Die Blutgräfin (2026)

WIENER BLUTWÜRSTE ALS TOURISTENKNALLER

2/10


Isabelle Huppert als die Blutgräfin
© 2026 Amour Fou / Petro Domenigg


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, LUXEMBURG, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: ULRIKE OTTINGER

DREHBUCH: ULRIKE OTTINGER, ELFRIEDE JELINEK

KAMERA: MARTIN GSCHLACHT

CAST: ISABELLE HUPPERT, BIRGIT MINICHMAYR, THOMAS SCHUBERT, LARS EIDINGER, ANDRÉ JUNG, KARL MARKOVICS, BRANKO SAMAROVSKI, MARESI RIEGNER, TOM NEUWIRTH, BURGHART KLAUSSNER, TANJA RAUNIG, JOHANNES SILBERSCHNEIDER, KARL FISCHER, NOAH SAAVEDRA U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Was ist eigentlich Avantgarde?

Vom Feuilleton, von der Kunstkritik und dem fachkundigen Journalismus verliehen, ist Avantgarde der Bruch mit der Konvention. Avantgarde – seiner Zeit voraus – möchte man sein, wenn bestehende ästhetische oder auch narrative Normen ausgehebelt werden sollen.

Die Freiheit der Kunst – zumindest in diesen Breiten – erlaubt es, allerhand Methoden auszuprobieren, mit denen das normenverwöhnte Volk nicht rechnet, die es nicht kommen sieht, über die es aber irgendwann in der Kunstgeschichte nachlesen kann, dass sie Vorreiter von etwas waren, das sich niemals etabliert hat. Avantgarde kann schließlich nur schwer existieren, wenn es nicht vorher gewisse Parameter gegeben hat, die eine Kunst überhaupt erst anwendbar und messbar machen.

Kunst kommt von Können? Zumindest braucht man Talent, Know-how und Inspiration. Ein Architekt zum Beispiel kann sich in Form, Farbe und Größe austoben, muss aber dennoch immer darauf achten, dass sein Gebäude nicht zusammenbricht. Wie er das anstellt, ist seine Sache, doch Zugrundeliegendes muss vorausgesetzt werden. Stürzt dieses völlig irre Konstrukt dann doch noch ein, könnten andere, hustend und zwischen Staubwolken, Schutt und Mauerresten, dennoch behaupten: Was wollt ihr, es ist Avantgarde!

Und wer ist Ulrike Ottinger?

Als Avantgardistin wird und wurde auch Ulrike Ottinger gefeiert – als feministische Avantgardistin wohlgemerkt. Ihre Filme kenne ich nicht, und nach Sichtung ihres Spätwerks Die Blutgräfin habe ich keine große Lust dazu, ihr bisheriges Œuvre auch einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Die deutsche Künstlerin bricht seit jeher radikal mit Traditionen, was die Art des Erzählens anbelangt. Allerdings sollte man wissen, was man mit diesem Bruch anstellen will. Warum eigentlich alles anders sein soll als das normative Erzählen und welchen Mehrwert das Ganze hat. Ist es einzig und allein, um einen funktionierenden Modus operandi zu zerstören? Dann wäre genau dieser Akt des Zerstörens der einzige künstlerische Belang, bleibt doch außer dieser Behauptung sonst nichts übrig.

Alles, was Wien so ausmacht

Auch dieses Bild der Zerstörung ist Avantgarde – oder nur ein Motiv? An solchen aber erfreut sich Ottinger ungemein. Was gibt es da nicht alles? Hawelka-Buchteln (ohne Danzer’s Flitzer) und Riesenrad, Sisi aus Marzipan und die Blutgasse, den Heldenberg und den Wiener Narrenturm. Die Herzerlgruft und sonst solche Dinge, die Wien als morbide Stadt erst prägen. Ist das so?

Für Ottinger wollen sich alle zum Narren machen, die die deutschsprachige Schauspielkunst beherrschen, nur um sich dann selbst nochmal zu synchronisieren, und das nicht unbedingt synchron. Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Karl Markovics, Thomas Schubert – sie alle umringen eine stoische Isabelle Huppert, die mit der historischen Gestalt der Erzsébet Báthory außer dem Namen überhaupt nichts gemein hat. Mit den Mythen über Untote hat sie genauso Probleme wie wir mit Hupperts farblos hingepfuschter Synchronstimme. Bereits zu Beginn des Films gleitet die Filmlegende auf einer üppigen Gondel durch ein unterirdisches Wasserreservoir dahin. Was sie in der goldenen Wienerstadt will? Ein Buch finden, das die Macht hat, Vampiren und anderen untoten Kreaturen das ewige Leben zu nehmen.

Nicht alles, was misslingt, ist Avantgarde

Als Plot reicht das aus, findet Ottinger. Er dient als Setzkasten, in den nun alle möglichen Klischees über Wiens Geschichte als Deko-Elemente verteilt werden – ohne Handlung, ohne Stringenz, ohne Spannung und ohne den sprichwörtlichen Wiener Schmäh. Kannte Ottinger Peter Patzak? Auch ein Avantgardist. Der hatte damals den Wiener Kommissar Kottan ins Leben gerufen, und im Laufe der Episoden immer weniger an die Handlung gedacht, sondern vorwiegend an die Möglichkeit, diesen Wiener Schmäh und das Absurde auch wirklich so absurd scheinen zu lassen, dass es als Gassen-Varieté mit Tendenz zum absurden Theater immerhin einen Rhythmus für sich selbst finden konnte. Die Blutgräfin hat das nicht, weder Rhythmus noch das Verständnis für die Schrägheit des subversiv Witzigen, das Wien so eigen ist. Elfriede Jelinek sollte dieses Witzige eigentlich kennen, doch die Abscheu für all den Kitsch lässt sich nicht verbergen.

Varieté ist was genau?

Bunt, burlesk, akrobatisch, komödiantisch und noch dazu mit Gesang. Stimmt, das alles kommt bei Ottinger vor. Ein Varietéfilm soll die Blutgräfin schließlich auch sein – anachronistisches Unterhaltungstheater zwischen Laternenanzünder und Rolltreppe. Nichts gegen den Anachronismus, doch ist es deshalb gut gemacht?

Tom Neuwirth aka Conchita Wurst darf wie einer spontanen Eingebung der Regisseurin folgend seinen Songcontest-Siegertitel Rise Like a Phoenix schmettern, warum auch immer. Der alte Feldmarschall Radetzky darf sich mit seinen am Heldenberg zur Ruhe gebetteten Kommilitonen aus dem Grab erheben, warum auch immer. Karl Markovics darf den Vintage-Kottan bemühen, nur leider ohne Kapelle. Und wo ist eigentlich Falco?

Pietätlos wird es dann, wenn im Narrenturm besagte „kleine Gräfin“ – das Skelett eines fünfjährigen Mädchens, das an einem Hydrocephalus litt – zu einem Auftritt gezwungen wird und Ottinger jedwede Ethik über Bord wirft. Überhaupt erinnert vieles an einen Jahrmarkt aus Schaubuden, fragwürdig und aus der Zeit gefallen sowie altbacken und hölzern wie die Bretter, auf denen damals heute nicht mehr Denkbares gezeigt wurde.

Das Österreichische Filminstitut weiß, was es tut 

Ganz schön mutig, Arthouse als Mainstream anzubieten und bewusst zu verschweigen, womit man es letztlich zu tun haben wird. Die Blutgräfin lässt diese Raffinesse die ganze Laufzeit hindurch vermissen. Bemüht, konfus und in quälender Langeweile reiht sich ein Souvenir an das nächste – die Figuren sind platt, ausgestattet mit lächerlichen Namen und heillos überfordert damit, einem roten Faden zu folgen, und sei es auch nur der eines experimentellen Konzepts. Man kann auch Sinnloses sinnvoll arrangieren, nur dazu braucht es ein Gespür für die Substanz, mit der man arbeitet.

Schade um das Ensemble, schade um das Fördergeld, doch den Wien-Tourismus freut’s. Und das ist ja schließlich, wenn’s ums Geld geht, das Wichtigste.

Die Blutgräfin (2026)

Hokum (2026)

CHECK-IN MIT HEXE

6/10


EIN GASTKOMMENTAR VON MARIJA MEGUSCHER


Adam Scott als Ohm Bauman im Gothic-Grusel Hokum
© 2026 Neon


LAND / JAHR: IRLAND, VEREINIGTE ARABISCHE EMIRATE 2026

REGIE / DREHBUCH: DAMIAN MCCARTHY

KAMERA: COLM HOGAN

CAST: ADAM SCOTT, PETER COONAN, DAVID WILMOT, FLORENCE ORDESH, MICHAEL PATRIC, WILL O’CONNELL, AUSTIN AMELIO, SIOUX CARROLL U. A.

LÄNGE: 1 STD 47 MIN



Es gibt Hotels, bei denen bereits beim Betreten klar ist, dass man hier möglichst schnell wieder auschecken sollte. Und dann gibt es das Bilberry Woods Hotel. Warmes, schummriges Licht, dunkles Holz und draußen jene feucht-düstere irische Herbstlandschaft, die förmlich nach Halloween riecht. Eigentlich möchte man sofort ein Wochenende buchen. Wäre da nicht die Kleinigkeit mit der Hexe in der Honeymoon Suite. Und ein Mordfall lässt ebenfalls nicht allzu lange auf sich warten.

Regisseur Damian McCarthy (Oddity, Caveat) versteht es in Hokum, einen Ort zu schaffen, der gleichzeitig behaglich und bedrohlich wirkt. Das alte Hotel ist dabei mindestens ebenso wichtig wie seine Bewohner – und wird mit jedem Stockwerk sowohl rauf als auch runter ein bisschen unheimlicher.

Ein Schriftsteller auf der Suche nach dem letzten Kapitel

Im Mittelpunkt steht Ohm Bauman (Adam Scott), ein mürrischer Schriftsteller, der nach Irland reist, um die Asche seiner Eltern unter einem Mammutbaum zu verstreuen. Gleichzeitig arbeitet er am finalen Kapitel seiner „Konquistadoren-Trilogie“. Oder besser gesagt: Er versucht es.

Denn Ohms Problem ist weniger die Formulierung als die fehlende Quintessenz. Sein bisheriges Leben scheint ihm schlicht zu unspektakulär verlaufen zu sein, um jene Erkenntnis hervorzubringen, die sein Werk zum Abschluss bringen könnte. Ein Problem, um das sich Irland bald höchstpersönlich kümmert.

Im Bilberry Woods Hotel stößt Ohm auf die Geschichte einer Hexe, die mit dem Haus verbunden sein soll, eine Honeymoon Suite, die aus guten Gründen besser nicht betreten wird, und schließlich auf einen Mordfall. Als eine junge Barkeeperin verschwindet, die ihm zuvor aus einer ziemlich misslichen Lage geholfen hat, wird aus dem Schriftsteller wider Willen ein Ermittler.

Dass ihn dabei ausschließlich sein plötzlich erwachtes Pflichtgefühl antreibt, darf zumindest bezweifelt werden. Vielleicht ist es auch die schriftstellerische Neugier. Denn wo Ohm zu Beginn noch mit einem gepflegten „Mir ist alles wurscht, ich will nur in Ruhe gelassen werden“ durchs Leben geht, beginnt er zunehmend, hinter die Geheimnisse des Hotels blicken zu wollen und Stoff für sein letztes Kapitel bekommt er dabei mehr, als ihm lieb sein dürfte.

Irland, Whisky und die Hexe ohne Lebenslauf

Besonders sympathisch ist, wie deutlich sich McCarthys irischer Hintergrund in der Atmosphäre des Films widerspiegelt. Hokum sieht aus, als hätte man den irischen Herbst persönlich darum gebeten, einen Horrorfilm auszustatten. Umso erstaunlicher ist allerdings, wie wenig der Film tatsächlich in die irische Folklore eintaucht.

Da gibt es eine Hexe, selbstverständlich. Einen richtigen Hexen-CV inklusive Werdegang bekommen wir nur anfangs kurz und knapp vom Hauseigentümer, dessen Aufgabe im Film dann auch gleich wieder erledigt scheint. Das Buch Cursed People and Places taucht gleich zweimal auf und wirkt dabei beinahe wie das modische Must-have der irischen Herbstsaison.

Aber sonst? Gerade ein Land, das für seine Mythen, Legenden und Anekdoten bekannt ist, hätte doch einiges an Material zu bieten. Wurde das alles zugunsten der 107 Minuten Laufzeit gestrichen?

Der vielleicht authentischste irisch-mythische Moment gehört Jerry, einem Einsiedler aus der Gegend. Auch er trägt eine tragische Vergangenheit mit sich herum: Seiner schwerkranken Frau leistete er einst Sterbehilfe. Als er Ohm erstmals im Wald begegnet, bietet er ihm – wie könnte es anders sein – erst einmal einen kräftigen Schluck Whisky an, den er annimmt, weil er zuvor den Cocktail aus Milch und Magic Mushrooms vorbildlich ablehnt.

Ganz entkommt er dem Rausch trotzdem nicht. Und ausgerechnet während seines kurzzeitigen Ausfalls passiert jener Mord, der ihn tiefer in die Geschichte des Hotels hineinzieht.

So ernst die Biografien seiner Figuren teilweise sind, McCarthy lässt sie nie vollständig in Schwermut versinken. Ohm und Jerry sind zynisch, trocken und bisweilen überraschend komisch. Das tut einem Film gut, der ansonsten fast vollständig in herbstlicher Melancholie badet.

Horror nach Farbenlehre

Die eigentliche Stärke von Hokum liegt ohnehin weniger in seiner Mythologie als in seiner Atmosphäre. Das Hotel wird zu einem kleinen vertikalen Horrorkosmos: Erdgeschoss, Ohms Zimmer, die ominöse Honeymoon Suite und schließlich das Untergeschoss. Je tiefer Ohm in das Gebäude und seine Vergangenheit vordringt, desto stärker bekommt man das Gefühl, dass auch die Grenzen zwischen Realität, Mythos und Halluzination verschwimmen.

Ob sich die Hexe nun in der Honeymoon Suite eingenistet hat, ursprünglich aus den Tiefen des Hotels stammt oder gerade sukzessive die Immobilie übernimmt, bleibt dabei nicht immer ganz eindeutig. Vielleicht hätte man ihr doch einen Mietvertrag geben sollen.

Visuell funktioniert das ausgesprochen gut. Warme Farbtöne und schummriges Licht wiegen uns im Hotel zunächst in Sicherheit. Sobald Hokum in seine übernatürliche Welt hinübergleitet, übernehmen kühlere Farben. Das ist keine Neuerfindung filmischer Bildsprache, sondern im Gegenteil ziemlich klassische Horrorschule, aber genau deshalb funktioniert es.

Die vertraute Farbdramaturgie gibt dem Film seine Behaglichkeit und zugleich seine Bedrohlichkeit. Man weiß intuitiv, wann etwas nicht stimmt. Hokum versucht gar nicht erst, die Regeln des atmosphärischen Horrors neu zu schreiben, sondern beherrscht sie lieber.

Daher danke für diesen Horror-Klassizismus.

Ähnlich verhält es sich mit den Jumpscares. Fans zählen – je nach Zählweise – rund 19 davon. Viele folgen einem ähnlichen Muster: ein Gesicht hier, ein Gesicht dort, eine Bewegung im richtigen beziehungsweise falschen Moment. Oft spürt man bereits, dass gleich etwas kommt.

Adam Scott macht Adam-Scott-Dinge

Schauspielerisch liefert Adam Scott ziemlich genau das, was man von ihm erwartet – allerdings auch nicht wesentlich mehr.

Den unnahbaren, leicht genervten Schriftsteller nimmt man ihm sofort ab. Sein trockener Zynismus macht Ohm trotz seiner abweisenden Art erstaunlich sympathisch. Interessanter ist seine allmähliche Wandlung: Der Mann, der zu Beginn eigentlich nur seine Ruhe haben, die Asche seiner Eltern verstreuen und irgendwie sein Buch fertigschreiben möchte, findet plötzlich etwas, das ihn aus seiner selbstgewählten Distanz herauszieht.

Vielleicht sucht Ohm ohnehin nach mehr als nur einem Ende für seine Trilogie. Seine Reise wirkt auch wie der Versuch, Frieden mit seiner Vergangenheit zu schließen und irgendwo jenes gutgelaunte, längst verflossene Ich wiederzufinden, das nicht nur seinem Leben, sondern womöglich auch seinen Figuren guttun könnte.

Dass ausgerechnet Mord, Hexerei und ein ausgesprochen fragwürdiges Hotelarrangement dabei therapeutisch hilfreich sein könnten, gehört zu den angenehmen Absurditäten von Hokum.

Einchecken?

Hokum ist am stärksten, wenn der Film nicht erklärt, sondern Atmosphäre erzeugt. Das Bilberry Woods Hotel ist warm, gemütlich und unheimlich zugleich; seine Figuren tragen tragische Geschichten mit sich herum, ohne ihren trockenen Humor verloren zu haben. Und Damian McCarthy inszeniert seinen Horror mit einer erfreulich klassischen Lust an Licht, Schatten, Gesichtern im falschen Moment und Dingen, die besser hinter verschlossenen Türen geblieben wären.

Etwas schade ist, dass der Film sein irisches Setting eher atmosphärisch als mythologisch ausschöpft. Gerade die Hexengeschichte hätte ein wenig mehr Folklore vertragen. Irland hätte schließlich genügend Geschichten dafür auf Lager.

Vielleicht ist Hokum damit ein bisschen wie sein Bilberry Woods Hotel selbst: Man weiß nicht immer ganz genau, was sich hinter jeder Tür befindet oder warum manches dort ist, wo es ist. Aber es ist so schön schummrig beleuchtet, dass man trotzdem weiter durch die Gänge geht.

Nur die Honeymoon Suite würde ich beim Check-in sicherheitshalber nicht nehmen.

Hokum (2026)

Victorian Psycho (2026)

DIE VERNÜNFTIGSTE PERSON ÜBERHAUPT

7/10


Maika Monroe als Winifred Notty in Victorian Psycho
© 2026 Bleecker Street


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ZACHARY WIGON

DREHBUCH: VIRGINIA FEITO, NACH IHREM ROMAN

KAMERA: NICO AGUILAR

CAST: MAIKA MONROE, JASON ISAACS, RUTH GORDON, THOMASIN MCKENZIE, JACOBI JUPE, AMY DE BHRÚN, PAUL REID U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN



Als Abschlussfilm des großartigen Slash Festivals hat sich Markus Keuschnigg einen besonderen Leckerbissen aufgehoben – einen dieses Jahr in Cannes für den Un Certain Regard nominierten Killerfilm, der selbstredend nicht so banal daherkommt wie vielleicht vermutet, sonst würde man ihm auch nicht „den anderen Blick“ attestieren.

Kein Slasher und kein Metzelfilm, keine Home Invasion oder die Origin-Story gepflegter Bösartigkeit ist das, was andere vielleicht hier erwarten. Zachary Wigon (u. a. Sanctuary mit Margaret Qualley) nimmt sich des Romans der Schriftstellerin Virginia Feito an, die für diesen Film gleich auch das Drehbuch schrieb, kennt sie ihre Figuren doch wohl am besten. Und die sind alles andere als schwarzweiß gezeichnet, hart kontrastiert oder bequem in eine Schublade zu quetschen.

Unwesen im Anwesen

Die Familie in diesem Anwesen mag zwar gesellschaftlichen Normen folgen und nach außen hin alles erfüllen, was es damals zu erfüllen galt, im Inneren aber kocht so manches kurz vor der Oberfläche vor sich hin. Ruth Wilson als auf ihren Nachwuchs fixierte Gattin von Jason Isaacs, der bemüht aufgeräumt und höflich wirkt. Dann sind da noch zwei Kinder, die bereits in viel zu jungen Jahren ihre rebellische Ader entdecken – und Haushälterin Thomasin McKenzie, etwas simpel im Gemüt, gutherzig und mit dem Herzen auf der Zunge, was angesichts einer Person wie Winifred Notty entweder die ideale Methode ist, um ihr näherzukommen – oder das Gegenteil bewirkt. Denn Notty klingt wie Naughty.

Alles nur eine Frage der Sichtweise

Denn Winifred Notty ist Maika Monroe. Und Maika Monroe ist Winifred Notty – eine schräge Persönlichkeit mit dem Zeug zur popkulturellen Ikone. Scheinbar besitzt sie genug Prinzipien, um der fehlenden Kinderstube ausreichend Struktur zu geben. Die Eltern sind anfangs begeistert, und natürlich ahnt niemand etwas von Nottys blutiger Vorgeschichte. Denn die Dame ist eine Psychopathin, seelisch zerrüttet, krank im Gemüt und mordend aus einer Notwendigkeit heraus.

Sie selbst bezeichnet sich als die vernünftigste Person überhaupt. Eine krude Annahme, die ihre Rechtfertigung aus einem ganz bestimmten Blickwinkel bezieht. Die Welt lässt sich schließlich auch mit anderen Augen sehen, mit denen einer im Geiste Verwirrten, die nichts anderes will als die Gunst, die ihr zusteht. Das fordert Opfer, wenngleich nicht unentwegt. Notty will den Worst Case einer Bluttat immer wieder hinauszögern. Das macht sie menschlich, das weckt Sympathien. Sympathien für eine Mörderin?

Sympathy for the Devil

Wie war das noch gleich mit Grenouille aus dem Roman Das Parfum von Patrick Süskind? Ein Werk aus der Sicht eines Menschen, der die Welt und den Wert von Leben anders sieht. Oder was ist mit Bret Easton Ellis‘ elegantem Freizeitmörder Patrick Bateman? Ein Mann, der nichts fühlt, nichts empfindet, das Produkt seiner Welt ist? Auch hat das Kino- und Fernsehpublikum seit jeher Verständnis für die Moral der Selbstjustiz, wenn es denn die „Bösen“ trifft. Ach, wäre die Welt doch so einfach. In Victorian Psycho ist sie es nicht.

Diese Antithese zu Mary Poppins hat dennoch das Herz irgendwie am rechten Fleck, und diese Sympathie für die Dunkelheit irritiert. Vielleicht mag Maika Monroe ihrer Figur als Schutz vor einer gewissen Ächtung das Verhalten eines komödiantischen Charakters angedichtet haben. Ihre praktizierte Etikette, ihre offensichtliche Anständigkeit mögen zu dick aufgetragen sein, um Züge ihres wahren Wesens nicht zu erkennen. Und dennoch tut es niemand. Das manövriert Victorian Psycho mehr ins Eck einer Groteske und nimmt dem zugrunde liegenden Charakterdrama jene Ernsthaftigkeit, die es wohl eher verdient hätte.

Ordentlich abgeliefert

Dennoch ist Monroes Spiel eine Glanzleistung – kennt man sie bereits in anderen Rollen, ist diese hier so erfrischend anders, dass sie damit ihre Bandbreite an schauspielerischen Möglichkeiten zu ihren Gunsten neu absteckt. Victorian Psycho wird dadurch zum letzten Kapitel einer bedauernswerten Lebensgeschichte, die die eigene verquere Wahrheit einfach nicht abschütteln kann.

Victorian Psycho (2026)

The Fox (2025)

FUCHS, DU HAST DIE BRAUT GESTOHLEN …

8/10

 

Jai Courtney als Nick entdeckt in The Fox ein Loch im Boden.
© 2025 Protagonist Pictures

 

LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: DARIO RUSSO

KAMERA: MATTHEW CHUANG

CAST: JAI COURTNEY, EMILY BROWNING, DAMON HERRIMAN, CLAUDIA DOUMIT, OLIVIA COLMAN, SAM NEILL, ZLATKO BURIĆ, MIRANDA OTTO, PETER O’BRIEN, HEATHER MITCHELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN

 

Oberstes Gebot: Folge niemals den Ratschlägen eines Fuchses! Reineke ist in den literarischen Fabeln dieser Welt seit jeher zwar clever, aber niederträchtig und moralisch wenig versiert. Einer, der dem Bauern die Hühner stiehlt. Und der letztlich draufzahlt, wie der Coyote im ewigen Clinch mit dem Roadrunner.

Hier, in den Außenbezirken Wiens, sieht man den rotpelzigen Gesellen immer wieder mal über die Straße laufen. Innegehalten und mir so manchen Tipp auf den Weg gegeben hat er dabei noch nicht. Wenn es doch mal so weit kommen sollte, wäre Vorsicht geboten. Es könnte da vielleicht eine Klausel geben, die man gerne übersieht. Die man verdrängt oder unbewusst in Kauf nimmt. Wird man dann aber konfrontiert mit einem Kompromiss, der beide Parteien auf gewisse Weise schadlos hält – denn schließlich geht es in diesem Film um Beziehungen –, will diesen keine akzeptieren.

Eheberatung findet im Wald statt

Nachdem sich der passionierte, doch recht konservative Jäger Nick (Jai Courtney) zum Jawort hat hinreißen lassen und eine wie Kori (Emily Browning) geehelicht hat, mag in dieser Beziehung relativ schnell die Luft entwichen sein. Vielleicht, weil Kori niemand ist, der sich gerne unterwirft und eine Beziehung leben will, die den Erwartungen des Mannes entspricht. Sie wirft sich ihrem Arbeitskollegen Derek (Damon Herriman) an den Hals, der wiederum seine Frau betrügt, und das noch im eigenen Schlafgemach.

Nick kann diese Schmach nur schwer ertragen, bei der nächtlichen Fuchsjagd gerät er wie durch Zufall und kaum verwunderlich für ihn selbst (womit wir in der Logikwelt einer Fabel wären) an eine sprechende Füchsin, die über Nicks Liebesleben überraschenderweise Bescheid weiß und die auch, um obendrein ihren felligen Hintern zu retten, nicht mit Ratschlägen spart, wie er sich die Treue seiner Frau zurückholen kann.

Ein geheimnisvolles Loch im Wald soll alle Probleme lösen. Einmal da hineingefallen, mag Tage später die Angetraute 2.0 wieder erscheinen, ohne jeden Makel, als hätte Pygmalion seine Pretty Woman erschaffen. Einzige Ausnahme: der hauseigene Hund soll nur nicht zu nahe kommen.

Gute Zeiten für Satire

Kluge Komödien haben anscheinend wieder Hochkonjunktur. Und zwar solche, die nicht nur für Kurzweil sorgen und Spaß vermitteln wie so mancher Klamauk aus den letzten Dekaden, sondern unter ihrer verspielten Oberfläche soziale und gesellschaftliche Belange auf eine Weise durchspielen, die draufgängerischen Experimenten gleicht. So zum Beispiel gelingt es Iñárritus genialem Kassenflop Digger, seinem Publikum auf satirische Weise die Wahrheit ins Gesicht zu knallen.

The Fox indessen macht die Probe aufs Exempel und entdeckt dabei so manche Scheinheiligkeit in partnerschaftlichen Beziehungen, die Egoismus, Eigennutz und Bequemlichkeit übertüncht. Die Natur deckt schließlich alles auf, Autorenfilmer Dario Russo steuert dabei in Richtung einer verschwörerischen Mysterygroteske, die mit Schadenfreude und märchenhaften Elementen einen aufgeweckt erwachsenen Geschlechterkampf einläutet. Dabei ist The Fox nicht zwingend feministisch, sondern universell anwendbar. Im Hinblick auf die natürliche Ordnung und verschworen mit dem Leitsatz „It is, what it is“ zeigt die pointierte Komödie jedem die Zunge, der glaubt, nicht aus seiner Haut hinauszukönnen oder den Sprung über den eigenen Schatten zu wagen.

Die Suche nach den Quellen der Manipulation

Der Entschluss dabei, die Tierwelt in dieser absonderlichen Mystery statt digital mit analoger Mechatronik lebendig werden zu lassen, mag die Kirsche auf dem Sahnehäubchen sein – der Retro-Faktor sorgt für Extravaganz, erinnert an die guten alten DEFA-Filme und weckt damit deutlich mehr Faszination als jedes pixelgenerierte Tierchen. Genüsslicher Bonus ist dabei vor allem im Original Olivia Colmans unverwechselbare Stimme, die sie der geheimnisvollen Füchsin leiht, und einmal noch, weil’s so schön war, Sam Neill als schnippische Elster. Beide manipulieren die Menschen, diese manipulieren sich untereinander, und unterm Strich folgt alles seiner Natur.

The Fox (2025)

The Weed Eaters (2025)

KIFFEN & GRILLEN

6,5/10

 

Alice May Connolly als Jules in der Horrorkomödie The Weed Eaters
© 2025 Causeway Films

 

LAND / JAHR: NEUSEELAND 2025

REGIE: CALLUM DEVLIN

DREHBUCH: FINNIUS TEPPETT

KAMERA: SAMUEL AUSTRIN

CAST: ALICE MAY CONNOLLY, ANNABEL KEAN, FINNIUS TEPPETT, SAMUEL AUSTRIN, PAUL KEAN, DAVID CORREOS U. A.

LÄNGE: 1 STD 20 MIN



Es sind keine Monster, keine Zombies und keine Psychopathen, die sich ihrem Fetisch unterwerfen. Kein indigener Dschungelstamm filetiert Reisegruppen aus dem Westen wie in Cannibal Holocaust, kein Hannibal Lecter genießt zur Menschenleber wohltemperierten Chianti. The Walking Dead schlendert auch nicht durch die Gegend, obwohl man bei schnellem Hinsehen und in sternenklaren Nächten eines Sommers auf der Südhalbkugel das bekiffte Grüppchen Normalsterblicher in Silvester-Feierlaune mitunter für Untote halten könnte.

Because I Got High

Denn Drogen, das wissen wir, verändern die Motorik, betäuben das Sprachzentrum, nehmen die eine oder andere psychosoziale Hemmung. Wo lässt sich die Freiheit des Rausches besser ausleben als irgendwo in der Landschaft, wo kein Exekutivorgan seine Schritte setzt und keiner den anderen dahingehend maßregelt, über die Stränge geschlagen zu haben. Diese beiden Paare, Jules und Brian, Charlie und Campbell, haben sich zusammengetan, um die letzten Tage des Jahres mit Party, Bier und feinstem Gras zu feiern.

Die Location mag als Scheune weniger berauschend sein, das gefundene Einmachglas mit Marihuana dann aber doch. Was die vier dabei nicht erwartet hätten: So einen Joint mit genau diesem Extrakt zu rauchen macht hungrig. Hungrig auf Menschenfleisch. Was aber tun, wenn der Kühlschrank gänzlich andere Speisen birgt? Aufeinander losgehen? Oder die Gelegenheit am Schopf packen, wenn der kauzige Farmer, dem dieses Zeug eigentlich gehört, ganz plötzlich das Zeitliche segnet?

Besser gemeinsam statt einsam Tabus brechen

Man könnte natürlich eine Schlachtplatte inszenieren ohne Gespür für Zwischenmenschliches, nur um all die Gorehounds im Publikum zu befriedigen. Man könnte einen Horrorthriller inszenieren, der nach einer anfänglichen Gesellschaftskomödie wie ein Jack-in-the-Box aus der Kiste springt. Oder aber man bleibt dabei, man hält fest an der Tonalität einer urkomischen, lässig dahergeplauderten Beziehungskomödie mit ausreichend Wortwitz und schrägen Charakteren, die sich untereinander gar nicht mal so gut kennen und allerlei peinliche Momente generieren, die den Reiz von Callum Devlins Spielfilmdebüt ausmachen.

Anscheinend weiß Devlin ganz genau, wie man ein Tabuthema, mit dem eigentlich niemand wirklich anecken will, zu einer skurril-pikanten Gesamtsituation umkrempelt, die wie ein peinlicher Unfall aussieht. Der Witz liegt darin, dass gewöhnliche Leute zwanghaft einem Tabu ausgesetzt werden, das unter Wahrung der Zivilisiertheit schließlich wieder tabuisiert werden muss.

Gehen wir’s pragmatisch an

Diese neuen Kannibalen per Zufall, die eigentlich keine sind, sondern lediglich aufgrund ihres zugedröhnten Zustandes so sein müssen, versuchen, das Beste aus ihrer Situation. The Weed Eaters fühlt sich an wie einer dieser hemmungslos-kuriosen Spots der Hornbach-Baumarktkette: praktisch veranlagt, versponnen, lösungsorientiert.

Und dann kippt das Ganze aber doch. Ganz so pragmatisch und urkomisch hätte es vielleicht weitergehen können, ohne weiteres hätte The Weed Eaters gerade auch mit Seth Rogen, Zach Galifianakis oder Jason Sudeikis als groteske Verzerrung ihrer Filme Ananas Express oder The Hangover funktionieren können, mit der Voraussetzung, dass Menschenfleisch am Grill salonfähig wird – wenn es denn sein muss.

Alles aufgegessen?

Gegen Ende weiß Callum Devlin irgendwie nicht weiter, die Pointe bleibt aus – gerade auf die hätte man gewartet, wenn das Ganze schon bisher so pointiert war und die Begegnung mit einem Dorfgendarmen zu den besten und witzigsten Momenten des ganzen Films zählt. So situationskomisch hätte es weitergehen können, doch Genrekonventionen verlangen ihren Tribut.

The Weed Eaters (2025)

Bloody Tennis (2026)

SUSPIRIA IM FILZBALL-CAMP

3/10


Sandra Guldberg Kampp schwingt das Racket im Film Bloody Tennis
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE / DREHBUCH: NIKIAS CHRYSSOS

KAMERA: CONSTANTIN CAMPEAN

CAST: SANDRA GULDBERG KAMPP, ELINA LÖWENSOHN, HELENA ZENGEL, ZLATKO BURIĆ, VINCENT ROMEO, TRACY GOTOAS, LILY TAÏEB, JULIANA VIEIRA-GUERRA, LUCIE ZHANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn Zlatko Burić, dem Tom Cruise in Digger szenenweise richtig ähnlich sieht, als grantelnder Tennislehrer die KO-Spiele seines Jungmädchen-Clubs kommentiert, sind das zumindest noch die am besten funktionierenden Szenen in einem eigenwilligen Verschwörungs-Mystery-Sonstwas-Thriller, der sich in unverhohlener Trittbrettfahrerlust an Dario Argento anbiedert – insbesondere an Suspiria.

Wir erinnern uns: Eine Tanzschule in Westberlin zur Zeit der Mauer ist Tarnung einer teuflischen Sekte, die den Leibhaftigen beschwört und die Tänzerinnen dazu benutzt, diesen am Leben zu erhalten. Auch Luca Guadagninos Remake spart nicht mit grell-blutigem Finale – bis es so weit kommt, blüht uns allerlei Suspense. In Bloody Tennis zeigt man zumindest nicht konkret auf den Teufel höchstpersönlich, doch irgendetwas ist auch hier im Gange – und ganz ehrlich: Man will es eigentlich gar nicht so genau wissen.

Man muss doch nicht gleich die Eltern anrufen

Als gute Wahl gilt zumindest die Location in Nikias Chryssos‘ neuem Film. Ein ehemaliges Kloster auf Gran Canaria dient als Kulisse, weitab vom Schuss inmitten der Wüste. Dort soll die Mary Tyrone Tennis Academy untergebracht sein, geleitet von ebenjener, die von Elina Löwensohn verkörpert wird und die ein Gefühl absolutistischer Langeweile vermittelt, da die Dame den ganzen Tag sonst nichts zu tun hat außer die Monitore ihrer Überwachungskameras zu inspizieren. Tut sie das mal nicht, lächelt sie keck und allwissend, wenn mit unlauteren Mitteln der Leistungssport Sieger und Verlierer ermittelt. Blut sehen kann man am Tenniscourt nämlich schon früh, und Blut ist auch Teil des Programms. Egal, ob Reißnägel in den Schuh gestreut wurden oder der Knöchel lautstark knickt. Es wird weitergespielt auf Teufel komm raus.

Den jungen Frauen scheint das alles recht – auch der scheußlich schmeckende morgendliche Umtrunk, der aussieht wie Rote-Rüben-Saft, aber womöglich aus menschlichen Überresten mancher Verliererinnen gebraut ist, wer weiß das schon so genau. Und man will auch das nicht so genau wissen. Denn Bloody Tennis ist vor allem eins: unmotiviert.

Eine Sportart, für die man alles geben sollte

Es liegt, wie wir wissen, nicht an Zlatko Burić, sondern wohl eher an einem Plot, der sich ungehemmt an bereits etablierten Beispielen des Giallo und der Young-Adult-Mystery bedient, aber überhaupt nicht am Sportfilm.

Tennis ist in Bloody Tennis nur eine Behauptung. Chryssos filmt das Ganze so, dass die Matches kaum nachvollziehbar bleiben. Viel eher sind die Verletzungen das, woran man sich ergötzen sollte, und nicht der Tennissport. Von dem Gefühl, eine Leistung erbringen und besser sein zu wollen als die anderen, lässt sich kein einziger Vibe empfinden.

Warum die jungen Mädchen, darunter auch „Systemsprengerin“ Helena Zengel, hier gegeneinander wetteifern, erschließt sich ihnen wohl selbst nicht. Vielleicht ist es einfach nur Frust, weil sie alle einem Ehrgeiz entsprechen müssen, den sie nicht empfinden. Es scheint fast so, als wäre Tennis eine Variable, denn keine hat die Lust, das Spiel auch zu spielen.

Knapp im Out ist leider auch daneben

Will man der Geschichte die Ambition andichten, dass man für Höchstleistungen Opfer bringen muss, nur eben nicht die eigenen, geht die Rechnung nicht auf. Schon viel zu oft sind Hunger, Blut, Kannibalismus und das Sich-Einverleiben der Stärke anderer zitiert worden. Szenen wie diese wirken nur noch pflichtbewusst in Szene gesetzt. Das Netz des mit Katzendarm fein gesponnenen Rackets hängt durch, die Mädels hängen durch, Löwensohn bleibt auf provokante Weise eine unheilverkündende Tachiniererin. Letztlich ist Bloody Tennis genau das: ein Vorbilder imitierendes Low-Budget-Trainingscamp, in dem nichts, was passiert, durch höhere Ziele gerechtfertigt wird.

Bloody Tennis (2026)

AnyMart (2026)

TOTALITARISMUS IM SONDERANGEBOT

7/10


Shôta Sometani folgt den Regeln im Film Anymart
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE / DREHBUCH: YUSUKE IWASAKI

KAMERA: MAO OHKAWARA

CAST: SHÔTA SOMETANI, ERIKA KARATA, MASAHIKO NISHIMURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN



Ein Trailer, der nichts preisgibt

Zeig mir den Trailer, und ich sag dir, ob ich mir den Film ansehe: Das, was man vorab von AnyMart zu sehen bekommt, wird wohl niemanden so schnell dazu bewegen, ins Kino zu gehen. Wir sehen einen Japaner, womöglich Mitte zwanzig, irgendwo an einer Supermarktkassa irgendeiner Lebensmittelkette, daher auch der Titel: AnyMart.

In so einem Laden steht da einer und schaut – ausdruckslos, gelangweilt und fast schon wie in Trance. Diese Gleichgültigkeit nahe am Gehirn-Standby hat auch etwas Bedrohliches. Langsam fährt die Kamera näher, als würde gleich in der nächsten Sekunde etwas Entsetzliches passieren. Doch es ist nur dieser Mann, der während des Wartens auf Kundschaft vor sich hin starrt. Was will uns dieser Trailer damit sagen?

Endstation Supermarkt?

Ist es die Ruhe vor einem Amoklauf? Aufgestauter Frust? Ermüdung angesichts der Uniformität verpackter Hühnerteile? Bedient AnyMart das Gerücht oder vielleicht das Klischee, dass im gehorsamen Mikrokosmos eines Supermarktes ein Tag wie der andere ist, jede Woche wie die nächste und jedes Jahr wie das darauffolgende? Dass es zwischen Kassa, Rabattaktionen und dem Nachschlichten von Waren nichts gibt außer das Vakuum eines zomboiden Konformismus, den das Management vorschreibt?

Das Urteil, das AnyMart über eine gesamte Branche fällt, ist aber nur eine Metapher für etwas ganz anderes. Und zwar für ein System aus Regeln, Normen und Disziplin. Ist dieses Konstrukt erstmal geschaffen, lässt sich das Individuum so sehr unterordnen, dass es nicht mehr zu denken braucht.

Die totale Kontrolle

In diesem kleinen Lebensmittelladen arbeitet der bereits aus dem Trailer bekannte Sakai – es stellt sich heraus: Völlig eingelullt von der Tristesse des Alltags ist er noch nicht, doch er folgt brav den Anweisungen seines Vaters, dem das Geschäft gehört. Dieser sitzt vorwiegend in einem schmalen Hinterzimmer vor dem Bildschirm und beobachtet seine Bediensteten, er ist Herr über Recht und Ordnung. Was er sagt, ist Gesetz. Selber denken darf hier keiner, sondern ausschließlich befolgen, was zu tun er aufträgt. Ein Big Brother im Kleinformat.

Die totale Unterdrückung

Diese Starre des Systems ist unerbittlich. Nichts bewegt sich, jede Abweichung wird geahndet. Und dann kommt Ogawa, eine engagierte junge Frau, die sich so viel Geld dazuverdienen will, um nach ihrer Ausbildung zur Friseurin einen eigenen Laden zu eröffnen. Siehe da, da hat jemand Ambitionen. Da denkt jemand selbst. Auch gegenüber dem AnyMart versucht es ein Einzelunternehmer mit Quiches aller Art.

Der Konformismus schlägt jedoch überall zu, das Individuum zählt nichts, die Furcht und die Abscheu vor Ideen brennen auch das letzte Fünkchen Hoffnung auf selbstbestimmten Erfolg nieder. Wie unbarmherzig lässt diese triste Dystopie eines Arbeitsmarkt-Horrors die Peitsche knallen. Schwarzhumorig kann man das nennen, oder aber auch zutiefst zynisch. Das leise Aufbegehren gegen Windmühlen mag gar nie zu einer Revolution ausarten, denn unter den Teppich gekehrt wird, was das System fehlerhaft erscheinen lässt.

Anders gedacht ist schon halb verloren

Der ebenfalls besondere und außerhalb der Wahrnehmung existierende Geheimtipp Corner Office schickt Jon Hamm statt in den Supermarkt ins Büro, um dort einen imaginären Raum zu entdecken, der die Leistungsfähigkeit beflügelt. Gern gesehen wird das Ausscheren aus der Reihe dort genauso wenig wie im japanischen Plastikverpackungs-Eldorado. Während Corner Office als smarte Mystery daherkommt, taucht AnyMart resignierend in die Finsternis ab.

Dabei zündet Regiedebütant Yusuke Iwasaki für seinen ersten Spielfilm eine lange Lunte. Die repetitive Trostlosigkeit der Existenzen mag in ihrer ereignislosen Nüchternheit beunruhigen – und ja, AnyMart bleibt selbst unbeweglich und starr in der Schilderung tödlichen Starrsinns in einer Vorhölle aus Ordnung, die keinen Widerspruch duldet.

Der wohl bitterste Film des ganzen Slash Filmfestivals ist ein Spätzünder und wirkt mit einiger Verspätung erst so richtig nach wie Muskelkater. Als hätte man sich halb zu Tode geschuftet und wüsste gar nicht mal, wofür.

AnyMart (2026)

Digger (2026)

DER FLUCH DES WOHLSTANDS

8,5/10


Tom Cruise als Digger Rockwell im Film Digger
© 2026 Warner Bros. GmbH


LAND / JAHR: USA, MEXIKO, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

DREHBUCH: SABINA BERMAN, ALEXANDER DINELARIS, NICOLÁS GIACOBONE, ALEJANDRO GONZÁLEZ IÑÁRRITU

KAMERA: EMMANUEL LUBEZKI

CAST: TOM CRUISE, JOHN GOODMAN, RIZ AHMED, SANDRA HÜLLER, MICHAEL STUHLBARG, JESSE PLEMONS, SOPHIE WILDE, EMMA D’ARCY, PIP TORRENS, ROBERT JOHN BURKE, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN



Mit diesem Spaten, so wettert der superreiche Mineralölunternehmer Digger Rockwell vor Politik und Untergebenen in seinem trauten kleinen Eigenheim, haben seine Vorfahren in Texas den ersten Stich getan. Sie haben geschuftet und geschuftet und irgendwann sprudelte das schwarze Gold, womöglich kann man sich diese Szene vorstellen wie in Paul Thomas Andersons Gleichnis über Gier: There Will Be Blood. Bei Digger ist es nicht Blut, sondern Öl, und der Anfang einer Erfolgsgeschichte des fossilen Brennstoffes, wie sie bilderbuchartiger nicht sein könnte.

Das Glück ist eine Katze

Jetzt ist Digger aber zu weit gegangen, und da hilft auch kein Fuchteln mit dem Schaufel-Zepter. Das Bohren in den Meeresboden vor Grönland hat die natürliche Ordnung ins Wanken gebracht. Methan steigt an die Oberfläche, das Schelfeis nimmt Reißaus Richtung Nordeuropa. Welche Kacke ist denn hier am Dampfen? Kann dieser Morgen, an dem Alejandro González Iñárritus auf mehreren Metaebenen spielendes Opus Magnum beginnt, denn nicht noch katastrophaler beginnen?

Er kann. Denn die uralte Katze, die stellvertretend für ihre Art menschliches Leben glücklicher macht, ist kurz davor abzunippeln. Digger tut alles, was er kann, doch das Glück entgleitet ihm. Bald hat er die ganze Regierungs-Entourage einschließlich des schwer von Krebs gezeichneten US-Präsidenten, der lieber rote Knöpfe drückt als die Gebrauchsanweisung für einen Atomkrieg zu lesen, in seinem Palast vereint, um eine Lösung zu finden. Anzügliche Entgleisungen sind die Folge, doch wen schert’s. Es sind keine Frauen anwesend, denn die Welt wird vom Patriarchat regiert, das sich darüber kaputtlacht, wie wenig sich verändern will. Eine der treffendsten Szenen des ganzen Films.

Marcel Duchamp hat mal gesagt: Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt. Mittlerweile müsste man angesichts dieser Weltlage die Gleichung verneinen: Es gibt keine Lösung, obwohl es ein Problem gibt.

Die Wahrheit hinknallen

Die Lösung, das ist die Wahrheit. Das Problem, das sind wir. Äußerst unbequem, oder? Kein Wunder, dass Digger an den Kinokassen floppt. Wer will schon in den Spiegel blicken und dann erkennen, dass alles, was hier auch im realen Leben passiert, vorzugsweise eben der Klimawandel, der sich bis zur Katastrophe steigert, die Folge einer Beschwörung ist, die wir Wohlstand, Bequemlichkeit und Luxus nennen. Alles sollte so einfach wie möglich sein, oder vielleicht einfacher. Ein Umstand, von dem schon Albert Einstein abriet. Und dennoch regieren neben dem Patriarchat Angebot und Nachfrage die Welt, sonst nichts.

Auf Basis dieser Prämisse geht Digger in die Offensive. Tom Cruise verkörpert dabei mit schauspielerischem Enthusiasmus und mit der völlig bescheidenen Bereitschaft, nur ein Teil des großen Ganzen zu sein, ohne sich als Star hochzuspielen, den Parade-Amerikaner zwischen J. R. Ewing und Larry Flynt, der die ganze Erfolgsgeschichte der Vereinigten Staaten in sich vereint, nur um als Sündenbock zu enden für eine Spezies, die Verantwortung gerne abgibt.

Die Mega-Bühne für satirisches Vokabular

Iñárritu hat sich dabei weit von seinen stilistischen Anfängen entfernt und schon bei Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) begonnen, die opulente Satire als seinen Weg zu wählen, psychosozialen Wahnsinn theatralisch aufzubereiten. Sein auf Netflix veröffentlichter Film Bardo, die erfundene Chronik einer Handvoll Wahrheiten bedient sich bereits jenes Vokabular, das in Digger zu lesen ist. In peniblen, bühnenartigen Arrangements, die nicht nur an Wes Andersons detailverliebte Tableaus erinnern, sondern auch an die Endzeitstimmungen des schwedischen Tristesse-Künstlers Roy Andersson, der mit seinen Songs from the Second Floor mit Kritik am Katholizismus nur so um sich schlug, setzt der Mexikaner mehrere Akte einer fast schon göttlichen Komödie in Gang, die ihre größte Stärke gar nicht mal so im grotesken Spiel eines John Goodman oder eben Tom Cruise findet, auch nicht in den surreal anmutenden Bildern, sondern in Momenten sprachlicher Höchstleistung.

Jede Menge wahre Worte

Wenn das nicht irgendwann mal Kult wird, so wie der Monolog Edward Nortons in 25 Stunden von Spike Lee, dann weiß ich nicht: Wenn Digger im Europäischen Parlament das Wort an sich reißt und der ganzen regierenden Elite die Wahrheit entgegenknallt, und zwar Peng, Peng, Peng, dann trägt jedes einzelne Wort in dieser Ansprache ein so dermaßen kluges Resümee der Gesamtsituation in sich, wie es wohl keiner der aktuellen Politikerinnen und Politiker und schon gar nicht Greta Thunberg hätten formulieren können. Da wirkt selbst ein „How Dare You“ unerwartet blass.

Digger ist ein sprachlich geschliffenes Kunstwerk, und in seiner finalen Conclusio so clever, dass ich sie am liebsten spoilern würde, doch Gott behüte! Nach so einigen kleinen Wendungen, über die die Geschichte absichtlich stolpert, um das ganze globale Chaos in einen anderen Kontext der Wahrnehmung zu setzen, wäre am Ende statt Melanie Safkas What Have They Done To My Song auch Zarah Leanders Weltuntergangslied ideal gewesen.

Die Natur zum Feind erklären

Stanley Kubrick hat in den Sechzigerjahren im Gegensatz zu Iñárritu mit seiner schwarzen Satire Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben sowohl einen finanziellen Erfolg als auch einen Kritiker-Liebling vorgelegt. Beide Filme – dieser hier und Digger – sind sich ähnlich. Kubrick beschwor damals die Angst vor dem Atomkrieg während des Säbelrasselns der Supermächte. Im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts nimmt sich Iñárritu die menschengemachte Klimakrise und eine unterjochte Natur vor, die lieber als Feindin betrachtet wird als die sprichwörtliche behütende Mutter.

Warum nur diese Ablehnung für diesen Film? Kubrick hat sich für Dr. Seltsam in elitären Kreisen herumgetrieben, maximal hinunter bis zu den Piloten, die am Ende die Bomben werfen. Digger aber holt sich alle, führt die ganze Welt vor. Vom Präsidenten bis zum Publikum. Wenn es dabei doch nur etwas zu lachen gäbe! Schließlich ist das die einzige Methode, um mit dem klarzukommen, was man nicht ändern kann: Uns selbst.

Digger (2026)

Ghost in the Cell (2026)

DIE AURA BEIM TANZEN

7,5/10


Das Ensemble sucht Gelassenheit in Ghost in the Cell
© 2026 Come and See Pictures


LAND / JAHR: INDONESIEN 2026

REGIE / DREHBUCH: JOKO ANWAR

KAMERA: ICAL TANJUNG

CAST: ABIMANA ARYASATYA, ENDY ARFIAN, BRONT PALARAE, MORGAN OEY, LUKMAN SARDI, DANANG SURYONEGORO U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Schon allein der Titel dieses mutigen Genremixes beweist, wie weit Joko Anwar zu gehen bereit war, um eine Groteske zu erzählen, die ohne expliziten Horror genauso wenig funktionieren kann wie ohne Humor. Ertragen lässt sich die Schlachtplatte nur mit Augenzwinkern, doch Anwar geht weit über diese Anforderung hinaus.

Hier zwinkert nichts, sondern gebärdet sich gleich mit ganzem Körpereinsatz. Denn die Gefangenen in einem Knast irgendwo in Jakarta, die ohnehin mit all den üblichen Machtspielchen klarkommen müssen, sehen sich mit einer Entität konfrontiert, die wohl bei einem Metzger in die Lehre gegangen sein muss. Menschlichen Ursprungs sind diese Gewaltakte alle nicht mehr. Blut und Beuschel werden zur Kunst, die die leiderprobte Gemeinde vor Herausforderungen stellt, die nur mit Methoden zu bewältigen sind, die ganz und gar nicht in das Alltagsbild eines Männergefängnisses passen.

Zeig mir, wie du dich fühlst

Eine der Methoden ist der Tanz. Ich will dabei nicht zu viel verraten, doch eines muss ich erklären: Um des Schreckens Herr zu werden, bedarf es einer Herangehensweise, die wohl jeden Finsterling völlig vor den Kopf stoßen würde. Dabei ist diese Monstrosität, dieser Geist oder der Dämon in den Zellen selbst mehr oder weniger abhängig davon, wie sich ihre Insassen fühlen.

Da gibt es Wahnsinnige, Gewaltbereite, Resignierende oder Kollaborierende, die ihr Fähnlein nach dem Wind flattern lassen. Da gibt es Opfer und Täter, ungewählte Mafiapaten und deren Türsteher. Dieses Biotop kennen wir aus vielen anderen Filmen dieser Art – doch was Joko Anwar damit macht, beweist diebische Freude am Experiment.

Da ist was faul im Inselstaat

Anwar ist in Indonesien längst eine große Nummer. Das Land, oder besser den Inselstaat, kenne ich selbst recht gut, war ich dort doch immer mal wieder unterwegs, um zu fotografieren. Ich kenne die Mentalität der Bevölkerung, ihre Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Ich habe auch gesehen, wie viel Kahlschlag die Insel Borneo ertragen muss, um einen Profit zu garantieren, der vom Staat selbst gebilligt wird, nur um ordentlich abzukassieren.

Dabei geht es diesmal gar nicht um Palmöl, sondern um das wertvolle Metall Nickel. Diesen Raubbau macht Joko Anwar zum Thema, begleitet von einer unverhohlenen Kritik an einem korrupten Regierungssystem, das Menschenleben und Natur gerne mal dafür opfert, um den Staatshaushalt zu sanieren. All das – all dieser Missstand und die Begebenheiten in diesem Gefängnis, das als Bühne für den Staat im Kleinen steht – gibt dem Fantastischen in diesem Film genug Stoff, um ein Gleichnis zu schaffen.

Wie kann der Horror nur so lustig sein?

Anwar bleibt konsequent kritisch, hat Mut zur Anklage, aber auch Mut, sich über die Willfährigkeit und die Unterwerfung seines Volkes lustig zu machen. Ghost in the Cell ist eine satirische Groteske vom Feinsten, deftig und brutal in ihrer Ausdrucksweise, liebevoll und geradezu zärtlich in ihrem Witz sowie narrenfrei und selbstbewusst agierend, ohne dabei irgendeine der Figuren zum Kasper zu machen, über den man lacht.

Wenn man nach dem Grauen dann aber doch noch lachen kann, dann kann man nicht anders. Es nicht zu tun wäre wohl dem Umstand geschuldet, kein Blut sehen zu können. Lässt sich der rabiate Bodyhorror aber in den Kontext der ganzen Geschichte setzen, wird man feststellen, dass Anwar ein großer Komödiant ist. Einer, der die Situationskomik so sehr beherrscht wie seinerzeit Blake Edwards. Die Rechnung würde nur halb aufgehen, wenn sich das Ensemble zu schade dafür wäre, seine Rollenbilder aufzudröseln und konterzukarieren. Dabei ist die Methode des Tanzes eine im tatsächlichen Umgang mit Arrestierten erfolgreich erprobte. Die nimmt Anwar sich zu Herzen, um zu zeigen, wie Wut, Hass, Aggression und Resignation ein Schreckgespenst beschwören, das nur zerstören will.

Ghost in the Cell ist ein Präventiv- und Rundumschlag gegen maligne Energien, gegen ein manipulatives System und eine den starren gesellschaftlichen Mustern unterworfene Haltung. Es wäre nicht Anwar, würde er dabei nicht auch noch für dermaßen gute Laune sorgen. Da braucht man selbst nicht mal mehr zu tanzen. Es sei denn, man spürt den Drang dazu. Um abzuschütteln, was uns kaputtmacht.

Ghost in the Cell (2026)

Too Many Beasts (2026)

GALLIER UND IHRE WILDSCHWEINE

5/10


Alexis Manenti wittert Wildschweine in Too Many Beasts
© 2026 Polyfilm / Slash Filmfestival


ORIGINALTITEL: L’ESPÈCE EXPLOSIVE

LAND / JAHR: FRANKREICH 2026

REGIE: SARAH ARNOLD

DREHBUCH: SARAH ARNOLD, OLIVIER SÉROR

KAMERA: NOÉ BACH

CAST: ALEXIS MANENTI, ELLA RUMPF, VINCENT DEDIENNE, BERTRAND BELIN, JEAN-LOUIS COULLOC’H, XAVIER DE GUILLEBON, THIERRY GODARD, PASCAL RÉNÈRIC U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Der Mensch zu Besuch beim Wildschwein

Besucht man hierzulande in der Wienerstadt den in Kaiserzeiten gegründeten Lainzer Tiergarten oder fährt unweit des Urbanen nach Sparbach in den Wald, kann man sie aus nächster Nähe beobachten: Sus scrofa, weltweit bekannt als das Wildschwein und die Lieblingsspeise unseres Lieblingsgalliers Obelix, natürlich ohne Beilage.

Man betrachtet sie dort nicht hinter Zäunen, sondern mehr oder weniger frei in einem abgesteckten Areal. Geschützt sind sie obendrein – was man von den Verhältnissen in einer französischen Kleinstadt, die als Schauplatz des Filmes Too Many Beasts herhalten muss, nicht sagen kann.

Das Wildschwein zu Besuch beim Menschen

Hier sind einfach zu viele der grunzenden Wühler unterwegs, sie entern das Stadtgebiet und niemand kann ihrer Herr werden. Größtes Mysterium dabei ist die Frage, wie es zu dieser explosionsartigen Vermehrung, wie der Originaltitel schon sagt, kommen konnte. Einem der Bauern reißt dabei die Hutschnur und er macht Jagd nicht nur auf das Wild, sondern erschießt auch nebenbei seinen Gutsbesitzer, um daraufhin bei Nacht und Nebel zu verschwinden.

Einige Zeit später setzt Regisseurin Sarah Arnold den Fokus auf den aus Korsika stammenden, mehr oder weniger strafversetzten Fulda (Alexis Manenti, bekannt aus Les Misérables – Die Wütenden und Athena), den keiner in diesem Nest wirklich willkommen heißt. Auch muss sich Fulda psychologischen Sitzungen unterziehen, in denen er mit „Seelenklempnerin“ Stéphane aneinandergerät, zumindest vorerst.

Im Laufe der Ermittlungen rund um einen Mordfall, während derer sich wirklich alles und jeder gegen die Methoden Fuldas stellt, kreuzen sich die Wege der beiden immer öfter. Bis die Lage Teamgeist erfordert. Um aufzudecken, was in dieser Gegend und rund um den korrupten Bürgermeister, der seine Dinge dreht, lange Zeit vertuscht wurde.

Ein Provinzkrimi als fantastischer Film?

Too Many Beasts ist jetzt nicht gerade das, was man im Rahmen eines Festivals des fantastischen Films erwarten würde – auch wenn es ab und an den Anschein hat, dass ein an der Wand hängender Wildschweinschädel ein seltsames Eigenleben führt. Sarah Arnolds Film entpuppt sich als halbwitziger, manchmal ernster, aber nie wild mit den Spaltfüßen scheuernder Landkrimi, der wohl im Hauptabendprogramm häufig frequentierter Fernsehsender das Soll seiner Zuschauerzahlen erfüllen würde.

Im Kino ist Too Many Beasts zwar kurzweilige, aber unaufgeregte Routine, die gar nicht so große Lust hat, das Borstenvieh auch so in Szene zu setzen, dass es wirklich bedrohlich wirkt oder gar die Lebensweise der Kleinstädter sichtbar einschränkt. Erwartet hätte man sich vielleicht den einen oder anderen tierischen Charakter, der als grunzender Endboss allen das Fürchten lehrt. Doch wir sind nicht bei Herkules und dem Erymanthischen Eber, sondern in der französischen Provinz mit französischem Kleinbürgertum und diversen Verstrickungen, die für einen aufgeräumten Kriminalfall wohl ausreichen, aber wirklich nicht mehr als die Summe ihrer Teile sind.

Den Horizont erweitern

Kritik am Jagdeifer, ökologischer Aktivismus und Vorurteile gegenüber Zugereisten: Das alles ist Dekoration. Aber: Inmitten dieses Falls sorgt zumindest eine tatsächlich urkomische Ermittlungsszene in berauschtem Zustand für die einzig wirkliche dramaturgische Wende in diesem Film. Die kommt zwar erst spät, peppt den Lowtide-Krimi aber zumindest an der Oberfläche auf, um als Beginn einer wunderbaren Freundschaft enden, die vielleicht mehr ist als das ist.

Too Many Beasts (2026)