Bohemian Rhapsody

A ROCKY GLAMOUR PICTURE SHOW

7,5/10

 

bohemianrhapsody© 2018 20th Century Fox GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRYAN SINGER

CAST: RAMI MALEK, GWILYM LEE, JOSEPH MAZZELLO, BEN HARDY, LUCY BOYNTON, MIKE MYERS, AIDAN GILLEN U. A.

 

Is this the real life? Is this just Fantasy? Bei diesem kometenhaften Aufstieg einer Band aus vier völlig unterschiedlichen Charakteren lässt sich relativ leicht an ein Märchen glauben. Doch die Wahrheit ist: die musikaffinen Eigenbrötler mit ihrer ganz klaren Vorstellung von Sound und Performance-Kunst haben scheinbar von Anfang an alles richtig gemacht. Queen, wie sie sich nennen, war in der zweiten Hälfte der 70er in den 80er-Jahren wohl an Fans, Ruhm und Plattenverkäufen vielleicht nur noch von Michael Jackson zu toppen. Queen – die waren zu Lebzeiten schon Kult, und so richtig begonnen hat da alles mit dem völlig unorthodoxen Musik-Mysterium Bohemian Rhapsody. Kein Wunder, dass diese zeitlose Weltnummer titelgebend ist für Bryan Singer´s bunt bebilderten Ausflug in die Geschichte des Rock. Mir selbst war in den 80ern die Exaltiertheit eines Michael Jackson gefälliger, doch die einschlägigen Ohrwürmer kannte damals trotzdem jeder. Und tatsächlich – es kann auch gut und gerne sein, dass nach dem Filmgenuss von Bohemian Rhapsody der eine oder andere Gassenhauer zumindest eine Zeit lang nicht mehr aus dem Kopf geht.

Bei Bohemian Rhapsody die Füße stillzuhalten kostet eine geradezu körperliche Überwindung. Viel fehlt nicht und ein von den Stühlen erhobenes und den Beats verfallenes Kinopublikum weiß sich nicht mehr zu beherrschen. Dafür aber, um das zu vermeiden, hat Bryan Singer all die Tracks entsprechend verkürzt – oder sagen wir – kurz angespielt, um gleich wieder von der faszinierenden Trivia diverser Song-Making-Of´s überzuleiten auf Streiflichter aus dem Leben des Sängers Freddie Mercury. Diese sind, unter Rücksicht auf eine halbwegs gut konsumierbare Spielfilmlänge, entsprechend gestrafft. Anders ist so ein Drehbuch gar nicht möglich, und schon gar nicht, wenn die chronologisch erzählte Geschichte von Queen auch noch mit rein muss. Das ist schon alles sehr ambitioniert, und ich frage mich, ob der Fokus auf einen Meilenstein oder einen Aspekt der Biografie nicht viel besser gewesen wäre. Ursprünglich wäre das ja von diversen Schauspielern, allen voran Sacha Baron Cohen, ja auch so gewünscht gewesen – nämlich viel mehr auf das private Beziehungsumfeld Mercury´s einzugehen. Allerdings hätte dieser Ansatz leicht Opfer einer verunglimpfenden wie kolportagehaften Aneinanderreihung reißerischer Eskapaden werden können (warum sonst sollte man das machen wollen?), und davor wollten Gitarrist Brian May mitsamt der übrigen bzw. neuen Queen-Band das Erbe Mercury´s tunlichst bewahren. Da May auch selbst mitproduziert und wie es scheint sehr viel Mitspracherecht gehabt zu haben scheint, wurde aus dem lange erwarteten Musikfilm so etwas wie eine lehrbuchartige Retrospektive eines beeindruckenden Schaffens, dass universell präsentiert werden kann. Ein Film als schillernder Wegbegleiter zum Ruhm – der aber letzten Endes wider Erwarten zu einer relativ ernüchternden Erkenntnis führt.

Dieser Ruhm führt irgendwann zum Stillstand. Ist alles erreicht, die Erfolgswelle am Höhepunkt ihres Auftürmens zur ewigen Plattform all des Gelungenen manifestiert, wird dieser Traum zur schalen Routine. Queen, die hatten erfolgstechnisch wirklich alles. Wobei ich mich frage: ist es der Druck, dieses Level aufrechtzuerhalten, oder der Zenit des Erreichbaren, der Künstler oftmals scheitern lässt? Bands brechen auseinander, weil sie geschafft haben, was sie geplant hatten. Bei Queen wäre fast Ähnliches passiert, dabei ist die Band ohnehin stets eine jener Künstlergruppen gewesen, die mit dem Trend der Zeit gegangen sind, zwar manchmal Trends gesetzt hatten, aber niemals wirklich abgeneigt waren, beim Volk beliebte Stile auszuprobieren und zu variieren. Dennoch – die erfolgsmüden Vier hatten so ihre Krisen, eben weil sie, am Ziel angelangt, nicht wirklich weiterkonnten. So sehr Bohemian Rhapsody also dem artig erprobten Schema eines Biopic folgt – dieser Blick hinter die Bühne gelingt dem Film vorzüglich, und fast noch besser als der Blick auf Freddy Mercury´s Leben selbst.

Dafür bleibt fast zu wenig Zeit, der einnehmenden Person und Kunstfigur des in Sansibar geborenen Farrokh Bulsara, der sich selbst nie als Bandleader sah, wirklich gerecht zu werden. Dort, wo in aller Eile so lebensändernde Wendepunkte wie das Aus der Beziehung zu Mary Austin oder die Erkenntnis, an Aids erkrankt zu sein, zwar filmisch gekonnt, aber doch nur angerissen werden, findet Darsteller Rami Malek mit seiner Interpretation der Legende und mit der Intensität, mit welcher er den unverwechselbar agierenden Mann zum Leben erwecken will, einen fast schon zeitverzögernden Ausgleich. In manchen Szenen scheint vergessen, wer da wirklich vor der Kamera steht. Das geschieht aber erst, nachdem man sich an die Zahnprothese Maleks gewöhnt hat. Die könnten anfangs schon für die eine oder andere Ablenkung von der Geschichte verantwortlich sein. Spätestens aber, wenn Mercury seinen 80er-Schnauzer trägt, ist die Ähnlichkeit frappant – in Kombination mit all seiner balletartigen Performance auf der Bühne wird daraus das atemberaubende Erlebnis eines Lookalike-Triumphes, der den nächstjährigen Oscar-Goldjungen greifbar nahe rücken lässt. Ähnlich überzeugend war bisher eigentlich nur Angela Bassett im Tina Turner-Lebens- und Leidensbericht Tina – What´s love got to do with it, der dramaturgisch sogar um einige Mikrofonlängen gewiefter war. Diesen Lookalike gewinnt aber auch Brian May-Darsteller Gwilym Lee, der ganz so aussieht wie der echte Lockenkopf. Und wer Mike Myers im Film irgendwo widerentdeckt, darf einmal ganz laut Galileo schreien.

Obwohl man Bohemian Rhapsody der Musiknummer entsprechend vielleicht etwas experimenteller oder einfach nicht ganz so geordnet chronologisch hätte angehen können, bleiben letzten Endes die zeitlos genialen Kompositionen in Erinnerung, die da allesamt erklingen – und natürlich der nachgestellte Live-Aid-Mitschnitt, der bislang unentschlossen begeisterte Zuseher des Streifens in den meisten Fällen auch noch abholen wird. Dann gibt es kein Halten mehr, dann ist dieser Freddy Mercury tatsächlich auferstanden, dann tobt die Hütte und Radio Gaga erschallt nachhaltig in den Köpfen nicht nur der Fans. Bryan Singer´s hymnisches, aber keinesfalls verklärendes filmisches Denkmal an diese Koryphäen der Rock- und Popmusik ist eine Tribute-Show in wohlwollendem Rampenlicht und mit vibrierenden Boxen. Mit Karokostüm, Krone und rhythmischem Stampfen. Denn die Show, die muss ja schließlich weitergehen.

Bohemian Rhapsody

Captive

OB STAR ODER NICHT, HOLT MICH HIER RAUS!

4/10

 

captive© 2012 trigon-film.org

 

LAND: PHILIPPINEN 2012

REGIE: BRILLANTE MENDOZA

CAST: ISABELLE HUPPERT, MERCEDES CABRAL, COCO MARTIN, MARIA ISABEL LOPEZ U. A.

 

Michael Haneke´s Muse und Grande Dame des neuen französischen Films, Isabelle Huppert, soll nach eigenen Angaben selbst nicht so gewusst haben, ob die abgerissenenen Philippiner mit Kalaschnikow und keifendem Auftreten nicht doch echte Piraten sind. Um die Verwirrung der Darsteller noch zu unterstützen, hat sich Regisseur Brillante Mendoza mit der Wahrheit nur allzu gerne zurückgehalten. Was die unbequeme wie beklemmende Atmosphäre am Set naturgemäß eskalieren ließ. Diese Methode ist eine Vorgehensweise, die visionäre Filmemacher ans Ziel ihrer Vorhaben führt, ungeachtet der Tatsache, die eigene Crew unnötig psychisch zu quälen, nur um Emotionen hervorzukehren, welche die Glaubhaftigkeit des Erzählten bis zur unerträglichen Ernüchterung eines Tatsachenjournalismus hochschraubt. Auch diese Art von Handwerk kann Kino sein – erfüllt aber dabei keinerlei Mehrwert für den Betrachter.

Captive ist die Reality-TV-Version einer Entführung, basierend auf Tatsachen, die um die Ereignisse des 11. September stattgefunden haben, und wo selbst sogar deutsche Staatsbürger von der islamistischen Terrorgruppe der Abu Sayyaf verschleppt wurden. Damals, so kann ich mich erinnern, hat der libysche Diktator Muhammar Al Gaddafi die Geiseln freigekauft. Das Erschreckende an so einem Martyrium: die Ungewissheit der unmittelbaren Zukunft. Brillante Mendoza spielt diesen Albtraum bis zur Grenze des Erträglichen aus – und kriecht mit seinem nüchternen Dokumentarismus tief in die Eingeweide des Zuschauers. Captive mag zwar inmitten der Exotik des philippinischen Archipels spielen, immer wieder, wie einst Terrence Malick in Der schmale Grat, auf die versteckte Biodiversität tropischer Gefilde schielen – die akribische Buchführung des Elends aus Warten, Bangen, Hoffen und Verzweifeln holt sich aus der Fülle der Natur ringsherum nicht den geringsten Nutzen, quält sich von Lichtung zu Lichtung, während die Gefangenen immer mehr verfallen, schreien und sich dem Schicksal fast schon in apathischer Agonie fügen.

Viel Fantasie braucht man bei diesem Terrodrama nicht, um sich ganz genau vorzustellen, wie es wohl sein könnte, selbst Opfer eines solchen Überfalls zu werden. Leute, die sich das eigene Fernweh zerstören wollen, können Captive getrost ansehen. Liebhaber südostasiatischer Inselwelten könnten für einige Zeit genug davon haben, unter Palmen am Strand zu wohnen. Mendoza zieht die Wurzel der Reiselust zwar relativ schmerzhaft, dafür aber umso nachhaltiger. Sein Purismus aber ist Kino, das zwar bewusst auf Parameter für die große Leinwand verzichtet, sich aber durch seine schale Nüchternheit weder den Geiseln noch den Geiselnehmern annähert. Als hätte jemand das Jahr der Gefangenschaft mit seinem Smartphone gefilmt, ohne zu interagieren. Wie Big Brother ohne Werbeunterbrechung, ein Dschungelcamp mitten in der Wildnis, samt lästiger Insekten, allerdings stets unter dem Damoklesschwert des drohenden Todes, also somit etwas anders als das Trash-TV bekannter Privatsender, im Grunde aber ziemlich ähnlich. Mendoza´s Film entbehrt nicht eines gewissen Voyeurismus des Leidens, dass in den hysterischen Ausbrüchen Isabelle Hupperts seine nervtötende Vollendung findet. Jedenfalls konnte ich nicht umhin, mich leicht beschämt zu fragen, warum ich mir diese gequälten Personen aus der Schlüssellochperspektive denn überhaupt ansehen muss. Vielleicht, weil ich mir ein zweites Captain Philipps erwartet hätte – eines der packendsten Geiseldramen überhaupt, weil klug erzählt und künstlerisch versiert. Während Captive nicht mehr ist als ein scheinbar echtes Found Footage, in Wahrheit aber nachgestellt wie ein investigativer Lokalaugenschein vergangener Ereignisse, denen ich als Gaffer auch nicht wirklich beiwohnen muss.

Captive

Das schweigende Klassenzimmer

MUT ZUM UNGEHORSAM

8/10

 

DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER© 2017 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: LARS KRAUME

CAST: LEONARD SCHEICHER, ISAJAH MICHALSKI, ANNA LENA KLENKE, BURGHART KLAUSSNER, JÖRDIS TRIEBEL U. A.

 

Da herrscht einmal absolute Ruhe im Klassenzimmer, zur Freude frontalunterrichtender Lehrkräfte, und dann ist dieser Umstand auch wieder nicht in Ordnung. Wie denn nun? Auf Fragen jenseits des Pults in Richtung Schüler folgt ebenfalls keine Antwort. Jetzt wird es dann doch etwas seltsam, und das Ganze lässt sich nur mit gezieltem, absichtlichem Schweigen erklären. Gut, das kann man ja machen, zumindest heutzutage, in Gedenken an jemanden oder etwas, an einen ganz speziellen geschichtlichen Moment oder eben als Auflehnung. Die gegenwärtige Meinungsfreiheit duldet sowas, einer auffordernden Disziplin zum Trotz. Damals aber, in den 50er Jahren in Ostdeutschland, hinter dem Eisernen Vorhang und unter der Kuratel einer radikal-sozialen Exekutive, da ist ein Schweigen wie dieses der Anfang von etwas Bedrohlichem, zumindest für all die Genossinnen und Genossen, die da hinter ihren Schreibtischen aufpassen müssen wie die Haftelmacher, um Staatsfeinde oder staatsfeindliches Gehabe im Keim zu ersticken. Dumm nur für die Stasi, dass gerade zu diesem Zeitpunkt andernorts hinter den Stacheldrähten, Hämmern und Sicheln gerade der verlockende Aufstand geprobt wird. Genauer gesagt in Ungarn, wo bewaffnete Studenten gerade dabei sind, das kommunistische Regime zu stürzen. Solche Breaking News, wie sie aus dem ehemaligen Sissi-Königreich quer durch Europa hinausposaunt werden, die bleiben natürlich selbst in der abgeschotteten DDR nicht ungehört. Vor allem nicht, wenn jemand die Frequenz des „Feindes“ empfangen kann, womit der unmoralische Westen gemeint ist, und mit dem hier im Osten bei aller Freundschaft keiner was zu tun haben will. Wirklich nicht? Der gebildete Nachwuchs wird da hellhörig. Die Oberstufler und Intellektuellen, die haben ihre eigene Meinung, sind aber immer noch junge Wilde, die sich in ihrem Übermut und grünohrigem Enthusiasmus für eine Sache solidarisieren, für die es in einer Gesellschaft wie dieser zu dieser Zeit und an diesem Ort keinerlei Verständnis gibt.

1956 hat sich in einer Schule im damaligen Stalinstadt dieser im Film beschriebene Fall tatsächlich ereignet. Man könnte jetzt natürlich so etwas Ähnliches behaupten wie: „Denn sie wissen nicht, was sie tun“. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch. Die „jungen Wilden“, die das Ausmaß der latenten Bedrohung und der totalen Überwachung noch längst nicht ganz begriffen haben, waren zumindest fähig, die Welt um sie herum mit ihren eigenen Gedanken zu begreifen und so ein autarkes Gefühl für Gerechtigkeit, Moral und Humanismus zu entwickeln. Dabei stellt sich die Frage, wie denn all die Abiturienten überhaupt so ein selbstständiges Denken entwickeln konnten. Dazu muss man deren Elternhäuser näher betrachten, das soziale Umfeld, und bei manchen der jungen Querdenker lässt sich geheimes, wenn auch passives liberales Denken bei zumindest einem Teil der Erziehenden erahnen. Bei manch anderen wundere ich mich, doch letzten Endes ist es dann diese ungeplante Gruppendynamik, die einen Stein ins Rollen bringt, der das Konzept einer Zukunft aller Beteiligten radikal zerfetzt. Das ist in diesem als naiven Streich deklarierten, zweiminütigen Statement natürlich erstmal überhaupt nicht vorgesehen. Der trotzige Widerstand des gemeinsamen Akts wird zu einem aufwühlenden Drama des Bekennens, an dem nicht nur einige wenige daran verzweifeln werden.

ÜBER DIE SAAT DES UMBRUCHS

In Michael Haneke´s sozialpolitischem Psychogramm Das weiße Band waren die Auslöser für erstarkenden Terrorismus in einer vom Patriarchat geführten, diktatorischen Straferziehung einer Kindheit zu finden, die gar nicht anders kann als sich irgendwann aufzulehnen. In Das schweigende Klassenzimmer von Lars Kraume, einem Spezialisten für politische Visionen, Utopien und Sympathisant unbequemer Vernunftdenker (u. a. Der Staat gegen Fritz Bauer), ist die Saat für eine irgendwann in ferner Zukunft hinwegfegenden Revolution das individuelle Verständnis von Freiheit, Glück und der Menschenrechte. Die Klasse der Konterrevolutionäre, wie sie von Volksbildungsminister Lange (von erschreckendem Fanatismus: Burghart Klaußner) bezeichnet und damit gebrandmarkt wird, die nimmt den Weg eines in alle Einzelteile zerfallenden Niedergangs aus erzwungenem Verrat, Solidarisierung und Eifersucht bis hin zum Amoklauf und der Flucht in den Westen. Das schweigende Klassenzimmer ist ein so faszinierendes wie packendes Schülerdrama irgendwo zwischen Der Club der toten Dichter, Torberg´s Der Schüler Gerber und Philip Roth´s Empörung, nur mit einer deutlicheren politischen Stellungnahme, die seine Figuren aber keineswegs heroisiert, sondern eine zutiefst menschliche, psychologisch genaue Studie über den Unterschied zwischen eigenem und fremden Gedankengut, zwischen sehnsüchtiger Ideale und aufoktroyierter Ideologien formuliert. Kraume´s Film ist hervorragend erzählt, hätte aber womöglich längst nicht so eine Wirkungskraft, wenn Nachwuchsschauspieler wie Leonard Schleicher und Isaiah Michalski nicht so dermaßen aus sich herausgehen würden und spielen, als wären sie wahrhaftig Teil dieses erdrückenden Systems und dieser fatalen Situation. Michalski, der den labilen, zweifelnden Paul darstellt, und später mit der erschütternden Wahrheit über seinen Vater konfrontiert wird, agiert mit einer Intensität, der sich keiner entziehen kann. Überhaupt ist es, als befände man sich selbst in dieser Klasse, als wäre man selbst verantwortlich für diese Dilemma einer realen Dystopie, die zwar schon seit fast 30 Jahren Geschichte ist, in ihrem Totalitarismus aber jederzeit wieder hervorbrechen kann, in anderem Gewand, unter anderem Vorwand und an anderen Orten. Die Gedanken sind frei, und dann ist Schweigen mehr als tausend Worte wert.

Deutschland hat in diesem Jahr einen guten Lauf, was die Aufarbeitung der eigenen Geschichte betrifft – Das schweigende Klassenzimmer ist schon jetzt in seiner Brisanz und dem Mut zum Ungehorsam einer der denkwürdigsten deutschen Filme, die vor nicht mal einem halben Jahrhundert in manchen Teiles des Landes noch verboten gewesen wären.

Das schweigende Klassenzimmer

Ballon

GLÜCK AB, GENOSSE!

7/10

 

BALLON© 2018 STUDIOCANAL GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: MICHAEL BULLY HERBIG

CAST: FRIEDRICH MÜCKE, KAROLINE SCHUCH, JELLA HAASE, DAVID KROSS, THOMAS KRETSCHMANN U. A.

 

Gar keine Kalauer mehr? Wo sind denn Winnetouch, Captain Kork und all die anderen schräg-infantilen Parodien verschwunden, die Michael Bully Herbig immer so gut drauf hatte und mit welchen er Einspielergebnisse an den Kinokassen erzielt hat, die ihm erstmal jemand nachmachen muss. Ein Liebling der seichten Komödie also, mitsamt Blödel-Variete und schwulen Attitüden. Aber vielleicht war auch hier mal das Maß mehr als voll, die Pointen verbraucht und all die Witze ausgereizt. Vielleicht musste sich Michael Herbig einfach neu orientieren. Erkennen, dass das Spektrum der Unterhaltung mehr bietet als nur Schenkelklopfer und Mokassins. Dass das Medium Kino auch wirklich Geschichten erzählen kann, die nur darauf warten, neu oder wiederholt auf die Leinwand gebracht zu werden. Das hat Michael Herbig erkannt, sich wieder mal auf den personalisierten Klappstuhl des Regisseurs gepflanzt und einen Stoff inszeniert, den man vom Hofnarr der Nation wohl überhaupt nicht erwartet hätte. Sein jüngstes Werk ist ein handfestes Fluchtdrama, ein Stück Zeitgeschichte – ein Thriller, vom Leben geschrieben, und so unglaublich, dass man meinen könnte, die Story wäre für ein hollywoodkonformes Happy End entsprechend zurechtgebogen. Dem ist aber nicht so. Die Dinge, die hier passieren, all die Zufälligkeiten und das fast schon magische Glück, dass den Familien Streyzik und Wetzel bis zu den letzten paar Metern ihres waghalsigen Ballonfluges anhaftet, sind anscheinend alle tatsächlich so passiert. Und sind das Paradebeispiel einer Flucht, die sich viele verzweifelte Bürger überall auf der Welt wünschen würden, einschließlich eines Plans, der genauso so willensstark, akribisch und konsequent umgesetzt werden kann wie dieser. Dabei bin ich mir sicher, dass, würden wir in einem Multiversum leben, das Unterfangen tatsächlich nur in einem einzigen dieser Universen gelingen kann. Am Verblüffendsten an dieser True Story ist somit das Aufeinandertreffen so vieler zufälliger Parameter, die, auch wenn die Sache auf den ersten Blick schiefzulaufen scheint, dennoch den Best Case erwählen. So, als wäre der Wille zur Selbstbefreiung auch der Wille irgendeiner höheren Macht.

Und selbst wenn bei Ballon stets zur richtigen Zeit die richtigen Winde wehen, und es auch kein Geheimnis ist, welches Ende die Sache genommen hat  – die Spannung bleibt bei dieser Chronik einer Flucht aus der totalen Überwachung eines kommunistischen Regimes stets inhärent, die Enttarnung steht nicht nur einmal kurz bevor. Michael Herbig, der regietechnisch kein Neuling ist und neben seiner Bullyparaden zum Beispiel auch Jugendfilme wie Wickie und die starken Männer verfilmt hat, findet bei Ballon von der ersten bis zur letzten Minute den richtigen Takt. Und orientiert sich dabei, was die Aufarbeitung historischer Stoffe angeht, an Altmeister Steven Spielberg. Ballon wäre alleine schon thematisch eine Okkasion für den Dreamworker, und hätte man ihm das Drehbuch herangetragen, wäre die zweite Verfilmung nun ebenfalls us-amerikanischen Ursprungs. Die erste, die wurde bereits nur drei Jahre nach den Ereignissen realisiert, und zwar mit niemand Geringerem als John Hurt in der Rolle, die diesmal Friedrich Mücke inne hat – die des Peter Strelzyk. Mit dem Wind nach Westen hieß das Werk von Regisseur Delbert Mann (u. a. Ein Pyjama für Zwei).

Jetzt aber, im Jahr 2018, darf die mittlerweile fast schon zur Legende erhobene Ballonflucht als deutsche Produktion ordentlich an Höhe gewinnen, denn Michael Herbig ist womöglich einer jener Filmemacher, die nicht stur ihrem unreflektierbar genialen Stil folgen wollen, sondern auch mal den Blick schweifen lassen, zu anderen Kollegen der drehenden Zunft, um dabei durchaus Neues dazuzulernen. Input hat sich der Mann so einigen geholt – und das Ergebnis kann sich nicht nur in den technischen Bereichen wie Kamera, Schnitt und vor allem einem strategisch äußerst klug eingesetzten Score zur musikalischen Dramatisierung der Ereignisse sehen lassen, sondern auch in Szenen, die die Handgriffe spielberg´scher Suspense erkennen lassen. Oftmals locken Schlüsselszenen auf falsche Fährten, unterlaufen damit schwarzseherische Erwartungen und verblüffen dann wieder dort, wo das Schicksal bereits determiniert erscheint. Nicht anders hätte es das Vorbild aus Übersee gemacht, und womöglich auch nicht wirklich viel besser, denn zu bemäkeln gibt es bei Ballon rein gar nichts.

Auf Zug inszeniert, und das Gefühl von Anspannung, Zeitdruck und die nervenzehrende Ungeduld bis zum Tag X spürbar übermittelnd, hat Ballon auch ein Schauspielensemble zusammengetrommelt, dass durch die Bank überzeugend agiert. Thomas Kretschmann mit Siebziger-Schnauzer setzt seinen Kommissar mit perfider, scharfsinniger Arroganz in Szene, der zielstrebige Friedrich Mücke ist hinter seine Gesichtsbehaarung kaum zu erkennen. Auch die Nebenrollen, und nicht zuletzt die Jungdarsteller, konnten sich scheinbar gut in eine Situation hineinversetzen, in der es um Freiheit, Denunziation, Mitläufertum und den Wert der Familie geht. Um das Improvisieren für menschliches Grundrecht, um die Idee für scheinbar unmögliche Möglichkeiten. Ballon ist so ein Film, der gelernt hat, sein Potenzial gekonnt zu nutzen, um eine Schlagzeile zu erzählen, die für den unerschütterlichen Glauben an eine bessere Zukunft steht. Und bei Michael Herbig, da bin ich neugierig, was als nächstes kommt.

Ballon

3 Tage in Quiberon

SCHICKSALSJAHRE EINER SCHAUSPIELERIN

7/10

 

quiberon© 2000-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, ÖSTERREICH 2018

REGIE: EMILY ATEF

CAST: MARIE BÄUMER, BIRGIT MINICHMAYR, ROBERT GWISDEK, CHARLIE HÜBNER, VICKY KRIEPS, DENIS LAVANT U. A.

 

Sissi, Sissi, Sissi – jede Erwähnung des Namens ist wie ein Stich ins Herz. Romy Schneider´s Nemesis ist eine kindliche Kaiserin im Dirndl, verspielt und lausbübisch, Karlheinz Böhm an den Hals werfend und mit des Kaisers Mutter im Clinch. Angehimmelt von Josef Meinrad und händeringend zur Etikette angehalten von Mama Magda. Wer hätte das gedacht, dass Ernst Marischka´s Trilogie so nachhaltig traumatisieren kann. Dabei sind diese Filme handwerklich perfekt – über den Inhalt lässt sich sicher streiten, aber wenn Kitsch gut gemacht sein will, dann ist Sissi I – III wohl die ideale Vorlage für das autodidaktische Erlernen von romantischer Verklärung ganz anderer Wahrheiten. Sissi war für Romy Schneider sowas wie eine lästige Kinderkrankheit, der Inbegriff einer womöglich völlig zerrütteten Familiensituation. Der Name für ein Schicksal, welches man als Kinderstar wohl meistens aussitzen muss – und das nicht ohne Zuhilfenahme bewusstseinsverändernder Substanzen, die den Selbstwert pushen sollen. Und die das eigene Selbstmitleid tief ins Jammertal hineinführen.

Aus dem Jammertal kommt die in Frankreich wahren Ruhm erlangende Filmgöttin dann auch Zeit ihres Lebens nicht mehr heraus. Die Flucht in andere Identitäten bestimmt ihr Dasein, vom Mädchen in Uniform bis hin zu ihrem letzten Spaziergang in Sans Souci, alles Rollen, in denen Romy Schneider jede Faser ihres Daseins legt legt als ginge es darum, sich selbst rechtfertigen zu müssen. Teils enervierend hysterisch, teils fürchterlich leidend. Dazwischen die nicht viel andere Realität: Liebeskummer wohin man blickt, die Trennung von Alain Delon, der Selbstmord von Harry Meyen. Ertragen kann die bildschöne, von der Märchenkaiserin nun völlig abgenabelte Extravaganz in Person das alles nur mit Alkohol und Medikamenten. Die Hilfe von außen grenzt fast schon an Bemutterung. Alleine lassen kann man die Diva wohl niemals mehr wirklich lange. Davon kann Busenfreundin Hilde Fritsch einiges erzählen. Anfang der 80er besucht sie die auf Kur befindliche Drama-Queen im Küstenstädtchen Quiberon, um zufällig einem Interview mit dem Magazin Stern beizuwohnen, das im Laufe von drei Tagen – na sagen wir zwei, weil der dritte Tag beinhaltet nur mehr die Abreise – ordentlich ans Eingemachte geht. Allerdings auch, weil Romy Schneider hier ganz bewusst ihr Innerstes nach außen kehrt und einen Seelenstriptease hinlegt, den Journalist Michael Jürgs mit Handkuss entgegennimmt. Der Gossip-Schreiberling ist anfangs ein stoischer Unsympathler, undurchschaubar und von arrogantem Understatement. Ihm zur Seite ein alter Bekannter Schneiders, der Fotograf Robert Lebeck, der den Filmstar anhimmelt wie kein Zweiter. Freundin Hilde, gespielt von Burgschauspielerin Birgit Minichmayr, kann nicht glauben, was sie hört und sieht, wirkt reichlich genervt ob dieses Schwelgen in einem Elend, das an Selbstinszenierung grenzt und jede Menge Aufmerksamkeit auf sich zieht, was scheinbar auch gewollt ist, denn geliebt will sie ja werden, die Romy Schneider. Und gleichzeitig in Ruhe gelassen, womit sie wiederum noch mehr im Mittelpunkt steht als ihr lieb ist.

EINE ART BIOGRAPHISCHES KINO

Schauspielerin Marie Bäumer schafft es unter der Regie von Emily Atef tatsächlich, zur großen, abgestürzten, vergangenen Ikone zu werden. Um nicht zu sagen – Marie Bäumer ist Romy Schneider und führt von nun an die Benchmark an, wenn es darum geht, Romy Schneider zu verkörpern. Kolleginnen wie Jessica Schwarz oder Yvonne Catterfeld können das Feld räumen, da bleibt im Nachhinein nur das glänzende Schauspiel in weichgradigem Schwarzweiß in Erinnerung. Die Mimik, das Lachen, selbst die mit dezentem österreichischem Dialekt gefärbte Sprache Schneiders weiß Bäumer authentisch zu interpretieren. Da ist sie mindestens so kraftvoll und faszinierend wie Michelle Williams es einst war, in der biographischen Episode My Week with Marilyn als blonder Engel mit nicht weniger labiler Seele. 3 Tage in Quiberon sieht zumindest nach harter, aber längst nicht vertaner Schauspielarbeit aus, andauernd zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt hin und her zu rotieren, um dann wieder gelähmt vor lauter Weltschmerz verkatert im Bett dahinzuvegetieren. Doch die Würde, die nimmt sie ihrer darzustellenden Figur kein einziges Mal. Atef ist auf Romy Schneider´s Seite, auch wenn sie sie bemitleidet, auch wenn sie sie als kranken Menschen betrachtet, der verlernt hat, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Das Packen an eigenem Schopf und das Rausziehen aus dem Sumpf des Selbstmitleids ist ein abgefahrener Zug, eine Chance, die maximal durch die Auszeit von Film und Medien wieder geradegebogen hätte werden können. Romy Schneider will aber weitedrehen, sammelt sich wieder, strauchelt wieder – dabei steht ihr zu dieser Zeit, an dem das Stern-Interview und die legendären Fotos stattgefunden haben, ihr größter und vernichtender Schicksalsschlag noch bevor – der tragische Tod ihres Sohnes David.

3 Tage in Quiberon ist eine Art biographisches Kino, das so am besten funktioniert. Durch das Fokussieren eines öffentlichen Lebens auf einen Augenaufschlag lassen sich Persönlichkeiten grandios skizzieren. Da muss kein Filemacher eine ganze Curriculum vitae herunterspulen, die irgendwann ermüdet und sich auf keinen greifbaren Moment einlassen kann. Da reicht der Blick eines Zeitgenossen auf den begehrten Charakter, da reicht das Interagieren der Außenwelt mit dem Faszinosum im Elfenbeinturm für eine kurze Zeitspanne, um viel mehr zu erzählen als bei einem filmischen Nachruf. Atef gelingt, genauso wie Anton Corbijns gelungenem Künstlerfilm Life über die Begegnung eines Fotografen mit James Dean (großartig gespielt: Dane DeHaan), eine subjektive, kunstvolle Annäherung an eine abgründig anmutige Künstlerin, die Nähe verlangt und gleichzeitig unmöglich macht.

3 Tage in Quiberon

Spacewalker

SCHRITT INS LEERE

7/10

 

spacewalker© 2017 capelight pictures

 

LAND: RUSSLAND 2017

REGIE: DIMITRI KISSELJOW

CAST: JEWGENI MIRONOW, KONSTANTIN CHABENSKI, WLADIMIR ILJIN, JELENA PANOWA U. A.

 

Ich kann mich noch sehr gut an Ron Howard´s filmgewordenes Tatsachen-Abenteuer eines gescheiterten Mondfluges erinnern – Apollo 13 mit Tom Hanks und Bill Paxton, ein perfekt skizziertes Stück Zeitgeschichte, eine Hommage an all die Wagemutigen, die auf diesen verhängnisvollen Trip gegangen – und mit einer ganzen Meute an Schutzengeln wieder zurückgekehrt sind. Viel früher noch, im Jahr 1983, inszenierte der Filmemacher Philip Kaufman ein dichtes, über drei Stunden langes Epos zur amerikanischen Geschichte der Raumfahrt – Der Stoff aus dem die Helden sind mit Ed Harris und Sam Shepard. Ein epischer und höchst aufschlussreicher Film. Und in Kürze wird Ryan Gosling in die Rolle von Neil Armstrong schlüpfen, um endlich auch fürs Kino den Mond zu betreten, und zwar ohne Aliens, Klone und sonstiger Bedrohungen. Gosling wird einfach nur der Mann sein, der als erster den kleinen Schritt für sich und den großen für die Menschheit gewagt hat. Ein Werk, welches ganz oben auf meiner Watchlist steht.

In Anbetracht dieses kleinen kinematographischen Rück- und Ausblicks könnte man ja fast meinen, dass die Erkundung des Weltalls bislang ein rein amerikanisches Unterfangen war. Natürlich stimmt das nicht, das wissen wir. Natürlich war der Russe Juri Gagarin der erste Mensch im Weltraum. Vor ihm als erstes Lebewesen sogar noch Schäferhündin Laika. Von Aleksej Leonow und Pawel Beljajew haben bislang womöglich nur die wenigsten gehört. Da nehme ich mich nicht aus, da muss mir der Mikromann gar nicht erst auf den Schlips treten, das hätte ich auch nach reiflicher Überlegung nicht gewusst, zumindest nicht vor Sichtung des russischen Tatsachendramas Spacewalker.

Für alle, die sich für die Eroberung des Weltalls und überhaupt für den technischen Wettlauf zwischen den USA und der UDSSR im Fahrtwind des kalten Krieges interessieren, sei Spacewalker oder Die Zeit der Ersten, wie sich das perfekt ausgestattete Epos im Original nennt, fast schon als Pflichtprogramm ans Herz gelegt, vor allem auch, wenn eingangs genannte Filme Gefallen gefunden haben. Das, was der großzügig budgetierte Film erzählt, ist die Mission des im März 1965 ins All beförderten Raumschiffs Woschod 2. Die metallische Kugel mit ausfahrbarer Luftschleuse war das Sprungbrett für den ersten Allspaziergang des Homo sapiens. Dabei war der Spacewalk mehr ein Schweben im Nichts, angeleint an die schützende Hülle russischer Technik. Wie es so weit kam, und mit welchen Schwierigkeiten diese Mission zu kämpfen hatte, das beschreibt Regisseur Dimitri Kisseljow in handwerklicher Perfektion und steht alten Hasen wie Ron Howard dabei um nichts nach. Die True Story der beiden wagemutigen Piloten  hätte natürlich auch semidokumentarischer, schlüssig recherchierter Purismus werden können, doch das wäre für diese gleichsam unaufgeregte wie mitreißende Heldenverehrung wohl zu wenig großes Kino gewesen.

Spacewalker setzt Astronaut Leonow gezielt in den Fokus, blickt zurück in irrlichternde Fragmente kindlicher Erfahrungen, verklärt die Sehnsucht des kleinen Aleksej in teilweise surrealer Poesie. Dazwischen das zugeknöpfte, äußerlich stoische Weltraumkommando im russischen Ground Control, fiebernd, bangend und um Lösungen ringend. Den größten Impact aber erwirken die Szenen im Weltall, die an Gravity erinnern, und sogar das abschließende Kapitel nach dem Wiedereintritt in die Atmosphäre ist von verblüffender, unberechenbarer Dramatik, die sich in der eiskalten Wildnis Sachalins abspielt.

Spacewalker ist eine akkurate Geschichtsstunde der Kosmonautik in klassisch-chronologischem Aufbau, klug getimt, spannend und nachvollziehbar. Die Mission: Impossible dieser Ausnahmepioniere macht in seiner Detailtreue und narrativen Klarheit der geschilderten Ereignisse Lust auf die unmittelbare Terra incognita jenseits unserer Stratosphäre, mit all seinen Anstrengungen, den Moonboot in der Tür zu lassen. Science-Fiction auf der Habenseite, ganz so, wie sie früher einmal war – und längst schon sich selbst überholende Realität ist.

Spacewalker

Der Himmel wird warten

REKRUTEN FÜR DEN GOTTESSTAAT

7/10

 

himmelwirdwarten© 2017 Neue Visionen

 

LAND: FRANKREICH 2016

REGIE: MARIE-CASTILLE MENTION-SCHAAR

MIT NOÉMIE MERLANT, NAOMI AMARGER, SANDRINE BONNAIRE, CLOTILDE COREAU, ZINEDINE SOUALEM U. A.

 

Der IS, die Sekte des Terrors, fehlgeboren aus der Religion des Islam, arbeitet mit den gleichen Mitteln wie alle anderen radikalen Vereine, die so tun, als würden sie eine Religion vermitteln: mit Gehirnwäsche, werbewirksamer Verführungskunst und Lügen, die einzig darauf abzielen, Ängste zu schüren. Im Grunde wirbt der IS wie seinerzeit der Katholizismus mit der Absolution durch den Ablasshandel. Was hätten diese geld- und machtgierigen Bonzen damals nur alles Erdenkliche noch tun können, wären sie durch soziale Medien wie Facebook oder YouTube vertreten gewesen? Die damals relativ leichtgläubige, furchtsame und vor der Obrigkeit devote Welt wäre dem Papst noch mehr zu Füssen gelegen als es tatsächlich der Fall war. Erzählen lässt sich schließlich viel, auch das Blaue vom Himmel mit all seinen Jungfrauen. Und die Hölle, die gibt es immer noch. Aus dem Konzept gerissen erscheinen diese Methoden ziemlich lächerlich – gelingt es aber, den noch formbaren Geist eines jungen Menschen an den Angelhaken perfider Manipulation zu bekommen, wird es erst richtig gefährlich. Genau davon berichtet Mention-Schaar´s Film über die Krümmung des guten Willens und das Brechen junger Seelen.

Dabei erzählt Der Himmel wird warten zwei Geschichten, die erst am Ende das Missing Link zueinander sichtbar machen. Die ineinander verwobenen Episoden schildern detailliert die Radikalisierung eines französischen Teenagers in eine Islamistin, die sich nur zu gerne für einen Einsatz in Syrien rekrutieren lässt. Auf der anderen Seite sehen wir eine Metamorphose in die andere Richtung, von der Resozialisierung in ein normales Leben. Die Mechanismen, die für beide Richtungen jeweils angewandt werden, sind erstaunlich gut extrahiert. Blickt man in die Abgründe sowohl während der Befreiung aus einer verzerrten Realität als auch während der Vergiftung des Geistes durch den Fanatismus islamistischer Rattenfänger, lassen sich für einen Außenstehenden Warnsignale gut erkennen und abgrenzen. Für einen Gefangenen inmitten diffuser Wahrheiten, die nichts als Propaganda sind und als Fake News auf den ersten Blick logisch erscheinen mögen, ist die Abgrenzung vor dem „Bösen“ leichter gesagt als getan.

Der Himmel wird warten basiert lose auf dem Buch der Sozialpsychologin Dounia Bouzar (die auch im Film sich selbst spielt) und ist ein Pflichtprogramm für Schulen rund um den Erdball. Klar auch, dass dieses Lehrstück über Manipulation aus Frankreich kommt, hat dieses Land nicht genug Scherereien mit den scheinbar wahllos wie Metastasen aufpoppenden Terrorismus, der Stadt und Land in Angst und Schrecken versetzt hat. Doch nicht nur Frankreich, auch Österreich hat das eine oder andere Opfer vom Kreuzzug in den Nahen Osten abhalten können – manche wiederum nicht. Der vorliegende Film ist brisanter denn je, und so geradlinig und edukativ in seiner Szenenwahl, dass sich Schülerinnen und Schülern richtigen Alters die faschistoiden Mechanismen nicht nur im Moment, sondern auch merkbar für die Zukunft sonnenklar erschließen. Der Himmel wird Warten ist eine Präventivmaßnahme fürs Kino und für den Fernseher aus dem Lehrerzimmer. Ein Film, der gezeigt werden muss, gefährliches Denken im Ansatz ersticken kann oder gar nicht gleich aufkommen lässt. Anfang der Achtziger war es der semidokumentarische Sekten-Film Ticket to Heaven mit Kim Catrall und Saul Rubinek, der das Leben nach der Gehirnwäsche präzise schildert. Nicht zu vergessen Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Die schonungslose Drogenstory nach Tatsachen war zu meiner Schulzeit das Aufklärungskino schlechthin. Zwar manchmal notwendig reißerisch, dafür aber Mittel zum Zweck. So und nicht anders funktioniert das Medium Film, wenn es einen Bildungsauftrag erfüllen muss. Und dieser Auftrag besteht. Auch dafür muss Kino eine Plattform sein.

Der Himmel wird warten

BlacKkKlansman

DER KUCKUCK IM KU-KLUX-KLAN

5/10

 

BlacKkKlansman© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: SPIKE LEE

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ADAM DRIVER, LAURA HARRIER, TOPHER GRACE, JASPER PÄÄKKÖNEN, ALEC BALDWIN U. A.

 

Als Ron Stallworth im Polizeikommissariat Colorado Springs, Abteilung Undercover-Ermittlungen, nach einem Blick in die Tageszeitung zum Hörer greift und auf eine plötzliche Eingebung hin die Nummer des Ku-Klux-Klans wählt, unterliegen nicht nur die Kinnladen der Filmkollegen der Schwerkraft. Dieser Ron Stallworth, der ist nämlich ein Afroamerikaner. Einer der wenigen, die zu dieser Zeit überhaupt in staatliche Dienste gestellt werden, noch dazu sichtbar für das latent rassistisch geprägte amerikanische Volk der Weißen, die damit wenig anfangen können und wo verdeckte Ermittlungen grandios funktionieren, weil einfach niemand damit rechnet, das Schwarze im Umfeld potenzieller Gefahrenquellen herumschnüffeln könnten. Diese einmalige Gelegenheit, die lässt Ron Stallworth nicht verstreichen. Und landet schon alleine mit seinem unverschämten Anruf beim lokalen Gruppenleiter der Kapuzen-Rassisten eine schallende Ohrfeige auf den Wangen Reinheitsgebot predigender Herrenkrieger.

Mit diesem Stoff hat sich Kultregisseur Spike Lee etwas ganz Brisantes ausgesucht. Diese True Story, die sich in den 70ern ereignet hat und auf den Erinnerungen des echten Stallworth beruht, ist kaum zu glauben und schreit danach, vor allem in Zeiten wie diesen verfilmt zu werden: Ein Schwarzer infiltriert und unterwandert das superrechte Lager und gibt ale eine Art „Till Eulenspiegel“ mit Afro den kleinkarierten Unfug der Möchtegern-Arier der Lächerlichkeit preis. Dieses Kunststück der Entlarvung wäre wohl nicht gelungen, hätte Ron Stallworth nicht Kollegen an seiner Seite gehabt, die bei diesem präventiven Schildbürgerstreich mitgespielt hätten. Dank des Juden Flip Zimmerman erschaffen die Undercover-Experten eine fiktive Figur echten Namens, die sowohl vor als auch hinter dem Telefon funktioniert und selbst den nationalistischen Abgeordneten und Oberguru David Duke aufs schneeweiße Glatteis führt.

Wie sehr doch Spike Lee die Möglichkeiten dazu gehabt hätte, den rechtsradikalen Ku-Klux-Klan mithilfe des aufblätternden Witz eines Charlie Chaplin als haltloses Ad-Absurdum-Vehikel darzustellen. Doch die Wut und die Furcht des Filmemachers konnten einfach nicht dulden, der erlebenswerten Realsatire ganz allein das Feld zu überlassen. Spike Lee wollte ein politisches Statement verkünden, dass er aber als Understatement ohnehin schon gehabt hätte. Lee macht es letzten Endes wie Michael Moore – er wird populistisch, und stiehlt durch seinen Populismus seiner intelligenten Chronik der Ereignisse voller Länge die Show. Hätte es die Realszenen am Ende des Filmes zu den Ereignissen des August 2017 wirklich gebraucht? Oder Harry Belafonte´s (welche Überraschung, ihn nochmals auf der Leinwand zu sehen) Chronik der Hinrichtung eines geistig behinderten Schwarzen? Meiner Meinung nach nicht. Meiner Meinung nach fühlt es sich so an, als hätte Spike Lee auf den Zündstoff seiner subversiven Beinstellerei letzten Endes nicht mehr vertraut. Und so soll im Nachhinein die Angst vor Trump und den gewalttätigen Rechten jene Wirkung erzielen, die eigentlich Stallworth als Wolf im Schafspelz hätte erzielen sollen. Dieser Semidokumentarismus, der wäre in Filmen wie Detroit von Kathryn Bigelow besser positioniert gewesen. Aber nicht in einem Film wie BlackkKlansman, der ohnehin ein gebildetes, linksorientiertes Publikum zu erwarten hat, das längst weiß, wie sehr das rechte Nationalbewusstsein derzeit neu erstarkt. BlackkKlansman hätte mit all seiner souveränen Hinterfotzigkeit das Problem von einer ganz anderen, überraschenden Seite anpacken können – nämlich aus der Mitte heraus, wie ins Auge des Sturms teleportiert, und nicht frontal und für alle sichtbar von außen.

BlacKkKlansman ereignet sich vor dem Hintergrund der Black Power-Bewegung. Doch von Power ist der Film weiter entfernt als gedacht. Lee erzählt die irren Ereignisse in einem scheinbar contraindizierten Chill-Modus. Das entschleunigte Tempo bewahrt zwar einen lässigen Überblick, findet aber im Gegensatz zu den anklingenden Soulklassikern kaum einen eigenen Rhythmus. Dieser folglich unentschlossenen Ambition für den Film und des streckenweise verhobenen Timings fallen auch Hauptdarsteller John David Washington und Adam Driver zum Opfer, die natürlich als Undercover-Profis alles andere als wütend, dafür aber von einer gewissen entrückten Gelassenheit beseelt sind, die dem Film noch dazu einiges von seiner eigentlich elektrisierenden Wirkung nimmt. Im Gegensatz dazu gebärden sich die radikalen Sektierer des Ku-Klux-Klans in beängstigendem Fanatismus, allen voran Vikings-Darsteller Jasper Pääkkönen. Vielleicht sollen sogar die unterschiedlichen Verhaltensmuster die Kluft zwischen Absurdität und Verstand stark konstrastieren – die motivierende Energie der Aufklärer fällt allerdings seltsam schal aus.

So muss ich trotz der vielen hochlobenden Kritiken, die zu BlacKkKlansman zu lesen waren, eher enttäuscht feststellen, dass Spike Lee seiner sarkastischen Demaskierung eines so kruden wie zerstörerischen Weltbilds selbst nicht ganz vertraut und dort politische Tagungsreden schwingt, wo cleveres Understatement mit ordentlichem Nachhall für sich allein Bände gesprochen hätte.

BlacKkKlansman

Vor uns das Meer

MÜNCHHAUSEN STREICHT DIE SEGEL

7,5/10

 

VOR UNS DAS MEER© 2018 STUDIOCANAL GmbH

 

ORIGINAL: THE MERCY

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: JAMES MARSH

MIT COLIN FIRTH, RACHEL WEISZ, DAVID THEWLIS, KEN STOTT, MARK GATISS U. A.

 

Das Subgenre des nautischen Kinos hat bereits so einige sehenswerte Werke vorzuweisen, die noch dazu meist auf Fakten beruhen. Da brauchen die Masterminds am Drehbuch gar nicht mal wirklich viel brainstormen, die Geschichten der privat motivierten Abenteurer, Entdecker und Aussteiger müssen nur gut recherchiert werden, da findet sich einiges. Zum Beispiel – und vielleicht sogar noch im Kino zu sehen: die True Story eines jungen Paares, das nach einem Sturm so ziemlich verloren in den Weiten des Pazifiks herumschippert. Shaileene Woodley gibt da in Die Farbe des Horizonts eine überzeugend verzweifelte Performance ab. Noch nie allerdings hat das Kino eine Geschichte erzählt wie in Vor uns das Meer, inszeniert von James Marsh, der bereits mit Die Entdeckung der Unendlichkeit Eddie Redmayne alias Stephen Hawking zum Oscar verholfen hat. Das britische, konventionell erzählte Drama in stimmigem 60er-Jahre-Kolorit ist längst nicht nur ein Abenteuerfilm, und schon gar kein Survival-Drama. Der im Original als The Mercy betitelte, biographische Streifen ist so tragisch wie faszinierend, und wenn die Geschichte nicht wahr wäre, dann wäre sie eine brillant erfundene Ballade auf falschen Stolz, abstrakter Sehnsüchte, Ruhm und den Horror medialen Drucks.

Colin Firth, der wohl distinguierteste Gentleman im Promipool des britischen Kinos, spielt in diesem Abgesang auf den Seemann, der das Träumen lieber lassen hätte sollen, den Erfinder und Geschäftsmann Donald Crowhurst, dreifacher Vater und liebevoller Ehemann, der im Grunde ohnehin alles realisiert, was ihm durch den Kopf geht, und stets noch mehr will, vielleicht um sich selbst oder den anderen zu beweisen, was für ein sagenhafter Virtuose des Alltags er doch nicht ist. Aber was heißt Alltag – Crowhurst will den Absprung aus dem Hamsterrad wagen und bewirbt sich für eine Segelregatta rund um den Erdball, die noch nie Dagewesenes menschenmöglich machen soll: Nämlich die Umrundung der Welt ohne Landgang. Crowhurst ist die Teilnahme an der schon theoretisch schweißtreibenden Challenge nicht genug – er lässt auch sein eigenes Boot bauen. Und immer ist noch nicht genug. Der verträumte Idealist mit dem Geltungsdrang eines Superhelden lässt sich von der Presse hofieren und verpfändet für die Finanzierung seines Traumes sogar Haus und Hof. Kleine Notiz am Rande: Der unruhige Tausendsassa hat als Seemann und Nautiker nicht die geringste Erfahrung. Und so tritt er eine Lawine aus Sensationslust, Erwartungen und Versprechungen los, aus dem es bald kein Entrinnen mehr gibt. Sponsoren und Gläubiger steigen dem kurz vor Abfahrt kneifenden Crowhurst ordentlich auf den Schlips. Die geweckten Hunde, die den Schlitten ziehen sollen, beginnen plötzlich zu beißen. Erfolg oder Untergang, heißt das sofortige Dogma. Nur die Familie, die bangt auf der Seite des Biedermanns, der sich wie Ikarus gnadenlos selbst überschätzt und höher fliegt, als die legendären Wachsflügel es erlauben.

Was folgt, ist die bittere, selbstzerfleischende Chronik eines siegeswilligen Münchhausen, der letzten Endes der Wahrheit ins Auge sehen muss, sei es aus Stolz oder Feigheit. Die Quadratur des Äquators ist aber etwas, was sich nicht verbiegen lässt, und so verharrt der verblendete Anti-Abenteurer in einem Fegefeuer, in dem es kein Vor und kein Zurück mehr gibt. Colin Firth liefert nach seinem bravourös stotternden Auftritt als britischer Monarch mit dem gescheiterten, von allen Göttern verlassenen Lügenbaron seine bislang beste Performance ab – die Angst, Panik, Hoffnungslosigkeit und die Gier nach einem Rettungsanker, der sich als quälende Fata Morgana der Erfüllung darstellt, steht Firth jede Sekunde ins Gesicht geschrieben. Ebenso die Überforderung, der Irrsinn, die schlussendliche Leere wie Lehre. die der einsame Mann aus seinem Handeln ziehen muss. Eine Story wie von Ernest Hemingway, ein Gleichnis wie aus der griechischen Mythologie, ein Requiem auf das Prinzip Abenteuer. Wer wagt, gewinnt also auch nicht immer.

Vor uns das Meer

Die Frau, die vorausgeht

MALEN FÜR DAS VÖLKERRECHT

5/10

 

WWA_D05_00474.ARW© 2017 Tobis Film

 

ORIGINAL: WOMAN WALKS AHEAD

LAND: USA 2017

REGIE: SUSANNA WHITE

MIT JESSICA CHASTAIN, MICHAEL GREYEYES, SAM ROCKWELL, CIARÁN HINDS, MICHAEL NOURI U. A.

 

Habt ihr jemals etwas von Caroline Weldon gehört? Ich zumindest nicht. Die New Yorker Witwe mit Schweizer Wurzeln war Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine einmalige Erscheinung. Eine Künstlerin, um genau zu sein eine Malerin, doch das wäre nicht das Bemerkenswerte an dieser Frau – Caroline Weldon ist in die Wildnis gezogen, weit nach Westen in die Prärie, um den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull zu portraitieren, oder besser gesagt das, was von ihm übrig ist. Tot ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, die glorreichen Tage allerdings sind lange vorüber. Bei Sitting Bull knüpfe ich mit meiner Geschichtskenntnis wieder an. Das wissen wir – nämlicher Häuptling hatte damals gemeinsam mit Crazy Horse General Custer das Fürchten gelehrt. Die Schlacht am Little Bighorn 1876 war wohl die größte Niederlage der Weißen während der Indianerkriege. Die Folge war die Ermordung aller beteiligten Stammeshäuptlinge – bis auf Sitting Bull. Der hat seine traditionelle Tracht gegen westliche Gewänder getauscht und gräbt lieber nach Kartoffeln als nach den Wurzeln seines Stammesstolzes.

Dass gerade eine Frau hier noch das letzte bisschen Selbstachtung aus dem legendären Krieger hervorholt, ist Grund genug, darüber einen Film zu drehen. Vor allem weil mit dem Damenbesuch im Reservat der Anfang vom Ende der Sioux eingeleitet wurde. Dieses Requiem an die indigene Bevölkerung Nordamerikas, diese schmerzliche Entwurzelung – die hätte allerdings deutlich packender werden können. Regisseurin Susanna White, die schon mit dem Spionagethriller Verräter wie wir eigentlich hauptsächlich aufgrund der schalen Performance Ewan McGregor´s nicht überzeugen konnte, hat sich die toughe Jessica Chastain in die staubige Weite der Lakota-Territorien geholt. Mit ihr und Oscar-Preisträger Sam Rockwell am Start dürfte relativ wenig schiefgehen, zumindest schauspielerisch. Chastain hat allerdings leider nicht das Charisma eines so offenherzig impulsiven Gutmenschen wie Caroline Weldon einer war. Eher ist die rothaarige Intellektuelle für charakterliche Grauzonen geeignet – kühl, berechnend, stets ein As im Ärmel, tief drinnen aber ungemein verletzbar. Die Malerin aus New York gelingt ihr nur bedingt, spitzenbesetzte Kleider und eng geschnürtes Mieder will sich die Damen nach Drehschluss am Liebsten schleunigst vom Leib reissen. Ihr zur Seite die große Sioux-Legende, mit Michael Greyeyes viel zu jung besetzt. Gut. Sitting Bull wurde knapp 60 Jahre alt, dennoch strahlt dieser Häuptling hier in White´s Film wie es scheint keinerlei Erfahrung aus. Fast könnte man meinen, die Malerin und ihr Model sind gleichen Alters, was so wahrscheinlich nicht stimmt.

Da Die Frau, die vorausgeht meist Szenen präsentiert, die Chastain und Greyeyes im Dialog miteinander darstellen, fehlt dem Film vollends die Gewichtung dieser Begegnung, die Erfahrung und Entbehrung dahinter. Die Begegnungen der beiden sind so oberflächlich wildromantisch wie die idealisierten Malereien, die zu dieser Zeit entstanden sind. Sobald die Geschichtsstunde aufs politische Podest gehoben wird, überwiegen die völkerrechtswidrigen Fakten vor traditionellem Wildwest-Charme, dann folgt die Aufklärung und das garstige Bild der weißen Invasoren von damals, die das Desaster am Little Bighorn so vernichtend rächen mussten. Davon zeugt das Massaker an den Lakota-Indianern in der Ortschaft Wounded Knee 1890.

Der Wucht dieses Genozids weiß Susanna White´s Film nichts entgegenzusetzen, weder einzufangen noch zu ertragen. Dagegen wirkt die gut betuchte Volksaktivistin Weldon trotz all ihres Engagements ziemlich neben den Ereignissen stehend, so wie unterm Strich der ganze Film, der lieber in nostalgischer Wehmut schwelgt. Was vielleicht prinzipiell gar kein Fehler ist, in diesem feministischen Polit-Western aber extrem hausbacken daherkommt.

Die Frau, die vorausgeht