffes von Mario Puzo seine Paten-Triumphe feiern konnte. Doch so wenig sich auch die künstlerische Qualität dieser Filme steuern ließ, so wenig lässt sich ein großer Wurf erzwingen. Megalopolis ist oder war eine Vision, die unbedingt in irgendeiner Form realisiert werden musste. Mit so einem Wulst an Ideen und Bildern im Kopf lässt sich keine Ruhe finden. Da Coppola aber eben kein Schriftsteller oder Bildhauer, sondern ein Filmemacher ist, musste das ganze Konglomerat an Figuren auf Zelluloid gebannt werden. Wie gut oder wie schlecht das Ganze dabei werden könnte, muss für Coppola zweitrangig gewesen sein. Wie das so ist bei Herzensprojekten wie diesem: allein die Tatsache, dass Megalopolis als künstlerisches Themenprojekt keine merkantilen Ambitionen verfolgt, sondern allein dadurch, dass es dem Koloss von Rhodos gleich auf die Beine gestellt werden konnte, ist genau jener Erfolg, den zu erreichen sich Coppola gewünscht hat.

Und hier ist das Werk. Ein Film, der manchmal so wirkt, als wäre er auch nur passiert, jedoch unter weniger prekären Umständen wie Coppolas Kriegsfilm aus den Siebzigern. Megalopolis mutet an wie eine Oper: Satte Ausstattung, überzeichnetes Licht, üppige Kostüme und die schwülstige Interessenspolitik wie seinerzeit am Forum Romanum, gesättigt mit Dekadenz, Intrigen und Liebeleien. Wie bei einer Oper zieht das Libretto den Kürzeren. Und obwohl es den Anschein hat, als hätte Coppola etwas geheimnisvoll Komplexes entworfen, hängt sein Epos letztlich an einem dünnen Inhaltsfaden, der immer wieder ordentlich durchhängt. An ihm hangelt sich einer wie Adam Driver entlang, der den Architekten Cäsar Catilina gibt – ein elitärer Visionär, der das versiffte und verkommene New Rome städtebaulich gerne etwas aufbrezeln würde. Bürgermeister Cicero will davon aber nichts wissen. Für ihn soll die Stadt so bleiben wie sie war. Tradition ist besser als Moderne. Veränderung brächte vielleicht den prognostizierten Fall aus schwindenden Höhen, wie das bei Imperien meist so passiert. Oder ist es gar umgekehrt? In dieses recht eindimensionale Duell mischen sich Ciceros Tochter Julia (Nathalie Emmanuelle) und Catilinas Cousin Clodio (wieder mal exaltiert: Shia LaBeouf). Catilinas Onkel Hamilton Crassus (Jon Voight) verbandelt sich dabei mit Catilinas Ex, der Journalistin Wow Platinum (Aubrey Plaza), die plötzlich Zugang zum Bankenimperium ihres deutlich älteren Ehemanns bekommt. Das Begehren und die Interessen aller lodern vor sich hin, ohne ein großes Feuer zu entfachen. Es ist, als würde man die Boulevardpresse der Zukunft lesen, vielleicht mit einigen infrastrukturellen Kleinschlagzeilen, die vom störrischen Idealbild einer besseren Welt berichten. Das Ensemble weiß dabei oft selbst nicht, was genau von ihm verlangt wird.

Auch wenn Coppola allen seinen kaum greifbaren Figuren römische Namen gibt, sie entsprechend antik kleidet, ins Kolosseum einlädt und die Inserts seiner Kapitel in Marmor meißelt wie seinerzeit bei den alten Cinecittà-Schinken. Auch wenn Coppola immer mal wieder Fellini zitiert und auch seine eigene Handschrift erkennen lässt, die sich schon in seiner Dracula-Interpretation findet – Megalopolis ist das oft bewegungslose Statement eines versessenen Künstlers, das lediglich als kitschiges, aber immerhin humanistisches Manifest funktioniert, wenn es um die Agenda geht, Imperien nicht sterben zu lassen. So sollen auch die Vereinigten Staaten als ein solches nicht zwingend ihrer politischen Entropie unterworfen sein. Diese Conclusio lässt sich zwar transportieren, doch was Coppola vermeidet, ist die Konfrontation. Seine Konflikte werden nie ausgetragen, das große Kino lässt auf sich warten.

Megalopolis (2024)

Plastic Guns (2024)

DIE FALSCHE FÄHRTE DES KILLERS

4,5/10


Plastic Guns© 2024 A-One


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: JEAN-CHRISTOPHE MEURISSE

CAST: ANTHONY PALIOTTI, LAURENT STOCKER, GAÉTAN PEAU, CHARLOTTE LAEMMEL, DELPHINE BARIL, VINCENT DEDIENNE, ANNE-LISE HEIMBURGER, JUANA ACOSTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Nicht nur Quentin Tarantino hat versucht, einen der wohl berüchtigsten True Crime-Fälle aller Zeiten so zu lösen, damit der Schaden die Schuldigen trifft. Der Sektenmord an Sharon Tate durch die Manson-Familie hat in Once Upon a Time … in Hollywood weniger fatale Folgen für Roman Polanskis Ehefrau als in der tatsächlichen Kriminalgeschichte. Schön wäre es gewesen, wäre es tatsächlich so ausgegangen. Doch im Kino ist es immerhin möglich, die Realität neu zu erfinden.

Genau das versucht auch der Filmemacher Jean-Christophe Meurisse (u. a. Blutige Orangen) mit seiner grotesk-humorigen Psychopathen-Hommage Plastic Guns, die nicht nur auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest, sondern auch beim Slash Filmfestival in Wien auf der großen Leinwand zu sehen war. Meurisse lässt sich darin von einer sogenannten Unsolved Mystery inspirieren – vom Fall des Familienmörder Xavier Pierre Marie Dupont de Ligonnès, dessen Verbrechen man auf Netflix im Rahmen eines True Crime-Formats nachsehen kann. Nur soviel: Im April 2011 fand man im Garten eines Hauses im französischen Nantes die vergrabenen Leichen einer Frau, vier Kindern und zwei Hunden. Auf dem Gewissen hat Dupont de Ligonnès sie allesamt. Das Ernüchternde und daher auch Unbefriedigende im Rahmen der Ermittlungen: der Mörder, einige Tage später untergetaucht, wurde bis heute nicht gefunden.

Ein ähnlicher Fall trägt sich in Plastic Guns zu. Detektiv Zavatta allerdings scheint dem Verbrecher Paul Bernardin (Laurent Stocker) auf den Fersen zu sein und weiß genau, dass dieser einen Flug nach Kopenhagen nehmen wird, um seine Spuren zu verwischen. Die dänische Exekutive wird in Alarmbereitschaft versetzt – und prompt wird besagter Passagier beim Verlassen des Flugzeuges aufgegriffen, während sich der siegessichere Kommissar gleich mal einen Urlaub in Argentinien gönnt. Der Mann allerdings, der verhaftet wird und überhaupt nicht Paul Bernardin heisst, muss sich qualvollen Verhören unterziehen. Dass dieser nur nach Kopenhagen kam, um seinem Showbiz nachzugehen, glaubt niemand. Psychopathen aus der Reserve zu locken – dafür braucht es Psychopathen. Und so hat selbst die französische und dänische Polizei Individuen am Start, mit denen man sich tunlichst nicht anlegen will. Dasselbe gilt für zwei Investigativjournalistinnen, die aus Spaß an der Freude an den Tatort zurückkehren, um etwaige Hinweise dafür zu finden, wo der Mörder abgeblieben sein kann. Dass es sich um den in Kopenhagen Verhafteten nicht um Bernardin handeln könnte – das wollen die beiden, die sich zusehends in ihren Recherchen verpeilen, genauso wenig wahrhaben wie alle anderen.

Als phantastischer oder Horrorfilm geht Plastic Guns – der Titel sinnbildlich für die Uneinschätzbarkeit des Gefährlichen – nur bedingt bis gar nicht durch. Anfangs gelingt Meurisse das Kunststück, einen Film um eine schreckliche Bluttat und der darauffolgenden Killerhatz so komödiantisch wie möglich zu gestalten, ohne dabei in Geschmacklosigkeiten abzugleiten. Dass dieser Hybrid aus Thriller, Situationskomik und galliger Satire so gut funktioniert, liegt an den kernigen Dialogen und dem wilden Spiel so manchen Charakters – insbesondere an Schauspieler Gaétan Peau, der das zum Handkuss kommende Unschuldslamm in einer Mischung aus peinlicher Verzweiflung, Wut und Rechtschaffenheit stilsicher verkörpert. Auch so manch andere Nebenrolle steigert sich in ein Crescendo, das sich an bühnentauglicher Kleinkunst orientiert. Skurrile Momente sichern sich die Stärken der französischen Burleske, was beinahe schon in Richtung der Filme von Claude Zidi oder Jean Girault geht, in denen Louis de Funès den cholerischen Bohemien oder moralinsauren Polizisten gibt. Und dann ist da aber noch etwas anderes – eine Komponente, die nicht ins System passt. Mit denen Meurisse zu viel wagt und dabei nicht gewinnt.

Die Frage ist: Darf man sich auf Kosten eines derartigen Mordfalls amüsieren? Vielleicht eine Zeit lang, doch nicht bis zum Ende. Denn dann will Plastic Guns den Zuseher aus seiner Komfortzone holen. Er tut dies scheinbar mutwillig und ohne Notwendigkeit. Dass in jeder der Figuren etwas Psychopathisches steckt, lässt Meurisse sein Publikum auf derart derbe Art wissen, dass er dabei die Chancen für einen smarten Schlussakt verspielt. Das groteske Spektakel einer mit politischen Seitenhieben ausgestatteten Verwechslungskomödie nicht mit einem dramaturgischen Shootout zu beenden, scheint beinahe fahrlässig. Stattdessen verpufft das Werk nach einigen Gewaltspitzen in ungerechtfertigtem Nichtssagen. Das mag zwar niemand erwartet haben, doch der Faktor des Unerwarteten hat in Plastic Guns ordentlich Ladehemmung.  Schade drum.

Plastic Guns (2024)

Handling the Undead (2024)

AUCH ZOMBIES SIND FAMILIE

5/10


Handling the Undead© 2024 TrustNordisk


LAND / JAHR: SCHWEDEN, NORWEGEN, GRIECHENLAND 2024

REGIE: THEA HVISTENDAHL

DREHBUCH: THEA HVISTENDAHL & JOHN AJVIDE LINDQVIST, NACH DESSEN ROMAN

CAST: RENATE REINSVE, ANDERS DANIELSEN LIE, BJØRN SUNDQUIST, BENTE BØRSUM, BAHARS PARS, OLGA DAMANI, KIAN HANSEN, JAN HRYNKIEWICZ, INESA DAUKSTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Nicht genug, dass durch irgendein metaphysisches Ereignis Norwegens Bevölkerung aus anderen Epochen plötzlich in der Gegenwart aufschlagen – so gesehen in der wirklich sehenswerten Miniserie Beforeigners, die schon 2 Staffeln zählt. Jetzt bringt ein anderes, nicht näher erläutertes und deshalb auch höchst dubioses Ereignis den Stromkreislauf des Landes zum Versiegen, währenddessen die kosmische Energie dafür verwendet wird, all die kürzlich Verstorbenen von ihrer letzten Ruhestätte zu vertreiben. Wer, wenn nicht John Ayvide Lindqvist, der für die Vorlage von Filmen wie So finster die Nacht oder Border sein Copyright hochhält, kann sich dieses Szenario ausgedacht haben. Eines, das auf den ersten Blick so wirkt, als hätten wir es mit einer schnöden Untotengeschichte zu tun. Bei Lindqvist gibt es da meist dieses Mehr an gesellschaftspolitischer Komplexität, er verortet seine fantastischen Komponenten stets in einem äußerst realen, gegenwärtigen und greifbaren Umfeld. Bei Lindquvist kann das Paranormale einen jeden treffen, weil diese Faktoren längst in unserem Alltagsleben inhärent sind.

Bei Handling the Undead sind die Toten immer noch jene, die zu den Familien der Trauernden gehören. Ihre Verwesung ist noch nicht so weit fortgeschritten, um sie als Monster zu deklarieren. Ihr Verstand verharrt zwar in einer somnambulen Stasis, doch das letzte bisschen Erinnerung und Persönlichkeit mag da noch an die Oberfläche gelangen wollen, um zumindest noch das ehemalige Zuhause zu erkennen, in welches die Schatten ihres früheren Selbst wie selbstverständlich reinschneien. Auf den ersten Blick freut das natürlich jene, die sich längst von ihren Liebsten verabschiedet haben. Hier nochmal mit einem zwar wortkargen, aber physischen Dacapo getröstet zu werden, mag die Tatsache einer völlig anderen Wesensart eines Zombies zumindest temporär verdrängen – alsbald schon liegen die Defizite zur früheren Person klar auf dem Tisch. Was also tun mit den lieben Verwandten, wenn sie durch ausgeprägt lethargisches Verhalten den Alltag erschweren und sich auch dazu hinreissen lassen, das tun zu müssen, was Untote eben tun: Gewalt anwenden.

Auf dem diesjährigen Sundance Filmfestival mit Handling the Undead debütiert, hat Regisseurin Thea Hvistendahl das vielfach bemühte Zombie-Thema nochmal so weit variiert, dass diese Idee passgenau in die Feiertagsthematik rund um Allerseelen passt. Im Gegensatz zum Tag der Toten in Lateinamerika als kunterbuntes Freudenfest (siehe Pixars Coco – Lebendiger als das Leben) ist dieser Film die depressive Bebilderung eines Jenseitsbesuches, der überhaupt nichts mehr Feierliches, Erhabenes oder Bereicherndes hat. Was da die Lebenden heimsucht, sind leere Hüllen, die als Ersatz der Vermissten nicht lange vorhalten. Genauso wie ihre Zombies hat Hvistendahl allerdings nur wenig Interesse daran, aus ihrem narrativen Minimalismus auszubrechen. Sie wagt oder will es nicht, auf gemeingesellschaftlicher Ebene die heimgesuchte Stadt Oslo im Ausnahmezustand darzustellen, um aus dem paranormalen Phänomen die Diskrepanz zwischen Leben und Tod auszuloten. Sie begnügt sich damit, die Toten atmen zu lassen. Das ist reichlich wenig für eine Anomalie, die eine Menge hergeben könnte, würde Handling the Undead den Fokus nicht nur sehr streng auf drei Einzelschicksale setzen, die untereinander nicht in Berührung kommen, um in fast schon semidokumentarischer Nüchternheit die Grundproblematik fremder Vertrauter zu variieren.

Das Potenzial also ungenutzt, schlurft der Film blutleer, bitterernst und grau seine abendfüllende Spielfilmlänge ab und hätte dabei aber als griffiger Kurzfilm wohl viel eher funktioniert. Wie in Slow Motion spult Hvistendahl ihre Szenen ab, lange Einstellungen wechseln mit überlangen Szenen, der ganze Film ist wie eine ausgedehnte Schweigeminute für Verstorbene, bei der man tunlichst vermeidet, Emotionen zu zeigen. In diese Tristesse kann man sich aber durchaus fallen lassen. Lebt man im Moment selbst nach diesem Modus der Verlangsamung und der Schwermut eines harten Lebens, könnte man von Handling the Undead aufgefangen und verstanden werden. Im Grunde ist die Idee schließlich reizvoll genug, um über Verlust, Trost und die Hürden des Abschieds nachzudenken.

Handling the Undead (2024)

Kryptic (2024)

FINDE DICH SELBST

5,5/10


Kryptic© 2024 XYZ Films

LAND / JAHR: KANADA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: KOURTNEY ROY

DREHBUCH: PAUL BROMLEY

CAST: CHLOE PIRRIE, JEFF GLADSTONE, PAM KEARNS, JASON DELINE, ALI RUSU-TAHIR, JENNA HILL, JANE STANTON, JENNIFER COPPING U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Vorsicht, es könnte eklig werden! Kryptic, das Regiedebüt der Kanadierin Kourtney Roy, steckt toxische Männer in übergroße Vaginas, und nicht nur die: Auch die auf dem Selbstfindungstrip befindliche Kay (Chloe Pirrie, u a. in der SerieHanna zu sehen) dürfte – man weiß es nicht so genau – mit einem pelzigen Ungetüm, einem sogenannten Sooka, nicht nur Geschlechtsverkehr gehabt haben, sondern auch eine auf diversen geistigen Metaebenen liegende Verbindung eingegangen sein. Es ist, als hätte Kay nicht nur die Identität einer dem Bigfoot ähnlichen Kreatur angenommen, sondern auch die Identität jener, auf deren Spuren sie wandelt. Dabei handelt es sich um die bereits längere Zeit verschollene Kryptozoologin Barb Valentine (ebenfalls Chloe Pirrie), die auf der Suche nach dem Kryptid spurlos verschwand.

Dabei hat die junge und sozial recht inkompetente, weil schüchterne Kay nur an einer geführten Wanderung auf den Kryptic Peak teilnehmen wollen, mit nicht viel mehr dahinter, als in die Natur hinauszugehen. Der Guide jedoch bringt mit seiner Erzählung dessen, was sich damals ereignet hat, die junge Frau auf die Idee, sich auf eigene Faust umzusehen. Dabei entdeckt sie Spuren von Valentine – und schließlich auch das Monster. Danach ist – wie bei David Lynch – von einem Moment auf den anderen alles anders. Der Samen fließt (frage nicht!), Kay weiß nicht mehr, wer sie zu sein scheint, und stiefelt nun mit falschem Namen durch British Columbia, wobei sie auf eine schräge Rezeptionistin, kauzige Eremiten und Augenzeugen trifft, die mit dem Sooka schon zu tun hatten. Manche von ihnen verschwinden nach der ersten Begegnung spurlos. Manche outen sich damit, ebenfalls von einer obskuren Macht beseelt zu sein.

Was immer auch in dieser Waldgegend abgeht, es entwickelt sich zu einem obskuren Mindfuck, dem es gelingt, fast so geschickt wie Lynch selbst Zeit und Raum zu einer Möbiusschleife zusammenzuzwirbeln. Es wäre ein durchaus beeindruckend konzipiertes Werk geworden, hätte sich Kourtney Roy nicht zusätzlich bemüßigt gefühlt, das Trauma sexueller Gewalt und den Ekel vor dem Koitus mitsamt den dabei entstehenden Körperflüssigkeiten zu verarbeiten. Der Schleim zieht sich wie eine Schneckenspur durch einen Film, der viel zu bedeutungsschwer ein sonst verspieltes Mystery-Abenteuer vermantscht.  

Schließlich ist die narrative Zeitebene tatsächlich das gelungen Kernstück eines prinzipiell geheimnisvollen, metaphysischen Gespinstes – wie Kourtney Roy den Bogen spannt zu einem Story-Twist, der verblüfft, ist entweder dramaturgischer Zufall oder wirklich präzise durchdacht. Angesichts mangelnder Stilsicherheit und einer derben Üppigkeit, mit welcher die sexuell aufgeladene, peripher besiedelte Waldwildnis sein Publikum verwirrt, vermute ich gar ersteres. Der Knopf bezüglich besagter, ineinander verflochtener Ereignisse und Identitäten wird nicht aufgehen. Und auch wenn: Die Legende des Sooka traut sich zu zaghaft ans Genre des Monsterhorrors heran, der angedeutete radikale Feminismus und der Schrecken der Fleischeslust wirken so befremdend wie die plötzliche Begegnung mit einem Exhibitionisten. Warum nur hätte Roy nicht dem Pfad durch den Wald weiter folgen können, warum ufert ihr Film aus in kaum zweckdienliche Brutalität – es ist, als würde sich die Filmemacherin eine schreckliche Erfahrung von der Leber inszenieren, als würde sie auskotzen, was ihr selbst widerfahren sein mag. Währenddessen schillert die Möbiusschleife wie ein vergessenes Element im Hintergrund herum, um dann doch noch aufgegriffen zu werden. Der Knoten im Hirn löst sich langsam, am Ende mag manches klarer sein, aber längst nicht alles.

Kryptic (2024)