Wenn das Licht zerbricht (2024)

MEHR ALS NUR DAS ENDE EINER LIEBE

7/10


© 2024 Polyfilm


ORIGINALTITEL: LJÓSBROT

LAND / JAHR: ISLAND, KROATIEN, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: RÚNAR RÚNARSSON

CAST: ELÍN HALL, MIKAEL KAABER, KATLA NJÁLSDÓTTIR, ÁGÚST WIGUM, GUNNAR HRAFN KRISTJÁNSSON, BALDUR EINARSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 22 MIN


Die wohl besonderste Rubrik bei den Filmfestspielen von Cannes ist meines Erachtens jene, die den „gewissen anderen Blick“ auszuloben weiß. Un Certain Regard nennt sich diese Schiene, und dort lässt sich alles finden, was man gut und gerne als innovativ, um die Ecke gedacht oder mutig bezeichnen könnte. Von Filmemacherinnen und Filmemachern, die bekannte Themen aus einer anderen, selten oder noch gar nie eingenommenen Position betrachten. Filme wie diese sind eine Frischzellenkur, weil sie keinen bereits betretenen Pfaden folgen, sondern ganz neue ins Dickicht schlagen. Einer davon ist Wenn das Licht zerbricht, im isländischen Original einfach nur Lichtbrechung. Die sieht man ganz besonders, wenn man bei niedrig stehender Sonne aufs Meer blickt, vor allem dann, wenn man dem Gestirn direkt gegenübersteht. Die leuchtenden Reflexionen auf den Wellen sehen aus, als würde die Sonne in hunderte, tausende kleine glühende Teile zerfallen. Ein Anblick, den Una und Diddi gemeinsam genießen, an diesem letzten Abend – weil sie Liebende sind. Und weil die Zukunft ihnen offen steht. Denn Diddi wird am nächsten Tag mit Klara Schluss machen. Keiner weiß noch von Unas und Diddis Beziehung, alles ist geheim und soll erst bekannt werden, nachdem Diddi getan hat, was er eben tun muss. Doch soweit kommt es nie. Ein verheerender Autounfall kostet dem jungen Mann das Leben. Die Trauer ob dieses Verlustes wird von allen getragen, die Diddi kannten – und es sind nicht wenige, eine eingeschworene Gruppe an Freunden und Studenten teilen den Schmerz. Darunter natürlich auch die völlig aufgelöste Klara, die nichts davon weiß, wie Una darunter leidet. Und Una selbst – muss sie die Starke, Unbeteiligte spielen? Oder kann sie davon berichten, auf welche Weise ihr Diddi wichtig gewesen war?

Alleine dem Titel nach könnte man vermuten, dass Rúnar Rúnarssons Trauerdrama schwerer, heftiger Tobak sein muss, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Filme über Trauer und Verlust – die muss man sich nicht antun, schon gar nicht, wenn sich das echte Leben ohnehin so entbehrungsreich darstellt. Nicht umsonst ist Wenn das Licht zerbricht in ebenjener Cannes-Kategorie zu finden, in welcher Lebenssituationen eben anders erzählt werden. Im Zentrum steht natürlich die aparte, faszinierende Elín Hall als trauernde Una – Rúnarsson kreist um sie herum, beobachtet sie von hinten, von der Seite. Unas Erscheinung ist allgegenwärtig. Der Blickwinkel ist ausschließlich der ihre. Es ist beeindruckend, wie Rúnarsson ihre Gefühle einfängt, lakonisch und verbal aufs Wesentliche beschränkt. Wie man Trauer empfindet, bleibt auch im Film im Moment der erschütternden Nachricht wie ein Kloß im Hals – wie man sie auslebt, zeigt der Film dann mit einer kuriosen Unbeschwertheit, sie reicht vom Schockzustand bis hin zum wilden Tanz, vom Alkohol (der literweise fließt) bis zum Experiment der Wahrnehmung. Eine Aktion, die Una und Karla gemeinsam durchführen. Denn Karla lockt Una aus der Reserve – sie lässt sie erkennen, wie Trauer ins Gegenteil verkehrt werden kann, wenn man sie nicht alleine in diesem Ausmaß tragen muss.

Wie das zerbrochene Licht zerbricht auch die Schwere eines Verlustes, zuerst unbeabsichtigt, dann sehnsüchtig und wollend. Zum Zeitpunkt des Todes und im Moment eines Neuanfangs zeigt sich der zersplitternde Schein in den Lichtern des Tunnels, in welchem das Feuer ausbricht – und dann eben am Ende eines emotional aufwühlenden Tages, bevor klar wird, dass der Schmerz trotz einer niemals auslebbaren Rivalität zu zweit getragen werden kann. Der Tod eines geliebten Menschen bringt vieles auf Neustart. Es wird klar, worauf es ankommt im Leben – nämlich einander zu haben, nicht alleine zu sein, in schwierigen Situationen wie dieser.

Ein unkonventionelles psychologisches Konstrukt schafft Rúnarsson und lässt Spielraum in seinem kleinen Film auch für lange, manchmal etwas zu lange Szenen, die in ihrer Gleichförmigkeit eine innere Ruhe dort ausstrahlen, wo man eigentlich am liebsten irgendwas würde tun wollen, um auf andere Gedanken zu kommen. Dieses Innehalten ist dezent provokativ. Schafft aber auch die Möglichkeit, aus Verhaltensnormen auszubrechen.

Wenn das Licht zerbricht (2024)

Beating Hearts (2024)

LA BOUM ALS SOZIALKRIMI

4/10


© 2024 Studiocanal / Cédric Bertrand


ORIGINALTITEL: L’AMOUR OUF

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2024

REGIE: GILLES LELLOUCHE

DREHBUCH: AUDREY DIWAN, AHMED HAMIDI, JULIEN LAMBROSCHINI, GILLES LELLOUCHE

CAST: FRANÇOIS CIVIL, ADÈLE EXARCHOPOULOS, MALORY WANECQUE, MALIK FRIKAH, ALAIN CHABAT, BENOÎT POELVOORDE, VINCENT LACOSTE, JEAN-PASCAL ZADI, ÉLODIE BOUCHEZ, KARIM LEKLOU U. A. 

LÄNGE: 2 STD 46 MIN


Sie sind jung, sie sind verliebt. Am Anfang dieser angeblich wilden Love-Story scheint sich tatsächlich etwas Welt- und Herzbewegendes abzuspielen. Die junge Mallory Wanecque, die, um es gleich vorwegzunehmen, Adèle Exarchopoulos in pflichterfüllender Routine zurücklässt, spielt die blutjunge, resolute Jackie – nicht auf den Mund gefallen, schlagfertig und selbstbewusst. Doch wo die Liebe hinfällt, wird auch ein Charakter wie dieser weich. Kein Wunder, wenn man Malik Frikah als Taugenichts Clotaire in die Augen sieht. Dieser verführerische Blick, dieses ebenfalls lose Mundwerk, und diese Frechheit, jemanden wie Jackie herauszufordern. Da tut sich einiges in der Welt der französischen, zuckersüßen, aber nicht ganz abgehobenen Romanze. Hier sind Liebe, Interesse und Zuneigung im Spiel. Was sich aber liebt, neckt sich zuerst. Und würde man dazu noch Richard Sandersons Reality hören, würde man sich in einem späten Aufguss des La Boum-Wahnsinns aus den Achtzigern wähnen. Der jungen Sophie Marceau hätte die Rolle der Jackie übrigens gut gestanden, als Love Interest habe ich Alexander Sterling aus dem Teenie-Schmuse-Original gerade nicht im Kopf. Vielleicht hätte es ein junger Vincent Cassel getan, wer weiß. Doch Frikah gibt den anarchischen Wilden mit dem Herzen am rechten Fleck überaus charismatisch.

Es bahnt sich also einiges an, und statt Reality tönt The Cure in den Kinosaal, während sich die jungen Verliebten in reminiszierender Flashdance-Optik körperbetonten Ausdruckstanz zelebrieren. Es könnte sein, dass Schauspieler und Regisseur Gilles Lellouche (u. a. Ein Becken voller Männer) aus der knospenden Schicksalsabhängigkeit einen wildromantischen Wild at Heart-Reigen hinlegt, nur ohne David Lynch-Vibes, dafür viel mehr in Richtung Oliver Stone. Doch nichts davon passiert. Clotaire, der draufgängerische Junge, unsterblich verknallt, liebt das krumme Business aber noch mehr. Dort trifft er auf Benoît Poelvoorde als plakativem Gangsterboss-Verschnitt, der warum auch immer an dem Hitzkopf einen Narren frisst, und zwar so lange, bis er ihn verrät und ins Gefängnis bringt. Jackie, aus gutem Hause und Halbwaise, die aber stets gelehrt bekam, welche Werte wie und wo ihren Platz haben, scheint rechtzeitig die Reißleine zu ziehen, um aus großer Liebe nichts Dummes zu tun. Das Dumme ist aber genau das, was wir sehen wollen. Das Dumme ist Symptom einer Leidenschaft und Liebe, die, wie bei Shakespeare, alle Grenzen sprengt. Bei Beating Hearts bleiben die Grenzen aber gesteckt. Ungefähr nach dem ersten Drittel des Films geht jeder seiner Wege, die Liebe scheint erloschen oder in einer Stasis konserviert. Lellouche verliert seinen Film, warum auch immer. Wo ist sie hin, diese zärtliche Verschwörung auf Lebenszeit? Nach sämtlichem Romantikkitsch vor unter- oder aufgehender Sonne, nach der ersten Liebe in den Gräsern französischer Küstenlandschaften. Nach pochenden Herzen und melodramatischem Herzgeflüster wird diese Everlasting Love zum krächzenden Stimmchen, zur pragmatischen Wende hin zu Schicksalen, die sich untereinander nichts mehr zu sagen haben.

13 Cesar-Nominierungen hat Beating Hearts erhalten – ein Tophit in Frankreich. Einer dieser Preise wird wohl für die satte Überlänge eingeplant worden sein. Mit 164 Minuten strapaziert der Film nicht nur die nostalgischen Erinnerungen an La Boum und an die eigene Liebe. Der Leerlauf in der zweiten Hälfte ist unüberbrückbar, die Metaebene der Emotionen wird zur Behauptung, die Adèle Exarchopoulos und François Civil zwar aufstellen, aber nicht spüren. War da jemals was? Ist da immer noch was? Beide vermitteln dem Publikum keine Überzeugung. Das umständliche Skript, das den Mythos vom Verlieren und Wiederfinden einfangen will und an welchem wiedermal mehrere Leute herumgewerkelt haben (was, wie schon öfters von mir erwähnt, kein gutes Zeichen sein kann), verliert sich in einer To-do-Liste bewährter Versatzstücke aus dem Romantik- und Thrillergenre. Die Bilder mögen für sich sprechen und manchmal wirklich betören – die Liebe selbst tut das nicht.

Beating Hearts (2024)

Das Licht (2025)

NAHTOD EINER FAMILIE

7,5/10 


© 2025 X-Verleih AG


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: TOM TYKWER

CAST: NICOLETTE KREBITZ, LARS EIDINGER, TALA AL-DEEN, ELKE BIESENDORFER, JULIUS GAUSE, ELYAS ELDRIDGE, TOBY ONWUMERE, RUBY M. LICHTENBERG, KARL MARKOVICS, LIV LISA FRIES, VOLKER BRUCH, MUDAR RAMADAN, JOYCE ABU-ZEID U. A.

LÄNGE: 2 STD 42 MIN


Das Schicksal ist bei Tom Tykwer kein mieser Verräter. Niemand ist dabei ausschließlich für sich selbst verantwortlich, das Schicksal gehört ihren Seelen auch nicht ganz alleine. Die eine ist mit der anderen verknüpft und umgekehrt. Das Verhalten des oder der Einzelnen beeinflusst das Leben zum Teil völlig fremder Menschen. Wir alle, so meint Tom Tykwer stets, hängen alle im selben Geflecht aus Ursache und Wirkung, aus Geben und Nehmen, aus fahrlässiger Beeinflussung und gezielter Manipulation. Alles hängt irgendwie immer zusammen, niemand ist niemals eine Insel. Das war schon bei Winterschläfer und Lola rennt so – wir erinnern uns, und ja, es ist lange her. Franka Potente musste da spielfilmlang ihre Kondition trainieren, die peripher in ihrem äußeren Blickwinkel liegende Gesellschaft konnte davon profitieren oder auch nicht. Jedes Tun und Lassen verändert also das Schicksal der anderen. Mit Cloud Atlas ließ sich Tykwer auf eine fulminante Ko-Produktion mit den Geschwistern Wachowski ein. Tom Hanks, Halle Berry und Ben Wishaw begnügen sich dabei nicht nur mit jener Raumzeit, in der sie gerade leben, sondern verschränken ihre Schicksale über mehrere Epochen. Selbst die vierte Dimension will Tykwer sprengen, gerade über dieses Mysterium der Zeit arbeiten sich seine Filme hinweg – das ganze Universum, wenn man so will, ist gleichzeitig vergangen und zukünftig, die Metaphysik unserer Existenz ist ein komplexes, der Entropie erhabenes Miteinander.

Tykwer spinnt seine Ideenwelten weiter und dringt mit Das Licht noch tiefer in sozialphilosophische Abhängigkeiten vor. Er will dafür das System einer Neuzeit-Familie sprengen, die sich nichts mehr zu sagen hat und gleichzeitig so viel. Die aneinander vorbeifokussiert und verlernt hat, Bedürfnisse zu artikulieren. Vom dialogstarken Drama rund um einen schief hängenden Haussegen will dieses Epos aber nichts wissen. Es nutzt manches Genre, um auf dessen Schultern woanders hin zu gelangen – es spannt den Bogen bis in dem vom Kriege geschüttelten Nahen Osten. Es wird politisch, aber nicht zu sehr. Auch dieser Faktor ist nur ein Pflasterstein auf dem Weg zu etwas viel Universellerem. Zu etwas, das sich auf alles und jeden übertragen lässt. Das uns vereint und an unsere Grenzen bringt: Der Tod. Oder, um es etwas mehr zu spezifizieren: Der Nahtod.

Lars Eidinger, Nicolette Krebitz und die beiden vielversprechenden Jungdarsteller Elke Biesendorfer und Julius Gause werden zur experimentellen Spielwiese für die aus Syrien stammende Haushälterin Farrah (Tala Al-Deen), die sich nicht nur bei Familie Engels anstellen lässt, um hinter ihnen herzuräumen. Sie hat etwas ganz anderes im Sinn, durchaus etwas Eigennütziges, und streckt ihre manipulativen Fühler aus, die aber nicht böswilligen Ursprungs sind, sondern aus einem tiefen, selbst empfundenen Schmerz heraus arbeiten. Dieses Vorhaben aber setzt ganz andere Dynamiken in Gang, die nicht unwesentlich mit einer seltsamen Lichttherapie zu tun haben. Das Licht wird zum starken Symbolismus in einer metaphysischen Realität. Es wird zur Verlockung am Ende des Tunnels, bedient sich existenzialistischen Mysterien, bleibt aber wohltuend geerdet, obwohl Tom Tykwer so einige Spielereien wagt, welche die Art, eine Geschichte wie diese zu erzählen, auflockern und illustrieren soll. Mitunter wird getanzt, manchmal gesungen. Der jüngste der Familie, Dio, sieht sein Leben wie einen Cartoon dahingleiten, untermalt von Queens Bohemian Rhapsody. Tykwer weiß aber, seinen ohnehin schon vielschichtigen Film nicht zu überfrachten. Ganz vorne steht immer noch das Schauspiel eines Ensembles, das begriffen hat, worum es geht: Um das Niederreißen verkrusteter Automatismen, um den Grenzgang auf dem schmalen Grat zwischen Dies- und Jenseits – einzig und allein, um das Wesentliche wieder zu erkennen, das ein immerwährender, sintflutartiger Regen verschleiert. Um auf dem Fundament der nackten Existenz Neues aufzubauen.

Am Anfang, so könnte man sagen, war das Licht. Der Weg dorthin zurück wird zur Odyssee eines progressiven und leidenschaftlichen Künstlers, dessen Welten längst schon die Filmwelt Europas bereichert haben. Weil ihn ihnen gewagt wird, was andere für verschwurbelt halten.

Das Licht (2025)

Bridget Jones – Verrückt nach ihm (2025)

DIE WOHLTAT DER VORHERHSEHBARKEIT

5,5/10


© 2025 Universal Pictures


ORIGINALTITEL: BRIDGET JONES: MAD ABOUT THE BOY

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, FRANKREICH 2025

REGIE: MICHAEL MORRIS

DREHBUCH: HELEN FIELDING, DAN MAZER, ABI MORGAN, NACH DEM ROMAN VON HELEN FIELDING

CAST: RENÉE ZELLWEGER, LEO WOODALL, CHIWETEL EJIOFOR, HUGH GRANT, EMMA THOMPSON, COLIN FIRTH, ISLA FISHER, NICO PARKER, SALLY PHILLIPS, SHIRLEY HENDERSON, JIM BROADBENT U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Weg vom Problemkino, raus aus dem Arthouse. Gewalt, Mord und Totschlag haben Pause. Das Phantastische findet sich maximal in Happy End-Beziehungen wieder, die im exakt bemessenen Timeslot eines abendfüllenden Spielfilms nach vorprogrammiertem Auf und Ab letztlich alles richtig machen. Schön, diese heile Welt mit den Wohlstandsproblemchen, die niemals an der nackten Existenz seiner Leidtragenden rütteln. Willkommen also in der Welt der RomComs, der Romantischen Komödien, vorzugsweise nach Schema F, doch dieses Schema funktioniert, weil es sein Publikum womöglich von viel ernsteren Problemen, die das echte Leben betreffen, wegholt. Kino wird dabei zur reinen Unterhaltung, zur Entspannung, als würde man in einem Stressless-Sessel sitzen, der rund zwei Stunden einem selbst gehört. Da das Medium Film dabei aber nicht viel Neues erzählt, weil es die Karte des Vertrauten ausspielt, habe ich das Genre eher großräumig umfahren. Zumindest auf der großen Leinwand. Daheim auf der Couch darf gerne zum wiederholten Male die Lieblings-Sitcom ihre bereits auswendig erlernten Folgen abspulen, weil diese das Gefühl der Geborgenheit vermitteln und so angenehm vorhersehbar sind wie ein Mittagsschläfchen. Entspannung pur in einer Welt des Umbruchs. Selten war die Zerstreuung wichtiger denn je. Und findet im vierten Alltagsabenteuer aus dem Bridget-Jones-Universum die richtige Bildschirmshow.

24 Jahre, nachdem Helen Fieldings Figur des jungen, weiblichen Tollpatsches im Pyjama die Stereotypen der weiblichen Selbstdarstellung aufdröselte, ist der im Charlie Chaplin-Schritt watschelnde, liebevolle Charakter mit dem verkniffenen Clint Eastwood-Blick längst Mutter zweier Kinder und gleichzeitig Witwe. Wie es dazu kam? Dafür braucht man bei Gott nicht alle drei Vorgängerfilme anzusehen. Dank der recht simplen Storyline erschließt sich auch für Nichtkenner des Franchise die gesamte Welt von Bridget Jones innerhalb von Sekunden. Colin Firth also dürfte Jones Ehemann Mark Darcy gewesen sein – er buhlte schließlich mit Hugh Grant um die reizende Dame, als letzterer noch den Hechtler in den Swimmingpool gewagt hat. Darcy aber ist verstorben, Bridget muss alles allein regeln und sich einem Gewitter sämtlicher Ratschläge aus dem Freundeskreis aussetzen. Statt Hugh Grant köpfelt diesmal der deutlich jüngere Spätstudent Roxster in den Pool und verdreht der schwer in den Alltag findenden Renée Zellweger so richtig den Kopf. Damit aber nicht genug: Auch wenn es nicht so aussieht, als ob da jemals die Funken sprühen können, bläst auch noch Lehrer Chiwetel Ejiofor (von Twelve Years a Slave bis hierher ist es ein weiter Weg) als Mr. Wallaker tagtäglich in die Trillerpfeife, um Bridgets Kinder Gehorsam zu lehren.

Ja, im Grunde ist sie das, die Geschichte. Ein bisschen geht’s auch um Verlust, um das Alter, um die eigene Erlaubnis, die man sich gibt, um einen Neuanfang zu wagen. Geht alles nicht so einfach, aber einfach genug, um Brigdet Jones – Verrückt nach ihm in einlullender Geschmeidigkeit dahinzuerzählen, während der Stressless-Sessel arbeitet und man selbst immer weicher und elastischer wird. Dazwischen darf man schmunzeln, wie in den vertrauten Sitcoms auch. Und manchmal, da wundert man sich, mit welchen banalen Versatzstücken man ein längst schon vieles gesehene Publikum abholen kann. Langeweile wird dabei zur Tugend, das gute Gefühl, Erwartbares erwarten zu können, zum Sonntagsausklang für die Gebeutelten, die Ja zur idealen, manchmal aber auch leicht reparierbaren Welt sagen.

Bridget Jones – Verrückt nach ihm (2025)

Souleymanes Geschichte (2024)

IM CHAOS DES NEUANFANGS

7/10


© 2024 Filmgarten


ORIGINALTITEL: L’HISTOIRE DE SOULEYMANE

LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: BORIS LOJKINE

DREHBUCH: DELPHINE AGUT, BORIS LOJKINE

CAST: ABOU SANGARE, NINA MEURISSE, ALPHA OUMAR SOW, EMMANUEL YOVANIE, YOUNOUSSA DIALLO, GHISLAIN MAHAN, MAMADOU BARRY, YAYA DIALLO, KEITA DIALLO U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Ängste gibt es viele. Für so ziemlich alles. Gibt es auch so etwas wie die Angst vor urbanen Räumen? Vor Großstädten, vor der endgültigen und irreparablen Anonymisierung, wo das Einzelschicksal einfach nicht mehr zählt, weil es davon zu viele gibt und keiner mehr Rücksicht nehmen kann? Wo jede und jeder versucht, als der Fitteste zu überleben, egal, ob die oder der andere auf der Strecke bleibt? Im Film Souleymanes Geschichte könnte man, sofern man sich nicht schon ohnehin klitzeklein fühlt angesichts gnadenloser Ballungsräume wie Paris, London oder New York, Angst davor bekommen, im hektisch-pulsierenden Trubel einer Großstadt unterzugehen. Dabei mag die Angst, komplett die Orientierung und auch die eigene Existenzberechtigung zu verlieren, bereits erschaudern lassen, wenn man gar nicht mal jemand ist, der als Bürger der Europäischen Union zumindest einige Vorteile genießt. Souleymane, der hier wie ein Verrückter durch die Straßen von Paris radelt, um Essen auszuliefern, ist keiner, auf den andere gewartet haben. Souleymane ist nicht willkommen, er wird geduldet, er darf vorübergehend und so lange das Asylverfahren dauert, hier in Frankreich mehr oder weniger tatenlos ausharren. Willkommenskultur und die dazugehörigen Klatscher – die gibt es nicht mehr. Keiner interessiert sich für einen unscheinbaren Afrikaner aus Guinea, solange kein Reibach den Besitzer wechselt. Souleymane muss alle und jeden bezahlen, sie alle wollen Geld von jemanden, der keines hat. Diese Ignoranz macht wütend, aber hey – jene, die Geld wollen, sind genauso am Arsch. Es ist eine brutale, kompromisslose, fordernde Welt. Aber: Es ist eine Welt, in der ein Neuanfang möglich wäre. Nur wie, fragt sich dieser eine, den sich Boris Lojkine (Hope, Camille) für seinen semidokumentarischen Neorealismus herausgepickt hat.

Dieser jemand muss darauf hoffen, dass die penible Befragung zur Gewährleistung eines Asyls gut läuft. Dafür müssen die Gründe, warum Souleymane überhaupt erst nach Europa kam, triftig genug sein. Nur aus Lust und Laune aber, das sollte allen klar sein, wird niemand diese Tortur der lange Reise in eine bessere Welt auf sich nehmen. Würde niemand Ursprung, Familie und Freunde zurücklassen. Während sich Souleymane also seine tragische Geschichte, die gar nicht passiert ist, zurechtzimmert, um die Asylkommission zu beeindrucken, nutzt dieser den Lieferanten-Account eines Bekannten, um so das nötige Kleingeld zu verdienen, um in Sachen Fake-Story das notwendige Coaching zu erkaufen. Dass sich der junge Mann dabei selbst belügt, sich selbst verleugnet und nur noch mehr in Schwierigkeiten gerät, mag sich erst viel zu spät, aber vielleicht gerade noch rechtzeitig, offenbaren. Je nachdem, wie gnädig das Schicksal eines Unbekannten, der zufällig Souleymane heisst, ausfallen mag.

Regisseur Lojkine heftet sich also auf fast schon aufdringliche, aber respektvolle Weise an die Fersen eines Existenzbedrohten, der alle Risiken auf sich nimmt. Paris wird dabei, wie schon eingangs erwähnt, zu einem lebensfeindlichen Ort, an dem die Konkurrenz sich nicht ersetzen lassen will. Die Lichter der Stadt, die Kälte eines Winters, der Regen, der Schnee, die Hektik auf der Straße: Souleymanes Geschichte ist ein aufreibender, kleiner Film – schnell, impulsiv und entbehrungsreich. Als Sozialthriller mag er dort ansetzen, wo so manches Flüchtlingsdrama wie Ich Capitano vorläufig enden. Man sieht: Die Probleme, die Angst vor dem Versagen, die Furcht vor der Nichtigkeit des eigenen wahren Schicksals – sie mögen relevanter sein als das oft romantisierte Abenteuer einer Flucht durch die Wüste. Lojkine bringt es dabei auf den Punkt, er will seinen verloren Geglaubten dazu bringen, zu sich selbst zu stehen. Es wird ihm gelingen – die letzte Viertelstunde in diesem Drama ist aufwühlend, elektrisierend und erschreckend ehrlich, spätestens da fiebert man mit Souleymane, der nun endgültig aus der Anonymität hervortritt, so richtig mit. Das fulminante Schauspiel von Abou Sangare mag dabei entscheidend sein. Hut ab vor so viel Breitschaft zur Verletzbarkeit.

Souleymanes Geschichte (2024)

Emilia Pérez (2024)

GEISTER EINES ANDEREN LEBENS

7/10


emiliaperez© 2024 Viennale


LAND / JAHR: FRANKREICH 2024

REGIE: JACQUES AUDIARD

DREHBUCH: JACQUES AUDIARD, THOMAS BIDEGAIN

CAST: KARLA SOFÍA GASCÓN, ZOE SALDAÑA, SELENA GOMEZ, ADRIANA PAZ, ÉDGAR RAMIREZ, EDUARDO ALADRO U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Was tut man nicht alles für seine Leidenschaft, in diesem Fall für jene für den Film: Tagwache 5 Uhr morgens. Kaffee, Zähneputzen und ab ins Kino, wo im Rahmen der Viennale um herrgottsfrühe Uhrzeit und auf weitestgehend nüchternem Magen Jacques Audiards neuer Geniestreich als Frühstücksersatz einem vollem Gartenbaukino vor den Latz geknallt wurde. Um nochmal die Analogie morgendlicher Nahrungszufuhr zu bedienen: Emilia Pérez darf sich gerne als Tische biegendes Buffet begreifen, es ist alles Mögliche dabei, von süß bis salzig, von scharf bis bitter. Dieser Film, der bei den diesjährigen Festspielen von Cannes vor allem bei den Darstellerinnenpreisen so richtig abräumen konnte, schenkt dem Kino wieder mal komprimierte Vielfalt. Noch dazu im dekorativen Gewand eines Musicals, wobei hier gesagt sei, dass ich als Muffel für diese Kunstform sehr wohl davon wusste und dennoch zum Ticket griff. Andererseits: auch wenn Gesangseinlagen den eigentlich ernstzunehmenden Erzählfluss verlassen, um den Show-Faktor zu pushen: Emilia Pérez ist aus meiner Sicht dennoch nichts, was man auslässt. Es kann gut sein, dass nächstes Jahr zu den Oscars neben Anora auch dieser Film ganz groß mitmischen wird, alleine schon wegen namensgebender Protagonistin, die sich zu Beginn des Films erstens mal ganz anders nennt und da noch längst nicht jene Person verkörpert, von welcher ein fieser Finsterling lange Zeit geträumt zu haben scheint.

Mit diesem gewalttätigen Oberhaupt eines mexikanischen Drogenkartells ist kein bisschen zu spaßen, da muss eine wie Zoe Saldaña gar nicht genau wissen, was dieser einschüchternde Zampano alles auf dem Kerbholz hat – da reicht sein Anblick, so verkommen, verwegen und finster wirkt dieses Konterfei, welches Anwältin Rita Castro aus der Reserve lockt. Juan del Monte, kurz genannt Manitas, lässt seinem Gegenüber kaum eine andere Wahl als dieses Angebot, das sowieso niemand ausschlagen kann, anzunehmen. Doch dabei geht es weniger darum, Konten zu frisieren oder die Justiz zu manipulieren, sondern um etwas ganz ganz anders, viel Höheres und pikant Persönliches: Dieser Manitas steckt im falschen Körper. Nichts sehnlicher wünscht er sich, als eine Frau zu sein. Castro soll alles dafür Notwendige in die Wege leiten. Der Coup scheint aufzugehen, die Anwältin badet im Geld, der Drogenboss wird zur dunklen Vergangenheit, während wie aus dem Nichts Emilia Pérez ganz plötzlich die Bühne betritt. Jahre später nach der Umwandlung will die Transsexuelle nur eines: Ihre Familie zurück.

Das klingt alles sehr nach einem Stoff, der aus dem Gedankengut eines Pedro Almodóvar hätte sprießen können und Assoziationen weckt zu seinem 1999 entstandenen Meisterwerk Alles über meine Mutter. Es wäre aber nicht Audiard, würde sich das queere Schauspielkino, was es im Kern sein will, nicht auch stilistische Anleihen aus dem lateinamerikanischen Melodrama mit denen des geerdeten Mafiathrillers verschränken. Die Wucht der Leidenschaft und des Herzschmerzes hält dann alle diese Komponenten zusammen, ihre expressiven Spitzen ereifert sich das Werk durch jene Gesangsnummern, die Zoe Saldaña oder Selena Gomez zum Besten geben. Hätte Emilia Pérez auch ohne den Faktor Musical funktioniert? Vielleicht wäre der Film dadurch beliebiger geworden, vielleicht gar weniger eigenständig, doch so genau lässt sich diese dramaturgische Alternative gar nicht durchdenken. Zu sehr mag man von Karla Sofía Gascón hingerissen sein, dieser einnehmenden Trans-Schauspielerin, die dank langjähriger Fernseherfahrung ihrem ersten Kinofilm diese melodramatischen Vibes verleiht, die Emilia Pérez womöglich auch ohne Gesangsnummern so eigenständig werden lässt. Dabei gehen vorallem die späteren Tracks so richtig ins Ohr, gerade der mehrstimmige musikalische Epilog bleibt noch lange Zeit haften.

Jacques Audiard ist ein temperamentvolles Gesamtkunstwerk gelungen, das Schicksal schlägt dabei gnadenlos zu, die Weisheit belehrt uns am Ende mit ernüchternden Tatsachen. Eine zweite Chance, Reue, Wiedergutmachung – ein neues Ich ohne das Alte scheint in Emilia Pérez undenkbar. Das Vergangene ist die Basis des Neuen, ein Schlussstrich kaum zu ziehen, es sei denn, es ist der Tod. Als Mensch bleibt Emilia Pérez, sowohl als Mann oder als Frau, letztlich derselbe. Der Charakter, die Seele, sie lässt sich nicht neu erfinden.

Emilia Pérez (2024)

The Outrun (2024)

EIN SELKIE AM TROCKENEN

6,5/10


theoutrun© 2024 Viennale


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2024

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

DREHBUCH: NORA FINGSCHEIDT, AMY LIPTROT, NACH IHREN MEMOIREN

CAST: SAOIRSE RONAN, PAAPA ESSIEDU, STEPHEN DILLANE, SASKIA REEVES, NABIL ELOUAHABI, IZUKA HOYLE, LAUREN LYLE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Weibliche Charaktere, die aus dem sozialen Raster fallen oder am System vorbeiexistieren, liegen stets im Fokus der Filmemacherin Nora Fingscheidt, die mit ihrem radikalen Problemkind-Drama Systemsprenger weltweit auf sich aufmerksam machte. Netflix klopfte an und gab ihr die Regie für den Sandra Bullock-Streifen The Unforgivable, indem der Star eine ehemalige Straftäterin gibt, die im Alltag nicht mehr Fuß fassen kann. Ähnlich geht es nun in ihrem neuesten Werk The Outrun zu. Statt anarchischem Schreihals oder einer zutiefst depressiven Bullock färbt sich diesmal Saoirse Ronan die Haare blau. Wobei die Farbe Blau zumindest in unseren Kreisen hier gerne mit einem Zustand des völligen Kontrollverlusts einhergeht, der dann einsetzt, wenn man zu tief ins Glas geblickt hat. In diesem Film ist Filmcharakter Rona genau so jemand: Eine Alkoholikerin. Als wäre sie eine Kneipenkumpanin von Amy Winehouse gewesen, nur ohne deren Ruhm, war das Gift im Glas auch das Gift für ihre Beziehung, ihre Zukunft, ihr Studium. The Outrun zeigt aber nicht den Verfallsprozess einer jungen Frau, sondern knüpft eigentlich dort an, wo diese das Ruder herumreisst. Den Entzug bereits überstanden, macht sich Rona auf in Richtung Heimat ihrer Kindheit. Und die ist nicht im Londoner Umland, sondern viel weiter weg. Ganz weit draußen im Nordosten der Insel Großbritannien, zu Schottland gehörend und am Ende der Welt: Auf dem Orkney-Archipel.

Felsen, Strände, ganz viel Küste und sturmgepeitschte See. Wiesen, vereinzelte Steinhäuser und unter Mühsal betriebene Viehbetriebe, wie Ronas Eltern welche führen. Die sind wiederum getrennt, denn Papa ist aufgrund einer bipolaren Störung nicht unwesentlich daran beteiligt, dass seine Tochter so manches aus ihrer Kindheit mitnehmen musste, worauf sie lieber verzichtet hätte. Dennoch ist das Nirgendwo im Takt der Gezeiten genau jene Form von Reduktion, die jemanden wie Rona auch psychisch wieder rebooten kann. Einen Neuanfang unter extremen Witterungen und unter den Blicken der Kegelrobben, von denen manche tatsächlich Selkies sein könnten – Mischwesen aus Mensch und Tier, Gestalten aus der schottischen Mythologie. Wesen, die zwischen den Elementen wandeln, sich jedoch stets nach dem Meer sehnen.

Saoirse Ronan könnte so jemand sein, natürlich im übertragenen Sinn. Fingscheidt spielt mit dieser Mythologie und mit Ronans Haarfarbe, flechtet sie ein, nimmt sie als Metaebene in die Verfilmung eines autobiografischen Romans auf, den Autorin Amy Liptrot verfasst hat, um über ihre Sucht und die Überwindung selbiger zu schreiben. Mit Ronan mag da die richtige Besetzung gefunden worden sein – ihre Begeisterung für die ungebändigte Natur kann sie transportieren. Die Rolle der Süchtigen allerdings weniger. Dafür umschifft Fingscheidt den Absturz großräumig, streift auch deren Beziehung nur flüchtig. Im Trend liegt derzeit, und das merkt man auch hier, eine gegen die eigentliche Chronologie der Handlung gerichtete Abfolge an Rückblenden zu streuen. Bei The Outrun kommen diese entweder zu früh oder zu spät ins Spiel. Dass Ronans Figur und deren Entwicklung bei gezielterem Timing an Griffigkeit gewonnen hätte, bleibt zu vermuten.

Anfangs ist es auch so, dass Fingscheidts Drama Mühe hat, zu diesem Thema eine neue Perspektive zu finden. Erst sehr viel später, wenn sich auch die Familiengeschichte offenbart oder Ronan langsam, aber doch, das Trauma des Alkoholkonsums hinter sich lässt, um neue Horizonte zu erschließen, mag der Funke überspringen, mag die Selbstfindung dann auch mitreißen. Im Tosen der Wellen wird der Neuanfang schließlich zur Metapher in Form einer unbegrenzten, naturgebundenen Superkraft, die jeder mobilisieren kann. Vorausgesetzt, die Parameter des Umfelds stimmen.

The Outrun (2024)

Amsel im Brombeerstrauch (2023)

DIE PRACHT DES SPÄTEN FRÜHLINGS

7,5/10


amsel_brombeer© 2023 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: BLACKBIRD BLACKBIRD BLACKBERRY

LAND / JAHR: GEORGIEN, SCHWEIZ 2023

REGIE: ELENE NAVERIANI

DREHBUCH: ELENE NAVERIANI, NIKOLOZ MDIVANI

CAST: EKA CHAVLEISHVILI, TEMIKO CHINCHINADZE, PIKRIA NIKABADZE, ANKA KHURTSIDZE, TAMAT MDINARADZE U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


In diesen titelgebenden Brombeerstrauch hat sich die 48jährige Ethero längst heillos verheddert – und gleichzeitig damit abgefunden. Dieses patriarchale Georgien mit seinen tief verwurzelten Glaubenssätzen, was Frauen- und Männerrollen betrifft, wäre schon genug an Erschwernis für eine umgangssprachlich als „Alte Jungfer“ zu bezeichnende Person, die, so meinen die anderen, sowieso nie mehr einen Mann abbekommen wird. Nein, bei Ethero hat das Schicksal noch einen draufgesetzt und ihr die Mutter genommen. Was blieb, waren Vater und Bruder, beide keine Feministen, beide herrisch und unterdrückend, beide das Patriarchat auf respektlose Weise ausübend – bis auch der Rest der Familie unter der Erde liegt und Ethero allein dasteht. Doch sie weiß sich zu behaupten, stemmt sich grimmig gegen entbehrliche Umstände. Zumindest hat sie es vollbracht, ihren eigenen Drogeriemarkt aus dem Boden zu stampfen. Wenn es die Zeit erübrigt, geht sie an den Fluss, um Brombeeren zu pflücken. Die Amsel inmitten des Geästs, die es schafft, dem dornigen Gestrüpp zu entfliehen, wird zur waghalsigen Idee einer längst in der Mitte des Lebens Angekommenen, wird zur gefährlichen Metapher, die ihr gleich zu Beginn fast das Leben kosten soll. Und dennoch ist dieser Moment der Imperativ zu einer Wende. Den sie nutzt, indem sie sich an ihren Lieferanten ranmacht, den verheirateten Murman, der ihr auch, versteckt im Lager des Ladens, die Jungfräulichkeit nimmt. Wie es aussieht, könnte dies der Beginn einer späten ersten Liebe sein, die Ethero tunlichst geheim halten will. Denn das Dorf ist klein, ein jeder kennt hier jeden und ein jeder und eine jede zerreißt sich das Maul über andere, die sowieso schon einer gewissen Nonkonformität entsprechen. Ethero ist dabei der Freak, der Sonderling, die Einzelgängerin. Was all die anderen nicht wissen: Ethero ist zwar stark und zäh und wirkt nach außen hin vielleicht sperrig – doch wie jeder Mensch, der Zeit seines Lebens vom Glück außen vorgelassen wurde, trägt auch sie eine Sehnsucht mit sich herum, die, käme der rechte Augenblick, dieser ohne zu zögern gestillt werden würde.

In einem Land, in welchem Gesetze gegen Andersdenkende und Andersfühlende erst kürzlich erlassen wurden, wundern Filme wie diese gleich doppelt. Dabei fällt mir das erst kürzlich in den Kinos gezeigte queere Drama Crossing ein, in welchem Transsexualität auf völlige Akzeptanz stößt. Amsel im Brombeerstrauch hat keine queeren Themen in petto, dafür aber einen stolzen, bekennenden und authentisch zelebrierten Feminismus, der auf zutiefst lakonische wie warmherzige Weise über eine wundersame Chance berichtet, die, egal wann sie im Leben auch gewittert wird, ergriffen werden kann. Dieser späte Frühling, den Ethero hier erlebt, hat etwas zauberhaft Verschrobenes, erdiges und Authentisches – was nicht nur an Elene Naverianis offenherzige und von allen Stereotypen befreiten Herangehensweise an ihre zentrale Figur liegt, sondern eben auch an die unverwechselbare Eka Chavleishvili, die eine nuancierte Charakterstudie zulässt und dabei auch keinerlei falsche Scham an den Tag legt. Naveriani setzt ihren Körper, der auf erfrischende Weise eben erst recht nicht einem in den Medien kommunizierten Schönheitsideal entspricht, respektvoll in Szene. Chavleishvili ist stolz auf ihren Körper und auf sich selbst. Der Unzufriedenheit im Leben, wenn Frau das Gefühl hat, dass alle Züge bereits abgefahren sind, lässt sich so vehement und träumerisch entgegentreten, dass Amsel im Brombeerstrauch als kleine, unangepasste, märchenhafte Ode an die Weiblichkeit bestens funktioniert, ohne diese Ideale nur zu kolportieren. Das gelingt aufgrund einer leicht unbeholfenen Zärtlichkeit, die diesem Film innewohnt. Als wäre Aki Kaurismäki wieder mal einer seiner kauzigen Gesellschaftsportraits gelungen, hat auch Naveriani einen eigenen Minimalismus in ihren Bildern, eine eigene Farbgebung und eine pointierte Dramaturgie. Ein prachtvoller, zutiefst romantischer Film, der von einer Selbstfindung berichtet, die auf eigenen, unangepassten Wegen völlig richtig liegt. Und Ethero, die hat dabei das Zeug zur Ikone des eigenen emanzipierten Willens.

Amsel im Brombeerstrauch (2023)

A Great Place to Call Home (2023)

DAS UNIVERSUM HAT NOCH WAS VOR

6,5/10


agreatplacetocallhome© 2023 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: JULES

LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: MARC TURTLETAUB

DREHBUCH: GAVIN STECKLER

CAST: BEN KINGSLEY, JADE QUON, HARRIET SANSOM HARRIS, JANE CURTIN, ZOË WINTERS, TEDDY CAÑEZ, JOSHUA MOORE, ANDY DALY U. A.

LÄNGE: 1 STD 27 MIN


Beim guten alten ALF war es ähnlich. Da krachte das UFO des pelzigen Sprücheklopfers in die Scheune von Willy Tanner, der samt Familie mehrere Staffeln hindurch täglich aufs Neue versuchen wird, erstens den Fremdweltler vor neugierigen Blicken zu verbergen und zweitens den Alltag trotz und mit Gordon Shumway, wie er sich nennt, zu meistern. Ein Heidenspaß auf ganzer Länge. Nimmt man aber Steven Spielbergs E.T. zur Hand, sieht die Sache schon melancholischer aus. Der knorrige Trapezkopf war der beste Freund des kleinen Elliot, und hätte da nicht die Nationale Sicherheit von diesem außergewöhnlichen Besuch Wind bekommen, wäre der Film für jüngere Semester erstens nicht so verstörend und dann auch nicht so tieftraurig gewesen, nämlich so, als würde jemand nicht nur fortgeflogen, sondern eher noch gestorben sein. Ein Kassenschlager war das sensible Düstermärchen dennoch. Und wenn das Ganze schon mit Kindern und Aliens funktioniert – warum dann nicht auch mit jenen, die im Herbst des Lebens stehen und sich so fühlen, als wären sie irgendwo in einer Zwischenwelt, deren nächstes Türchen ins Jenseits führt. So kann man, muss man aber nicht leben, mit über Achtzig und immer noch Lust am Dasein.

Dass Marc Turtletaubs herzige Science-Fiction-Komödie das Rad damit neu erfunden hat, ist allerdings nicht ganz wahr. Kinder der Achtziger erinnern sich sicher noch an Ron Howards Jungbrunnen-Märchen Cocoon: Senioren erhalten ihre innere Jugendlichkeit zurück, nachdem sie in einem Schwimmbecken baden, indem ein extraterrestrisches Artefakt schlummert. Ein wunderschöner, ein kluger und nicht minder herzzerreißender Film, wohl ein Genre-Highlight aus einer Zeit, in der Die unheimliche Begegnung der Dritten Art noch nicht lange zurückliegt und gleißende Lichteffekte dazu beigetragen haben, die richtige Stimmung fürs Außergewöhnliche herbeizuzaubern. Nicht zu vergessen auch Das Wunder in der 8. Straße – kleine Alien-Roboter mischen ein Wohnhaus auf, darunter eben auch betagte Mieter, die tiefe Freundschaft mit dem für Menschen äußerst fremden Lebensformen schließen. A Great Place to Call Home (im Original Jules – warum man hier den Titel hat verändern müssen, bleibt mir schleierhaft) schließt als weiteres, wohltuendes und nur selten weinerliches Werk an die Mysterienspiele rund ums Altwerden und Altsein an, und diesmal ist das Alien kein Trapezkopf, kein leuchtendes Ei im Wasser und kein freches Fellknäuel, sondern ein kleines humanoides Wesen aus den Tiefen des Alls, das leider das Pech und gleichzeitig das Glück hatte, in den von allen neugierigen Blicken abgeschirmten Garten von Milton Robinson bruchzulanden. Die Azaleen, wie der Alte später mehrmals erwähnen wird, sind aufgrund dieses Crashs alle nur noch Kompost, und auch wenn der Witwer beim Gemeinderat sein ungewöhnliches Erlebnis zur Sprache bringt: Es glaubt ihm keiner. Nicht mal die eigene Tochter, die ihren Vater dringend zum Neurologen schickt und mehr genervt zu sein scheint als liebevoll. Nach dem Prinzip, dass nicht sein kann was nicht sein darf, nämlich ein Besuch vom anderen Stern (und daran wird sich meines Erachtens so lange nichts ändern bis Steven Spielbergs Lichtorgel-Szenario wirklich mal eintritt), werden die seltsamen Verhaltensweisen und Ansichten Miltons als Folgen des hohen Alters verbucht. Zwei Damen aus der Nachbarschaft sehen das anders, sehen auch das Alien, wie es auf der Couch im Wohnzimmer Miltons sitzt, durch die Gegend guckt und Apfelspalten schnabuliert, und erfreuen sich zu dritt an diesem Wunder des plötzlichen Abenteuers und der knisternden Spannung, die sich daraus ergibt.

Offen für Neues zu sein, dazu ist es nie zu spät. Da kann man gut und gerne die Gebrechen des Zellverfalls vergessen, da ist nichts mehr wichtig außer der Spaß an der Freude und das Interesse an etwas, das als exklusives Erlebnis den Kreislauf ankurbelt. Ein gemächlicher, manchmal betulicher, aber jedenfalls wohltuender Film ist A Great Place to Call Home geworden. Ben Kingsley als grauhaariger, vielleicht etwas verschrobener Normalo spielt so pointiert wie schon lange nicht, mit kleinen Gesten, der Länge des gelebten Lebens geschuldeten, einstudierten Verhaltensmustern und knautschiger Mimik. Das kleine Wesen aus dem All – und das ist die Stärke in diesem Film – bewahrt sich stets das Geheimnisvolle, Fremde. Da es kein Wort spricht und womöglich über telepathische Kommunikationsformen verfügt, bleibt seine Existenz ein Rätsel, es bewahrt sich das Mirakel des Unerklärbaren, das sich selbst genügt. Marc Turtletaub gelingt es, trotz sichtlicher Verlockungen den Fuß vom Gas zu nehmen. Mag sein, dass sich dadurch sein Film etwas unter Wert verkauft, dass manches beschaulich dahinplätschert und dort, wo Handlungsspitzen sitzen, das Mehr an dramaturgischer Unterfütterung fehlt. Den in sich ruhenden Jules selbst – und vielleicht ist genau das der Punkt worauf es ankommt: Zuhören, ruhen, schweigen, entschleunigen – hat man am Ende trotz aller inszenierter Beiläufigkeit liebgewonnen, man fragt sich am Ende selbst, ob es in Miltons Alter vielleicht tatsächlich überlegenswert wäre, das gelebte Leben hinter sich zu lassen und ins UFO zu steigen. Würde ich das tun? Doch, womöglich schon. Auf zu neuen Ufern, dafür wäre es nie zu spät.

A Great Place to Call Home (2023)

An einem schönen Morgen (2022)

IM UMGANG MIT DENEN, DIE MAN LIEBT

7,5/10


aneinemschoenenmorgen© 2022 Les Films Pelléas


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND 2022

BUCH / REGIE: MIA HANSEN-LØVE

CAST: LÉA SEYDOUX, PASCAL GREGGORY, MELVIL POUPAUD, NICOLE GARCIA, CAMILLE LEBAN MARTINS U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Dank Mia Hansen-Løve weiß ich nun, wo der große Ingmar Bergman gelebt und gearbeitet hat – dank eines kleinen, feinen, völlig unaufgeregten Autorenfilms, der sich 2021 als Bergman Island auf der Viennale eingeschlichen und vor allem damit beeindruckt hat, eine fast schon klassisch-romantische Liebesgeschichte mit der Kreativbeziehung eines Künstlerpaares zusammenzubringen. Dabei gelingen ihr zwei Ebenen, die fast schon metaphysisch miteinander verschmelzen. Ein Jahr später schickt Hanson-Løve statt Vicky Krieps und Tim Roth diesmal Lea Seydoux in ein fiktives Leben voller greifbarer, gelebter und wehmütiger Ereignisse, in welche abermals zwei Erzählebenen verflochten sind, die aber beide in ein Universum gehören, eng beieinander liegen und nur manchmal überlappen. Hinter An einem schönen Morgen steht ein klares Gespür für Timing; scheint es auf jede Minute, jede Sekunde anzukommen. All die Szenen scheinen klar definiert, Improvisation manchmal die doppelte Arbeit und daher vielleicht auch unerwünscht, denn Hanson-Løve kann der langen Rede kurzen Sinns nichts abgewinnen. Sie weiß genau, was sie erzählen muss und wie viel Kontext und wie viele Worte es maximal braucht, um niemals Gefahr zu laufen, ins Melodramatische zu kippen.

Dabei wären für das Genre des französischen Problem- und Liebesfilms alle Grundlagen gegeben, um sich in intellektuellen Streitgesprächen, philosophischen Off-Kommentaren oder einer verregneten Pariser Tristesse zu verlieren. Nichts dergleichen scheint die Filmemacherin auf irgendeine Weise zu beglücken. Daher nimmt sie ihre Affinität für kurze, knappe, doch niemals fragmentarisch wirkende Szenen zum Anlass, die Stationen einer späten Verliebtheit mit einem leisen Requiem auf das Alter, der Erinnerung und dem Vergessen zu verbinden.

Im Mittelpunkt steht die Tochter eines Philosophen, Sandra Kinsler, die ihrem Vater dabei zusehen muss, wie er einer neurodegenerativen Krankheit erliegt und immer tiefer in die Symptomatik des sogenannten Benson-Syndroms versinkt. Ähnlich wie Demenz, ist für den Erkrankten das Verarbeiten des Gesehenen gestört, und auch klar artikulieren, wie man gerne wollen würde, lässt sich längst nicht mehr. Daheim kann der Vater nicht mehr bleiben, er muss ins Pflegeheim. Das gestaltet sich als mühselige Odyssee, gleichzeitig muss Sandra damit klarkommen, das Vergangene als vergangen zu akzeptieren und lernen, von ihrem Vater langsam Lebewohl zu sagen. Obwohl Abschiede und Schlussstriche wie diese an Sandras Gemüt nagen, gibt es gleichermaßen auch einen erfrischenden Neuanfang: Ein alter Freund ist wieder in der Stadt, und was lange Jahre nie funktioniert hat, scheint diesmal von Amors Pfeilen getroffen: Beide verlieben sich ineinander. Das Problem nur: Liebhaber Clément ist verheiratet und hat einen Sohn. Wer muss also hier den Schlussstrich ziehen? Einer der beiden muss es tun.

An einem schönen Morgen erinnert in den Szenen mit Pascal Greggory als verwirrtem Vater an Florian Zellers Alters-Opus The Father. Wie unterschiedlich sowohl Hopkins als auch Greggory die Defizite des Altwerdens im Geiste darstellen können, ist verblüffend. Während Hopkins erst spät erkennt, wie hilflos er eigentlich ist, scheint Greggory diese Erkenntnis gar nie kommen zu müssen. Das Vergessen und das Entfernen aus der Realität verlaufen in ruhiger, murmelnder, schlurfender Ziellosigkeit – grandios und völlig unprätentiös gespielt. Die Qual, die man als Außenstehender dabei hat, vermittelt Lea Seydoux ebenfalls auf den Punkt genau. Und trotz dieser Schwere des Schicksals ist der Film auch dank Seydoux‘ völlig unverkrampftem Spiel und Hanson-Løves gelassener Inszenierung impressionistisches Erzählkino ohne plakative Schwere geworden, mit elegant eingeflochtenen, klassischen Versatzstücken des Kinos, die mit dem Rest harmonisieren. Viel passieren muss in Hanson-Løves Filmes eigentlich nie, doch dieses Dahinschweben zwischen den Wendepunkten eines Lebens, das sonst ein Außenstehender gar nicht bemerken muss, weil diese sich selbst genügen, ist schon eine große Eigenheit ihres Stils, und macht sie auch geradezu unverwechselbar in ihrer Art, Anspruch und Tagtraum bewusst ent- und dahingleiten zu lassen.

An einem schönen Morgen (2022)