The Substance (2024)

WAHRE SCHÖNHEIT KOMMT VON INNEN

7/10


THE SUBSTANCE© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, FRANKREICH 2024

REGIE / DREHBUCH: CORALIE FARGEAT

CAST: DEMI MOORE, MARGARET QUALLEY, DENNIS QUAID, HUGO DIEGO GARCIA, GORE ABRAMS, MATTHEW GÉCZY, DANIEL KNIGHT, PHILIP SCHURER U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


Nur nicht alt werden! Dabei ist laut Johann Nestroy Altern die einzige Möglichkeit, länger zu leben. Und die Sache mit dem Jungbrunnen, von welchem die Kosmetikbranche verspricht, dass man darin baden könne, erschließt sich auch nicht ganz. Somit bleibt die Sehnsucht nach ewiger Jugend, einem knackigen Körper und dem daraus resultierenden Wohlwollen einer Gesellschaft, die sich aus Bequemlichkeit ihrem Konservativismus hingibt und somit auch Werte weiterträgt, die längst schon obsolet sein sollten. Wie die des schlanken, makellosen Frauenbildes, auch wenn manche Konzerne in ihrem Marketingplan ein Herumrudern in eine liberalere Richtung versuchen. Allein: es wirkt nur bedingt. Zumindest das Showbiz ist hier gnaden- wie rücksichtslos. Und füttert die Dysmorphophobie, wo es nur geht.

The Substance ist ein Schreckgespenst für alle jene, die ihr Äußeres nicht für gut genug befinden. Das muss nicht zwingend mit dem Alter zusammenhängen, doch Coralie Fargeat (Revenge) sieht das größte Problem darin, den eigenen, der Entropie unterworfenen Körper nicht mehr lieben zu wollen. In ihrer Angst bestätigt würden sich Betroffene mit The Substance wohl nicht sehen, dafür macht sich das Werk allzu plakativ über Körperlichkeiten lustig und den unbeholfenen Drang, gefallen zu müssen. Der Mediengesellschaft einen Spiegel vorzuhalten, und zwar in der freakigen Gestalt einer grenzenlos überzogenen Groteske, das könnte gelingen. Und tut es auch. Ein ganz klassisches Cannes-Highlight ist Fargeats Film schließlich geworden, erinnernd an Titane, nur gleich in mehreren anderen Genres wütend, während Titane viel schwieriger einzuordnen ist als dieses durchgetaktete und stampfenden Gym-Rhythmen unterworfene Gerangel zwischen altem und jungem Ich in ein und derselben Person, dargestellt durch die lange auf der Leinwand abstinente Demi Moore und Beauty Margaret Qualley. Ein leidenschaftlicheres Duo hätte Fargeat nicht finden können. Leidenschaftlich und auch bereit, sich in gewisser Weise aufzuopfern für eine Agenda, die schon Robert Zemeckis in den 90er verfolgt hat: dem Schönheitswahn eins auszuwischen.Der Tod steht ihr gut nannte sich die kecke Komödie mit Meryl Streep und Goldie Hawn, die ebenfalls dank einer Substanz die Möglichkeit der ewigen Jugend am Schopf packen. Bruce Willis als schwächelnder Männlichkeit blieb da nur, hilflos zuzusehen, wie gewiefte Spezialeffekte die Leiber der beiden Star-Ikonen ramponierten.

Nun beweist Demi Moore, wie sehr sie die Kunstfertigkeit von State of the Art-Maskenbildner über sich ergehen lassen kann – während Qualley mit strahlendem Sex-Appeal im Aerobic-Einteiler die Popbacken zucken lässt und das männliche Publikum dazu bewegt, ihren Male Gaze auszupacken. Anders als die beschwingte Screwball-Kritik von damals malt The Substance den Teufel an die Wand und bannt das Hässliche in ihre grell bebilderte, höchst freie Interpretation eines ganz anderen Stoffes: Oscar Wildes Dorian Gray durchläuft eine ähnliche Läuterung wie Elisabeth Sparkle aka Sue, die mit sich selbst, ihrem Äußeren und ihrem Erfolg niemals zufrieden sein kann. Man sieht: Neu sind Fargeats Überlegungen alle nicht, aber ernüchternderweise immer noch zeitgemäß und fürchterlich akut. So gibt sich Demi Moore eben dank der Empfehlung eines Unbekannten die volle Dröhnung okkulter Mittelchen, und noch ehe der Ex-Medienstar den Verdacht äußern kann, man hätte es hier mit Homöopathie zu tun, schält sich ein jüngeres Ich aus der in Stasis befindlichen Älteren, um für sieben Tage auf den Spuren längst vergangener Erfolge zu wandeln. Danach wechselt Alt gegen Jung und so weiter und so fort. Die Rechnung würde aufgehen, würde Sue (eben Qualley) nicht mit dem Gedanken spielen, ihr älteres Ich hinzuhalten – immer mehr und immer länger. Die Folgen sind absehbar, die Moral von der Geschichte tadelt die Gier nach Jugend in drastischen Bildern und wunden Details.

Irgendwann, nachdem The Substance längst ihren Höhepunkt erreicht und Demi Moores Körper alle möglichen Stadien des Verfalls durchgemacht hat, erreicht der Film einen Moment, wo er hätte enden können, denn schließlich ist alles erzählt, jede Metaebene angekommen. Die Sache liegt klar auf der Hand, der Twist ein erwartbar expliziter. Doch Fargeat gibt sich damit nicht zufrieden. Genauso wenig, wie ihre Figuren nicht wissen, wann sie aufhören sollen, weiß es die Regisseurin. Ganz im Sinne des Exploitation-Genres treibt sie das Jungbrunnen- und Schönheitsdilemma wie eine gesengte Sau durchs Dorf, nach dem Bodyhorror ist vor dem Bodyhorror, Carpenters The Thing lässt grüßen. Die Extreme nehmen zu, haben aber nur noch wenig Mehrwert. Der Rest der Groteske macht den Catwalk frei für eine zum Selbstzweck verkommenen Freakshow, um noch eins und dann noch eins draufzusetzen. Im Kino, im Film, da ist alles möglich, da muss man keinen Schlussstrich ziehen, vielleicht ist die vollständige Überdrehung ins Surreale letztlich das Mokieren über gesellschaftliche Parameter, die niemand ändern will.

Für schwache Mägen ist The Substance nicht geeignet. Wer mit Deformierungen nicht klarkommt und David Cronenbergs Fliege als bereits auf die Spitze getrieben betrachtet, wird hier eines Besseren belehrt. Merkwürdig ist die andauernde Reminiszenz an Stanley Kubrick, fraglich auch die wenig ausgearbeitete Rolle von Dennis Quaid, der als platter Männerwitz die Pointe nicht findet. Wer nicht nur den Exzess sucht, sondern durch unorthodoxen Kino-Expressionismus so sehr erfrischt werden will, dass er die althergebrachte Conclusio im besten Sinne herrlich verstört mitträgt, wird diese Filmerfahrung zu schätzen wissen. Als Auftakt für das Slash-Filmfestival ein idealer Blockbuster.

The Substance (2024)

MaXXXine (2024)

VOM STAR, DER ÜBER LEICHEN GEHT

6,5/10


maxxxine© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE / DREHBUCH: TI WEST

CAST: MIA GOTH, ELIZABETH DEBICKI, KEVIN BACON, MOSES SUMNEY, MICHELLE MONAGHAN, BOBBY CANNAVALE, GIANCARLO ESPOSITO, HALSEY, LILY COLLINS, SOPHIE THATCHER, CHLOE FARNWORTH, SIMON PRAST U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Jetzt, nachdem die letzten Takte von Kim Carnes Klassiker Bette Davis Eyes verklungen sind und die Kameradrohne die an den Hills angebrachten hollywoodgleichen Lettern, welche den Namen Maxxxine bilden, umrundet hat, lässt sich rückblickend feststellen, dass Ti Wests ironisch-blutige Starruhm-Trilogie sehr wohl eine Klasse für sich darstellt. Das Gesamtkonzept rund um die nach Starruhm gierende Maxine Minx, vormals Miller, hätte jedoch raffinierter ausfallen können. Es hat den Anschein, als hätte West den Bogen, den er spannt, nicht auf einmal erdacht. Als wäre er erst nach dem Erfolg von X dazu bewogen worden, das Schicksal seiner Muse namens Mia Goth weiterzuspinnen. Dazu zählt auch der Blick zurück in die frühen Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, um die Biografie der mordenden Alten aus X überhaupt erst zu erzählen. Der Mittelteil dieses Gesamtkunstwerks ist dann auch narrativer wie filmischer Höhepunkt. Zwischen Judy Garland-Technicolor-Satire und psychopathisch-sympathischem Killerinnenportrait gelingt West ein liebevoll ausgestattetes, wildes Gemetzel mit einer manisch grinsenden Hauptdarstellerin, deren Lieblingswerkzeug, die Mistgabel, gerne zweckentfremdet wird, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Oder einfach nur, um zu töten, weil es Spaß macht. Diese kranke Figur der Pearl ist erfrischend anders, was nicht heißen soll, dass Maxine, die sowohl in X als auch eben im Finale Grande ihrer Frau steht, nicht auch genug wehrhaftes Verhalten besitzt, um lästige Sexualstraftäter oder verquere Familienmitglieder zur Rechenschaft zu ziehen. Das tut sie auf höchst schmerzhafte Weise. Und es wäre nicht Ti West, wenn das Ex-Porno-Starlet, welches sich zu Höherem, Größerem und Glamouröserem berufen sieht, den toxischen Mann im wahrsten Sinne des Wortes an den Eiern hat.

Mit diesem patriarchalen, gewalttätigen Wahnsinn und dem Wahnsinn an sich, der ja nicht erst seit David Lynchs Mulholland Drive und Quentin Tarantinos Once Upon a Time … in Hollywood längst zu den Charakteristika dieser realen Traumwelt gehört, setzt sich MaXXXine mit schillerndem Detailreichtum auseinander und gönnt sich im Vergleich zu den anderen beiden Teilen die größte Leichtigkeit. Das funktioniert auch formschön durch das Einbeziehen sämtlicher Filmzitate wie Hitchcocks Psycho oder Polanskis Chinatown, womit wir – Apropos Polanski – wieder auf Tarantinos Aufarbeitung der Manson-Morde zuzrückkommen. Nicht nur von ungefähr gibt es zwischen Wests MaXXXine und Tarantinos Zeitportrait etliche Gemeinsamkeiten. Wests Versuch, das Once Upon a Time … der Achtziger aus dem Ärmel zu schütteln, gelingt phasenweise ganz gut, hinkt aber letztlich aufgrund der Tatsache hinterher, mit dem „Night Stalker“ und einer Prise Satanismus keinen ernstzunehmenden und auch nicht relevanten Unterbau einer latenten Bedrohung zu schaffen. West kann die Killer-Komponente nur schwer greifen, am besten gelingt sein Film dann, wenn Maxine trotz ihres Traumas aus Teil eins beharrlich versucht, die Gunst von Regie-Göttin Elizabeth Debicki zu gewinnen. Da braucht es gar nicht mal einen Killer von außen, denn der scheint das Szenario tatsächlich zu verwässern.

Richtig gut wird MaXXXine auch dann, wenn der kongeniale Kevin Bacon als alptraumhafte Mixtur aus Jack Nicholsons Privatdetektiv Jake Gittes und Helge Schneider die Szene betritt. Wenn Goth und Bacon aufeinandertreffen, schenken sie sich nichts, dann wird das Ganze geradezu von sarkastisch-komödiantischen Momenten durchzogen. Was aber ungenutzt auf dem heißen Asphalt des Mulholland Drive verdünstet, sind die Möglichkeiten, gewisser Horror-Banalitäten zu entgehen, indem West wohl lieber den Fokus auf Mia Goth behalten hätte, statt stilistische Versatzstücke aufzuwärmen. So prickelt der Film dann weniger nach als erhofft, doch was bleibt, ist Goths Paraderolle, die sowieso und in allen drei Episoden mit Inbrunst die Ellbogen-Leidenschaft eines ehrgeizigen Ruhmesmonsters lebt. Bette Davis hatte recht mit ihrem im Film eingangs erwähnten Zitat: In this business, until you’re known as a monster you’re not a star. Keine Trilogie bringt es letztlich geschmackvoller (und blutiger) auf den Punkt. Killer und Satanisten sind dabei nur reine Dekoration.

MaXXXine (2024)

The End We Start From (2023)

HINTER MIR DIE SINTFLUT

5/10


the-end-we-start-from© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2023

REGIE: MAHALIA BELO

DREHBUCH: ALICE BIRCH, NACH DEM ROMAN VON MEGAN HUNTER

CAST: JODIE COMER, JOEL FRY, KATHERINE WATERSTON, GINA MCKEE, NINA SOSANYA, MARK STRONG, BENEDICT CUMBERBATCH, SOPHIE DUVAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Diese Woche soll es endlich wieder mal ordentlich regnen. Zumindest hier, im staubtrockenen, glutheissen Wiener Becken, waren all die verzweifelten Regentänze für die Fische. Unter solchen Umständen wandern Filme, die sich mit Klimawandel und noch dazu mit dem heiß ersehnten Niederschlag auseinandersetzen, die Watchlist höher. Eines dieser neuen Werke ist jener Streifen, der Jodie Comer als frischgebackene Mutter durch ein teilweise überflutetes und vollends dem Ausnahmezustand anheimgefallenes Großbritannien schickt. Durch das London an der Themse lässt sich nur noch per Boot manövrieren, zum Glück haben eine Frau ohne Namen und ihr Mann rechtzeitig Haus und Heim hinter sich gelassen, zum Glück hat diese Frau auch rechtzeitig ihr Baby zur Welt gebracht. Es scheint, als wäre das Schicksal dieser frischgebackenen Familie gewogen, denn Papas Eltern leben überdies in höhergelegenen Gefilden am Land, mit jeder Menge Vorrat, um gut durch die Krise zu kommen. Diese dauert aber länger als gedacht, es scheint, als wäre die Flutkatastrophe sowas wie einer Zombieapokalypse gewichen, nirgendwo gibt es mehr Nahrung, und selbst im Haus der Großeltern leert sich der Keller. Das Schicksal meint es also doch nicht gut, als ein Unglücksfall dem anderen folgt und Jodie Comers Charakter plötzlich ganz allein dastehen muss, den Säugling vor die Brust geschnallt und ums Überleben kämpfend. Die Suche nach Papa muss verschoben werden. Die Zukunft ist ungewiss.

Aus gefühlt jedem Katastrophenzustand wird im Kino gerne eine Endzeit generiert. Auf ein zivilisiertes Danach lässt sich in vielen Fällen einfach nicht mehr hoffen. Meist ist das Elysium ein am Horizont vage manifestierter Lichtblick, ein Ideal, ein Hoffnungsschimmer oder Motivator, der die hartnäckig Suchenden nicht resignieren lässt. The End We Start From ist nicht viel anders und fühlt sich an wie ein Spin Off von The Last of Us, nur ohne den toxischen Pilzsporen anheimgefallene Mutanten. Hier ist das Hochwasser schlimm genug, um die gesellschaftliche Ordnung aus den Angeln zu heben. Dass man in Zeiten wie diesen dann doch noch eine neue Generation in eine ungewisse, äußerst instabile Zukunft schicken soll, versucht der nach einem Roman von Megan Hunter inszenierte melodramatische Streifen zu illustrieren. Und lässt sich dabei zu einem mitunter elegischen Kaffeekränzchen für Mamas hinreissen, das mit einer Engelsgeduld, die der Zuseher vielleicht nicht hat, den pflegetechnischen Alltag von Jodie Comer und dann auch noch Katherine Waterston, die sich ebenfalls um ihr Kleinkind bemüht, in den Fokus nimmt. Das mutet in jedem Fall recht empathisch und gefühlvoll an, reizt die Thematik aber zu sehr aus, während sich der rote Faden in den Wirren der nicht näher beleuchteten Katastrophe verliert, die überdies das Gefühl vermittelt, nicht ganz schlüssig zu sein. Geht’s mal nicht um das Erfüllen mütterlicher Pflichten, setzt Mahalia Belo Jodie Comers Konterfei breitenwirksam in Szene – nachdenklich, rückblickend, sehnsüchtig. Und dann nochmal: nachdenklich, rückblickend, sehnsüchtig, vielleicht gar schwelgend in Erinnerungen mit Partner Joel Fry, der stets so aussieht, als würde er nicht nur in den Fluten, sondern auch im Selbstmitleid ertrinken.

Es ist schon gut erkennbar, worum es der Story um Mutterschaft angesichts extremer Umstände wohl gehen mag: Um den Verlust gesicherter Existenzgrundlagen und die Erschaffung neuer Parameter. Was es dafür braucht, ist letztlich die gesamte leidgeprüfte Familie. Mahalia Belo lässt sich mit dieser redundanten Erkenntnissuche aber viel zu viel Zeit, The End We Start From hat mitunter ermüdenden Leerlauf und fühlt sich dem Melodramatischen sehr zugetan. Ein Endzeitdrama light mag hier gelungen sein, für all jene, die The Road mit Viggo Mortensen als unzumutbar erachten, derweil ist dieser düstere Streifen einer der „schönsten“ und aufrichtigsten Filme um das Ende der Welt, die bisher gedreht wurden. The End We Start From weiß nicht so recht, wieviel es seinen Figuren zumuten will. Als Schonprogramm zwischen Krabbelstube und Existenzanalyse mag dieser gemächliche Paradigmenwechsel wie weichgespült wirken, auch wenn, wie es scheint, die Insel sich mutwillig selbst aufgibt.

The End We Start From (2023)

The Bikeriders (2024)

DES MANNES LETZTE FREIHEIT

6/10


bikeriders©  2024 Universal Pictures

LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: JEFF NICHOLS

CAST: JODIE COMER, AUSTIN BUTLER, TOM HARDY, MICHAEL SHANNON, MIKE FAIST, BOYD HOLBROOK, DAMON HERRIMAN, BEAU KNAPP, EMORY COHEN, TOBY WALLACE, NORMAN REEDUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 57 MIN


„Ich beschließ‘ ich kauf mir wie der Marlin Brando a klasse Maschin…“ – dass ein Film wie Der Wilde seinerzeit die Freiheitsträume ohnehin im Patriarchat befindlicher Männer so sehr triggern hat können – dieses Phänomen wurde selbst vom österreichischen Satiriker Helmut Qualtinger aufs Korn genommen, mit dem Song Der Halbwilde, aus dessen Lyrics obige Zeile stammt.

Nun hat es auch Tom Hardy erwischt. Wir sehen ihn im Film The Bikeriders, wie er entgeistert auf den kleinen hauseigenen Fernseher starrt und Marlon Brando dabei zusieht, wie er in ebenjenem Film neue Begehrlichkeiten weckt. Jene nach einer Lederjacke, nach einer neuen wilden Identität, nach zweirädrigen Boliden und der Missachtung so gut wie aller sozialer Regeln, die für ein Miteinander essenziell sind. Diesem stiernackigen, kernigen, unrasierten Mann namens Johnny folgen alsbald immer mehr und mehr solcher Männer, die, meist als Außenseiter der Gesellschaft, nirgendwo dazugehören dürfen; die in der frühen Midlife-Crisis stecken oder die Wucht ihrer – überspitzt gesagt – maskulinen Identität innerhalb eines geordneten Lebens samt Familie nicht mehr standhalten können. Einer dieser aus der Gesellschaft Verstoßenen ist Benny, gespielt vom zurzeit allseits beliebten Newcomer Austin Butler, der bereits Superstar Elvis Presley Charakter verliehen hat. Die 60er-Jahre Frisur steht ihm prächtig, sein einstudierter verlorener Blick ebenso. Benny hat nirgendwo sozialen Halt, also ist es der Verein der Vandals Chicago, und ganz besonders sein väterlicher Freund Johnny, von dessen Seite er nicht abrückt – bis Kathy (Jodie Comer, The Last Duel) in sein Leben tritt. Mit ihr schließt er gar den Bund der Ehe, bleibt aber dennoch ein schwer zu fassender Charakter. Die Gang der Biker hingegen erfährt im Laufe der Jahre eine Umwälzung und Veränderung nach der anderen. Ganz plötzlich gibt es Ableger, dann wieder andere, die dem Boss der Runde seinen Platz streitig machen wollen. Dann gibt es Neider und die Lust an kriminellen Handlungen, die das Image einer gelebten Anarchie, die mit Bikergangs eben assoziiert wird, bis heute prägen.

Dennis Hoppers Easy Rider hat die Hoffnung auf eine ungestüme Freiheit auf zwei Rädern wohl letztlich ausgeräumt und ausgeträumt. Jeff Nichols hat sich dabei an einem Fotobuch des Journalisten Danny Lyon orientiert und daraus die Chronik von Aufstieg und Fall einer ganzen Subkultur in graubraunen Bildern auf die Straßen des Mittleren Westens gesetzt. Schnell stellt man fest, dass dieses Bild der männlichen Freiheit und der maskulinen Selbstbestimmung nicht mehr sein kann als die Zwangsbeglückung vollkommen Unglücklicher, die überraschend wenig Spaß daran haben, an ihren fahrbaren Untersätzen herumzuschrauben und diese, wäre es denn möglich, gegen Pferde eintauschen würden, gäbe es den Wilden Westen noch. Tom Hardy, Butler und das ganze illustre Ensemble skizzieren die Portraits sehnsüchtig Suchender, die außerhalb dieses Mikrokosmos aus wenigen Regeln und der Lust am Heroismus wohl nirgendwo zur Ruhe kommen würden. Nichols erzählt die Geschichte aber aus dem Blickwinkel von Jodie Comers Figur, die einem fiktiven Reporter das ganze Drama schildert. Dabei braucht es einige Zeit, bis man sich an diesen pragmatischen Charakter gewöhnt. Die zähe Dominanz dieser Figur ist nämlich nicht, was man erwartet hätte.        

The Bikeriders ist zeitgeistiges Genrekino mit vielen leeren Kilometern. So orientierungslos wie seine Protagonisten ist bisweilen auch Nichols Film. Wild wechselt dieser zwischen den Zeitebenen, zu viele Charaktere ähneln sich zu stark, um die Vielfalt einer Gesellschaft abzubilden, die keine wirklichen Identitäten besitzt, sondern nur das Bewusstsein einer Community, die schnell zerbrechen kann. Außen wuchtig, innen geradezu hohl. Comers Figur weiß das. Und am Ehesten entwickelt Austin Butler so etwas wie eine Biografie, die den Ausbruch aus einem Teufelskreis depressiver Leere beschreibt.

The Bikeriders (2024)

Ich – Einfach unverbesserlich 4 (2024)

GIRL, YOU KNOW IT’S GRU

6,5/10


© 2024 Illumination / Universal Pictures


LAND / JAHR: USA, FRANKREICH 2024

REGIE: CHRIS RENAUD

DREHBUCH: MIKE WHITE, KEN DAURIO

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): STEVE CARELL, KRISTEN WIIG, WILL FERRELL, JOEY KING, STEVE COOGAN, DANA GAIER, MIRANDA COSGROVE, CHRIS RENAUD, SOFIA VERGARA, STEPHEN COLBERT U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Diese Figur erkennt man aufgrund seiner Physiognomie allein schon aufgrund ihres Schattens, den sie wirft: Gru, Ex-Superschurke mit osteuropäischem Akzent – stelzige Beine, breiter Oberkörper und zum Wendehals nicht geeignet, da ihm dieser sichtlich fehlt. Zwischen Kinn und Brust wickelt sich ein Schal, das Haupt selbst glänzt durch Abwesenheit einer Haarpracht. Der grimmige erste Eindruck von jemanden, dem man naturgemäß keinen Gebrauchtwagen abkauft, täuscht. Der Mann hat sich über vier Teile hinweg (eigentlich fünf, wenn man das Minion-Sequel hinzuzählt) daran abgearbeitet, ein besserer Mensch zu werden. Unverbesserlich war gestern, mittlerweile ist Gru verantwortungsbewusster Teil einer sechsköpfigen Familie, deren Mädels niemals älter werden und schon mehr in ihren jungen Jahren erleben mussten, als James Bond in seiner ganzen Laufbahn auf seine Habenseite brachte. Finsterlinge en masse haben in diesem Universum immer den Kürzeren gezogen, durch den Wink des gutmeinenden Schicksals und einer von Moral durchdrungenen Welt, in welcher der Anstand über dem Wahnsinn diverser verrückter Professoren regiert, die apokalyptische Gerätschaften aus dem Boden stampfen, um alles in Schutt und Asche zu legen.

Einer dieser Unholde ist Grus Jugendfeind Maxime Le Mal, der im Rahmen eines Klassentreffens an der Schurkenschule Lycée Pas Bon damit prahlt, als Mensch-Kakerlake die Weltherrschaft zu erlangen. Gru, der nun für die Anti-Verbrecher-Liga, kurz AVL, seinen Beitrag leistet, kann den Fiesling zwar dingfest machen, doch dieser lässt kurzerhand das Gefängnis hinter sich, um Rache zu üben an seinem Erzfeind, indem er ihm den jüngsten Spross der Familie, Gru Jr., entwenden will. Um dieser Bedrohung zu entgehen, landet die ganze Familie mit neuen Identitäten im langweilig schönen Städtchen Mayflower – wo längst ganz andere Individuen danach trachten, perfide Dinge zu drehen.

In diesem Zickzackkurs zwischen Minion-Upgrade, welches die Fantastic Four parodiert, familiärer Troubles und dem Erstarken eines psychopathischen Kakerlaken-Dompteurs im schleimfreien David Cronenberg-Bodymix tänzelt das nicht sonderlich originelle neue Abenteuer im freudvollen Pharrell-Williams-Hüpfschritt durch eine zerfranste Geschichte, die für einen Film wie diesen unerwartet viele Schauplätze hat und bisweilen so wirkt, als wäre man über das Regiekonzept für eine Serienstaffel gestolpert. Den Minions geht dabei ordentlich die Luft aus. Sie kalauern zwar in quietschendem Schabernack-Modus situationskomisch durch die wie immer supergrell überzeichnete Agentenfilm-Parodie, hecheln aber einem formidabel ausgeschlafenen Gru zeitweise nur noch hinterher. Da mögen die Superminions diesmal ihre Spaß-Munition ins Nichts verschossen haben, während die unverbesserliche Spitznase die meisten Lacher auf ihrer Seite hat. Der Umstand ist ebenfalls situationskomischer Natur, die groteske Gestalt des Anti-Helden eignet sich einfach perfekt dazu, diesen wie einst Inspektor Clouseau oder Johnny English effektvoll in diverse Fettnäpfchen treten zu lassen. Es macht Spaß, Gru dabei zuzusehen, wie er beharrlich versucht, seinem frechen Baby-Bengel näherzukommen. Es ist die Chronik einer Vater-Sohn-Beziehung, der Chris Renaud am meisten Aufmerksamkeit schenkt – und als Sidestory, die sich folglich mit dem eigentlichen roten Faden vermengt, viel Herzlichkeit beweist.

Ich – Einfach Unverbesserlich 4 erfüllt die Erwartungen, die Kenner wohl haben werden – vom Kind bis zum kindlichen Erwachsenen, der dem turbulenten, liebevoll charakterisierten Action-Klamauk schon von der ersten Stunde an einiges abgewinnen konnte. Die Minions sind diesmal hauptsächlich nur Beiwerk, aber das sollen sie ja auch sein, schließlich haben sie ihre eigenen Filme, und zu viel der gackernden Albernheiten mögen einen sonst so bekömmlich erscheinen wie eine magenfüllende Mahlzeit im Süßwarenladen. Am Ende gibt’s gar ein Wiedersehen mit alten Bekannten, und fast hat man den Eindruck, mit dem vierten Teile wird es das wohl gewesen sein. Und wenn: Als würdiger Abschluss lässt sich der dritte Aufguss durchaus verbuchen, ohne allzu sehr bei sich selbst geklaut zu haben.

Ich – Einfach unverbesserlich 4 (2024)

Drive-Away Dolls (2024)

DAS PRACHTSTÜCK DES SENATORS

3/10


drive-away-dolls© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE: ETHAN COEN

DREHBUCH: ETHAN COEN, TRICIA COOKE

CAST: MARGARET QUALLEY, GERALDINE VISWANATHAN, BEANIE FELDSTEIN, COLMAN DOMINGO, PEDRO PASCAL, BILL CAMP, MATT DAMON, JOEY SLOTNICK, C. J. WILSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 24 MIN


Seit den Achtzigerjahren verwöhnen diese Brüder ein liberal-intellektuelles Kinopublikum, das Freude am Autorenfilm hat, mit ungewöhnlichen Geschichten, bizarren Einfällen und schwarzhumorigem Endzeitfeeling zwischen Paranoia, Schicksal und Mordlust. Filme wie Barton Fink, Fargo, A Serious Man oder Inside Llewyn Davis prägen das späte amerikanische Kino, zu zweit sind die beiden meistens unschlagbar, von einigen wenigen halbgaren Zwischenspielen mal abgesehen. Schon vor drei Jahren war Joel Coen bereits allein unterwegs und setzte Denzel Washington als Macbeth in Szene. Gut gemeint, sprachlich hochwertig und in Schwarzweiß. Ethan Coen hat es ebenfalls erstmals ausprobiert, wie es ist, seinen Buddy nicht dabeizuhaben. Stattdessen engagierte er lieber Tricia Cooke für das Verfassen eines schrägen Roadmovie-Plots namens Drive-Away Dolls. Das klingt erstmal lustig und ungefähr so übergeschnappt wie der Brüder geistreicher Verwechslungsspaß Burn After Reading – ist es aber nicht.

Vielleicht wird’s beim nächsten Mal besser, denn Ethan Coens Solo-Einstand lässt in vielerlei Hinsicht zu wünschen übrig, jedoch weniger in Anbetracht seines queeren Engagements. Denn Margaret Qualley und Geraldine Viswanathan (u. a. Hala, Miracle Workers) sind selbstbewusste Lesben, mancherorts in anderen Reviews zu diesem Film bin ich über das mir bislang unbekannte Wort Dyke gestolpert – in Sachen Wortschatz lernt man niemals aus. Qualley und Viswanathan geben Jamie und Marian, zwei Freundinnen, denen allerdings nicht im Sinn steht, miteinander eine Liaison einzugehen, ist doch die Freundschaft viel wichtiger als entspannender Cunnilingus, der dann zur Beziehungskiste mutiert. Die beiden machen mit einem Leihwagen eine Spritztour nach Tallahassee in Florida, wo Marian mit Oma ornithologischen Exkursionen frönen will. Jamie schließt sich an, und was beide nicht wissen – im Kofferraum des Wagens weilen Dinge, von denen die beiden wohl lieber nichts in Erfahrung bringen sollten. Um diese brennheissen Güter nicht aus den Augen zu verlieren, rücken den Mädels zwei Gauner auf die Pelle, die sich allerdings so ungeschickt anstellen, als wären sie Laurel und Hardy. Weiters darf nicht unerwähnt bleiben, dass ein gewisser Senator (Matt Damon) keine unwichtige Rolle in diesem ganzen Rambazamba spielt, das sich allerdings ganz auf Qualley und Viswanathan verlässt, da sie die einzigen Figuren in diesem schalen Roadmovie sind, die auch nur irgendwie von Interesse sind.

Die Kunst bei Burn After Reading lag eigentlich darin, dass die zum Schenkelklopfen komische Groteske als astreiner Ensemblefilm durchgeht, da jede noch so kleine, namhaft besetzte Nebenrolle auch ihren bedeutenden Drang zum Individualismus und zur Unverwechselbarkeit nachgehen konnte und somit, wie alle anderen in diesem Film auch, gleich wichtig wurde. In Drive- Away Dolls sind all diese Nebenrollen, die ihre Aufgabe, situationskomisch sein zu wollen, viel zu ernst nehmen, alles andere als das. Das fängt vom Leihwagenvermieter (Bill Camp) an, zieht sich über konventionelle Kriminelle, denen noch die Rest-Aura vormals origineller Typen zumindest in Spuren anhaftet, bis zu Matt Damons undurchdachter Performance als kompromittierter Politiker, dessen Motivation irgendwo im Straßengraben der Frivolität liegengelassen wurde.

Denn frivol ist das Filmchen allemal. Allzu prüde darf man bei Betrachtung selbigen nicht sein und vorrangig Dildos als alltäglichen Gebrauchsgegenstand akzeptieren können. Latexpenisse und wie sie sich anfühlen wird zur großen Frage, Qualley und Viswanathan tun wirklich alles, um sie zu beantworten, verlieren dabei aber die ganze schwammige Geschichte und auch ihr Publikum aus den Augen. In notgeiler Lustwandelbarkeit überzeichnen die beiden ihre Rollen bis zur Befremdung, doch damit entsprechen sie nur einem unentschlossenen Plot, der „pride“ auf alles sein will. Das ist auch das gute Recht des Films und auch das von Ethan Coen, dem es zumindest wichtig ist, mit einer ungestüm-natürlichen Homosexualität den Ausfall zu machen. Drive-Away Dolls fällt aber mit der Tür ins Haus, neben Qualleys ausdrucksstarker Libido und Viswanathans langsam bröckelnder Verklemmtheit bietet die lieblos konzipierte Krimikomödie außer des Imitierens eigener Vorbilder nur das überdrehte Gebaren verhinderter KomödiantInnen.

Drive-Away Dolls (2024)

The Fall Guy (2024)

STUNT-PARADE MIT LEERLAUF

5/10


thefallguy© 2024 Universal Pictures. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DAVID LEITCH

DREHBUCH: DREW PEARCE

CAST: RYAN GOSLING, EMILY BLUNT, AARON TAYLOR-JOHNSON, HANNAH WADDINGHAM, WINSTON DUKE, STEPHANIE HSU, TERESA PALMER, ADAM DUNN, ZARA MICHALES, BEN KNIGHT, LEE MAJORS, HEATHER THOMAS, JASON MOMOA U. A.

LÄNGE: 2 STD 7 MIN


Ein Mensch ist genauso viel wert wie der andere. So sollte es zumindest sein. Doch das stimmt nicht. Fußballstars sind mehr wert. Hollywoodstars sind mehr wert. Weil sie weltberühmt sind, weil ein jeder sie kennt, und ihre Person nicht nur zur Marke wird, sondern auch zum Goldesel für Konzerne wie Disney, Sony oder Universal Pictures. Weil sie als Testimonials für alles Mögliche herhalten und sich dabei gut bezahlen lassen. So einen Status setzt man nicht aufs Spiel, nur wenn ein Film verlangt, dass man sich in der zu verkörpernden Rolle in exponierte Gefahr begibt. Dafür gibt es andere, die weniger wert sind. Und austauschbar. Stuntmen zum Beispiel. Sie müssen dem Star nur ungefähr ähnlichsehen, und falls nicht, dann hilft Deepfake. Was sie tun, ist, für die goldwerte Persönlichkeit in die Bresche zu springen, sich schmutzig zu machen, Blessuren zu holen – kurz gesagt: als Prügelknabe zu fungieren, was ins Englische übersetzt mit Fall Guy zu bezeichnen wäre. Diesem Unknown Stuntmen hat schon Lee Majors in den Achtzigerjahren besungen – der Song wurde zum Intro der hierzulande unter dem Titel Ein Colt für alle Fälle bekannten Serie, in der einer namens Colt Seavers nicht nur allerhand halsbrecherische Filmszenen meistert, sondern auch als Kopfgeldjäger ein gewisses Zubrot verdient. An seiner Seite Jody Banks, damals verkörpert von Heather Thomas, die auch in David Leitchs Reboot gemeinsam mit Majors selbst einen Cameo-Auftritt zugedacht bekam, der nicht anders zu bezeichnen ist als bemitleidenswert. Abgesehen von diesem Gnadenakt des gezollten Respekts fiel die Wahl für den neuen Colt auf Feschak Ryan Gosling, den die Frauen lieben und der als Inkarnation des Ken auf das maskuline Selbst zurückgeworfen wurde.

Gosling verguckt sich in die von Emily Blunt dargestellte Kamerafrau, die ebenfalls Jody heisst, die Monate später einen Karrieresprung ins Regiefach vollbringt und die Verantwortung für einen epischen Science-Fiction-Blockbuster namens The Metalstorm übernimmt, der unweigerlich an Mad Max erinnert. Zwischen Jody und Colt herrscht nach einem Unfall am Set, welcher Colt ins Krankenhaus und dann ins Aus befördert, Funkstille. Der Stuntmen hat sich schon längst damit abgefunden, als Einparker für ein Fast Food-Restaurant den Rest seines Lebens zu bestreiten, als das Telefon klingelt und Colts ehemalige Produzentin Gail nach seinem Typ verlangt. Er soll wieder zurück ins Stunt-Business finden, am besten jetzt sofort und ans australische Set von Jodys aktuellem Eventfilm. Der Name seiner Ex lässt den smarten Set-Abenteurer sofort antanzen, sehr zur Verwirrung von Jody selbst, die nichts davon weiß. Und wovon noch niemand eine Ahnung hat: Wohin Superstar Tom Ryder (Aaron Taylor-Johnson) verschwunden ist. Colt wird dazu genötigt, ihn aufzuspüren und gerät dabei in lebensgefährdende Verstrickungen, die insofern schwieriger zu meistern sind, weil der zähe Bursche zu den Klängen von Taylor Swift durchaus mal die eine oder andere Träne aufgrund von Liebeskummer vergießt.

Diese Romanze zwischen Ryan Gosling und Emily Blunt, die wenig Esprit versprüht, dominiert gefühlt zwei Drittel des ganzen Films. Das Ganze wäre ja halb so langweilig gewesen, würde zwischen den Filmpartnern auch eine gewisse Chemie vordergründig wirksam werden, wie seinerzeit bei Michael Douglas und Kathleen Turner. Gosling ist Gosling und Emily Blunt ist auch sie selbst – von einer differenzierten Auslegung ihrer Charaktere ist keine Rede, obwohl beide mit Sympathiewerten punkten. Das Problem ist die gnadenlose Vorhersehbarkeit einer Screwball-Beziehung, die mit den immer gleichen Dialogen breitgetreten wird. Tatsächlich ist das wenig interessant, viel spannender wäre das Abenteuer, in das sich Ryan Gosling stürzt, doch auch dieser spezielle Umstand einer Verschwörung zwischen Showbiz und Mordfall lockt den knautschigen Star kaum aus der Reserve. Gosling ist nicht bereit, für die Komödie auch sein stilsicheres Model-Image als Einsatz zu verwetten, um den komödiantischen Ausbruch zu wagen. Irgendwas fehlt in seinem Spiel, und es fehlt auch bei Emily Blunt. Überhaupt sind die verteilten Rollen auffallend generisch – so generisch, als wären sie das Ensemble einer Vorabendfolge aus besagter Colt-Reihe, die in den Achtzigern noch griffig, heutzutage aber altbacken wirkt. Diesen Leerlauf gilt es zu überbrücken – denn ist man nicht gerade gedanklich irgendwo abgeglitten oder hat die Unruhe im Kinositz weitestgehend unterdrückt, die sich aus dem epischen Plauderton des Films ergibt, serviert David Leitch (u. a. Bullet Train) als liebevolle Hommage und Ehrung der Männer fürs Grobe (Stuntfrauen gibt es allerdings auch!) Stunteinlagen erster Güte, alles fein säuberlich und handwerklich top inszeniert. Im Abspann sieht man auch, dass von VFX kaum Gebrauch gemacht wurde; dass alles analog vonstatten ging, mit den Haudegen aus der zweiten und dritten Reihe, deren Namen man aber immer noch nicht kennt. Außer vielleicht Logan Holladay. Jener Stunt-Profi, der für The Fall Guy bei den Cannon Rolls – das inszenierte Überschlagen eines Autos – einen neuen Rekord aufgestellt hat. Achteinhalb Mal ist das gelungen, dieser Holladay hat sogar seine eigenen Cameo-Momente. Doch die Liebeserklärung an eine noble und bemerkenswerte Artistik-Zunft schippert viel zu oft und viel zu sehr in ausgewaschenen RomCom-Gewässern. Das bisschen Action veredelt den trivialen Plot dabei auch nur bedingt.

The Fall Guy (2024)

Eileen (2023)

WENN ICH EIN VÖGLEIN WÄR´

7/10


eileen© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: WILLIAM OLDROYD

DREHBUCH: LUKE GOEBEL, OTTESSA MOSHFEGH NACH IHREM GLEICHNAMIGEN ROMAN

CAST: THOMASIN MCKENZIE, ANNE HATHAWAY, SHEA WHIGHAM, SAM NIVOLA, SIOBHAN FALLON HOGAN, TONYE PATANO, OWEN TEAGUE, PETER MCROBBIE, PETER VON BERG, JEFFERSON WHITE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Vor sechs Jahren begeisterte Thomasin McKenzie in Debra Graniks gefühlvollem Aussteigerdrama Leave No Treace, seitdem veredelt die neuseeländische Schauspielerin regelmäßig ausgesuchte Independentproduktionen, darunter gar einen Oscarkandidaten von Landsmann Taika Waititi: Jojo Rabbit. Ihr zaghafter, allerdings Hoffnung schöpfender Tanz zu David Bowies deutscher Version von Heroes am Ende des Streifens ist längst schon Filmgeschichte. McKenzie ist etwas Besonderes, weil sie sich selbst treu bleibt und eine Natürlichkeit an den Tag legt, ohne ihr Schauspiel auf eine Weise unterstreichen zu wollen, die lauthals um einen Oscar bettelt. In McKenzie steckt eine sich selbst genügende Normalität, und gerade diese Reduktion weckt das Interesse jener, die sich vielleicht die Frage stellen, ob sie dadurch, eben nicht sonderlich auffallen zu wollen wie zum Beispiel Anja Taylor-Joy (mit der sie gemeinsam in Edgar Wrights Last Night in Soho vor der Kamera stand), so manches Geheimnis verbirgt. Dieses innere Brodeln, dieses Süppchen, das, verborgen vor aller Augen, McKenzie kocht – daran mögen sich andere die Finger verbrennen. Oder aber sie schmeckt, und es gibt nichts, wofür man Vorsicht walten lassen muss. Im verkappten kleinen Psychothriller Eileen, der am Sundance Festival 2023 seine Premiere feierte, müsste man letzteres vielleicht aber überdenken.

Nicht, dass ich jetzt etwas vorwegnähme, was die Lust an diesem mysteriösen Spiel schmälern könnte, welches sich in grobkörnigem Sechziger-Look offenbart und in allerlei bewölkten Brauntönen schwelgt, die zu Spätherbstzeiten für depressive Verstimmungen sorgen. Genauso wenig, wie sich die herbstwelke peripher-urbane Landschaft Neuenglands in Kontraste gliedern lässt, genauso wenig sind Thomasin McKenzie und Anne Hathaway in ihren darzustellenden Charakteren klar konturiert. Erstere spielt titelgebende Eileen, die ihren alkoholkranken Vater aushalten und pflegen muss und sonst so den Tag im Knast verbringt – allerdings als Sekretärin, oder besser gesagt: als Schlüsselmeisterin und Aufpasserin vor allem zu den Besuchszeiten der Häftlinge. Irgendwie scheint tagtäglich der gleiche Trott abzulaufen, sowohl beruflich als auch in den eigenen vier Wänden, nur ab und an muss Eileen ihren sturzbesoffenen alten Herren von der Straße sammeln, wenn dieser sich wieder mal nicht auskennt. Die Dinge ändern sich, als die wasserstoffblonde neue Psychiaterin Rebecca ihren Job beginnt – sie strahlt sofort all das aus, was Eileen nicht haben kann und haben will, vielleicht aber nie haben wird. Zu Rebecca fühlt sich Eileen sofort hingezogen, und anscheinend beruht diese Sympathie auch auf Gegenseitigkeit, wobei sich der Verdacht nur schwer wegrationalisieren lässt, dass der Blondschopf eine gewisse Freude daran hat, das introvertierte Mauerblümchen Eileen sanft zu manipulieren. Eine latente homosexuelle Begierde liegt da in der Luft, doch kann dies auch nur Schwärmerei sein, niemand weiß es so genau. Mit diesen Veränderungen und den aufkommenden Bedürfnissen muss die graue Maus in ihren viel zu weiten Strickpullis die Vorweihnachtszeit stemmen, doch das Schicksal oder einfach das Leben selbst, das passiert, rückt Eileen mit einer Gelegenheit zu Leibe, die sie am Schopf packen sollte. Gefallen wird das, wofür sich die junge Frau entschließen wird, nicht jedem.

Frauen, die sich aus ihrem sozialen Korsett zwängen – Theatermacher und gelegentlicher Filmregisseur Stephen Oldroyd hatte bereits bei seinem letzten Film Lady Macbeth, der doch auch schon einige Jährchen zurückliegt, zu einer ähnlichen Thematik gegriffen. In der Verfilmung einer Novelle von Nikolai Leskow stellt sich Florence Pugh gegen das patriarchale Gehabe ihres aufgebrummten Gatten, indem sie mit dem Stallknecht fremdgeht, doch das ist nur der Anfang eines wüsten Befreiungsschlags. In Eileen, ebenfalls die Verfilmung einer literarischen Vorlage, geht es nicht ganz so düster zu. Oder um es anders zu formulieren: Haken schlägt das Psychodrama bis knapp vor Ende des Films wahrlich keine. Zwei Frauen auf Annäherung, dazwischen der verstörende Fall eines Häftlings, der den eigenen Vater im Schlaf ermordet und ein bewaffneter Patriarch im Suff – diese bizarre Konstellation scheint notwendig, damit Thomasin McKenzies Figur die Formel eines alternativen Lebensentwurfs löst. Oldroyd schummert ein nuanciertes Coming of Age-Portrait auf die Leinwand, das sich gänzlich auf McKenzies Entwicklung und Charakterbild konzentriert, ihren Sehnsüchten und einem verdrehten Willen zum Ausbruch. Das Gefängnis mag sinnbildlich sein, ein Spiegel ihrer Existenz. Geschickt konstruiert, gefällt Eileen durch eine geduldige Beobachtungsgabe, wobei scheinbar willkürlich erwähnte Sidestories in Folge zusammenführen, und das Psychodrama mit Ansätzen zum Thriller blickt dann doch noch in einen Abgrund, der sich unerwartet auftut.

Auf eine gewisse Weise ist Eileen ein Gefängnisfilm, mit dem Unterschied, dass sich weder auf der einen noch auf der anderen Seite Freiheit findet. Irgendwo dazwischen müsste sie liegen, vielleicht darüber oder darunter. Oder in einem selbst.

Eileen (2023)

The Kill Room (2023)

KUNST KOMMT VON KILLEN

5,5/10


thekillroom© 2024 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: NICOL PAONE

DREHBUCH: JONATHAN JACOBSON

CAST: UMA THURMAN, JOE MANGANIELLO, SAMUEL L. JACKSON, MAYA HAWKE, DEBI MAZAR, DREE HEMINGWAY, JENNIFER KIM, LARRY PINE, MIKE DOYLE, MATTHEW MAHER, MARIANNE RENDÓN U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Ganz ehrlich. Filme, die sich mit Kunst als soziologisches Phänomen, dem Kunstverständnis und dem Kunstmarkt beschäftigen, schmecken mir. Filme, die Kunstkennern und solchen, die es gerne sein möchten, die Hosen runterziehen, unterhalten mich prächtig. Es sind Filme, die es zustande bringen, Begriffe von Kunst, Können und den Wert von Dingen, der von gesellschaftlichen Faktoren abhängig ist, zu hinterfragen und dem neureichen Establishment, dass sich gerne in den Mittelpunkt drängt, ohne einen driftigen Grund dafür zu haben, einen Spiegel vorhält. Jene, die sich darin sehen, erkennen wie der Kaiser ohne Kleider viel zu spät, dass hinter all diesem Scharwenzeln nichts steht außer leere Luft, die teuer verkauft werden kann, wenn es das Prestige verlangt.

Bestes Beispiel sind NFTs. Da frage ich mich natürlich, ob das Ganze nicht als Realsatire konzipiert gewesen war – als Vorführvehikel für sinnlos reiche Nimmersatte, die alles besitzen wollen, was Wert hat. Auch wenn es nur kopierte Pixel sind. Marcel Duchamp – ein Künstler, den ich gerne zitiere und der das Kunstverständnis so richtig persifliert hat – erklärte diverse Alltagsgegenstände in Form von Ready-mades zu Kunstwerken. Warum auch nicht. Es kommt immer drauf an, wer daran glaubt. Oder anders gefragt: Wer ist der größere Tor? Der Tor oder der der ihm folgt?

Solcherlei Widersprüchlichkeiten aufzubrezeln, macht einen Heidenspaß. Yasmina Reza hat mit ihrem Theaterstück Kunst die kritische Betrachtung auf diese erst so richtig salonfähig gemacht. The Burnt Orange Heresy mit Donald Sutherland als fintenlegenden Künstler, der die Gesellschaft manipuliert, ist ein unter dem Radar laufender, aber phänomenaler Geheimtipp zu diesem Thema. Ruben Östlund mit seinem Cannes-Sieger The Square ging sogar noch weiter und bezog in seiner Abhandlung über Kunst und Schickimicki noch den Sozialfaktor mit ein. In Die Kunst des toten Mannes quälen sich Kunstkenner, Kunstkritiker und Galeristen mit dem Verbotenen, wobei The Kill Room gerade zu letzterem gewisse Analogien aufweist. Hier kommt Kunst nicht von Können, sondern von Killen – denn Joe Manganiello, sonst eher bekannt dafür, in Magic Mike die Hüllen fallenzulassen, ist in dieser wortreichen Thrillerkomödie einer namens Reggie Pitt, der fürs Syndikat andere über die Klinge springen lässt. Das wissen natürlich die Wenigsten, doch am ehesten weiß das der jüdische Bäcker Gordon Davis, selbstredend verkörpert vom Vielfilmer Samuel L. Jackson, den man immer wieder gerne sieht, egal, welche noch so verschwindende Rolle diese coole Socke gerade vor den Latz geknallt bekommt. Dieser Gordon Davis also, der verdient sich sein Geld nicht in erster Linie mit Backwaren, sondern mit gut bezahlten Kills, die er vermittelt. Was macht man mit so viel Geld, wenn man wie Walter White aus Breaking Bad gerade mal keinen Car wash-Tempel am Radar hat? Man wählt den Kunstmarkt, denn dort können Bilder ja astronomisch viel kosten, ohne das irgendwer die Sache hinterfragen würde.

Gesagt getan – und Patrice Capullo (Uma Thurman), ein bislang eher erfolgloses Mauerblümchen in der Branche, trumpft ganz plötzlich mit den Bildern eines gewissen Bagman auf, die sich über Nacht für Unsummen verkaufen. Das macht die gesamte Kunst-Entourage natürlich hellhörig. Und so bestimmt der Preis den Wert von Kunst, und nicht die Kunst an sich. Dieser Bagman aber, das ist Reggie Pitt, der seine Mordwerkzeuge – billige Plastiksäckchen – als Ready-mades der Haute Volée unter die Nase reibt.

Der Versuch, den schwarzen Witz eines Quentin Tarantino anhand einer makabren Anekdote im Stile der Pulp Fiction-Episoden aufleben zu lassen, noch dazu mit zwei Stars aus eben diesem Film – da fehlt es an Verve und Feinschliff in den Dialogen. The Kill Room genügt sich bis zu einem gewissen Grad selbst, bleibt aber recht beschaulich, was seinen Handlungsradius betrifft. und kommt auch über ein gewisses Maß an Ehrgeiz nicht hinaus. Regisseurin und Komikerin Nicol Paone verknüpft Geldwäsche-Gaunereien mit eingangs erwähnter Kunstsatire, hat aber viel zu viel Faible für genau diese Art von Gesellschaft, die sie geflissentlich und etwas zahnlos an der Nase herumführen will. Es scheint, als würde in dieser Welt des Kill Room ohnehin jeder ahnen, dass hinter all dem nichts steckt, und dass Kunstwerke als Faksimile, ja Platzhalter für ganze Bündel an Geldscheinen fungieren, die man natürlich schlecht an die Wand hängen kann. Diesen Kapitalismus nutzen Jackson, Manganiello und Thurman für ein verzwickt-halbwitziges Täuschungsmanöver, das am Ende des Films dessen Titel natürlich auch noch miteinbezieht.

Uma Thurman sieht man an, dass sie schon länger nicht mehr vor der Kamera gestanden hat. Ihr Comeback ist jedenfalls übertrieben gekünstelt, gegen die knautschige Routine von Jackson hat sie keine Chance, dafür aber bei Manganiello, der als Figur des psychopathischen Langeweilers, der tatsächlich gar nicht mal so schlechte Kunst macht (obwohl er keine Ahnung davon hat), Schwierigkeiten dabei hat, seinen darzustellenden Charakter auch zu empfinden. Letzten Endes wünscht man sich Vincent „John Travolta“ Vega her, der wohl einen Narren daran gefressen hätte, selbst Künstler zu sein. Und Killer gleichermaßen.

The Kill Room (2023)

The Royal Hotel (2023)

WORK-LIFE-BALANCE IN DOWN UNDER

8/10


the-royal-hotel© 2023 Universal Pictures


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2023

REGIE: KITTY GREEN

DREHBUCH: KITTY GREEN, OSCAR REDDING

CAST: JULIA GARNER, JESSICA HENWICK, HUGO WEAVING, JAMES FRECHEVILLE, TOBY WALLACE, HERBERT NORDRUM, BARBARA LOWING, URSULA YOVICH, DANIEL HENSHALL U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Willkommen in Down Under, dem Land des ewigen Sommers, des Crocodile Dundee, der Abenteuer und der Kängurus. Dem Land des Vollrausches, der sozialen Tristesse und des offen gelebten Alltags-Sexismus postkolonialer weißer Männer. Als Australien-Reisende muss sich Frau diesen Diskriminierungen nicht unbedingt aussetzen, da genügt es womöglich, auf Touristenpfaden mit allen anderen unterwegs zu sein. Doch was tun, wenn die Kohle knapp wird und der Urlaub noch lange nicht vorbei ist? Die beiden kanadischen Studentinnen Hannah und Liv wollen sich durch diesen Engpass nicht unterkriegen lassen und ergattern bei einer Work & Travel-Agentur einen zeitlich begrenzten Aushilfsjob in einer Bar irgendwo im Outback, weitab vom Schuss inmitten der Wüste, wo Buschmeister-Schlangen ihr Zuhause haben, Beuteltiere vor die Tür hopsen und der Kookaburra womöglich sein Morgenständchen schnattert. Mehr eintauchen ins authentische Leben der Australier geht nicht, doch nach der freudigen Erwartung folgt die unausweichliche Ernüchterung. Das Etablissement im roten Staub nennt sich zwar The Royal Hotel, doch der Schriftzug lässt sich kaum noch lesen und das Personal zeichnet sich nicht gerade durch eine herzerwärmende Willkommenskultur aus. Hier im Nirgendwo herrschen Zustände, die nur mit ganz viel Alkohol schöngesoffen werden können, da kann die Fauna noch so aus dem Busch hervorspringen und mit fernwehklagender Exotik ausschließlich beim Fremdenverkehr punkten. Die beiden Mädels bleiben trotzdem – und erfahren gleich am ersten Abend, an dem die Männer einer nahegelegenen Miene nicht nur ihren Durst löschen wollen, wie mit jungen Frauen hier umgegangen wird. Nicht für immer, sagen sich beide, und während Liv immer mehr dem Alkohol zugetan scheint und Party feiert, obwohl sie arbeiten sollte, behält Hannah die Contenance und genügend Abstand zu all dem Testosteron, dass hier allabendlich einfällt. Obwohl einer der Gäste ehrlich zu meinen scheint, gibt es andere, die Hannah in Panik geraten lassen. Natürlich kommt eines zum anderen.

Dabei muss eines vorweg genommen werden: The Royal Hotel ist kein Thriller per se und auch kein Outback-Horror mit geistig verwirrten Psycho- und Soziopathen, die den beiden Protagonistinnen eine Tortur verabreichen wollen. Kitty Green, die 2019 mit ihrem unbequemen Missbrauchsdrama The Assistant sexuelle Nötigung á la Weinstein am Arbeitsplatz zwar etwas verhalten, aber dennoch mit Gespür für Andeutungen zum Thema und auch bei Festivals von sich reden machte, folgt vier Jahre später einer ähnlichen Richtung. Diesmal sind es aber weder Vergewaltigung noch sexueller Missbrauch noch ähnlich Schwerwiegendes. Diesmal ist es die bedrohliche toxische Männlichkeit, die sich wie ein drohendes Gewitter in latenter Gefährlichkeit am Horizont abzeichnet, immer bereit, durch auffrischenden Sturm heranzunahen und um sich zu schlagen. Diese Männlichkeit ist ekelhaft. Das Selbstverständnis der gestandenen maskulinen Kleingeister, fremde Frauen als ihr Eigentum zu betrachten, nur weil sie vielleicht als erster einen Spruch losgelassen haben – der Umgang mit der Körperlichkeit einer Frau und die Diskriminierung durch Sprache und abwertender Klischees werden zur Herausforderung für Julia Garner, die auch in The Assistant die Hauptrolle spielt, und Jessica Henwick – zum bedrohlichen Wüstenwind, der überall weht, wo die Kinderstube aus regressivem Verständnis über Geschlechterrollen besteht, dabei goibt’s derlei Defizite nicht nur hier, in Australien. Meinetwegen auch im österreichischen Hinterland oder und vor allem auch in den USA. In diesem Dunst aus Alkoholmissbrauch, daraus bedingenden Missverständnissen und unangenehmen Verhaltensauffälligkeiten entsteht eine geradezu virtuose Miniatur aus dem Subgenre des sozialkritischen Reisefilms, eingefangen als schleichende Eskalationsspirale, die sich sowohl um den Reiz der australischen Wildnis als auch um die Tristesse einer stagnierenden Arbeiterklasse schlängelt, als wäre das alles die Down Under-Version eines Ken Loach-Films, nur mit dem Unterschied, dass Kitty Green mehr will als nur ein Sittenbild abzugeben. Sie will ihr dynamisches Frauen-Duo, das erstmal gar nicht so scheint, als könnte es das, dazu befähigen, mit den Verhältnissen Tabula Rasa zu machen.

Diese Art Frauenpower ganz ohne militanten Feminismus, der Männer an sich gerne über den Kamm schert, weil es einfach ist, es so zu tun, bleibt nachvollziehbar, authentisch und entlockt dem Willen zur Selbstbestimmung ungeahnte Energien. Mit diesem kraftstrotzenden Impuls am Ende des Films setzt The Royal Hotel unübersehbare Zeichen, die als krönender Abschluss eines differenzierten Geschlechterdiskurses mit Freuden das überhöhte Stilmittel des Kinos nutzen. Das alles mit Wut im Bauch und einem Grant auf das Selbstmitleid komplexbeladener Männer, die sich aufführen wie schlecht erzogene Problemkinder.

The Royal Hotel (2023)