Petite Maman – Als wir Kinder waren

ELTERN AUF AUGENHÖHE

7,5/10


petitmaman© 2021 pyramidfilms


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: CÉLINE SCIAMMA

CAST: JOSÈPHINE SANZ, GABRIELLE SANZ, NINA MEURISSE, STÉPHANE VARUPENNE, MARGOT ABASCAL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 12 MIN


Je älter man wird, umso schwerer wird das Leben. Da sollte man meinen: wenn schon schwerer, dann zumindest sollte das Kind in einem selbst ausreichend Resilienz gewährleisten, denn kommt dieses zu kurz, schaut’s trostlos aus. Bei Erwachsenen ist das oftmals so. Die Welt der Großen ist nichts zum Lachen, denn all die Schwierigkeiten, die einem dann begegnen, können nur mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und einem präventiven Hang zum Pessimismus bewältigt werden. Langweilig! Und ein völlig falscher Ansatz. In diesem Dunstkreis will Erziehung folglich auch noch funktionieren. Aber wie, wenn das Kind nur von oben herab seine Anweisungen bekommt. Ihm gesagt wird, dass es die Probleme der Erwachsenen ohnehin nicht versteht. Nochmal: langweilig! Und schade um jeden Tag. Da wär’s doch mal schön, sich selbst noch mal als Kind zu begegnen, in der Hoffnung, vielleicht diesmal die juvenile Sicht der Dinge mitzunehmen in die knochentrockene Realität. Zu oft vergisst man: wir alle waren mal selbst verspielt. Und was wäre gewesen, hätten wir, jung und unschuldig, mit unserem eigenen Nachwuchs die Zeit verbracht?

Céline Sciamma (Portrait einer jungen Frau in Flammen) hat darüber eine die Grenzen des Realen aushebelnde Parabel formuliert, in welchem sich Vergangenheit und Gegenwart überlappen. Inmitten dieser erstaunlichen metaphysischen Begebenheit findet sich die achtjährige Nelly, die gemeinsam mit ihren Eltern das Haus der kürzlich verstorbenen Großmutter entrümpeln soll. Gar nicht so eine einfache Sache, zumindest für Nellys Mutter nicht. Diese trauert ob des Verlustes, hat überhaupt eine gewisse Schwermut in sich, mit der Nelly wenig anfangen kann. Der Vater ist da eher distanziert, aber fürsorglich. Eines Tages verschwindet Mama, keiner weiß wirklich, wohin. Am selben Tag aber lernt Nelly im Wald nahe dem Haus ein Mädchen kennen, dass ihr auffallend ähnlich sieht. Seltsamerweise trägt sie den gleichen Namen wie ihre Mutter. Und auch das Haus, in dem sie wohnt, gleicht jenem der eigenen Oma sogar bis auf die Küchentapete.

Diese wundersame Begegnung ist ein Mysterium, das der polnische Kinomagier Krysztof Kieslowski (Die zwei Leben der Veronika) wohl vielleicht selbst gerne inszeniert hätte, würde er noch leben. Fernab jeglichen Budenzaubers und sonstiger phantastischer Versatzstücke ist die Inhärenz einer anderen Zeit und das Treffen von Mutter und Tochter im Kindesalter eine Begebenheit, die selbst nicht Thema des Films ist. Sie ist auch nicht Thema der beiden Kinder, die um alles in der Welt versuchen würden, das Geheimnis zu lüften. Dieses ist einfach da – wie so vieles auf dieser Welt. Viel wichtiger und erquickender ist der Umgang miteinander, das Ergründen des Wesens der jeweils anderen und das Abenteuer, das beide miteinander erleben. Dazu gehören Unfug, Humor, kreatives Teamwork und die Erkundung magischer Orte. Das gemeinsame Übernachten und das Backen von Crêpes. Sciamma inszeniert zurückhaltend und scheint gar, die beiden Zwillinge improvisieren zu lassen, fängt dabei ihre unverfälschte Dynamik ein und bildet daraus eine eigene (sozial)pädagogisch orientierte Meinung. Was, wenn unsere Kinder uns selbst auf Augenhöhe begegnen? Könnten Sie uns dann, als Erwachsene, besser verstehen? Diese Chance bekommt Nelly zum Geschenk.

Ein kleines Geschenk ist Petite Maman – Als wir Kinder waren auf alle Fälle. Nicht nur für Mutter und Tochter im Film, sondern auch für uns Zuseher. Trotz der recht reduktionistischen und lakonischen Ausgestaltung entstehen an diesem Ort zwischen den Zeiten ganz eigene, zärtlich formulierte Momentaufnahmen kindlicher Sichtweisen, die wie Balsam nicht nur auf den Seelen desillusionierter Erwachsener wirken. Mit Petit Maman ist vorübergehend mal Schluss mit dem Belächeln derer, die sich ihr Kindsein bewahrt haben. Die beste Voraussetzung, Generationen zu verbinden.

Petite Maman – Als wir Kinder waren

Resistance – Widerstand

CLOWN COURAGE UND SEINE KINDER

5/10


resistance© 2021 Warner Bros. Pictures


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN

BUCH / REGIE: JONATHAN JAKUBOWICZ

CAST: JESSE EISENBERG, CLÉMENCE POESY, FÉLIX MOATI, MATTHIAS SCHWEIGHÖFER, BELLA RAMSEY, KARL MARKOVICS, ED HARRIS, ÉDGAR RAMÍREZ U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Keine noch so offensichtliche, politisch motivierte Schandtat bleibt ohne Widerstand. Den gibt es gottseidank immer. Jenes Aufbegehren in Frankreich zur Zeit der deutschen Invasion war noch dazu kein verpuffendes Händeringen, sondern konnte einiges bewirken. Wie zum Beispiel die Rettung unzähliger jüdischer Kinder vor der Vernichtung. Dabei fällt der Name eines Künstlers, der wohl angesichts seiner Tätigkeit als weltberühmtester Pantomime wohl nicht so schnell mit politischem Aktivismus in Verbindung gebracht worden wäre: Marcel Marceau, ebenfalls jüdischer Abstammung und zum Leidwesen seines Vaters, einem Metzger, einer, der auf den Kleinbühnen Frankreichs gerne den aphonen Hanswurst gibt. Ob brotlose Kunst oder nicht: dem Publikum gefällt‘s. Mitten in diese Zeit des Tuns und Lassens, was einem gerade so gefällt, bricht der Zweite Weltkrieg. Flüchtlinge sammeln sich an den Grenzen zu Frankreich, Marcel (damals noch nicht Marceau) ist vor Ort, sieht das Leid und den Kummer der verwaisten Kinder. Ab diesem Zeitpunkt wird alles anders, der Pantomime hilft, wo er nur kann. Versucht, mit etwas Humor Trost zu spenden in einer Zeit voller Trübsal. Und schließt sich, nachdem Frankreich über Nacht annektiert wird, dem Untergrund an. Dort, wird er Geschichte schreiben, in dem er Flüchtlingskinder über die Berge in die Schweiz bringt. Später wird er Verbindungsoffizier der US Army unter George S. Patton sein.

Was dieser Mann proaktiv geleistet hat, das nenn ich Engagement und Courage. Ganz klar, dass Marceaus Erinnerungen, auf welchen der Film basiert, bestens dafür geeignet sind, verfilmt zu werden. Die Frage ist nur: ist Jesse Eisenberg für die Darstellung des außergewöhnlichen Franzosen eine gute Wahl? Wiederholt bleibt Eisenberg in so manchen Filmen relativ blass, auch nicht sehr charismatisch. Ausnahmen gibt es, so zum Beispiel die Sozialsatire The Art of Self Defense, in welcher er als Nobody versucht, durch das Erlernen von Karate seinem Mann zu stehen. Als Marcel Marceau überzeugt Eisenberg nur bedingt – vielleicht, weil sein Spiel zu gefällig ist. Zu austauschbar. Clémence Poésy und der von mir sehr geschätzte österreichische Schauspieler Karl Markowicz als Marceaus Vater können sich mit der europäischen Geschichte besser identifizieren als Eisenberg selbst, obwohl dessen Eltern osteuropäisch-jüdischen Ursprungs sind. Der Eindruck einer schauspielerischen Distanz bleibt dennoch.

Bösewicht Matthias Schweighöfer geht’s da ähnlich. Er macht, was auch August Diehl in seinen Nazi-Rollen immer macht: Stereotypen bedienen. Resistance – Widerstand unter der Regie von Jonathan Jakubowicz setzt sich mit der humanitären Katastrophe nur oberflächlich auseinander. Das lässt sich anhand der recht einfach gezeichneten Figuren erkennen, die allesamt in ihrer idealisierten oder gar simplifizierten Geisteshaltung, die sie haben müssen, die Erwartungen bedienen. Das große Drama ist zwar da, unterliegt aber einem sentimentalen Weichzeichner. Marceaus Erinnerungen geraten zur scheinbar mündlich überlieferten Legende – in diesem Licht könnte auch Resistance trotz des Umschiffens traumatischer Abgründe manche vielleicht etwas mehr überzeugen als mich.

Resistance – Widerstand

Bigbug

LOCKDOWN MIT ROBOTERN

4,5/10


bigbug© 2022 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE JEUNET

CAST: ISABELLE NANTY, ELSA ZYLBERSTEIN, CLAUDE PERRON, STÉPHANE DE GROODT, YOUSSEF HAJDI, ALBAN LENOIR, FRANÇOIS LEVANTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Schon wieder ein Film, der das Was-wäre-wenn-Szenario einer selbsterkennenden Technik bemüht, die gegen den Homo sapiens zu Felde zieht. Gut, Interpretationsspielraum gibt’s da einigen. Und ja, dieses Thema ist in Zeiten wie diesen eben relevant genug. Eines darf man aber in dieser Sache auch nicht ganz vergessen: Es kommt immer darauf an, wer da gerade welchen Film inszeniert. Und siehe da: Einer, der märchenhafte (Alb)träume in vergilbter Optik wie kaum ein anderer so gut beherrscht hat, ist nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder zurück im Filmbiz: Jean-Pierre Jeunet. Ich gebe zu, ich liebe seine Interpretation des Alien-Mythos, und halte diese Episode für eines der besten Franchise-Prequels überhaupt. Aber das nur so am Rande. Was habe ich den Mann nicht schon vermisst. Eigentlich hätte Jeunet gar eine Episode von Harry Potter inszenieren sollen, hatte aber abgelehnt. An Life of Pi hat der Visionär rund 2 Jahre herumgemurkst – nichts ist daraus geworden, Ang Lee hat übernommen. Einfach dürfte der Franzose nicht gerade sein. Seine Filme sind das nämlich auch nicht. Schon gar nicht seine neueste Eskapade mit dem Titel Bigbug.

Was Bugs sind, wissen wir Bildschirmathleten natürlich alle. Wenn dieser dann noch unüberschaubar groß wird, gibt’s für den im Jahre 2045 von Robotern hinten und vorne bedienten Mittelschichtsbürger kein Entkommen mehr. Zumindest nicht aus der eigenen Wohnung. Denn in dieser reissen vier zweckvariable Haushaltsroboter einschließlich eines Sexroboters aus dem Nachbarhaus das Zepter an sich und blockieren den Ausgang. Ein Lockdown also für alles Organische, während sich außerhalb des akkuraten Reihenhauses eine neue Macht formiert – die der Yonix. Von hinten sehen die Kerle aus wie Robocop, sichtbares Seniorentum ziert allerdings das synthetische Konterfei der gespenstisch grinsenden Altherren-Simulationen, die den Feuerstrahl im Finger haben und gerne via TV ihre Erbauer der Lächerlichkeit preisgeben: als zur völligen Unfähigkeit degenerierte, hechelnde Hündchen, die alles tun, was die Technik sagt. Ein schönes Zerrbild, mittlerweile mehr wahr als übertrieben.

Somit klingt das ganze Szenario ja schon mal grotesk genug, um von Jeunet zu sein. In Sachen Ausstattung scheut dieser keine Mühen, das Reihenhaus erinnert an den technologisierten Tücken-Parcour aus Jacques Tatis Mein Onkel, nur bunter, opulenter und noch detailverliebter. Doch irgendetwas stört. Vielleicht ist es das durch die Bank aufgesetzte Spiel der Protagonisten – von der älteren Nachbarin samt Hündchen über zwei frisch Verliebte bis zum Exmann jener, der das Haus gehört. Alle scheinen neben der Spur, keiner ist geerdet, alle sind so aufgedreht wie in den Filmen von Louis de Funes. Das in hohen Oktaven und gehetzt hervorgebrachte Gebrabbel bleibt leidlich interessant und fällt schnell auf den Wecker. Bigbug ist anstrengend, wenig griffig und recht trivial. Maschinen hin oder her: ihr Wille, den Platz des Menschen einzunehmen, ist ein halbherziges Unterfangen und verliert sich dann auch in viel zu vielen lediglich angerissenen Nebensächlichkeiten, die vor allem mit den Befindlichkeiten der Eingesperrten zu tun haben. Mancher Slapstick gelingt, das Meiste aber ist ermüdend. Schade, dass Jeunet hier nichts Handfesteres entworfen hat. Wenig erinnert noch an seine Klasse, die er mit Filmen wie Die Stadt der verlorenen Kinder oder Die fabelhafte Welt der Amelie unter Beweis gestellt hat. Was bleibt, ist pastellige Hektik mit schrägen Robotern. Wars das jetzt wieder, für die nächsten zehn Jahre?

Bigbug

Ballade von der weißen Kuh

DER MENSCH DENKT, DOCH GOTT LENKT

7/10


balladevonderweissenkuh© 2022 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: IRAN, FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: BEHTASH SANAEEHA & MARYAM MOGHADDAM

CAST: MARYAM MOGHADDAM, ALIREZA SANIFAR, AVIN PURRAOUFI, POURYA RAHIMISAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Gottes Wege sind unergründlich – und manchmal tödlich. Ganz besonders im Iran, einem Land, in welchem sich die Todesstrafe einer gewissen politischen Beliebtheit erfreut. Wir wissen längst, dass die Justiz natürlich nicht die Weisheit mit dem Löffel gefressen hat – und nur darüber richten kann, was an Beweisen oder Nicht-Beweisen vorhanden ist. Da kann viel passieren. Manchmal ist der Schuldige dann wirklich schuldig, manchmal aber auch nicht. Und das ist dann schon relativ unfair, zumindest aus Sicht des Betroffenen. Wenn dann so einer auch noch sein Leben lassen muss für nichts und wieder nichts, könnte man überlegen, das Richtschwert doch lieber an den Haken über den Kamin zu hängen, als nostalgisches Mahnmal einer vergangenen, mittelalterlich agierenden Epoche. Die iranische Politik tut das nicht. Vergeltung ist Teil des Korans und Blutgeld gern gesehen. Die einigen wenigen, die sich darüber Gedanken machen, ob das wirklich Sinn macht, sind Filmemacher. Vor zwei Jahren hat der Episodenfilm Doch das Böse gibt es nicht bei den Filmfestspielen Berlin den goldenen Bären gewonnen. Das Kammerspiel Yalda erzählt das Schicksal einer zur Hinrichtung Verurteilten, der fahrlässige Tötung vorgeworfen wird, die aber dem Schicksal im Rahmen einer Fernsehshow entkommen könnte, würden ihr die Hinterbliebenen des Opfers vor laufender Kamera vergeben. Ballade von der Weißen Kuh ist der jüngste Beitrag zu diesem Thema, und man sieht – kalt lässt die Sache dort niemanden mehr.

Im Mittelpunkt steht Mina, Mutter einer gehörlosen Tochter, die ihren Ehemann an die Gerichtsbarkeit ihres Landes verliert. Verurteilt wegen Mordes, ist dieser plötzlich, nach dem Wissen der Tochter, plötzlich ganz weit weg und wird nicht mehr zurückkehren. Wie sich bald herausstellen wird: Papa war unschuldig, den Mord hat mittlerweile jemand anderer gestanden. Nur kommt die Amnesie ein bisschen zu spät, aus dem Jenseits lässt sich niemand mehr zurückholen. Mina fordert dennoch eine Entschuldigung der Justiz. Nebenbei fordert ihr Schwiegervater das Sorgerecht der Tochter, während wie aus dem Nichts ein Jugendfreund des Verstorbenen auftaucht und angebliche Schulden bezahlt, die er bei diesem gehabt haben soll. Mit dieser Begegnung ändert sich für Mina plötzlich alles. Denn dieser Reza zeigt sich in vielerlei Hinsicht plötzlich so hilfsbereit wie Mutter Teresa, was die traurige Restfamilie kaum glauben kann. Manchmal meint es Gott ja wirklich gut mit einem, trotz seines kruden Willens, den keiner versteht.

Wenn schon Filme aus dem Iran, dann über Schuld, Sühne und Vergebung. Vielleicht mitunter ein bisschen Rache, aber die unterwirft sich schnell einer gewissen Besonnenheit. Im Iran darf man das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Und natürlich die Folgen, die einem blühen könnten, würde man seinen Gefühlen nachgeben oder Dinge tun, die der gesellschaftlichen Norm ungern angehören. Ballade von der weißen Kuh, geschrieben und inszeniert von Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam, hat seine Gefühle fest im Griff. Das Teheran ihres tragödienhaften Dramas erträgt in einer gewissen Lethargie einen fahlen, grauen, schmucklosen Winter. Die ganze Stadt fühlt sich an, als wäre sie der Innenhof eines Staatsgefängnisses, wo man zu bestimmten Zeiten seine Runden drehen kann. Manchmal steht dort auch eine Kuh herum, weiß wie die Unschuld. Diese Schwermut zieht sich durch den ganzen Film und findet überraschenderweise Abwechslung in Maryam Moghaddams einnehmenden Spiel zwischen Trauer, Pragmatismus und leiser Hoffnung. Moghaddam trägt den Film im Alleingang – eine stolze, toughe, zähe Persönlichkeit, die weiß, wo ihre Rechte liegen. Die weiß, dass sie das Zeug hat, das Leben selbst in die Hand zu nehmen, auch für ihre Tochter. Ein kraftvolles Psychogramm, das im Rahmen einer schicksalhaften, an die Filme Ashgar Farhadis erinnernden Häufung von Zufällen und Bestimmungen mit langem Atem analysiert wird.

Ballade von der weißen Kuh

The Last Journey – Die letzte Reise der Menschheit

DA KOMMT WAS GROSSES AUF UNS ZU

5/10


thelastjourney© 2021 Tandem Films


LAND / JAHR: FRANKREICH 2021

BUCH / REGIE: ROMAIN QUIROT

CAST: HUGO BECKER, LYA OUSSADIT-LESSERT, PAUL HAMY, JEAN RENO, BRUNO LOCHET U. A.

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Und damit ist nicht Roland Emmerichs neuer Blockbuster gemeint (der mittlerweile schon im US-Boxoffice hinter den Erwartungen liegt). Sondern vielmehr eine ausstattungstechnisch recht verspielte Independent-Produktion aus Frankreich, die als schauspielerischen Support zumindest so jemanden wie Jean Reno verpflichten konnte. Einst als Leon eine Offenbarung, ist der Charakterdarsteller mittlerweile recht austauschbar geworden und zumindest mimisch gesehen so variantenreich wie Bruce Willis. Doch das macht nichts, viel Einfluss hat Reno hier ohnehin nicht – so wie fast die ganze Menschheit, die zusehen muss, wie ein fremder Himmelskörper, der zumindest genug Rohstoffe birgt, um das globale Energieproblem zu lösen, auf Terra zusteuert. Das ist natürlich gar nicht gut, und womöglich liegt der Zorn des roten Planeten darin, dass Homo sapiens, der ohnehin nichts anderes kann als fremden Boden auszubeuten, auch das gleiche mit ihm getan hat. Die Folge: Die Erde ist trockengelegt, Zentraleuropa eine Wüste. Und sobald irgendwo ein desolater Eiffelturm herumliegt, wird allen klar: Hier wütet die Endzeit. Die herrlich fruchtbare Heimat von Wein und Käse, durch die man sich sonst wie Gott in Frankreich fühlt, ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Und in dieser landschaftlichen Enttäuschung versucht gerade derjenige, der das Schicksal des Planeten als einziger noch abwenden kann, vor dem Rest der Welt zu fliehen.

Da bleibt Paul, wie er sich nennt, nicht lang allein, denn im Niemandsland gabelt er ein burschikoses Mädel auf, dass fortan an seiner Seite klebt. Jetzt sind beide auf der Flucht – nicht nur vor des Auserwählten Bruder, der paranormale Fähigkeiten besitzt, sondern auch vor kriegerischen „Judge Dredds“, die in ihren kessen Piratenoutfits mit Helm und künstlich verfremdeten Stimmen so manchen Wüstenfuchs aus Star Wars alle Ehre machen würden. In dieser phantastischen Aufmachung wirken die schwadronierenden Ordnungshüter etwas deplaziert und man wird dabei das Gefühl nicht los, gar nicht mal wirklich auf der Erde zu sein. Stets prangt das rote Rund am Firmament, der orange Staub dringt in jede Ecke des Bildschirms. Im Grunde ein nett ausgestattetes Szenario, dass zwar die ganze Welt tangiert, doch eigentlich recht lokal wirkt. Als wär‘s ein kleiner Film über ganz private Probleme. Und da der Hauptdarsteller noch dazu in eitler Unnahbarkeit durch die Gegend irrt, fühlt man sich mit seinem Schicksal nur schwer verbunden. Viel eher öffnet sich Mädel Elma (Lya Oussadit-Lessert), die sehr an die Schauspielerin Alicia Vikander erinnert. Ihr Klammern an einen Strohhalm der Hoffnung findet am Ende eine nette Metapher – sonst aber hinterlässt das Science-Fiction Drama auffallend wenig Eindruck. Wohl deswegen, weil in knapp 90 Minuten viel zu viele Themen und Meta-Ebenen, und als wäre das nicht schon genug, auch zwei Timelines miteinander zurechtkommen müssen. Am Ende ist sich die Ambition selbst im Weg.

The Last Journey – Die letzte Reise der Menschheit

Gaza Mon Amour

IN DER GUNST DES APOLLO

6/10


GazaMonAmour© 2021 Alamode Film


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, PORTUGAL 2020

BUCH / REGIE: ARAB & TARZAN NASSER

CAST: SALIM DAW, HIAM ABBASS, MAISA ABD ELHADI, GEORGE ISKANDAR, HITHAM OMARI U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Die Gebrüder Tarzan und Arab Nasser hätten es fast geschafft, ihre verschmitzte Alltagsminiatur der Academy of Motion Pictures and Science als würdig für den Auslandsoscar zu verkaufen. In Gaza Mon Amour suchen weder epische Schicksale die hier Mitwirkenden heim, noch wagt die Geschichte narrative Bocksprünge, bei denen einem die Brillen runterfallen. Nichts dergleichen geschieht hier – im Grunde ist es nicht nur das Warten auf den Linienbus in Gaza Stadt, sondern auch auf das Warten einer transzendentalen Eingebung, die festgefahrenen religiösen wie ethnischen Ansichten längst erhaben zeigt. Das passiert dann auch, in Gaza Mon Amour, und zwar widerfährt dieser Wink von oben, aus einer ganz anderen Ecke antiker Weltanschauungen, einem genügsamen Fischer, der jede Nacht aufs Meer hinausfährt, um seinen Fang dann tags darauf am Markt zu verkaufen, wobei er stets die Chance hat, der netten Schneiderin von nebenan einen schönen Tag zu wünschen. Da braucht er sich gar nicht mal groß vor einem eifersüchtigen Ehemann in Acht zu nehmen, denn den gibt es nicht mehr. Siham ist nämlich geschieden. Eines Nachts zieht der gestandene Issa nicht nur seine Fische aus dem Wasser, sondern auch eine antike Statue des Gottes Apollo. Das Besondere dabei: das bronzene Abbild des schön gestalteten Jünglings feiert im Intimbereich nachhaltige Potenz, und das ganz ohne Viagra. Was tun mit diesem Fund? Der Behörde melden? Oder einfach mit nachhause nehmen und vorerst mal verstecken. Vielleicht hilft’s ja was in der Sache mit Siham.

Die Welt im Nahen Osten scheint also noch nicht ganz von allen guten Göttern verlassen. Obwohl entfernt die Bomben donnern und immer wieder Schüsse zu hören sind, ist die andauernd schwelende offen Wunde des Scharmützelkrieges gerne etwas, dem Leute wie Issa oder Siham keine Beachtung mehr schenken, wenn’s denn nicht unbedingt sein muss. Eine dritte, unsichtbare Kraft bahnt sich den Weg zwischen zwei einander zugetane Menschen, die ihr Glück nicht in der Flucht sehen, sondern in einem möglichen Miteinander, inmitten einer Welt, die ihnen immerhin noch gut vertraut ist. Tarzan und Arab Nasser injizieren dem redundanten Alltag jener, die ihrer schlichten Existenz nachgehen, ein Quäntchen Zauber. Natürlich muss dieser verdient sein – es gibt Ärger mit der Polizei und den Behörden, aber dargestellt als kauziges Abenteuer aus den Seitengassen großer Weltbühnen.

Großes Kino ist Gaza Man Amour keines. Wohl eher eine lakonische, allerdings sehr volkstümliche Romanze, der ein bisschen mehr metaphysische Präsenz vielleicht noch gutgetan hätte. Die vielleicht zu behutsam der Mentalität vor Ort auf den Zahn fühlt. Schwierig, wenn man das ganze Politikum außen vorlassen will und etwas Unbefangenes erzählen möchte. Die Ambition dahinter ist verständlich, Apollos Gunst dabei nur eine zaghaft arrangierte Allegorie.

Gaza Mon Amour

À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen

ESSEN FÜR ALLE!

8/10


alacarte© 2021 Jérôme Prébois / Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2021

REGIE: ÉRIC BESNARD

CAST: GRÉGORY GADEBOIS, ISABELLE CARRÉ, BENJAMIN LAVERNHE, LORENZO LEFÈBRE, GUILLAUME DE TONQUÉDEC U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Es gibt Leute, die essen, weil sie müssen. Die können dem ganzen Schnickschnack an Rezepten, an den Details der Zubereitung oder der Präsentation auf dem Teller nichts abgewinnen. Und es gibt Leute, für die ist Essen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern auch die Art von Genuss, die vielleicht sogar nachhaltiger ist als guter Sex. Von so einem hedonistischen Ansatz einer Wohlstandsbevölkerung war man gegen Ende des 18. Jahrhunderts natürlich als Normalsterblicher weit entfernt. Da schwelgte die Elite unter ihren grotesken Perücken der Vielfalt einer Cuisine, die alle Stückchen spielen musste. Von der Bouillon bis zum Sahnetörtchen am Schluss, dazwischen allerlei Abenteuerliches wie Pastetchen, in Blätterteig eingewickelter Braten oder Kapaun, gefüllt mit Kastanien. Überraschungen durfte es allerdings keine geben, der Adel wollte schließlich nicht die Kontrolle über seine Macht verlieren. Und diese neumodischen Kartoffeln – nichts für die gepuderte Nase, genauso wenig wie Trüffel. Was unter der Erde wächst, war für die Schweine.

Aufgrund eines solchen Affronts dem Establishment gegenüber darf der sonst hoch geschätzte Koch Pierre seine Sachen packen. Zurück an der vom Vater vormals betriebenen Poststelle, versucht sich der vom Spaß an der Zubereitung nunmehr befreite Griesgram, seine und die Existenz seines Sohnes über Wasser zu halten – mit einfachen Suppen und Eintöpfen für Durchreisende. Da taucht plötzlich eine geheimnisvolle Dame auf, die unbedingt beim Maestro in die Lehre gehen will. Nach den üblichen anfänglichen Zaudereien, die ein Meister stets in einer gewissen Selbstgefälligkeit mit sich bringt, gibt dieser schließlich nach. Wohl auch, weil sein ehemaliger Brötchengeber, der Herzog, alsbald bei Pierre dinieren möchte, damit dieser die Chance bekommt, sich selbst zu rehabilitieren. Was in Folge dieser Vorbereitungen aber geschieht, kann man gut und gerne als Selbstläufer betrachten: das Häuschen am Waldrand wird zum ersten À la Carte-Restaurant der europäischen Geschichte.

Da ist sie wieder, die Besonderheit des französischen Kinos, die kein anderes Filmland mit so sicherer Hand imitieren kann: Die Kunst, leichte, aber bei weitem keine flachen Komödien zu inszenieren, die so luftig wie das beste Mousse au Chocolat und so flaumig wie das mit Eischnee unterhobene Biskuit geraten. Blickt man auf die Credits des Films, wird sofort klar: À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen ist auch deswegen so gelungen, weil einer wie Éric Besnard dafür verantwortlich zeichnet. Ich erinnere mich noch an die ebenfalls unendlich schwerelose, aber gehaltvolle Sommerkomödie Birnenkuchen mit Lavendel. Wer diesen Film kennt, wird erahnen können, wie angenehm unprätentiös und entspannt auch diese historische Tragikomödie mit den Zutaten spielt. So ganz nebenbei würzt Besnard eine auf historischen Tatsachen basierende Legende mit dem Gedankengut der französischen Revolution, verfeinert diese mit geschmackvollen Stillleben historischer Malerei und lässt den Duft frisch angerösteter Zwiebel oder gebackenen Brots nur so durch das rustikale Landhaus wabern. Nebenher gibt’s auch noch was fürs Herz. Wer da noch nicht gegessen hat, wird spätestens jetzt, im Nachhinein und mit frohem Gemüt, irgendwo einkehren müssen.

À la Carte! – Freiheit geht durch den Magen

Gunpowder Milkshake

MÄNNER IM SCHUSSFELD

5,5/10


gunpowdermilkshake© 2021 Studiocanal

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2021

REGIE: NAVOT PAPUSHADO

CAST: KAREN GILLAN, CHLOE COLEMAN, LENA HEADEY, ANGELA BASSETT, PAUL GIAMATTI, MICHELLE YEOH, CARLA GUGINO, IVAN KAYE U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Sie alle haben uns gezeigt, wie es ist, als Auftragskillerin den Alltag zu bestreiten: Anne Parillaud, Charlize Theron, Jessica Chastain, Sasha Luss, erst kürzlich Mary Elizabeth Winstead in Kate – und das sind nur die, die mir spontan eingefallen sind. Die neueste Kampfmaschine ist Jumanji– und Marvel-Star Karen Gillan. Natürlich: miese Kindheit, von irgendeinem Mentor unter die Fittiche genommen. Trainiert, als gäbe es sonst nichts im Leben und abgerichtet, um kaltblütig den Job zu erledigen. Interessanterweise schimmert dann bei den meisten a la longue sowas wie Menschlichkeit durch und ein Hinterfragen der Gesamtsituation. Woher sie alle wissen, wie man sein eigenes Tun reflektiert, ist natürlich fraglich – und vielleicht gar fraglos menschlich. Oft folgt dann sowas wie Rache. Oder das Beiseiteräumen irgendwelcher Vertragsgläubiger, die ihr „Werkzeug“ lieber tot als im eigenen Haushalt schuften sehen wollen.

Viel ist es nicht – alles in allem ein sich wiederholendes Szenario mit unterschiedlichen Damen, die alle ihren persönlichen Stempel auf einen bereits recht fadenscheinigen Themenplot drücken. Karen Gillan macht‘s genauso. Nur wieder etwas anders. Ist Gunpowder Milkshake also ein entbehrlicher Appendix im Genre der Profikillerinnen-Filme geworden – oder die Kirsche auf einer viel zu üppigen Schlagsahne? Sagen wir so – es ist die halbe Frucht. und kein Grund, das Bestellte wieder zurückzuschicken. Trinken lässt sich dieser Milkshake eben trotzdem, weil der Israeli Navot Papadoshu hier mit kontrapunktiertem Kitsch arbeitet, und sich selbst und seine gewaltbereiten Figuren nicht ganz so ernst nimmt. Allerdings macht er sie nicht lächerlich, sondern erfindet eine postpubertäre „Ätsch“-Variante durchgekauter Genreschablonen.

Karen Gillan ist also klarerweise eine, die nie wirklich erwachsen wurde, und immer noch so tut, als käme sie erst in die Oberstufe – dabei hat sie schon viel gesehen, mit Ausnahme ihrer Mutter, die sie vor zwanzig Jahren verlassen hat. Die hängenden Mundwinkel sind ihr aus dem tatsächlichen Prozess des Erwachsenwerdens geblieben, aus einer Zeit, wo Genervtheit von den Eltern das neue Cool war. Im Zuge eines Auftrags fällt ihr ein junges Mädchen in die Hände. Kinder zu töten ist selbstredend tabu. Also muss die Göre gegen die Abmachung ihres Auftraggebers mitkommen, egal, wohin das führt. Laut dem Trailer wissen wir, dass Gillan irgendwann auf ihre Mutter stößt – und dann auf eine alteingesessene Golden Girls-Runde, die mehr draufhat als nur eine Bibliothek zu verwalten, die wiederum ebenfalls mehr versteckt als nur Kapitel und Gliedsätze. Die bösen Aufziehbuben rücken bald an, und die Projektil-Orgie kann starten. Natürlich augenzwinkernd und trotz des Blutzolls erfrischend unecht und daher harmlos.  

Weniger harmlos scheint der männerfeindliche Unterton des Films. Sieht man genauer hin, gibt es keinen einzigen Träger des Y-Chromosoms, der auch nur ansatzweise zu den Guten gehört. Die Männlichkeit ist hier das böse Syndikat, welches sich gegen eine eigentlich von Frauen zu regierenden Welt richtet. Natürlich wäre das besser, doch deshalb ist der Mann noch lange kein Missstand, der nur geduldet, wenn er bekämpft werden kann. Mit diesem Loblied an die dreiste Durchschlagskraft der Frau initiiert Navot Papushado den großen Grabenkampf zwischen den Geschlechtern, ohne ihn überbrücken zu wollen – natürlich mit lakonischem Humor und ironischen Attitüden. Gerade nochmal gutgegangen, denn je ernster die Lage in einem Film wie diesen, umso mehr wäre die Prämisse eine Frechheit.

Gunpowder Milkshake

Elle

WAS MICH NICHT UMBRINGT

6,5/10


elle© 2016 MFA+ FilmDistribution e. K. 


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2016

REGIE: PAUL VERHOEVEN

CAST: ISABELLE HUPPERT, LAURENT LAFITTE, ANNE CONSIGNY, CHARLES BERLING, VIRGINIE EFIRA, CHRISTIAN BERKEL U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Farrah Fawcett und Jodie Foster, beide Opfer von Sexualverbrechen im Film, werden sich angesichts des verstörenden Verhaltens von Isabelle Huppert wohl fragen: was hat die Gute für ein Problem? Ehrlich gesagt: ein ziemlich großes. Eines, das der Zuseher erst nach und nach in Erfahrung bringt, und es sei auch an dieser Stelle nicht mehr verraten, denn Sinn und Zweck in Paul Verhoevens Filmen ist es natürlich, erstmal ordentlich das provokante Kinn hervorzurecken und seine auserwählten Geschichten mit einer etwas herablassenden Ironie zu betrachten. Denn ernst nimmt der Niederländer seine Filme selten. Und das hört sogar dann nicht auf, wenn so etwas Schreckliches passiert wie die völlig aus dem heiteren Himmel hereinbrechende Straftat einer brutalen Vergewaltigung.

Isabelle Huppert ist selbst bei so etwas aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Und in ihrer Rollenwahl selten abgeneigt, wenn es darum geht, abartige sexuelle Bedürfnisse zu verspüren, die mit Dominanz und Erniedrigung zu tun haben. Die Erinnerung an ihre Rolle in Michael Hanekes Die Klavierspielerin ist, ob ich will oder nicht, immer noch präsent, der Quickie in den öffentlichen Sanitäranlagen etwas, wo man sich’s abgewöhnt. Was Huppert als Unternehmerin Michèle aus dem traumatischen Erlebnis mitbringt, sind halbherzige Versuche, so etwas nicht noch mal passieren zu lassen. Zur Polizei geht sie nicht, das hat auch seine Gründe. Was sie allerdings versucht, ist, der Identität des Verbrechers auf die Spur zu kommen – mit Pfefferspray, einer Axt und dem Heraufbeschwören einer Wiederholung des Ganzen. Denn vielleicht, so Michèles Ansatz, lässt sich so manches aus der eigenen Biographie besser durch den Teufel austreiben als durch gängige Methoden der Psychoanalyse.

In seiner Überzeichnung erinnert Paul Verhoeven an die gehaltvollen Werke des Spaniers Pedro Almodovar, dessen melodische Theatralik lässt er allerdings vermissen. Und auch seinen Figuren nähert man sich nur ungern. Huppert spielt schließlich stets die Unnahbare, trotz ihrer Bereitschaft zum Koitus. Doch körperlicher Sex ist nicht gleich Gefühl und Beziehung. Ihre Figur bleibt kalt. Auch alle anderen Nebenfiguren umgibt ein großzügiges Niemandsland. Das wiederum erinnert wieder an Elfriede Jelineks gestörtes Mutter-Tochter-Verhältnis, nur haben wir es hier mit einem gestörten Opfer-Peiniger-Verhältnis zu tun, das naturgemäß eine andere Richtung nimmt als erwartet. Würde Verhoeven bereits betretenen Pfaden folgen, wäre das nicht er. Stets bleibt das Überraschungsmoment in Bezug auf das Handeln seiner Figuren ein wichtiges Versatzstück in seinem Schaffen. Langsam aber doch überrascht es aber niemanden mehr, wenn die kleine, zarte Isabelle Huppert einer höheren Gewalt mit autoaggressivem Trotz begegnet.

Elle ist aber insofern bemerkenswert, da der Film als eine aus der Distanz betrachtete Psychostudie funktioniert, mit einigen Thriller-Elementen, die aber zu vernachlässigen sind. Viel interessanter sind die Verzerrung der Mechanismen des Ausgeliefertseins und die Katharsis, die es dafür benötigt, um aus einem Trauma mit variablem Erscheinungsbild zu entkommen. Nach dieser vollendeten Erkenntnis verliert sogar Verhoeven seine plakative Häme, wird geradezu versöhnlich und folgt einer gesunden moralischen Gerechtigkeit.

Elle

Das unbekannte Mädchen

DRAUSSEN VOR DER TÜR

7/10


dasunbekanntemaedchen© 2016 temperclay film


LAND / JAHR: BELGIEN, FRANKREICH 2016

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE & LUC DARDENNE

CAST: ADÈLE HAENEL, OLIVIER BONNAUD, JÉRÉMIE RENIER, LOUKA MINNELLA, CHRISTELLE CORNIL, NADÈGE OUEDRAOGO U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Diese Wahl wird sie wohl nicht mehr treffen. Als praktische Ärztin namens Jenny steht Adèle Haenel (großartig in Die Blumen von gestern oder Portrait einer jungen Frau in Flammen) vor einem ordentlichen Dilemma. Soll sie den potenziellen Patienten oder die Patientin noch außerhalb der Ordinationszeiten in die Praxis lassen? Klares Nein – es gelten die Geschäftsregeln, irgendwo muss man schließlich den Schlussstrich ziehen, denn als Arzt ist Frau schließlich auch nur ein Mensch mit Bedürfnissen. Diese Vorgehensweise wäre halb so wild gewesen, und Haenels Filmfigur hätte an dieser kurzen Episode wohl keinen Gedanken mehr verschwendet – würde sich tags darauf nicht herausstellen, dass jenes Mädchen, dass da etwas verspätet Sturm geläutet hat, tot aufgefunden wird. Womöglich ermordet. Diese Nachricht sitzt tief – und das Gewissen nagt sowohl an Weltbild, Arbeitsmoral und der eigenen Auffassung vom guten Menschen. Jenny lässt das Unglück keine Ruhe mehr, und sie forscht nach. Will wissen, wer dieses Mädchen war und warum sie geläutet hat. Dringt vor in die Biografie einer völlig unbekannten Person, die sonst nur eine anonyme Zahl in den Sterberegistern des Landes gewesen wäre.

Also nochmal: aufnehmen oder abweisen? Hilfe ermöglichen, oder hilflos sterben lassen? Dieses Dilemma lässt sich offensichtlich auf ein ganz anderes Level heben, und zwar lässt es sich in eine politische Frage umformulieren, die vor allem jene betrifft, die meilenweit gereist sind, womit auch immer, um Schutz zu suchen. Die Brüder Dardenne, Kenner des filmischen Neorealismus und dort zuhause, wo der sozialpolitische Schuh drückt, individualisieren ein großes Problem der Neuzeit und stellen in Das unbekannte Mädchen die Flüchtlingsfrage in einen humanistischen, überschaubaren und – ganz wichtig – beantwortbaren Kontext. Wo endet die Bereitschaft, zu helfen? Endet sie überhaupt irgendwo und irgendwann? Ist man als Mensch nicht sogar dazu verpflichtet? Kann einem sowas überhaupt jemals gar nichts angehen? Auf politischer Ebene verrät der organisatorische Pragmatismus eines Landes menschliche Werte. Heruntergebrochen auf ein Individuum ist diese Ordnung nicht mehr umsetzbar. Im Flüchtlingsdrama Styx sieht sich eine Seglerin irgendwo am Atlantik verpflichtet, die Passagiere eines havarierten Flüchtlingsbootes aufzunehmen – obwohl sie laut Gesetz gar nicht interagieren sollte. Im echten Leben hat die deutsche Kapitänin Carola Rackete staatlichen Flüchtlingsverordnungen zuwidergehandelt und Hilfsbedürftige einfach nicht sterben lassen. Ärztin Jenny hat die Regeln – und die Intuition. Entschieden hat sie sich für ersteres – um festzustellen, dass der Mensch ohne altruistische Intention die Gemeinschaft unserer Art in einem sozialdarwinistischen Wettkampf anfeuert.

Verblüffend, wie die Dardennes ein humanphilosophisches Weltproblem zwar nicht als klassische Parabel, jedoch immerhin als vereinfachtes, hochemotionales Gleichnis darstellen, ohne in sentimentales Betroffenheitskino abzugleiten. Das macht zum Beispiel der britische Kollege Ken Loach auch nie. Beiden liegt sehr viel daran, dass sich Menschen in ihrem Verhalten auch weiterhin in den Spiegel sehen können.

Das unbekannte Mädchen