Furiosa: A Mad Max Saga (2024)

DIE STRASSE IST NICHT GENUG

6/10


furiosa© 2024 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: AUSTRALIEN 2024

REGIE: GEORGE MILLER

DREHBUCH: GEORGE MILLER, NICO LATHOURIS

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, ALYLA BROWNE, CHRIS HEMSWORTH, TOM BURKE, LACHY HULME, NATHAN JONES, ANGUS SAMPSON, JOSH HELMAN, JOHN HOWARD, DANIEL WEBBER, ELSA PATAKY U. A.

LÄNGE: 2 STD 28 MIN


Für diesen Film war ich in der D-Box. Was das ist? Ein Kinosaal, der immersives Erleben verspricht. Will heißen: Die Sitze, die man gebucht hat, werden dahingehend aktiviert, dass sie sich, abgestimmt aufs Filmerlebnis, entsprechend bewegen. Wenn also zum Beispiel ein Bolide startet, dann wummert auch der eigene Untersatz. Macht die Kamera einen Schwenk, schwenkt dieser dann auch gleich mit. Ist man anfällig für Schwindel, kann das zum Verhängnis werden. Ist aber der Gleichgewichtssinn einer, auf dem man sich verlassen kann, dürfte das erweiterte Einbeziehen der Sinne zumindest bei Furiosa: A Mad Max Saga durchaus Sinn machen. Denn dort brummen und heulen Motoren jede Menge, es explodieren und überschlagen sich Karosserien, es wird geschossen, gekämpft und Wüstenstaub aufgewirbelt – inmitten dieses nach gutem alten Handwerk inszenierten Spektakels das unverwechselbare, faszinierende Konterfei von Anya Taylor-Joy, die allerdings erst nach einer guten Stunde vor die Kamera tritt und vorher ihrer weitaus jüngeren Kollegin Alyla Browne den Vortritt lässt, um die gesamte fiktive Biographie von Furiosa zu erzählen, die Charlize Theron in dem 2015 erschienenen Mad Max: Fury Road schon verkörpert hat – mit geschwärzter Stirn und mechatronischem Arm. Diese Action-Ikone mischt nun also auch George Millers Spin Off auf, und auch wenn sich Taylor-Joy die meiste Zeit hinter Schutzbrillen, Staubtüchern und einer ganzen Schicht Ruß und Motoröl verbirgt – ihre Performance gibt Furiosa: A Mad Max Saga mitunter das, was Mad Max: Fury Road eben nicht hatte: Eine Identifikationsfigur, die einem nicht so gänzlich egal ist wie Tom Hardy, der, wortkarg und unnahbar, den langen, langen Wüstenhighway entlangfuhr, um eben von A nach B zu kommen und sonst nichts weiter.

Währenddessen hatte dieser sämtliche Banden am Hals, mitunter jene von Immortan Joe, einem schwer atmenden Freak mit Maske und transparenter Rüstung, der seine weiß getünchten Jünger gerne sinnlos in den Tod schickt. Alles keine Guten, schon gar nicht ein gewisser Dementus, der von Chris Hemsworth verkörpert wird. Mit dieser exaltierten Rolle, die Rockikonen wie Jim Morrisson, Gene Simmons oder Jon Bon Jovi auf eine Weise karikiert, die zur postapokalyptischen Parodie gereicht, hat Hemsworth sichtlich Spaß. Dass er dabei den Marvel’schen Donnergott zum marodierenden Biker-Cäsaren umkrempelt, noch dazu mit einem Pfrnak, der sein Antlitz grotesk verzerrt, ist reine Absicht. Hemsworth hat lausbübisches Vergnügen an seiner Figur, entsprechend ungestüm wütet er inmitten eines Szenarios, das allerdings nicht viel mehr hergibt als ohnehin schon aus dem Mad Max-Universum freigelegt wurde. Denn George Millers ersonnenes Franchise ist letzten Endes ähnlich karg und wenig fruchtbar wie die Welt, die für handgemachte Action und an die Substanz gehende Stunts die entsprechende Bühne schafft.

Es ist die Wüste, es sind diverse Festungen, es ist die Anarchie einer Endzeit voller Landpiraten, die sich unentwegt bekriegen und nicht imstande sind, sowas wie eine ernstzunehmende Zivilisation aufzubauen. Nach einem nicht näher definierten Ende einer Ordnung, wie wir sie kennen, beherbergt besagtes Wüstenland immer noch geheime grüne Orte, die Furiosa anfangs noch ihre Heimat nennt – bis sie von Rabauken des gottgleichen Dementus entführt wird. Mamas Versuch, die Kleine zurückzubringen, scheitert blutig. Das rothaarige Mädel ohne rechte Kindheit wird wenig später an diesen Immortan Joe verhökert und mausert sich zur Kriegerin, immer nur mit dem einen Ziel, Rache zu üben an den krummnasigen Größenwahnsinnigen, der drauf und dran ist, die absolute Herrschaft zu erlangen.

Bis dahin wird noch viel Sprit verbraucht werden und Karosserien ihre Knautschzonen beanspruchen, werden Tanklaster die Fury Road entlangrasen, Bagger ihre Schaufeln schwenken, sodass Bob, der Baumeister feuchte Augen kriegt und prächtig ausgestattetes Banditen-Gesocks ihre brandneuen Kollektionen vorführen. Mit dieser Liebe zum Detail spielt George Miller, dessen prinzipientreue Analogregie für handgemachtes Rambazamba aller Art auch hier sein Markenzeichen bleibt, seine Trümpfe aus. Vom Nippelzwicker über weißgetünchte Kamikaze-Indigene bis zu Masken und Helmen aller Art füllt Miller ein postapokalpytisches Volkskundemuseum. Dazwischen rattert der Sitz und rattern die Konvois, Treibstoff gibt’s genug, als gäbe es an jeder Ecke eine Tankstelle, doch sonst lässt das Szenario einen kalt. In ausgesuchter Plakativität geben sich flache Figuren einem Schicksal hin, das niemanden tangiert. Die Geschichte rund um Mad Max ist eine hohle Sache, nur immer und immer wieder lässt sich Ähnliches, aber niemals anderes aus dem Konzept herausholen. Diesen Spaß kann man das eine oder andre Mal noch variieren, doch die Aussicht, dass dieser sich totläuft, ist keine Schwarzmalerei. Wie beim Franchise rund um den Terminator, dessen Fortsetzungen immer die gleiche Geschichte aufwärmen, mag die Mad Max-Welt nicht viel mehr hergeben als wilde, handwerklich erlesene, aber kaltschnäuzige Action. Bis die hochtourige Endzeit einer niedertourigen Endzeit die Straßen überlässt.

Furiosa: A Mad Max Saga (2024)

Sterben (2024)

DIE NEUORDNUNG DER FAMILIE

7/10


sterben2© 2024 Jakub Bejnarowicz, Port au Prince, Schwarzweiss, Senator


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2024

REGIE / DREHBUCH: MATTHIAS GLASNER

CAST: LARS EIDINGER, CORINNA HARFOUCH, LILITH STANGENBERG, ROBERT GWISDEK, RONALD ZEHRFELD, SASKIA ROSENDAHL, ANNA BEDERKE, SAEROM PARK, HANS-UWE BAUER U. A.

LÄNGE: 3 STD 2 MIN


Es ist wohl das traurigste und aufrichtigste Interview, dass ich jemals gelesen habe. In der letzten Ausgabe des Kinomagazins cinema steht Filmemacher Matthias Glasner anlässlich seines neuen Spielfilms Sterben (ein wenig erbaulicher Titel, der wohl keine Massen ins Kino locken wird) Rede und Antwort. Und seine Antworten sind herzzerreißend, weil er darin von irreversiblen Versäumnissen erzählt, von Krankheit und dem Tod seiner Eltern, von den eigenen Kindern und dem Gefühl, nicht geliebt zu werden. Diese Worte gingen zumindest mir relativ nah, und sie waren letztendlich auch der Beweggrund dafür, mir einen Film von einem Menschen anzusehen, dem nichts ferner liegt, als sich in ein strahlendes Künstlerlicht zu rücken oder mit seinen Talenten anzugeben. Glasner scheint mir ein bodenständiger, sehr reflektierender Mensch zu sein, der selbst erst lernen musste, zu verstehen, worauf es im Leben ankommt.

Sterben ist somit durchaus autobiographisch zu verstehen. Vorallem den Tod seines Vaters verarbeitet er hier vorrangig, um dann auf die Erkrankung der Mutter einzugehen und überhaupt auf das Gefüge oder die Institution Familie, die in Hollywood als oberstes Dogma zelebriert wird und im Idealismus ertrinkt, während im herbstkalten Hamburg Familie zu etwas wird, was man gelinde gesagt als Zufallsbekanntschaft ansehen kann, als eine zusammengewürfelte Truppe an Menschen, die alle das gleiche Los gezogen haben, doch keinesfalls wirklich miteinander klarkommen wollen. Familie ist ein Zweckbündnis und impliziert keinesfalls, das Blut dicker als Wasser sein muss. Wie wenig gewollt sich diese Familie in Glasners Film darstellt, kommt auch erst nach und nach ans Licht der Wahrheit. Für diesen inneren wie äußeren Seelenstriptease nimmt sich der Filmemacher viel Zeit, oder besser gesagt: Sein Film dauert, so lange er dauern muss. Er ist lang, aber nie zu lang. Klar hätte man ihn kürzen können, doch ohne sonderlich darauf zu achten, die Lebenswelten seiner Figuren in ein annehmbares Zeitfenster zu zwängen, gliedert er sein Werk erst recht in fünf unterschiedlich lange Kapitel, drei davon betreffen die Eckpfeiler dieser Familie mit dem Nachnamen Lunies – die Mutter, den Sohn und die Tochter. Der Vater (Hans-Uwe Bauer) vegetiert als dementer und an Parkinson erkrankter Pflegefall im Dämmerlicht eines Lebensendes vor sich hin, Mutter Lissie, selbst mit einer Krebsdiagnose konfrontiert, tut, was sie kann – dank einer guten Seele aus der Nachbarschaft gelingt ihr das. Sohn Tom lässt sich kaum blicken, er arbeitet gemeinsam mit seinem besten Freund Bernard an einem Benefiz-Musikstück, das denselben Titel trägt wie der Film. Es ist eine fulminante Komposition, nur den Schöpfer selbst plagen Zweifel. Mit Exfreundin Liv, die gerade das Kind eines anderen zur Welt gebracht hat, lebt Tom sowas wie ein familiäres Patchwork-Leben, während Schwester Ellen, schwere Alkoholikerin, so gut wie überhaupt nichts auf die Reihe bekommt. Das ändert sich auch nicht, als sie eine wilde Beziehung mit einem Zahnarzt eingeht, der überdies verheiratet ist.

In Sterben bricht das, was idealerweise zusammengehört, auseinander, während gewisse Komponenten im zwischenmenschlichen Dasein, die prinzipiell überhaupt nicht zusammenpassen, plötzlich zueinanderfinden. Glasner stülpt die familiäre Ordnung von innen nach außen. Natürlich spielt da der Tod – oder besser: die Entropie, die Vergänglichkeit – eine große Rolle. Doch nicht so, wie man es vielleicht verstehen würde. Was stirbt, sind Illusionen, sind gesellschaftliche Dogmen, unter anderem auch holt Glasner das Thema des Freitods aus der Rumpelkammer der Sünden, er wird zum Beispiel einer bedingungslosen freundschaftlichen Liebe, während im langen Abschied von den Eltern Gefühle den Erfrierungstod sterben. Die Szene, in der sich Corinna Harfouch und Lars Eidinger gegenübersitzen und von ihren Empfindungen beichten, die so wahrhaftig und zugleich so erschreckend sind, ist großes Dialogkino voller Wahrhaftigkeiten. Zu verdanken ist das einem präzise aufspielenden Eidinger, der wieder mal beweisen konnte, wie sehr er auch darauf verzichten kann, den weinerlichen Weltschmerz zu verkörpern. Harfouch ist dabei sowieso eine Institution – als hätte Michael Haneke sie inszeniert, bringt sie ihr Dasein in allem Pragmatismus, den sie aufbringen kann, auf den traurigen Punkt. Und Lilith Stangenberg (letztes Jahr mit dem Film Europa auf der Viennale zu Gast), die sich längst ihrer familiären Vergangenheit entsagt hat, unterstützt mit ihrem grotesk-lasziven Gehabe, das für skurrile Momente sorgt, den unorthodoxen Stilwandel des Films, der weder schwermütig noch zynisch noch melancholisch sein will. Dass Glasner vorallem dem Zynismus entgeht, der sich anhand dieser Themen wohl anbieten würde, zeugt von Respekt und Achtsamkeit, zeugt vom Mut zum Verzicht, seinen Film als prätentiöses Schreckensgemälde zu inszenieren. Diese sich selbst genügende Methode ist es, die Sterben niemals in die Abgründe des Betroffenheitskinos zieht, sondern in fast schon philosophisch-stoischer Betrachtungweise über die Unmöglichkeit von Familie sinniert. Und über die Möglichkeit, aus allem eine Familie machen zu können. Das ist Freiheit.

Sterben (2024)

Stars at Noon (2022)

NACKT IN NICARAGUA

5/10


starsatnoon© 2022 Ad Vitam Distribution


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

REGIE: CLAIRE DENIS

DREHBUCH: CLAIRE DENIS, ANDREW LITVACK, LÉA MYSIUS

CAST: MARGARET QUALLEY, JOE ALWYN, DANNY RAMIREZ, BENNY SAFDIE, JOHN C. REILLY, NICK ROMANO U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Reden wir nicht über Politik. Reden wir über die Liebe. Oder die Leidenschaft. Die Sexuelle Begierde, die in zerknüllten feuchten Laken und dampfenden Körpern – mein Gott, ist das schwülstig formuliert – ihren Ausdruck findet. Doch ob schwülstig hin oder her: in letzter Zeit ist mir kein anderer Film untergekommen, der die Definition von romantischem Abenteuer so sehr in eine Groschenroman-Ästhetik verpackt wie Stars at Noon. Die französische, sich quer durch alle Genres durchkostende Vielfilmerin Claire Denis hat sich eines Romans aus den Achtzigern angenommen, der in den Wirren des Nicaragua-Krieges spielt und sehr viel mit CIA, waghalsigem Journalismus und zwielichtigen Nutznießern aus der Wirtschaft zu tun hat. Alles Faktoren, die großes internationales Kino versprechen, so episch, als wären Catherine Hepburn und Spencer Tracy oder Lauren Bacall und Humphrey Bogart traumwandelnde Gestalten inmitten politischer Umbrüche und derlei gesellschaftlicher Spannungen, die damit einhergehen.

Traumwandlerisch ist wohl das Adjektiv, das am besten zu Stars at Noon passt. Ins Zentrum setzt Claire Denis Margaret Qualley, die Tochter Andie McDowells und seit Tarantinos Once Upon a Time… in Hollywood einem breiteren Publikum wohlbekannt. Sie gibt eine amerikanische Journalistin, die unangenehme Fragen gestellt und einen Artikel veröffentlicht hat, den allerlei mächtige Leute als bedenklich einstufen. Das hat zur Folge, dass die junge, durchaus promiskuitive Dame ohne Geld und ohne Pass in Nicaragua festsitzt und darauf hofft, durch Sex in die Gunst mancher Männer zu gelangen, die Beziehungen haben. Nicht selten lässt sie sich dafür auszahlen, darunter auch von Geschäftsmann Daniel (Joe Alwyn), der den Reizen der zugegeben hocherotischen Trish naturgemäß erliegt. Dieser Geschäftsmann aber hat sich mit den falschen Leuten eingelassen, und zwar mit jenen der costa-ricanischen Polizei und natürlich auch mit der CIA, und allesamt sind sie hinter ihm her, während Trish, immer noch darauf aus, ihre Papiere zurückzuerlangen, Daniel zur romantischen Zweisamkeit nötigt, wann immer sich dazu die Gelegenheit bietet. Letztendlich beschließen sie, sich gemeinsam Richtung Costa Rica abzusetzen. Auch ohne Pass und Geld.

Was an Stars at Noon am meisten fasziniert, ist das Gesicht von Margaret Qualley. Claire Denis kann sich daran nicht sattsehen. Wenn das liebreizende Konterfei nicht reicht, gibt’s Qualley auch im Evakostüm vor dem Fenster, vor dem Spiegel, auf dem Bett oder im Badezimmer. Es ist, als hätte Richard Hamilton lediglich seinen Weichzeichner vergessen, doch die eingefangene, schweißtreibende Schwüle tut ihr Übriges, um Konturen aufzuweichen. Stars at Noon ist schön anzusehen, keine Frage. Diese stellt sich aber umso mehr, betrachtet man den offensichtlichen Anachronismus des Films. Denis liegt weder daran, eine komplexe politische Geschichte zu erzählen noch daran, all die Umstände, die Trish und Daniel dorthin gebracht haben, wo sie sind, näher zu erläutern. Nicht mal die Zeit scheint von Bedeutung, Referenzstücke, um ein bestimmtes Jahrzehnt zu eruieren, fehlen gänzlich. Also vermischt sie Versatzstücke der modernen Gegenwart wie Smartphones und Chipkarten mit den politischen Unruhen der Reagan-Ära. Indizien, die nicht zusammenpassen.

Überhaupt nutzt Stars at Noon seinen fadenscheinigen Plot lediglich als abstrahiertes Konstrukt, als simplifizierte Verzerrung eines relevanten Politikums. Wie ein hohles Gefäß, in das Claire Denis ihre Zeit totschlagende Romanze bettet, eine Art Kulisse ohne Tiefe, eine austauschbare Variable für Thrillerdramen aller Art. In diesem kafkaesken Mysterium stört Margaret Qualley rein gar nichts, ihr breites Lächeln entschädigt für vieles, jedoch nicht für das langweilige Spiel von Joe Alwyn, zwischen beiden sprüht kein Funke. All die übrigen Figuren sind Staffage rund um Qualleys einnehmender Entrücktheit, der man die Rolle der investigativen Journalistin keine Sekunde abnimmt. Wer sind sie dann, diese beiden? Kolportierte Antihelden einer Stil-Hommage an den amerikanischen Film Noir, deren Plots manchmal so undurchschaubar waren, dass man sich am liebsten gar nicht damit auseinandersetzen, sondern nur mit den schmachtenden Momenten der Liebenden Vorlieb nehmen wollte. Diese Diffusion gelingt Claire Denis dann doch. Ob schwülstige Tropennächte das Soll erfüllen? Wie bei so vielen anderen Filmen bleiben bei diesem hier ohnehin nur Fragmente in Erinnerung. Es sollen die richtigen sein.

Stars at Noon (2022)

Civil War (2024)

MAKE AMERICA BREAK AGAIN

8,5/10


civilwar© 2024 A24 / DCM


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA 2024

REGIE / DREHBUCH: ALEX GARLAND

CAST: KIRSTEN DUNST, WAGNER MOURA, CAILEE SPAENY, STEPHEN MCKINLEY HENDERSON, JESSE PLEMONS, NICK OFFERMAN, SONOYA MIZUNO, JEFFERSON WHITE, NELSON LEE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Der Sturm aufs Kapitol hätte der Anfang werden können für etwas, dass wohl die ganze Weltordnung neu geschrieben hätte. Denn wir wissen längst: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben diese immer schon mitbestimmt, war es nun der Erste oder der Zweite Weltkrieg, Operation Wüstensturm, der Sturz Saddam Husseins oder die Bereitschaft, die Ukraine gegen den russischen Aggressor mit allerhand Kriegsmaterial zu unterstützen. Das US-Amerika ist nicht nur Entscheidungskraft im weltpolitischen Handel, auch die Lebenswelt in Übersee ist uns dank des übereifrigen Outputs an Hollywood-Filmen so dermaßen vertraut, als würde man selbst dort drüben leben. Keine andere Staatengemeinschaft wie diese hat dermaßen viel Einfluss. Umso erschreckender muss es also sein, wenn die selbsternannte Weltpolizei, die geschlossen gegen die Achsen des Bösen angekämpft hat, plötzlich und im eigenen Land nicht mehr Herr der Lage ist und von innen heraus zerbricht. Es wäre eine Katastrophe langen Atems und alles umstürzend, was die Wohlstandswelt wertschätzt.

Als Anfang von etwas Neuem und zweifelhaft Gutem hätte der 6. Januar 2021 zwar nicht sogleich einen Krieg, dafür aber einen weitaus größeren Erdrutsch verursachen können, der Folgen nach sich ziehen hätte können, die Alex Garland nun in die existenzgefährdenden Albträume der US-amerikanischen Bevölkerung als böse Saat einpflanzt. Der Umbruch ist in Civil War längst nicht mehr aufhaltbar, die Ordnung ist dahin, der Notstand ein Euphemismus. Dieser Film ist nichts, was uns Europäer nicht angeht. Er bedient die größte Angst der westlichen Welt, ihre prachtvolle Convenience-Blase platzen zu sehen. Weil plötzlich ist, was nicht sein darf. Weil die Welt nur immer woanders zugrunde geht, nur nicht hier, wo der Überfluss alles richtet.

Civil War ist weniger ein politischer Film. Alex Garland ist es sowas von egal, wer nun wen bekämpft, welche politischen Agenden dahinterstecken, welche Ideale nun kolportiert werden und was sich der noch amtierende Präsident der Vereinigten Staaten eigentlich hat zuschulden kommen lassen, um jetzt um sein Leben zu bangen. Denn schließlich ist es ja so, dass jene Recht behalten, die dieses Gemetzel gewinnen. Kriege verlieren hingegen sehr schnell ihren Sinn, der Ausnahmezustand schafft ein Vakuum, in dem sich nur schwer ein gewisser Alltag leben lässt. Und wenn doch, erscheint er grotesker als alles andere. So einen Zustand müssen die vier Journalistinnen und Journalisten Lee, Jessie, Joel und Sammy erstmal verdauen und als gegeben akzeptieren. Sie sind unterwegs quer durchs Land, um zur rechten Zeit am richtigen Ort den schwindenden Präsidenten zu einigen letzten Worten zu bewegen, denn alles sieht danach aus, als stünden die Western Forces kurz davor, auch die letzte Bastion der alten Paradigmen niederzureissen. Es ist wie die Schlacht um Berlin, die Schlacht um Bagdad, die Schlacht um eine heile falsche Welt, die bald entbrennen wird. Das Quartett möchte vor allen anderen ins Weiße Haus gelangen, der Ehrgeiz des Reporters ruft, und die Versuchung, zu selbigem des Satans zu werden, lockt wie schnöder Mammon. Sie versuchen, Würde zu wahren und so zu tun, als würde sie der jeweils andere interessieren. Eine Zweckgemeinschaft, die während einer über 800 km langen Fahrt Zeuge einer Zombieapokalypse nur ohne Zombies wird, in der rechtsextreme Republikaner die Gelegenheit am Schopf packen, ihre Welt von allem Fremden zu säubern, Scharfschützen ohne Fraktion einander die Birne wegschießen und Lynchjustiz an der Tagesordnung steht. Es sind Bilder, die man von woanders kennt.

Endlich sieht man mal wieder Kirsten Dunst in einer Rolle, die ihr auf den Leib geschneidert scheint. In längst abgestumpfter Professionalität einer Kriegsreporterin hat sie alles schon gesehen, nur sie selbst war noch nie wirklich Teil davon. Wagner Moura als jovialer Cowboy, Stephen Henderson als der amerikanische Christian Wehrschütz, der schon längst in den Ruhestand hätte treten sollen, es aber nicht lassen kann, und zuletzt Cailee Spaeny (Priscilla) als kindlicher Ehrgeizling, der zum einen eine Scheißangst vor dem Krieg hat, zum anderen aber bald die Gefahr als Droge missbraucht, um noch bessere Bilder zu machen als Lee Smith aka Kirsten Dunst, die es anfangs für keine Gute Idee hält, dieses Greenhorn mitzunehmen. Garland schafft mit diesen „Vieren im Jeep“ neben all der Kriegsstimmung und des Notstands ein Ensemblespiel in kunstvoller Effizienz, was das Portraitieren von Charakteren angeht. Civil War ist Kriegsreporter-Kino allererster Güte, so eindringlich wie Salvador oder The Killing Fields – und dann das: Anders als all die besten aus der Hochzeit des Politkinos Ende der Achtziger fühlt sich Civil War aufgrund seiner Nähe zu einer uns wohlbekannten Welt und einem unmittelbarem Zeitgeist tatsächlich so an, als sähe man das, worüber Garland berichtet, in den hauseigenen Nachrichten. Civil War ist das schweißtreibende Imitat einer nahen, möglichen Realität, die scheinbar Unzerstörbares aushebelt und niederringt. Immer wieder findet Garland Bilder von weltvergessener Schönheit und konterkariert seinen Krieg mit einer Compilation aus Countrysongs, Hip Hop- und Space Rock, die das Gesehene so irreal erscheinen lassen wie Napalmbomben am Morgen unter den Klängen von The Doors. Coppolas Antikriegs-Meisterwerk Apocalypse Now wirft Garland auch verstohlene Blicke zu – so manche Szene ist zu bizarr, um ihm Glauben zu schenken. Der Boden unter den Füßen findet kaum Halt.

Gegen Ende uns Zusehern vor die Füße geworfen, ist die Schlacht um Washington D.C ein Brocken selten gesehener, moderner Kriegsführung, sie gerät weder prätentiös noch pathetisch, sondern so authentisch wie der Lockdown oder Flüchtlingsströme vor der Haustür. Auf diesen Zug, in welchem Good News Bad News sind und Bad News irgendwann vielleicht Good News werden, springt Civil War auf und fährt die Achterschleife. Garland bringt seinen Plot dramaturgisch auf den Punkt, lässt weg, was den Höllenritt nur ausbremst, lässt manches im Geiste seines Publikums weiterspinnen, redet auch nicht lang drum herum. Als klar wird, dass die Härte und Arroganz der Kriegsführung im eigenen Land auch jener entspricht, mit der die USA bereits allerorts auf dieser Welt einfielen, wird einem so richtig mulmig. Die Zivilisation zeigt sich als Camouflage, der Altruismus in Krisenzeiten als Lippenbekenntnis. Wo es die Menschheit hinbringt, lässt Garland im Ungewissen. Was sie anstachelt, ist weniger der Mut zur Veränderung als lediglich die Gier nach einem wie auch immer gearteten Sieg.

Civil War (2024)

Evil Does Not Exist (2023)

WIE KOMMT DAS BÖSE IN DIE WELT?

8/10


evildoesnotexist© 2024 Polyfilm


LAND / JAHR: JAPAN 2023

REGIE / DREHBUCH: RYŪSUKE HAMAGUCHI

CAST: HITOSHI OMIKA, RYO NISHIKAWA, RYÛJI KOSAKA, AYAKA SHIBUTANI, HAZUKI KIKUCHI, HIROYUKI MIURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Ist ein friedlicher Ort im Einklang mit der Natur und im Grunde nur bestehend aus selbiger wirklich das Ideal einer Welt? Geht es nicht darum, ein Gleichgewicht zu halten zwischen Zerstörung und Wachstum, Leben und Tod oder gar Gut und Böse? Natürlich ist es das. Wie schon die daoistische Philosophie des Yin und Yang es voraussetzt, so trägt eine existenzielle Vollkommenheit genau diese beiden Pole in sich: Das Helle und das Dunkle, und das eine kann ohne das andere nicht existieren. Viele werden meinen: Diese Erkenntnis ist wahrlich nicht neu. Und ja, das stimmt. Dafür braucht es keinen Film, der diese Abhängigkeit noch einmal unterstreicht. Vielleicht geht es darum, Anwendungsbeispiele zu setzen, diese Dualität in eigene Klangformen zu bringen oder diese aus einer Perspektive zu betrachten, die beim ersten Hinsehen keinen Sinn ergibt. Und doch tut sie das. Und doch gelingt es dem japanischen Filmemacher Ryūsuke Hamaguchi auf sonderbare Weise – und das ist der Punkt: dass es eben sonderbar erscheint – nicht nur das Verhältnis zwischen Verderben und Eintracht darzustellen, sondern auch dem Faktor Mensch eine gewisse Aufgabe zukommen zu lassen in diesem ganzen Sein, in dieser Dreidimensionalität, die ohnehin niemand so recht versteht und von der keiner lassen kann. In Evil Does Not Exist wird der Mensch an sich zum willenlosen Wahrer einer Balance, die, wenn sie kippen würde, den Untergang bringt.

Hamaguchi hat mit seinem überlangen Drama Drive My Car die Filmwelt und insbesondere Kritiker in helle Aufregung versetzt, gilt doch dieses Werk als großes Kunststück des asiatischen Autorenkinos. Zweifelsohne hat dieser Film seine Qualitäten – emotional abgeholt hat er mich nicht, die feine psychologische Klinge hin oder her. Zu unnahbar und lakonisch die Figuren, zu sperrig die Sichtweise, vielleicht sogar mental zu fremd. Mit Evil Does not Exist gelingt Hamaguchi diesmal mehr als nur Arthouse-Drama. Diesmal gelingt ihm eine Parabel, die weitaus universeller funktioniert und eine Botschaft transportiert, die überall anwendbar scheint. Hamaguchi setzt eine philosophisch-ethische Gleichung, deren eingesetzte Variable am Ende der Aufgabe ein kryptisches Ergebnis liefert. Vorerst.

Es ist eine Conclusio, die man womöglich so nicht kommen sieht; die sich anfangs einem gewissen Verständnis verweigert. Evil Does Not Exist lässt allerdings im Nachhinein die Möglichkeit zu, von Neuem an die Materie heranzugehen, um sie zu besser verstehen. Und dann setzt sich alles zusammen, dann wird die Sicht auf das große Ganze klar. Und der Mensch zu einer Variablen, die durch ihren Drang zur Zerstörung erst diese Balance gewährleistet, die diese unsere Dimension braucht, um nicht in sich zusammenzufallen. Das Böse existiert nicht in der Natur: Der Titel des Films nimmt schon einiges vorweg. Und zeigt auch gleich ein Defizit auf: Es ist das Fehlen der anderen Komponente.

In einem südlich von Tokyo auf Honshu gelegenen Waldgebiet ist der Einklang mit der Natur, die Sauberkeit der Quellen und die Ruhe der Biosphäre oberstes Gebot für eine Handvoll Menschen, die hier leben. Takumi, Witwer und einer, der die Gemeinschaft fast schon im Alleingang zusammenhält, lebt zwischen Buchen, Lärchen und Kiefern mit seiner kleinen Tochter Hana ein beschauliches Leben und nimmt von der Natur, was unter Beachtung der Nachhaltigkeit entnommen werden kann. Diese Idylle, die anfangs schon das Gefühl vermittelt, hier fehlt es an etwas ganz Bestimmtem, wird gestört durch das Vorhaben einer Agentur, auf einem aufgekauften Grundstück mitten im Forst und nahe des Trinkwasser spendenden Baches eine Glamping-Oase samt Kläranlage zu errichten. Das stößt auf Kritik und wenig Zuspruch, einiges müsste hier adaptiert werden, um den Unmut zu besänftigen. Die beiden Gesandten dieser Firma haben bald ihre eigene Sicht der Dinge, die nicht ganz mit der Agenda ihrer Vorgesetzten kompatibel scheint. Im Laufe der Handlung wendet sich das Blatt, die Natur wird zum Lehrmeister und zur verlockenden Gelegenheit, selbst auszusteigen und ein neues Leben anzufangen, inmitten der Ruhe und der Eintracht. Doch wider Erwarten ist genau dieser Entschluss nicht das, was die Balance bringt. Takumi muss in sich gehen, muss etwas tun. Und so, als ob es einen Wink des Schicksals benötigt hätte, um weiterzumachen, verschwindet dessen Tochter.

Der Mensch also, als Verursacher für Reibung, für Dissonanz, für das Verzerren einer Harmonie, die sich selbst nicht aushält? Auf diesen Punkt steuert Hamaguchi zu, genau dahin will er sein Publikum bringen, damit dieses erkennt, dass, ohne das verheerende Tun des Menschen zu legitimieren, unsere Art vielleicht gar nicht anders kann, als Dissonanzen zu setzen – es wäre für das Gleichgewicht. Alles auf diesem Planeten kippt entweder in die eine oder in die andere Richtung, beides ist fatal. Diesen Ausgleich zu bringen, so sehr er auch schmerzt, dafür muss die unnahbare, introvertierte und wortkarge Figur des von Hitoshi Omika dargestellten Takumi Opfer bringen. Hamaguchi blickt durch eine ernüchternde Distanz auf dieses Dilemma. Er versucht, ein Muster zu erkennen in diesem andauernden ewigen Kräftespiel. Und es gelingt ihm, so sehr das gewählte Ende der Geschichte auch vor den Kopf stoßen mag.

Evil Does Not Exist ist hochkonzentriert, denkt nach und regt zum Nachdenken an. Selbst zwischen den von Eiko Ishibashi komponierten Musikstücken setzt der Filmemacher als akustisches Element seiner Dissonanz-Symphonie abrupte Cuts, worauf immersive Stille folgt. Impressionistische Bilder einer in sich ruhenden Natur werden von der grotesken Tilgung einer ursprünglichen Landschaft abgelöst – Häusermeere, Profitgier, fiese Kompromisse. Evil Does Not Exist ist wie ein Pendel, das nach heftiger Bewegung am Ende stillsteht. Dieses Ideal mag nicht gefallen, bringt aber genau die Reibung mit sich, die wir im Denken brauchen. Natürlich ist es Interpretation, doch unter dieser fügt sich alles zusammen.

Evil Does Not Exist (2023)

Dream Scenario (2023)

ÜBER NACHT ZUM STAR

7/10


dreamscenraio© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

CAST: NICOLAS CAGE, JULIANNE NICHOLSON, JESSICA CLEMENT, MICHAEL CERA, STAR SLADE, PAULA BOUDREAU, KALEB HORN, LILY BIRD, TIM MEADOWS, LIZ ADJEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In der längst zum popkulturellen Erbe zählenden Fantasy-Serie Buffy – Im Bann der Dämonen gibt es eine Episode, da träumen Sarah Michelle Gellar und ihre Clique jeweils eigene, schicksalsspezifische Träume, die eines gemeinsam haben: Einen Mann, der Käse serviert. Niemals wird aufgeklärt werden, wer das gewesen sein mag, und ungefähr ähnlich wird es wohl der breiten Masse in Kristoffer Borglis reflektierender Satire Dream Scenario ergehen, die, sie wissen nicht warum, plötzlich von einem Mann mit Bart, Glatze und langweiligem Casual Outfit träumen, der, egal wie geartet der jeweilige Traum auch sein mag, in diesen mehr oder weniger zufällig vorbeikommt und nichts tut außer das: einfach die Szenerie ergänzen, vielleicht mit ein paar Worten auf den Lippen, Laub kehrend oder an fremdartigen Pilzen schnuppernd. Kaum jemand – bis auf jene, die Paul Matthews, seines Zeichens Biologieprofessor an der Uni, persönlich kennen – würden jemals herausfinden, was es mit diesem fremden Mann auf sich hat. Und niemand würde sich als Teil einer großen Gemeinschaft ansehen, die dasselbe träumen, gäbe es nicht das Wunder der weltumspannenden Medien, die aus diesem Mysterium schnell einen Hype kreieren. Paul Matthews, Vater zweier Kinder und glücklich verheiratet, wird im wahrsten Sinne des Wortes über Nacht berühmt. Diese Berühmtheit beginnt im Kleinen. Erst tauschen sich nur ein paar der Leute aus, die Teil dieses Phänomens sind, dann sind es plötzlich mehrere und dann ganz viele und dann, ja dann riechen jene den Braten, die das große Geld scheffeln wollen, sind es nun Zuschauerquoten, Likes oder Produkte, die Paul Matthews dank seiner Bekanntheit gegen gutes Geld bewerben könnte. Er wird zum größten Influencer aller Zeiten, weil er als Pionier eine Bühne betritt, die noch keiner für sich und seine Zwecke erschlossen hat. Mit dem Unterschied: Matthews will das gar nicht, Er tut nichts und wird trotzdem zum Star. Doch wie lange? Und wie sehr kann er beeinflussen, dass der Spuk vorbeigeht? Gar nicht, denn letzten Endes kommt es anders, und schlimmer, als man glauben will.

In Woody Allens zum Schenkelklopfen humoristischem Episodenfilm To Rome with Love widerfährt in einer der kuriosen Geschichten Roberto Benigni ein ähnliches Schicksal: Zuvor noch ein Niemand, der die Anonymität der Großstadt genießt, wird er eines Tages zum wohl begehrtesten Menschen auf Gottes Erden. Warum, weiß keiner. Das genaue Gegenteil bietet die französische Psycho-Dystopie Vincent Must Die. Hier passiert ähnliches, von einem Moment auf den anderen, und besagter Normalbürger muss um sein Leben rennen, egal wo er auftaucht. Hype und Shitstorm, Hofierung und Verbannung: Dream Szenario bringt beides zusammen und beobachtet dabei genau die Eigendynamik, die dabei entsteht, wenn die breite Masse die Macht hat, Personen des öffentlichen Lebens zu dem werden zu lassen, was ihren Befindlichkeiten entspricht, ohne Rücksicht auf Verluste oder kollaterale Schäden, die das Pushen und Schmähen mit sich bringen.

Soziale Anomalien waren für Kristofer Borgli schon Stoff genug für sein bizarres Drama Sick of Myself, welches die Gier nach Aufmerksamkeit zum Thema hatte. In dieser nicht minder klugen Tragikomödie wie Dream Scenario fügt sich eine mit schwachem Selbstwert ausgestattete junge Frau körperliche Schäden zu, um diese als sonderbare Krankheit zu verkaufen und in den Medien bekannt zu werden. Während hier der Drang zum Ruhm pathologische Züge annimmt, ist in Dream Scenario der Ruhm ein ungewollter Zustand, der sich nicht mal kanalisieren lässt, weil von der Masse bestimmt wird, wie er aussehen soll. In dieser Ohnmacht rudert Nicolas Cage haltsuchend mit den Armen, seine Performance ist wohlüberlegt und fern seiner üblichen Manierismen. Er gefällt sich in diesem seinem Stereotyp zuwiderlaufenden Normalo, dabei packt ihn, dem Verlauf der Geschichte entsprechend, auf skurrile Weise die Verzweiflung eines Menschen, der den Meinungen der anderen ausgesetzt ist wie ein Zebra den Raubtieren fern seiner Herde.

Zwischen gespenstischen Traumsequenzen und einer mysteriösen Wirklichkeit, in der das Unerklärliche zum Spiegel der Gesellschaft wird, hebt Dream Scenario am Ende gar an zu einer Science-Fiction-Vision – eine Richtung, die der Film gar nicht nötig gehabt hätte. Die Welt der Träume ist schon Nährboden genug, um Reales mit dem Irrealen einen Ringkampf austragen zu lassen, der klar macht, wie die Welt von der Schwemme an falschen Wahrheiten manipuliert wird. Leidtragender ist nur ein Einzelner, verursacht durch viele, die sich, ihren Impulsen folgend, davor hüten, ihren Opportunismus zu hinterfragen.

Dream Scenario (2023)

Ich seh ich seh (2014)

BRÜDER IM GEISTE

5/10


ichsehichseh© 2014 Ulrich Seidl Filmproduktion


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2014

REGIE / DREHBUCH: VERONIKA FRANZ & SEVERIN FIALA

CAST: SUSANNE WUEST, ELIAS SCHWARZ, LUKAS SCHWARZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Juvenile Zwillinge, die nach einer Gesichts-OP ihrer Mutter nicht mehr wissen, ob es sich dabei noch um dieselbe Person handelt – mit dieser Prämisse lassen sich ganz gut Ängste schüren. Die von Veronika Franz und Severin Fiala ersonnene Idee hat Biss und Potenzial, Alfred Hitchcock wäre erfreut darüber gewesen, hätte ihm jemand ein ähnliches Skript wie dieses auf den Tisch gelegt. Dieses Suspense-Kino hier kommt – oder kam, schließlich sind bereits zehn Jahre ins Land gezogen – aus heimischen Landen. Wie so oft in diesem Genre, sofern selbstproduziert, verortet sich der österreichische Horror im geheimnisvollen Waldviertel, da gibt es genug finstere Botanik, Einschicht und Isolation. Nirgendwo sonst kann es so gespenstisch werden, nirgendwo sonst ist selbst der Sommer immer einer, in dem die Wärme der Sonnenstrahlen nicht nur die Gemüter weckt, sondern auch ein bisschen den Wahnsinn. In dieser menschenleeren, doppeldeutigen Abgeschiedenheit müssen die quietschvergnügten Jungs Elias und Lukas ihre Ferien fristen, während sie auf die Rückkehr ihrer Mutter warten, die – keiner weiß, wie lange sie weg war – frisch von der Schönheits-OP daheim wieder aufschlägt. Dabei drängt sich gleich die erste Frage auf, die Ich seh ich seh nicht unbedingt einen Freifahrtschein in Sachen Plausibilität ausstellt: Kann es sein, dass die beiden – noch nicht mal Teenager – im wahrsten Sinne des Wortes mutterseelenallein selbst klarkommen mussten? Vernachlässigung der Aufsichtspflicht– ein Fall für das Jugendamt. Aber gut, ich gebe dem Streifen noch eine Chance, denn alles fühlt sich so an, als wäre es sehr wohl so gedacht gewesen, den Psychothriller in einer nüchternen, geradezu sperrigen Realität zu verankern, die zwar ordentlich mit Reduktion klarkommen muss, das Phantastische aber nur als Ausdruck eines Seelenzustandes streifen möchte.

So ist Susanne Wuest mit ihren Gesichtsbandagen nicht sofort als Mama zu erkennen, und die Zwillinge hegen erste Zweifel, ist doch das Verhalten der scheinbar fremden Frau so anders, als es zuvor war, als Mama noch Mama war, und nicht dieser Eindringling, der vorgibt, vertraut zu sein. Der Verdacht einer Home Invasion steht im Raum, während Lukas bei Elias weiter Ängste schürt und Panik verbreitet. Er scheint auch das weniger geliebte Kind zu sein, womit Mama nicht hinterm Berg hält. Diese ungesunde Konstellation aus Misstrauen, Zweifel und häuslicher Gewalt lässt sehr bald den Haussegen ordentlich schief hängen, was zur Folge hat, dass Elias zu drastischen Mitteln greift, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Der Einfluss eines Ulrich Seidl, welcher den Film auch produziert hat, ist unübersehbar. Wenig Score, nüchternes Setting, das Interieur des Hauses ist trotz flauschiger Teppiche kalt und unnahbar, die Bilder der berühmten Mama an der Wand, ist sie doch eine angesehene Fernsehmoderatorin, bewusst unscharf, was als wunderbare Symbolik dafür dient, die Identifikation geliebter Menschen zu verhindern. Sie dienen als Platzhalter für Doppelgänger und Falschspieler, und angesichts dieser erziehungsverpflichteten Übermacht denken die beiden Jungs aber gar nicht daran, sich zu unterwerfen. Und dann passiert das: In einem Thriller, in dem andauernd falsche Fährten gelegt werden und Vermutungen geschürt, bevor sie wieder verpuffen, macht Ich seh ich seh seine Exskalationsspirale von gewissen Umständen abhängig, die so, wie sie dargestellt werden, wohl kaum passieren hätten können. Die Unwahrscheinlichkeiten in der Handlung häufen sich, je näher wir dem wuchtigen Grande Finale kommen.

Ein weiteres Problem sind die kaum stringent gezeichneten Charaktere. Zwischen übergriffig und devot mäandert die Rolle der Mutter durch den Film, ähnlich orientierungslos sind die beiden Jungdarsteller, die sich aufgrund einer dem Storytwist geschuldeten, sperrigen Inszenierung dem filmischen Konzept unterordnen müssen. Als Psychostudie versagt der Film auf ganzer Linie, als Horrorthriller mag er mit allerlei Genrezitaten aus dem Suspense-Sektor wiederum punkten. Doch das Grundproblem, das viele Horrorfilme aufweisen, und womit auch der Anspruch steht und fällt, als solcher ernstgenommen zu werden, ist die mangelnde Glaubwürdigkeit in Bezug dessen, wie sich Menschen normalerweise in Extremsituationen oder generell in Situationen, die den Horror begünstigen, tatsächlich verhalten würden. Die Mängel sind der Tribut, den Filmemacher dafür zollen müssen, um ihre filmische Wirkung zu garantieren. Der eine Anspruch bedingt aber den anderen, daher ist es gar nicht mal so leicht, guten Horror hinzubekommen, ähnlich wie bei einer guten Komödie. Nachvollziehbarkeit und eine gewisse inhärente Logik lassen, wenn man es gut macht, das Blut in den Andern gefrieren.

Bei Ich seh ich seh sind letztlich die Kompromisse zu zahlreich, um zu überzeugen, wenngleich Dramatik und Idee dahinter eine beachtenswerte Leistung darstellen, die Veronika Franz und Severin Fiala als ein vielversprechendes Regieduo auszeichnen, das frischen Wind ins österreichische Genrekino gebracht hat. Man darf gespannt sein auf ihren Neuling Des Teufels Bad, der diesjährig bei der Berlinale 2024 den Silbernen Bären für Kameramann Martin Gschlacht abholen konnte.

Ich seh ich seh (2014)

Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt (2023)

SKLAVENTREIBEN IN BUKAREST

5,5/10


erwartenichtzuviel© 2023 Mubi


LAND / JAHR: RUMÄNIEN, KROATIEN, FRANKREICH, LUXEMBURG 2023

REGIE / DREHBUCH: RADU JUDE

CAST: ILINCA MANOLACHE, NINA HOSS, KATIA PASCARIU, SOFIA NICOLAESCU, UWE BOLL, LÁSZLÓ MISKE, OVIDIU PÎRSAN, DORINA LAZAR, ALEX M. DASCALU U. A.

LÄNGE: 2 STD 43 MIN


Immer wieder ruft die Europäische Union bei ihr an, Beethovens Ode an die Freude tönt als elektronische Quietschtonleiter aus dem Smartphone von Angela, die als völlig übermüdete Produktionsassistentin und eierlegende Wollmilchsau eines österreichischen „Schlampenvereins“ von Pontius zu Pilatus fährt, um ihre Tagesagenda zu erledigen. Um kurz vor sieben aus dem Bett zu steigen, klingt zwar nicht nach gottlos früh, doch Angela kommt wie Landvermesser K. aus Kafkas Das Schloss nicht zur Ruhe. Obszöne Akkordarbeit bringt sie dazu, in ähnlich obszöner Weise auf Social-Media alles und jeden in den Dreck zu ziehen, vorwiegend in vulgärem Gossenton und von Fellatio bis zum Cunnilingus sexuelle Verdorbenheit nicht nur den neuen britischen König angedeihen lässt, sondern auch diverse Mütter, Väter und sowieso der ganze Rest. Als rumänischer Borat mit Gesichtsfilter macht sie ihrer wütenden Ohnmacht freien Lauf. Hätte sie dieses Ventil nicht, wäre sie womöglich längst Amok gelaufen.

Stattdessen beweist sie zumindest so viel Zähigkeit und Durchhaltevermögen, um die Opfer diverser Arbeitsunfälle abzuklappern und diese für einen Werbefilm als Testimonials für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz zu gewinnen. Dass dabei unbezahlte Überstunden, Übermüdung, mangelnde Infrastruktur und Missstände in der Arbeitssicherheit im eigentlichen dafür schuld sind, dass manche von denen nicht mehr aufrecht stehen können, ist ein Umstand, den der westeuropäische Konzern unter den Teppich kehren will. Schnell wird klar: Radu Jude kritisiert in seinem neuen, massiv überlangen Streifen Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt jene Mitgliedstaaten der EU, die genug Einfluss, Macht und Geld besitzen, um den ehemaligen Ostblock nach Strich und Faden auf den Kopf zu scheißen.

Das Outsourcing in Billigländer ist leistbar und ungefährlich, für jene, die anschaffen, denn Kontrolle gibt es keine, Beschwerdestellen ebenso wenig und die Lust an der Ausbeutung einfach zu groß, um sich ihr nicht hinzugeben. Das ist harter Stoff, wenn Radu Jude auch gewillt gewesen wäre, nicht nur Ilinca Manolache als Mädchen für Alles beim Autofahren zuzusehen, während sie Kaugummi kaut und die Welt beschimpft. Der Tag im Leben dieser Angela, die eine Seelenverwandte aus den Achtzigern zu haben scheint, die ebenfalls Angela heisst und auf naiver Retro-Schiene in ihrem Taxi herumkurvt, um konservative Sexisten zu kutschieren, ist fast schon als Roadmovie zu verfolgen, während die Kamera unbeirrt und in grobkörnigem Schwarzweiß dem rechten Profil der Ausgepowerten folgt. Viel passiert nicht dabei, selbst die Schimpftiraden sind lediglich ein trivialer Ausdruck für allerlei Missstände, die es überall auf der Welt genauso gibt, die nicht unbedingt typisch rumänisch sind, sondern alle Länder betreffen, die vom Kapitalkolonialismus unterwandert und kaputtgemacht worden sind. Sudabeh Mortezai lässt in ihrem Film Europa Ähnliches an die Oberfläche sickern. Konventioneller zwar, doch weniger ausufernd.

Früher war alles besser, so scheint uns Radu Jude sagen zu wollen, früher war Bukarest noch das Märchen einer Taxi Driver-Romanze, frei von Feminismus und sonstigem woken Zeugs, überladen mit billigem Schlagerscore und irritierend nostalgisch. Dass Radu seine Sequenzen dann plötzlich ausbremst, als wäre der Vorführapparat defekt, gäbe es noch analoge Filmspulen, mag verwundern und sich auch im Kontext zum restlichen Film zumindest für mich nicht erklären. Die abrupte Schnitttechnik ist Radus Stil, das disharmonische Timing seiner Szenen ganz bewusst angewandt. Wenn dieser dann der gefährlichsten Straße Rumäniens seinen Respekt zollt und sein Publikum aus dem Flow reißt, ist auch das eine bewusste Disharmonie, die allerdings nirgendwo offensichtlich hinführen soll. Am Ende lässt Jude die Kamera in einer gefühlt ewigen Plansequenz laufen, Dialoge der Schauspieler aus dem Off sind das bisschen Salz in der Suppe, während alles andere handzahm bleibt, wenig Biss hat, einfach nicht ans Eingemachte gehen will, wie bei seinem Vorgänger Bad Luck Banging or Loony Porn. Als garstige Satire auf die Scheinheiligkeit rumänischer Biedermänner- und frauen kann die wild fabulierende und nicht weniger avantgardistische Groteske überzeugen – der Sarkasmus zur Arbeitslage der Nation hingegen kokettiert kaum mit Kuriositäten und bringt lediglich Widersprüche aufs Tapet, die im Kapitalismus nicht nur in Rumänien gang und gäbe sind.

Warum so kleinlaut, Radu Jude? Dass sich Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt mehr zum Experiment als zum treffsicheren Statement mausert, tut der Faszination für völlig unorthodoxes Anarcho-Kino, das keinem Regelwerk mehr folgt, keinen Abbruch. Trotz der satten Laufzeit von über 160 Minuten sind Radus Tagesbetrachtungen zwar schwachbrüstig, aber niemals langweilig. Vielleicht, weil das Überrumpeln von Sehgewohnheiten in diesem Werk letztlich alles ist. Der Rest nur Allerwelts-Ambition.

Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt (2023)

Naga (2023)

KAMELE ZUM FÜRCHTEN

6/10


naga© 2023 Netflix Inc.


LAND / JAHR: SAUDI-ARABIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: MESHAL ALJASER

CAST: ADWA BADER, YAZEED ALMAJYUL, MIRIAM ALSHAGRAWI, OUMKALTHOUM SARAH BARD, JABRAN ALJABRAN, ALI ALDUWIAN, KHALID SAAD, KHALID BIN SHADDAD, AMAL ALHARBI U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Filme gibt’s, die, so glaubt man, gibt’s gar nicht. Zumindest nicht in Saudi-Arabien. Und dennoch: Mit Naga, uraufgeführt bei den Toronto Filmfestspielen in der Sektion Midnight Madness und ebenfalls passend gewesen fürs Slash Filmfestival, wäre dieser Streifen nicht auf Netflix erschienen, wird die Gehorsamspflicht gegenüber dem Patriarchat zwar nicht zwingend mit Kamelfüßen getreten, dafür aber bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und so weit ausgereizt, dass man es fast für unmöglich halten würde, das irgendetwas von dem, was hier passiert, jemals noch ein gutes Ende nehmen könnte. Ob es das schließlich tut, darüber verrate ich natürlich nichts. Schließlich ist Naga ein Psychothriller aus der Wüste, in der sich Zeit und Raum verschieben lassen, und zwar so weit, wie es das eigene Unterbewusstsein, zusammengesetzt aus Schuldgefühl, Pflichtbewusstsein, Trotz und Freiheitsdrang, verlangt. In die saudi-arabische Wüste fährt man, um Spaß zu haben. Und zwar so, wie es der Westen tut. Die Wüste ist in Naga ein gesetzliches Niemandsland, oder sagen wir: eine Grauzone, in der die Kontrollorgane des Staates nur leise fiepen oder sich im Sand verlieren, wenn sich die Verfolgung mit dem Streifenwagen nicht lohnt.

Die junge Sarah hat vor, mit ihrem Freund Saad eines dieser geheimen Events, geschmissen vermutlich von einem Krösus ohne Selbstauflagen, aufzusuchen. Doch bei der Sache gibt es mehrere Haken: Erstens hat Sarah lediglich die Erlaubnis für eine Shoppingtour in Riad – ein Abweichen der vereinbarten Norm führt vermutlich zu drakonischen Strafen. Und zweitens muss sie zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, wenn Papa sie abholt. Dürfte nicht schwierig werden, denkt sich die rebellische junge Dame, sofern geheim bleibt, dass sie statt Shoppen eben Party feiert. Im letzten Licht des Tages geht die Tour inkognito in die Wüste – um immer mehr und mehr aus dem Ruder zu laufen. Dabei spielen Kamele keine untergeordnete Rolle.

Naga bringt zusammen, was ein mit ordentlich Lokalkolorit ausgestatteter Thriller aus Saudi-Arabien, der sich zur bizarren Groteske mausert, an landestypischen Versatzstücken einsammeln kann: Die gesetzlose Wildheit der kargen Landschaften, die Hoffnungslosigkeit im Nirgendwo, das Zweierleimaß-Messen an Moral und natürlich die zweihöckrige Nemesis, die sich inmitten finsterster Nacht auf Sarah stürzen wird, hässlich bis zur Unkenntlichkeit und bedrohlich wie der Weiße Hai. Um diese wohl beste Horrorszene herum rudert Naga wie wild mit den Armen. Autopannen, Verfolgungsjagden, eingesperrt im Kofferraum und ein Wettlauf mit der Zeit. Wenn Meshal Aljaser seinen Suspense-Reißer auf seine Protagonistin und das vermaledeite Auto reduziert, gelingen Naga einzigartige Szenen. Darüber hinaus weiß er anscheinend nicht so recht, zu welchen Stilmitteln er greifen will, um die bizarre Gesamtsituation aus Pech und Kettenreaktion darzustellen. Das eine Mal bleibt die Kamera distanziert und filmt Geschehnisse aus lächerlich großer Entfernung, das andere Mal wirft sich das Auge des Betrachters ins Getümmel. Das sind jede Menge reizvolle Ansätze, Naga spielt mit den Normen und will experimentieren. Das ist ambitioniert, und auch ungewöhnlich. Letztlich stimmt auch die Wahrnehmung der Zeit nicht mehr, und was real ist und was nicht, bleibt ungeklärt. Und irgendwann fragt man sich: Welches ist die schlimmere Furcht – jene vor dem häuslichen Patriarchat oder jene vor einem wütend gewordenen Kamel, das auf Rache sinnt?

Naga (2023)

Drei (2010)

DIE ALGEBRA DES FLOTTEN DREIERS

7,5/10


drei© 2010 The Match Factory


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2010

REGIE / DREHBUCH: TOM TYKWER

CAST: SOPHIE ROIS, SEBASTIAN SCHIPPER, DEVID STRIESOW, ANNEDORE KLEIST, ANGELA WINKLER, ALEXANDER HÖRBE, WINNIE BÖWE, HANS-UWE BAUER U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Lange nichts mehr von Tom Tykwer gehört. Zumindest nichts, was mit dem Kino zu tun hätte. Der Visionär aus dem Wuppertal trägt zumindest für die heimische Flimmerkiste ein Stück Fernsehgeschichte mit: Babylon Berlin geht mitunter auf sein Konto, den Ruhm für dieses einmalige Event muss er sich mit Achim von Borries und Henk Handloegten teilen. Macht doch nichts, Tykwer scheint mir einer zu sein, der kein Problem damit hat, im Team zu arbeiten – siehe Cloud Atlas. Gerade die Bereitschaft, Agenden aufzuteilen, um so zu einem besseren Ganzen zu gelangen, hat das multitemporäre Science-Fiction-Epos zu dem gemacht, was es ist: einem besonderen Meisterwerk, unterstützt durch die Wachowski-Geschwister, die seit Matrix auch nicht mehr das Gelbe vom Ei freilegen konnten.

Tykwer allerdings funktioniert auch auf Solopfaden bestens, und nicht erst seit seinem Stress-Thriller Lola rennt. Ganz besonders funktioniert Tom Tykwer auch, wenn die Reise in die zwischenmenschlichen Terra incognita führt. Wenn sich Männer und Frauen wechselwirkend aufeinander einlassen und nicht unbedingt nur zwei dazugehören, sondern eben – wie der Titel schon sagt – drei. Diese drei sind anfangs aber eben nur zwei, und da taucht plötzlich dieser eloquente, völlig gelassene und über allen Dingen stehende Adam auf – Stammzellenforscher und sowieso schon mal offen für Experimente aller Art, die die Physik des Daseins nutzen, um völlig Neues aufzudecken. Adam – der Name ist Programm. Devid Striesow darf sich als Erleuchtung bringende, wandelnde Institution erklären, die Liebenden das Feuer neuer Möglichkeiten bringt. Die Liebenden sind Hanna (die unvergleichliche Sophie Rois) und Simon (Sebastian Schipper). Simon pflegt seine krebskranke Mutter bis zu ihrem Ableben, während Hanna Adam kennenlernt – und mit ihm eine Beziehung anfängt. Zeitgleich erkrankt nun auch Simon. Da Hanna ihn liebt, bleibt sie an seiner Seite – letzten Endes heiraten sie. Adam jedoch wird für beide zum fixen Bestandteil ihres Lebens, denn der vom Krebs Genesende lernt diesen wiederum im Schwimmbad kennen. Da Adam sofort kein Hehl daraus macht, seine Bisexualität offen zu kolportieren, entdeckt auch Simon seine Lust am Manne. Denn, und das ist das Motto dieses komplexen und hochgradig amüsanten, aber niemals der seichten Unterhaltung dienenden Erotikfilms: Die Biologie deterministisch zu sehen, ist eine Ansicht, von der Mann und Frau sich lösen muss. Schließlich hält sie in petto, was möglich ist. Und somit natürlich.

Auch dieser wilde Dreier voller Leidenschaft. Spannend macht die Beziehungskiste vor allem die Tatsache, dass Hanna und Simon jeweils vom anderen nicht wissen, dass Adam längst Teil ihres Lebens ist. Dadurch gewinnt Drei eine zusätzliche beziehungskomödiantische Facette, die andernorts und vielleicht auch in Hollywood für einen ganzen Film reichen hätte kommen. Tykwer gibt sich mit dieser einen Dimension längst nicht zufrieden. Seine Ansätze sind gar wissenschaftlicher, sozialphilosophischer Natur – das begeisterte Spiel des Trios, ihre Hingabe und ihr erfrischender Mut, Nacktheit zu zeigen und womöglich auch ihrer eigenen Gesinnung entgegenlaufende Abenteuerlust völlig ungeniert darzustellen, lässt die auf mehreren Metaebenen laufende Dramödie nicht nur selbstbewusst als mathematische Formel in neonleuchtenden Schwimmbadlettern über allem strahlen. Wie dieses Dreiergespann aber in sich greift, wie jeder jedem und jede jedem und jeder jede um sein intimes Lebensglück aus Versuchung und Verlangen bereichert, ist fast schon ein vollendetes Verhaltensmuster.

Drei (2010)