Die progressiven Nostalgiker (2025)

LIEBLING, WIE SPÄT IST ES?

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: C’ÉTAIT MIEUX DEMAIN

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: VINCIANE MILLEREAU

DREHBUCH: JULIEN LAMBROSCHINI, VINCIANE MILLEREAU

KAMERA: PHILIPPE GUILBERT

CAST: ELSA ZYLBERSTEIN, DIDIER BOURDON, MATHILDE LE BORGNE, AURORE CLÉMENT, DIDIER FLAMAND, MAXIM FOSTER, ROMAIN COTTARD, BARBARA CHANUT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Dieser Film ist ein Albtraum für alle, die in den Traditionen eine gewisse Notwendigkeit sehen, und in dieser Notwendigkeit beständige Werte, die man nicht überdenken darf. Die progressiven Nostalgiker von Vinciane Millereau (im französischen Original heisst es übersetzt: Morgen war es besser) zeigt eine werbewirksame, urban-europäische Welt aus den Fünfzigern mit Normen, die rechtskonservative Denker gerne zurückhaben wollen. Was das beinhaltet? Weniger Rechte für Frauen, vielleicht auch gar kein Wahlrecht, wer weiß? Selbige hinter dem Herd, während der Mann das Geld beschafft, arbeiten geht, fesch verschnürt mit Anzug und Krawatte. Daheim macht das Heimchen alles, was im Haushalt eben zu tun ist. Von Wäschewaschen über Putzen bis hin zu Kochen, und wenn der Göttergatte dann nachhause kommt, müde von der Büroarbeit, dann stehen die Pantoffel parat, das Essen auf dem Tisch, und bedient wird der Mann dann obendrein. So eine Familie sind die Dupuis, und Ehefrau Hélène fügt sich, weil sie auch nichts anderes kennt. Es fügt sich auch Ehemann Michel, doch worüber sollte er sich schon beschweren?

Waschmaschine statt DeLorean

Plötzlich ist Töchterchen Jeanne schwanger, ohne geheiratet zu haben. Dazu noch vom Nachbarsjungen! Was tun in so einer regressiven, verknöcherten Welt, die uneheliche Kinder nicht duldet? Natürlich, Zwangsheirat! Doch bevor es so weit kommt, spielen eine gewisse gewonnene Waschmaschine und der Stromkreis tragende Rollen. Mit dem nötigen Quäntchen Energie werden Hélène und Michel in eine andere Zeit katapultiert, und zwar mehr als sechzig Jahre in die Zukunft. Und alles ist dort anders. Wie verträgt sich so ein obsoletes Mindset mit den liberalen Errungenschaften einer Menschheit, die sich trotz aller Widerstände weiterentwickelt hat und die individuelle Freiheit feiert? Am meisten leidet Patriarch Michel, während er einen Weg bestreitet, der irgendwann die Nostalgie aus seinem kleinkartierten Weltbild vertreiben soll.

Den Männern bleibt aber auch gar nichts mehr

Als eine Art possierliches Zurück in die Zukunft könnte man diese clevere Boulevardkomödie bezeichnen, nur ohne eines abenteuerlichen Plots, der die eigene Existenz, in diesem Fall jene von Michael J. Fox, gefährdet hätte. In Robert Zemeckis‘ Komödie sind die Rollenbilder von damals weniger Thema, vielleicht auch, weil die Achtziger auch noch nicht reif dafür waren, um den Status Quo zu überdenken. Im Jahre 2025 sieht die Sache schon ganz anders aus, da fährt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau wie ein Stellwagen ins Gesicht des Betrachters. Wenn Michel, knautschig-desperat dargeboten von Didier Bourdon, seine unverdienten Privilegien verliert, kann man fast schon Mitleid haben.

Am charmantesten ist die Komödie, wenn das Fünfzigerjahre-Ehepaar mit der neuen Welt konfrontiert wird; wenn sie beide ein Codewort zurechtlegen müssen, das „Wie spät ist es“ lautet, und jedes Mal gesagt wird, wenn beide das Wunder des wandelbaren Fortschritts nicht mehr einfach so hinnehmen können. Vinciane Millereau, die auch am Drehbuch mitschrieb, konzentriert sich bei ihrer Arbeit auf allerlei Details, die zur Sprache gebracht werden müssen. Es sind weniger die technologischen Errungenschaften wie elektrische Zahnbürsten, Eiswürfelautomaten oder Computer, auf die es hier ankommt. Seine aufgelegte Situationskomik verlässt der Film dann, wenn es um den Feminismus geht – um gleichgeschlechtliche Liebe, um Karriere, um den Wechsel vom Bürohengst zum Hausmann. In Die progressiven Nostalgiker scheint es, als wäre man am Zenit, was die Gleichberechtigung betrifft, doch in Wahrheit sind da immer noch Meilen voraus.

Ohne das Dazwischen

Verzweifeln, so meint die Komödie, darf man dabei nicht, wenn man sieht, was da noch vor einem liegt. Denn setzt man das Damals und das Heute ohne das Dazwischen nebeneinander, wie der Film es tut, wird deutlich, welch weite Strecken die Gesellschaft seit damals schon zurückgelegt hat. Das zu erkennen macht Freude. Zu sehen, wie die Selbstverständlichkeit des Patriarchats zerbröselt, weil Perspektiven verändert werden müssen, ist wahrlich progressiv. Die Nostalgie hat dabei nichts mehr zu melden. Es sei denn, man bringt das Heute ins Damals.

Die progressiven Nostalgiker (2025)

Aufputzt is‘ (2025)

BUDDIES ALS WEIHNACHTSELFEN

6/10


© 2025 Gebhardt Productions / Petro Domenigg


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2025

REGIE: CLAUDIA JÜPTNER-JONSTORFF

DREHBUCH: GERY SEIDL, REGINE ANOUR, ROBERT BUCHSCHWENTNER, NACH DEM KABARETTPROGRAMM VON GERY SEIDL

KAMERA: ANDY LÖV

CAST: GERY SEIDL, MARLENE MORREIS, MIA PLAMBERGER, THOMAS MRAZ, MARIA HOFSTÄDTER, JOHANNES SILBERSCHNEIDER, THOMAS STIPSITS, HEINZ MARECEK, ROLAND DÜRINGER, ADELE NEUHAUSER, ERIKA MOTTL, LISA ECKHART, STEFANO BERNHARDIN, ANGELIKA NIEDETZKY, CHRISTOPHER SEILER, WOLFGANG PISSECKER, FARIS ENDRIS RAHOMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


„Wo ist das Jesuskind?“, schnarrt Opa Günther (Johannes Silberschneider) seiner besseren Hälfte, Oma Gerda, entgegen, während er verzweifelt nach dem letzten und wichtigsten Element in der lebensgroßen Krippe vor dem Haus sucht. Das gibt es nicht, meint diese. Der Seitenhieb, welcher fast schon als metaphorische Metaebene für einen Zustand herhält, der Weihnachten wieder einmal und wie so oft zu einer Traditionsparade ohne Besinnlichkeit herunterstuft, ist angekommen. Ganz anders verweigert sich wiederum Verkäuferin Lisa Eckart, die dem Weihnachts-Selfman Gery Seidl einen letzten Wunsch erfüllt: Sie zerpflückt die Huldigung an ein Gotteskind als sektiererischen Aberglauben, dem sie selbst nichts beisteuern will. Ist Aufputzt is‘ also ein subversiver Lokalaugenschein über die Verhältnisse menschlicher Bedürfnisse zum Jahresende im Spiegel der Bedeutung? Unerwartet stichelnd macht sich der Weihnachtsfilm des Jahres über die Befindlichkeiten der im wirtschaftlichen Wettbewerb befindlichen Normalbürger her, die als Andersgläubige den festtagsignorierenden Handwerks-Allrounder geben, die Zufriedenheit unzufriedener Kunden über alles stellen oder sonst ganz mutterseelenalleine wären, hätten sie nicht einen Freund wie Andi Kramer (Gery Seidl), für den man unverzichtbar sein darf, wenn die Wette gilt, Weihnachten als Weihnachtsmacher im Alleingang auf die Beine zu stellen, um als Wiedergutmachung für erlittenes Zuspätkommen Frau und Kind wieder glücklich zu machen.

Was bleibt vom Kabarett?

Das ist der rote Faden, der von den random getragenen Weihnachtsmützen mehrstellig abgeht, und die Gery Seidl einzuflechten versucht in seine Hardcore-Challenge, die rein theoretisch überhaupt nicht machbar, weil alles zu spät erscheint. Als Kabarettprogramm fällt Seidls Abrechnung mit dem Weihnachtstress und dem Streben nach Perfektionismus deutlich garstiger und sarkastischer aus – Kabarett ist eben Kabarett, doch andererseits kann man es auch, wie Xaver Schwarzenberger, im medium Film so handhaben, dass der Christbaum brennt, die Ratte im Stroh liegt und die vom Verlobten sitzengelassene Martina Gedeck lieber in den Tropen feiert als in der grässlichen Idylle familiärer Egotrips – so gesehen in Single Bells.

Wie Seidl im Alleingang sein ganzes Ensemble repräsentiert, ist unübertroffen. Sobald er seine Figuren aber aus der Hand gibt, wird es generischer, streichelweicher, konservativer, und Maria Hofstädters stichelnde Schwiegermutter, die Weihnachten beherrscht wie sonst niemand, wird alles nachgesehen. Den Supergau erlaubt sich Aufputzt is‘ nicht, dafür zieht er sämtliche Klischees durch den Marshmallow-Kakao, darunter auch Thomas Stipsits als schnapssüffelnder Christbaumverkäufer, denkwürdig und nachvollziehbar für die Achtzigergeneration.

Im Kern ein echter Buddy-Film

Seidl als sowieso grundsympathischer Antiheld, dem die wahre Wertigkeit eines Festes wie dieses nie abhandenkommt, hat einen Buddy an seiner Seite – Thomas Mraz – mit welchem ihm die besten Szenen des Films gelingen. Das Making Of-Weihnachten hätte man getrost auf nur die beiden Boyscouts aus Litschau reduzieren können, ihr Improvisationstalent lässt kaum ein Auge trocken, aus der Not eine Tugend zu machen wurde schon die längste Zeit nicht mehr so strapaziert wie eben hier. So ist Aufputzt is‘ im Grunde seines Wesens eine Buddykomödie voller bromantischer Szenen, getarnt als Familienfilm, der seine Agenda erfüllt. Das Periphere rundherum gerät zur Hommage an einen Fernsehklassiker wie Ein echter Wiener geht nicht unter, viel anders als dort lässt sich der Ratshausbaum, der nun zum Palmenhausbaum wird, nicht verbraten.

Offensichtlich gehen dem Film aufgrund seiner Konvertierung vom Bühnen- zum Kinostück die Ideen aus, und etwas uninspiriert strebt der Film nach dem traditionellem Familienglück. Der Grundgedanke, das der gute Wille alles ist und Perfektion gar nichts; das nur das Zueinander als wahre Weihnacht gilt, will Aufputzt is‘ aber nicht als Happy End sehen. Hier trägt wieder das Glück einer wie durch ein Weihnachtswunder erschaffenen Perfektion das einzig wahre Ziel, während Existenzprobleme geduldig darauf warten, erst nach den Feiertagen wie ein Damoklesschwert auf die Feiertagsprokrastinierer herniederzusausen. Alles geht sich aus, meint Seidl. In Anbetracht dieser neuen Benchmark geht man tatsächlich stressfreier als zuvor aus dem Kino, wohlwissend, dass man von einem Last (Minute) Christmas, egal was man tut, immer noch weit entfernt ist. Sofern man es feiert.

Aufputzt is‘ (2025)

Freakier Friday (2025)

SICH SELBST MIT ANDEREN AUGEN SEHEN

6/10


© 2025 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: NISHA GANATRA

DREHBUCH: JORDAN WEISS

KAMERA: AMIE DOHERTY

CAST: JAMIE LEE CURTIS, LINDSAY LOHAN, JULIA BUTTERS, SOPHIE HAMMONS, MANNY JACINTO, MAITREYI RAMAKRISHNAN, ROSALIND CHAO, CHAD MICHAEL MURRAY, MARK HARMON, VANESSA BAYER, CHRISTINA VIDAL MITCHELL, HALEY HUDSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


„Ich bin alt!“ Eine kleine Sternstunde der Situationskomik war das damals, als Jamie Lee Curtis vor dem Spiegel es nicht fassen konnte, wie sie aussah. Dazu muss man wissen, dass in ihrem Körper die siebzehnjährige Lindsay Lohan steckte, zumindest im Drehbuch war das so vorgemerkt, dass beide – Mama und Tochter – über Nacht ihrer eigenen physischen Hülle verlustig wurden und stattdessen die der jeweils anderen bekamen. Jetzt, mehr als zwei Dekaden später, ist Mark Waters launiger Erfolg von 2003 eine Prachtkuh, die man, wenn es nach dem Disney-Konzern geht, der stellvertretend für Hollywood steht, immer noch melken kann. Der Trend der Aufgüsse, Remakes und Sequels reißt nicht ab. Viele Projekte tauchen an den 2000ern vorbei bis tief in die Achtziger – zuletzt fand man dort Die nackte Kanone, demnächst Running Man oder gar Spaceballs. Rick Moranis soll wieder vor die Kamera. Das glaube ich erst, wenn ich es sehe. Hier allerdings, in Freakier Friday, genießt die wunderbare Jamie Lee Curtis nach ihrem Oscar für Everything Everywhere All at Once ihren zweiten Karrierefrühling und macht das Beste daraus.

Meiner Meinung nach verhält es sich dabei so: Wenn Curtis draufsteht, ist Curtis drin, und wir wissen, sie ist eine Vollblutkomödiantin, da gibt es aus meiner Sicht kein Wenn und Aber. In ihr steckt diesmal nicht die Tochter, sondern die zwangsbeglückende Patchwork-Schwester von Lohans leiblicher Tochter. 22 Jahre kann viel Veränderung bringen – und ja, die gute Lindsay ist nun kein kindlicher Teenie mehr, sondern eine erwachsene Karrierefrau, die die Dosierung ihres Lip-Fillers besser einschätzen kann als Nicole Kidman. Sie verliebt sich in Manny Jacinto (u. a. in The Acolyte als Antagonist zu sehen), der ebenfalls eine Tochter hat. Beide gehen an die selbe Schule, und beide können sich nicht ausstehen. Wenn dieser Patchwork dann auch noch mit einem Bodyswitch doppelt vernäht wird, ist das Chaos perfekt. Schließlich steckt die Tochter wieder in der Mutter und umgekehrt. Turbulenzen, Missverständnisse und jede Menge cringe Situationskomik, die entsteht, wenn das Mindset der Älteren mit der agilen Physis der Jüngeren gesegnet wird, lassen sich in einem maßgeschneiderten Drehbuch finden, das nichts dem Zufall überlässt. Im Film ist das eine sichere Bank für ein Publikum, das bekommen will, was es sich erwartet und keinerlei Überraschungen duldet. Freakier Friday ist Familiencomedy, Teenie-Turbulenz und Generationen-Clinch, dazu ein Hauch Mystery und die übliche Mechanik, die leise Sitcom-Melancholie mit gehetztem Wohlstands-Klamauk verbindet. Angenehm vertraut kommt einem das Ganze vor, tatsächlich so wie damals, als Curtis und Lohan die einzigen waren, die ihre Diskrepanzen miteinander hatten.

Da Nisha Ganatra (Late Night mit Emma Thompson und Mindy Kaling) den Plot von damals mehr oder weniger dupliziert, muss vieles in dieser Komödie auch parallel laufen. Ab und an verliert man dabei den Überblick und hetzt von der einen Notlage zur anderen. Irgendwie schafft es Ganatra aber doch, die Verwirrung im Zaum zu halten. Wenn man sich darauf konzentriert, wer nun wer ist, macht das Guilty Pleasure doppelt Spaß, und es lässt sich dabei auch gut erkennen, wie gut oder weniger gut manche Besetzung ihren Bodyswitch auch umsetzen kann.

Frei nach dem Motto „Versetz dich mal in meine Lage“ setzt Freakier Friday den Blickwechsel zum besseren Miteinander als emotionale Ebene ein, auf welcher der durchaus herzliche Spaß seine Ausdauer probt. Unterm Strich weiß man mit einer erfrischend engagierten Lohan und natürlich der prächtigen Curtis so einiges auf der Habenseite. Ob da noch ein Teil in Aussicht steht, liegt wiedermal am Einspiel. Kino ist schließlich ein Geschäft ohne Risiko. Vielleicht aber sollten sich die Studios mal in die Rolle des Publikums versetzen, denn das Klingeln der Münzen ist nicht alles. Neuer Input wäre umso mehr.

Freakier Friday (2025)

Der Spitzname (2024)

SCHNEEBALLSCHLACHT MIT WORTEN

5/10


derspitzname© 2024 Constantin Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2024

REGIE: SÖNKE WORTMANN

DREHBUCH: CLAUDIUS PLÄGING

CAST: IRIS BERBEN, CHRISTOPH MARIA HERBST, FLORIAN DAVID FITZ, CAROLINE PETERS, JANINA UHSE, JUSTUS VON DOHNÁNYI, KYA-CELINA BARUCKI, JONA VOLKMANN U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


„Wegen dessss Klimawandelssss“, verbessert Christoph Maria Herbst als I-Tüpfelreiter bar excellence seine bessere Hälfte Caroline Peters während der Fahrt in ein österreichisches Skigebiet, an welchem Schwager Florian David Fitz endlich Schauspielerin Janina Uhse ehelichen will – in bescheidenem Familienkreis sozusagen, auch natürlich unter dem Beisein der auf Lanzarote mit ihrem Adoptivsohn lebende Iris Berben, die gefühlt letzten Sommer erst ihrer Sippschaft verklickert hat, nun einen anderen Nachnamen angenommen zu haben. In Sönke Wortmanns zweitem Aufguss des Remakes der französischen Erfolgskomödie Der Vorname gesellen sich nun auch die Kindeskinder dazu – Antigone und Cajus sowie die kleine Pauline, die von Papa stets Paulchen genannt wird: Das ist der Spitzname, um den sich scheinbar alles drehen soll. Letztendlich spielt er keine große Rolle. Ob Florian David Fitz nun seine Tochter aufgrund der liebkosenden Namensgebung lieber gerne als Jungen sehen will, ist ein peripheres Thema, das niemals zum Stein des Anstoßes wird.

Der Name ist also nicht Programm. Die Brisanz eines möglichen, politisch und moralisch unkorrekten Vornamens wie Adolf ist in Der Spitzname einfach nicht mehr gegeben. Es gibt nichts, worüber es sich wirklich aufzuregen lohnt und wofür die Familie ihr Miteinander überdenken müsste. An diesem Winterwochenende, das natürlich bestens in die Weihnachtsferien passt und auch so ein Gefühl vermittelt bei all jenen, die sich so einen noblen Ausflug in die Berge eben nicht leisten können, als wäre man direkt dabei, kommt ein spielfreudiges Ensemble zusammen, welches prächtig miteinander auskommt. Während sich die junge, vorzugsweise weibliche Generation mit militanter Kampfes- und Provokationslust in den Woke- und Genderwahnsinn stürzt und alle Anwesenden zu belehren gedenkt, was man sagen darf und was nicht, sind die anderen damit beschäftigt, ihr lahmarschiges Leben mit revolutionärem Zunder zu füllen. Dazwischen gibt es aber noch die Verfechter der guten alten Sprache oder karrieregeile Mittvierziger, die auf eigennützige Weise dazu bereit sind, Geschlechterrollen zu überdenken. Es treffen Ansichten und Meinungen aufeinander, auf die thematisch einzugehen eigentlich keinen Sinn machen würde, da es sonst den Rahmen spränge. Jedes Thema da drin in dieser Komödie hat etwas für sich, wird aber nur mal auf kecke und gar nicht mal so schenkelklopfend spaßige Weise aufgegriffen. Es ist womöglich so wie bei einem selbst innerhalb des letzten Restes von funktionaler Familie, der liberal und vorurteilsfrei genug ist, um sich einander spielfreudig an die Gurgel zu gehen, ohne nachtragend zu bleiben oder den Kontakt abzubrechen. Die Fronten bleiben in Der Spitzname nicht gnadenlos verhärtet, an manchen Stellen suchen sogar familiäre Erzfeinde wie Herbsts und Uhses Figur den Dialog.

Doch je länger der verbale und immer repetitiver werdende Schlagabtausch andauert, desto deutlicher wird, dass all das zeitgeistige Gerede einen hohlen Kern umgibt. Der vage roten Faden, der sich durch den Film zieht, zerfasert, inhaltliche Substanz gibt es keine, vielmehr häuft Wortmann einzelne Anekdoten aneinander, als wäre man beim Zusammenschnitt entfallener Szenen aus den letzten beiden Filmen. Folglich sind diese dann auch nicht die Witzigsten, und wenn man Christoph Maria Herbst, den ich als begnadeten Komödianten empfinde, der weiß, wies geht, mal wegrechnet, bleibt seichte Fernsehunterhaltung, die dem bourgeoisen Zielpublikum nach dem Mund redet.

Der Spitzname (2024)

Thelma – Rache war nie süßer (2024)

DIE GELD-ZURÜCK-GERIATRIE

4/10


thelma_rache© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: JOSH MARGOLIN

CAST: JUNE SQUIBB, FRED HECHINGER, RICHARD ROUNDTREE, PARKER POSEY, CLARK GREGG, DAVID GIULIANI, BUNNY LEVINE, MALCOLM MCDOWELL, ANNIE O’DONNELL U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Wenn der eigene Enkel zum Liebsten gehört, was Oma noch hat, dann mag die Hiobsbotschaft am anderen Ende der Leitung wohl noch stärker durch Mark und Pein fahren. Denn Daniel hat Mist gebaut. Anscheinend sitzt er irgendwo im Gefängnis und wartet darauf, dass die Großmutter ihn da rausholt. Unsereins weiß natürlich: Bei diesem Anruf handelt es sich unmissverständlich um den berüchtigten Enkel-Trick, wenn wildfremde Gauner so tun, als wären sie Teil der Familie. Im Alter, so zeigen es diverse Fälle, werden manche leichtgläubig oder lassen sich so sehr von ihren Emotionen mitreißen, um um den Problemfall kritisch zu beäugen. Oma Thelma ist so jemand. Sie kratzt ihr Erspartes zusammen, um das Geld dann per Briefsendung an eine ominöse Adresse zu senden. Kurze Zeit später, als die Familie bei Thelma aufschlägt, stellt sich heraus: Das alles war nur Fake. Jetzt könnte man sich an der Nase nehmen und aus den Fehlern lernen. Doch das Geld – schließlich zehntausend Dollar – ist futsch. Wie also zurückholen? Alten trauen Nachfolgegenerationen nichts mehr zu, letztlich geht es nur darum, diese vor den Unannehmlichkeiten einer längst erprobten Welt zu schützen, als wären sie Kleinkinder. Oma Thelma kann also auf niemanden zählen, der nicht ihrer Altersklasse entspricht. Also holt sie sich Hilfe vom alten Ben, der in einer Seniorenresidenz wohnt und einen Scooter besitzt. Mit diesem tuckern die beiden nach Venice, um den Abzockern das Handwerk zu legen.

Das klingt nach einer spritzigen Seniorenkomödie unter kalifornischer Sonne, nach schräger Situationskomik und vielleicht nach ein paar derben Zoten auf Kosten sämtlicher Altersklischees. Letzteres trifft auch tatsächlich zu. Doch von spritzigem Vergnügen kann, und das ist nicht der minimalen PS des elektrischen Rollers zu verdanken, leider keine Rede sein. Die erst mit 61 Jahren ins Rampenlicht gerückte Schauspielerin, bekannt aus Nebraska, About Schmidt und The Big Bang Theory (dort gab sie in einer Episode Sheldon Coopers Oma) ist mit 95 Jahren noch erstaunlich rüstig. Mit wie viel Elan sie hier die Eigeninitiative ergreift, mag einem anfangs noch die Ohren flattern lassen. Allerdings: Trotz ihres resoluten Auftretens ist die Figur der Thelma wenig sympathisch. Irgendetwas fehlt, vielleicht ist es die etwas ruppig vorgeführte Integrität einer Superhelden-Seniorin, die eine gewisse charkterliche Imperfektion vermissen lässt. Durch diese Imperfektion entstünde eine wärmende Vertrautheit, die Thelma nicht hat. Und dann taucht dann auch noch Ben auf, und zwar Richard Roundtree, der Shaft aus den Siebzigerjahren,um mit seiner alten Jugendfreundin durch die Gegend bis nach Venice zu eiern. Auch er charakterlich ein Langeweiler.

Regisseur und Autor Josh Margolin kann für seine Komödie einige Namen gewinnen, darunter Parker Posey und Clark Gregg (Agents of S.H.I.E.L.D.). Fred Hechinger, eben erst als Diktator Caracalla in Gladiator II zu sehen, gibt den Taugenichts Daniel. Sie alle folgen den Routinen eines uninspirierten Drehbuchs, ihnen selbst mangelt es an Esprit und Tiefe. Sogar Clockwork Orange-Milchbub Malcolm McDowell gibt uns die Ehre, und auch er bleibt nur der Handlanger einer recht biederen Story, die zwar eine alte Dame zeigt, wie sie in die Gänge kommt, sich selbst aber von diesem Tatendrang nicht anstecken lässt. Der langweilige Rhythmus des Films und mangelnde Originalität, die sich der Vorhersehbarkeit hingeben wie so manches Spätsemester seinem Schicksal, bescheren einen müden Selbstjustiz-Schwank ohne viel Tiefe und auch ohne hintergedanklicher Metaebene, die mit den Stereotypen des Älterwerdens aufräumen würde. So leicht wäre es gewesen, mehr daraus zu machen.

Thelma – Rache war nie süßer (2024)

No Hard Feelings (2023)

EIN KÖDER FÜR DEN MILCHBUBEN

4/10


Jennifer Lawrence (Pending);Andrew Barth Feldman (Finalized)© 2023 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GENE STUPNITSKY

DREHBUCH: JOHN PHILLIPS, GENE STUPNITSKY

CAST: JENNIFER LAWRENCE, ANDREW BARTH FELDMAN, MATTHEW BRODERICK, LAURA BENANTI, NATALIE MORALES, SCOTT MCARTHUR, EBON MOSS-BACHRACH U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Genug von bedeutungsschwerem Betroffenheitskino. Genug der Tribute, genug der Ensemblefilme eines David O. Russel. Jennifer Lawrence will nun endlich Komödie. Und zwar so eine, wie es sie früher gegeben hat. So eine, wie sie Bill Murray oder Sean Penn groß gemacht haben. Ein Stück des American Pie solls sein, aber nur so viel, dass man nachher noch sittenvoll dinieren kann. Was es gar nicht sein soll, ist eine Sexklamotte im Fahrwasser von Eis am Stiel. Lieber ein Mix zischen John Hughes Young Adult-Kino und Leichter Frivolität, die maximal so weit geht, dass pubertierende Kids mit ihren Eltern sich gerade mal nicht fremdschämen müssen, wenn sie gemeinsam im Kino sitzen sollten.

Dabei wünscht man sich, dass all die fiktiven Begebenheiten im Film nicht den realen des Publikums entsprechen. Im Film wird die in Geldnöten befindliche Maddie nämlich von den Eltern des 19jährigen Percy rekrutiert, um dem in Liebesdingen uninteressierten Schlaukopf das ABC heterosexueller Intimitäten beizubringen. Dabei muss das ganze mal mit einem Date beginnen, doch so einfach ist das nicht. Percy hat gewisse Wertvorstellungen, was Sex anbelangt – Maddie hat die nicht. Sie denkt nur an den Gratis-Buik, den sie bekommen wird, sollte sie ihre Mission erfüllen.

Als Familienfilm geht No Hard Feelings (auf Deutsch: Nichts für ungut) gerade noch durch – das bisschen vulgäre Sprache möge man verzeihen oder am besten im Nachhinein gar nicht kommentieren. Worüber man aber reden könnte, ist der beharrliche Willen eines über die Maßen verdienenden Stars, in seinem mitproduzierten Film all das umgesetzt zu bekommen, was ihm so vorschwebt. Das ist zum Beispiel eine Nacktszene am Strand, in welcher sich Lawrence prügelt, als wäre sie eine Martial Arts-Ikone. Schließlich will sie sich nicht nachsagen lassen, übertrieben prüde zu sein. Alle anderen Szenen aber, die Nacktheit logischerweise erfordern würde, sind dann aber außen vor. Wie auch immer: konsequent ist das nicht.

Konsequenz lässt sich auch sonst vermissen. Gene Stupnitsky, der in seiner Bubenkomödie Good Boys stets einen gewissen komödiantischen Rhythmus beibehält, ohne in übertriebenen Klamauk auszuschlagen oder ins Melancholische abzukippen (wozu es auch niemals einen Grund gegeben hätte), will natürlich allen Anforderungen gerecht werden, verkrampft sich aber bei seinem Spagat zwischen sozialkritisch angehauchter Melodramatik und komödiantischen Slapstick-Szenen, die fast schon an Bobby Farrellys Grotesken erinnern – mit dem einzigen Unterschied, dass sie kaum jemals unter die Gürtellinie treffen. Das wäre auch nicht das Niveau von Jennifer Lawrence, doch ein bisschen Pikantes geht immer. Dabei weiß sie selbst auch nicht, wie sie ihre Figur anlegen soll. Als promiskuitives Gelegenheitsflittchen, als hemdsärmeliges Prügelmädel? Als eine von Jugend auf traumatisiertes Sozialopfer, das ihr Leben nicht im Griff hat? Eine ruhige Hand, um ihre Rolle glaubhaft zu formen, hat Lawrence nicht. Da spielt sie Andrew Barth Feldmann in seinem Debüt fast schon an die Wand.

Klamaukige Liebeskomödien, die gerne auch nachdenklich sein wollen, haben es sichtlich schwer, weil sie einerseits nicht vorhersehbar sein wollen, und andererseits den Übergang zwischen Laut und Leise wiederholt hinbekommen wollen. In No Hard Feelings geht der Plan nicht auf. Selten passen die aufeinanderfolgenden Szenen in ihrer Tonalität zusammen. Man weiß nach den ersten fünf Minuten, wie der ganze Spaß enden; man weiß auch, dass die Situationskomik sehr bald nur noch in Outtakes vorhanden sein wird. Aus einem vielversprechenden, durchaus witzigen Beginn, der manche Klischees auch verdreht, lähmt die moralische Ordnung und der Wille zum auserzählten Happy End jegliche Inspiration. Lawrence und Feldmann haben sich eigentlich nichts zu sagen, tun es aber trotzdem. Und das ist dann meistens langweilig.

No Hard Feelings (2023)

Oskars Kleid

ELTERN MACHEN PROBLEME

6/10


oskarskleid© 2022 Warner Bros. Pictures Germany


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2022

REGIE: HÜSEYIN TABAK

BUCH: FLORIAN DAVID FITZ

CAST: FLORIAN DAVID FITZ, LAURÌ, AVA PETSCH, MARIE BURCHARD, KIDA KHODR RAMADAN, SENTA BERGER, BURGHART KLAUSSNER, JUAN CARLOS LO SASSO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Eltern sind sehr schnell mit ihrem Latein am Ende. Was Kinder wollen, was Kinder brauchen und wie Kinder die Welt sehen: All das und noch viel mehr ist für den, der es zumindest mal geschafft hat, ein lebendiges Wesen in die Welt zu setzen, wie ein Buch mit sieben Siegeln, das über all diese Feinheiten der Kindererziehung Aufschluss geben würde. Nur: Wir Eltern können diesen wuchtigen Wälzer leider nicht öffnen – und müssen mit der eigenen Erfahrung arbeiten, die sich aus einer Kindheit schöpfen läßt, die eine Generation zurückliegt und von einer Epoche gefärbt scheint, die längst schon überholt ist.

In der dritten Dekade des neuen Millenniums jedoch wacht unsere Gesellschaft langsam auf. Viele Staaten liegen da noch tief im Schlummer eines totalitären Mittelalters, Menschen schießen sich auf Geheiß machtkorrumpierter Persönlichkeiten immer noch tot, während mehr Gespür für das eigene Ich längst schon seine Äuglein geöffnet hat. Und Dinge, die über Jahrhunderte totgeschwiegen wurden, wie der sensible Umstand der eigenen sexuellen Identität, kommen zur Sprache. Transgender, nonbinär, LQBTIA+ – Wörter, die vor einigen Jahrzehnten noch nicht zu verstehen waren, nun aber der oder dem einzelnen so viele Freiheiten einräumen, dass diese zumindest in einigen europäischen Ländern und vielleicht auch in einigen amerikanischen Bundesstaaten ihrem psychosozialen Wohlbefinden nachgehen können. Modetrend? Wohlstandserscheinung? So einen Verdacht äußert Florian David Fitz als Filmvater Ben nicht nur einmal. Wäre da was dran? Womöglich nicht. Denn nicht zu wissen, ob man Frau oder Mann oder gar nichts von beidem ist, ob man vielleicht im falschen Körper steckt und als Bub eigentlich gerne ein Mädchen wäre – das birgt viel zu viele Erschwernisse, und später noch richtige Hürden, die zu bewältigen sind, um hier einfach spaßhalber einem Trend zu folgen. Freiwillig ausgesucht hat sich das niemand.

Einer dieser Buben, die gerne ein Mädchen wären, ist Oskar. Der trägt liebend gern sein dottergelbes Sommerkleid und nennt sich Lili. Schwester Erna (Ava Petsch, auch zu sehen in Was man von hier aus sehen kann) hat damit keinerlei Probleme, weil Kinder sich nicht so einen Kopf machen wie Erwachsene. Auch die Mama weiß Bescheid, und sogar die Schule, auf welche Lili geht – wissen doch all die Mitschülerinnen und -schüler längst nicht, dass das Mädchen im Grunde biologisch gesehen anderen Geschlechts ist. Einzig Papa Ben fällt aus allen Wolken, tut dieses abnormale Gehabe als Spleen ab und will sich auf keine Diskussionen einlassen, als dieser aufgrund der Schwangerschaft seiner Ex-Frau die beiden Kids mit zu sich nach Hause nimmt. Auf die Reihe bekommt dieser Ben allerdings nichts so wirklich. Das eigene Ego, verkrustete Ansichten und fehlende Offenheit einer sich in der Umgestaltung befindlichen Gesellschaft gegenüber werfen dem strauchelnden Polizisten allerlei Knüppel zwischen die Beine. Dann legt er sich auch noch mit seinem Rivalen an und muss hinnehmen, dass seine eigenen Eltern dem neuen Liberalismus mehr Verständnis entgegenbringen als er selbst.

Oskars Kleid ist nicht der erste Transgender-Familienfilm, aber womöglich der erste deutsche. Mit Mein Leben in Rosarot hat schon der Franzose Alain Berliner 1997 das gleiche Thema angeschnitten. Später dann, 2018, gaben Claire Danes und „Big Bang Theory“-Star Jim Parsons in Ein Kind wie Jake mehr schlecht als recht das sorgenvolle Elternpaar eines Mädchens im Körper eines Jungen. Da wie dort liegt der Fokus weniger auf den schwierigen Umstand, die eigene queere Identität als Kind anzunehmen als vielmehr auf das hilflose Tamtam der Erwachsenen, die ohne all diese Blickwinkel aufgewachsen sind und gerne der Tendenz folgen, aus allem ein Problem zu machen, um dieses dann erfolgreich zu lösen. Eine Taktik, die sich bald als relativ unpraktisch darstellt.

Florian David Fitz, Publikumsliebling und charmanter, fürs Tragikomische gerne besetzter Comedian, hat für Oskars Kleid das Drehbuch verfasst und sich so seine Gedanken darüber gemacht, wie es ihm selbst wohl dabei ginge, wenn der „Thronfolger“ plötzlich lieber Lidschatten und Krönchen trägt. Dabei kann er nicht anders, als seine Figur mit ordentlich aggressiver Männlichkeit auszustatten, dessen gewalttätiges Potenzial man als schmunzelndes Publikum nachzusehen hat. Sein „Problempapa“ bleibt den Stereotypen aus Schweiger- und Schweighöfer-Filmen leider treu, was vielleicht etwas zu gefällig erscheint und aus einem sehr reizvollen Thema eine Komödie machen will, die bewährten Mustern folgt. Das wäre auch zur Gänze passiert, würde Filmdebütant Laurì als Oskar/Lili durch sein zurückgenommenes, sensibles Spiel, das oft ohne Worte auskommt, der ganzen, sich steigernden Turbulenz einen nachdenklichen Kontrapunkt setzen, von welchem aus das ganze Durcheinander mehr Tiefe erlangt als abzusehen gewesen wäre.

Mehr Schwerpunkt auf Laurìs Performance wäre willkommener gewesen, die stillen Momente mit ihm und Filmvater Fitz erreichen manchmal eine ungeahnte Stärke, während sich der stressige Familienalltag und das Abarbeiten elterlicher Benimmregeln angesichts queerer Umstände in einem manchmal zu simplen Kosmos verlieren, der zugunsten eines breiten Publikums vereinfacht wird. Natürlich ist die Ambition dahinter eine, einem breiten, berührungsängstlichen Publikum ein so heikles wie sensibles Thema wie dieses näherzubringen. Bei allen anderen, die damit von vornherein klarkommen, rennt Florian David Fitz längst offene Türen ein.

Oskars Kleid

Rot

EIN KNUDDEL IM ZWINGER

7,5/10


rot© 2021 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: DOMEE SHI

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): ROSALIE CHIANG, SANDRA OH, AVA MORSE, HYEIN PARK, MAITREYI RAMAKRISHNAN, ORION LEE, WAI CHING HO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Ein Kind soll Kind sein dürfen. In der elterlichen Obhut gibt’s anfangs sowieso wenig ernsthaften Spielraum, um aus der Rolle zu fallen. Der Anbruch des Teenageralters ändert dann aber so einiges. Die Obhut wird lästig, die Erziehungsnormen zum Gähnen – das Entdecken der eigenen Skills, der eigenen Gefühle und der eigenen Vorlieben lässt Erziehungsberechtigte lieber in der Ecke stehen – ein zugewiesenes Plätzchen, das selbige im Grunde wahrnehmen sollten, aus Liebe zum Nachwuchs. Rat und Beistand on demand gibt’s dafür rund um die Uhr. In so manchen Kinderstuben ist so ein Ansatz nicht mal Grund zur Diskussion, wenn Traditionen und Dogmen die Freiheit rauben, ob religiös motiviert oder einfach nur vererbtes Zeremoniell. Disney hat beim Thema Coming of Age – wie das Subgenre rund um heranreifende Teenies in Kultur und Medien genannt wird – momentan einen Narren gefressen. Erst zu Weihnachten sind der mit nonkonformistischen Verhaltensweisen gesegneten Mirabel aus Encanto die vererbten Wunderkräfte alles andere als in den Schoß gelegt worden. Ihre Rolle in der Welt hat sich die Gute erst erarbeiten müssen – singend und tanzend und die klappernde Villa Madrigal erforschend. Vor den Wurzeln aller Probleme – der Erziehung – macht Disney keinen großen Bogen mehr. Konflikte in der Familie gehören ausgetragen. Es ziemt sich nicht mehr, den Psychoschmarrn der Eltern mitzutragen. Neudefinition ist die Devise, ohne hilfesuchend zurückzublicken.

In einer ähnlichen Dysfunktionalität, die nach außen hin perfekten Frohsinn versprüht, bohrt auch der neue Pixar-Streifen Rot herum. Wie in Encanto fungiert auch hier, im Toronto des 21. Jahrhunderts, ein aus der Zeit gefallenes Matriarchat als Hemmschuh für einen befreiten, selbstbestimmten Lebensentwurf. Disney folgt dabei einem streng erdachten und trendeigenen Vokabular aus Minderheiten- und Frauen-Quote, das durch seine Dominanz alles Männliche zur kleinlauten Randfigur schrumpft. Mal sehen, wie lange noch diese Schräglage mit politischer Korrektheit begründet werden kann, doch momentan will der Mauskonzern mehr als nur alles richtig machen.

In diesem Fall ist Mei Lee ein Mädchen mit asiatischem Migrationshintergrund, gut in Mathe und offen für alles, was momentan im Trend liegt. Diese Leidenschaft für K-Pop (BTS lassen grüßen) und Social Media teilt die aufgeweckte Achtklässlerin mit ihren drei Freundinnen, die alles versuchen, um Karten für das anstehende Boyband-Konzert zu ergattern. Wenn der charakterlich liebevoll ausgearbeiteten Mädchenclique im Manga-Stil die kugelrunden Äugleins vor Begeisterung verschwimmen, wird bei Disney das Gefühl für Zeitgeist großgeschrieben. Währenddessen aber ist unser dreizehnjähriger Star des Films ein emotionales Hormonbündel schlechthin, reift langsam zur Frau und entfesselt ob ihres Gefühlschaos einen riesengroßen, knuddeligen roten Panda, der allerdings sie selbst ist. Ein Fluch? Ein Segen? Was soll dieses Wunder der Gestaltwandlung, für welches sich Mei Lee zunehmend schämt und wovon auch bald Helikoptermama Ming Lee Wind bekommt? Was gar nicht gut ist, denn dieser Bär, der überall für Aufsehen sorgt, ist ein jahrhundertealtes Geheimnis, das unterdrückt werden muss.

Das geht in aufgeklärten Zeiten wie diesen eigentlich überhaupt nicht. Für diese Freiheit, flügge zu werden, bricht Pixar gleich mehrere Lanzen und sucht den Konflikt der Generationen ohne Scheu davor, eingerostete Mutterrollen aus der Reserve zu locken. Das gelingt besser als in Encanto, ist dynamisch, launig und melodramatisch. Und überraschend kausal. Statt gemeinsam als Übermutter und Tochter bei der psychosozialen Familienberatung aufzuschlagen, tut’s die Sache mit dem Problembären, der als liebevoll ausgestaltete Symbolik (jeder mag Pandabären, die schwarzen so wie die roten) Dominanz und juvenile Auflehnung an einen Tisch bringt. Pixar gibt sich dabei trotz so einigem märchenhaften Disney-Zauber nicht mit plotbedingten Floskeln zufrieden, sondern führt den Konflikt recht spielerisch und unbelastend zu einem familiären Wendepunkt, der einen Neuanfang verspricht.

Rot

Die Croods – Alles auf Anfang

STEINZEIT AUF LSD

8/10


thecroods2© 2020 Universal Pictures International Germany


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: JOEL CRAWFORD

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): NICHOLAS CAGE, RYAN REYNOLDS, EMMA STONE, CATHERINE KEENER, CLORIS LEACHMAN, CLARK DUKE, LESLIE MANN, PETER DINKLAGE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Kennt man ihn nicht schon aus der eigenen Kindheit, so kennt man ihn aus der Vorlesestunde mit dem Nachwuchs. Kaum eine solche gestaltet sich dabei schöner als mit den bebilderten Werken des Österreichers Erwin Moser, seines Zeichens Autor und Zeichner mit Hang zu einem ganz eigenen, phantastischen Realismus, der sich gerade für Kinder enorm zugänglich gibt, und das nicht nur aufgrund seiner entschleunigten, entspannten Erzählweise, sondern auch und vor allem aufgrund seiner obskuren Tierwelt, die auf den ersten Blick als Teil einer uns bekannten Fauna scheint, auf den zweiten Blick aber einer surrealen Physis frönt. Es ist, als hätten sich die Macher von Die Croods an genau diesem Herrn orientiert. Für wahrscheinlich halte ich das zwar nicht, aber egal – die Assoziation ist da. Und umso mehr kann ich mit dem irren Bestiarium in der Welt der Croods was anfangen. Das war schon beim Erstling der Fall, wo Landwale, bunte Säbelzahntiger und kreischende Vogelbäume eine Steinzeit bevölkern, die fast so scheint, als sähe sie jemand, der reichlich komisches Zeug intus hat.

Selten passiert es, dass ein Sequel die selben Qualitäten entwickelt, sich dabei aber auch nicht selbst kopiert. Ab und an kommt das vor. Wie eben in Die Croods – Alles auf Anfang. Und es ist vielleicht ganz gut, hierbei auch den Vorgänger zu kennen, da Teil 2 unmittelbar nach den Geschehnissen aus 2013 anschließt. Papa Grug ist also mit seiner fünfköpfigen Sippschaft und dem nonkonformen Neuzugang, Jungspund Guy, durchs Land unterwegs, um ein neues und vor allem sicheres Zuhause zu finden. Töchterchen Eep schmiedet allerdings mit Herzblatt Guy ganz andere Pläne, nämlich, die Sippe zu verlassen, um irgendwo neu anzufangen. Bevor es aber so weit kommt, stoßen unsere prähistorischen Helden auf eine paradiesische, mit Palisaden geschützte Enklave, in der eine ganz andere Familie wohnt – nämlich jene der Bessermanns. Ich möchte fast sagen: neureiche, trendige Bobos mit reichlich Essbarem im Vorgarten und einem Baumhaus, dass inklusive Lift und Fernseh-Fenster alle Stückchen spielt. Da bleibt den Croods der Mund offen stehen. Umso mehr, da Guy plötzlich als einer der ihren erkannt wird. Doch sei’s drum, die Croods machen sich in ihrer neuen Welt mehr ungefragt als gefragt breit, was den Bessermanns gar nicht gefällt. Es lässt sich erahnen, dass es da bald zum Nachbarschaftsstreit kommt, und das ganz ohne Volksanwalt.

Was sich die Drehbuchautoren Dan und Kevin Hageman (u.a. Trolljäger, Scary Stories to Tell in the Dark) für diese knallbunte Fortsetzung an Details alles haben einfallen lassen, geht auf keine gegerbte Mammuthaut. Sich sowas auszudenken, muss Riesenspaß gemacht haben. Und Riesenspaß, auch all das zu entwerfen und am Computer umzusetzen. Jedes noch so verrückte Tierchen scheint mit Lust und Laune geformt worden zu sein, von den geflochtenen Flipflops bis zum Angora-Mammut ist The Croods – Alles auf Anfang ein einziges Kuriosum. Hätte ja sein können, dass Regisseur Joel Crawford von all seinem Farbzirkus zu sehr abgelenkt worden wäre, doch die Familienkomödie, die ja fast schon den Kult um die Flintstones an Ideenreichtum in den Schatten stellt, hat sehr wohl was zu erzählen, hat sehr wohl auch seine Figuren in ihrer charakterlichen Weiterentwicklung zu betreuen und natürlich auch sehr viele Pointen unterzubringen. Alles zusammen passt wie der Funke zum Feuerstein. Darüber hinaus ist der Film ein einziger Schenkelklopfer, der mit einer komischen Situation nach der anderen zum lauten Lachen reizt. Absolutes Highlight: die versteckten Qualitäten von Oma Crood.

Betrachtet man die Konkurrenz mit Pixar, gibt es sehr wohl etwas, das DreamWorks neben seinem deutlich schrillerem Grundtonus dann doch noch besser gelingt: der oftmals treffsichere, nicht unbedingt geistreiche, aber reuelos plakative Witz, über den man sich gut und gerne amüsiert und der es auch nach dem Abenteuer wie auch immer gearteten Spaßbremsern schwer macht, die Laune zu verderben.

Die Croods – Alles auf Anfang

Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker

DER GARTEN IST NICHT GENUG

6/10


peterhase2© 2021 Sony Pictures


LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2021

REGIE: WILL GLUCK

CAST: ROSE BYRNE, DOMNHALL GLEESON, DAVID OYELOWO U. A.

MIT DEN STIMMEN VON (DEUTSCH): CHRISTOPH MARIA HERBST, HEIKE MAKATSCH, JESSICA SCHWARZ, ANJA KLING U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Seit ein bekannter Elektronikriese das hoppelnde Saison-Maskottchen auch für die stillste Zeit des Jahres beansprucht hat, muss ein Hase nicht mehr zwingend mit österlichem Eiersuchen in Verbindung stehen. Prinzipiell wäre das zwar mit Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker so vorgesehen gewesen, doch Fellknäuel dieser Art haben auch in den Sommermonaten genug zu tun, also ist der auf zwei Pfoten dahinwackelnde Freigeist mit blauem Jäckchen ein Sommerhase erster Güte, umgeben von einer Entourage ebenfalls eingekleideter Haus- und Hoftiere, vom distinguierten Schwein bis zum geistig recht schlicht gestrickten Hirschen. Die fellfröhliche Truppe ist uns bereits aus dem ersten Film bekannt, da muss keiner mehr seinen Hofknicks machen, da lässt es sich gleich in die Vollen gehen. Einige wenige Neuzugänge gibt es, doch was wäre eine Fortsetzung ohne Charakterboni. Natürlich sind auch wieder Rose Byrne und der zum Glück diesmal weniger hölzerne Domnhall Gleeson mit dabei. Letzterer bemüht sich diesmal redlich, mehr wie eine schlaksige Zeichentrickfigur aus den Disneyfilmen zu fungieren, fast schon ein bisschen wie Dick von Dyke. Diese Anpassungen machen schon einiges aus, und tun der Fortsetzung sichtlich gut.

Der Plot selbst ist klarerweise nicht neu und erinnert stark an Toy Story 3, aber dennoch – darum geht´s: Kinderbuchautorin Bea hat mit ihrem Peter Hase-Büchlein einen guten Erfolg eingefahren. Die Fabel rund um einen Gartenkrieg in der Provinz, wo einem die Karotten nur so um die Ohren fliegen, kommt bei den britischen Familien ganz gut an. Wo sich allerdings Erfolg lukriert, sind andere Verleger nicht weit, und so macht sich der Medienhai Nigel (David Oyelowo) vorstellig, um das Buch nicht nur breit gefächert, sondern auch bereits geplante Fortsetzungen und einen Film auf den Markt zu bringen. Ist doch wunderbar, denkt sich Bea. Die Persönlichkeitsrechte der Hasen werden allerdings nicht eingeholt. Sind doch nur Tiere, allerdings aufrecht gehend und angezogen, aber wen stört das schon in dieser obskuren Alternativwelt, in der die klassische Tierfabel mit einer recht altbackenen Menschenwelt korreliert. Darüber hinaus wird Peter Hase, in Thomas‘ Augen immer noch ein Tunichtgut, für alle weiteren Veröffentlichungen als Bösewicht besetzt, was diesen gar nicht passt. Ziemlich gekränkt macht sich Peter – wie der Subtitel der deutschen Übersetzung schon sagt – klammheimlich vom Acker, um kurzerhand auf den Straßenhasen Barnabas zu stoßen, der Peters Vater angeblich ganz gut gekannt haben soll und der unseren (Anti)helden davon überzeugt, bei seinen Diebstählen mitzumachen.

Ob Mopsi, Flopsi oder Wuschelpuschel ihren Freund wieder rehabilitieren können? Vermutlich schon, denn wir haben es hier natürlich mit einem vergnüglichen Kinder- und Familienfilm zu tun, der die Äuglein der Jüngsten zum Glänzen bringen wird. Was ich selbst stets verwirrend finde, ist die bereits erwähnte Verknüpfung einer Welt intelligent denkender und sichtlich den Menschen nachahmender Tiere mit der unsrigen. Diese seltsame Anomalie gibt’s ja bereits schon bei Paddington – überall sonst aber bleiben die Tiere, zwar ebenfalls intelligent, sprechend und menschelnd, aber mit all diesen von den Zweibeinern unterschätzten Qualitäten, im Verborgenen. In Peter Hase gelingt der Spagat nur bedingt, und daher sind die Szenen mit Hase Barnabas im Untergrund der Stadt wohl jene, die am stimmigsten ausgearbeitet sind, da der Mensch nicht interagiert. Einer konsequenten Logik folgend, müsste diese Welt dominiert sein von einer zivilisationstauglichen Fauna, die Homo sapiens mit Leichtigkeit den Rang ablaufen könnte. Mit diesem Denkfehler muss die inkonsistente Welt von Peter Hase eben weiter existieren. Die leicht verdauliche und nach konventionellem Strickmuster erzählte Identitätssuche eines Hasen, der auf die schiefe Bahn gerät, zieht die Aufmerksamkeit aber ohnedies auf sich.

Peter Hase 2 – Ein Hase macht sich vom Acker