Coup de Chance (2023)

DER ZUFALL GLÜCKLICHERWEISE

6/10


coupdechance© 2023 Metropolitan FilmExport


LAND / JAHR: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2023

REGIE / DREHBUCH: WOODY ALLEN

CAST: LOU DE LAÂGE, MELVIL POUPAUD, NIELS SCHNEIDER, VALÉRIE LEMERCIER, ELSA ZYLBERSTEIN, GRÈGORY GADEBOIS, GUILLAUME DE TONQUÉDEC, SARA MARTINS U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Den Jazz will Woody Allen einfach nicht loswerden, auch wenn diese Art von Musik so gar nicht zu seinem neuen Film passt. Der spielt nämlich in Paris, in der Stadt der liebe und des leichtfüßigen Chansons. Da hat Cantaloupe Island von Herbie Hancock so gut wie gar nichts verloren, wenngleich die Nummer natürlich weltbekannt und eingängig genug ist, um sie von der grundlegenden Story loszulösen. Und dennoch wollen die Klänge so niemals wirklich das aus Zufällen zusammenkonstruierte Geschehen unterstützend ergänzen. Aus Paris wird schließlich eine generische Großstadt im Herbst, Woody Allen erliegt nicht der Lust eines Städtebesuchers, auch nur irgendwelche Sehenswürdigkeiten dieser Metropole vor die Linse zu wuchten. Es ist irgendwann egal, ob Paris, London, Wien oder New York. Zumindest ist es Herbst – das passt zur tatsächlichen Jahreszeit wunderbar dazu. Und wie so oft beim Meister der Klarinette findet sich in Coup de Chance (was so viel heisst wie Glückstreffer) eine attraktive junge Frau, in diesem Fall Lou de Laâge (u. a. Die Tanzenden von Mélanie Laurent) in den Wirren eines glücklichen Zufalls wieder, indem sie einem alten Studienkollegen über den Weg läuft, der zugeben muss, seit damals, in den wilden Jahren, in denen die Zukunft noch alle Möglichkeiten offenhielt, schon in die schöne Fanny Fournier verliebt gewesen zu sein. Diese fühlt sich geschmeichelt, muss den leidenschaftlichen Schriftsteller aber in die Schranken weisen, ist sie doch glücklich, wie sie sagt, mit einem Finanzberater verheiratet, der die Reichen noch reicher macht und somit auch sie selbst. Doch ob teure Klunker, devote Haushälterin und verschwenderische Restaurantbesuche mit der Haute volée – im Grunde ihres Wesens hält Fanny nicht viel davon. Ganz im Gegenteil. Der Kollege von damals, Alain Aubert (Niels Schneider) weckt das freigeistige Studentenmädchen in ihr, die ungestüme Lust am Künstlerdasein, die Sehnsucht nach Freiheit und die bedingungslose Liebe ohne materielle Unterdrückung und Bindung. Aus der neuen alten Bekanntschaft wird, wir können es ahnen, bald deutlich mehr, und Ehemann Jean (Melvil Poupaud) im Zuge dessen deutlich misstrauischer. Kann es sein, dass Fanny, die ohnehin alles hat und alles bekommt, was ihr vorschwebt, ihm selbst Hörner aufsetzt? Ein Detektiv kommt in Spiel, und der gönnerhafte Machtmensch mit den lockeren Fingern fürs Zwielichtige zieht bald die nötigen Konsequenzen.

Woody Allen freut diese verzwickte Eskalation einer eloquenten, gar manchmal sehr redseligen Boulevardkomödie, die sich langsam, aber doch, zur Krimikomödie wandelt. Doch so vielschichtig und tragisch, wie in seinem Meisterwerk Matchpoint, wird es nie. Was Allen damals geritten hat, einen Film zu inszenieren, der seiner Mentalität so sehr zuwiderläuft, werden wir nie erfahren. Dieses Highlight seines Schaffens bleibt auch bis heute unerreicht, und auch Coup de Chance wird daran nichts ändern. Genau genommen ist sein jüngstes Werk lediglich eine souverän inszenierte Reminiszenz an sein eigenes Schaffen, an seinen gewohnten Themenkreis, an das flatterhafte Glück und den schicksalsschweren Umstand des Zufalls, der Gutes oder Schlechtes mit auf den Weg bringt. Ohne ihn wäre Coup de Chance auffallend banal, eine handwerklich versierte, aber grob geschnitzte Seitensprung-Romanze, wie sie rustikaler wohl kaum sein könnte. Mal gibt es dort ein paar komödiantische, fein zulaufende Spitzen kecker Ironie, anderswo vielleicht süffisanten Wortwitz mit einigen denkwürdigen Zitaten – doch im Grunde ist diese schwarzhumorige Herbstsonate nur eine weitere Fingerübung auf der Beziehungscouch, die diesmal als Parkbank genügen muss, auf die sich die Verliebten, im Dialog versunken, zu setzen haben – mit einem Sandwich in der Hand und das Mobiltelefon auf Laut, damit der Göttergatte keinen Verdacht schöpft.

Dieses Glück für Zwischendurch ist stellvertretend für einen Film, der nicht mehr sein will als er vorgibt. Woody Allens Lust, zu unterhalten und von sich selbst unterhalten zu werden, bringt eine Krimikomödie auf den Weg, die nur darauf wartet, das As im Ärmel des Übergangsmantels auszuspielen. Bis dahin macht das Ganze wirklich Spaß, es ist nicht so, dass man sich langweilt oder alles schon mal gesehen hat. Letzteres mag zwar der Fall sein, doch Allen arrangiert Bekanntes wiederum neu, das ist sein Können, sein großes Talent. Überraschend bleibt nur der Knalleffekt, alles andere war zu erwarten. Was dem Wesen des Zufalls dann doch widerspricht.

Coup de Chance (2023)

DogMan (2023)

MIT HUNDEN EWIG LEBEN

7/10


Dogman_Besson© 2023 capelight pictures


LAND / JAHR: FRANKREICH 2023

REGIE / DREHBUCH: LUC BESSON

CAST: CALEB LANDRY JONES, JOJO T. GIBBS, GRACE PALMA, CLEMENS SCHICK, CHRISTOPHER DENHAM, LINCOLN POWELL, ALEXANDER SETTINERI, MICHAEL GARZA, JOHN CHARLES AGUILAR, MARISA BERENSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Aus den streitbaren jungen Models, rekrutiert aus prekären Verhältnissen, die allesamt entweder eine Ausbildung zur reuelosen Superkillerin oder ein Bad im Drogencocktail genossen haben, ist nun jemand ganz anderer geworden. Eine Art Joker, ein Arthur Fleck jenseits des DC-Universums, in welchem es kein Gotham und keinen Batman gibt, aber Gestalten, die in den Filmen von Luc Besson liebend gerne vorkommen. Betrachtet man sie genauer, so sind diese Subjekte bis fast zur Parodie überzeichnete Schurken und Missetäter, die an den Fuchs und den Kater aus Collodis Pinocchio erinnern. Auch sie hätten ihren Platz in einem Comic-Universum, in einem von Besson eigens errichteten, in dem auch Nikita, Lucy, Anna und Angel-a ihren Frauen stehen. Dieser Arthur Fleck, misshandelt, verstoßen, gequält und alleingelassen, könnte zum Ober-Antagonisten einer ganzen Welt werden. Die Schminke im Gesicht hat er schon, doch so einsam wie Joaquin Phoenix in seiner nachhaltig wirkenden Oscar-Rolle ist Douglas Munrow allerdings nicht. Vielleicht hält ihn gerade dieser Umstand davon ab, sich der Wandlung zum Bösewicht hinzugeben und das Volk zur Revolution anzustacheln. Munrow umgeben treuherzige, hechelnde Vierbeiner aller Rassen – ob groß, ob klein, ob zottelig oder mit Kurzhaar: Als DogMan trägt dieser Lebenskünstler seinen Namen zu Recht. Als Kind von seinem gewalttätigen Vater (Clemens Schick mit Brutalo-Schnauzer) in einen Käfig voller ausgehungerter Kampfhunde gesperrt, wird dieser noch zu allem Überfluss von seinem Erzeuger in den Rollstuhl geschossen, als sich die Lage dramatisch zuspitzt.

Mit Stützhilfen an den Beinen und einer unbändigen Liebe zu den Tieren, die ihm in seiner Zeit der Entbehrung zur Seite standen, schleppt sich Munrow durch ein enttäuschendes Leben, bevölkert mit Menschen, die ihm die kalte Schulter zeigen. Dennoch gibt’s wenige Ausnahmen, so zum Beispiel die Schauspielerin Salma, für die der noch junge Douglas romantische Gefühle hegt. Sie schenkt ihm auch den nötigen Willen, nicht unterzugehen in einer Welt, die nichts für Krüppel übrighat. Einzig der beste Freund des Menschen, dessen einziger Schwachpunkt das blinde Vertrauen zu eben jenen darstellt, wird in großer Vielzahl zur Privatarmee einer Dragqueen, die das Glück hat, einmal die Woche in einem Varieté Klassiker von Edith Piaf oder Marlene Dietrich zu schmettern – alles sehr professionell und unter Gänsehautgarantie. Bis es so weit kommt, und der DogMan Kontakt mit einer Unterwelt macht, die, wie schon erwähnt, in grotesker Überzeichnung donnernden Schrittes den Respekt der Schwachen erzwingt. Ob Munrow letztlich wirklich zu dieser Art Mensch zählt, die sich unterwerfen lässt?

Besson macht die Probe aufs Exempel – oder besser gesagt: die Probe auf eine ins Irreale abdriftende Fabel, die längst schon als Großstadtmärchen zwischen Oliver Twist und Matteo Garrones leicht zu verwechselnder Macht- und Gewaltstudie Dogman durchgehen kann. Der italienische Thriller aus dem Jahr 2018 handelt von einem, der den Mächtigen dienen muss, um zu überleben. Doch dann kommt die Wende, wenn David gegen Goliath zu siegen versteht. Bessons Hunde-Oper (bei der man heilfroh ist, dass die Tiere alle weder sprechen noch wir deren Gedanken hören) frönt dabei weniger einem harten Realismus wie Garrone, sondern einer fast traditionellen Erzählweise aus Rückblenden, eingängigen musikalischen Ohrwürmern und tröstend naiven Verhaltensstudien jaulender Vierbeiner, die die Sprache der Menschen verstehen und wie auf magische Weise mental mit ihrem Meister verbunden sind. Dass sich Hunde so nicht verhalten – schon gar nicht, bevor sie zuschnappen – erscheint selbst mir als Nicht-Hundebesitzer relativ klar. Dass Besson gerne manche, fahrlässig anmutende Unwahrscheinlichkeiten toleriert, um das Psychogramm seiner leidensfähigen Märtyrerfigur auch zu Ende zu bringen, muss man geradezu akzeptieren.

Denn im Mittelpunkt steht einer, dessen Paraderolle längst überfällig war: Caleb Landry Jones. Die sanfte Stimme. Augen, die schon viel Schlimmes sehen mussten. Ein gezeichneter Körper, die Leidenschaft für Shakespeare und die Möglichkeit, wie Arthur Fleck jemand anderer zu sein. Ein gewisser ihm innewohnender Frieden, vor allem mit sich selbst, fasziniert auch das Publikum. Seine gottergebene Akzeptanz eines traurigen Lebens macht ihn zu Bessons bisher größtem Bajazzo, nämlich ohne Wut im Bauch – einer, der zwar niemals im Selbstmitleid versinkt, der am Ende aber das deftige Pathos sucht, um seine Bestimmung zu besiegeln.

DogMan (2023)

No One Will Save You (2023)

IM STRENGEN LICHT DER INVASOREN

5,5/10


NO ONE WILL SAVE YOU© 2023 20th Century Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE / DREHBUCH: BRIAN DUFFIELD

CAST: KAITLYN DEVER, LAUREN MURRAY, GERALDINE SINGER, DANE RHODES, DARI LYNN GRIFFIN, DANIEL RIGAMER, ZACK DUHAME U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN


Wäre er nicht exklusiv auf Disney+ erschienen, hätte der experimentierfreudige Science-Fiction-Sonderling No One Will Save You wohl seinen fixen Platz im Programm diverser Fantasy-Filmfestivals. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, kam dem Streifen keine solche Ehre zuteil, maximal eine geringe, für drei Tage exklusive Auswertung in amerikanischen Kinos. Doch Disney will schließlich auch Exklusivität verkaufen – unter der Nebenschiene Star gerne auch Schauriges. Und ja: mitunter schaurig ist diese Home Invasion sehr wohl, und dabei sogar noch weniger in den Momenten, die sich im Haus der jungen Brynn (Kaitlyn Dever, Booksmart) abspielen, sondern da draußen, jenseits der vier Wände, wo vertrautes Umfeld einer gespenstischen Welt weicht, die dem Unerklärlichen ins Auge blicken muss.

Zugegeben, das klingt nun ein bisschen so, als wären wir in M. Night Shyamalans UFO-Grusler Signs gelandet: Kornkreise zeugen von Besuchern aus anderen Welten, die es nicht unbedingt gut mit Homo sapiens meinen – was genau sie wollen, weiß man logischerweise nicht. Zwei Welten – zwei Wahrnehmungen. Unter dieser kommunikativen Diskrepanz muss auch Brynn ihren nächtlichen Besucher zur Vernunft bringen, denn so unangemeldet mitten in der Nacht schneit man nicht, egal woher man kommt, in fremde Häuser. Dieser jemand – oder dieses Etwas – ist ein klassisches Weltraummännchen, entschlüpft aus frei zusammenfabulierten Bild- und Sun-Zeitungsberichten, aus Esoterikbüchern und obskuren UFO-Entführungsberichten: Schlaksiger Körperbau, kein Geschlecht, natürlich nackt und riesige Laktritze-Augen (oder ähnlichem) über einer kümmerlichen Mundpartie. Der Klassiker, wenn man so will. Und dieser Klassiker, der kramt in Brynns Küche herum, als diese aus dem Schlaf hochfährt und sich Minuten später im Katz und Maus-Spiel mit einer gutturale Laute ausstoßenden Kreatur wiederfindet, die irgendetwas will, vermutlich aber die Hausherrin entführen. Dinge, die Aliens eben mit uns tun wollen, dazu gehört auch das Schnallen auf Operationstische und das Einführen obskurer Sonden in den menschlichen Leib. Solchen Worst Case will die völlig isoliert lebende Junge Dame natürlich nicht über sich ergehen lassen, also gibt’s improvisierte Gegenwehr. Ein Szenario zwischen Steven Spielbergs Mystery-Lichterkonzert und eben Shyamalans Aluhut-Horror hebt an. Wo Fenster sind, fällt ungutes, gleißendes Licht in die Dunkelheit der Räume, ob rot, ob blau, ob gelb – egal, es ist kein gutes Leuchten.

Man könnte sich so bequem auf ein klassisches, gerne vorhersehbares UFO-Thriller-Szenario einlassen, ohne Out of the Box denken zu müssen. Wären da nicht einige Aspekte, die Regisseur und Drehbuchautor Brian Duffield (u. a. für Jane got a Gun, Underwater) unbedingt mit in sein exzentrisches Werk einbauen wollte. Es sind nicht nur periphere Versatzstücke, welche die Originalität eines prinzipiell mal wenig originellen Plots ankurbeln hätten sollen. Es sind grundlegende, neu gestreute Parameter. Wie zum Beispiel der Umstand, dass die wehrhafte Hauptdarstellerin Kaitlyn Dever (fast) kein einziges Wort spricht. Und nicht nur sie. Der ganze Cast bringt keinen Satz über die Lippen, somit ist No One Will Save You ein Stummfilm, der ausschließlich mit seinem Score und den exotischen, durchaus eindringlichen Geräuschen arbeitet, welche das invasive Volk und seine Technik so von sich gibt. Eine Zeit lang will man nicht wahrhaben, dass es wirklich so sein könnte, dass alle daran scheitern, sich zu artikulieren. Man wartet auf das erste Wort, doch es kommt nicht. Der Ausfall der verbalen Kommunikation lässt die Welt, in welcher Brynn als einsames Fifties-Girl ihr Dasein fristet, als eine gespenstische, unwirkliche Traumdimension erscheinen, die aber stets vermittelt, real zu sein.

Darüber hinaus gibt es noch eine andere Komponente: die von Brynns Schicksal. Der Tod ihrer besten Freundin, die Schmähung der trauernden Eltern, der Tod der eigenen Mutter, die Einsamkeit, vielleicht gar die nicht eingestandene Schuld? Es ist niemals so richtig klar, was unsere (Anti)heldin in diese Situation gebracht hat – man ist verwirrt, irritiert, überrascht. Duffields Film hat eine seltsame Aura, entwickelt einen einerseits kindlich naiven, dann wieder gespenstischen Sog, der an Nope erinnert. Dieses Experimentieren mit den Erwartungen und die Freude am Erproben genrefremder Versatzstücke wirken manchmal überfordernd, und öfters wie ein von Kindern intuitiv geformter Kuchen aus der Sandkiste. Ob Psychodrama, UFO-Thriller oder Kleinstadtsatire à la Don’t Worry Darling. Ob Selbstfindung, Home Invasion oder Lovecraft‘scher Monsterfilm: No One Will Save You will zu viel und gleichzeitig, drängt seine Ideen anderen, noch gar nicht entfalteten hinterher und kann sich schwer fokussieren. Vieles ist dabei, das sich lohnt, doch letzten Endes bleibt ein skeptischer Seitenblick auf ein sonderbar sperriges Kuriosum, schräg und gleichsam bieder.

No One Will Save You (2023)

The Dark (2018)

EIN GEFÜHL, ALS WÄRE MAN TOT

5/10


thedark© 2018 Luna Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2018

REGIE: JUSTIN P. LANGE, KLEMENS HUFNAGL

DREHBUCH: JUSTIN P. LANGE

CAST: NADIA ALEXANDER, TOBY NICHOLS, KARL MARKOVICS, MARGARETHE TIESEL, SCOTT BEAUDIN, CHRIS FARQUHAR, SARAH MURPHY-DYSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Zombies sind längst keine Kreaturen mehr, die aufgrund des Willens unbekannter Mächte aus den Gräbern steigen, ihre halb verwesten Arme durch den Erdboden recken und dann, taumelnd und stolpernd, dem Geruch frischer, menschlicher Gehirne folgen. Untote sind mittlerweile meist bemitleidenswerte Opfer eines Virus oder anderer Organismen, ganz so, wie es The Last of Us mit einem Pilzgericht zuletzt auf den Tisch gebracht hat. Es mag daher wieder begrüßenswert sein, wenn sich Storyteller an die Essenz des Zombie-Daseins rückbesinnen und jeden auch nur ansatzweise wissenschaftlichen Unterbau, so trivial er auch sein mag, beiseiteschaffen. Das macht das Ganze nämlich noch interessanter. George A. Romero wusste das. Sein Klassiker The Night of the Living Dead hütet sich tunlichst davor, irgendwelche Ursachen zu ergründen.

Warum also dieses Mädchen hier mehr tot als lebendig und wie ein Tier Besuchern eines Waldstückes auflauert, das sich Devils Den nennt, weiß niemand. Das Wesen bewohnt die Immobilie ihrer Mutter, welches mittlerweile auch schon so aussieht, als wäre Norman Bates schon jahrelang nicht mehr hier gewesen. Wie ein düsteres Hexenhaus, prädestiniert für dunklen Zauber, lädt es nicht gerade dazu ein, dort Zuflucht zu suchen. Einer tut es aber trotzdem: der Kidnapper und Mörder Josef, gespielt von Karl Markovics. Da die Untote auf Menschenfleisch steht, dauert es nicht lange, und der Flüchtige existiert nicht mehr. Was er hinterlässt, ist mehr als sonderbar, und lässt sogar eine verfluchte Kreatur wie das Mädchen Mina schier pass erstaunt sein: Im Wagen des Kriminellen kauert ein blinder Junge im Kofferraum – sein Peiniger hat ihn geblendet, er gilt landesweit als vermisst. Die beiden verunstalteten jungen Leute tun sich zusammen, und das funktioniert vielleicht deswegen so gut, weil Alex gar nicht weiß, womit er es mit Mina zu tun hat. Wer rechnet schon damit, einem Zombie zu folgen. Bald sind beide auf der Flucht, und währenddessen unterläuft das Mädchen eine Metamorphose, die sich ebenso niemand erklären kann wie die Grundmechanismen dieses Films.

Finstere Wälder, finstere Orte, ein finsteres Mädchen mit entstelltem Gesicht, gierig nach Menschenfleisch. Ein Teenie ohne Augen, der sein Schicksal relativ gottgegeben hinnimmt, ohne den Verstand zu verlieren. Der von Justin P. Lange und Kameramann Clemens Hufnagl inszenierte Film schickt die Keller-Versionen von Hänsel & Gretel durch den Wald – wie sie wohl geworden wären, wenn die Hexe nebst eines stattlichen Hungers nach zarten Schenkeln noch über dunkle Magie verfügt hätte. Wäre diese nicht ins Feuer gestoßen worden und wären die beiden Kids auf andere Art entkommen, hätte die grantige Alte den beiden noch so einige Flüche an den Hals schicken können. Und genau da sind wir nun, in The Dark – einer Variation des Zombie-Films, die sich ganz gut mit Coming of Age versteht und ihren Schauplatz trotz österreichischen Ursprungs irritierend amerikanisch hält. In dieser Alternativwelt ist einiges Metaphysisches inhärent, und ja, man will und kann es ruhig glauben.

So stilsicher die Finsternis in diesem Thriller auch umgesetzt wurde, so wenig berührt das Schicksal der beiden Protagonisten. Vielleicht, weil The Dark versucht, zumindest in den Biografien der beiden deren Geschichten von Missbrauch und Gewalt zu ergründen, und das auf eine Weise, die der geheimnisvollen Inszenierung aufgrund einer so routinierten wie beiläufigen Darstellung entgegenläuft. Somit ist der Plot zu verhalten geraten, und lieber hätte ich in diesem Film gar nichts erklärt bekommen, sondern hätte mit den wenigen Fakten leben können, dass zwei dem Schicksal überlassene Ausgestoßene einfach nur irgendwie die Kurve kriegen wollen.

The Dark (2018)

Der Passfälscher (2022)

FELIX KRULL FÜR DIE VERTRIEBENEN

4/10


derpassfaelscher© 2022 Dreifililm


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, LUXEMBURG 2022

DREHBUCH / REGIE: MAGGIE PEREN

CAST: LOUIS HOFMANN, LUNA WEDLER, JONATHAN BERLIN, NINA GUMMICH, ANDRÉ JUNG, MARC LIMPACH, YOTAM ISHAY, ADRIEN PAPRITZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Es ist die Geschichte eines wahren Helden. Und hat sich vermutlich so zugetragen. Die deutsche Filmemacherin Maggie Peren hat sich dem Leben des Verwandlungskünstlers und begabten Grafikers Cioma Schönhaus angenommen und wollte damit ein Tatsachendrama schaffen, das diesen Namen auch all jenen, die bis dato nichts damit anfangen konnten, zu einer ähnlichen Bekanntheit verhelfen sollte wie es seinerzeit Steven Spielberg für Oskar Schindler getan hat.

Die breite Wucht eines Weltkinos bedarf es dafür nicht zwingend. Es würde auch ein kleinerer, weniger epischer Film genügen, der als Biopic in seiner Intensität jener von Sophie Scholl – Die letzten Tage entspräche. Die Chronik einer Selbstaufopferung für eine bessere Welt liegt allerdings schwer im Magen, die Härte dieser True Story liegt in dem für alle Beteiligten letalen Ausgang begründet, der sich einfach nicht schönreden lässt. Cioma Schönhaus hingegen hat es geschafft – das kann man schließlich vorwegnehmen und ist auch kein Geheimnis mehr. Dieser Mann mag betrogen und gelogen haben, und das ist gut so. Er war ein Felix Krull der Vertriebenen, Entrechteten und Enteigneten – und auch ein Retter seiner selbst, hat doch seine Tarnung mit der eines Marineoffiziers bestens funktioniert. Neben dessen Tätigkeit in einer Waffenfabrik, zu welcher er verdonnert wurde, um nicht deportiert zu werden, oblag ihm unter Auftrag des Anwalts Kaufmann die Verantwortung dafür, verfolgten Staatsfeinden und Juden die Flucht aus Deutschland zu garantieren – mit akkurat gefälschten Ausweisen, die mit Tinte, Feder und Pinsel zum Fälschungswunder wurden. Der Passfälscher beschreibt das spätere Leben und Wirken eines Mannes, dem die eloquente Dreistigkeit im Blut lag; der sein Talent zur Täuschung wie kein anderer nutzen konnte – und der das Glück angeblich zu pachten schien. Denn nicht nur einmal wäre es fast passiert, und alles wäre aufgeflogen.

Stoff wie dieser ist prädestiniert dafür, verfilmt zu werden. Stellt sich die Frage, warum das so lange gedauert hat. Doch hier ist er: Louis Hofmann, aller Welt bekannt durch seine Performance als Leitfigur und (Anti)Held in der aus drei Staffeln bestehenden und abgeschlossenen Zeitreise-Dystopie Dark. Als Schönhaus hat er all den Gram, diese Traurigkeit und Verbissenheit mal außen vorgelassen. Hier ist er meist lächelnd, charmant und eloquent. Ein Manipulator mit Einfluss, ein grandioser Künstler. Und doch gelingt Maggie Peren genau das nicht, was dazu beigetragen hätte, an der ganzen Sache auch emotional teilzuhaben. Was wiederum daran liegt, dem Charakter dieses Mannes nie wirklich auf den Grund zu kommen. Ihr Film offenbart sich als eine Aneinanderreihung boulevardesker Schlagzeilen. Weder berührt noch bewegt Hofmanns Darstellung in einem nennenswerten Ausmaß. Vielleicht ist sein Spiel zu verspielt. Seine Last der Verantwortung zu leicht getragen. Auch wenn es solche Leute ja geben soll, dann wäre es zumindest ratsam gewesen, nicht so unstet zwischen den Szenen herumzuspringen. All das erlittene Drama durch das dritte Reich, all die Gefahr, die davon ausging und das Ausmaß dieser Verbrechen haben kaum Relevanz. Ein nachvollziehbares Zeitbild gelingt damit nicht. Und wenn es schon so schwerfällt, die Welt von damals zu erfassen, geschweige denn das Gefühl einer konstanten Bedrohung zu vermitteln, geht das darin verankerte Wirken des Schreibtischhelden an seiner Dringlichkeit vorbei.

Beiläufig und viel zu volatil setzt Peren dem Passfälscher ein Denkmal, das in seiner Umsetzung keinerlei Wagemut eingeht. Was im Widerspruch zu seinem Helden steht.

Der Passfälscher (2022)

Gone in the Night (2022)

GHOSTING NACH DEM WOCHENENDE

2/10


goneinthenight© 2022 Vertical Entertainment


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: ELI HOROWITZ

DREHBUCH: ELI HOROWITZ, MATTHEW DERBY

CAST: WINONA RYDER, DERMOT MULRONEY, JOHN GALLAGHER JR., OWEN TEAGUE, BRIANNE TJU U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Wieder eine Hütte im Wald. Den Amerikanern müssen diese Orte langsam schlimmer vorkommen als die Hölle selbst. Die Einschicht ist der Horror, der vielleicht ausgehobene Keller unter dem rustikalen Bungalow birgt vielleicht okkulte Schätze, von denen man gefälligst die Finger lassen sollte. Sami Raimi weiß, wovon er spricht. Auch Chris Hemsworth und eine ganze Schar ins Gras beißender Mittzwanziger feierten die Hütte als Ort des inszenierten Grauens. Winona Ryder darf nun endlich auch aus dem Kaff namens Hawkins entkommen, um irgendwo anders verstörte Blicke auf Dinge zu werfen, die sie gar nichts angehen. Zugegeben, das kann sie gut. Und aufgrund ihrer nicht gerade bärbeißigen Physiognomie kommt ihr zugute, dass sie manchmal – oder des Öfteren – Personen darstellt, die unterschätzt werden. Niemand legt sich mit einer rehäugigen Otto Normalverbraucherin an, die im Thriller Gone in the Night einfach nur ein Wochenende in der Natur verbringen will.

Die Hütte, die sie und ihr Freund gemietet haben, ist aber leider schon besetzt. Ein schräges Paar in grünen Regenmänteln steht vor der Tür – und ringt sich dazu durch, die von weit her angereisten Turteltauben übernachten zu lassen, damit sie tags darauf frischen Geistes den Umkehrschwung wagen. So weit soll es aber nie kommen: Am nächsten Morgen ist Winona Ryders Lover verschwunden. Gemeinsam mit der Freundin des anderen. Ist natürlich doof und unschön, des weiteren könnte Kath sich ja dem Liebeskummer hingeben, aber nein: irgendwie steckt sie die Sache ganz gut weg, erliegt aber letzten Endes doch der Neugier – und sie macht sich auf die Suche nach Max, um ihn zur Rede zu stellen.

Es wäre allen, einschließlich mir, lieber gewesen, sie hätte das nicht getan. Wen interessiert schon dieser Max – im realen Leben wäre die Sache vom Tisch, spätestens dann, wenn der Typ sich ohnehin auf keinen Anruf mehr meldet. Doch nein: Eli Horowitz treibt Winona Ryders Neugier bis zum Äußersten. Das Repertoire ihrer Emotionen ist aber eher gering, auch das von Co-Star Dermot Mulroney, der stets so wirkt, als hätte man ihn kurz vor Dreh aus dem Bett geholt. So verschlafen wie seine Performance ist auch der ganze Thriller, der sich fortwährend in Dialoge verliert, von denen man eigentlich nie so genau weiß, wohin sie führen. Natürlich kommt das Beste immer zum Schluss – aber in diesem Fall ist die Krönung eines Mysteryfilms, der gern so wäre wie aus der Feder M. Night Shyamalans, so dermaßen an den Haaren herbeigezogen; ist der Plot so unglücklich konstruiert, dass man sich vielleicht gar ein bisschen darüber ärgert, wirklich bis zum Ende drangeblieben zu sein.

Gone in the Night (2022)

Return to Seoul (2022)

DAS MÖGLICHE ANDERE LEBEN

7/10


returntoseoul2© 2023 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BELGIEN, QATAR, KAMBODSCHA 2022

DREHBUCH / REGIE: DAVY CHOU

CAST: JI-MIN PARK, OH KWANG-ROK, GUKA HAN, KIM SUN-YOUNG, YOANN ZIMMER, HUR OUK-SOOK, LOUIS-DO DE LENCQUESAING U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Auf die Frage, woher jemand kommt, der rein biologisch und ganz offensichtlich seinen Ursprung ganz woanders hat, erhält man sehr oft die Angabe der Staatsbürgerschaft. Dabei geht die Frage viel tiefer. Wo liegt die Geschichte der eigenen Familie? Diese Antwort wäre viel interessanter – und hat auch nichts mit Diskriminierung zu tun. Vielfalt ist etwas Berauschendes, Inspirierendes, Weltenverbindendes. Wer sich weigert, zu seiner Herkunft zu stehen, der hat das Wichtigste leider nicht verstanden. Wer keinen Sinn darin sieht, seine Herkunft zu ergründen, versteht sich ohnehin als Weltbürger. Oder will dem Schmerz entgehen, der sich empfinden lässt, wenn die leiblichen Eltern sich dazu entschlossen hatten, ihr Kind wegzugeben. Sowas mag dem Selbstwert ganz schön schaden, ist es doch eine Form der irreparablen Zurückweisung.

Hirokazu Kore-eda hat sich diesem Thema bereits schon mit Broker angenommen, nur mit ganz anderem Zugang. Von dieser Art Kränkung und deren Heilung handeln aber beide Werke: In Return to Seoul, einer internationalen, nur keiner südkoreanischen Produktion, begibt sich eine junge Frau eigentlich rein zufällig und ohne es von langer Hand geplant zu haben, auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern, haben diese sie doch einem Adoptionsinstitut übergeben, welches Freddie an ein französisches Ehepaar weitervermittelt hat. Nun ist sie in Europa aufgewachsen, spricht kein Wort Koreanisch und hat sich auch noch nie für das Land ihrer biologischen Herkunft interessiert. Ganz klar, das Unbehagen einem Ort gegenüber, an welchem sie auf gewisse Weise nicht willkommen war, mag Hemmschuh genug dafür sein, diesen Breitengraden aus dem Weg zu gehen. Doch es kommt alles anders: Statt eines Fluges nach Japan, der leider ausfällt, wählt Freddie die Alternative Seoul – und sitzt schon bald im Kundenempfang des Adoptionsbüros, um mehr über ihre Vergangenheit herauszufinden. Siehe da – schon bald meldet sich der Vater. Er und seine ganze Familie – somit auch Freddies Familie – sind außer sich vor Freude, den verlorenen Spross wieder bei sich aufnehmen zu dürfen. Wie jemand, der ohnehin wenig innere Ruhe findet, damit umgehen soll? Die Geschichte über Annäherung, Loslassen und Verzeihen weiß zu berühren, und das ganz ohne Sentimentalitäten. Auch wenn – wie im Film vermittelt – Koreaner die Tendenz dazu haben.

Wohl kaum würde man in Return to Seoul ein ganzes Epos vermuten. Tatsächlich umfasst die fiktive Biografie einer Entwurzelten ganze acht Jahre, in welcher diese allerhand Entwicklungen durchmacht, psychologische wie existenzielle. Der kambodschanische Filmemacher Davy Chou liefert einen konzentrierten, dichten Autorenfilm ab, der Hauptdarstellerin Ji-Min Park keine Minute aus den Augen lässt. Sie gleitet, strauchelt und eilt durch ihre eigene Zukunft, sie kämpft mit der Enttäuschung, adoptiert worden zu sein genauso wie mit dem starken Bedürfnis des Vaters nach Nähe zu seiner Tochter. Es geht um Selbstfindung und Akzeptanz – formal reinstes Schauspielkino, irrlichternd, aufbrausend und ruhesuchend in der urbanen wie ländlichen Schönheit Südkoreas. Return to Seoul begegnet uns fremden Lebensweisen und schwört auf die zentrale Bedeutung einer ethnobiologischen Geschichte, die niemand einfach so abschütteln kann.

Return to Seoul (2022)

Rimini (2022)

ENTERTAINMENT FÜR DIE AUSRANGIERTEN

6,5/10


rimini© 2022 Stadtkino Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2022

REGIE: ULRICH SEIDL

BUCH: ULRICH SEIDL, VERONIKA FRANZ

CAST: MICHAEL THOMAS, TESSA GÖTTLICHER, HANS-MICHAEL REHBERG, CLAUDIA MARTINI, INGE MAUX, GEORG FRIEDRICH U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Ungefähr so könnten die Karrieren von Roy Black oder Gildo Rex zu Ende gegangen sein, bevor sie sich selbst ein Ende setzten. Mit Auftritten bei Möbelhauseröffnungen, Kaffeefahrten oder Tombolas irgendwo in der Mehrzweckhalle eines Pensionistenheims (nichts für ungut). Dass jeder Mensch, der sich dafür begeistern kann, es wert ist, vor ihm zu singen, sollte Performance-Künstlern wie Musikern und Sängern eigentlich klar sein, doch ist die Diskrepanz zwischen verschwenderischen Ruhmeszeiten und dem Zustand, wo sich kaum jemand noch nach dem Star von einst umdreht, viel zu groß, um resilient genug dafür zu sein. Der wohl polarisierendste Filmemacher Österreichs, Ulrich Seidl, hat sich mit Rimini dieser verhaltenen Götterdämmerung eines ehemaligen Bauchbinden-Toreros angenommen, um einen Blick auf die ausleiernden Mechanismen von Erfolg und einem damit einhergehenden Lebensglück zu werfen.

Glücklich sind seine Figuren meistens nicht. Ganz im Gegenteil. Doch es kann leicht sein, dass diese sich selbst zu einer Zwangsbeglückung verhelfen, die aus unbefriedigendem Sex, viel Alkohol und einem Seehundfellmantel bestehen, den zumindest Richie Bravo stehts über seinem Feinripp trägt, um in der Kälte von Italiens Badeort Rimini nicht zu erfrieren. Da fragt man sich natürlich: Wie jetzt? Bella Italia und Frost? Natürlich existieren diese beliebten Destinationen für Frau und Herr Österreicher auch außerhalb der Saison. Da die Hotels alle leer stehen, bieten zumindest manche Reiseveranstalter für die Zielgruppe 60+ spottbillige Ausflüge an, deren Highlights sich zur Vorabendzeit auf die Bühne des Speisesaals wuchten. Diese personifizierte Sternstunde der Schlagermusik ist Michael Thomas, stimmgewaltig und aufgesetzt charmant. Als nicht von allen vergessener Reserve-Udo Jürgens lässt er die Herzen reiferer Damen hoher schlagen und sich für manchen weiblichen Groupie auch bezahlen, der ihn gerne textilfrei sehen möchte. Ja, es gibt sie noch, die wirklichen Fans, unter anderem Inge Maux als promiskuitive Wuchtbrumme, die sich für Richie Bravo sogar zu einem Blow Job hinreissen lässt.

Womit wir wieder bei Seidls Vorliebe für ungeschönten Amateur-Sex wären, die sich in seinen Werken mal mehr, mal weniger bizarr präsentiert. Diesmal haben seine Intimitäten gar etwas Verletzliches, weniger Brutales, obwohl gefällige Schönheitsideale bewusst konterkariert werden, um dem Reality-Charakter zu entsprechen, der zumindest Rimini den Anschein verleiht, wir hätten es mit einer Wahrheit ohne Knautschzone zu tun. Das aber könnte ein Trugschluss sein. Die Geschichte spinnt sich zwar weiter, indem Richie Bravos verschollene Tochter auftaucht und Wiedergutmachung verlangt für alle die Jahre, in denen der Schnulzenkönig kein Geld hat springen lassen – dennoch verharrt Seidl in einer subjektiv empfundenen Zeitlosigkeit und beobachtet seinen immer wieder auf- und abgeisternden Vagabunden im Pelz, der unter einem Glassturz eine Welt auf dem Abstellgleis erkundet und an Orte gelangt, die er zwar kennt, die ihm aber Vertrautes aus früheren Zeiten zurückgeben.

Rimini ist längst impressionistisches Erwachsenenkino mit symbolischem Installationscharakter. Wenn Michael Thomas eiligen Schrittes in akkuraten Tableaus, die eine Art Endzeit imitieren, an Wind und Wetter ausgesetzten, afrikanischen Flüchtlingen vorbeiläuft, ohne sie eines Blickes zu würdigen, ist es so, als wären diese Menschen zu Stein erstarrt, als wären sie Skulpturen des Erinnerns, wie sehr hier Bedürfnisse ihren Wert verlieren. Das hat eine ganze eigene Atmosphäre, da gelingt Seidl tatsächlich so etwas wie eine ironische, selten sarkastische Sicht auf einen irreparablen Status Quo, der ganz am Ende auf tragikomische Weise wieder (und vielleicht gar eine neue) Ordnung schafft, nicht ohne ernüchternde Resignation.

Rimini (2022)

Klondike (2022)

MIT DEM KRIEG AUF DER COUCH

8/10


klondike© 2023 ZDF / Foto: Sviatoslav Bulakovskyi


LAND / JAHR: UKRAINE, TÜRKEI 2022

BUCH / REGIE / PRODUKTION / SCHNITT: MARYNA ER GORBACH

CAST: OXANA CHERKASHYNA, EVGENIY EFREMOV, ARTUR ARAMYAN, OLEG SHCHERBINA, SERGEY SHADRIN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Manche Filme stellen Dinge mit einem an, die lassen sich nicht voraussehen. Damit meine ich nicht, dass sie nachhaltig verstören und man als Zuseher Zeit braucht, um das Gesehene zu verarbeiten. Manchmal braucht es nicht den Schockeffekt als alleiniges Mittel, um das Publikum mitzureißen. Manchmal sind es höchst ungewöhnlich gesetzte Prioritäten oder eine der dramatischen Intensität des Gezeigten entgegenlaufende Dynamik, die erstmal irritiert, dann vielleicht sogar langweilt – in letzter Instanz aber genau dadurch zu einer Conclusio findet, die sowohl auf der Metabene des Films als auch in der ganzen augenscheinlichen Handlung funktioniert. Klondike von Maryna Er Gorbach ist so ein Werk. Ein nüchterner Lokalaugenschein, eine semidokumentarische Chronik unheilvoller Ereignisse und ein zutiefst humanistisches Manifest gegen den Irrsinn eines politischen Konflikts, dem nichts heilig ist, außer dass er die menschenverachtenden Mittel heiligt, die dem Zweck dienen sollen. 

Zu solch ähnlichen Erkenntnissen kommen Antikriegsfilme des öfteren. Alles sinnlos: Der Krieg, die Opfer, der Konflikt um gezogene Grenzen – letzten Endes nichts wert. So auch im Osten der Ukraine im Jahr 2014. Separatisten, die den Donpass längst schon unter russischen Fittichen sehen wollen, kämpfen gegen die ukrainische Regierung. Es herrscht lokaler Bürgerkrieg, der autoritäre Nachbar füttert von jenseits der Grenze seine Stellvertreter. Wir wissen längst, und spätestens seit Februar 2022, wohin das führen wird. Damals noch war alles etwas anders, aber nicht weniger erschütternd. In Klondike (naheliegend, dass dieser Titel auf den amerikanischen Goldrausch und seine Folgen anspielt – der auch anderswo entsprechend eskaliert, nur ist es eben Kohle statt Gold) steht ein Ehepaar im Mittelpunkt, das ihren kleinen Bauernhof unglücklicherweise direkt im Kriegsgebiet zur Selbstversorgung betreibt. Toliks Frau Irka ist hochschwanger und müsste bald ins Krankenhaus. Dumm nur, dass die Region von Separatisten abgesperrt wird, die beiden können nirgendwo hin. Ein Passagierflugzeug der Malaysian Airlines wird abgeschossen – ich bin mir sicher, wir alle erinnern uns noch, als dieses Unglück die Titelseiten dominierte. Die Gegend ist von Trümmern des Wracks übersät, überall liegen Leichen. Um der ganzen zerfahrenen Situation auch noch die Krone aufzusetzen, wird das Haus von Tolik und Irka von einem Geschütz getroffen und reißt die ganze Wohnzimmerfront ein. So sitzen die beiden nun auf der verstaubten Couch direkt vor dem klaffenden Loch mit Blick aufs Kriegsgebiet, von wo aus bald selbstgefällige Warlords heranrücken werden, um den beiden auch noch den letzten Rest nicht nur an Würde, sondern auch an Nahrung zu nehmen.

Wie sich erkennen lässt, ist Klondike wahrlich kein Film, der für gute Stimmung sorgt. Er stochert aber auch nicht zum Selbstzweck in offenen Wunden herum, nur um die Latte der Betroffenheit beim Publikum in schwindende Höhen zu treiben. Filmemacherin Gorbach, eine Ukrainerin, die mit ihrem erst 2022 beim Sundance Filmfestival ausgezeichneten Werk auch anderswo für Aufsehen gesorgt hat, schafft durch ihre bemerkenswerte filmische Reduktion eine völlig entrückte, sich fremd anfühlende Atmosphäre, in die Zuseher ohne viel Bezug zur Materie nur schwer einsteigen könnten. Das liegt auch an der nüchternen Betrachtung der Situation, die durch seine langen, langsamen Kamerafahrten und den fast schon selbstvergessenen Beobachtungen eines mühsam zusammengehaltenen Alltags, bestehend aus Sicherheit schaffenden Ritualen, die Geduld auf die Probe stellt. Oftmals verlässt die Kamera den Ort des Geschehens und studiert im 360°-Schwenk die ganze Umgebung, um letztlich wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Das ist seltsam. Und doch erstaunlich. Mit dieser Methode kommt Klondike durch die Hintertür ins Oberstübchen seines Betrachters. Genau diese höchst ungewöhnliche Erzählweise schafft letzten Endes einen beklemmenden Sog, obwohl der Film seine Figuren auf Distanz hält – nur Irka rückt als Close-up ins Bild. Schließlich liegt in dieser Person die Kampfbereitschaft um Würde, liegt die Angst vor einer globalen Eskalation, liegt die Sorge um die nächste Generation, die als Baby ans Licht des Tages will.

Wie Gorbach alle Ereignisse zu einem bedeutungsvollen Schlussakt bündelt, gerät zum Meisterwerk des anderen Blicks. Gerät zu einem ikonischen Bild, dass mehr verkündet als jedes gesprochene Wort. Das einerseits an die Nieren geht, andererseits so sehr verblüfft und überrascht angesichts dieser schmerzvollen wie traurigen Konsequenz.

Klondike (2022)

Empire of Light (2022)

MENSCHEN IM KINO

8/10


empireoflight© 2022 The Walt Disney Company


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, USA 2022

BUCH / REGIE: SAM MENDES

CAST: OLIVIA COLMAN, MICHAEL WARD, COLIN FIRTH, TOBY JONES, TOM BROOKE, HANNAH ONSLOW, TANYA MOODIE, CRYSTAL CLARKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Im letzten und diesem Jahr feiert die Filmwelt auffallend oft sich selbst und ein längst über hundert Jahre altes Medium darstellender Kunst. Wir hatten Babylon – Rausch der Ekstase von Damien Chazelle – ein Rückblick auf Leben und Leiden des jungen Hollywood; wir hatten Final Cut of the Dead – ein Loblied auf das Teamwork hinter den Kulissen. Wir hatten Steven Spielbergs The Fabelmans über die kreative Bestimmung einer Regie-Koryphäe. Und wir hatten Pan Nalins märchenhafte Analyse über Zelluloid und Improvisation: Das Licht, aus dem die Träume sind. So ausufernd gehuldigt wurde die für manche vielleicht schönste Sache der Welt noch nie. Und damit ist aber auch noch nicht Schluss. Wir hatten vieles, was man am Filmemachen nur loben kann, ausgelobt bekommen. Das Lichtspielhaus selbst – der wirklich beste Ort, um der Illusion des laufenden Bildes zu erliegen – wurde bis dato aber noch nicht so sehr in den Fokus gerückt wie aktuell unter der Regie von Sam Mendes.

Der James Bond-erprobte Oscarpreisträger für American Beauty gönnt sich mit Empire of Light einen künstlerisch hochwertigen Nebenspaziergang und probt den Lokalaugenschein in einem aus der Zeit gefallenen kinematographischen Wunderbaus, einem Kino im architektonischen Stil der edlen Fünfziger Jahre, dem fast schon das altehrwürdige Retro-Premierenkino Gartenbau in Wien das Wasser reichen könnte, hätte es das bisschen Mehr an versteckten Lichtquellen, polierten Holzvertäfelungen und so eine majestätischen Pforte wie eben das keiner Kette angehörende Empire Cinema in einer Kleinstadt an der Küste Südenglands.

Wir schreiben Anfang der Achtzigerjahre, es ist die Jahreswende zu 1981. Der vom Kinobesitzer Mr. Ellis (Colin Firth als Ekelpaket) geführte Prachtbau liegt zu den täglichen Öffnungszeiten in den Händen von Hilary, einer einsamen Frau mittleren Alters und mit trauriger Miene, die nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie versucht, am gesellschaftlichen Leben wieder teilzuhaben. Sie leidet an einer bipolaren Störung, doch soweit scheint die Krankheit im Griff. Die sexuellen Nötigungen ihres Chefs scheint sie zu dulden, dafür ist die familiäre Gemeinschaft der übrigen Belegschaft viel zu viel wert, um ihre Arbeit aufs Spiel zu setzen. Doch dann wird alles anders – ein neuer Mitarbeiter bereichert das Ensemble. Es ist Stephen, ein Afroeuropäer, der darauf wartet, einen Studienplatz zu ergattern, aufgrund seiner Hautfarbe aber wenig Chancen darauf hat. Hilary und Stephen fühlen sich zueinander hingezogen; sie zeigt ihm die vielen verwahrlosten Hallen des Kinos hinter dem Kino, er zeigt ihr, wie sich körperliche Nähe wirklich anfühlen soll. Und es wäre nicht das Leben, würde Hilarys Krankheit nicht wieder ihren Tribut fordern. Gerade zu jenem Zeitpunkt, als das Empire Cinema zum Premierenkino für Chariots of Fire seine Sternstunde erlebt.

Sam Mendes hat die Idee zu seinem Film nicht von irgendwoher. In Empire of Light spiegeln sich zahlreiche Motive aus seiner Kindheit. Und auch die Rolle der Hilary ist biografisch inspiriert von seiner Mutter, die ebenfalls an einer bipolaren Störung litt. Selbst das Kino als Dreh- und Angelpunkt diverser Schicksale ist ein essenzieller Teil von Mendes Biografie – wie Steven Spielberg in The Fabelmans steckt dieser hier seine Erinnerungen in eine klare und schnörkellos verpackte Liebes- und Leidensgeschichte, die in edlen Bildern die Institution des Kinos als Ort der Reflexion und Sinnsuche zelebriert. Dabei gelingt ihm, die Motivation herauszufiltern, welche Besucher an einen Ort wie diesen lockt. Er beobachtet, was es aus einem macht, wenn man ins Kino geht und wie das Screening eines Werks den Zuseher bereichert.

Bis Hilary – großartig gespielt von Olivia Colman, die erstaunlich viele Gemütsfacetten in ihrer Rolle legt und diese ausbreitet wie ein Fächer – bereit dafür ist, auch mal zu sehen, wofür sie sich einsetzt, vergehen Monate des Suchens, Erkennens und der Selbstfindung – umso größer ist das Gänsehautmoment, wenn Mendes das dramaturgische As aus seinem Ärmel spielt. Wenn er dieses kleine, intime Stück Schauspiel – und Autorenkino zu ganz großem Kino werden lässt. Wie er sich in seinem Erzählen in die Kurve legt, um seine strauchelnden Seelen wieder aufzufangen, dabei aber auch nicht auf den Ort des Geschehens als magische Zeitkapsel vergisst: das zeugt von einer inszenatorischen Fingerfertigkeit, die die melodramatische Klassik alter Filme in die Postmoderne geleitet.

Empire of Light (2022)