Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

HOLZKLASSE, ABER MIT BORDMENÜ

6/10


demeter2© 2023 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2023

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

DREHBUCH: BRAGI F. SCHUT

CAST: COREY HAWKINS, AISLING FRANCIOSI, LIAM GUNNINGHAM, DAVID DASTMALCHIAN, JAVIER BOTET, JON JON BRIONES, STEFAN KAPICIC, NIKOLAI NIKOLAEFF, WOODY NORMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Max Schreck hätte wohl auch gern solche Schwingen aufklappen wollen wie sein um 101 Jahre später erschienenes Pendant. Mit solchen Schwingen wäre vieles leichter gefallen. Als Vampir, verwandt mit Fledermäusen, sollte jede Dracula-Inkarnation solche Extras besitzen. Im Laufe der Zeit aber ist der charismatische Graf immer weniger Bestie als vielmehr Aristokrat geworden – ein stattlicher, schon etwas in die Jahre gekommener Gentleman mit grauenvollem und für viele auch tödlich endendem Understatement. Einer, der vorgibt, etwas anderes zu sein – bis es zu spät ist. Das ist taktische Perfektion, das ist Psychoterror und geschickte Manipulation. Doch Dracula ist immer noch ein Vampir – ein Dämon. Und von daher durchaus animalisch, bestialisch, teuflisch. In André Øvredals Literatur-Exegese bleibt von Bela Lugosi, Christopher Lee oder Claes Bang nicht mehr viel bis gar nichts über. Die letzte Fahrt der Demeter bringt den Edelmann mit finsteren Absichten zurück zu seinen Anfängen, lässt ihn herumkriechen wie Gollum, lässt ihn jagen und schlachten. Dracula ist hier all seines Anstands beraubt, doch nach wie vor mit messerscharfem Verstand gesegnet, der sich für sinistre Spielchen mit der Schiffscrew bestens eignet.

Auch in Friedrich Wilhelm Murnaus Klassiker von 1922 werden die frisch geschrubbten Blanken des russischen Handelsschiffes mit Blut getränkt – wir alle kennen das ikonische Standbild der schwarzweißen Schreckensgestalt, wie sie über der Reling aufragt – klauenbewehrte Hände, kahler Kopf, glühende Augen und spitze Zähne. Diesem Bildnis muss man immer mal wieder Tribut zollen, und auch Øvredal scheint davon mehr als fasziniert zu sein.

Doch nicht nur diese Art des Gothic-Horrors taugt zur Wiedererweckung, sondern auch Ridley Scotts finstere Figur des Xenomorph aus dessen Suspense-Hit Alien. So, wie dieser sein Wesen eins werden ließ mit der frei liegenden Technik eines Raumschiffs, so lässt Øvredal seinen Übervampir genauso mit dem rustikalen Interieur unter Deck der Demeter verschmelzen. Beeindruckend wird es dann, wenn man zweimal hinsehen muss, um die ausgemergelten, aschfahlen und ins bläuliche Licht einer Vollmondnacht getauchten Gelenke zwischen den Tisch- und Stuhlbeinen in der Kapitänskajüte auszumachen. Wenn sich das Wesen dann langsam bewegt und aufrichtet, um von einem Moment auf den anderen verschwunden zu sein, treibt Die letzte Fahrt der Demeter seine illustre Schauermär zu einem Höhepunkt hin, der immer näher rückt – letztlich aber ausbleibt.

Øvredals Hochsee-Grusler garniert seinen geschickten Monsterhorror mit Licht, Schatten und Unschärfen, dennoch lässt sich die Geschichte weder auf Biegen und Brechen noch sonst wie einem anderen Schicksal zuführen, will man als Literaturverfilmung dem zugrundeliegenden Werk von Bram Stoker auch treu bleiben. Die letzte Fahrt der Demeter hegt keine Szene lang den Anspruch, einen avantgardistischen Ausbruch zu wagen. Was zählt, ist die Tradition. So bleibt der Film sowohl von seiner Gestaltung als auch von der chronologisch bedachten Erzählweise ein Kind vergangener Zeiten, ein Überbleibsel aus opulenten Universal– oder Hammerfilm-Abenteuern früherer Dekaden – als James Mason, Ernest Borgnine oder Vincent Price noch Seemansgarn erzählen konnten, sofern sie überlebten.

Liam Cunningham, der Zwiebelritter aus Game of Thrones, belebt in klassischer Perfektion die Rolle des vollbärtigen Kapitäns; seine ohnehin gebremste Laune, die ein Teamleader eben haben muss, weicht sorgenvoller Verzweiflung. Er ist es auch, der die ganze Geschichte noch dazu aus dem Off erzählt, um den romantisch-finsteren Petroleumlampen-Charakter noch zu verstärken. Doch man weiß, wie es endet. Die letzte Fahrt der Demeter hat weder Twists noch dramaturgische Raffinessen parat. Hätte das denn sein müssen? Nicht unbedingt.

Mittelpunkt, Kernstück und der Joker in den Handkarten ist immer noch der Vampir. Wäre dieser wohl mehr in den Dialog mit der ohnehin zum Tode verdammten Crew gegangen; wäre das blutdürstende Monster nicht allzu sehr scheinbaren Instinkten unterworfen worden, wäre Draculas bisherige Biografie sichtbarer – und die Figur an sich bedeutender geworden. Øvredal aber will den Langzahn als Tier – in einem Logbuchthriller der bewährten Art, allerdings angereichert mit düsteren Kupferstichen, die in sturmumtosten Nächten und bei Kerzenlicht ihre stärkste Wirkung erzielen.

Die letzte Fahrt der Demeter (2023)

Barbie (2023)

AUF ZEHENSPITZEN INS LEBEN

7,5/10


barbie© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: GRETA GERWIG

DREHBUCH: GRETA GERWIG, NOAH BAUMBACH

CAST: MARGOT ROBBIE, RYAN GOSLING, AMERICA FERRARA, ARIANA GREENBLATT, KATE MCKINNON, WILL FERRELL, MICHAEL CERA, ISSA RAE, SIMU LIU, KINGSLEY BEN-ADIR, EMMA MACKEY, RHEA PERLMAN, ALEXANDRA SHIPP, HARI NEF, DUA LIPA U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Das, was diesen Sommer in der Welt des Kinos passiert ist, gleicht einem Paradigmenwechsel. Genauer betrachtet bleibt zu dieser Zeit kaum ein Stein auf dem anderen. Das Publikum ist müde von dem, was es die längste Zeit vorgesetzt bekommt. Worin sich das äußert? Zuerst mal hängt der Megakonzern Disney ziemlich durch. Man könnte auch meinen, dass bei einer aufgeblähten Größe wie dieser irgendwann der Zusammenbruch kommen „muss“. Was politisch nicht funktioniert hat, kann auch wirtschaftlich nicht gutgehen. Die Maus frisst sich von innen auf, zersetzt sich, fährt Pleiten ein. Tilgt seine eigenen Produktionen aus dem Streamingportal, weint dem Ergebnis von Elemental, Indiana Jones und Geistervilla nach. Die Zeit der Superhelden scheint vorbei zu sein, all die langweiligen Real Life-Überzeichnungen bekannter Zeichentrickfilme mögen anöden, Verfilmungen von Themenpark-Attraktionen ebenso. Tom Cruise hat mit Mission: Impossible – Dead Reckoning zwar seinen qualitativen Höhepunkt erreicht, doch danach wird das ganze Franchise wohl auch sein Ende finden müssen. Was aus DC und Warner wird, liegt in den Händen von James Gunn – der mit The Flash allerdings auch nichts zu lachen hat, rein was das Einspiel betrifft.

Auf Basis dieser Umwälzungen ist allerdings letzten Monat etwas ganz Erstaunliches passiert. Das Phänomen Barbenheimer. Klingt ein bisschen nach Lindenstraße, ist aber die Verschmelzung von Barbie und Oppenheimer, von zwei Filmen, die unterschiedlicher nicht sein können, die aber eines gemeinsam haben: eine Vision. Christopher Nolan, der Retter des Covid-Kinos und Mindfuck-Ästhet, lässt dieses Jahr die Bombe platzen – und alle wollen hin. Warum nur? Weil eine True Story rund um den Weltfrieden alle angeht? Weil der jährliche Nolan fast schon etwas Vertrautes darstellt? Schließlich ist Oppenheimer kein gefälliger Film, und hat nichts, was einen Blockbuster letztlich ausmacht. Die Biographie des Physikers unter dem politischen Himmel Amerikas ist spannend, aber dialoglastig und experimentell. Liefert stilsichere Schauwerte, zieht sich aber auf drei Stunden Länge. Will die Masse tatsächlich mal etwas anderes? Etwas, dass sie fordert, triggert und zum Nachdenken anregt? Jedenfalls hat diese Tatsache einen lautstarken Aha-Effekt zur Folge, der bei Barbie widerhallt – einem Spielzeugfilm für Jung und Alt, ein wandelnder Katalog aus Puppen und Mode, Plastikhäusern in Pink und überall das Logo von Mattel. Wer genau will denn sowas sehen? Einen fast zweistündigen Werbespot zur Erweiterung der Gewinnmarge?

Ganz so ist es nicht. Natürlich verspricht sich der Konzern davon genug Profit, um auch die nächsten Jahre ruhig schlafen zu können. Ein Verbrechen ist das allerdings keines. Schon gar nicht, wenn Product-Placement wie dieses, so offensichtlich und ungeniert, einfach nur dazu da ist, um als Stilmittel zu fungieren, das Greta Gerwig und Noah Baumbach in ihrem metaphysischen Märchen so dermaßen geschickt einsetzt, dass man tatsächlich von einer Art Paradigmenwechsel sprechen kann, wenn es darum geht, das Verhältnis zwischen Kunst und Kommerz neu zu evaluieren. Ich denke dabei an Andy Warhol, dem Pop-Art-Künstler, der mit dem Product Design bekannter Marken der Kunst jene Möglichkeit zugesprochen hat, auch massentauglich sein zu dürfen, ohne an Qualität zu verlieren. Gerwig folgt einem ähnlichen Weg. Für sie ist Barbie Campbell’s Tomatensuppe – und spielt damit herum, als hätte Mattel über gar nichts mehr zu bestimmen, außer über die eigene Hoffnung, dass die Sicht der Mumblecore-Autorenfilmerin den Konzern schadlos hält. Denn was sind sie denn, diese stereotypen Puppen mit ihren unrealistischen Maßen und ihrer heilen Welt? Was ist sie denn, diese Barbie, benannt nach Ruth Handlers Tochter Barbara, die dieses Spielzeug auf dem Markt brachte?

Nicht zu vergessen, da gibt es noch diesen Ken, der den heterosexuellen Beziehungsidealismus, sprich: genug Romantik ins Kinderzimmer bringen sollte, auf dem Niveau Grimm’scher Prinzessinnenmärchen, vorzugsweise in der Lieblingsfarbe kleiner Mädchen, nämlich Rosa mit all ihren Nuancen. Mit diesen Figuren, so dachte sich Gerwig, lässt sich die Diskrepanz zwischen den Geschlechtern auf eine für alle verständliche, augenzwinkernde Parabel herunterbrechen, die als behutsame Satire bestens funktioniert und überdies mit Margot Robbie und Ryan Gosling ein Paar gefunden hat, welches als Testimonial für soziale Gerechtigkeit zwischen Mann und Frau die lustvoll simplifizierte Message für die breite Masse hoch erhobenen Hauptes in die reale Welt trägt. Ich hätte nicht erwartet, dass Greta Gerwig sich selbst und ihren Prinzipien so sehr treu bleiben kann. Gerade dadurch gelingt ihr die Fusion von Kommerz und Kunst so leichthändig, als wäre die Marktwirtschaft längst schon devotes Werkzeug für Intellektuelle, um darzustellen, wo im gesellschaftlichen Miteinander Defizite existieren.

Barbie, Jahrzehnte im Geschäft und längst nicht nur mehr blond, hellhäutig und langbeinig, erfährt nun ihre lägst überfällige Bestimmung. Gerwigs ironischer und niemals tadelnder Film lässt zwischen La La Land und Pixars Toy Story die Puppen tanzen, einen bestens aufgelegten Ryan Gosling, der nicht nur Beach kann, sondern auch Komödie, übers Männerdasein singen und das Matriarchat dem Patriarchat eins auswischen. Das ist knallbunt, dann wieder schräges Revuekino. Letzten Endes aber folgt Barbie der Tatsache, dass Frauen ohne Männer jederzeit können – Männer ohne Frauen zwar auch, dafür müssen sie sich aber erstmal selbst finden. Ganz ohne Macht und Aufplustern.

Barbie (2023)

Meg 2: Die Tiefe (2023)

FUSSTRITTE FÜR DIE FRESSMASCHINE

6/10


meg2© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA, CHINA 2023

REGIE: BEN WHEATLEY

DREHBUCH: JON & ERICH HOEBER, DEAN GEORGARIS, NACH DEM ROMAN VON STEVE ALTEN

CAST: JASON STATHAM, CLIFF CURTIS, WU JING, SHUYA SOPHIA CAI, PAGE KENNEDY, SKYLER SAMUELS, SIENNA GUILLORY, SERGIO PERIS-MENCHETA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Bevor man in einen Film wie diesen geht, sollte gewiss sein, dass so gut wie alles, was in den nächsten zwei Stunden zu sehen sein wird, eigentlich absolut unmöglich ist. Nein, ein Mensch kann nicht in einer Tiefe von 25.000 Fuß eine beträchtliche Strecke ohne Schutzanzug zurücklegen. Und das auch nicht, wenn er seine Nebenhöhlen entlüftet, wie Jason Statham es tut. Nein, ein Megalodon rudert nicht bis ins seichte Gewässer, um kreidezeitliche Amphibienwesen zu jagen, während diese dann kurze Zeit später in besagter Tiefe von 25.000 Fuß auf menschliche Beute spitzen. In Meg 2: Die Tiefe stimmt so einiges nicht, ist die Physik nur eine Frage künstlerischer Freiheit und Ben Wheatley einer, der eine diebische Freude daran hat, endlich machen zu dürfen, was ohnehin kaum jemand anpacken würde. Vielleicht, weil das Skript so sehr das Mögliche verbiegt, dass es andere beschämen könnte, zu einem Tierterror-Reißer wie diesen Journalisten Rede und Antwort stehen zu müssen.

Die Welt des Films aber bietet genau solche Freiheiten und die Möglichkeit für ausreichend Chuzpe, mit der niemand auch nur im Traum daran denkt, sich für so viel unwahrscheinlichen Murks zu rechtfertigen. Im Film ist alles möglich. Und je unmöglicher und unlogischer, umso neugieriger wird man auch als prinzipieller Monster-Action-Fan, der die französische Comicbuchreihe Carthago von Christophe Bec verschlungen und Megalodons seit jeher bewundert hat. Auch in Carthago erblicken Riesenhaie das Licht der Gegenwart, und nicht nur diese. Allerdings versuchen in dieser Geschichte, deren Heldinnen und Helden den Naturgesetzen zu folgen, auch wenn so einiges im Reich der Fantasie zu verorten ist. Ernsthafter als Meg 2 ist es allemal. Und Meg 2 – den sollte man ohnehin keine Sekunde lang ernst nehmen. Obwohl es niemals so hanebüchen wird wie zum Beispiel im Asylum-Kultstreifen Sharknado – ein Guilty Pleasure mit Fangemeinde und für alle, die mit permanenter Hai-Angst leben.

Es ist kurios genug, dass Ben Wheatley, Autorenfilmer und Kino-Exzentriker (u. a. High-Rise, Rebecca), einen Film wie diesen wählt. Der Grund dafür ist verständlich: Warum denn nicht mal dürfen, was man sonst nie darf. Übertreiben, wo andere die Augen verdrehen. Reuelos einfach draufklotzen und Jason Statham zum neuen Chuck Norris ausrufen, unter dessen Füßen sich die Erde womöglich wegdreht und der Haie zum Frühstück verspeist. Der auch unter gnadenlosem Druck und eisiger Kälte immer noch geistesgegenwärtig potenzielle Prädatoren abwehren kann und gar keine Dekompression braucht, um sekundenschnell wieder auf die Beine zu kommen. Statham ist momentan die coolste Socke des Actionkinos, da fehlt einem wie Chris Hemsworth noch einiges an Gelassenheit. Und da Statham in seinem Kampf gegen Ungetüme ganz bewusst und rotzfrech über die Stränge schlägt, um ein parodistisches Jurassic Park unter Wasser abzufeiern, ist Meg 2: Die Tiefe unter diesen Konditionen erstens besser als das relativ handzahme Original Meg, und zweitens tatsächlich (un)freiwillig spaßig.

Inhaltlich gibt’s kaum etwas zu berichten. Kenner des Originals wissen: es gibt dieses isolierte Ökosystem irgendwo nahe den Philippinen, dort kreucht und fleucht es wie vor 65 Millionen Jahren. Klar bleibt dieser ökologische Schatz nicht unbemerkt, und während Jason Statham als Jonas Taylor samt seinem Team auf Erkundung geht, stoßen diese auf eine illegale Bergbaustation, die wertvolle Erze schürft. Zwischen beiden Parteien gibt’s bald Clinch, und zum fröhlichen Hickhack gesellen sich bald eine Handvoll Haie, die als lachende Dritte aufs Frühstück spechteln. Das ganze bizarre Szenario verlagert sich aus der Tiefe bald an die Oberfläche, und das Chaos ist perfekt. Humoristische Einlagen wechseln mit brachialer Monster-Action, Kreischalarm ist garantiert. Da es diesmal nicht nur Haie sind, die den Menschen das Leben schwer machen, darf man sich auf allerlei gefräßiges Zeugs freuen. Der Trash-Platte ist serviert, samt offensichtlich ignorierten Continuity-Fehlern, die trotz oder wegen ihrer Auffälligkeit gleich im Film behalten wurden, denn auch das macht einen trivialen Reißer wie diesen noch trivialer. Spätestens wenn Statham den Monsterhai mit seinen Füßen abwehrt, gibt’s kein Halten mehr.

Natürlich ist, wenn man das Meg-Franchise in dieser Genre-Nische auch weiterhin verorten will, noch Luft nach oben vorhanden. Will heißen: da lässt sich noch einiges draufsetzen an kuriosen Eskapaden, die gerne noch grotesker ausfallen könnten, frei nach dem Motto: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert: Vielleicht erreicht Meg 3 dann jene Sphäre, in der sich satirische Kasperein wie Iron Sky sichten lassen. Wichtig dabei wäre aber nach wie vor, eine gewisse dramaturgische Spannung zu garantieren. Denn die sitzt im Schlauchboot ohne Ruder, den spitzen Zahnreihen der Knorpler widerstandslos ausgesetzt. Spannung entsteht dann, wenn dem Film inhärente Naturgesetze den Plan durchkreuzen. Bei Meg 2: Die Tiefe gibt’s diese fast gar nicht mehr, dafür aber den Spaß an der Freude, prähistorisch baden zu gehen.

Meg 2: Die Tiefe (2023)

Escape Room (2019)

ADRENALINKICKS ZUM GRUPPENRABATT

5/10


escaperoom© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: ADAM ROBITEL

DREHBUCH: BRAGI F. SCHUT, MARIA MELNIK

CAST: TAYLOR RUSSELL, LOGAN MILLER, DEBORAH ANN WOLL, TYLER LABINE, JAY ELLIS, NIK DODANI, JESSICA SUTTON, KENNETH FOK U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Ich weiß, kein Grund zur Panik, aber wenn mir die Vorstellung, aus einem geschlossenen Raum nicht mehr herauszukommen, ohne meinen Intellekt anzustrengen, Stress verursacht – auf die Gefahr hin, ich werde dumm sterben – dann sollte ich womöglich keinen Escape Room aufsuchen. Natürlich sind das irrationale Ängste, man kann auf diesen Spielplätzen jederzeit w.o. geben und der Spielleiter führt dich milde und etwas abschätzig lächelnd aus dem Erwachsenen-Parkour. Doch latente Klaustrophobie muss nicht unbedingt gefördert werden – es gibt ja schließlich noch andere nette Dinge, die man in seiner Freizeit tun kann. Und wenn schon Escape Room, dann vielleicht einer der bereits zuhauf angebotenen Einweg-Gesellschaftsspiele, in denen es nur ums Rätselknacken geht. Ganz ohne Fluchtinstinkt.

Sich diesem zu unterwerfen, liegt allerdings ganz im Sinne von sechs Kandidatinnen und Kandidaten, die allesamt eine mysteriöse Einladung zu einem herausfordernden Mindgame erhalten haben. Kurz gesagt: zu einem Escape Room für Fortgeschrittene und Out of the Box-Denker. Die sechs jungen Leute sind sich untereinander nicht wirklich bekannt – den Fokus des Filmes setzt Regisseur Adam Robitel (Insidious: The Last Key) dabei auf Taylor Russel (zuletzt in Bones and All), welche die etwas introvertierte Zoey gibt, die aber mit einem Intellekt punkten kann, bei welchem all die anderen fünf nur neidvoll zu ihr aufblicken können. Das tun sie aber nicht, denn jeder der Anwesenden hat so seine Stärken. Und Schwächen. Die unbekannten Game-Master wissen das. Woher, bleibt schleierhaft. Und dann geht’s auch schon los, als sich alle im Wartebereich eines ominösen Hochhauses eingefunden haben – und der erste Verdacht aufkommt, dass etwas nicht stimmt, als die Dame im Sekretariat immer dieselben Worthülsen von sich gibt. Hier ist nichts so, wie es scheint. Als alle vermuten, die Wartezeit zum Startschuss gehört selbst bereits zum Spiel, wird es ungemütlich warm. Und die sechs müssen so schnell wie möglich einen Ausweg finden, um nicht gegrillt zu werden.

Das ist allerdings nur das erste Zimmer von so einigen, die da noch kommen mögen. Und eines fieser als das andere. Diese zu bewältigen ist auch alles, was es in diesem Film zu tun gibt. So gesehen fühlt sich Escape Room ein bisschen so an wie eine unmoderierte Unterhaltungsshow mit unter anderem gesundheitsgefährdendem Ausgang für so manche, die sich etwas schwertun, die Dinge vorauszusehen. Hat sich David Finchers The Game mit Michael Douglas längst nicht nur damit begnügt, Zimmernummern zu vergeben, irritierte Vincento Natali in seiner Horror-SciFi Cube mit einem Labyrinth identer Räume, in denen perfide Fallen wussten, wie sie zuzuschnappen hatten. Auch in Escape Room kommt manches unerwartet, und dabei ist man froh, sich nicht selbst diesem Risiko aussetzen zu müssen, sondern einfach nur zusehen und mitraten zu dürfen, wo nun beim nächsten Mal der Haken an der Sache aus der Wand schnellt. Natürlich mischt der biographische Background eines jeden hier Anwesenden selbst nochmal die Karten durch, und tatsächlich lässt sich mit den psychologischen Grundmustern der Spieler so einiges anfangen. Nur im letzten Drittel wird’s banal, wenn nicht gar einfallslos. In manchen Filmen mag die Ergründung des Ganzen eine wichtige Rolle spielen – hier hingegen nicht.

Wie viel stimmiger wäre es gewesen, dem Mysterium des Spiels nicht auf die Spur kommen zu müssen. Obwohl einiges nach wie vor einer physikalischen Unmöglichkeit unterliegt und zumindest in diesen Bereichen noch sein Geheimnis behält – wie das Herumrätseln an einem Zaubertrick, der unmöglich sein kann – werden sozialphilosophische Beweggründe bemüht, die wenig überzeugen und einem Appendix gleich als dramaturgisches Anhängsel dem Film noch mehr Tiefe und Story verleihen sollen. Um ein Sequel anzustückeln, meinetwegen. Sonst aber wäre das Herunterbrechen auf einen trivialen Thriller-Plot wie ein eigener Raum, der maximal als Vorzimmer dient.

Escape Room (2019)

Slither – Voll auf den Schleim gegangen (2006)

DA IST DER WURM DRIN

7/10


slither© 2006 United International Pictures


LAND / JAHR: USA 2006

DREHBUCH / REGIE: JAMES GUNN

CAST: ELIZABETH BANKS, NATHAN FILLION, MICHAEL ROOKER, GREGG HENRY, TANIA SAULNIER, BRENDA JAMES, DON THOMPSON, JENNIFER COPPING, JENNA FISCHER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wie habe ich bedauert, dass Michael Rookers Figur des Ziehvaters Yondu im zweiten Teil der Guardians-Trilogie seinen letzten Auftritt absolviert hat. Ich muss gestehen, der blauhäutige Pirat mit seiner pfiffigen Pfeilwaffe war schon sowas wie mein Lieblingscharakter in diesem Universum. Doch auch wenn Rooker seine Rolle nicht mehr so wirklich ausleben kann – zu Gunns Haus- und Hofensemble zählt er trotzdem. Denn mit Slither – Voll auf den Schleim gegangen war er von Anfang an dabei. Übersehen wird man ihn nicht, denn seine Figur ist diesmal eine, die ihr Äußeres so lange verändert, bis kaum mehr menschliche Züge erkennbar sind. Fast so wie in David Cronenbergs Die Fliege? Wohl eher wie in John Carpenters The Thing. Letztendlich bleibt ein Organismus zurück, der die Weltherrschaft an sich reißen will. Um diesem Bio-Aggressor das Handwerk zu legen, bedarf es eines guten Magens. Und etwas Verständnis für Charles Darwins Leitsatz: Survival of the fittest. Nicht unterschätzen sollte man auch das eigene Verständnis dafür, dass wir alle doch nur aus einem Haufen Zellen bestehen, die so ihre Befehle haben und das tun, was sie tun müssen. Dass sich die biologische Beschaffenheit aufgrund dessen, das extraterrestrische Organismen dazwischenreden, ganz anders ausgestalten kann, sollte einer gewissen objektiven Betrachtung überlassen werden. Und dann – ja, dann hat man seinen Spaß. Mit Eiterbeulen, explodierenden Körpern und grotesken Mutationen, die dem Invasor aus der Hand fressen. Doch was wäre ein Splattervergnügen wie dieses, hätte James Gunn nicht auch gleich mehrere Handvoll Zombies im Repertoire. Die schieben sich ebenfalls durch die Gassen, gesteuert von sagen wir mal den spanischen Wegschnecken nicht ganz unähnlichen Parasiten, die durch die menschliche Futterluke ins Gehirn gelangen.

Die amerikanische Kleinstadt ist dabei immer und überall der ideale Schauplatz Nummer Eins (wenn man mal von arktischen Forschungsstationen absieht), wenn es darum geht, den Worst Case zu entfesseln. Der angrenzende Wald ist dabei die Quelle allen Übels. Und kaum streift Michael Rooker durch den Forst, hat’s ihn auch schon erwischt. Ehefrau Elizabeth Banks weiß noch nichts von ihrem Unglück, und Polizist Nathan Fillion (auch in Guardians of the Galaxy Vol. 3 zu sehen) kann im Rahmen der eskalierenden Ereignisse nur noch staunend kundgeben, wie sehr er nicht glauben kann, was er sieht.

Jene, die Slither auf den Schleim gehen wollen, bekommen ein deftiges Mahl serviert. Gunn erprobt seinen Stil in einem parodistischen Genre-Punsch aus Zombiefilm, Science-Fiction und Body-Horror, alles in der Isolation eines abgelegenen Kaffs irgendwo im Nirgendwo, dessen Abgeschiedenheit erst die Hölle auf Erden möglich macht. Trotz des hohen Ekel- und Blutfaktors, trotz dieser heillos überzeichneten Eskapaden, herumspritzend mit allen möglichen Körpersäften und bizarren koitalen Riten, die, wenn man im Zoologiehandbuch blättert, längst im irdischen Tierreich zum Usus gehören, bleibt Slither so richtig bodenständig. Trockener Humor, vorzugsweise als ironisches Statement, nimmt damals schon die freche Schnauze eines Rocket Raccoon vorweg. Dabei hätte dieser einen Tick sarkastischer sein können, etwas rotzfrecher und doch nicht so um die Kompensierung bizarrer Ereignisse bemüht. Die große Furcht dabei, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren, und die Gunn auch in seinem Suicide Squad-Spinoff Peacemaker nochmal durchlebt, hängt hier als erschreckende Eventualität über allem. Ein frecher Spruch relativiert vieles – aber eben nicht alles. Und so bleibt Slither in erster Linie ein zwar launig erzählter und leichtgewichtiger, aber durchaus mysteriöser Creature-Thriller, der sich lieber vor den Meistern des Genres, die ihn wohl inspiriert haben, ehrfürchtig verbeugt, als diese lächerlich zu machen.

Slither – Voll auf den Schleim gegangen (2006)

The Flash (2023)

DEM SCHICKSAL DAVONLAUFEN

7/10


theflash© 2023 Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.  TM & © DC 


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: ANDY MUSCHIETTI

DREHBUCH: CHRISTINA HODSON

CAST: EZRA MILLER, MICHAEL KEATON, SASHA CALLE, BEN AFFLECK, MICHAEL SHANNON, RON LIVINGSTON, MARIBEL VERDÚ, KIERSEY CLEMONS, JEREMY IRONS, ANTJE TRAUE, GAL GADOT U. A.

LÄNGE: 2 STD 24 MIN


Es ist selten empfehlenswert, seinen eigenen Problemen davonzulaufen. Immer weiter weg. Barry Allen tut das. Er läuft weg vom Schicksal seiner Familie, von der Tragödie eines Todesfalls, der so leicht hätte verhindert werden können, hätte Mum im Supermarkt nur nichts vergessen. In Wahrheit aber will Barry durch sein Davonlaufen die Vergangenheit wieder einholen, fast so, als würde man so schnell vor jemandem herlaufen, dass man, einmal die Erde umrundet, ihm letzten Endes nachläuft. Genauso – oder ungefähr so – funktioniert das. Und The Flash wird zum Herrn der Zeit, ohne dafür jemals irgendwelche Workshops dafür besucht zu haben, denn man weiß ja seit Marty McFly, wie heikel es ist, damit herumzuspielen. Die Manipulation am Zeitstrahl löscht entweder alles aus, verändert ihn – oder ein ganz neuer entsteht, inklusive frisch gezapfter  Vergangenheit.

Das DC-Multiversum wäre somit geboren, und Barry Allen fungiert als dessen Hebamme. Wie es der Zufall will, trifft Allen nicht nur auf glückliche Eltern, sondern auch auf sein Alter Ego ohne Kräfte. Ein völlig durch den Wind befindlicher Taugenichts, der sich von den Eltern aushalten lässt, aber selbst nichts auf die Reihe bekommt. Es wird schwierig werden, all das Leben wieder in den Normalzustand zu versetzen, denn in dieser neuen Welt gibt es keine Metawesen, die dem plötzlichen Auftauchen von Kryptonier Zod etwas entgegenhalten könnten. Wir wissen: Zod, gespielt von Michael Shannon (und diesmal eher farblos, wenn man Man of Steel nicht kennt) wollte schon anno 2013 die Erde unter Zac Snyders Regie niederbügeln – und nebenbei des Superman habhaft werden. Nun aber ist alles anders. Und zum Glück finden wir uns an jenem Tag ein, an welchem Allen seine Speed Force bekommen soll. Einer von beiden muss dann also schließlich The Flash werden. Wer, wird sich zeigen. Und Batman? Lustigerweise gibt‘s den. Doch der ist nicht Ben Affleck. Schließlich ist es jener aus den Filmen von Tim Burton, mit selbem Outfit und selbem Batmobil. Nur etwas älter.

Andy Muschietti, der Stephen Kings Es neues Leben eingehaucht hat, gilt nun als neue Hoffnung am DC-Firmament. Alle sind so richtig begeistert, was dieser aus Flash – sowieso das Sorgenkind, das jahrzehntelang auf seine Origin-Story hat warten müssen – gemacht hat. Obwohl: Ezra Miller, ebenfalls ein Sorgenkind, war schon längst etabliert. Nur die Story musste noch knackig genug werden – und mit dem roten Faden des Marvel-Multiversums mithalten. Denn Zeitreisen und andere Dimensionen sind immer noch der Trend, die kausalen Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung immer noch ein grenzenloses Labor, in welchem sich herumexperimentieren lässt, als gäb‘s kein Morgen mehr. Manchmal ist das auch tatsächlich so, und das Morgen lässt sich nur durch kluge Manipulation des Vergangenen oder der Zukunft garantieren. Auch The Flash rennt, schwitzt und flitzt nun weltenrettend diverse Zeitlinien entlang, die sich als alternative Dimensionen manifestieren. Das ist weniger krass als in Spider-Man: Across the Spider-Verse, aber man ahnt nicht, was eine Dose Tomaten eigentlich alles anrichten kann. Aufbauend auf diesem Schmetterlingseffekt lässt man sich gerne davon überzeugen, dass das scheinbar längst etwas erschöpfte Prinzip der Multiversen in gefühlt allen Comicverfilmungen immer noch einige Blickwinkel in petto hat, aus welchen die Sicht auf das Raum-Zeit-Dilemma nochmal neue Impulse erhält. Bei The Flash gelingt das. Michael Keaton weiß, wie er einfach, aber verständlich, hierzu den Erklärbären gibt, während Ezra Miller im Doppelpack mit sich selbst hadert – und dabei den Film zum Schauspielkino werden lässt, mit ganz besonderen Performancenleistungen. Miller mag im Privaten so einiges ausgefressen haben – als Schauspieler ist er ein Profi. Einer, der nuancieren kann, mit expressivem Ausdruck und kraftvoller Spielfreude. Und auch Michael Keaton, grundsympathisch wie eh und je, feiert den nostalgischen Rückblick auf sein Karrierehoch aus den Achtzigern. Im Team sind die zwei unschlagbar, da mag Supergirl (Sasha Calle) etwas an Kraft verlieren und noch nicht wirklich ihre Bestimmung finden.

Das Publikum aber ist sofort mit dabei. Zumindest mir erging es so. Lose auf dem Comic Flashpoint basierend, gelingt Muschietti ein höchst geschmeidiges, kurzweiliges Abenteuer mit der richtigen Portion an Situationskomik, ohne selten überzogen zu wirken, wenn man von der Krankenhaus-Szene mal absieht. Doch die passt wiederum gut zu James Gunns Stil. So gesehen ist The Flash ein Hybrid zwischen Snyder-Verse und dem rotzfrechen Wahnsinn einer Suicide Squad oder des Peacemaker, alle im selben Universum.

So richtig outstanding ist das Soloabenteuer des blitzschnellen Gutmenschen allerdings nicht. Vielleicht sind es zu viele Kompromisse und manchmal more of the same, doch im Grunde ist The Flash wie aus einem Guss. Ein Sprint ohne Pause, mit ganz vielen Cameos und Referenzen auf die Film- und Fernsehgeschichte des DC-Universe. Es ist das Ziehen einer Bilanz; ein Erkennen, wo man gerade steht, um danach weiterzulaufen. Hoffentlich in die richtige Richtung.

The Flash (2023)

Visitor from the Future (2022)

ATOMKRAFT? NEIN, DANKE!

5/10


VisitorsFromTheFuture© 2023 capelight pictures


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: FRANÇOIS DESCRAQUES

CAST: FLORENT DORIN, ENYA BAROUX, ARNAUD DUCRET, RAPHAËL DESCRAQUES, SLIMANE-BAPTISTE BERHOUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Kennt irgendjemand von Euch die französische Webserie Le Visiteur du Futur? Bereits in mehreren Staffeln verfügbar, handelt diese komödiantische Science-Fiction von einem nicht näher benannten Zeitreisenden, der als Besucher durch die Epochen reist, um Schlimmstes zu verhindern. Verfolgt wird er dabei stets von den Handlangern einer so obskuren wie militanten Zeit-Brigade, die, hochgerüstet wie extraterrestrische Kampfroboter, dem Chaoten das Handwerk legen will, manipuliert dieser doch bereits festgelegte Vergangenheiten, nur um eine bessere Welt zu erschaffen.

Gesehen habe ich davon keine einzige Folge – immerhin aber dieses als Spielfilm komprimierte Special mit genau jenem Cast, der auch in der Serie mitwirkt. Es lässt sich dabei ganz genau erkennen, wodurch sich die Macher ihres manchmal recht klamaukigen Zeitreise-Universums inspirieren ließen, ohne aber allzu offensichtlich abzupausen. Obwohl: Gesagt muss dennoch werden, dass das Subgenre der Zeitreisen langsam für eine vorübergehende Verschnaufpause pochen sollte, denn vergleicht man jüngste Produktionen miteinander – und dabei ist es egal, ob es nun Serien oder Filme sind – gibt es ein ordentliches Gefälle, was die Genauigkeit und den nötigen Ernst anbelangt, mit welchem man sich dem Thema Zeit annehmen will. Da führt momentan die deutsche Erfolgsserie Dark so ziemlich alles an, was es derzeit gibt, vor allem anfangs hatten jene Überlegungen zur Manipulation der vierten Dimension ordentlich Hand und Fuß. Am liebsten denkt man natürlich auch an den Klassiker Zurück in die Zukunft, der niemals auch nur einen Gedanken daran verschwendet hat, dass Multiversen möglich sind, sondern alles auf einer Zeitlinie geschehen ließ. In Visitor from the Future gibt es scheinbar auch nur eine Zeitlinie – und dennoch arbeitet François Descraques mit den Benefits multipler Existenzebenen, ohne sie näher beim Namen zu nennen.

Mit seinem Besucher durch die Zeiten schuf dieser so einen hyperaktiven Alleskönner wie Dr. Who, der ohne Tardis auskommt, sondern einfach auf Knopfdruck und ohne Zieleingabe überall hinkommt, wo er gerade hinwill. Diese Simplifizierung ist allerhand, mit Sicherheit dreist und auch erstaunlich selbstbewusst. Die Frage nach dem Wie lässt Descraques so sehr außen vor und unbeantwortet wie einen näher definierten Grund dafür, in der Zukunft auf einer mit Zombies bevölkerten Endzeit-Erde zu stoßen. In Visitor of the Future hat nichts eine wirkliche Ursache, und wäre Gott im Spiel, der ein Artefakt zurückverlangt, mit welchem man durch die Epochen springen kann wie einst eine Handvoll Zwerge, die unter Terry Gilliams Regie als Time Bandits bekannt wurden, könnte man das Ganze ja noch als Parodie verstehen, die sich der märchenhaften Fantasy mit Haut und Haaren verschrieben hat.

Dieser Film aber schert sich kein bisschen darum, ein logisches Konstrukt innerhalb seiner erdachten Welt aufzubauen. Abgefahren ist angesagt, und neben zahlreichen Genre-Versatzstücken und stilistischen Zitaten, angefangen von I am Legend über Dark bis zu Mad Max ist dem immerhin gut aufgelegten Team nur eines wichtig: Das Streben nach erneuerbaren Energien und dem Ende der Atomkraft. Was ich bis zu diesem Punkt herausgezögert habe, ist schließlich die Synopsis des Films.

In einer alternativen Gegenwart stehen alle Lichter auf grün, wenn es darum geht, ein mit offensichtlichen Mängeln ausgestattetes Atomkraftwerk in Betrieb zu nehmen. Die Tochter des Konstrukteurs, Alice Alibert, schließt sich dem Aktivismus an und geht sogar so weit, den Arbeitslaptop des Vaters zu entwenden, damit dieser seine Arbeit nicht mehr zu Ende bringen kann. In dieser besagten Nacht stößt die junge Frau auf den eingangs erwähnten Besucher mit Fliegerbrille und Trenchcoat, der genau denselben Plan verfolgt. Beide, einschließlich des aus dem Schlaf geholten Vaters, werden ins Jahr 2555 katapultiert, in welchem sich die Fremden mit einer Postapokalypse auseinandersetzen müssen, die Vaters Atomkraftwerk seinerzeit verursacht hat.

Alles in allem kann der ganze Film als ökobewusste und zivilisationskritische Science-Fiction-Komödie betrachtet werden, die aber letzten Endes tut, was sie will und all ihre dadurch entstandenen Widersprüche beschwichtigend beiseite wedelt. Immerhin aber birgt der Film in seinem mehrminütigen Prolog, bevor das ganze Abenteuer beginnt, wohl die seit langem witzigsten Momente im Genre der Science-Fiction.

Visitor from the Future (2022)

The Five Devils (2022)

DIE NEUGIER DER UNGEBORENEN

8/10


thefivedevils© 2022 F Comme Film / Trois Brigands Production


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

REGIE: LÉA MYSIUS

BUCH: LÉA MYSIUS, PAUL GUILHAUME

CAST: ADÈLE EXARCHOPOULOS, SALLY DRAMÉ, SWALA EMATI, MOUSTAPHA MBENGUE, DAPHNE PATAKIA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Seit der legendären deutschen Mindfuck-Serie Dark wissen wir, dass die Zukunft Vergangenes beeinflusst und umgekehrt. Dass die Schicksale in jeder Zeitphase wie ein Stoßmich-Ziehdich unverrückbar ihre Positionen einnehmen, weil das eine nicht ohne den anderen existieren kann. Weil die Zeiten einander bedingen. Und was war, wird gewesen sein. Was noch nicht ist, begründet vielleicht gar sich selbst. Diesen Knoten im Hirn muss man erst mal entwirren können. Das Ganze mutet an wie ein Zauberwürfel, dessen Algorithmus zur Lösung des Problems nur die wenigsten kennen. Denis Villeneuve hat in Arrival die Zeit als Kreislauf erklärt, ebenso das kongeniale Regie-Duo Jantje Friese und Baran Bo Odar, das nun leider mit ihrem neuen Abenteuer 1899 scheitern musste. Man kann auch zu weit gehen, und zwar so weit, dass man den eigenen Plot nicht mehr versteht.

Vor dieser Gefahr weiß sich Léa Mysius zu schützen. Ihr zweiter Spielfilm nach Ava will hier ähnlich die Zeit durcheinanderbringen und noch nicht Geschehenes zu längst Passiertem machen. Wie sie diesen phantastischen Umstand in ihre bittersüße Romanze integriert, und wie sie dabei noch einen philosophischen Diskurs wie Salz in die Suppe einstreut, ist so berauschend komponiert, dass einer wie Krysztof Kieslowski, würde er noch leben, glücklich die Hände zusammenschlagen würde, da er nun beruhigten Gewissens die zarte Erzählweise der Mystery vererbt sehen kann. Seine Zwei Leben der Veronika bleiben unvergessen. The Five Devils bleiben ebenfalls in Erinnerung. Und das aus vielerlei Gründen.

Mysius schenkt ihrem Publikum anfangs nur wenige Puzzleteile, die vielleicht zueinanderpassen könnten, aber ganz sicher ist man sich da nicht. Man wartet geduldig, was sie einem sonst noch zuwirft. Zu Beginn haben wir Adelé Exarchopoulos, die vor einem Flammenmeer steht und sich uns verzweifelten Blickes zuwendet. Dann folgt der Cut – und wir sehen die seit Blau ist eine warme Farbe längst für herausfordende Rollen etablierte Schauspielerin gemeinsam mit ihrer Filmtocher an einem See, mitten im Winter. Die junge Vicky ist in der Schule nicht sehr beliebt, ein gewisser Alltagsrassismus prägt ihr Dasein in der Gesellschaft. Allerdings hält sie diese Erfahrungen vor ihren Eltern geheim – genauso wie den Umstand, dass sie einen außergewöhnlichen Geruchssinn besitzt. Erinnerungen an Grenouille aus Das Parfum werden wach, aber keine Sorge: Das Mädel ist keine Psychopathin, nur etwas eigenwillig, was das Sammeln von Duftstoffen in Einmachgläsern betrifft, die jeweils einen anderen Menschen olfaktorisch erfassen sollen. Da passiert es, und Tante Julia, die Schwester ihres Vaters, kommt zu Besuch. Mit ihr verbindet Mutter Joanne eine unangenehme Vergangenheit, sie will sie am liebsten gar nicht hier haben. Vicky geht der Sache nach und die Neugier obsiegt, während sie die Habseligkeiten der Unbekannten durchwühlt. Ein seltsames Fläschchen erregt ihr Interesse. Kaum daran geschnüffelt, fällt die Kleine durch die Zeit – bis zu einem Moment in der Vergangenheit, der das Tor zu einer Tragödie öffnet, an der selbst sie nicht ganz unbeteiligt scheint.

The Five Devils schafft ein Mysterium, ohne herausfinden zu wollen, warum Dinge geschehen, die unmöglich scheinen. Viel wichtiger scheint es dem Film, das, was ans Licht kommt, als schmerzvoll-intensives Beziehungsdrama ins Zentrum zu stellen und sich dabei dem Phantastischen als Mittel zum Zweck zu bedienen. Das Paranormale, Metaphysische ist nur ein Zugang. Doch es wirft auch die Frage auf, wie sehr die eigene Geburt nur Zufall gewesen sein kann. Jeder dürfte diese Tatsache selbst schon erörtert haben: Was, wenn im Laufe der Vergangenheit Wendepunkte des Lebens der Eltern ganz anders verlaufen wären? Wie leicht wäre man selbst nicht vorhanden. Und doch unterliegt unsere Existenz einem gewissen Determinismus, und dem Recht auf ein Dasein, das sich selbst verursacht hat. Die Angst davor, im besten Falle eigentlich gar nicht existieren zu dürfen, findet in The Five Devils zwar Trost, aber zum Glück keine erlösenden Antworten, denn die wären vermutlich banal.

Mysius stattet diese Ratlosigkeit, unterlegt von einem wohlklingenden, melodiösen Soundtrack aus diversen zeitgenössischen Musikstücken, zu einer von kindlicher Neugier überrumpelten Expedition aus, auf welcher man mitreisen und von welcher man sich mitreissen lassen sollte, allen emotionalen Gefahren zum Trotz.

The Five Devils (2022)

Nightsiren (2022)

WIE MAN SICH HEXEN MACHT

7/10


nightsiren© 2023 Busch Media Group


LAND / JAHR: TSCHECHIEN, SLOWAKEI 2022

REGIE: TEREZA NVOTOVÁ

BUCH: BARBORA NÁMEROVÁ, TEREZA NVOTOVÁ

CAST: NATÁLIA GERMANI, EVA MORES, JULIANA OLHOVÁ, IVA BITTOVÁ, JANA OLHOVÁ, MAREK GEISBERG U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


In Robert Eggers The Witch hat die strenggläubige Familie von Anya Taylor-Joy so lange darauf beharrt, dass ihre Tochter einen Pakt mit finsteren Mächten eingegangen sein muss, bis es wirklich dazu kam. Klarer Fall von selbsterfüllender Prophezeiung. Und gerade in diesem Film wird klar, dass die wahre Hölle immer die anderen sind – frei nach Sartre. Die slowakische Filmemacherin Tereza Nvotová will sich dieser Umkehrrechnung ebenfalls annehmen – und erzählt diesmal nicht aus der Finsternis des siebzehnten Jahrhunderts, sondern stellt sich gegenwärtigen Verhältnissen. Zum Teil sind diese auch autobiographisch; zumindest, was das Verhalten der Gemeinde angeht und wohl weniger das Metaphysische zwischen den Bäumen.

Der Mikrokosmos einer Dorfgesellschaft ist stets mit Vorsicht zu genießen. Ein jeder kennt jeden, es wird getuschelt und getratscht. Geheimnisse gibt es längst nicht mehr, und tritt wirklich Pikantes zutage, wissen es alle. Schnell wird der Verdacht zur Gewissheit, die Gewissheit zur irrationalen Angst, die irrationale Angst zum Wahn. Genau so landeten damals vermeintliche Hexen auf dem Scheiterhaufen oder wurden ins Wasser getaucht, damit die anderen herausfinden konnten, ob die Beschuldigte vielleicht nicht doch ehrlich damit war, unschuldig zu sein.

Die Menschheit hat sich, wie wir wissen, in ihrem Verhalten seit damals kaum gewandelt. Gut, die Gesetze sind andere, das Gewand ist nicht selbstgenäht, sondern stammt vom Großkonzern und die Hygiene ist besser. Doch alles andere tritt auf der Stelle. Nightsiren kommt diesem enttäuschend unbelehrbaren Status Quo langsam auf die Schliche. In ihrem Film treibt sie niemanden zur Eile an, die Story schreibt das Tempo vor – und geht so: Eine junge Frau kehrt nach Jahrzehnten der Abgängigkeit in ihr Heimatdorf zurück – oder besser gesagt: zur Waldhütte ihrer verstorbenen Mutter. Die ist längst abgebrannt, da gibt’s nichts mehr zu holen. Gegenüber, ein paar Meter weiter, dämmert das Haus einer angeblichen Hexe dem Verfall entgegen, dort quartiert sich Charlotte erstmal ein. Nicht nur der Brief des Bürgermeisters, der die Hinterlassenschaften ihrer Mutter regeln will, treibt sie hierher – es ist auch die Hoffnung, dass ihre kleine Schwester überlebt haben könnte, nachdem sie diese vor Jahrzehnten versehentlich von einer Waldklippe stieß. Charlottes ganze Familie ist nebenbei sowieso in Verruf geraten, mit Waldhexe Otylia einen Pakt eingegangen zu sein. Entsprechend zögerlich reagieren die Einwohner auf die Heimkehr der verschollenen Tochter. Natürlich wecken Charlottes Nachforschungen schlafende Hunde, ein Mädchen namens Mira gesellt sich zu ihr, und die permanent notgeilen Männer des Dorfes stellen bald schon eine Bedrohung dar. Im Schatten hexischer Magie befinden sich alle, doch es braucht eine Zeit, bis dieses Unheil von den anderen beim Namen genannt wird.

Nightsiren vermeidet – und das ist wunderbar erfrischend – jegliches Klischee aus diversen anderen Hexenfilmen, die die Mythologie auf hässliche Fratzen und unreflektierte Bösartigkeit reduzieren. Tereza Nvotová gibt dem Thema einen hellen Anstrich und kokettiert viel mehr mit den Imperativen weiblicher sexueller Freiheiten, die vom Patriarchat längst nicht mehr unterdrückt werden dürfen. Ihr Mysterydrama ist ein zutiefst feministischer Film, der fast schon der Versuchung erliegt, alles Männliche als Unterjochung darzustellen, wäre da nicht zumindest einer, der von den geschlechtstypischen Verhaltensweisen Abstand nimmt. Ob das den Ausgleich schafft, bleibt lange fraglich. Und rückt dann später in den Hintergrund, wenn Nightsiren beginnt, Reales mit Imagination, Lehrbuchphysik mit Metaphysik und Gewalt mit Magie zu vermischen. Die Hexe bei Nvotová ist ein Sinnbild für das Ausleben unterdrückter Weiblichkeit – dafür braucht es lediglich Andeutungen und keinen feisten Budenzauber. Weniger ist hier mehr, und das wenige schafft es aber dennoch, alles durcheinanderzubringen, sodass man als Zuseher letzten Endes gar nicht mehr weiß, was tatsächlich stattfindet, stattgefunden hat oder stattfinden wird. So einiges bleibt offen, vieles geheimnisvoll und vage. Was dem Film aber nicht zum Nachteil gereicht.

Als moderner Frauenfilm, der sich mit dem Phantastischen am nächtlichen Waldboden wälzt, lässt Nightsiren die Zeit wie im Flug vergehen und fasziniert, weil es eben nicht unbedingt faszinieren will. Ein Film, der durch seine entspannte Erzählweise Spannung erzeugt, die ganz von allein entsteht.

Nightsiren (2022)

The Ordinaries (2022)

ALL DIE FEHLER IM SYSTEM

7/10


theordinaries© 2022 Bandenfilm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2022

REGIE: SOPHIE LINNENBAUM

BUCH: SOPHIE LINNENBAUM, MICHAEL FETTER NATHANSKY

CAST: FINE SENDEL, JULE BÖWE, HENNING PEKER, SIRA FAAL, NOAH TINWA, DENISE M’BAYE, PASQUALE ALEARDI U. A.

LÄNGE: 2 STD


Was ist ein Outtake? Kenner von kinematographischem Fachchinesisch können sich bei dieser Frage bequem zurücklehnen oder sich auch wundern, wenn es andere nicht so genau wissen: Outtakes sind Szenen, Rollen oder was auch immer, die zwar abgedreht wurden, letztendlich aber aus dem fertigen Film verschwanden. Jüngstes Beispiel: Ana de Armas in ihrer vorhandenen und gleichsam nicht vorhandenen Mini-Rolle in Yesterday – zumindest in den Trailer hat sie es geschafft. Letztendlich gab’s Beschwerden.

Outtakes sind also die Verlierer eines Films, die sich damit begnügen müssen, am Set gewesen zu sein. Man kann diesen der Schere zum Opfer gefallenen Szenen und Figuren nun nachweinen, man kann sie unter anderem auf Youtube nochmal nachsehen und sich fragen, warum sie alle haben gehen müssen. Oder man kann einen eigenen Film draus machen, um denen zu huldigen, die niemand sieht. Oder jemals sehen wird.

Es kommt einem oft vor, dass sich das Leben anfühlt, als wäre es ein Film. Oder eine Serie aus mehreren Staffeln, zwischen denen der Cast wechselt und nur die Hauptdarsteller erhalten bleiben, Film- oder Serientode vorbehalten. In diesen Leben, die wie inszeniert erscheinen, gibt es die Wichtigen und die weniger Wichtigen. Jene mit viel Text und jene mit immer nur denselben Zeilen – weil man ihnen nicht zugesteht oder gar erlaubt, mehr aus sich zu machen. Sophie Linnenbaum, ein wohl wirklich kreativer Kopf der neuen deutschen Filmszene, hat sich Gedanken darüber gemacht, wie es wohl aussehen würde, wenn Fachbegriffe ihrer studierten Branche plötzlich zu lebenden Menschen werden. Und sie hat sich wohl gefragt, wie sehr sich diese Rangordnung in der Kunst des laufenden Bildes auf die herrschenden und weniger herrschenden Gesellschaftsschichten übertragen lassen, kurz: Der Klassenkampf des Menschen ist der Klassenkampf des Films – und umgekehrt. Verdeutlicht wird dies dadurch, dass in The Ordinaries allerhand Outtakes ihren großen Auftritt bekommen. Und dabei um vieles interessanter erscheinen als die Hauptfiguren, die sich aufspielen, als wären sie sonst wer. Sind sie auch, so ehrlich muss man sein. Und Nebenfiguren, die funktionieren nur, wenn sich der Haupt-Cast ins Bild drängt. Zum Glück gibt es eine Hauptrollen-Schule in dieser irrealen Zwischenwelt, welche Protagonistin Paula absolviert und mit einem Monolog über ihren verstorbenen Papa, der im Zuge einer letztendlich gescheiterten Revolte der Outtakes ums Leben kam, die Aufnahmeprüfung zum Haupt-Act bestehen will. Währenddessen aber ist ihr nicht vorhandener Papa Objekt der Neugier, und das schon allein, weil Mama, eine Nebenrolle mit immer den gleichen Sätzen, nicht viel über ihn erzählt. Paula will der Sache auf den Grund gehen – und findet im Archiv verstorbener Hauptrollen rein gar nichts über ihn. Ihre Suche bringt sie weiter, und immer tiefer in die von Outtakes bewohnte Peripherie, wo sie Fehlbesetzungen, Zensuren und schlecht geschnittene Verehrer trifft. Wo Doubles vergeblich auf ihren Einsatz warten und schlechtes Filmmaterial Angst davor hat, endgültig auszubleichen.

Linnenbaums Film ist ein kurioses Seherlebnis. Und erinnert nicht nur ungefähr an die obskuren und verrückten Ideen eines Charlie Kaufman, der mit Synecdoche, New York oder I’m Thinking of Ending Things frei von allen Studioverordnungen die Realitäten aufbricht wie ein rohes Ei. Spike Jonzes Being John Malkovich, ebenfalls nach einem Skript von Kaufman, kommt der Art und Weise von The Ordinaries recht nahe. Nur in letzterem gibt es keine Verbindung zu unserer Welt. Die inkarnierten filmischen Begriffe leben isoliert in ihrer Blase zwischen der Idee und dem fertigen Film. Sie alle sind auf Warteposition, um zum Einsatz zu kommen. Die Kunst also, Abstraktes im Rahmen einer Handlung darzustellen, ist Surrealismus pur. Und angenehm verkopft. Was nicht heißt, dass The Ordinaries stellenweise nicht auch etwas anstrengst. In Wahrheit überzeugt weniger das Gleichnis über den Klassenkampf des Menschen oder das Element eines Familiendramas, sondern viel mehr und fast ausschließlich die detailreiche Interpretation eines Fachvokabulars und dessen Belebung. Das ist gleichsam witzig wie faszinierend. Verblüffend originell und in seinem Konzept äußerst mutig. Weiter so, liebe Sophie Linnenbaum – ich bin gespannt auf deinen nächsten Film.

The Ordinaries (2022)