Dream Scenario (2023)

ÜBER NACHT ZUM STAR

7/10


dreamscenraio© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

CAST: NICOLAS CAGE, JULIANNE NICHOLSON, JESSICA CLEMENT, MICHAEL CERA, STAR SLADE, PAULA BOUDREAU, KALEB HORN, LILY BIRD, TIM MEADOWS, LIZ ADJEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In der längst zum popkulturellen Erbe zählenden Fantasy-Serie Buffy – Im Bann der Dämonen gibt es eine Episode, da träumen Sarah Michelle Gellar und ihre Clique jeweils eigene, schicksalsspezifische Träume, die eines gemeinsam haben: Einen Mann, der Käse serviert. Niemals wird aufgeklärt werden, wer das gewesen sein mag, und ungefähr ähnlich wird es wohl der breiten Masse in Kristoffer Borglis reflektierender Satire Dream Scenario ergehen, die, sie wissen nicht warum, plötzlich von einem Mann mit Bart, Glatze und langweiligem Casual Outfit träumen, der, egal wie geartet der jeweilige Traum auch sein mag, in diesen mehr oder weniger zufällig vorbeikommt und nichts tut außer das: einfach die Szenerie ergänzen, vielleicht mit ein paar Worten auf den Lippen, Laub kehrend oder an fremdartigen Pilzen schnuppernd. Kaum jemand – bis auf jene, die Paul Matthews, seines Zeichens Biologieprofessor an der Uni, persönlich kennen – würden jemals herausfinden, was es mit diesem fremden Mann auf sich hat. Und niemand würde sich als Teil einer großen Gemeinschaft ansehen, die dasselbe träumen, gäbe es nicht das Wunder der weltumspannenden Medien, die aus diesem Mysterium schnell einen Hype kreieren. Paul Matthews, Vater zweier Kinder und glücklich verheiratet, wird im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht berühmt. Diese Berühmtheit beginnt im Kleinen. Erst tauschen sich nur ein paar der Leute aus, die Teil dieses Phänomens sind, dann sind es plötzlich mehrere und dann ganz viele und dann, ja dann riechen jene den Braten, die das große Geld scheffeln wollen, sind es nun Zuschauerquoten, Likes oder Produkte, die Paul Matthews dank seiner Bekanntheit gegen gutes Geld bewerben könnte. Er wird zum größten Influencer aller Zeiten, weil er als Pionier eine Bühne betritt, die noch keiner für sich und seine Zwecke erschlossen hat. Mit dem Unterschied: Matthews will das gar nicht, Er tut nichts und wird trotzdem zum Star. Doch wie lange? Und wie sehr kann er beeinflussen, dass der Spuk vorbeigeht? Gar nicht, denn letzten Endes kommt es anders, und schlimmer, als man glauben will.

In Woody Allens zum Schenkelklopfen humoristischem Episodenfilm To Rome with Love widerfährt in einer der kuriosen Geschichten Roberto Benigni ein ähnliches Schicksal: Zuvor noch ein Niemand, der die Anonymität der Großstadt genießt, wird er eines Tages zum wohl begehrtesten Menschen auf Gottes Erden. Warum, weiß keiner. Das genaue Gegenteil bietet die französische Psycho-Dystopie Vincent Must Die. Hier passiert ähnliches, von einem Moment auf den anderen, und besagter Normalbürger muss um sein Leben rennen, egal wo er auftaucht. Hype und Shitstorm, Hofierung und Verbannung: Dream Szenario bringt beides zusammen und beobachtet dabei genau die Eigendynamik, die dabei entsteht, wenn die breite Masse die Macht hat, Personen des öffentlichen Lebens zu dem werden zu lassen, was ihren Befindlichkeiten entspricht, ohne Rücksicht auf Verluste oder kollaterale Schäden, die das Pushen und Schmähen mit sich bringen.

Soziale Anomalien waren für Kristofer Borgli schon Stoff genug für sein bizarres Drama Sick of Myself, welches die Gier nach Aufmerksamkeit zum Thema hatte. In dieser nicht minder klugen Tragikomödie wie Dream Scenario fügt sich eine mit schwachem Selbstwert ausgestattete junge Frau körperliche Schäden zu, um diese als sonderbare Krankheit zu verkaufen und in den Medien bekannt zu werden. Während hier der Drang zum Ruhm pathologische Züge annimmt, ist in Dream Scenario der Ruhm ein ungewollter Zustand, der sich nicht mal kanalisieren lässt, weil von der Masse bestimmt wird, wie er aussehen soll. In dieser Ohnmacht rudert Nicolas Cage haltsuchend mit den Armen, seine Performance ist wohlüberlegt und fern seiner üblichen Manierismen. Er gefällt sich in diesem seinem Stereotyp zuwiderlaufenden Normalo, dabei packt ihn, dem Verlauf der Geschichte entsprechend, auf skurrile Weise die Verzweiflung eines Menschen, der den Meinungen der anderen ausgesetzt ist wie ein Zebra den Raubtieren fern seiner Herde.

Zwischen gespenstischen Traumsequenzen und einer mysteriösen Wirklichkeit, in der das Unerklärliche zum Spiegel der Gesellschaft wird, hebt Dream Scenario am Ende gar an zu einer Science-Fiction-Vision – eine Richtung, die der Film gar nicht nötig gehabt hätte. Die Welt der Träume ist schon Nährboden genug, um Reales mit dem Irrealen einen Ringkampf austragen zu lassen, der klar macht, wie die Welt von der Schwemme an falschen Wahrheiten manipuliert wird. Leidtragender ist nur ein Einzelner, verursacht durch viele, die sich, ihren Impulsen folgend, davor hüten, ihren Opportunismus zu hinterfragen.

Dream Scenario (2023)

Slotherhouse – Ein Faultier zum Fürchten (2023)

STIRB LANGSAM

3,5/10


slotherhouse© 2023 Plaion Pictures


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: MATTHEW GOODHUE

DREHBUCH: BRADLEY FOWLER

CAST: LISA AMBALAVANAR, SYDNEY CRAVEN, ANDREW HORTON, BIANCA BECKLES-ROSE, OLIVIA ROUYRE, TIFF STEVENSON, SUTTER NOLAN, MILICA VRZIC, STEFAN KAPIČIĆ U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Das Killerkaninchen aus Monty Pythons Ritter der Kokosnuss hat es allen vorgemacht: Nur weil etwas süß aussieht, heisst es nicht, dass dieses Etwas auch süße Manieren an den Tag legt. Oder, anders formuliert: Man unterschätze niemals jede noch so erdenkliche Art mehrzelligen Lebens, solange dessen biologischer Steckbrief sich einem nicht zur Gänze erschlossen hat. Im Subgenre des Tierhorrors allerdings gelten nicht mal jene Regeln, nach denen Lebewesen entsprechend einzuschätzen wären. Der Tierhorror, er spielt mit den Anomalien, mit krankhaftem, extremem Verhalten. Macht aus Löwen, Haien oder Affen angriffslustige Geschöpfe. Den Ruf verliert dabei nur der Hai. Dem Löwen selbst kann seit Disneys als musikalisches Shakespearestück aufbereitetem Savannendrama niemand mehr etwas anhaben. Da kann er noch so die Zähne fletschen, wie unlängst, im halbsoliden Beast. Wie steht es aber mit Tieren, denen man nicht im Entferntesten zutrauen würde, dass sie einem Böses wollen? Dem Faultier zum Beispiel?

Was für eine absurde Idee. Das wohl langsamste Säugetier der Welt, fast schon lebendes Gemüse, soll als Aggressor einen ganzen Haufen hysterischer Studentinnen in Angst und Schrecken versetzen? Wem ist bitte schön dieser Unfug eingefallen. Nun, einem wie Bradley Fowler. Zu vermuten wäre, dass, bevor es überhaupt ein Skript gegeben hat, zumindest mal der Titel feststand, der danach klingt, als hätte man bei einem Absacker an der Bar feuchtfröhlich über Tierhorrorfilme schwadroniert und diese dann ins Lächerliche gezogen. Stell dir vor, könnte Fowler gesagt haben, es gäbe einen Slasher mit Faultieren! Allgemeines Gelächter, dann aber der Knüller: Nennen wir den Film doch einfach Slotherhouse! Klingt doch so wie Slaughterhouse! Ein Wortspiel, das alleine schon reicht, damit sich ein Film wie dieser verkauft?

Zugegeben, man wird neugierig. Wie soll so ein Horror überhaupt den gewünschten Adrenalinkick gewähren, wenn mögliche Opfer längst schon die Flucht ergriffen haben, bevor sich die putzige, dauergrinsende Kreatur überhaupt erst einmal anschickt, loszuschlagen. Das geht vorne und hinten kaum zusammen, da müsste es Zugeständnisse hageln, die den biologischen Steckbrief eines Faultiers komplett ad absurdum führen. Gesagt, getan. In Slotherhouse ist das possierliche Freddy-Krüger-Knäuel ein blitzgescheites, aber garstiges Geschöpf, das Laptops bedienen kann und den Führerschein besitzt. Dass genau weiß, was es will und einen durch Rache motivierten Schlachtplan ersinnt, um sich einer ganzen Schar völlig aus dem Häuschen befindlicher Studentinnen ins Jenseits zu befördern.

Ist für diesen Film eine inhaltliche Synopsis notwendig? Meinetwegen. Im Zentrum des überschaubaren Szenarios steht Emily (Lisa Ambalavanar), eine College-Studentin, die sich um die Schirmherrschaft ihrer Studentenverbindung bewirbt, ganz zum Leidwesen ihrer Konkurrentin, die, selbstverliebt, arrogant und falsch wie eine Schlange, siegesgewiss auf Stimmenfang geht. Emily benötigt somit eine Art Wahlkampf-USP, das ihr die entsprechende Aufmerksamkeit bringen soll. Wie wäre es mit einem exotischen Tier, das gleich noch zum Maskottchen der Schwesternschaft werden kann? Da kommt ihr ein zwielichtiger Tierhändler wie gerufen, der ihr ein Faultier anbietet. Eines, dass in den Armen Emilys bald schnurrt wie eine Katze und von allen Mädels geliebt wird. Was diese aber nicht wissen: die schwer unterschätzte haarige Urwald-Lady plant bereits den ersten Mord.

Dass das Verschwinden so mancher Kommilitonin niemandem auffällt und all die Leichen wie vom Erdboden verschwinden; dass das mechatronisch gesteuerte, wie durch Stop-Motion bewegte Faultier von einem Moment auf den anderen an Orten sein kann, die viel zu weit auseinanderliegen: Wen schert’s? Auf relativ plumpe Weise lässt das Wesen, das alles andere zu sein scheint als eben das, was es sein soll, eine Studentin nach der anderen um ihr Leben kreischen. Das ist so an den Faultierhaaren herbeigezogen, so unplausibel und keiner inhärenten Logik folgend, wie es für eine trashige Parodie auf das Tierhorror-Genre natürlich sein darf. Enttäuschender sind also weniger die klaffenden Plot-Holes in diesem Film als vielmehr die unkreative und leider langweilige Ausarbeitung einer Idee, die mit dem Titel Slotherhouse schon seine ganze Innovation verspielt hat.

Slotherhouse – Ein Faultier zum Fürchten (2023)

Talk to Me (2022)

SHAKEHANDS MIT DEN TOTEN

7/10


TalkToMe© 2023 capelight pictures


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2022

REGIE: DANNY & MICHAEL PHILIPPOU

DREHBUCH: BILL HINZMAN, DANNY PHILIPPOU

CAST: SOPHIE WILDE, ALEXANDRA JENSEN, JOE BIRD, OTIS DHANJI, MIRANDA OTTO, ZOE TERAKES, CHRIS ALOSIO, MARCUS JOHNSON, ALEXANDRIA STEFFENSEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Einmal nur einen Blick ins Jenseits erhaschen. Wäre das nicht was? In Flatliners reizte diese Vorstellung eine Gruppe junger Medizinstudenten so sehr, dass sie den Wahnsinn beging, sich selbst sterben zu lassen – um dann wieder reanimiert zu werden. Doch das Diesseits hat Regeln und Grenzen. Man sollte schon mit einer gewissen Endgültigkeit das Zeitliche segnen, um in den Genuss der Wahrheit am anderen Ufer des Styx zu kommen. Der Fährmann Charon fordert nicht umsonst einen Tribut, und wenn dann manche wieder umkehren, um daheim zu prahlen, wie cool das nicht war, das Licht am Ende des Tunnels gesehen zu haben, so ist das fast schon als Missbrauch einer „göttlichen Ordnung“ zu verstehen. Überdies bringt so eine Vermengung der Dimensionen einiges in Unordnung. Nebenwirkungen sind die Folge, Geister lassen sich sehen, Albträume plagen die Probanden.

Auf ähnliche Weise treibt es die Partygesellschaft im vorliegenden australischen Horrorfilm ziemlich bunt. Doch diese jungen Leute hier sind weder Studenten noch streben sie eine noch so geartete wissenschaftliche Erkenntnis an. Für diese Jungs und Mädels ist das Spiel mit der Unterwelt sowas wie Activitiy für die Generation Scheißdrauf. Die auf Social-Media-Kanälen jeden Schwachsinn zum Trend macht und dabei ablacht, als gäbe es kein Morgen mehr. Statt Flaschendrehen heißt es diesmal Händeschütteln, was erstmal nicht so spannend klingt, doch in Wahrheit ist diese Hand, die es zu berühren gilt, eine magische. Genauer gesagt die eines verblichenen Nekromanten, dessen Kräfte aber immer noch in seinen Extremitäten stecken, die man ihm abgenommen hat. Dieser mumifizierte Griffel also steht auf dem Couchtisch im Eigenheim von irgendeinem Young Adult, der das Ganze natürlich filmt und online stellt. Die Challenge ist, diese Hand zu ergreifen und die verheißungsvollen Worte Talk to Me zu rezitieren. Sodann erscheint aus dem Nichts ein Geist, der nicht weiß, wie ihm geschieht, der aber die Möglichkeit in Betracht zieht, wieder mit seiner heißgeliebten Welt zu kommunizieren, die er einst verlassen hat müssen.

Es wäre kein Horrorfilm, würden diese Toten nicht in ihrem ramponierten Letztzustand erscheinen, von Krankheit und Fäulnis gezeichnet oder schwer verletzt. Milchige Augen starren auf den mutigen Diesseitler, der seine Grenzerfahrung noch mit den Worten Ich lass dich rein so weit steigern kann, dass der Tote in den Körper des Lebenden dringt. Es ist, als würde man sich einen nassen Socken mit nur einer Hand anziehen – bei manchen gelingt das leichter, bei manchen wird’s zur Tortur. Auch die junge Mia (Sophia Wilde), deren Mutter an einer Überdosis Schlaftabletten verstorben ist, pfeift auf die Ordnung der Dinge und triggert das Chaos. Jedes Mal ist das Triezen der Toten ein Kick für alle. Es wird gestaunt, gealbert und verarscht. Und irgendwann will auch der kleine Bruder von Mias bester Freundin ran. Dass Kinder wohl eher davon lassen sollen, sagt schon die Vernunft, doch davon besitzen all die Anwesenden nicht viel. Der Trip wird zum Desaster, die Toten finden einen Weg zu bleiben. Es muss nur der lebende Körper sterben, um übernommen zu werden.

Von Social Media für (oder gegen) Social Media und darüber hinaus: Die Brüder Danny und Michael Philippou, die mit ihrem zweifelhaften Youtube-Kanal RackaRacka immer wieder für Aufsehen und Kontroversen sorgen, haben ihren ersten Spielfilm gedreht – und lassen mit ihrem Die-Geister-die- ich-rief-Grusel auch wirklich nichts anbrennen. Wo Flatliners noch eher im Spielfeld der Mystery zu verorten war, spielt Talk to Me die Nihilismus-Karte aus. Dabei ist der Thriller bei weitem nicht nur darauf aus, sein Publikum zu erschrecken und mit blutigen Gewaltspitzen zu verstören. Ihren Film treiben so manche seelische Traumata um, die mit Verlustangst, Trauer und Verantwortung zu tun haben. Gerade letzteres, nicht nur gemünzt auf das digitale Sodom und Gomorrha, auf das wohl jeder noch so grüne, unbedarfte Halbwüchsige Zugriff haben kann, wird zur großen Gretchenfrage in einer Dekade, in der alles gefakt, alles erlaubt und Respekt dem Spaß im Wege steht. Den dahinterstehenden Hedonismus verbindet ein Gefühl des Abfeierns bis zum Weltuntergang, denn der, könnte man meinen, steht kurz bevor. In diesem emotionalen Dunst aus Alkohol, frechen Sprüchen und Selbstmitleid haben die Toten leichtes Spiel. Man könnte nun vermuten, dass die im Jenseits böse sind, doch sie werden getrieben von einem radikalen Eigennutz, der beunruhigt. Immer wieder dringt Talk to Me in eine panikmachende Düsternis vor, die vor allem die Furcht vor einer Sache verbreitet: dem Alleinsein.

Einsamkeit ist hier der wahre Horror. Einsamkeit in vielerlei Gestalt. Entweder, nicht verstanden, nicht gehört oder im Stich gelassen zu werden. Jeder stirbt für sich allein – und bleibt es schließlich auch. Die Isolation im Dies- und Jenseits ist das Entsetzen, weniger die Bilder der gruseligen Toten, die in perfektem Make-up die Lebenden heimsuchen. Dazwischen immer wieder Skizzen eines Psychogramms von Protagonistin Mia, die ihren Trip in oder durch die andere Welt zum Kreuzweg werden lässt. Talk to Me ist somit nichts für schwache Nerven, ein Horrordrama mit Gewicht, aber nicht schwermütig. Stattdessen neugierig, in offenen Wunden bohrend und in den Abgrund blickend. Der blickt bereitwillig zurück.

Talk to Me (2022)

Sonne (2022)

ZEITVERTREIB MIT R.E.M.

5,5/10


sonne© 2022 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2022

BUCH / REGIE: KURDWIN AYUB

PRODUKTION: ULRICH SEIDL

CAST: MELINA BENLI, LAW WALLNER, MAYA WOPIENKA, THOMAS MOMCINOVIC, MARLENE HAUSER, MARGARETHE TIESEL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Hätte Universal Music den Welthit von Michael Stipe und Band nicht mit Freundlichkeit genehmigt, hätte dieses Langfilmdebüt von Kurdwin Ayub wohl den eigentlichen Star des Jugenddramas verloren: Losing My Religion erschallt in sämtlichen Variationen an irgendwelchen Orten in der goldenen Wienerstadt, in welcher Kulturen und Gesinnungen in einer wilden Mixtur und sich gegenseitig duldend koexistieren. Den Song hört man, ausbaufähig interpretiert von drei Maturantinnen, an kurdischen Festen oder aus dem Zimmer von Yesmin – sogar auf einer Hochzeit findet R.E.M.s zeitlose Nummer begeisterten Applaus – obwohl die Lyrics nicht gerade dafür geeignet sind, eine neue Verbindung zu feiern. Genauso wenig ist dieser Song dafür geeignet, wenn eine Muslimin gemeinsam mit ihren beiden Freundinnen, die anderer Konfession sind, sich aber dennoch in den Hidschāb werfen, einfach so zum Spaß einen auf Karaoke ohne Textablesen macht. Gut, es klingt ganz nett, andererseits aber auch wenig kraftvoll. Dafür lässt das bald auf Youtube gepostete Video einige gestalterische Raffinessen sehen – und wird ganz plötzlich zum Hit. Jetzt sind es nicht nur Yesmin, Nati und Bella, die sogar von Yesmins kurdischem Vater bewundert werden, sondern auch viele andere junge Leute, die sich zum Gesang hinreißen lassen – sei es nun im traditionellen Gewand islamischer Kultur oder eben nicht.

Während Yesmin also damit zu kämpfen hat, dass sie von ihren Freundinnen die Einzige ist, die diesen Stoff tagtäglich übers Haupt ziehen muss, geht ihr jüngerer Bruder ganz andere Wege, und zwar jene ohne Ziel und Verstand, die darauf hinauslaufen, dass dieser bald von der Polizei gesucht wird. Tja, und sonst? Sonst bietet Sonne einen ungeschönten, ungeschminkten und sehr direkten Blick auf eine Generation, die das Ende des Alphabets erreicht hat, ihren Platz in der Welt aber nicht definieren, geschweige denn ihre Wünsche und Träume artikulieren kann. In diesem Vakuum der Langeweile, des Sinnsuchens ohne Anhaltspunkte und des Abhängens auf Festivitäten köcheln so einige Impulse vor sich hin, die vielleicht aufgegriffen werden oder auch nicht. Oder gegen stereotypische Verhaltensmuster eingetauscht werden, die wohl eher die Generation Clueless vertreten, wenn Social-Media-Gadgets wie Elfenohren und Broccoli für kurze, aber schnell vergängliche Spaßmomente sorgen, die keine Nachhaltigkeit besitzen.

Kurdwin Ayub, geboren im Irak und in Wien nach der Flucht ihrer Familie aufgewachsen, verdient für ihren ersten Langfilm jedenfalls Respekt. Als selbst verfasstes Zeitportrait zwischen Smartphone-Displays und dem nachdenklichen Blicken von Hauptdarstellerin Melina Benli (von der wir wahrscheinlich noch viel mehr sehen werden, denn die Dame hat Talent) ist es sicher nicht einfach, hier die nötige Balance zu finden, um nicht nur auf Symptom-Ebene einen Zustand abzulichten – mit allerlei Klischees eben, die diese Altersgruppe plakatieren. Unterstützt von Ulrich Seidl, der seit jeher österreichische Befindlichkeiten mit hartem Realismus peitscht, folgt sie dann doch – und leider zu oft – den Empfehlungen des Maestros, anstatt sich davon loszulösen.

Für den eigenen Stil braucht es natürlich Zeit. Mal sehen, wie sie ihren zweiten Spielfilm Mond auslegen wird. In Sonne allerdings tritt die Geschichte auf der Stelle, setzt sich unentschlossen mit der muslimischen Jugendkultur auseinander, ohne tiefer in der Materie zu stochern und begnügt sich am Ende mit banalen Elementen gängiger Mädchenfilme, obwohl so manche – und vor allem eine – Wendung im Film viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte als Ayub ihr letztlich gegeben hat. Abgelenkt vom Schnickschnack diverser Smartphone-Apps, verliert sie den Kern der Geschichte immer mal wieder aus den Augen.

Sonne (2022)

Sick of Myself (2022)

DIE SYMPTOME DER GELTUNGSSUCHT

6/10


sickofmyself© 2023 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: NORWEGEN, SCHWEDEN 2022

BUCH / REGIE: KRISTOFFER BORGLI

CAST: KRISTINE KUJATH THORP, EIRIK SÆTHER, FANNY VAAGER, FREDRIK STENBERG DITLEV-SIMONS, SARAH FRANCESCA BRÆNNE, INGRID VOLLAN, STEINAR KLOUMAN HALLERT, ANDREA BRAEIN HOVIG U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


So mancher und so manchem wird dieses Gefühl vielleicht fremd sein – ich selbst aber kenne das von früher, als ich noch nicht wusste, worum es im Leben eigentlich gehen sollte: Das Gefühl einer selbstwertgefährdenden Niederlage, die daraus resultiert, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Alles dafür getan zu haben, aber doch nicht wichtig genug zu sein. In einer Gesellschaft, in der man den Wert des Menschen eigentlich nur über seine Leistung definiert, und wenn nicht darüber, dann über das Geld, sollte man sich selbst genug sein. Das schützt vor so mancher Schmach oder dem Umstand, dass einem beim Versuch, alle Blicke auf sich zu ziehen, die Puste ausgeht. Andere wollen um jeden Preis – und wirklich um jeden Preis – die Aufmerksamkeit aller. Wollen bewundert, und wenn nicht bewundert, dann bemitleidet werden, weil sie ein Opfer bringen oder Opfer von irgend etwas anderem geworden sind. Das ist schon pathologisch. Und diese Art krankhafte Geltungssucht, die hat nun ein Gesicht. Und zwar ein entstelltes.

In der norwegischen Psychosatire Sick of Myself kommt man aus dem Staunen nicht heraus, wenn klar wird, dass dieser betriebene Exzess zugunsten eines zweifelhaften Ruhms durchaus realistisch sein kann. Im Mittelpunkt – und dieser wird ihr den ganzen Film hindurch nicht genommen – steht eine junge Frau namens Signe, die mit ihrem Freund zusammenlebt, der in der Kunstszene schon zu einigem Renommee gekommen ist. Das schmeckt Signe, die „nur“ in einer Bäckerei arbeitet und sonst kaum Hobbys hat, gar nicht. Auch sie will gesehen, gehört und bewundert werden, so wie ihr Freund. Und sobald sich alles um ihn dreht, findet sie Mittel und Wege, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Das beginnt noch mit kleinen, perfiden Spielereien, wie zum Beispiel dem Vortäuschen einer Lebensmittelallergie. Als das auch nicht mehr zieht, beschafft sie sich auf illegalem Wege obskure russische Medikamente, die bei kontinuierlicher Einnahme zu horrenden körperlichen Schäden führen. Sprich: Der Weg zum Quasimodo ist geebnet, Signe macht sich, wie der Titel schon prophezeit, selbst krank und tut so, als käme diese Pein aus heiterem Himmel. Ihr Gesicht ist vernarbt, der Körper voller Flecken. Der Freundeskreis ist, so wie wir im Publikum, abgestoßen und fasziniert zugleich. Zeigt Mitleid und Bewunderung, wie Signe es meistert, damit umzugehen. Bald schon erscheint ein Artikel in der Zeitung, doch das ist unserer „Patientin“ nicht genug. Sie will noch mehr Aufmerksamkeit. Sie will den Ruhm und die Wichtigkeit, die andere haben, nur nicht sie. Wohin das führt? Zur Frau im Essigkrug.

Die Idee des bei den letztjährigen Cannes Filmfestspielen in der Kategorie Un Certain Regard gezeigten Werks des Autorenfilmers Kristoffer Borgli ist eine, deren filmische Umsetzung recht reizvoll erscheint, ist doch das Thema eines, das den Zeitgeist trifft und das Phänomen Social Media auf seine Grundmotivationen herunterbricht. Die Freakshow um einen Minderwertigkeitskomplex und seine Folgen zieht in seinen Bann, man kann nicht wegschauen, man kann nur verblüfft staunen, wie sehr ein flüchtiger Wert wie Ruhm ein Leben ruinieren kann. Und dennoch ist Sick of Myself etwas einseitig geraten. Wir beobachten Signes selbstkreierten Leidensweg lediglich aus ihrer Sicht, ihr Lebensentwurf ist der einzige, der im Film zur Verfügung steht. Somit sucht die Satire keinen Diskurs, sondern wirkt selbst wie ein Beipackzettel für ein Medikament, dass hochgradig suchtgefährdend ist. Auf die Dauer wird die Chronik der Ereignisse redundant, und nur vereinzelt gibt es erhellende Spitzen. Im ähnlich positionierten Satiredrama Not Okay von Quinn Shephard mit Zoey Deutch als Lügenbaronesse findet der moralische Konflikt viel effizienter statt, während Sick of Myself kaum Wert auf ein Echo legt. In Not Okay gibt eine alternative Weltsicht kontra und lädt zur vehementen Auseinandersetzung mit den Prioritäten des Lebens. Das mag vielleicht gefälliger sein, dafür aber eingängiger. In der norwegischen Groteske allerdings entbehrt die Gesellschaft keine helfende Hand, und auch den Unterschied zwischen Realität und Fiktion muss man erst erlernen, führt die Mixtur aus beiden anfangs zu einiger Konfusion. Später hat man den Dreh raus, nur Signe nicht. Für Erkenntnis bleibt kein Platz, doch immerhin hat der Freak seine Blase gefunden.

Sick of Myself (2022)

Dinner für Acht (2022)

ACHTUNG, FEIND HÖRT MIT!

6,5/10


dinnerfueracht© 2022 Amazing Austria Entertainment


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2022

REGIE: BERNHARD RATKA

BUCH: RUTH C. KOPINITSCH

CAST: KATHARINA SCHEUBA, SAMUEL TEHRANI, YLVA MAJ, ANGELO KONZETT, NINA HAFNER, PATRICK LAUB, IGOR KARBUS, TONY MATZL U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Eine Gruppe Young Adults, die einander kennen und von externen Aggressoren aufgemischt werden – kennen wir. Eine Gruppe Young Adults, die einander kennen und sich selbst aufmischen – das ist fast noch interessanter. Letztes Jahr lief der hochsommerfrische Nobel-Villa-Slasher Bodies Bodies Bodies in unseren Kinos. Besagte Truppe aus attraktiven jungen Frauen und nicht weniger attraktiven jungen Männern feiern eine Poolparty. Je länger der Abend, desto repetitiv die Gestaltung desselbigen. Bei diesem amerikanischen Film hier wählt man zum Ausgleich das titelgebende Gesellschaftsspiel – es gilt herauszufinden, wer der Mörder ist. Klarerweise endet das in einer unglücklichen Verkettung von ungesunden Missverständnissen. Und hebt am Schluss noch ganz keck den moralischen Zeigfinger.

In der österreichischen Version besagten Sommerabends unter Freunden ist ein Gesellschaftsspiel wie dieses vielleicht ein bisschen unterfordernd. In Zeiten devoter KIs, Permanentortung anderer und geschmissenen Haushalten durch verknüpfte Elektronik fällt diesen intellektuellen Kindsköpfen etwas ganz anderes ein, um sich die Zeit zu vertreiben: Sie schalten ihre Handys ein. Nichts neues, könnte man meinen. Wird’s fad, hilft ein Check der Social Media Apps. Doch diese Zerstreuung ist im noblen Zuhause von Sophie und Arian allerdings nicht gemeint. Hier geht die Idee viel tiefer, und zwar noch viel tiefer, als sie bereits ging, als Elyas M’barek, Karoline Herfurth und Florian David Fitz ihre aus dem Smartphone erhaltenen Message-Geheimnisse an die große Glocke hängen mussten. Auch schön grimmig, fast so wie Flaschendrehen. An diesem Dinner made in Austria geht es aber weder um private Geheimnisse noch um Beziehungsstati, sondern um die totale Überwachung: Was also, wenn alle so tun, als plane man einen Terroranschlag – würde jemand mithören? Und wenn ja – würden Antiterroreinheiten bald das Grundstück stürmen? Spannend, das Ganze. Also werden verborgene schauspielerische Talente aus dem Nähkästchen geholt, jeder wettert für sich und so, dass es alle hören können, gegen das korrupte System. Während alle in ihrem Eifer das Experiment des Abends wagen, taucht ein ungebetener, aber nicht unbekannter Gast auf. Seis drum, je später der Abend, desto schöner die Gäste. Dieses Sprichwort muss allerdings erst noch auf Herz und Nieren überprüft werden.

Wer genau mitgezählt hat, wird über die Zahl 7 der anwesenden Gäste nicht hinauskommen. Was hat es also mit den Acht auf sich? Dieser wunderliche Umstand ist nur ein weiterer unter ein paar anderen Rätseln, die in dieser Nacht gelöst werden wollen. Werbefilmer Bernhard Ratka würdigt in seinem ersten Kinofilm die Grundmechanismen des Slasher-Subgenres, ohne dessen Versatzstücke aber weiterzuführen. Der Thriller-Aspekt hängt wie ein Damoklesschwert über alle hier Anwesenden. Das Unbequeme lauert an allen Ecken, der externe Aggressor mag kommen, alle sind bereit. Doch diese Erwartungen erfüllt Ratka nicht. Ein Fehler? Eher ein kluger Schachzug. Statt auf Volldampf das Spannungskino zu zelebrieren, vergnügt sich Dinner für Acht lieber noch ein paar Einstellungen länger, während eines feuchtfröhlichen Tanzabends, bis vielleicht gar die Exekutive auf der Matte steht. Das Risiko ihres Spiels, die potenzielle Straftat für ein mediales Experiment pfeffert den Abend. Die Spannung, bevor sie sich entlädt, das Warten darauf, das etwas geschieht, hält die Gesellschaft alleine schon auf Trab.

Man könnte meinen, dass Dinner für Acht demnach vielleicht zu wenig bietet, und sich auch zu lange ziert, um als kammerspielartiger Thriller durchzugehen. Bodies Bodies Bodies war da schon viel eher am Eingemachten dran. Der Rückzug aber vor dem Plakativen ist eine nette Abwechslung, dank des glücklich gecasteten Ensembles rund um die einnehmende Katharina Scheuba (bitte mehr von ihr!) geht die Rechnung auch auf, wobei die Mystery-Komponente dann doch noch – und fast schon pflichtschuldig – zum Einsatz kommt.

Dinner für Acht (2022)

Do Revenge (2022)

WIE DU MIR, SO ICH DIR

5/10


DO REVENGE© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: JENNIFER KAYTIN ROBINSON

BUCH: JENNIFER KAYTIN ROBINSON, CELESTE BALLARD

CAST: CAMILA MENDES, MAYA HAWKE, RISH SHAH, SOPHIE TURNER, AUSTIN ABRAMS, ELIZA BENNETT, ALISHA BOE, TALIA RYDER, SARAH MICHELLE GELLAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


Sind die Eltern mal berühmte Schauspieler, werden es deren Kinder oft ebenso. Da bräuchte man nur Uma Thurman und Ethan Hawke als Beispiel nehmen, aus dessen Ehe Stranger Things-Star Maya Hawke hervorgegangen war. Da staunt man wieder, wie lange Andrew Niccols SciFi-Streifen Gattaca zurückliegt, denn am Set dieses Films haben sich die beiden kennengelernt. Maya Hawke ist mittlerweile 24 Jahre alt und schon dick im Geschäft. Dank ihres erfrischenden Spiels im Netflix-Knüller rund um düstere Parallelwelten steht ihr eine schillernde Karriere bevor, und der Weg dorthin wird mit mittelprächtigen Werken gepflastert, in welchen sie wie gewohnt ihr strahlendes Lächeln verbreitet, dieses aber nicht die Handlung ganzer Filme pushen kann. Da braucht es schon noch ein knackiges Drehbuch und eine schlüssige Story, die vor allem im Thriller-Genre eine plausible Basis schaffen muss, auf der dann, aufbauend, eine Wendung die andere bedingt.

Die Programm-Virtuosen bei Netflix denken womöglich nicht zweimal nach, wenn ihnen ein Film ins Haus steht, der einen Star aus Stranger Things im Cast hat. Da scheint ganz egal, worum dieser wirklich handelt. Wichtig ist, Publikumslieblingen präsent zu halten. Und ja, natürlich, Maya Hawke zählt zu den Lieblingen der Serie, vor allem auch, weil sie eine queere Funktion übernimmt, und zwar auf eine Weise, die sich nachvollziehen lässt. Auch in Do Revenge ist Hawkes Rolle ähnlich ausgestaltet – sie gibt Eleanor, eine High School-Schülerin, die nicht gerade die Beliebtheitsskala anführt, sondern eher als duckmäuserische Außenseiterin am besten nicht auffallen will. Krasser Gegenpol zu diesem Charakter ist Drea Torres (Camila Mendes) – ein Social Media-Star und It Girl, überall beliebt und bewundert und so authentisch wie billige Weihnachtsbeleuchtung. So ist das, wenn man nur nach außen hin funktioniert – man vergisst zusehends, wer man wirklich ist und welche Werte man vertritt. Jedenfalls sind es unmöglich die, für die man auf sämtlichen Kanälen Werbung macht. Wie auch immer – eines Tages enthüllt ihr Liebhaber ein Sex Tape. Im prüden Amerika ist sowas natürlich Grund genug, die Blamierte schief anzusehen oder ihr die Freundschaft zu kündigen. Geht ja gar nicht. In dieser Not tun sich Eleanor und besagte Drea zusammen, um Rache zu üben. Allerdings auf eine Art, wie wir es in seinen Grundzügen aus dem Hitchcock-Werk Der Fremde im Zug gewohnt sind. Um ungewünschte Emotionen beim Racheschmieden außen vor zu lassen, soll die jeweils andere dem Subjekt des Hasses eines auswischen. Eleanor Dreas Ex-Freund, und Drea jener Kommilitonin, die Eleanor seinerzeit auf einem Feriencamp grausam erniedrigt hat.

In Anbetracht von wohlgesetzter Rache stellt sich mir die Frage: Sollten die zur Rechenschaft Gezogenen nicht wissen, wer ihnen die Suppe versalzt? Normalerweise funktioniert das so: Wenn man Rache übt, denn es geht ja in erster Linie darum, als Absender unübersehbar zu sein, damit der oder die Vorgeführte den Zusammenhang auch überzuckert und die Chance bekommt, sein oder ihr damaliges Verhalten zu reflektieren. In Do Revenge ist schon mal die Ausgangssituation eine, die über sich selbst stolpert, solange kein letales Kapitalverbrechen mit im Spiel ist, denn da muss der Absender niemandem mehr übermittelt werden. Im Laufe des Films aber werden wir sehen, wohin das führt. Und dennoch: das ganze Konstrukt einer Intrigenkomödie kommt nicht aus seiner selbstgefälligen Convenience-Blase heraus. Mit Hitchcock hat das ganze Hin und Her nichts zu tun, viel mehr mit dem zynischen Young Adult-Thrillern Eiskalte Engel von Roger Kumble oder Heathers von Michael Lehmann, mit Winona Ryder in der Hauptrolle.

In Eiskalte Engel gibt sich Sarah Michelle Gellar die Ehre – lustigerweise (oder vielleicht genau deshalb) darf die Ex-Buffy hier als Schuldirektorin die Next Generation des Intrigantenstadels, dem sie selbst mal angehört hat, an die Kandare nehmen. Das alles hilft aber dennoch nicht viel: Do Revenge fehlt der Biss, den die vorhin genannten garstigen High School-Filme einst hatten. Jennifer Kaytin Robinson, Co-Autorin von Thor: Love and Thunder, läutet scheinbar ein neues Zeitalter von viel zu bequemen Rachefeldzügen ein, die sich kaum mehr ins Zeug legen. Der Story-Twist gegen Ende wirkt aufgesetzt, das Vorführen an den Bildungsstätten oder House-Partys war schon mal zorniger, wenn nicht gar perfider in der Wahl der Mittel. Schwarze Komödie? Manchmal ja, meistens jedoch: nein. Bei Do Revenge ist Rache zwar ein süßes Wort, doch kurz danach hätte man gerne wieder etwas Salziges.

Do Revenge (2022)

Bodies Bodies Bodies

SIE WOLLEN NUR SPIELEN

6/10


bodiesbodiesbodies© 2022 Public House Rights LLC.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: HALINA REIJN

BUCH: SARAH DELAPPE, NACH EINER STORY VON KRISTEN ROUPENIAN

CAST: AMANDLA STENBERG, MARIA BAKALOVA, RACHEL SENNOTT, CHASE SUI WONDERS, PETE DAVIDSON, LEE PACE U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Die Zukunft der Menschheit liegt in den Händen solcher Leute? Na, ich hoffe doch nicht ausschließlich. Denn Party, Party, Party geht auch nicht immer, obwohl jugendlicher Hedonismus zur besseren Resilienz die Schräglage unserer Welt manchmal auf die leichte Schulter nehmen darf. Ganz so sehr dem Frust über Klimakrise, Krieg und Geldknappheit muss man sich auch nicht immer hingeben, andererseits aber wäre ein bisschen mehr Bodenhaftung angesichts einer Realität wie dieser schon wünschenswert. Die Mädels und Jungs in Bodies Bodies Bodies kreisen jedoch in erster Linie um ihre aufgebauschten Befindlichkeiten, während man auf der Luxuswelle vor sich hintreibt und gerade zum Splish Splash ins feudale Heim eines selbsternannten Sex-und Koks-Gottes, dargestellt von Pete Davidson, eingeladen wird.

Es beginnt das hysterische Kammerspiel mit der großzügigen Darstellung eines innigen French Kiss zwischen zwei Mädels (Amandla Stenberg und Borat-Oscarnominierte Maria Bakalova), die so frisch verliebt sind wie das 90er-Girlie-Duo t.a.t.u., und zum feuchtfröhlichen Wochenende aufschlagen, das sie mit einer recht illustren Runde an jungen Frauen und einem älteren Herrn (Lee Pace – kaum zu glauben dass der mal den anmutigen Elben Thranduil gegeben hat) teilen müssen. Sophie und ihre Freundin Bee werden kritisch beäugt, lässt sich Sophie doch seit längerer Abstinenz erstmals wieder blicken. Ein Drogenproblem hat die soziale Interaktion leider verhindert, doch das Verständnis hat bei so vielen Ego-Trips aktuell keinen Platz. Als der angekündigte Hurrikan für diesen Tag langsam Anstalten macht, hereinzubrechen, sucht die Gruppe Vergnügungssüchtiger indoor nach Beschäftigungen – und probiert das hübsche Spiel Bodes Bodies Bodies aus, was ungefähr so zu funktionieren scheint wie das gerne zelebrierte Werwolfspiel vom Düsterwald. Ein Mörder geht um und killt seine Mitspieler bei Berührung. Das Opfer fällt zu Boden und schon muss jener Spieler, der es entdeckt, dreimal Bodies rufen, um das Rätselraten einzuläuten. Es wäre kein Thriller, sondern einfach nur ein Partyfilm, würde nicht tatsächlich einer der Anwesenden bald das Zeitliche segnen. Und es passiert auch: Gerade Pete Davidson als Gastgeber klebt blutverschmiert an der Verandatür. Whodunit? Vielleicht die zuvor von ihm kompromittierte Freundin? Oder gar der undurchschaubare Gelegenheitsflirt Greg, der sich bereits frühzeitig ins Schlafgemach abgeseilt hat? Irgendwer will sich da an irgendwen – oder gleich an allen? – rächen, denn es dauert nicht lange, da wird die blutige Spur immer länger und länger.

Das Blut, das tragen bald alle Protagonistinnen wie Kriegsbemalung im Gesicht. Und es sieht nicht so aus, als hätten sie all den Körpersaft deswegen dort, weil sie zufällig in die Wunden der Opfer gefallen sind. Das sieht zwar seltsam aus, doch vielleicht ist das Absicht. Vielleicht herrscht hier, im englischsprachigen Erstling der Niederländerin Halina Reijn, ein Zickenkrieg zwischen selbstgerechten Influencer-Ladies, die in ihrer Smartphone-Blase auf und ab gackern, als gäbe es kein Morgen mehr. Für manche wird dieser auch nicht aufziehen, und es ist manchmal tatsächlich kaum auszuhalten, den keifenden Frauen beim verbalen Austeilen zuzuhören, deren Stimmen sich bis zum exzessiven Gekreische überlagern, wenn sich die Reichen und Schönen am Boden wälzen, weil keine die sein will, für die sie die anderen halten. Bodies Bodies Bodies ist aber, hat man die Katze aus dem Sack gelassen, am Ende einer turbulenten Blutnacht voller Ein-, Aus- und Zufälle das Armutszeugnis einer unzurechnungsfähigen Society, die ihre Selbstdarstellung bis zur Selbstüberschätzung treibt. Dabei wird Social Media nicht per se verteufelt, sondern viel mehr das, was man daraus macht. Worauf es ankommt, verschwimmt zusehends. Und der viele Lärm war um nichts.

Bodies Bodies Bodies

Triangle of Sadness

REICHTUM IST (K)EINE SCHANDE

6/10


triangleofsadness© 2022 Alamode Film


LAND / JAHR: SCHWEDEN, GROSSBRITANNIEN, USA, FRANKREICH, GRIECHENLAND, TÜRKEI 2022

BUCH / REGIE: RUBEN ÖSTLUND

CAST: HARRIS DICKINSON, CHARLBI DEAN KRIEK, WOODY HARRELSON, DOLLY DE LEON, ZLATKO BURIĆ, IRIS BERBEN, SUNNYI MELLES, VICKI BERLIN, OLIVER FORD DAVIS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 27 MIN


Equality, Gender Pay Gap, Kapitalismus, Kommunismus und Rüstungsindustrie. Opportunismus, Klassenkampf, das Model-Biz und die Inhaltsleere von Social Media. Hab ich etwas vergessen? Die Gier der Reichen vielleicht? Oder gleich alle Todsünden? Nein, mit diesen hat Ruben Östlund in seinem Cannes-Gewinner nichts am Hut. Maßlosigkeit und Völlerei finden wir im Monty Python-Klassiker Der Sinn des Lebens wieder, und spätestens beim Minzplätzchen im schicken Restaurant braucht der Zuseher vielleicht selbst einen Kübel, denn da bringt die Komikertruppe ihr gesellschaftskritisches Fass im wahrsten Sinne des Wortes zum Überlaufen.

Bei Östlund sind es die Klos auf einer Luxusyacht, welche die mangelnde Seefestigkeit ihrer steinreichen Passagiere nicht mehr kompensieren können. Und ja: das kann passieren, ist aber keine Strafe für gelebten Reichtum. Denn Reichtum per se ist keine Schande. Menschen wie jene, denen auf diesem Narrenschiff das große Kotzen kommt, haben nun mal Geld und Einfluss. Doch sie sind weder gierig noch gemein noch maßlos. Vielleicht etwas blasiert, sonst aber nur unfassbar naiv. Wie Kinder in der Heileweltblase eines Spieleparadieses mit Bällchenbad. Wie Ludwig XVI. in seinem Versailles, umringt von Speichelleckern und einer angekrochen kommenden Entourage, die jeden Wunsch von den Augen abliest. Das Geld macht alles heil und jeden willig. Das Geld ist die Schaumstoffmatte beim Fall aus geringer Höhe, ist das einlullende Schlaflied am Ende des Tages. Seltsame Leute, so weltfremd und kleinkariert, und doch so erfolgreich. Wie passt das zusammen? Östlund seziert dieses Dilemma. Er will dies mit feiner Klinge tun, so wie er dies bei seinem Erstling Höhere Gewalt getan hat. Akkurat, mit kühlem Kopf, und aus sicherer Distanz, um der Lawine an Einsichten nicht zu nah zu kommen.

Bei Triangle of Sadness – die Kummerfalten im Südbereich der Stirn, knapp über den Augen und ungeeignet für eine Modelkarriere – hat Östlund viel zu sagen, und es gefällt ihm anscheinend gar nicht, wohin sich die Gesellschaft entwickelt hat. Alle Menschen scheinen ihm zuwider, aber doch nicht in einem Ausmaß, der ihnen unangenehm werden könnte. Man kann ja da und dort ein bisschen triezen, mit dem moralischen Finger in die Leistengegend der anderen stochern. Während die Reichen, denen der Reichtum in den Schoß gefallen zu sein scheint, ihren Überfluss hinnehmen wie eine Magenverstimmung, will Östlund mit seinem Überfluss an belangvollen Themen keines so wirklich präferieren. Der von Woody Harrelson und Zlatko Burić so zitatenreich ins Feld geführte Kommunismus schwappt also auf den Film über. Marx hätte mit Triangle of Sadness wohl seine Freude gehabt, er hätte sich spätestens dann köstlich amüsiert, wenn die Umkehr der Hierarchien die Nutzlosigkeit des profitgeilen Establishments zum Vorschein bringt. 

Doch bevor es so weit kommt, und bevor die uns allen längst bewusst gewordene globale Unfairness in handzahmen satirischen Spitzen, die offene Türen einrennen, ihren Ausgleich sucht, kreiert die erste von drei zusammenhängenden, aber unterschiedlich platzierten Episoden im schnell verfassten Plauderton alltagsparadoxen Kabarettstoff für die Kleinkunstbühne, der aber kaum die Wucht hat, um szenenlang über Gleichberechtigung und den Wert des Geldes zu polemisieren. Im Mittelteil wird das groteske Drama dann so richtig zum Östlund-Anarchismus, und wenn diesmal auch nicht der Affenmensch die eitle Gesellschaft sprengt, ist es die gemarterte Sunnyi Melles, die mit ihrer bizarren Brechdurchfall-Performance (Hut ab vor so viel inszenierter Selbsterniedrigung) die kleinen, obskuren Eitelkeiten mit dem magensauren Wischmopp beiseitefegt. Ja, dieses Spiel mit den Erwartungen ist Östlunds Stärke. Dieses Vorführen eines sich in Sicherheit wiegenden Publikums.

Was Östlund noch tut: Er weigert sich, seine Figuren zu verzerren. Stattdessen verzerrt er ihr Umfeld und das, was ihnen geschieht. Durch diese Diskrepanz entsteht ein subversives Echo – bei The Square war dies am stärksten, bei Triangle of Sadness ist das Umfeld der Figuren ein überraschend geradliniges Worst Case Szenario, was auch der Grund sein mag für ein schleppendes letztes Drittel. Eine Insel-Mystery á la Lost, die das System hinterfragt, aber auf der Stelle tritt. Den Östlund‘schen Bruch gibt es nur einmal – dass dieser seine Satire nochmal auf die Spitze treibt wie beim Versenken seiner Luxusjacht, würde man sich vielleicht wünschen – oder auch nicht. Letzten Endes lässt sich der Cannes-Doppelsieger aber zu keinen neuen Sichtweisen mehr motivieren.

Triangle of Sadness

Not Okay

SIE LIEBEN MICH, SIE LIEBEN MICH NICHT

7,5/10


notokay© 2022 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: QUINN SHEPHARD

CAST: ZOEY DEUTCH, MIA ISAAC, DYLAN O’BRIEN, NADIA ALEXANDER, SARAH YARKIN, KARAN SONI, BRENNAN BROWN, EMBETH DAVIDTZ U. A. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


So weit sind wir gekommen, rund 30 Jahre später, nach Etablierung des Internets und des World Wide Web: Die Sozialen Medien haben uns fest im Griff, vielen dirigiert es das Leben, anderen gibt es den Freibrief für Hass und Häme. Anderen, und nicht wenigen, gibt es die Möglichkeit, zeit- und kostensparend vor ein Publikum zu treten, um sich selbst zu präsentieren. Und damit geht’s erst so richtig los: Wer gefällt besser? Was gefällt besser? Das neue Publikum vor der Bühne sind Follower und Liker. Je größer das Publikum, desto besser das, was auf der digitalen Bühne abgeht. Oder doch nicht? Wie viel wert ist das Publikum, das sich für nichts mehr bemühen muss, außer dafür, einen Klick abzugeben? Mittlerweile lässt sich sowas sogar dazukaufen, aber keiner redet darüber. Manchmal schaffen es einige und treten Hypes oder ähnliches los, die dann wieder nach absehbarer Zeit so verpuffen, als wären sie nie da gewesen. In dieser Zeit aber kann man reich und beliebt werden. Mehr als beliebt. Angehimmelt. Zum Idol werden. Zum Helden. Zur mediasozialen Gottheit aus Werbung, Trend und Anbiederung.

So jemand wird Danni Sanders. Und es ist ein Aufstieg, raketengleich bis ins nächste Sonnensystem. Dabei war Danni beliebtheitsmäßig gerade mal noch Tellerwäscherin – zur Ikone mutiert sie durch einen Trick, der sich, wenn alles glatt läuft, später unter den Tisch kehren lässt. Berühmt will man im 21. Jahrhundert nämlich nicht nur Andy Warhol’sche 15 Minuten sein – sondern gefühlt auf ewig. Das sich der gläserne Mensch nicht mehr nur selbst genügt, sondern sich durch Likes wildfremder anderer definiert, ist bedenklicher Teil eines klugen, modernen Filmmärchens, dem Happy Endings am Allerwertesten vorbeigehen und hinter der Gefallsucht junger Menschen einen kärglichen Rest Selbstwert vorfindet, der nur deswegen so mickrig geworden ist, weil die eigene Ehre als Einsatz für die letzte Runde Beliebtheitspoker auf den Tisch kommt.

Und anfangs sieht es so aus, als hätte Poserin Danni Sanders, bis über beide Ohren selbstverliebt, maskenhaft und gekünstelt, richtig gute Karten. Dank eines Terroranschlags in der französischen Metropole Paris, der genau dann verübt wird, als sich Danni eben dort aufhält. Angeblich, jedenfalls. Denn in Wahrheit sitzt die eitle Schöne daheim, fingiert ihre Selfies auf Photoshop und macht sich so natürlich beliebt. Als dann das Grauen jenseits des Atlantiks hereinbricht, bleibt Danni nichts anders übrig, als traurige Mine zu bösem Spiel zu machen und sich selbst als Überlebende des Terrors bemitleiden zu lassen. Das ist Zündstoff, der sie unter dem Hashtag #NotOkay zur Leitfigur eines Trends werden lässt, der das Unwohlsein der Gesellschaft vor die Linsen mobiler Gerätschaften holt. Doch wo es Erfolg gibt – wie auch immer erreicht – gibt es auch Neider. Und nach dem Aufstieg kommt der tiefe Fall.

Disney+ hat mit der Posting-Satire Not Okay wieder mal den richtigen Riecher gehabt: Quinn Shephards Abrechnung mit den modernen Medien macht von Anfang an klar, wohin die Bestrebungen der bildschönen Lügenprinzessin letzten Endes führen werden. Daher zeichnet sie mit Liebe zum Detail und mit einem gewissen Quäntchen an Schadenfreude einen unwirtlichen Weg aus Verrat, Betrug und Vertrauensmissbrauch Richtung Untergang. Zum Glück verzichtet Shephard aber auf Zynismus oder derb-grotesker Polemik, zu der man sich gerade in diesem thematischen Untiefen gerne hinreißen lassen könnte. Zoey Deutch als Fake-Zeitgeistheldin rotiert als Influencerin um ihr massereiches Ego und bleibt dennoch plausibel und differenziert, mitunter funkelt von Anfang an schon die ungeschminkte Danni durch, die sie in den wenigen, aber ausdrucksstarken Momenten menschlich greifbar werden lässt. Viele von den Daily Postern im tatsächlichen Leben, so lässt sich nachvollziehen, könnten ähnlich gestrickt sein. Ganz ohne Betrug. Der kommt noch dazu, und lässt die Bombe in einer Größenordnung platzen, die fast schon dem Stern-Skandal rund um die Hitler-Tagebücher (Schtonk!) nahekommt. Alles für Prestige und Ruhm, und letzten Endes nichts für einen selbst. Mia Isaac als Greta Thunberg’sche andere Seite der Medaille, der es, ebenfalls berühmt, um die Sache geht und die nicht mit dem Selbstzweck die Mittel heiligen will, ist die gute Fee in einem Gewissenskonflikt der Generation Now!, die egal zu welchem Preis ihre Jünger sammelt.

Not Okay sticht schwachbrüstige Genrebeiträge wie Nerve so ziemlich aus, und muss auch nicht auf Horror tun wie Unfriend. Als ernstzunehmender Konkurrent tut sich nur noch die polnische Hassposting-Analyse The Hater hervor, nur weitab jeglichen leichtfüßigen Augenzwinkerns. Dieses hat Shephards Film aber reichlich, wird dabei aber keinesfalls weniger ernst oder aufrichtig. Was Not Okay zu sagen hat, kommt aus voller Überzeugung.

Gelungene Komödien mit Tiefgang gibt es selten – die aufrichtige Influencer-Satire um die Gier nach Likes ist aber eine, die das Problem virtuellen Erfolges am Schopf packt und so lange nicht loslässt, bis man den Boden unter den Füßen wieder spürt.

Not Okay